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[Kirche von unten]

"Ich- AG" in der Landeskirche

von Dietrich Kuessner

Ich-AG in der heutigen Gesellschaft

Das Wort "Ich- AG" könnte aus dem Wörterbuch des Unmenschen stammen. Ich assoziiere: Egoismus, Egozentrismus, ohne Rücksicht auf das Wir setzt man sich durch, Ellenbogenmentalität, Weiterkommen, Karriere, wer zurückbleibt ist selber schuld, muß zusehen wie er sich wieder einfängt.

"Ich- AG" stammt tatsächlich aus dem Sprachschatz der Hartzkommission. Der/die durch x vergebliche Anträge beim Arbeitsamt und bei der Industrie demoralisierte Arbeitslose soll aufgemuntert werden, selber eine Firma zu gründen, auch als EinzelneR. "Ich bin meine Firma und nun geht's los. Ich bin mein eigener Chef und nun arbeite und verdiene ich für mich und nicht für fremde. Ich bin der Ruck, der durch Deutschland gehen soll." Das ist keine Idee von unten, von den Betroffenen, sondern von denen gesagt, die ihr Schäfchen schon längst ins Trockene gebracht haben und die, wenn sie in die Arbeitslosigkeit gehen, mit Millionen abgefunden werden. Schon die Perspektive macht das Ganze verdächtig.

Ich- AG ist das Ferment der uns von Helmut Kohl hinterlassenen 16 Jahre lang vergifteten Gesellschaft. Helmut Kohl ist die personifizierte Ich- AG

Am Ende seiner vierjährigen Amtszeit wirbt Schröder für den Wahlsieg seiner Partei mit Riesenplakaten, die ihn abbilden: einsam, schwarz wie Kohl, isoliert von der Bevölkerung. Vom Kabinett ist nichts zu sehen, nichts von den Leuten, für die er ja auch was erreicht hat: kinderreiche Familien, Kündigungsschutz für Arbeitnehmer/In, Partnerschaftsgesetz für Schwule und Lesben. "Ich , ich, ich ganz allein der einsame Entscheidungsträger für die Nation." Demokratie spitzt sich auf das Duell der Spitzenkandidaten von zwei Parteien zu. Das langweilt den Radikaldemokraten.

Denn es ist gar keine Wahl: Stoiber und Schröder sind keine Alternative. Sie stammen nur aus zwei verschiedenen Gegenden. Sie sind ein Stimmungsunterschied, aber was die Ich- AG betrifft, nehmen sie sich nichts.

Inzwischen ist die neueste Shell Studie über die junge Gesellschaft erschienen. Ergebnis: "Die Generation 'Ich' hat den Leistungsgedanken perfekt verinnerlicht – Deutsche Jugend klopft jedes Engagement auf persönlichen Nutzen ab" (FR 20.8.). Es sei eine "Generation der ‚Ich-Taktiker' herangewachsen, die vor allem beruflichen Erfolg und Konsum als erstrebenswerte Lebensziele definiert. Um sie zu erreichen, muß man sich durchboxen, ohne auf die Hilfe von Staat und Politik zu vertrauen und ohne sich durch Engagement für andere ablenken zu lassen. Wer nicht mithalten kann, dem geht es heute schlechter als je zuvor" (Berliner Zeitung 20.8.). Religion spielt im Osten der befragten Jugendlichen gar keine Rolle, im Westen 30 %. Es verbinden sich mit der Ich-AG konservative Werte. Das ist nur für Einfältige eine Überraschung.

Die Kirche war immer auch ein Spiegelbild von Gesellschaft. Besser: sie war beides: Salz in der Suppe der Gesellschaft und Fettauge. Das erstere entspricht ihrem Auftrag, das zweite ist ihre Versuchung.

