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[Kirche von unten]

Gott dem Herrn Dank sagen

Festschrift für Gerhard Heintze

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Friedrich Weber

Harald Poelchau1 (1903-1972) und die Theologie des religiösen Sozialismus

1. Vorbemerkungen

Am 29. April 1972 ist Harald Poelchau, der Gründer des "Kirchlichen Dienstes in der Arbeitswelt" (KDA) der Berlin-Brandenburgischen Kirche, aus der die "Evangelische Industriejugend" und die Evangelische Berufschularbeit Berlins hervorgingen, in Berlin gestorben. Seinen Namen trägt eine Oberschule am Charlottenburger Halemweg, eine Straße im Stadtbezirk Marzahn, eine Station auf der S-Bahnlinie von Potsdam nach Ahrensfelde und seit 1990 das von ihm gegründete Haus des KDA am Karolingerplatz. Eine Gedenktafel an seinem ehemaligen Wohnhaus in Wedding erinnert an ihn und kurz vor seinem Tod wurde er als "Gerechter unter den Völkern" vom Staat Israel für seinen Einsatz für verfolgte Juden im Dritten Reich geehrt. Im Gedenkhain Yad Vashem in Jerusalem trägt ein Baum seinen Namen.

30 Jahre nach seinem Tod an ihn erinnern heißt, nach den Wurzeln zu fragen, die ihn in seinem politischen, kirchlichen und sozialen Engagement bestimmten. Es ist die Frage zu stellen nach dem geistigen Motiv, das den aus dem noch feudalistisch strukturierten schlesischen Dorf Brauchitschdorf stammenden, ab 1913 auf der "Ritterakademie" in Liegnitz erzogenen und dort mit der Bewegung des Schülerbibelkreises in Berührung kommenden Pfarrersohn, der aber bereits 1922 als Student in Tübingen Geschäftsführer des "Bundes der Köngener"2 wurde, zur christlich begründeten gesellschaftspolitischen Arbeit bewegte. Rückblickend bestimmt Poelchau dieses Motiv, indem er auf seine Studentenzeit in Bethel und die dort erlebte Nähe zu den Kranken und Behinderten verweist, auf seine Zeit als Werkstudent bei Bosch in Stuttgart und die dort erfolgenden Begegnungen mit Arbeitern zu sprechen kommt. Entscheidend aber für seine theologische Entwicklung wird der Theologe und Philosoph Paul Tillich.

Der religiöse Sozialist Paul Tillich wurde ihm zum wichtigsten Lehrer seines Lebens. Ihm verdankte er die entscheidenden Prägungen und unter seinem Einfluss beschäftigte er sich mit gesellschaftspolitischen Fragen, arbeitete an Publikationen der religiösen Sozialisten mit und verstand sich seit 1924 als religiöser Sozialist.

Wenn nun versucht wird, die Bedeutung des religiösen Sozialismus für die Arbeit und das theologische Denkens Haralds Poelchaus zu bestimmen, ist 30 Jahre nach seinem Tod die Situation insofern schwieriger, weil die Erfahrungen der Bürgerinnen und Bürger mit real existierenden sozialistischen Staatssystemen in ihrem Kern Erfahrungen mit einem repressiven totalitären System gewesen sind.

Es ist also nicht unproblematisch und vielleicht auch nicht zeitgemäß, dem Begriff Sozialismus - auch in seiner Verbindung mit dem Adjektiv "religiös" - nachzugehen. Darum soll es zunächst um eine inhaltliche Annäherung an den "religiösen Sozialismus" gehen.

2. Paul Tillich und der Religiöse Sozialismus

a. Die religiöse Geschichtsdeutung

Die sich unter diesem Begriff sammelnde Bewegung wird als "ein regional gegliedertes, polyzentrisches Netzwerk" bezeichnet.3 Dementsprechend gelingt es nicht, von einer einheitlichen theologisch-ethischen Profilierung des religiösen Sozialisten zu sprechen. Die grundlegende Gemeinsamkeit der gesamten Bewegung des religiösen Sozialismus liegt "in einer häufig durch die Weltkriegserfahrung gespeisten, emotionalen antikapitalistischen Haltung ... ."4

Ohne in die Einzelheiten der Entstehung einer religiös sozialistischen Bewegung zu Beginn des letzten Jahrhunderts eingehen zu können, soll, in der Beschäftigung mit Harald Poelchau begründet, der Blick auf Paul Tillich, als einen der großen Denker dieser Bewegung, geworfen werden. Paul Tillich gehörte mit Carl Mennicke zum akademisch ausgerichteten Kairos-Kreis. Sie treten allerdings nicht dem 1926 gegründeten "Bund Religiöser Sozialisten Deutschlands" bei.

Paul Tillich in einer geschichtlich anderen Situation lebend als wir am Ende des Ost-West-Konfliktes, muss die Verwendung des Wortes "Sozialismus" in den Vereinigten Staaten von Amerika begründen, wo, wie er schreibt, "jede Kritik am Kapitalismus des 19. Jahrhunderts als "rot" verdächtigt und bewusst oder aus Unwissenheit mit dem Kommunismus sowjetischer Färbung verwechselt wird".5 Tillich sieht sofort, dass mit dieser Haltung "ein Hindernis errichtet wird gegen jedes wirkliche Verständnis dessen, was in unserer Welt, besonders in Europa und Asien, vorgeht, und der Wandlungen, die in allen Lebensbereichen vor sich gehen, .... im Ganzen der menschlichen Existenz".6

