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[Kirche von Unten]

Alternatives aus der/ für die
Braunschweiger Landeskirche


Die Kirchenvorstandswahl März 2006
in der Braunschweiger Landeskirche




Einige Beobachtungen zum Ergebnis der Kirchenvorstandswahl in absoluten Zahlen

Der erste Überblick zeigt, daß erwartungsgemäß auf den letzten 100 Plätzen (Nr. 312 – 413) die kleinen Kirchengemeinden mit prozentual weit überdurchschnittlicher Beteiligung liegen (von den Ausnahmen Nr. 317; 332; 341 abgesehen), hingegen auf den ersten 100 Plätzen (Nr. 1-100) jene 47 Kirchengemeinden in den Blick kommen, die zwar prozentual unter dem landeskirchlichen Durchschnitt von 24,4 % liegen, aber doch sehr viele Gemeindemitglieder zum Wahlgang bewegt haben und im Folgenden Gegenstand der Beobachtung sind.

a) In 22 Kirchengemeinden sind zwischen 500 und 877 Gemeindemitglieder zu den Wahlurnen gekommen (Nr. 1-22). Sie stammen aus elf Propsteien, und zwar aus Dörfern, aus den für die Landeskirche typischen mittleren Landstädten, den Städten mit Propstsitzen und dem Stadtrand und der Innenstadt Braunschweigs. Also Querbeet. Es überwiegen indes die Kirchengemeinden aus den größeren Städten Seesen, Bad Gandersheim, Bad Harzburg, Goslar, Vorsfelde, Wolfenbüttel, Königslutter und Braunschweig.

Spitzenreiter in dieser Kategorie ist die Andreasgemeinde in Seesen (Nr. 1). Die einen mögen sagen: kein Kunststück bei 6.901 Gemeindemitgliedern, 5.750 Wahlberechtigten und drei amtierenden Pfarrern, darunter einer mit Amtsbonus eines Propstes. Ich finde es trotzdem sehr beachtlich, an einem Tag 746 Gemeindemitglieder in Richtung Gemeindehaus zu bewegen. Am Nachmittag mag ein Konzert in der Andreaskirche noch manche Wahlberechtigte in Richtung Wahlurne gelockt haben. Ich denke vor allem an den Aufwand im Gemeindehaus selber und an die dort tätigen Wahlhelferinnen und Wahlhelfer. Für diese ist die Höhe der Wahlberechtigten gleichgültig. Arbeit machen die vielen, die kommen. Ich finde es daher unberechtigt, daß Pfr. Weißer, einer der drei Seesener Andreaspfarrer, sich über das Ergebnis (15,25 %) sehr enttäuscht zeigte. Weißer hat südafrikanische Verhältnisse vor Augen, geht in diesem Jahr auch wieder dorthin zurück, aber die charismatische volkskirchliche Optik wird den Braunschweiger kirchlichen Verhältnissen nicht gerecht.

Ähnlich wie in Seesen ist die Lage in Bad Gandersheim (Nr. 2) und in Bad Harzburg bei der Martin Luthergemeinde (Nr. 4). Jeweils drei Pfarrstellen, Pröpstinnenbonus, weites volkskirchliches Umfeld.
Aber 813 (Bad Gandersheim) und 728 (Bad Harzburg) Gemeindemitglieder zu einem eigentlich langweiligen Wahlakt zu bewegen, bleibt m.E. sehr viel und erfordert eine große Mobilisierung an Helferinen und Helfern, um bei den Hunderten einen einladenden Eindruck von der Gemeinde zu hinterlassen, und es ist ein erheblicher Unterschied, ob 877 Stimmzettel mit 14 Kandidaten (Seesen) und 813 Stimmzettel mit 13 Kandidaten (Bad Gandersheim) ausgezählt werden oder 100 bis 200 Stimmzettel in Gemeinden mit über 50 prozentiger Wahlbeteiligung.

Von den 22 Kirchengemeinden stammen sieben aus Braunschweig, sowohl Innenstadt (St. Johannis), Stadtrand (Wichern, Riddagshausen, Martin Chemnitz), dem besonderen Stadtteil Weststadt und den eher Vorstadtgemeinden wie Volkmarode und Wenden, die beide schon der Propstei Königslutter zugehören, aber von der Vorstadtlage Braunschweigs geprägt sind.