Die Einladung des Landesbischofs

Bildwechsel: Landeskirche im August 2002. Landesbischof Weber hat alle aktiven Pfarrerinnen und Pfarrer zum 21.August in die Thomaskirche Wolfenbüttel zu einem Gesamtkonvent eingeladen. Die meisten von ihnen hatten den Bischof bei seiner Einführung im Braunschweiger Dom erlebt, jedoch aus der Perspektive des Hohen Chores und nicht wie jetzt in Thomas richtig vor Augen. Mit vielen hatte er auch schon Kontakt, in Pfarrkonferenzen, persönlich, besuchsweise. Er ist erst knapp seit sechs Monaten im Amt. Manche sagen: das sind in dieser kurzen Zeit mehr Kontakte, als sein Vorgänger in sechs Jahren hatte. Seit 20 Jahren wieder ein Bischof, der auf den Fundus gediegener eigener Gemeindearbeit zurückgreifen und von ihr erzählen kann. Das wird insbesondere von der mittleren Pfarrrergenration, die Vergleichsmöglichkeiten hat, als wohltuend empfunden. Die Idee eines solchen Generalkonventes hatte es bisher nicht gegeben.

Es war gut, dass der Bischof eingeladen hatte. Ich hätte es besser gefunden, wenn es wie früher gewesen wäre. Als der 5. Bischof 1965 seinen Dienst antrat, wurde Gerhard Heintze vom Pfarrerverein in den Grünen Jäger nach Riddagshausen eingeladen, um sich der Pfarrerschaft vorzustellen. Es gab einen gewaschenen theologischer Vortrag, der den theologischen Standort als Linkslutheraner erkennen ließ: "Christus als Ursprung und Maßstab der Mitmenschlichkeit" hieß das Thema. Der SONNTAG vom 28.11.65 berichtete vierspaltig. "Die Mehrzahl derer, die in der Braunschweigischen Landeskirche im Amt der Verkündigung stehen, hatte sich auf Einladung des Pfarrervereins im Grünen Jäger bei Braunschweig in dichten Scharen versammelt, um den neuen Landesbischof in seinem theologischen Einstand zu erleben."

17 Jahre später beim Abschied 1982 dasselbe Bild: Gottesdienst mit Abendmahl in Katharinen, Heintze verabschiedete sich mit einem kräftigen theologischen Vortrag über die Bedeutung Luthers im ökumenischen Zeitalter. Als sein Nachfolger seinen Dienst begann, dasselbe Bild: Einladung des Pfarrervereins. Prof. Dr. Gerhard Müller stellte sich der Pfarrerschaft nach einem Gottesdienst mit einem Vortrag über Luther vor. Das war zeitgemäß, denn die ausschweifenden Lutherfeierlichen 1983 standen vor der Tür.

Will sagen: es ist ein Unterschied, ob eine selbstbewußte Pfarrerschaft ihren neuen oder sich verabschiedenden Bischof gastlich einlädt oder der Bischof zu einem Gesamtkonvent.

Keine öffentliche Gesamtvertretung der Pfarrerschaft

Warum gabs so was diesmal nicht? Wir haben keine gesamtpfarrerschaftliche Vertretung mehr. Sie ist aufgesplittert in Pfarrerverein (Frisch) und Pfarrerausschuss (Kopisch). Es lag einerseits im Zug der Zeit, als 1978 Pfarrerausschüsse gebildet wurden, die vor allem die rechtlichen Dinge vertreten sollten. Ein Hauch von Mitbestimmung wehte durch die Kirche. Im Grunde großer Käse. Denn die Gesamtvertretung, die den rechtlichen Schritten ihren öffentlichen und gesellschaftlichen Hintergrund gegeben hatte, war nun bedeutungslos geworden. Dazu kam, daß 1996 der Pfarrerausschuss rechtlich entmächtigt wurde. Man lese nur den erbärmlichen Paragrafen § 10 (blauer Niemann 408.1) dieser Kirchenverordnung vom 23. September 1996. Es hat bis jetzt keiner erklärt, ob hier auch braunschweigisch spezifische Unsäglichkeiten enthalten sind oder alles konföderativ ist. Ich drücke mich lieber deutlicher aus: ich hätte gerne gewußt, ob 1996 ein Interesse des Landeskirchenamtes bestanden hat, den Pfarrerausschuß möglichst klein und kraftlos zu halten. Das Personal dazu war im damaligen Kollegium intentional wohl vorhanden.