Für Tillich ist der religiöse Sozialismus ein Prinzip, um das Ganze der menschlichen Existenz zu verstehen und zu deuten. Auf dieses Prinzip zu verzichten würde bedeuten, dass damit auch das Ganze der menschlichen Existenz nur unzureichend erfasst wird, denn Sozialismus meint mehr, als nur die Organisation der Wirtschaft eines Staates. "Der religiöse Sozialismus war immer am menschlichen Leben als Ganzem interessiert und niemals ausschließlich an seiner ökonomischen Basis."7 So betrachtet der religiöse Sozialismus die Wirtschaft nicht isoliert, sondern erkennt die Abhängigkeit der Wirtschaft von anderen Faktoren, die Tillich als soziale, intellektuelle und geistige beschreibt. Es geht um so etwas wie eine ganzheitliche Sicht der Ökonomie und der menschlichen Lebenssituation, die in ihrer Komplexität niemals monokausal zu erklären ist. Damit leistet es der religiöse Sozialismus, "ein Bild der gesamten untereinander abhängigen Struktur unserer gegenwärtigen Existenz" zu schaffen.8

Indem es dem religiösen Sozialismus gelingt, Ökonomie und menschliche Lebenssituation in ihrer gegenseitigen Bedingtheit zu sehen, macht er deutlich, "dass es gesellschaftliche Strukturen gibt, die unvermeidlich jeden geistigen Anruf an die ihn unterworfenen Menschen zunichte machen."9 Damit aber werden Menschen ihrer Würde beraubt.

Für Tillich organisiert sich der religiöse Sozialismus nicht als eine "politische Partei, sondern (er ist) eine geistige Kraft, die in so viel Parteien wie irgend möglich wirksam zu sein versucht"10, ist. Des Weiteren grenzt Tillich ihn vom Marxismus ab. "Der religiöse Sozialismus ist nicht Marxismus weder politischer Marxismus im Sinne des Kommunismus, noch wissenschaftlicher Marxismus im Sinne der ökonomischen Doktrinen. Wir haben freilich mehr aus Marx dialektischer Analyse der bürgerlichen Gesellschaft gelernt, als aus jeder anderen Analyse unseres Zeitalters. Wir fanden darin ein Verständnis der menschlichen Natur und Geschichte, das der klassischen christlichen Lehre viel näher ist mit seinem empirischen Pessimismus und seiner eschatologischen Hoffnung, als es das Bild des Menschen in der idealistischen Theologie ist."11

Nach Tillich war die entscheidende theoretische Arbeit des religiösen Sozialismus die Schaffung einer religiösen Geschichtsdeutung von ausgesprochen protestantischem Charakter. Dabei wurden drei Hauptbegriffe entwickelt: Theonomie, Kairos und das Dämonische.

Mit dem Kairos-Begriff fordert das protestantische Prinzip "eine Methode der Geschichtsdeutung, in welcher die kritische Transzendenz des Göttlichen gegenüber Konservatismus und Utopismus starken Ausdruck findet und in dem zugleich die schöpferische Allgegenwart des Göttlichen im Laufe der Geschichte konkret aufgezeigt wird."12 Im Gegensatz zur messbaren Uhrzeit ist der "Kairos" der einmalige, geschichtliche Augenblick. Er ist die "erfüllte Zeit", "der Augenblick, da das Ewige in das Zeitliche einbricht, es erschüttert und umwendet und es bereitet, das Ewige zu empfangen ... ."13 Das Urbild des Kairos ist für den christlichen Glauben die Erscheinung Jesu als des Christus. Was in diesem einmaligen Ereignis geschah wiederholt sich im Laufe der Geschichte in abgeleiteter Form. Von jedem Kairos aber gilt, daß in ihm das "Reich Gottes"14 nahe herbei kommt, denn in ihm ereignet sich eine singuläre Entscheidung für das Unbedingte. "Als einen solchen Kairos hat Tillich die Zeit nach dem Ersten Weltkrieg gedeutet und erlebt."

Mit der "Idee des Dämonischen ist der mythische Ausdruck einer Wirklichkeit, die im Zentrum von Luthers Erfahrung stand, wie in der des Paulus, nämlich der strukturellen und daher unausweichlichen Macht des Bösen"15, angesprochen. Mit ihr beschreibt Tillich "eine Struktur des Bösen jenseits der moralischen Kraft des guten Willens, die gesellschaftliche und individuelle Tragik schafft, gerade durch die untrennbare Mischung von Gut und Böse in jedem menschlichen Akt"16. Es gibt einen beständigen Kampf zwischen göttlichen und dämonischen Strukturen und abschließend schreibt Tillich "das Gefühl, in der Mitte eines solchen Kampfes zu leben, war der Grundimpuls des religiösen Sozialismus, der sich in einer religiösen und, wie mir scheint, wesentlich protestantischen Geschichtsdeutung ausdrückt".17

Indem Tillich festhält, daß der religiöse Sozialismus die antidämonische Kritik des Sozialismus, "soweit er die Herrschaft der politisch-sozialen Dämonie brechen will, unterstützt"18 entwickelt der religiöse Sozialismus eine alle Gebiete der Kultur einbeziehende Interpretation der menschlichen Situation. Er stellt so für das Verhältnis von Kultur und Religion das Ideal der Theonomie auf, d.h. er beschreibt einen gesellschaftlichen Zustand, in dem die autonomen Formen einer humanen Kultur mit religiöser Substanz gefüllt sind, so daß sie über sich hinaus auf den einen letzten Sinngrund und ein letztes Sinnziel hinweisen. So heißt also den Sozialismus als religiöses Phänomen zu verstehen, zugleich zu sehen, "daß in ihm die Bedrohtheit des menschlichen Seins bis hin zur dämonischen Besessenheit einer ganzen Gesellschaft offenbar wird und daß auf der anderen Seite Elemente eines neuen Sinnglaubens, einer neuen Getragenheit eschatologischen Charakters in Wirklichkeit und Symbol hervortreten."19