Die größte unter ihnen, die Weststadt (Nr. 11), mit 7.258 Wahlberechtigten und dreieinhalb Pfarrstellen, brachte mit 459 Gemeindemitgliedern auch die meisten Wählerinnen und Wähler ins Gemeindehaus. Es ist gut, wenn die Arbeit der unter besonderen Bedingungen einer in den 60 Jahren hochgezogenen Trabantenstadtgemeinde in den Blick kommt und nicht wegen ihrer 8,21 Prozent unter „ferner liefen“ abgehakt wird. Die Weststadt hatte ein einziges Wahllokal im Gemeinderaum der Emmauskirche, Pfarrer und Pfarrerin waren Ansprechpartner am Nachmittag. Viel zusätzliche Arbeit machte das Austragen des Bischofsbriefes an die Jungwähler. Das Auszählen der insgesamt 733 Wahlzettel (davon 137 Briefwähler, aus der Weststadt flüchtet man übers Wochenende aus der Trabantenstadt ins Grüne und Freie und wählt dann vorher per Brief) dauerte gut zweieinhalb Stunden, denn 15 Kandidaten standen auf jedem Wahlzettel. Die Wählerinnen und Wähler wurden nicht als viel empfunden, weil die meisten von ihnen sich vor und vor allem nach dem Gottesdienst an die Wahlurnen drängten. Hier ist also weniger von spektakulären Methoden und Besonderheiten zu berichten, sondern es soll nur auf den vermehrten Arbeitsanfall aufmerksam gemacht werden.

Ebenso als „normal“ empfanden die Vienenburger (Nr. 6) ihre 630 Wählerinnen und Wähler. Beide Pfarrbezirke, in denen Pfr. Brinkmann und Lehmann amtieren, hatten je ein Wahllokal, die Kandidaten hatten selber die Wahlbenachrichtigungskarten verteilt. Der Diakon kümmerte sich um die Jungwähler.

Unter den zu Braunschweig zu rechnenden Kirchen gehört auch Volkmarode (Nr. 5), das indes seinen Dorfcharakter noch nicht verloren hat. Die 577 Wählerinnen und Wähler, die in den im Pfarrhaus untergebrachten Gemeinderaum strömten, sind möglicherweise noch bewegt von der seinerzeit ziemlich aggressiven volksmissionarischen Arbeit von Pfr. Konrad Frenzel (1972 – 1992) und geprägt von der ganz anders volksnahen und ideereichen, nunmehr über zehnjährigen Gemeindearbeit von Pfrin. Christina Koch (seit 1995). Bei nur 2.058 Wahlberechtigten ist auch die dortige Wahlbeteiligung für die Stadt und auch für die Propstei Königslutter, zu der Volkmarode sinnigerweise gehört, sowohl prozentual wie auch in absoluten Zahlen weit überdurchschnittlich.

Es bleibt in dieser Gruppe ein großer Unterschied, ob die Stiftskirchengemeinde Königslutter (Nr. 22) mit 1.923 Wahlberechtigten und einem Pfarrer 500 Wählerinnen und Wähler auf die Beine bringt oder die Braunschweiger Johannisgemeinde (Nr. 21) bei 4.358 Wahlberechtigten mit zwei Pfarrerstelleinhabern fast genauso viele, nämlich 507 Wählerinnen und Wähler. Für die Ehrenamtlichen beider Gemeinden indes ein erheblicher Arbeitsaufwand.

