Hintergründe der "Fürsorgeerziehung"

Hans Erich Troje

- Durchgesehene und korrigierte Fassung, Mai 2001 -

Die Zusammenhänge sind im Grunde ganz einfach. Dennoch muß man sie sich immer wieder klarmachen. Fangen wir vorn an. Das einzige, was sich über "den" Menschen schlechthin aussagen läßt, ist seine Bestimmung, Wahn mit Wirklichkeit zu verwechseln und selbst immer wieder Opfer dieser Verwechslung zu werden. Ihm bleibt keine andere Wahl, als Wahnhaftes zu verwirklichen, denn Wahnhaftes zu ergreifen ist seine einzige Lebensmöglichkeit. Unsere Illusionen machen uns großartig und lächerlich, tragisch und komisch, bringen uns Unglück und Glück. Die leitenden Wahnideen dieser "unserer" Kultur sind vor rund 800 Jahren in der Philosophie und Theologie der Hochscholastik entwickelt, formuliert und mit der sogenannten "Papstrevolution" (Rosenstock-Huessy) herrschend geworden. Sie sind seither herrschend geblieben. Ihre zentralen Gedanken sind: Gott als dreieiniger, in sich selbst identischer und widerspruchsfreier, im Glauben allein (statt in der Erfahrung) begründeter, dem wir nicht nur im Kloster, sondern in allen Lebensformen, insbesondere auch in der Ehe in "Jungfräulichkeit" und Askese zustreben sollen. Diese leitenden Wahnideen verdichten, resümieren und bestätigen sich im Konzept der christlichen Ehe als dem "Zeichen" (Sakrament) des Unsichtbaren im Sichtbaren, des Bundes Gottes mit der Seele (sacramentum majus) und des Bundes Christi mit seiner Kirche (sacramentum magnum). Um dieses Konzept der christlichen Ehe, in der freilich die eigentlichen Möglichkeiten der Ehe geopfert und zerstört sind, dreht sich alles. An ihrer Geltung hängt alle Hierarchie und Macht des Staates nicht minder als der Kirche. Die "Säkularisierung", die es insoweit gar nicht gegeben hat, hat nichts daran geändert.

Die Opfer, die wir dieser Idee bringen, sind die denkbar größten: Wir opfern alle jene Genüsse, die das Elend des Alltags unterbrechen (sie werden in der christlichen Ehe zum größten Alltagselend: kanalisierte Lust, die nicht mehr Lust ist). Wir opfern also, wenn es habituell und chronisch wird, mit der Fähigkeit, Lust zu suchen, zu finden und zu genießen auch bald die Fähigkeit zu lieben und sogar die zu arbeiten. Daß von dem Verlust der Liebesfähigkeit und Liebenswürdigkeit die Arbeitsfähigkeit nicht betroffen sei, diese vielmehr in Opfer von Lust und Liebe verbessert und gesteigert werde, ist Teil der schönen Wahnideen, an denen wir festhalten, obgleich wir täglich das Gegenteil sehen und erfahren.

Ein anderes Opfer wiegt vielleicht nicht minder schwer: Wir opfern die großartige Möglichkeit einer mehr oder weniger dicht und weit gestreuten Vertrauensbildung im sozialen Umfeld, wir opfern die kostbare Fähigkeit, durch intensive, vertrauensbildende Begegnungen und Beziehungen vielfältig vernetzte soziale Strukturen um uns aufzubauen oder an solchen teilzuhaben. Dem mehr und mehr gehemmten, verängstigten, verkümmerten, vereinsamten und schließlich habituell kontaktscheuen Wesen bleibt außer der Jenseitserlösungshoffnung nur das Mitlaufen in der vom Führer begeisterten einsamen Masse.