b. Das protestantische Prinzip und die proletarische Situation

Weitere Ausführungen Tillichs finden wir unter der Überschrift: "Protestantisches Prinzip und proletarische Situation"20. Hier beschreibt er das schwierige Verhältnis von Protestantismus und proletarischer Situationen und erkennt darin einen grundsätzlichen Gegensatz. "Die proletarische Situation als Massenschicksal ist unzugänglich für einen Protestantismus, der mit seiner Botschaft den Einzelnen isoliert vor die religiöse Entscheidung stellt, in der gesellschaftlich politischen Sphäre sich selbst überlässt und die herrschenden Gewalten als gottgewollt hinnimmt."21 Mit der proletarischen Situation ist "die typische Situation einer bestimmten Gruppe in der kapitalistischen Gesellschaft" gemeint.22 "Die proletarische Situation ist danach zu verstehen, als die Situation derjenigen Klasse innerhalb des kapitalistischen Systems, deren Angehörige ausschließlich auf den freien Verkauf ihrer physischen Arbeitskraft angewiesen sind und deren soziales Schicksal vollkommen abhängig ist von der Konjunktur des kapitalistischen Marktes. Diese Bestimmungen setzen ein reines kapitalistisches System, ein ausschließliches Angewiesensein auf den Verkauf der Arbeitskraft und eine völlige Abhängigkeit von der Konjunktur voraus."23 Für Tillich braucht der Begriff der proletarischen Situation keiner Rechtfertigung mehr in einer Zeit, "wo das Schicksal Millionen Arbeitsloser, die ihre Arbeitskraft nicht verkaufen können, sich immer mehr zum Schicksal eines Volkes, ja einer Kulturepoche auswächst."24

Nach Tillich enthält das protestantische Prinzip in jeder seiner Fassungen die Voraussetzungen einer radikalen Negativität der menschlichen Situation. Der Begriff des "peccatum originis" weist in dieselbe Richtung einer radikalen Wesenswidrigkeit des menschlichen Daseins. "Diese Seite des protestantischen Prinzips erfährt nun eine radikale Bestätigung und Vertiefung durch die proletarische Situation.25 Und umgekehrt wird diese erst letztlich deutbar, durch das aufgewiesene Element des protestantischen Prinzips: Die Bestimmungswidrigkeit der menschlichen Situation bricht als soziales Schicksal auf in der proletarischen Situation." Tillich gelingt hier eine Verknüpfung eines theologischen Themas, der Bestimmungswidrigkeit der menschlichen Situation als peccatum originis, mit der sozialen und gesellschaftlichen Wirklichkeit einer Gruppe, bzw. Klasse. "Die Bestimmungswidrigkeit des menschlichen Daseins drückt im Sozialen ebenso stark und doch noch ursprünglicher aus, als im Individuellen. Und es gibt ebenso real und fühlbar eine Gesamtschuld, wie eine Einzelschuld."26 Eine theologische Beurteilung des menschlichen Lebens erkennt in der Situation der Proletarier eine Bestimmungswidrigkeit des menschlichen Daseins. In Fortsetzung dieser Gedanken stellt er fest, dass es Lagen gibt, "in denen die Bestimmungswidrigkeit des menschlichen Daseins sich primär als soziale Bestimmungswidrigkeit und soziale Schuld darstellt".27 Die Bestimmungswidrigkeit des menschlichen Lebens ist damit von der Konzentration auf das Einzelschicksal befreit und damit ist es möglich geworden, Bestimmungswidrigkeit, Schuld und Sünde als soziale Phänomene wahrzunehmen und kritisch zu beschreiben.

Der Kreis um Tillich entwirft "ein sozialistisches Gesellschaftsmodell, das durch außerwirtschaftliche Wertsetzung den Rahmen ökonomischen Handelns absteckt und so das ökonomische Element definitiv unterordnet. Der Sozialismus als Grundlage kommender Gestaltung bezeichnet in dieser Perspektive die Forderung nach einer Gesellschaft, die es jedem einzelnen und jeder Gruppe erlaubt, menschenwürdig zu leben und so ihren Lebenssinn zu erfüllen. Da diese Interpretation des Sozialismus versucht, eine Antwort auf die letzte unbedingte Sinnfrage unseres Daseins zu geben, wirft sie die Frage nach dem Letztgemeinten, dem Religiösen im Sozialismus auf."28 Aus der Sicht des religiösen Sozialismus stellt das kapitalistische System die zentrale Dämonisierung der Gegenwart dar, "da es sich als endliches und begrenztes Sein absolut setzt und so zerstörerische Kräfte entfaltet."29 In dieser eigenen Idealisierung des kapitalistischen Systems setzt es sich absolut und verwehrt die Akzeptanz von auch ihm gesetzten Grenzen. In dieser Deutung entartet der Kapitalismus als säkularisierte Eschatologie. Die ausschließliche Diesseitigkeit, der totale Positivismus verkehrt aber als einzige Sinngebung die Bestimmung des Menschen, der seinen Ort an der Schnittstelle von Physik und Metaphysik hat.