Es gibt also keine eindrucksvolle sich öffentlich und landeskirchlich verantwortlich fühlende Gesamtvertretung der braunschweigischen Pfarrerschaft, die den Landesbischof hätte einladen können, also lud der Bischof ein und so kam es zum Gesamtkonvent am 21. August 2002 in Thomas. Der Bischof hatte offenbar eine Schleuse geöffnet, es wurden ca 220 Pfarrerinen und Pfarrer geschätzt, die die Thomaskirche füllten. Die Andacht hielt nicht der Vorsitzende des Pfarrervereins oder des Pfarrerausschusses sondern OLKR Kollmar. Mich fragte jemand, warum nicht ins Landeskirchenamt eingeladen wurde. Platzmangel?

Das Referat des Bischofs "Zur Situation der Pfarrerschaft"

Genau besehen war es ein verwegenes Thema: nach gut fünf Monaten in der Landeskirche schon was über unsere Pfarrerschaft?

Das Referat des Bischofs hatte folgende Teile: Stimmung, Überlastung, Verunsicherung über die Rolle des Pfarrers und der Pfarrerin, Eine Theologie des Amtes, Schlaglichter pastoraler Arbeitsfelder, zur Residenzpflicht, Zum Schluss. Als symptomatisch für die Stimmung schilderte der Bischof ein Gespräch mit einer Pfarrerin, die zwar hart arbeitet, die aber keine Freude an ihrem Beruf hat. Unnötig hinzuzufügen, dass es natürlich auch ein Pfarrer sein kann. Er stellte dann fest, dass eine "breite Mehrheit" der Pfarrerschaft das Gefühl der Überlastung habe, und dieses Gefühl durchaus subjektiv und unabhängig von der zu erledigenden Arbeit wäre. Alle Hilfsangebote würden daher als neue Anforderung verstanden und weitsichtig: wenn in dieser Lage der Landesbischof "illusionär als Retter betrachtet" würde, wäre die nächste Enttäuschung nur vorprogrammiert. In der Pfarrerschaft herrsche eine tiefe Verunsicherung über Rolle und Aufgabe in Kirche und Gesellschaft, die vielfältige Gründe habe. Der Landesbischof nennt acht Gründe (bitte nachlesen), hält eine Neufassung einer Theologie des Amtes für erforderlich, die besagen sollte, dass der Pfarrrer, die Pfarrerin sich nicht totarbeiten müsste, um vor Gott gerecht zu sein. Ausführlich nennt der Bischof viele ermutigende Schlaglichter, z.B. dass einem Pfarrer/einer Pfarrerin auch heute noch viel Vertrauen entgegengebracht würde. Der Bischof greift einen der Gründe für die Verunsicherung des Pfarrerbildes heraus und behandelt die Residenzpflicht, die neu auf den Prüfstand kommen müsste. Zum Schluß bietet der Bischof erneut eine vertrauensvolle Zusammenarbeit an und läßt erkennen, dass er gerne in dieser Landeskirche Bischof ist. Also bei ihm kein Frust und keine Verunsicherung.

