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[Kirche von Unten]

Alternatives aus der/ für die
Braunschweiger Landeskirche


Die Kirchenvorstandswahl März 2006
in der Braunschweiger Landeskirche



Einige Beobachtungen zur Kirchenvorstandswahl im Allgemeinen

Vorbereitung und Durchführung
Der Tag der Kirchenvorstandswahl wurde in sehr vielen Kirchengemeinden als Volksfest und Kirchenfest geplant und auch durchgeführt.. Es war der Abschluß einer sehr langen Vorbereitungszeit, in der für die Teilnahme an der Kirchenvorstandswahl geworben wurde. Der Wahltag war wie ein Gemeindeausflug zur Wahlurne und mit anschließendem Treffen und Zeit nehmen. In den Gemeinderäumen war Gelegenheit zum Erzählen und Austauschen untereinander und mit der Pfarrerin und dem Pfarrer, es wurde Kaffee und Kuchen gereicht. Es wurden Konzerte in den Kirchen angeboten: in Seesen musizierte in der Andreaskirche am Nachmittag der Propsteiposauenchor, in Schladen das Mandolinenorchester Nordharz, in Vorsfelde ein Gospelchor, in St. Lorenz, Schöningen vier Alphörner. In der Petruskirche Vorsfelde lockte ein Kinderfest die wahlberechtigten Eltern, es gab eine Podiumsdiskussion, Jugendliche veranstalteten um die Stephanikirche in Goslar einen längeren Sponsorenlauf, in der Goslarer Frankenberger Kirche wurde Figurentheater und Livemusik geboten.
In Vorsfelde war die von Landeskirchlichen Archiv besorgte Ausstellung über die Geschichte der Kirchenvorstände in unserer Landeskirche aufgebaut, die seit Monaten in den Propsteien gezeigt wurde.
Diese wenigen Beispiele müßten in einem umfassenden Bericht fortgesetzt werden. Sie könnten Seiten füllen.

Vor den Gemeindehäusern und vor den Kirchen machten schon lange vorher breite, blaue Spruchbänder auf den Wahltag aufmerksam. Wer kirchlich interessiert ist, wußte Bescheid.

Der Wahltag wurde mit einem oft besonders gestalteten Gottesdienst eingeleitet oder gar unterbrochen, weil schon vor dem Gottesdienst Gelegenheit zum Wählen für die Eiligen gegeben wurde. Der im Anhang befindliche Gottesdienstplan für die Propsteien Helmstedt und Königslutter meldet 13 mal ausdrücklich einen Gottesdienst mit Verweis auf die Kirchenvorstandswahl an. Sehr oft ist der Gottesdienst mit der Vorstellung der Konfirmanden verbunden worden oder es heißt: „Gottesdienst zur Kirchenvorstandswahl“ (Stadtkirche Königslutter), „Festgottesdienst zum Auftakt der Kirchenvorstandswahl“ (Stiftskirche Königslutter), „So 18.00 Abendmahlsgottesdienst anschließ. Bekanntgabe des Wahlergebnisses“ (Grasleben), „Gottesdienst zur Kirchenvorstandswahl m. Vorstellung der Konfirmanden“ (Gr. Steinum), „FarfG „Lila“ zur Kirchenvorstandswahl“ (Velpke), sogar neben einem Konfirmandengottesdienst um 10.30 zusätzlich „8.00 WahlAn zu Beginn der Wahl“ und „14.30 „SeniorenG m. Abendmahl“ (Michaelis, Helmstedt). Das wäre eine schöne Aufgabe für die Agendenkommission, die Gottesdienstankündigungen von den anderen Propsteien durchzusehen, sich die auffallenden Gottesdienstentwürfe geben zu lassen und auf das Verständnis von Kirche und Kirchenvorstand hinzu analysieren.