Zur weiteren Erläuterung und Vertiefung benutzt Tillich dann noch einmal den Begriff des Dämonischen. Er bezieht sich auf die Erfahrungen der Dämonie, die das Urchristentum unter dem römischen Staat machte und er verweist auf Luther, der die Dämonie des Antichrist in Rom sah. "Die proletarische Situation zwingt den Protestantismus eine ähnliche Haltung wieder zu suchen. Denn die proletarische Situation ist unentrinnbare Konsequenz der kapitalistischen Dämonie. Kein Einzelner, weder der Bürger noch der Proletarier, kann den Zwang des gegeneinander Entrinnen, das mit dem Kapitalismus gesetzt ist, und dass sich als Verhängnis des Klassenkampfes von oben und von unten in jedem Augenblick darstellt. Niemand kann dem Klassenkampf ausweichen, solange das System des Kapitalismus Klassenkampf und Existenz aneinander gebunden hat."30 Nach Tillich ist der Klassenkampf "das Symptom für eine dämonische Besessenheit, in deren Gewalt die moderne Gesellschaft lebt".31 Den Proletariern ist es in ihrer sozialen Lage verwehrt, sich überhaupt einem geistigen Aufruf gegenüber zu öffnen, bzw. die Potentialität ihres Menschseins zu leben. Sie werden durch die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen unterdrückt und gefangen gehalten. "Der Protestantismus sollte aus seinem Prinzip heraus diese Situation verstehen und sowohl ihr dämonisches Verhängnis als auch ihre göttliche Verheißung begreifen."32

Am Ende seiner Ausführungen schreibt er, dass "nicht die Forderung soll gestellt werden, dass sich der Protestantismus bedingungslos dem Sozialismus verschreibt, sondern dies ist die Forderung, dass er sein Handeln und Reden angesichts der beunruhigenden und sich wandelnden Wirklichkeit der proletarischen Situation unter die allgemeine Kritik seines Prinzips stellt. ... Der Protestantismus soll den Sozialismus als Ausdruck und Gestaltung der proletarischen Situation Ernst nehmen".33

3. Der religiöse Sozialismus im Denken von Harald Poelchau

In der Schrift "Die Ordnung der Bedrängten" schreibt Poelchau in den Vorbemerkungen, dass er in dem Buch versucht, die wichtigste bestimmende Linie seines Lebens aufzuweisen. "Ich nenne sie das Bemühen um die Ordnung der Bedrängten.

Damit ist nicht die karitative Haltung gemeint, der es auf liebevolle Fürsorge und Hilfe ankommt. Nein, es geht wirklich um ihre Ordnung, um das Rechts-, Verhaltens- und Lebensschema, das den Bedrängten eine glaubwürdige Ordnung ... zu bieten vermag. ... Christliche Ordnung schien mir von meiner Jugend an aus dem Leben der Bedrängten heraus wachsen und gestaltet werden zu müssen ... ."34

Es ist auffallend, wie genau Poelchau die Situation der Menschen in ihrem sozialen Umfeld analysiert. Schon seine Kindheits- und Jugenderinnerungen belegen dies. Deutlich und präzise beschreibt er die gesellschaftliche und soziale Wirklichkeit in seinem schlesischen Dorf, die er "vom Kirchturm" aus beobachtet und die ihn schon als Kind zu einem kritischen Zeitgenossen werden lassen. Früh wurde ihm bewusst, dass die dörfliche Ordnung keine göttliche war.35 Er empört sich darüber, dass einer alten Frau im Dorf statt des zustehenden Deputatsmehls nur Kleie ausgehändigt wurde, mit dem sie nur ein klitschiges, breiiges Brot backen konnte.36 Des Weiteren kritisiert er eine Religion, wie er sie in seiner Kirche im Jugendalter erfahren hatte. Er schreibt über das Christentum, das er erlebt hatte: Es "war auf Innerlichkeit eingestellt. Bei Dauerreflexion und bei der Botschaft von der Vergebung der Sünden blieb man in der Wägung ihrer Zahl und ihres Gewichts stecken. ... Die Nachfolge in der passio wurde reflektiert und darüber die in der actio zurückgestellt."37 Die Reduktion der christlichen Botschaft auf den Einzelnen, auf die Innerlichkeit sieht Poelchau kritisch und vermißt darin den sozialen Aspekt der christlichen Botschaft, der sich immer auch den Verhältnissen und Bedingungen zuwendet, in denen Menschen leben.

Die Erfahrungen, die er im Studium in Bethel machte, war für ihn eine erste Öffnung dieser Sicht. Er schreibt: "Die andere Eigenschaft Bethels war von großer Wirkung auf mich: die praktische Hilfe der ganzen großen Siedlung für eine Menschengruppe lebensunwerten Lebens, wie man sie später nannte, die Möglichkeit, all diesen Epileptikern ein menschliches Dasein zu retten. Leid, wirkliches Leid ist das Gegenteil von Depressionen. Hatte ich bisher das Christentum nur als depressive Reflexion erfahren, hier begegnetes es mir als tätige Hilfe im Leid."38 Es klingt wie ein erster Schritt zur Befreiung von einem Christentum, das den einzelnen isoliert und in der Reflektion über die Sünde nur nach hinten blickt, ohne zu erkennen, dass die Sünde auch sozialen Ausdruck in einer Gesellschaft findet. Aus dieser Kritik heraus müsste sich beinahe wie von selbst auch der Gestaltungswille für eine bessere Welt ergeben, so wie die prophetische Sozialkritik immer auch ein Aufruf zu einer besseren Gerechtigkeit war. In diesen biographischen Prägungen ist angelegt, warum Poelchau später so bereit war, dass Denken der Bewegung des religiösen Sozialismus für sich aufzunehmen.

