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[Kirche von Unten]

Alternatives aus der/ für die
Braunschweiger Landeskirche

Kirche von Unten Nr. 120, Oktober 2006, Seite 11-13
(Download als pdf hier)


Klingende Brücken bauen

von Christian Werner

Die "Oma am Schlagzeug", das ist mein Traum. Diese Idee habe ich 1999 aus Boston mitgebracht. 2003 gründete ich als Lehrer an der Christophorusschule in Braunschweig das Projekt Triangel Partnerschaften. Warum gerade in Braunschweig? Hier gibt es eine Schule, die direkt neben einem Altenheim liegt. Beide Institutionen trennt ein Maschendrahtzaun, darüber verläuft ein zweifacher Stacheldrahtzaun. Die jungen Menschen gehen in die Schule, die Alten ins Pflegeheim, so funktionierte hier lange Zeit die „Denke” und damit nichts passieren kann — Stacheldraht dazwischen. Begegnungen zwischen den Generationen werden so wirksam unterbunden, denn der Stacheldrahtzaun geht in den Köpfen der Menschen weiter: Aus versicherungstechnischen Gründen dürfen junge Menschen nicht regelmäßig, z. B. einmal in der Woche den Raum der Schule verlassen, um ins Altenheim zu gehen. Hier wollte ich, als ich im Sommer 2002 als Lehrer am CJD Braunschweig anfing, mit einem generationenübergreifenden Projekt ansetzen: Über den Zaun sollte eine klingende Brücke zwischen Jung und Alt entstehen. Gemeinsam mit Herrn Budde, dem Direktor des Marienstifts und Frau Hellert, der Gesamtleiterin des Jugenddorfes habe ich daran gearbeitet, hier Bedingungen für Begegnungen zu schaffen: Im Sommer 2004 wurde an vielen Stellen der Stacheldrahtzaun entfernt und zwei Türen in den gemeinsamen Zaun hineingeschnitten. "Nun können wir einfach rübergehen. Und das tun einige von uns einfach mal so, um "ihre Oma" zu besuchen", meint die Schülerin Christina Hofmann (16) aus der Christophorusschule. Auf dem Schulgelände entstand im Frühjahr 2006 sogar ein Rollatorweg für die Senioren. Heute können sich die Menschen aus verschiedenen Generationen in der Schule und im Seniorenheim begegnen. Das war gar nicht so einfach und viele Menschen haben den Weg für dieses Projekt geebnet: Die ehemalige Oberin Karin Hille hat wichtige Grundsteine gelegt und ohne die Altenpflegerin Schwester Ursula Stadler würde gar nichts in diesem Projekt laufen. Schwester Ursel ist der "Brückenpfeiler" in Bethanien - mit Ihrer Gitarre trägt sie das Projekt seit mehr als drei Jahren durch alle Schwierigkeiten hindurch. Mit wohlwollenden Ständchen zu Weihnachten oder zum Geburtstag hat das Projekt nicht viel zu tun. Vielmehr treffen sich Jugendliche und Senioren jeden Donnerstag zum Singkreis. Theater, Band und Chorarbeit greifen dabei ineinander und fordern von jungen und alten Menschen einen Dialog auf Augenhöhe. Dieser ist für beide Seiten spannend, zum Beispiel über die Musik von gestern und heute, vor allem aber über die dazu gehörigen Geschichten und Erlebnisse gesprochen wird: Wie war Schule früher und wie läuft das heute? Im Projekt entsteht eine Dreiecksbeziehung zwischen Schule, Seniorenheim und einer Hochschule, so dass der Name auf der Hand liegt: Triangel Partnerschaften. Die Auswirkungen werden über einen Fragebogen erfasst und ausgewertet: Die Ergebnisse können sich sehen lassen: Für viele Senioren ist diese Begegnung die schönste Stunde der Woche. Pfleger fühlen sich entlastet, weil die Senioren so beschwingt nach Hause kommen und bis ins Bett hinein die Lieder summen. Sie klingeln dann nur, wenn sie wirklich jemanden brauchen und die Mitarbeiter haben mehr Zeit für die wirkliche Pflege. Schwester Ursula Stadler sieht eine besondere Chance, mit Musik demenziell erkrankte Menschen zu erreichen. Die Jugendlichen lernen von den Senioren die Volkslieder und bringen ihre Lieder den alten Menschen bei. Das ist ein wichtiger Erfahrungsaustausch.