Gewählt wurde in Stadt und Land in der Regel in den Gemeindehäusern, Pfarrhäusern und Kirchen; aber auch im Dorfgemeinschaftshaus (Bentierode, Orxhausen), im Vereinshaus (Billerbeck), im Bürgerhaus (Beulshausen), im Schulungsraum der Feuerwehr (Wolperode), im Feuerwehrgerätehaus (Seboldehausen), sogar in Privathäusern, z.B. in Fürstenau bei Familie Gartung (9 bis 15 Uhr), in einem zu einem großen Raum umgebauten Kuhstall, weil das Feuerwehrhaus baufällig ist.

Berichterstattung
Die Berichterstattung der Regionalpresse war ganz ungewöhnlich intensiv, und zwar schon lange vor der Wahl und auch nach dem Wahltag Unsere kleine Landeskirche ist das Verbreitungsgebiet von wenigstens elf Zeitungsausgaben.
Voran die Braunschweiger Zeitung mit ihren Lokalredaktionen in Braunschweig, Wolfenbüttel, Salzgitter, Helmstedt und Vorsfelde, die Goslarsche Zeitung, das Gandersheimer Kreisblatt, der Seesener Beobachter, die Wolfsburger Allgemeine Zeitung, die Peiner Nachrichten und die Peiner Allgemeine Zeitung. Die Aufmerksamkeit für kirchliche Nachrichten ist immer noch sehr hoch.

Im Folgenden eine Auswahl:
schon am 9.2. berichtete halbseitig mit Foto die Helmstedter Lokalseite der BZ „Kirchenvorstände: Wahl rückt näher.“ Am 16. Februar erschien in der Goslarschen nach Abschluß der Kandidatensuche ein Artikel unter der Überschrift „Wer suchet, der findet“, mit Äußerungen von Pröpstin Merz, Propst Liersch, des Seesener stellvertretenden Propstes Koch und der Öffentlichkeitsbeauftragten der Propstei Seesen Pfrn. Reich. Die Kandidatensuche wäre nicht immer einfach gewesen wäre. „Kein automatischer Jubel“, lautete eine Zwischenüberschrift (siehe Anhang).
Die Stadtausgabe der Braunschweiger Zeitung veröffentlichte am 15. 3. ganzseitig unter der Überschrift „Sprachrohr für die nachwachsende Jugend“ einen Artikel von Ann Claire Richter eine Vorstellung von drei 18 und 19jährigen Kandidatinnen der St. Georg und St. Markusgemeinde mit Foto vor einem Kruzifix, dazu Meinungsbilder von sechs älteren Braunschweigern zur Wahl. („Natürlich beteilige ich mich“, „weiß ich gar nicht, bin umgezogen“, „weiß ich noch gar nicht“, „bin Gemeindemitglied“, „weiß nicht so genau“, bin schon vor 20 Jahren aus der Kirche ausgetreten“). (siehe Anhang) Dieser Meinungsquerschnitt konnte als diskreter Hinweis darauf verstanden werden, daß sich die offiziöse Kirchenwerbung im Grunde nur auf die Kirchenahen bezog, aber sehr wenig auf die 70 Prozent der Kirchenfernen und Kirchenfremden.
In der Wochenendausgabe eine Woche vor der Wahl am Samstag, dem 18. März, erschien in der Goslarschen ein ganzseitiger Redaktionsbericht unter der Überschrift „Ein Kampf um Quoten und Kandidaten“ mit Anmerkungen von Propst Liersch (siehe Anhang) und stellte in der Rubrik „Junge Szene“ unter der Überschrift „Mehr als Gottesdienst“ einen achtzehnjährigen und neuzehnjährigen Kandidaten in der St. Petergemeinde, Sudmerberg und Stephanigemeinde, beide Stadt Goslar vor, die dann auch prompt gewählt wurden. Dazu sechs vor allem positiven Kurzmeinungen von 13-16 jährigen zur Frage „Was bedeutet dir Kirche?“
Am 22.3., 23.3 und 24.3. veröffentlichte die Goslarsche dann vorbildlich ganzseitig alle Namen der Kandidaten samt Alters- und Berufsangabe. Das ist vermutlich der engen Verbindung zwischen Propst und Lokalpresse zu verdanken.
Es wäre nicht schlecht, wenn bei der künftigen Wahl 2012 alle Pröpstinnen und Pröpste vollständige Listen mit den Kandidaten ihren jeweiligen Lokalredaktionen zusenden würden. Das wäre eine Erleichterung für die Pfarrämter und auch für die Redaktionen, außerdem eine gute Übersicht für die Wählerinnen und Wähler.