Weitere Erfahrungen in diesen ersten Studienjahren waren Berührungen mit der Industrie. Poelchau war Werkstudent bei Robert Bosch in Stuttgart. Allerdings schreibt er selber, dass er sich in dieser Welt völlig verloren vorkam, es ihm in der Zeit noch sehr schwer fiel, dieses Milieu zu verstehen.39

Der Durchbruch zu den Kategorien des religiösen Sozialismus und seinen entscheidenden Impulsen zur Gestaltung der Welt fiel erst in den Studienjahren in Marburg durch die Begegnung mit Paul Tillich. Poelchau beschreibt Tillich als religiösen Sozialisten, der "die Unbedingtheitsforderung für den Menschen auch in seiner Ordnung der modernen Industriegesellschaft zu Erfüllung bringen wollte".40 Poelchau zitiert dann Tillich: "Bezüglich der menschlichen Situation im bürgerlichen Zeitalter sah der religiöse Sozialismus, genau wie Marx und die Existenzialisten des 19. Jh. die Gefahr der Entpersönlichung und Verdinglichung des Menschen in den automatisierten Prozessen der gesellschaftlichen Produktion und Konsumtion ... Der Kampf für den Menschen als Person gegen seine Dingwerdung ist im Westen wie im Osten notwendig ... ."41 Den Abschnitt über Tillich beendet Poelchau mit folgender Einschätzung: "Meine Freunde gingen davon aus, dass es soziale Bedingungen gibt, die den Menschen sein Menschsein oder, anders ausgedrückt, seine Möglichkeit zu glauben unmöglich machen. Sie meinten, die Stunde der Kairos fordere eine sozialistische Entscheidung, wenn dem Menschen seine Möglichkeit in dieser Gesellschaft entfaltet werden solle."42

Im weiteren Verlauf seines Studiums erlebt er dann umso intensiver die Distanz zwischen der kirchlichen Gemeindearbeit und den Berliner Arbeitern. "Wir konnten mit unserer Theologie in den Formen kirchlicher Gemeindearbeit nicht an den Berliner Arbeiter herankommen. Dafür war nicht nur das Misstrauen zu groß, sondern die gesamte Fragestellung in Arbeit und Lebensführung zwischen Arbeiterschaft und bürgerliche Gemeinde zu verschieden. Als ich in Breslau 1927 mein erstes theologisches Examen abgelegt hatte, stand ich daher vor der Frage, welche Konsequenz aus dieser Erkenntnis zu ziehen sei."43

Eine erste Konsequenz war, dass er gleichzeitig zu seiner Kandidatenausbildung die von Carl Mennicke geleitete Wohlfahrtsschule besuchte und als Fürsorger mit der staatlichen Prüfung abschloss. "Danach ließ ich mich vom Kirchendienst beurlauben und ging in die Fürsorgearbeit, zunächst als Geschäftsführer der Deutschen Vereinigung der Jugendgerichte und Jugendgerichtshilfe."44

Nach 2 Jahren wurde er dann Assistent bei Paul Tillich am Philosophischen Seminar in Frankfurt am Main und konnte dort mit seinen Materialien über die Sozialgesetzgebung in einer Arbeit zum Thema: "Die sozialphilosophischen Grundlagen der deutschen Wohlfahrtsgesetzgebung" promovieren. Das war 1932. In diese Zeit fällt auch seine Examenshausarbeit über die christlichen-sozialethischen Gesichtspunkte für evangelische Wohlfahrtspflege. Dort schreibt Poelchau im Schlussabsatz, der von den Konsistorialräten als Kampfansage empfunden worden war: "Aufgabe der Kirche ist es als Träger und Hüter evangelischer Sozialethik, wie in der Apologetik von unten so auch in einer Sozialethik von unten alle die Erfahrungen zu verwerten, welche ihr die Wohlfahrtsarbeit zuträgt, die in der Gesellschaft herrschenden ethischen Anschauungen ihres Absolutheitsanspruchs des dämonischen Charakters der bürgerliche Sittlichkeit zu entkleiden und für alle Volksschichten die Bahn für den Gehorsam gegenüber dem Anspruch Gottes freizumachen."45

1963 schreibt er in seinem Buch "Von der Ordnung der Bedrängten", dass er immer noch davon ausgeht, dass diese These "die gesellschaftliche Diakonie der Kirche zu bestimmen" hätte.46

Von dieser These her bestimmt sich der Begriff der Seelsorge bei Poelchau, die seine tägliche Aufgabe als Gefängnisseelsorger in Berlin-Tegel wird. Fürsorge und Seelsorge rücken ganz dicht aneinander. Er beschreibt, wo die Fürsorge seine Arbeit als Anstaltspfarrer ausfüllte und fährt dann fort, "vieles ließ sich von der Seelsorge nicht trennen ... ."47 Eine Engführung der Seelsorge auf den rein innerlichen Bereich des "Privat-Seelischen" wird durchbrochen durch die Wahrnehmung der leiblichen Bedrängnisse, die ebenfalls der Seelsorge bedürfen, vielleicht konkret in Form der Fürsorge; wir könnten heute Sozialarbeit sagen. Seelsorge und Diakonie rücken begrifflich ganz eng aneinander, weil es um den ganzen Menschen geht, mit Leib und Seele.