Außer Jungfräulichkeit und Askese fordert der religiöse Charakter der Ehe, ihre erhabene Bedeutung als Abbild der gnadenvollen Vereinigung zwischen Gott und Seele, Christus und Kirche auch die Unauflöslichkeit. Thomas von Aquin (1225-1274), der sich insoweit auch gegen die relativ lebensfreundliche, liebesfreundliche, "sympathische" Ideenwelt des Hugo von St. Viktor (1096-1141) durchsetzte, hat die Unauflöslichkeit der Ehe dreifach begründet: mit der Dauer der Erziehung, der Sicherung der Vaterschaft und der "größten Freundschaft". "Nun steht es fest, daß bei der menschlichen Art das Weib am wenigsten allein zur Auferziehung des Kindes hinreicht, da ja die Notdurft des menschlichen Lebens vieles erfordert, was durch eine Person allein nicht geleistet werden kann" (Summa contra gentiles III Kap. 122 Art. 7, in der Übersetzung Fahsel). - "Die Menschen haben ein gewisses natürliches Interesse, über die Echtheit ihrer Kinder Gewißheit zu haben, und diese Gewißheit ist deswegen notwendig, weil das Kind für lange Zeit hindurch der väterlichen Lenkung bedarf. Was immer daher geeignet ist, die Gewißheit über die Echtheit des Kindes zu verhindern, das widerspricht dem Naturtrieb der menschlichen Art." (aa0 III, 123,4) - "Diese Gewißheit würde aber fortfallen, wenn mehrere ein und denselben Geschlechtspartner besäßen." (aa0 III, 124, 2) - "Je größer eine Freundschaft ist, desto fester und andauernder muß sie sein. Nun ist zwischen dem Manne und seiner Gattin die Freundschaft offenbar die größte." (aa0 III, 123, 5) - "Wenn es nun der Frau nicht erlaubt ist, mehrere Männer zu haben, weil dies die Gewißheit betreffs des Kindes gefährdet, anderseits es aber dem Manne erlaubt sein würde, mehrere Ehefrauen zu haben, so wäre keine edle Freundschaft zwischen der Ehefrau und ihrem Manne vorhanden, sondern gleichsam nur eine sklavische" (aa0 III, 124, 3).

An der Weitergeltung dieses Konzepts hängt der Bestand von Thron und Altar, Staat und Kirche. Es wird uns aber nicht nur in Kinos, Kirchen, Schulen, Universitäten, sondern auch in Bild und Wort der Kunst und Nichtkunst, insbesondere im Fernsehen, in jeder Familienserie und in 9 von 10 ausgestrahlten Filmen ständig verkündet. Je banaler und trivialer die einzelnen Versatzstücke der großartigen theologischen Konzepte eingesetzt sind, desto größer und gefährlicher ist ihre Macht über die Gemüter. Auf den Fortbestand dieser Ehe, dieser Familie ist auch alle Sozialpolitik orientiert. "Ehe und Familie stehen unter dem besonderen Schutze der staatlichen Ordnung. Pflege und Erziehung der Kinder sind das natürliche Recht der Eltern und die zuvörderst ihnen obliegende Pflicht. Über ihre Betätigung wacht die staatliche Gemeinschaft ..." (Art. 6 GG). Innerhalb von Ehe und Familie toleriert das "Wächteramt" des Staates fast jede Verrücktheit, sogar fast jedes Verbrechen. Aber die Staatsgewalt muß Exempel statuieren, muß die Sünden der Eltern an den Kindern strafen, wenn das Konzept "Ehe und Familie" selbst bedroht scheint, wenn die Eltern den Werten von Ehe und Familie in dem sehr spezifischen, oben dürftig skizzierten religiösen Sinne nicht genug geopfert haben. Insbesondere muß sichergestellt sein, daß die drei Argumente des Heiligen Thomas von Aquin anerkannt und überzeugend bleiben. Es darf nicht geschehen, daß die Erfahrung zeigt, daß diese Argumente gar nicht tragen. Staat und Kirche müssen dafür sorgen, daß Gegenbeweise nicht geführt werden können, daß Erfahrungen, man könne alles ganz anders handhaben und organisieren und käme dann vielleicht sogar besser durchs Leben, nicht gemacht werden können. Es muß dafür gesorgt sein, daß alle Versuche "alternativer" Lebensgestaltung wenn schon nicht mehr zum Scheiterhaufen, so doch zum Scheitern gelangen. Das tun sie unweigerlich auch, denn niemand kann sich außerhalb der Kultur und Wahnwelt stellen, der er angehört. Das Scheitern ist die Strafe für die Anmaßung des Einzelgängers, die Verstocktheit des Außenseiters. Gott straft bekanntlich bis ins vierte Glied vor allem an den Kindern. Unter dem Namen "Fürsorge" und "Fürsorgeerziehung" bringt man Kinder dahin, wohin sie nach erst römischem und dann kirchlichem Recht als 'vulgo quaesiti', 'spurii' und 'ex coitu damnato concepti' immer gehörten: auf die Schattenseite des Lebens.