Die Redaktionen reagierten aber auch auf Nachrichten und Fotos, die ihnen von den Pfarrämtern zugeschickt wurden. Wenn dabei nicht nur Name, sondern auch Beruf und Alter angegeben wurden wie auf dem Wahlschein, so erschienen diese auch in der Presse.. Die Wolfenbüttler Zeitung (BZ) veröffentlichte an mehreren Tagen vor dem Wahltag zahlreiche Gruppenfotos von den Kandidaten zur Kirchenvorstandswahl. Unter der Überschrift: „ Frühzeitige Suche nach Kandidaten“ gab die Lokalredakteurin der Peiner Nachrichten vom 21.3. ein Gespräch mit Pfrin Christine Böhm wieder und veröffentlichte dazu alle Namen der Kandidaten mit Ort, Beruf und Altersangabe.

In der Samstagausgabe vor dem Wahltag bot das wöchentliche „Wort zum Sonntag“ eine Möglichkeit für Pröpstin Knotte im Gandersheiner Kreisblatt, für Propst Gleicher im Seesener Beobachter und Propst Weiß im Helmstedter Lokalteil der BZ, zur Wahlteilnahme aufzurufen (siehe Anhang). Die Wolfsburger Nachrichten veröffentlichten in der Samstagausgabe am 25.3. ganzseitig die Namen der Kandidaten der Propstei Vorsfelde und des Kirchenkreises Wolfsburg (Hannoversche Landeskirche) ohne Alters- und Berufsangabe unter der Überschrift „Morgen wählen Protestanten“ mit vier Bildern. Landesbischof Dr. Weber kam am Tag vor der Wahl mit einem Interview auf der Niedersachsenseite der Braunschweiger Zeitung zu Wort: „Ich sage den Wählern: Kommt in Scharen“. Dabei lobte der Bischof die Öffentlichkeitsarbeit auch in den Zeitungen als „vorzüglich“ (siehe Anhang).

Natürlich war die Kirchenvorstandswahl bevorzugtes Thema der Kirchenpresse. Die EZ eröffnete schon am 22.1. mit dem Aufmacher auf Seite eins: „Frisches Grün für die Kirchentür“ mit Foto von grünen und lila Spruchbannern die Wahlkampagne und berichtete in der Folgezeit immer wieder. „Gehen Sie wählen“, mahnte OLKR Kollmar in der Prominentenkolumne in der Wahlausgabe am 26. März. Er dankte allen Kandidatinnen und Kandidaten und hob die Wichtigkeit der Wahl hervor. Eine hohe Wahlbeteiligung unterstütze die große Verantwortungsbereitschaft der Kirchenvorstände. Bei der Veröffentlichung von Namen waren der EZ aus Platzmangel die Hände gebunden. Das rückte sie indes von den kirchlich interessierten Leserinnen und Lesern eher ab, für die sie das eigentliche Organ ist.

Anders erreichten die Gemeindebriefe, die in den Kirchengemeinden an alle Wahlberechtigten verteilt wurden, sowohl Kirchennahe wie Kirchenferne, haben aber als Zielgruppe vor allem die Kirchentreuen und bleibt mit der Vorstellung der Kandidaten auch in diesem Binnenkreis.