Junge Leute können sich hier ausprobieren und Erfahrungen sammeln, die sonst nirgendwo erleben. Daneben erfolgt praktisches soziales Lernen über die Musik und die Begegnung der Generationen. Für die sechs grünen Damen und Herren sind das Verantwortungsbewusstsein und eine Steigerung der Lebensqualität Ergebnisse, die hier sichtbar erreicht werden. Jeden Donnerstag dabei diese Helfer dabei, leiten die Schüler an, holen und bringen die Bewohner gemeinsam mit den Schülern und laden speziell neue Bewohner in den Singkreis ein.
Für den Direktor des Marienstifte Pastor Budde sind diese Begegnungen zwischen Jung und Alt "soziale Leuchttürme", die er besonders fördern möchte. Er lädt Schüler aus mehreren Schulen ein, solche Begegnungen zu erfahren.
Mit verschiedenen Projekten haben Schüler aus der Gaußschule und der Christophorusschule in den vergangenen Jahren Preise gewonnen. Der Rotary-Club Braunschweig zeichnete 2004 zwei Generationenübergreifende Projekte im Marienstift mit Jugendförderpreisen aus. 2005 wurde die Aktion Mensch auf das Projekt Triangel Partnerschaften aufmerksam und förderte es mit 5000 Euro und 2006 erhielt das Projekt beim transnationalen Wettbewerb "USable" der Körber-Stiftung einen Ideenpreis. Für Pfarrer Hangünther Ludewig ist diese Idee bisher einmalig in derRegion Braunschweig. Als Projektleiter würde ich mich freuen, wenn sich das bald ändert. Es liegt eine große Chance für diakonische und missionarische Arbeit gerade in Projekten, die Jung und Alt zusammenbringen. Wo sonst gibt es eine Chance, so offen über die letzten Fragen zu sprechen und als junger Mensch mit Leid und Tod umgehen zu lernen. Eine wichtige Erfahrung, die aber häufig lieber als Tabu behandelt wird. Die Beteiligung bei diesem Projekt ist offen. Neben Jugendlichen
singen und musizieren auch Angehörige der Senioren, Eltern von Schülern, Grüne Damen und Menschen aus der Region Braunschweig. Ich möchte Sie, liebe Leser herzlich einladen, einmal vorbeizuschauen. Viele Menschen aus den Braunschweiger Kirchengemeinden sprechen mich immer wieder auf diese Arbeit an und machen mir Mut weiterzumachen. Ab September 2006 wollen wir das Projekt in die Landeskirche hineintragen. An zwei weiteren Orten wollen wir ein Modell entwickeln, bei eine besondere Form generationenübergreifender Gemeindearbeit Realität wird.

Die Oma am Schlagzeug ist für mich bisher immer noch ein Traum geblieben. Aber auch Alleinunterhalter werden einmal alt... Vielleicht gibt es einen Menschen, der hier dabei sein möchte. Mitmachen kann jeder, der schon mal unter der Dusche gesungen hat. Noten werden gestellt, Instrumente können mitgebracht werden. Im September 2006 beginnen wir wieder im Marienstift, jeden Donnerstag um 16.00 Uhr.

Mehr Informationen erhalten Interessierte bei der Christophorusschule
(05 31 / 7078 258) oder bei der Ev.-luth. Diakonissenanstalt Marienstift
in Braunschweig oder unter www.triangel-partnerschaften.de.




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Impressum  http://bs.cyty.com/kirche-von-unten/kvu120/Klingende_Brücken_bauen.htm, Stand: Oktober 2006, dk

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