Es war ein Jammer, dass das Referat nicht schriftlich vorlag. Mich hätte sehr gereizt zum Teil drei (Verunsicherung) darauf hinzuweisen, dass "der Wandel des Pfarrerbildes durch die Frauenordination" eine durch und durch heilsame Verunsicherung und Grund zur Dankbarkeit ist. Verunsicherung also als Chance auch bei der "Qual der Rolle Unklarheit: Priester oder Prophet" – quälerisch nur, wenn sie als Alternative gesehen wird – oder beim "Verhältnis von Ordinierten und Laien (Sakramentsverwaltung)". Verunsicherung also als ganz große Gelegenheit, neu ins Fragen untereinander und mit den Kirchenvorständen zu kommen. Was die Theologie des Amtes betrifft, so halte ich die selbst lexikalische Auskunft der TRE, wonach es ein einziges, der Kirche von Christus gegebenes Amt gibt und dieses eine Amt gliedert sich in viele gleichwertige Dienste, nach wie vor für gut und gültig. Sie entspricht auch unserer Verfssung. Die Verunsicherung von Pfarrern hingegen führt in eine Flucht in ein eigentlich längst überholtes, autoritäres Amtsverständnis. Daher meine Frage: brauchen wir wirklich eine neue Theologie des Amtes oder brauchen wir nicht eher eine Bremse, das eine der Kirche gegebene Amt nicht etwa mit dem PfarrAmt zu verwechseln. Also: einem Mißverständnis von Amt kann man nicht mit einer Neuformulierung des Amtsbegriffes begegnen. Und so sagt der Bischof im folgenden auch, man brauche hierbei nicht alles neu erfinden und könne sich an den "Eckpunkten der Tradition" bewegen. Indes: welcher Tradition? Erst die Lektüre des Referates klärte bei mir den beim ersten Anhören höchst mißverständlichen Satz auf: "Die kirchliche Tradition stellt den Ordinierten unter den besonderen Anspruch Gottes". Das war ein Zitat, das auf die Verbindung von Rechtfertigung und Amtsverständnis zielte. "Auch Pfarrrer werden nicht dadurch gerecht, dass sie sich zu Tode arbeiten".

Ich will gestehen dass ich zu den offenbar Wenigen gehöre, die die Redeweise von der Überlastung für sehr problematisch halte. Gewiß: das ist u.a. auch eine Generationsfrage. Es ist – wie der Bischof in der Diskussion beiläufig erwähnte – auch eine Einteilungssache. Man kann sich nicht für alles gleich viel Zeit nehmen. Ich habe z.B. für einen Geburtstagsbesuch möglicherweise nur 15 Minuten Zeit und kann eben nicht endlos Kaffeetrinken oder bei der Hochzeit beim Kalten Buffet verweilen. Und wenn ich es tue – bitte schön - aber dann nicht über die knappe Zeit und mit vollem Mund über Überlastung jammern. Es ist doch klar, dass es einem am 23. Dezember mit den bevorstehenden 8-9 Gottesdiensten in drei vier Tagen gelegentlich schummerig wird. Aber dies konnte man sich auch schon am 23. sagen, dass nach drei Tagen alles überstanden wäre. Es ist nicht das Amt und nicht der Dienst, sondern wir machen uns selber verrückt und werden uns selber zur Last. Wie - wenn dann die Zeiten kommen, wo Gott uns wirklich eine Last auferlegt? Was dann? Dieses Überforderungssyndrom hat was mit der Ich-Kultur unserer Tage zu tun und das wurde mir in der folgenden Diskussion hörbar.

Die Diskussion

Im Folgenden ein sehr persönlicher Eindruck von der folgenden Diskussion unter den Überschrift Ich- AG. Andere mögen es ganz anders erlebt und empfunden haben.

