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[Kirche von Unten]

Alternatives aus der/ für die
Braunschweiger Landeskirche

Kirche von Unten Nr. 122, Juni 2007, Seite 14-17
(Download als pdf hier)


Straßenexerzitien in Berlin Kreuzberg

von Jens Haasen

25. Mai bis 3. Juni 2007, Straßenexerzitien in Berlin-Kreuzberg
Ich wollte diese Form innerer Einkehr kennenlernen. Eingeladen hatte dazu eine Berliner Kirchengruppe ,Ordensleute gegen Ausgrenzung' um den Jesuiten Christian Herwartz. Wir waren sechs Teilnehmende, zwei Frauen und vier Männer, überwiegend aus sozialen Berufen, und zwei Begleiter, ein Jesuiten-Pater und eine Ordensfrau. Einfache Unterbringung fanden wir in den Räumen einer katholischen Kirchengemeinde, die dort im Winter Obdachlose aufnimmt. Wir sechs kochten abends für uns und nutzten dabei Lebensmitteln der Berliner Tafel.
Nach Morgenandacht und Frühstück waren wir in der Zeit zwischen 10 und 17 Uhr auf der Straße unterwegs, dann feierten wir Eucharistie, aßen gemeinsam und erzählten dann einander ausführlich von den persönlichen Erlebnissen des Tages.
Die Idee hinter den Straßenexerzitien lässt sich am besten mit der biblischen Geschichte vom , Brennenden Dornbusch' verdeutlichen. Sie erzählt, dass Mose sich mitten im Alltagsgeschäft des Vieh-Hütens in der Wüste von einem Phänomen anziehen lässt, aus dem heraus er sich von Gott angesprochen fühlt. Unsere Aufgabe war es, aufmerksam durch Kreuzberg zu gehen - vorzugsweise zu Orten bzw. Einrichtungen, an denen sich ,Arme' aufhalten. Dabei ergaben sich Einblicke oder Begegnungen, die uns etwas über uns selbst und über Gott zu sagen hatten. Es ging also nicht um Fortbildung im sozialen Bereich sondern um Loslassen und Zulassen.
Mir ging es so, dass mir die Pfingstgottesdienste in der Thomaskirche zunächst viel zu fühlen und denken gaben. Eine Parkbank auf dem Mariannenplatz mit Blick auf unterschiedlichste türkische und deutsche Menschen wurde zu einem meiner liebsten Orte zum Tagebuch-Schreiben. Der andere ,heilige' Ort war für mich die Bank auf dem Oranienplatz, wo ich morgens eine Stunde saß und Menschen anschaute: Die Trinker an der Ecke, Berufstätige auf dem Weg zum Bus, türkische Männer auf der Bank neben mir, Väter, die liebevoll ihre Kinder zum Kindergarten brachten, Jogger bzw. Menschen, die ihren Hund ausführten. Hier lernte ich eine profane Weise christlicher Meditation kennen, denn Hinschauen, innerliches Singen und Beten sowie Einfälle zu notieren bildeten für mich eine Einheit. Die Grenze zwischen profan und heilig schien mir in der eigenen Aufmerksamkeit und meinem ,inter-esse' aufgehoben. In solcher Lebendigkeit und Menschlichkeit, wie es sich in Lächeln und Leiden von Menschen ausdrückt, ist Gott präsent. Es gab dabei viel zu schmunzeln.
Beim Versuch, mit ,armen' Menschen Kontakt aufzunehmen, erlebte ich zunächst meine Grenzen. Die Gruppe der Trinker war nicht mein Fall. Erste Personen, die ich ansprechen wollte, standen alsbald auf und verzogen sich. Ein etwas finster blickender Mann mit Bein-Prothese und Krücke hielt mir jedoch stand, und wir wurden allmählich warm miteinander. So erfuhr ich in einem langen Gespräch die Geschichte eines Obdachlosen, den seine tückische Diabetes zur Bein-Amputation und die schmale Lebensgrundlage nach Hartz-IV zum Verzicht auf Alkohol und Zigaretten gebracht hatte. Er wohnte im Wohnheim für Behinderte neben uns. Ein paar Tage später ließ er sich nicht abhalten, für unsere Gruppe Brot und 20 ,Schrippen` zu kaufen.
Während ich in den folgenden Tagen Suppenküche, ärztliche Dienste für Arme, Kirchen und eine Moschee, ein Kulturzentrum für Arme und den ,info-point` für Demonstrationsteilnehmer am G8-Gipfel besuchte, öffneten sich mir immer wieder überraschend Türen zu Themen, die nicht zu ,meiner Welt' gehörten. Eine junge Polin, die an einer Ampel Scheiben der Autos putzte - um ihrer kleinen Tochter willen, wie sie sagte -, schilderte mir temperamentvoll ihre Schwierigkeiten, bei den Behörden Aufenthalts- und Arbeitserlaubnis zu erhalten. Die Verkäuferin von Obdachlosenzeitungen vor der Post wies mich darauf hin, dass die Polizei das Scheibenwaschen als Schwarzarbeit ansehe und nicht dulde. Es waren Gespräche auf gleicher Augenhöhe. Selbst das Gespräch mit einem Trinker vor einem Wohnheim wurde heiter, als er mir lallend von seiner Heimat in Sachsen erzählte.
Ich lernte zunehmend, meine Absichten zu reduzieren, weniger zu wollen, mich zu ,entschleunigen' und die ,Zufälle` solcher Begegnungen mit Menschen auf der Straße, die mir etwas zu sagen hatten, als ,Führung` Gottes einzuschätzen. Ich lernte das für mich Wichtigste: einfach nur da zu sein, ohne die Not meiner Gesprächspartner gleich als Auftrag und ,Belastung` zu übernehmen. Rico, der ,gute Mensch vom Mariannenplatz' mit einer Fahrradwerkstatt im Keller zeigte mir eindrücklich seine Mischung aus ,Ja` und ,Nein'. Er pumpte den türkischen Kindern regelmäßig kostenlos die Fahrräder auf und wurde zurück-haltend, wenn er ihre platten Reifen reparieren sollte. Da mussten sie schon mit ihren Vätern (und Geld) wiederkommen.
Auch meine Grenzen habe ich wahrgenommen, wenn Menschen mich anbettelten oder übergriffig wurden, indem sie mich umarmten und sich von mir noch andere Zuwendung holen wollten.
„Brannte nicht unser Herz?”, fragen sich die Jünger nach der Begegnung mit dem Unbekannten in der Emmausgeschichte. Manche Begegnung dieser Tage wird unvergessen bleiben. ,Mit Armen leben' ist eine Vision, die Nähe und Distanz in unter-schiedlicher Form einschließt und gegen Ausgrenzungstendenzen realisierbar ist.
Es ist offenbar möglich, eine Stadt und ihre Probleme wahrzunehmen und dabei doch zu sich selbst, zu Gott und zur Ruhe zu kommen.




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Impressum  http://bs.cyty.com/kirche-von-unten/archiv/kvu122/straßenexerzitien.htm, Stand: Juni 2007, dk

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