Die Flutwelle kam durch den Garten...Spenden aus Erlös vom Oek. Gemeinde- und Stadtteilfest wurden an Hochwassergeschädigte in Braunschweig übergebenvon Pastor Eckhard Etzold
Nie zuvor stand den Bewohnern der Braunschweiger Kälberwiese das Wasser so bis zum Halse wie im diesjährigen Sommer. Straßen überflutet, Keller voll gelaufen, Mobiliar und Bausubstanz beschädigt - seit dem es die Wetteraufzeichnung gibt, können wir uns nicht an solche schwere Regengüsse hier in Braunschweig erinnern. Dahin ist die schöne Illusion, als könne man hier sicher wohnen. Einen solchen Starkregen kann es immer wieder geben. Haben wir ihn nicht vielleicht selbst verursacht durch ständiges Aufheizen der Erdatmosphäre infolge hohen Kohlendioxidausstoßes? Sind das die Vorboten der Klimaerwärmung, die uns die Wissenschaftler schon seit Jahrzehnten vorrechnen? Aber es ist ja nicht die allgemeine Klimaerwärmung, die uns heute bedrängt, sondern die Tatsache, dass Menschen unter uns die Betroffenen sind. Diesmal trifft es nicht die Menschen in Pakistan oder in Südspanien, sondern uns hier im sicheren Braunschweig. Das nahmen fünf Kirchengemeinden aus dem westlichen Ringgebiet zum Anlass, um beim diesjährigen dritten gemeinsamen Oekumenischen Gemeinde- & Stadtteilfest auf dem Alten Martinifriedhof im August für Hochwassergeschädigte in der Kälberwiese zu sammeln. Am Freitag, dem 27. September fand im Pfarrheim von St. Joseph nun die Übergabe der Spenden und des Überschusses vom Ertrag des Oekumenischen Gemeinde- & Stadtteilfests statt. Insgesamt blieben nach Abzug der Ausgaben 1067,81 Euro übrig, die aufgeteilt in zwei gleiche Hälften an Hochwassergeschädigte aus der Kälberwiese verteilt wurden. In Anwesenheit von Frau Claudia Kreuzig (St. Joseph), Pastor Dietmar Wagner (Methodistische Gemeinde Christuskirche, Kreuzstraße), Frau Karin Breitenfeld und Pastor Friedhelm Meiners (St. Martini) überreichte Pastor Eckhard Etzold (St. Jakobi) zwei Schecks an die Betroffenen. Obwohl der Durchschnitt der Wohnbevölkerung in der Kälberwiese sich eher über bessere Verhältnisse freuen kann, gibt es doch auch dort Familien und Einzelpersonen, die finanziell nicht so gut versorgt sind, wie es wünschenswert wäre. Und entsprechend groß war auch die Freude über diese überraschende Zuwendung.
Beim anschließendem Kaffee im Pfarrheim berichteten die Betroffenen von ihren Erfahrungen während des Hochwassers in der Nacht vom 17. Juli bis zum 18. Juli in der Kälberwiese. Eine Frau erzählt: Zuerst stieg das Abwasser in den Kellern hoch, da das Pumpwerk am Trifftweg ausfiel. Als die Keller schon wieder ausgepumpt waren, schrie ein Nachbar, das Wasser kommt. Sie sah, wie eine Flutwelle durch die Gärten auf die Wohnhäuser zulief, die Türen standen noch offen vom Auspumpen der Keller. Innerhalb kurzer Zeit stand alles unter Wasser. 87 cm. hoch stand es im Keller, die dort gelagerte Winterbekleidung sowie Haushaltsgeräte waren nicht mehr in einem gebrauchsfähigen Zustand. Kleidung wurde in Säcke gestopft und anstelle von Sandsäcken benutzt, um ein weiteres Eindringen des Wassers in die Wohnung zu verhindern. In den Gärten schwammen die Goldfische, die viele in ihren Teichen gehalten hatten. Über Megaphon ließen die städtischen Behörden mitteilen, dass die Kälberwiese aufgegeben wurde und jeder für sich selbst sorgen müsse. Erst am Abend des 18. Juli brachten städtische Einsatzfahrzeuge Sandsäcke zum Abdichten der Häuser als diese nicht mehr gebraucht wurden. Als sie abends vor der Haustür stand und auf der Straße, wo sonst der Straßenverkehr vorbei rollte, ein Schlauchboot fuhr, glaubte sie, in einem falschen Film zu sein. Seit dem war alles nicht mehr so wie es vorher war. Überwältigend war die Nachbarschaftshilfe. Obwohl jeder mit der Sorge um sein Hab und Gut zu tun hatte, half man sich gegenseitig wo es ging. Ein anderer Betroffener, ein junger Berufsanfänger, berichtet: Er hatte vor vier Wochen seine Souterrain-Wohnung in der Kälberwiese frisch renoviert und bezogen. Am Donnerstagmorgen stand er auf nach dem Aufwachen und trat ins Wasser, das knöcheltief in seiner Wohnung stand, auf dem Balkon, der etwas tiefer lag, hüfthoch. Möbel und PC standen im Wasser. Aber auch ideelle Werte gingen verloren: Familienfotos und Schulhefte aus der Kindheit. Innerhalb weniger Tage begannen die feuchten Wände zu schimmeln, und es blieb ihm nichts anderes übrig als die Wohnung zu verlassen. Zur Zeit ist er bei Verwandten außerhalb der Kälberwiese unter gekommen. Enttäuscht zeigten sich alle Betroffenen darüber, dass die Stadt scheinbar keine Versuche unternimmt, die Kälberwiese bei erneutem Starkregen vor Hochwasser zu sichern. Die Angst vor einem neuen Hochwasser sitzt inzwischen tief, und für den jungen Berufsanfänger ist eine Rückkehr in die Kälberwiese ausgeschlossen. Und trotzdem, andere hat es noch viel schlimmer getroffen, zum Beispiel in der Schuntersiedlung. Es kann durchaus tröstlich sein, wenn man sich mit anderen vergleichen kann. Was sie mit dem Erlös und den Spenden aus dem Gemeinde- & Stadtteilfest machen? - Eine neue Waschmaschine anschaffen. Neue Kleidung und Haushaltsgeräte. Und was sie sich wünschen? - Öffentliche Aufmerksamkeit auch für die kleinen Schicksale am Rand dieser großen Hochwasserkatastrophe, die die mitteleuropäischen Länder in diesem Sommer getroffen hat. Ein wirkliches Engagement der Behörden, um in Zukunft die Kälberwiese hochwassersicher zu machen. Und die Einsicht, dass die globale Klimaerwärmung bereits jetzt schon Menschen hier bei uns um Hab und Gut bringt. |