- Pensionskürzung

Ich freute mich, dass sich als erster Rainer Kopisch meldete, der Vorsitzende des Pfarrerausschusses. Er bot den Anwesenden den Ausschuß als unterstützende Plattform und dem Landesbischof die Zusammenarbeit an (wie schon bei dessen Einführung beim Empfang auf der Burg). Aber wer wusste von den Anwesenden etwas vom Pfarrerausschuß? Als aktuelles Thema schnitt Kopisch das Problem der Kürzung der Pensionen an. Das fand ich sehr unglücklich. Tatsächlich sind die aktiven Pfarrer/Innen betroffen. Die Pension wird auf 71% der Bezüge gekürzt. Bei den bereits im Ruhestand befindlichen Pfarrer/innen beginnt die Kürzung bereits ab 1. Januar 2002. Aber sie haben von nichts ne Ahnung. Sie wurden einfach nicht informiert. Nicht von der Pensionskasse, nicht vom Landeskirchenamt, nicht von (ihrem?) Pfarrerausschuß oder Pfarrerverein. Alles klamm heimlich.

Was ist an der Sache überhaupt bemerkenswert? Die Kürzung ist wohl zu verkraften. Aber dass die Pfarrwitwen nun noch weniger als die bereits höchst ungerechten 65 % des Ruhegehaltes ihres Mannes erhalten, ich höre etwas von 55 %(!!), finde ich unerhört. Eine Pfarrerschaft ist nur so gut, wie sie sich für die noch viel schlechter Gestellten einsetzt anstatt im eigenen Portemonnaie rumzukramen. Es geht also nicht um die Höhe der Pension. Es geht um die skandalöse Art der Nichtmitteilung und es geht um die einschneidend Betroffenen.

Es geht noch um etwas Drittes: dass diese Kürzung finanziell überhaupt nicht notwendig und daher nicht einsichtig ist. Die kirchliche Pensionskasse ist prall gefüllt. Ich hatte mehrfach im Finanzausschuss und im Plenum der Landessynode vorgeschlagen, einen kleinen Teil der Zinserträge aus diesem Pensionsfonds vorübergehend für den Erhalt von Pfarrstellen und für die Besetzung mit jungen Leuten zu verwenden. Unter dem Motto: Alte ernähren Junge. Das Land Niedersachsen zahlt die vollen Pensionen seiner Beamten anders als die Kirchen aus dem laufenden Haushalt. Das ist eine furchtbare Last, die die Kirche klugerweise schon vor etwa 30 Jahren durch die Anlage einer Pensionskasse und deren laufende Auffüllung vermieden hat. Aber nun sind die kirchlichen Pensionsgelder da und mehr als das. Wo also fließen die ersparten drei Prozent hin? In Offleben ging das scheußliche Sprichwort um, man solle ein fettes Schwein nicht noch mit Schmalz einreiben. Die Situation haben wir hier. Ob sich derlei nun zur öffentlichen Diskussion eignet, mag dahingestellt bleiben, aber einmal angesprochen, hätte wenigstens das Problem auf den Tisch gelegt werden müssen. Vielleicht auch vertieft werden können, nämlich: warum muß sich die Landeskirche einer staatlicherseits gerechtfertigten Maßnahme blind anschließen? Da ist doch wohl im Staat-KircheVerhältnis etwas nicht in Ordnung. Übrigens schon lange nicht. Die Landeskirche bedient sich jeweils interessengeleitet höchst widerspruchsvoll aus dieser ungeklärten Beziehung. Was auf den Tisch bringen indes sind wir nicht gewohnt.

- Residenzpflicht

Die folgenden 75 Minuten drehten sich ausschließlich um die sog,. Residenzpflicht und um die Pfarrstellenbewertung. Der Bischof hatte das Problem schon vorher öffentlich angeschnitten und nahm es am Ende seines Referates auf. Ich hatte das mehr als Anhang verstanden, aber die Diskussion bewegte sich walzenartig auf dieses Thema zu. Albrecht Fay (Braunschweig) und Winfried Karius (Wenzen) verteidigten die alte Ordnung als bewährte, andere ( Maibom-Glebe, Korn, Sonnabend,) wollten beweglicher sein. Sich eventuell in der Gemeinde einmieten – warum im Einverständnis mit dem Kirchenvorstand nicht? - sich ein Häuschen fürs Alter oder lieber schon etwas früher zulegen? Warum dazu nun wieder ein Ausschuß einberufen werden muß, ist mir wahrlich schleierhaft.