In dieser Gruppe sind nicht nur die Städte, sondern auch auch Dörfer vertreten, an dritter Stelle Wendeburg (Nr. 3), das enorme 734 Wahlberechtigte bewegte, und damit Spitzenreiter in der Propstei Vechelde ist. Dort amtiert seit 28 Jahren (1978) der 63 jährige Pfr. Dr. Otto Pfingsten, bekannt geworden durch die für einige Monate aufgebaute ökumenische Autobahnkirche. Pfr. Pfingsten hatte für die 1.961 Wahlberechtigte drei Wahllokale eingerichtet, eines im Wendeburger Gemeinderaum, ein zweites in der Gaststätte „Zur Linde“ in Zweidorf und ein drittes in Wendezelle in der Gaststäte „Wendeceller Stübchen“. Die drei Ortsteile sind längst zusammengewachsen. Neuhinzuziehende merken von diesen drei „Ortsteilen“ nichts mehr. Aber jeder hat seine Kneipe. Mit einem 3x4 Meter großen Schild, das vorher auf die Autobahnkirche hinwies, warb er nun in der Ortsmitte, ein anderes erinnerte am Ortsausgang an die Kirchenvorstandswahl. Alle Kirchenvorsteher und 12 Kandidaten trugen die Wahlbenachrichtigungskarten und eine Sonderausgabe des Gemeindebriefes, straßenweise eingeteilt, in die Häuser. Pfingsten hat seine Fühler weit in die Vereine am Ort ausgestreckt, er redet beim Volksfest und Schützenfest, aktiviert auch Feuerwehr und Gesangverein. Die beiden Gaststätten als Wahllokale mit Kaffee und Kuchen und wohl auch mal ein Freibier sind für die eher Kirchenfernen durchaus verlockend. Nebenbei wird dann auch gewählt. Man kann eine ganz andere Auffassung von Kirche und Gemeinde haben und fragen, was Kaffee und Kuchen und Freibier mit dem Evangelium zu tun haben, aber wenn schon Wahl (und nicht wie in der Urgemeinde Berufung), dann gibt das glänzende Wahlergebnis den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der Kirchengemeinde Wendeburg recht. Zum Ausklang nach dem Auszählen der insgesamt 788 Stimmen ( davon 54 Briefwahl) gabs eine Wahlparty.

Nirgends ist der Anteil der Briefwähler höher als in dieser ersten Gruppe. Es sind zwölf Gemeinden mit über 100 Briefwählern, davon zwei mit über 200. Das kann eine Anregung für viele andere Kirchengemeinden sein.

b) Bei den 27 Kirchengemeinden zwischen 400 und 500 Wählerinnen und Wählern (Nr. 23 - 49)
rücken andere, bisher nicht erwähnte Stadtkirchengemeinden wie Pauli, Braunschweig (Nr. 37), Stephani in Goslar (Nr. 25), Trinitatis in Wolfenbüttel (Nr. 26), Mariae-Jakobi Salzgitter Bad (Nr. 34) und Vechelde ( Nr. 42) in den Vordergrund, aber auch größere Dörfer wie Bortfeld (Nr. 24), Gittelde (Nr. 30), Immenrode (Nr. 33), Kreiensen (Nr. 35), Schlewecke (Nr. 44), Badenhausen (Nr. 45), Greene (Nr. 48) und Othfresen (Nr. 49).
Ich greife zwei Kirchengemeinden heraus, in denen ein Pfarrerehepaar tätig ist. In Immenrode amtiert Ekkehard Hasse, seine Frau Pfrn. Dagmar Hinzpeter in der Filialgemeinde Weddingen, zwei Kirchengemeinden mit zusammen 1.587 Gemeindemitglieder, 2000 waren es noch 1.674. Obwohl in Immenrode die Zahl der Wahlberechtigten entsprechend von 985 auf 909 zurückging, schnellte die Zahl der Wähler von 402 auf 443 um 7.92 %P. herauf.
In der Stephanigemeinde, Goslar, amtiert das Ehepaar Reinhard und Bärbel Brückner, 2.865 Gemeindemitglieder, 2000 noch 3.366 Mitglieder. Die Zahl der Wahlberechtigten fiel um 200 von 2.775 auf 2.533, trotzdem schnellte die Zahl der Wähler von 262 auf 481 herauf, die Zahl der Briefwähler verdoppelte sich fast von 34 auf 64 und die Wahlbeteiligung stieg von 9,44 % auf 18,99 %. „Die Leute rennen uns die Bude ein“, berichtete ein Wahlhelfer der Ortspresse um die Mittagszeit.
In beiden Kirchengemeinden ist also zu beobachten, daß trotz sinkender Gemeindemitgliederzahlen und Zahl der Wahlberechtigten mehr Wähler als bei der vorhergehenden Wahl zu mobilisieren sind.


Fazit

Die durch die prozentuale Berechnung in der Bewertungskala weit nach hinten gerückten Stadtgemeinden werden in ihrem Arbeitsaufwand und der Mobilisierung der kirchlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter erst durch den Blick auf die absoluten Wählerzahlen gewürdigt.
Vor allem in den Städten der Landeskirche macht die große Zahl der Wählerinnern und Wähler die größte Arbeit.




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Impressum  http://bs.cyty.com/aktuell/absolut3.htm, Stand: April 2006, dk

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