Wenn es in dem gegenwärtigen Diskurs um Reform und Zukunft der einstmals sogenannten "Fürsorgeerziehung" einen gemeinsamen Nenner und Grundtenor gäbe, so wäre es wohl der des Appells an die Einsichtsfähigkeit, wenigstens Lernfähigkeit der Systeme. Aber hier wie überall konnte man sehen, kann man sehen, daß Einsichtsappelle wenig fruchten und sinn- und zwecklos sind, wenigstens dort, wo erkannte oder unerkannte religiöse Grundvorstellungen im Spiele sind. Ich formuliere vorsichtig und behutsam. Man könnte alles ganz anders beim Namen nennen. Aber wir wollen niemandem weh tun, niemandem zu nahe treten, niemanden vor den Kopf stoßen. Selbstverständlich tun alle ihr Bestes. Der Staat wacht gewaltenteilig / gewalteneinig mit Gesetzgebung, Verwaltung und Rechtsprechung über das "Kindeswohl". Aber auch der beste Staat ist immer noch fürchterlich genug, um den Wächter des Kindeswohles nicht fürchten zu müssen. Politik ist ja schon gut, wenn einige mögliche und zu befürchtende Fehler und Verbrechen nicht begangen werden, wenn sie also nicht völlig erbärmlich und verbrecherisch ist. Rechtsprechung, auch und gerade die allerhöchste, ist ja schon rühmlich, wenn sie nicht völlig ahnungslos dem Schrecklichen Tore und Türen öffnet und das Feld überläßt. So findet sich z. B. in der Rechtsprechung zum Pflegekinderwesen immer wieder die gewiß gutgemeinte und gleichwohl schreckliche "Umgewöhnungsformel", nach der sich "gesunde und normal entwickelte Kinder regelmäßig in eine neue Umgebung ohne nachhaltige seelische Beeinträchtigungen gewöhnen, wenn sie dort liebevoll und warmherzig betreut werden". Wie schön - und dennoch sträuben sich die Haare.

Das Pflegekinderwesen kritisch analysieren bedeutet stets, Staat und Gesellschaft auf den Zahn zu fühlen, denn ihr Pflegekinderwesen ist stets einer ihrer neuralgischen Punkte. Hier kann der Staat zeigen, wie er sein "Wächteramt" ausübt. Er kann Leitbilder vom ordentlichen Menschen und dessen Herstellungsverfahren aufstellen. Er kann Exempel statuieren und klarstellen, was er sich bieten läßt und was nicht, was er insbesondere als Fall der "Verwahrlosung" ansieht, die zum Eingriff führt. Die Organisation des Pflegekinderwesens und der gesamten "Fürsorgeerziehung" ist aber nur diskutierbar, wenn man die Strukturen der "Nachwuchsaufzucht" und der Kinderpflege insgesamt ins Blickfeld nimmt. Zu den geringen Kenntnissen aus der alten Geschichte gehört wenigstens etwas über die "spartanische Erziehung". Wer von den in Platons 'Politeia' entwickelten Ideen sonst nichts weiß, erinnert zumindest Platons Vorstellungen der Kinderaufzucht. Aus den vergessenen Versuchen einer gesellschaftlichen Neuorganisation in den Gründungsjahren des modernen Israel erinnert man immerhin ein wenig über die Kibbuzerziehung, vielleicht sogar etwas über die von Bruno Bettelheim ausgelöste Diskussion über die "Children of the Dream", die "Kinder der Zukunft".

Nun haben wir in dieser auf die Philosophie und Theologie des Heiligen Thomas von Aquin gegründeten Kultur den Vorrang der Erziehung in der Familie, ein Prinzip, bei dem auch ganz kirchendistanzierte Autoren die markigsten Formulierungen nicht scheuen. "Kindliche Existenz ist mit familialer Sozialisation unverrückbar verknüpft."