Es sind doch ganz einfache Dinge, die einvernehmlich geregelt werden können:

Erstens: die Präsenzpflicht kann als geregelt gelten, wenn im guten nachbarlichen Verhältnis im Falle der Abwesenheit der pastorale Nachbar Bescheid weiß und die Vertretung schriftlich übernimmt. Da muß nicht mal der Propst informiert werden. Die Nachbarschaft mit dem/der Kollegin muß nur funktionieren. Das wäre durch einen einfachen Ukas zu erledigen. Der Begriff "pastoraler Notdienst" klingt mir zu klinisch. Es bedarf m.E. gar keiner neuen, aufregenden Lösung, nur einer partnerschaftlichen, kollegialen Vereinbarung, wie sie m.E. auch vielerorts besteht und wie ich sie jahrlange in meiner Gemeinde praktiziert habe. Ein Problem der Kirche als Ich- AG?

Zweitens: Die Miethöhe war zeitweise ein Ärgernis. Ich fand die Miete fürs Offleber Pfarrhaus im Verhältnis zu den Dorfmieten zu hoch. Aber da saß die Finanzbehörde dem Landeskirchenamt im Nacken.

Drittens: warum soll man nicht dem Wunsch vor allem jüngerer Kollegen nachgeben, die sich lieber im Dorf oder in der Stadt eine billigere und kleinere Mietwohnung suchen wollen? Dann fühlen sie sich möglicherweise mitten in der Gemeinde. Würde ich mal ausprobieren lassen. Wozu dann gehört: der Hausflur wischen, die Keller fegen, den Schnee schieben, wenn sie innerhalb der Hauswoche dran sind, und sich selber um Mängel in der Wohnung kümmern. Wichtig ist nur das Einverständnis des Kirchenvorstandes, das leicht zu erreichen wäre, denn auf den Dörfern bleibt das Pfarrhaus mit seinen Dienst- und Verwaltungsräumen erhalten. Die Pfarrwohnung wird vermietet. Why not? Dazu braucht es keines Auschusses. Auch keines Lenkungsausschusses , oder hieß der Ablenkungsausschuß. Wir haben ein Erprobungsgesetz, das nur endlich endlich aktiviert werden muß. Damit könnte man so was wie Vermietung von Pfarrhäusern im Falle eines Auszuges des Pfarrer/der Pfarrerin aus dem Pfarrhaus ausprobieren. Das ist doch keine Frage einer generellen Lösung. Da müssten erst Einzelfallproben gesammelt werden. Im übrigen gibt es längst solche Einzelfälle.

Es kommt nur auf die Umsetzung an. Die passiert im Landeskirchenamt. Das müßte in die Pötte kommen. Und es ist natürlich grotesk, wenn die Umsetzungsleute auch noch im Ausschuß sitzen. Die können dann dort schon sagen: es geht leider nicht. Cu.

Soweit kam die Diskussion aber gar nicht, zumal ein Plenum von 220 Leutchen dafür denkbar ungeeignet ist. Dampf ablassen – na gut, wenn das die Pfarrerschaft braucht und sie das Problem drückt. Anderes fände ich bei diesem Thema wichtiger: die Pfarrhäuser müssen wirklich Tag und Nacht offenstehen für alle, egal ob Mietwohnung oder Pfarrhaus. Wenn die Frage der Wohnung ein Fluchtproblem aus der Gemeinde ist, dann wird's ernst.

Und im übrigen: wo ist uns in der Bibel verheißen, dass die Jünger in der Nachfolge sich Häuser bauen und Schätze sammeln sollen? Wie war das doch mit dem Rost und den Motten und den Füchsen in ihren Gruben und dem leicht versetzbaren Zelt? "Ich- AG" – "Wir- AG", "Christus- AG" - na was nun?