Seelsorge wird für Poelchau ganz konkret in der Zuwendung und nach Matthäus 25 bestimmt. Dort heißt es: "Ich bin hungrig gewesen und ihr habt mich gespeist, durstig und ihr habt mich getränkt, nackend und ihr habt mich bekleidet. Dann fährt er nicht fort, wie jedes Literaturprodukt es tun würde: Ich bin gefangen gewesen und ihr habt mich befreit, sondern er ist realistisch genug fortzufahren: ihr habt mich besucht. Man kann im allgemeinen Gefangene nicht befreien, aber man kann sie besuchen. Besuchsdienst war meine Aufgabe. Sein Sinn bestand weniger in einer Mitteilung, in einer Gabe als in der Zuwendung, in der Bereitschaft zu hören."48 Er fährt fort seine ihm anvertrauten Gefangenen zu beschreiben: "Sie sind alle dankbar für jede Form der Zuwendung und der Bereitschaft, sie anzunehmen, ernst zu nehmen mit aller ihrer Mühsal und Beladenheit und als Endziel sie aufzunehmen und anzuschließen an die Gemeinschaft der Christenheit."49

Nach dem Zusammenbruch des Nazi-Reiches wird er von Eugen Gerstenmaier 1945 zum Hilfswerk geholt. Poelchau schreibt: "Im August fuhr Eugen Gerstenmaier mit mir zur Kirchenführerkonferenz nach Treysa, wo unter Bischof Wurm das Hilfswerk konstituiert wurde. ... Es war in erster Linie eine Selbsthilfeorganisation der Kirche, aber mit dem großen Subsidiaritätsanspruch der Kirche, den Richard Rothe am umfassendsten ausgesprochen hat. Einer Kirche nämlich, die nicht konventikelhaft sich um sich selbst und die paar "Frommen" dreht, sondern die aus ihrer Verantwortung vor Gott zur gesellschaftlichen Diakonie aufgerufen ist... Nothilfe und kirchlicher Wiederaufbau waren und sind aufeinander angewiesen, sollen sie nicht in säkulare Sozialpolitik und sektenhafte Introvertiertheit auseinanderfallen. Das war das Bild, das uns vorschwebte und an dessen Verwirklichung noch heute gearbeitet wird.50 Am Ende seines Buches schreibt Poelchau: "Vor 100 Jahren war es für Wichern ein Anliegen, das "heillose Volk" an der heilserfüllten Ordnung teilnehmen zu lassen. Dieser Art der Volksmission konnte nicht von den historischen Trägern der Volksmission aus der inneren Mission wahrgenommen werden, weil sie fürsorgerisch den isolierten Einzelnen ansprechen. Unsere heutige "gesellschaftliche Diakonie" aber wendet sich an die Kollegen in ihrem Gesellschafts- und Arbeitszusammenhang. Meine Aufgabe bleibt es daher, immer sorgfältig diesem Zusammenhang nachzugehen. Soziologie, Betriebswissenschaft, Industriepsychologie, Kenntnis von Hierarchie und Gruppenbildung sind die Hilfswissenschaft des Sozialpfarrers. Von daher ist er auch berufen, die Leitung der Kirche bei sozialpolitischen Stellungnahmen zu beraten, das Ohr der Kirche und der Mund der Stummen zu sein."51

4. Das Erbe Poelchaus
a. Kirche und Industrie

Das Erbe, das Harald Poelchau zu verdanken ist und das bis zum heutigen Tag eine hohe Relevanz für das kirchliches Leben hat, ist offensichtlich die Industrie- und Sozialarbeit, die innerhalb der Landeskirchen im Kirchlichen Dienst in der Arbeitswelt organisiert ist. Poelchau hat mit dazu beigetragen, die Situation der modernen Industriegesellschaft in ihren Auswirkungen auf das Zusammenleben der Menschen der Wahrnehmung in kirchlichen Kreisen zu verstehen. Allerdings stellt der einstige Riss zwischen der Arbeiterschaft und den kirchlich bürgerlichen Kreisen, der im Ausgang der Anlass für das Entstehen der Bewegung der religiösen Sozialisten war, heute in Westeuropa sicherlich in Folge der Milieuveränderungen der klassischen Arbeiterschaft und des Selbstverständnisses der Kirche als "Kirche für das Volk" nicht mehr das entscheidende Problem dar.

Seit gut 40 Jahren vermittelt der Kirchliche Dienst in der Arbeitswelt Industriepraktika an junge Theologen, um ihnen damit einen Einblick in die moderne Arbeitsgesellschaft zu geben. Auch wenn diese immer nur kleine Einblicke eröffnen, darf dennoch nicht unterschätzt werden, welche Wirkung eine solche Erfahrung hat. Oft ist dies die einzige Begegnung für Theologinnen und Theologen in der es zu einer Reflexion der Erfahrungen kommt, die in industriellen Arbeitsprozessen gemacht werden. Auseinandersetzungen mit dem Betriebsverfassungsgesetz, der Gewerkschaftsbewegung, der Tarifautonomie, Fragen der Mitbestimmung, aber auch der Leitung und des Managements in einem großen Unternehmen stehen auf der Tagesordnung.

Sicherlich darf auch im Resümee gesagt werden, dass die Kirchen sensibler geworden sind in diesen Fragen. Die letzte große Denkschrift der EKD zu dem Thema unter dem Titel "Für eine Zukunft in Solidarität und Gerechtigkeit Wort des Rates der EKD und der Deutschen Bischofskonferenz zur wirtschaftlichen und sozialen Lage in Deutschland", herausgegeben vom Kirchenamt der EKD und vom Sekretariat der Deutschen Bischofskonferenz Hannover-Bonn 1997, belegt dies und ist zugleich eine Fortschreibung der Denkschrift der EKD von 1991 unter dem Titel "Gemeinwohl und Eigennutz Wirtschaftliches Handeln und Verantwortung vor der Zukunft". Mit diesen wenigen Sätzen sei nur angedeutet, wo in einer direkten Rückführung auf Poelchau bis zum heutigen Tag Früchte seiner Arbeit greifbar sind.

b. Theologische Kritik des Globalisierungsprozesses

Die gesamte Globalisierungsdebatte des letzten Jahrzehnts ist ohne das Wissen darum, dass wirtschaftliches Handeln nicht isoliert betrachtet, sondern immer auch in seinen Auswirkungen auf das Zusammenleben der Menschen gesehen werden muss, zu führen. Es gibt bestimmte Kriterien und Standards, die direkt mit der Würde des Menschen verbunden sind und die zum Teil unter den Voraussetzungen des wirtschaftlichen Handelns zurückgedrängt werden. Wo dies passiert, erheben die Kirchen deutlich ihre Stimme. Der religiöse Sozialismus hat die Ganzheitlichkeit des menschlichen Lebens immer wieder unterstrichen und hervorgehoben. Es ist der Widerspruch gegen den totalen Markt!