In der Tat: Die Familie ist als Sozialisationsagentur konkurrenzlos, und zwar in erster Linie unter Kostengesichtspunkten. Familienerziehung ist - solange sie einigermaßen funktioniert - die billigste Art der Kinderaufzucht. Nirgendwo findet man so billige, opferbereite Arbeitskräfte. Eltern müssen ihre Kinder unter äußersten, in keinem Lebensbereich sonst irgendjemandem in vergleichbarer Weise zugemuteten Opfern selbst ernähren und erziehen. Das Elternpaar mag zusehen, wie es die eingebrockte Suppe auslöffelt, mag zusehen, wie es irgendwie über die Runden kommt. Eltern leben einen Großteil ihres Lebens, mindestens aber 2 bis 3 Jahrzehnte in der Durststrecke, in aufgezwungener Sparsamkeit, die oft an Armut grenzt, in unfreiwilliger Isolation und immer hart am Rande des Zusammenbruchs. Sind kleine Kinder da, können sie nicht "ausgehen", weil der Babysitter zu viel kostet. Wenn sie für große Kinder die Ausbildung bezahlen, können sie erst recht keine großen Sprünge machen. Ist die Durststrecke überstanden, sind sie meistens verbittert und verbraucht, ruiniert und bald am Ende.

Von dieser Regel gibt es Ausnahmen nach oben und nach unten. Eine vergleichsweise winzige Schicht der "oberen Zehntausend" kann sich freikaufen. "Internate", "Landschulheime" und dergleichen bieten und leisten gegen teures Geld auf vertraglicher Basis und ohne Jugendamt, Pfleger und Vormundschaftsgericht eine "Fürsorgeerziehung" (im faktischen, also nicht juristischen Sinne). Insofern sich hier Kinder überwiegend reicher Leute mit einigen ausgewählten ~Stipendiaten" treffen, wird zugleich auch die Frage der Sozialisation der "Eliten" geregelt, deren politischen Charakter die Auseinandersetzungen um den Erziehungsstil der englischen Public Schools deutlicher zeigen als die viel esoterischer geführte deutsche Landschulheimdiskussion. Die Abweichung nach unten ist die "Fürsorge" im eigentlichen, technischen, juristischen Sinne, die klassische "Fürsorgeerziehung". Damit in geburtenarmer oder durch toleriertes organisiertes Säuglingssterben menschenknapper, aber menschenverbrauchender Zeit das gefährdete Kind aus "asozialem Milieu" nicht vollends "verwahrlost", wird es "Fürsorgezögling". Während man der überlasteten Familie auch am Rande des Zusammenbruchs keinerlei Unterstützung und Fürsorge zukommen ließ, solange sie ohne Skandalon und ohne öffentlich bemerkte Dysfunktionalitäten über die Runden kam, beginnen im Falle des endlich eingetretenen Unfalls die Mittel bald etwas reichlicher zu fließen. Für alle Beteiligten, Klienten wie Agenturen, ist das Geschäft mit dem geschehenen Unfall lukrativer als die Unfallverhütung. Jeder Fall von Verwahrlosung setzt Mitarbeiter der Fürsorge in Brot. Das System "Fürsorge" lebt besser von der Verwahrlosung, die schon eingetreten ist, von den Unfällen, die schon geschehen sind, als von den vermiedenen. "Private Fürsorge" erlaubt es jedermann, "karitativ" tätig zu sein, wobei auch für jede aus irgendeiner privaten Lebensphilosophie oder Sozialutopie abgeleitete Marotte öffentliche Gelder locker gemacht werden können. "Öffentliche Fürsorge" als ein mit allen Privilegien für die dort als Angestellte oder Beamte beschäftigten Personen ausgestatteter Bereich der öffentlichen Verwaltung gewinnt mit der Zahl der Opfer einen Zuwachs an Bedeutung und am Budgetanteil, an politischem Stellenwert, an Beförderungschancen etc. Jedermann weiß, daß bei präventiver Familienfürsorge, durch Beratungs-, Entlastungs- und Unterstützungsdienste sowie durch wirksamen finanziellen "Familienlastenausgleich" mit einem Bruchteil der Mittel, die für die Betreuung und Resozialisation der Systemopfer ausgegeben werden, weit mehr Effektives, Konstruktives, Produktives erreicht werden könnte. Hätte man der Familie rechtzeitig gegeben, was sie zum Durchhalten braucht, wäre der Schaden nicht entstanden oder jedenfalls alles viel billiger gekommen. Aber das wäre wider die Logik der Eigeninteressen der Agenturen der Fürsorge, die ihre Klienten und Opfer brauchen, um ihren Anteil an der Macht zu steigern.

