Neujahrskonzert der Braunschweiger Drehorgelfreunde

Barcarole und "Figaros Hochzeit"

[Photo: R. Flentje] Der Wahrheitsgehalt der von Michail Gorbatschow kreierten Lebensweisheit mit der Substanz zum Spruchklassiker, "Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben", bestätigte sich mal wieder am Samstag abend in der Petrikirche.

Beim Neujahrskonzert der Braunschweiger Drehorgelfreunde war nämlich schon kurz vor Konzertbeginn kein Sitzplatz mit unverstellter Sicht auf die Drehorgeln mehr zu bekommen. Von dem Andrang war selbst der Moderator des Abends, Carl Ludwig Lampe, Pfarrer von St. Jakobi, der ebenfalls eifrig die Kurbel drehte, gleichermaßen überrascht und erfreut.

Bekannte Märsche, Polkas oder Walzer aus der Drehorgel-Literatur von Strauß, Carl Michael Ziehrer oder Jaques Offenbach (Barcarole aus Hoffmanns Erzählungen) zählten zu dem heiteren Programm, das die sieben Mitwirkenden - Gitli-Ingrid und Manfred Glaß, Heinz Hüsemann, Carl Ludwig Lampe, Horstwaldemar Wehlitz, Veronika Upmann und Horst Rohmann - mit sicherem Griff für den populären Unterhaltungswert ihrer Orchesterformation zusammengestellt hatten. "Rosen aus dem Süden", "Barcarole" oder die "Feuerfest-Polka" von Josef Strauß spielte Horst Rohmann mit dem richtigen Dreh auf seiner Konzertorgel allein, während Heinz Hüsemann seine halbmechanische Zither, ein Exot unter all den Drehorgeln, mit dem "Bummelpetrus" vorstellte. Professionell, wie man es von einem Pastor gewohnt ist, moderierte Lampe das bunte Programm, das viele der älteren Semester unter den Zuhörern in die unmittelbare Nachkriegszeit entführte, als Drehorgelspieler und andere Musizierende zum Geld oder Lebensmittelerwerb durch die zerstörten Städte oder unzerstörten ländlichen Gemeinden Deutschlands zogen.

Die ganze Klangfülle und die Bandbreite mechanischer Möglichkeiten vermittelte das Orchester mit feinabgestimmtem Kollektivdreh in der Ouvertüre zu "Figaros Hochzeit" von Wolfgang Amadeus Mozart. Während auch schon in den vorangegangenen Musikstücken des Konzertes zaghaft etwas mitgeklatscht wurde, zeigte der Radetzki-Marsch (Joh. Strauß sen.) als Zugabe wieder seine magische Wirkung als "Klatschmarsch".

Auch zur Jahrtausendwende soll es wieder ein Neujahrskonzert bei freiem Eintritt geben, und dann sollte man sich rechtzeitig einen Platz sichern. Aber vielleicht geben die Drehorgelfreunde schon vorher ein Platzkonzert in der Braunschweiger Innenstadt. cbe

Braunschweiger Zeitung (Feuilleton) vom 4.1.1999


Drehorgelfreunde Musik in Braunschweig
Impressum, http://bs.cyty.com/drehorgl/df010199.htm, Stand: 5. Januar 1999, jk