- Pfarramtbelastung - Kommunikation

Was war noch? Andere beschwerten sich über den Pfarramtsbelastungsplan. (Fiedler, Kopkow, Brinkmann). Die Widersprüche wurden nicht ausgeräumt: einerseits wäre er kein Instrument, um Gerechtigkeit herzustellen (OLKRätin Müller), andrerseits gilt er dem Finanzreferat ohne Rückkoppelung an die Kirchenvorstände eben doch zur problematischen und Ärgernis erregenden Bewertung der Pfarrstelle. Aber nun wurde die Diskussion doch schwierig,. Mit Verlaub: Was interessiert in diesem (!) Rahmen die restlichen 219 Teilnehmer, dass dem Kollegen in Posemuckel seine Arbeit nicht genügend bepunktet vorkommt? Kann man so was nicht mit dem Propst besprechen oder intern vorbringen? Es verlor sich in Einzelheiten und milde gesprochen: Merkwürdigkeiten.

Wenig Appetit auf den Hauptteil des Referates: Belastung, Verunsicherung, Erfüllung im Pfarramt. Da lenkte auch die Diskussionsleitung (OLKR Kollmar) nicht mehr hin. Dafür beglückte Propst Fischer, Helmstedt die Versammlung noch rasch mit dem Vorschlag, Zirkularbeschlüsse doch möglich zu machen und die Übergabeprotokolle zu vereinfachen. Ja, das brannte ihm doch noch auf der Seele, im Pröpstekonvent war er damit wohl nicht durchgekommen. Einfach abwegig an dieser Stelle.

Zwei grundsätzliche Dinge wurden indes kurz angesprochen: Frau Knotte nahm aus dem Referat die Frage der mangelnden Kommunikation auf. Das ist wohl wahr: der Grund für die Verwahrlosung der Pfarrerschaft zur Ich- AG liegt in ihrer Kommunikationsunfähigkeit, und führt zur Communionsunfähigkeit, die dann kompensiert wird durch ein extrem überhöhtes Amtsbewußtsein und unevangelisches Amtsverständnis. Entsprechend bedauerte Lennart Kruse die mangelnde geistliche Gemeinschaft untereinander. Wie wäre es, wenn in den Amtskonferenzen wieder eisern zu Anfang Bibelstudium am Urtext betrieben würde? In Goslar ist es wohl so. In Helmstedt ist es nicht so. Textempfehlung: Matthäus 6,31: Darum sollt ihr nicht sagen: Was sollen wir essen? Womit sollen wir uns kleiden, wie sollen wir wohnen? Nach diesem allen trachten die Heiden in Niedersachsen (Codex BS).

Ich- AG

Wieso Ich- AG? Weil alle an diesem Vormittag auf ihren Besitzstand, auf die gerechte Bewertung ihrer Arbeit, auf ihre Wohnverhältnisse starrten, als ob es in der Kirche und für die Pfarrerschaft keine anderen Probleme gäbe. Ich fand das peinlich. Pfarrerschaft in der Nachfolge? O je.

Woher kommt das? Mir erzählte kürzlich ein autofahrender Kollege, - einem Radfahrer wie mir ist das nicht aufgefallen - der Vorgänger im Bischofsamt habe an seinem Dienstwagen die Anfangsbuchstaben seines Namens anbringen lassen und als Nummer von wg Verbindung zum Kirchentag EG 170 Komm Herr, segne uns. Also: CK 170. Noch Fragen? Wo die Ich AG derart in den Dienst einbricht, hinterlässt sie eine verwüstende Spur. Wir brauchen Geduld, bis sich diese Spuren wieder bewachsen haben. Das ist nur eine Quelle.