Nun ist der Staat als vorbeugender Wohlfahrspfleger kaum weniger furchtbar wie als Wächter. Die neuere Geschichte kennt in unserem Raum einen hervorragenden Fall vorbeugender Familienhilfe. In dem "Roten Wien" der zwanziger und frühen dreißiger Jahre wurde unter dem Stadtrat Julius Tandler ein dichtes Netz vorbeugender Wohlfahrtseinrichtungen geschaffen. Familienpolitik war die systematische Durchdringung der kommunalen, Finanz-, Sozial- und Kulturpolitik mit familienbezogenen Zielsetzungen, wobei diese nach Tandlers eigenen Erklärungen wieder durch das Leitziel der "Hebung der Aufzuchtziffern" bestimmt war, die eben eine ganze Reihe von Veränderungen und Verbesserungen des sozialen, ja auch des sogenannten "moralischen Milieus" notwendig machten. Die beiden Hauptprinzipien des "Wiener Systems" waren also die Familienbezogenheit aller Fürsorge ("Die Familie muß, wo es irgend möglich ist, in ihrem Bestande erhalten und geschützt werden") und die "erzieherische" Komponente ("Jede Unterstützung aus Mitteln der Gemeinde ist zur Sicherung ihres Erfolges durch eine planmäßige fürsorgerische Beratung der Unterstützten zu ergänzen" - nach Pirhofer/Sieder, "Zur Konstitution der Arbeiterfamilie im Roten Wien", in Mitterauer/Sieder, Historische Familienforschung, Frankfurt, 1982). Gerade das Beispiel des "Roten Wien" zeigt also die Gefahren einer vorbeugenden Wohlfahrtspflege.

Im damaligen Deutschland waren die Träger der größten und wichtigsten Einrichtungen der "Jugendwohlfahrt" immer noch die Kirchen bzw. die kirchenabhängigen Organisationen. Sie hatten geschlossene Anstalten, suchten aber bei der Überfüllung für die weniger schlimm Gefährdeten oder schon einigermaßen Resozialisierten über ihre amtlichen und freiwilligen kirchlichen Mitarbeiter stets geeignete Familienpflegestellen. "Fürsorgezöglinge" waren in den Städten und noch mehr in den Dörfern als billige Arbeitskräfte sehr begehrt. Indem die kirchlichen Mitarbeiter darüber entschieden, wer ein Pflegekind bekam, wie lange er es behielt und ob er beim Erreichen der Volljährigkeit des ersten ein zweites bekam, erwuchs ihnen in der Gemeinde eine gewisse Machtstellung, und dies auch noch in den Zeiten, in denen die sonstigen kirchlichen Dienstleistungen weniger nachgefragt waren und die Versagung weiterer geistlicher Wohltaten kaum jemanden noch schreckte. In den schlimmen Hungerjahren der Nachkriegszeit konnte von dem relativen Wohlstand der bäuerlichen Pflegefamilie auch für den Vermittler getrost etwas abfallen. Bäuerliche Küchenabfälle haben so manche kirchliche Beamtenfamilie vor der völligen Unterernährung und vor Tuberkulose bewahrt. Ihnen verdankt der Autor sein Leben. Es ist natürlich eine gemeine Lüge, wenn behauptet wird, Pflegekinder seien damals in X nur für ein ganzes Schwein zu haben gewesen. Das hätte, wenn schon nicht die Unbestechlichkeit der kirchlichen Amtswaltung, so wenigstens die Zwangsbewirtschaftung des Schlachtviehs gar nicht zugelassen.