Seit den Anfängen beteiligen die Kirchen kritisch die Ausgestaltung der globalisierten Wirtschaft. In der Regel konzentrieren sich die Kirchen vor dem Hintergrund der jüdisch-christlichen Gerechtigkeitstradition vorrangig auf das Problem einer möglichst gerechten Verteilung der materiellen Güter, wobei insbesondere die elementaren Lebensbedürfnisse der Armen, Schwachen und Benachteiligten eingefordert werden. Mit diesen wirtschaftsethischen Stellungnahmen von Theologie und Kirche wird die Selbstgefälligkeit von manchem wirtschaftlichen Handeln gestört. Es gibt eine Ganzheitlichkeit des Lebens, die auch die Ökonomie zu achten hat und die ihr nicht unterzuordnen ist. Aus ihr heraus ergibt sich der Aufruf zu einer Zivilisation des Kapitalismus (Marion Gräfin Dönhoff).

Es mangelt nicht an kritischen Stellungnahmen zum globalisierten Kapitalismus, die alle, soweit sie aus dem kirchlichen Raum stammen, wesentliche Impulse der Bewegung des religiösen Sozialismus verdanken. Allerdings beschränkt sich die Kritik oftmals auf eine moralisch-ethische Debatte beschränkt, deren Hauptintention die nach mehr Gerechtigkeit ist. Die Traditionslinie der alttestamentlichen prophetischen Sozialkritik wird gelegentlich beschworen. Die wesentlich tiefergehende Ergründung der Zusammenhänge von menschlichen Leben, vom menschlichen Dasein und ihrem Zusammenhang mit dem wirtschaftlichen Handeln in der Perspektive von Einzelschuld und gesellschaftlicher und sozialer Schuld, wie sie Tillich geleistet hat, wird seltener verarbeitet.

Die Arbeiten Tillichs und Poelchaus und deren Begründung im Denke des religiösen Sozialismus zeigen, daß der Protestantismus mehr zu bieten hat als nur kritische Kommentare zum wirtschaftlichen Gebaren. Er hat einen Blick für die Verstrickung der Menschen in Schuld und Sünde, die direkte soziale Auswirkungen haben. Tillich hat das damals an der Situation und Lage des Proletariates erkannt. Die proletarische Lage ist aber nicht nur ein historischer Zufall, wie auch die globalisierte Wirtschaft mit ihrem Ausschluss von Zweidrittel der Menschheit am wirtschaftlichen Wohlergehen ebenfalls kein historischer Zufall ist. Auch in ihr stellt sich die Bestimmungswidrigkeit, die soziale Schuld und die dämonische Zerspaltenheit der Menschheit dar. Die radikale Negativität der menschlichen Situation stammen aus der "Selbstbehauptung eines Endlichen mit seinem Stolz, seiner Begierde, und seiner Trennung vom tragenden Grund." Zugleich liegt etwas wie ein Schimmer oder Abglanz der Gnade über dem menschlichen Zusammenleben in der Erscheinung Jesu als des Christus, in welchem "das Ewige in das Zeitliche einbricht". Der negative Strukturcharakter des menschlichen Daseins kann nur durch die Struktur oder Gestalt der Gnade überwunden werden. "Wir werden allein durch Gnade gerechtfertigt, weil wir in unsere Beziehung zu Gott von Gott abhängig sind, von Gott allein und in keiner Weise von uns selber."53 Mit diesen kurzen Bemerkungen sei angedeutet, welche Schätze zu heben sind, wenn neben unserer moralisch oder sozialethisch bestimmten Kritik am herrschenden Wirtschaftssystem auch die Kriterien mit einbezogen würden, die mit den alten Begriffen von Sünde und Gnade bezeichnet werden. Dann wären Ewiges und Zeitliches aufeinander bezogen.

In diesem Prozess werden die theologischen Perspektiven von Sünde und Gnade aufeinander bezogen, indem von der Sündhaftigkeit des menschlichen Lebens gesprochen wird und zugleich festgehalten wird, daß Gott diese Welt gut geschaffen und ihr in Christus Worte des Lebens gegeben hat, die von der Versöhnung zwischen Gott und Mensch sprechen.

Diese Kategorien einer eigentlichen theologischen Rede gilt es zurück zu gewinnen. Die in diesem Prozess einer möglichen Versöhnung wirkende Kraft wird heute nicht selten als die des Heiligen beschrieben.

Hans Jonas schreibt in seinem Buch "Das Prinzip Verantwortung": "Nun zittern wir in der größten Nacktheit eines Nihilismus, in der größte Macht sich mit Leere paart, größtes Können mit dem geringsten Wissen." Und er fügt hinzu: "Die Frage ist, ob wir ohne die Wiederherstellung der Kategorie des Heiligen ... überhaupt eine Ethik haben können, welche die extremen Kräfte, die wir heute besitzen, zügeln kann."