Wir könnten so viel voneinander erzählen

Eigentlich hatte ich als emeritus in der Versammlung vermutlich nichts zu suchen. Aber ich konnte meine schöpferische Neugier nicht bezähmen und setzte mich hinten hin und hatte einen schönen Überblick. Manchmal erschließt sich einem eine Person über ihr Hobby. Ich kenne Krimi schreibende, dichtende, kommunalpolitisch engagierte, geradezu künstlerisch ihren Garten pflegende, phantastisch musizierende, Leierkasten spielende, malende – die Bilder hängen im Amtszimmer - schauspielernde, Sport treibende, Motorradfahrende, reiseführende, tanzende KollegInnen. Die Kette ist endlos, wenn man erst hinsieht. Klar ist das nur eine Randerscheinung, aber ein schöner Aufhänger zum Gesprächsanfang. Eigentlich ist das ein Reichtum.

Es gibt so viele unterschiedliche Frömmigkeitsformen in unserer Landeskirche mit ihrer jeweiligen "Betgemeinde", wenn man erst hinsieht. Es wird so unterschiedlich gebetet von der üppigen orthodoxen Form bis hin zur erfüllten oder verzweifelten Sprachlosigkeit.

Es gibt so viele unterschiedliche Gemeindemodelle, oft auf engsten Raum nebeneinander – nein, wir können uns über den Herrn der Kirche nicht beschweren, dass er mit seiner Gnadentüte über Oker und Harz weggeflogen sei, ohne dieselbe reichlich über die Region auszuschütten. Wir sind eine reiche Landeskirche und wir hätten uns so viel zu erzählen.

Da steckt der Hase im Pfeffer: wir reden nicht miteinander, wir hören uns nicht zu, wir glauben, den/die anderen interessiere nicht, was wir sagen. Vielleicht haben wir ja auch schon mal angefangen und bekamen eine Abfuhr: "Hör doch auf damit, so was mache ich doch schon lange". Darum ging es aber nicht und dann zieht man sich zurück. So fängt die Ich AG im kleinen an. Die wichtigste Aufgabe eines Propstes wäre es, die Kolleginnen und Kollegen seiner Propstei in ein Gespräch miteinander zu bringen. Passiert wohl auch schon. In Goslar haben sie kürzlich eine Propsteisynode gemacht mit: "Wir öffnen unsere Schätze." Das ist ein Anfang: hinsehen und die Schätze beim Nachbarn entdecken. Das wäre dann die Basis für Kooperation.

Bei der Überwindung des Ost-West - Gegensatzes höre ich immer wieder: sich gegenseitig seine Biografie erzählen. Sowas müsse längst innerhalb der Kirche passieren. So könnte das Ende der Ich- AG beginnen.

Als sprudelndes Beispiel fällt mir der Austausch der vielen hundert Frauen bei der Vorbereitung des Weltgebetstages im Januar/Februar im Haus Daheim in Harzburg ein. Viel Austausch.

Nochmal ein Gesamtkonvent?

Der Bischof kündigte es an. Im nächsten Jahr wieder, länger, mit einer Mittagspause, das Amt würde die Suppe bezahlen. Die Sehnsucht auf Sich-mal-Treffen, alle auf einen Haufen, Ach den gibt's auch noch Effekt, lange nicht gesehen , wielange mußt du noch? ist groß. Vorbereitungsmäßig kündigte der Bischof bereits Verbesserungen an: breitere Vorbereitung, Gruppenarbeit. Könnte man Erfahrungen aus dem Gesamtkonvent Braunschweig übernehmen? Wie oft habe ich in der Landessynode vergeblich einen neuen Landeskirchentag angeregt. Der letzte liegt glatte 20 Jahre zurück. Das wäre wichtig, damit die kirchlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter ins Gespräch über unsere Landeskirche mit einbezogen würden. Aber das sind zwei Dinge: das eine tun und das andere nicht lassen. Also: auf ein Neues. Zum Hinsehen, Stehenbleiben, Hinhören, weg von der Ich- AG.


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