Nun gab es als Auswirkung der Erschütterungen des "Zusammenbruchs" und der Nachkriegszeit eine kurze Sternstunde großartiger Neuansätze auch in der Erziehungswissenschaft. Die erst von Hermann Nohl, später von Hellmut Becker und Elisabeth Heimpel herausgegebene Zeitschrift "Die Sammlung" (später "Neue Sammlung") spiegelt ihre Anliegen, Diskussionen und Themen besonders eindrucksvoll. In diesem Klima entstanden die Neuauflagen der grundlegenden großartigen Konzepte einer alternativen Jugendarbeit, an welche die späteren "kritischen Pädagogen" der Studentenbewegung, nicht ohne sie als "bürgerlich" zu diffamieren, anknüpfen konnten. Gero Becker, Martin Bonhoeffer und Peter Widemann, um nur drei aus dieser Gruppe engagierter und bis zur äußersten Überanstrengung sich einsetzender Erzieher und Heimleiter zu nennen, benutzten dabei den Begriff der "Ersatzfamilie" zunächst nicht für die Pflegefamilie im Sinne der §§ 27-34 JWG, § 1632 IV BGB, sondern als Leitbild einer alternativen Heimerziehung auf den Spuren der SOS-Kinderdörfer Hermann Gmeiners. Nachbildung der Familienstrukturen im Heim war noch die Idee des Kongresses "Kinder in Ersatzfamilien" in Berlin 1975, in dessen Schlußsitzungen mit nochmals vergeblichen Appellen die rasche Verabschiedung des neuen Jugendhilfegesetzes gefordert wurde.

In den für die Jugendpflege zuständigen Agenturen des Staates bildete sich der Doppelcharakter der "Fürsorge" als Kontrolle, Polizei, Verwaltung einerseits, als sozialpädagogisches Wirkungsfeld andererseits stets schon in der hierarchischen Behördenstruktur ab. Die Arbeit des Sozialarbeiters und Sozialpädagogen mit dem Klienten, also der Familie und ihrem Indexstörer steht unter der Aufsicht und Kontrolle des Vorgesetzten und letztlich des Amtsleiters, der fast immer Jurist ist. In Streitfällen wird die Entscheidung der in ihre verschiedenen Zuständigkeiten aufgesplitterten Justiz eingeholt, die zwischen dem Mythos der "blutsmäßigen Abstammung" einerseits und den oben skizzierten Wächteramtsansprüchen andererseits hin- und hergerissen war und sich auf der Ebene der berüchtigten "Eingewöhnungsformel" für das jeweils Richtige entschied. Was in der Juristenausbildung als "Integration der Rechts- und Sozialwissenschaften" versucht wurde und gescheitert ist, blieb in der Jugendarbeit nach wie vor kritischer Anspruch, den insbesondere die Berufsanfänger immer wieder als Störfaktor einbrachten, bis sie sich endlich in die Machtverhältnisse fügten, bis sie begriffen und resignierten, kapitulierten oder reüssierten.

In dem Scheitern der Studentenbewegung und in dem ihr folgenden Scheitern der sozialliberalen Koalition konnten dann auch die Reste der kritischen Nachkriegspädagogik in einem Aufwasch weggespült werden. Die Sozialarbeiter erfuhren nun doppelt wirksam die Macht der Juristen, die sich ihrerseits durch rasche Aufnahme des sozialpädagogischen Vokabulars längst gegen die kritischen Potentiale der Sozialwissenschaft immunisiert hatten. Eine Zeitlang schöpften manche Sozialarbeiter noch eine gewisse Durchhaltekraft aus "alternativen" Fortbildungsveranstaltungen, wie sie von einigen letzten versprengten Gruppen "emanzipatorischer" Sozialarbeit zur Verarbeitung der deprimierenden Erfahrungen im Berufsfeld und zum Einüben von Überlebensstrategien damals noch organisiert werden konnten, bis auch hier der "Deutsche Verein für öffentliche und private Fürsorge" mit seinem Fortbildungswerk die neuen Maßstäbe setzen und durchsetzen konnte. Selbstverständlich kam auch das im Bundestag schon beschlossene Jugendhilfegesetz am Ende nicht durch.

Begleitmusik zu diesem Trauerspiel war der Import von Bruchstücken aus der Theorie und Praxis der Jugendhilfe in den Vereinigten Staaten. An der raschen Verbreitung der Formel von der "am wenigsten schädlichen Maßnahme" aus "Jenseits des Kindeswohls" von Goldstein/Freud/Solnit läßt sich besonders schön nachweisen, daß Rechtswissenschaft und Rechtspraxis sehr wohl mit neuen Formeln auf alten Gleisen fahren, sich dabei gegen Angriffe tarnen und gegen weitergehende Reformansprüche immunisieren können - "sehr zum Wohle des Pflegekindes".

Erschienen in: Familiendynamik. Interdisziplinäre Zeitschrift für systemorientierte Praxis und Forschung, 15. Jahrgang, Heft 2 - April 1990, Stuttgart, S. 149-155.


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Impressum Stand: 20. Juni 2006, ee