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[Kirche von Unten]

Alternatives aus der/ für die
Braunschweiger Landeskirche

Kirche von Unten Nr. 120, Oktober 2006, Seite 70-73
(Download als pdf hier)


EINFÜHRUNG VON PROPST HOFER IN ST. MARTINI
oder: DIE WUNDERSAME VERWANDLUNG EINES IMPERATIVS IN EINEN INDIKATIV
oder: WIE DER OBERBÜRGERMEISTER DER KIRCHE EINE THEOLOGISCHE LEKTION ERTEILT

von Kurt Dockhorn


Am 3. September wurde, wie die Presse ausführlich berichtete. Thomas Hofer als Nachfolger von Armin Kraft in St. Martini in das Braunschweiger Propstamt eingeführt. Als Text seiner Einführungsrede wählte Landesbischof Dr. Weber das bekannte "Suchet der Stadt Bestes, dahin ich euch habe lassen wegführen, und betet für sie zum Herrn; denn wenn es ihr wohl geht, so geht's euch auch wohl" aus dem in Jeremia 29 überlieferten Brief des Propheten an die Exilierten in Babel. Geschenkt, daß man auch beim besten Willen keine Beziehung zwischen der Verbannung der "Ältesten, der Priester und Propheten und des ganzen Volkes" von Jerusalem nach Babylon und der doch vergleichsweise komfortablen Lage der Kirche in Braunschweig wird herstellen können (was der Landesbischof auch nicht versuchte, aber was schon die Frage nach der Legitimität der Inanspruchnahme eines solchen Textes aus der hebräischen Bibel aufwirft). Aber was passierte nun mit dem gewählten Einfühungstext? Auf einmal war, an den "lieben Bruder Hofer" gerichtet, zu hören: "So suchen Sie also der Stadt Bestes". Das machte doch stutzig: War denn nicht bei Jeremia die Rede von einem Auftrag an die Verbannten: "Suchet". Wie konnte es kommen zu dieser überraschenden Verwandlung eines Imperativs in einen Indikativ so als gebe es nichts Selbstverständlicheres für einen neuen Propst, als eben dieses zu praktizieren, der Stadt Bestes zu suchen? Ist das denn so ausgemacht, was das ist, der Stadt Bestes zu suchen? Müßte das nicht strittig sein? Und überhören wir nicht bei der Verkehrung eines Auftrags in einen Vollzug, der sich von selbst versteht, das durchaus eigennützige Motiv, das Jeremia angibt: "Wenn es ihr wohl geht, so geht's euch auch wohl"? Jedenfalls habe ich von legitimem Bedenken des Eigeninteresses der Kirche im Gemeinwesen nichts gehört! Nun könnte man ja argumentieren, daß die Kirche ansonsten sehr wohl versteht, ihre Interessen in der Öffentlichkeit zu vertreten.
Aber der Casus ist verzwickter: der Prophet wählt die Anweisungsform offenbar bewußt, weil er in eine .Konfliktsituation der nach Babel Verbannten hineinschreibt. Im Verlauf des Briefes wirft er den eingangs genannten Propheten, die mit ins Exil mußten, vor, das Volk hinsichtlich der Dauer der Verbannung in die Irre zu führen und den Leuten falsche Hoffnungen zu machen.

Also: das alte (Barthsche) Thema vom Verhältnis Kirchengemeinde und Bürgergemeinde findet in Jeremias Brief an die Vertriebenen einen klassischen Basistext, der zeigt: Es ist strittig, darüber gibt es Auseinandersetzung, kirchlichen Parteienstreit sozusagen darüber, was die Christengemeinde der Bürgergemeinde, dessen Teil sie ist, schuldig ist. Nichts davon war am ersten Sonntag im September auch nur andeutungsweise in St. Martini zu hören. Aber das durften wir wohl auch nicht erwarten. Man erinnere sich: Im heftigen Streit darüber, was denn der Stadt Bestes sei bei der geplanten Endlagerung von Atommüll in unserer Region, zog die Kirche es vor, sich aus der Diskussion zurückzuziehen. Beim anhaltenden Streit über den ECE-Konsumtempel mit vorgehängter Schloßfassade war und ist ebenso von der Braunschweiger Stadtkirche nur das Schweigen laut.

Eine Woche vor den Kommunalwahlen blieb das Thema, das wie kein anderes den Wahlkampf prägte, nämlich die Privatisierungspolitik des amtierenden OB mit seiner Ratsmehrheit von einer Stimme, sorgfältigst ausgeklammert. Suchet der Stadt Bestes: Wie reduziert und abstrahiert muß das Verständnis dieser Anweisung sein, wenn nicht einmal dieser Streit die Kirche aus ihrer seligen Reserviertheit locken kann?
So scheint es, daß ziemlich bald nach der im Nachhinein unglaublich mutig erscheinenden Ostdenkschrift der EKD in den sechziger Jahren des vorigen Jahrhunderts die Kirche in den wirklich relevanten Zeitfragen, in den Kämpfen um das, was dem Gemeinwohl guttut, präsent ist durch Positionsverweigerung. Zurück zu Hofers Einführung. Denn nun kommt das eigentlich Spannende: Nach dem Gottesdienst ging die Feier weiter mit Reden, Grußworten und Musik in der Dornse des Altstadtrathauses. Und das war die Stunde des Oberbürgermeisters. Wo in der Kirche versäumt wurde, anhand des Jeremiatextes Fragen zu stellen und wenigstens andeutungsweise Antworten zu wagen, war der OB gar nicht bange. Ganz schlicht und einfach fand er für die Kirchengemeinde im Verhältnis zur Bürgergemeinde die Rollenzuschreibung: "Dienstleister Volkskirche". Punkt. Die Kirchenrepräsentanten vernahmen es mit Staunen und mit leuchtenden Augen: Danke, Herr Dr. Hoffmann! So unverblümt es zu sagen, hätten wir uns nie getraut, zumal uns die Bibel ja eigentlich etwas ganz anderes sagt. Aber nun ist die neue Losung, die immer schon die alte war, von Ihnen ausgegeben. Wie gut, daß Sie uns aus unserer Verlegenheit, die Fragen zu verpassen, damit wir keine Antworten geben müssen, erlöst haben. Wir fühlen uns durch Ihre hilfreichen Worte sehr entlastet!
Lustig ist das Ganze nicht. Es ist ein kirchliches Trauerspiel: Die völlige theologische Verwahrlosung macht nicht nur orientierungslos, sie führt uns . in die groteske Situation, daß die Kirche geradezu bettelt um Antworten, die sie selber zu geben sich nicht mehr traut:
von der Wirtschaft, wie sie sich in Zeiten knapper Kassen organisieren sollte,
von Bankern und Gentechnikern, welche Werte sie vertreten sollte (was dann in der Öffentlichkeit als Dialog mit gesellschaftlichen Gruppen verkauft wird),
und von einem OB, der wiedergewählt werden will und erwartungsgemäß wiedergewählt wurde, was die Bürgergemeinde angeblich und ausschließlich von ihr erwarten darf: Dienstleistungen des Serviceunternehmens Kirche Christi.




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Impressum  http://bs.cyty.com/kirche-von-unten/kvu120/EINFÜHRUNG_VON_PROPST_HOFER.htm, Stand: Oktober 2006, dk

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