Die Bewegung der religiösen Sozialisten im Umkreis von Harald Poelchau und Paul Tillich bietet die Begrifflichkeit und gedankliche Schärfe, um der sozial- und wirtschaftsethischen Kritik an einem Wirtschaftssystem, das den Menschen ganz beansprucht und keinen Gott mehr neben sich duldet, die nötige theologische Tiefe zu geben.

c. Zum Dialog zwischen Theologie und Wirtschaft

Zu fragen ist nun, was Kirche und Theologie über die kritische Begeleitung des Globalisierungsprozesse hinaus in das Gespräch zwischen Kirche und Wirtschaft dialogisch einbringen können. Eine Möglichkeit ist, danach zu fragen, ob es religiös-kulturelle Voraussetzungen auch des wirtschaftlichen Handelns gibt, die dieses nicht schaffen kann, deren sorgfältige Beachtung aber für das allgemeine Wohl wichtig sind.

Sicher ist, dass "im Blick auf den Umgang mit der Natur ... dies in den letzten zwei Jahrzehnten nachhaltig in das allgemeine Bewusstsein eingedrungen (ist). Im Blick auf kulturelle und moralische Traditionsbestände wird dieser Zusammenhang erst seit den letzten Jahren verstärkt beachtet. Es geht mir also um die nicht ökonomischen Voraussetzungen von Ökonomie. Also mit anderen Worten, um das, was Religion und Kultur produktiv in den wirtschaftlichen Handlungsprozess einbringen können."54 Jähnichen hält fest: "Die in der jüdisch christlichen Tradition gegründete Verknüpfung des Selbstinteresses mit der Orientierung am Geschick des Nächsten, steht also in einem grundlegenden Widerspruch zum Opportunismus, der eine extremisierte, vereinseitigte und damit verzerrte Form von Selbstinteresse beschreibt. Positiv geht es dem gegenüber darum, z. B. an der formalen Unverbrüchlichkeit von geschäftlichen Vereinbarungen festzuhalten, womit die Geltung von moralischen Mindeststandards auch für ökonomisches Handeln deutlich zu machen ist. Ökonomisches Handeln ist somit selbst in dem originären Bereich des Austausches wirtschaftlicher Leistungsbeziehungen von einer diesem Prozess tragenden, im Kern zutiefst religiös geprägten Kultur abhängig, deren fundamentale Bedeutung es stärker in die öffentliche Diskussion einzubringen gilt."55

Jähnichens These ist deshalb beachtenswert, weil sie der Ökonomie deutlich machen kann, dass es über sie hinaus etwas gibt, was Voraussetzung ökonomischen Handelns ist, aber von der Wirtschaft selbst nicht produziert oder gesetzt werden kann.

Ganz greifbar wird dies an der Debatte zur Sonn- und Feiertagskultur. Die Kirchen heben "mit gutem Recht den "qualitativen Unterschied" zwischen Sonntag und Wochenende hervor. Feiertage können der Arbeitszeit Rhythmus und Maß geben, indem sie als Festtage Zeiten des Innehaltens, aber auch des Verschwendens sind, welche die Gemeinschaft konstituieren. In diesem Horizont ist es für die Kirchen eine wichtige Aufgabe, zu einer Wiedergewinnung einer religiös geprägten Festkultur beizutragen, die Freiräume nicht verzweckten Handelns zu eröffnen, vermag... Somit sind Feiertage "für jeden Einzelnen wie für die Gesellschaft ein lebenswichtiges Grundelement der Kultur". Ohne diese kulturelle Voraussetzungen, so steht zu befürchten, ist auch eine produktive Arbeitsleistung nicht zu erbringen."56

In seinem Ausblick schreibt Jähnichen: "Wirtschaft und Kultur, somit auch Wirtschaft und Religion, stehen offenkundig in enger gegenseitiger Wechselwirkung. Die Prägung der Lebensordnung und Wertvorstellung einer Gesellschaft durch die Wirtschaft ist die eine Seite dieses Zusammenhangs. Gleichzeitig ist aber auch die Wirtschaft ... von einer sie tragenden Kultur abhängig."57

Die Kirchen leisten einen wichtigen Beitrag zum Dialog mit der Wirtschaft, indem sie an tragende Werte erinnern und Orientierungswissen anbieten. "Die Wirtschaft wird demgegenüber noch stärker als bisher lernen müssen, eine eindimensionale und daher unzureichende Bemessung wirtschaftlichen Erfolges, die moralische und kulturelle Werte ausblendet, zu überwinden. ... Dabei kann die Wirtschaft ein zentrales kirchliches Grundanliegen, nämlich die Begrenzung ökonomischer Sach- und Strukturzusammenhänge auf den genuinen ökonomischen Bereich bei einer reflektierten Sicht ihrer eigenen Interessen durchaus würdigen und aufnehmen. Nicht zuletzt, um der Funktionalität des ökonomischen Systems willen sollte dieses nicht in andere gesellschaftliche Lebensbereiche eindringen, wo es zerstörende Wirkungen entfaltet."58

Literatur:

- Jähnichen, Traugott Art.: Religiöser Sozialismus, in: Evangelisches Soziallexikon, Stuttgart 2001, S. 1331-1334
- Jähnichen, Traugott, Religiös-kulturelle Voraussetzungen ökonomischen Handelns, in: Pastoral-Theologie 86. Jahrgang Göttingen 1997, S. 265 275
- Poelchau, Harald, Die Ordnung der Bedrängten, Berlin 1963
- Tillich, Paul, Der Protestantismus als Kritik und Gestaltung, Ges. Werke Bd. VII, Stuttgart 1962
- Tillich, Paul, Christentum und soziale Gestaltung, Ges. Werke Bd. II, Stuttgart 1962
- Zahrnt, Heinz, Die Sache mit Gott, München 1967


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Impressum, http://bs.cyty.com/kirche-von-unten/archiv/FS90Heintze/, Stand: 18. November 2002, dk

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