Die Regionalpresse war begierig, nach dieser ausgiebigen Vorbereitungsphase auch möglichst bald die Einzelergebnisse zu veröffentlichen. Mangels Nachrichten veröffentlichte sie am Montag nach der Wahl allgemeine Stimmungsberichte vom Wahltag und von den Gottesdiensten wie „Gemeinden setzten Lebenszeichen“ (BZ Lokal Helmstedt 27.3.), „Wettrennen für neue Vorstände“ (Goslarsche 27.3.) „Kinderfeste und Konzerte“ (Wolfsburger Allgemeine“ 27.3.) (siehe Anhang). Einen Tag später kursierte die Meldung der Pressestelle, daß die Kirchenvorstände weiblicher und jünger geworden wären. Die BZ überschrieb die Meldung fett „Gemeinderäte werden jünger“ (siehe Anhang). Die durchschnittliche Wahlbeteiligung war nach Propsteien geordnet. Danach ist die Gandersheimer Propstei wie schon 2000 ganz vorne und die Propstei Braunschweig ganz hinten. Das ist kein sehr fairer Vergleich, weil hier keinerlei gleiche Voraussetzungen vorliegen. Gemessen an den absoluten Zahlen der Wahlbeteiligung strömten die größten Massen gerade in den Städten zu den Wahlurnen.
Die Lokalausgaben brachten genauere, aber unvollständige Ergebnisse ihrer Region (siehe Anhang).
Die beste Information bot die Propstei Lebenstedt mit einem in der Propstei hergestellten Schaubild der Ergebnisse (siehe Anhang) und einer Bewertung durch Propst Kuklik. Wie schon bei den Nachrichten vor der Wahl gaben die Goslarsche Zeitung und der Seesener Beobachter nunmehr die vollständigen Wahlergebnisse in den Kirchengemeinden ihrer Region ganzseitig wieder, im Helmstedter Teil der BZ warten die Leserinnen und Leser noch heute auf eine vollständige Wiedergabe, weil die Ergebnisse ihnen offenbar nicht vollständig übermittelt worden sind. Der Pressesprecher Meerheimb hingegen hatte der Redaktion eine mehr feuielletonistische Zusammenstellung übergeben, die auch abgedruckt wurde (siehe Anhang).

Reaktionen
Im Grunde waren alle ziemlich zufrieden, da die Braunschweiger Landeskirche im Vergleich mit den anderen niedersächsischen Landeskirchen an zweiter Stelle lag und weil sie das Ergebnis von 2000 gehalten und nach einer Neuberechnung sogar geringfügig erhöht hatte.



Gesamtergebnis in Niedersachsen:

Schaumburg Lippe 24,60 %
Braunschweig 24,25 %
Hannover 17,21 %
Oldenburg 14,99 %



„Respektables Ergebnis“ resumierte Propst Kuklik, „Propstei Gandersheim mobilisierte Wahlvolk mit Spitzenbeteiligung“ überschrieb das Gandersheimer Kreisblatt, schrieb nicht zu Unrecht das hohe Ergebnis der von ihm veranstalteten „Kampagne“ zugute und zitierte Pressesprecher Strauss „Wir sind sehr zufrieden“. „Landesbischof Friedrich Weber zeigte sich erfreut über die Wahlbeteiligung, vor allem über die große Beteiligung der Erstwähler unter 18 Jahren“, kolportierte die BZ

Andere zeigten sich enttäuscht davon, daß sich im Durchschnitt 75 Prozent der Wahlberechtigten an der Wahl nicht beteiligt hatten. Dafür gibt es verschiedene Gründe:

a) Das Motto „Kirche lebt durch...“ las sich ziemlich binnenkirchlich. Es wandte sich ausschließlich an jene, die eben in der Kirche bereits leben. Die Kirchenfernen und Kirchenfremden wurden nicht angesprochen. Die Chance, in ganz Niedersachsen auf Plakatsäulen die gesamte Öffentlichkeit einheitlich mit Wiedererkennungseffekt anzusprechen, wurde von den Wahlplanern vertan. Nur die Regionalpresse trug von sich aus das Thema der Kirchenvorstandswahl auch zu den kirchenfernen Leserinnen und Lesern.


b) Die Landeskirchen bedienten vor allem ihre eigene engere Klientel.
Ein gutes Beispiel hierfür war das Wort zum Sonntag von Propst Gleicher am 25.3. im Seesener Beobachter. Darin formuliert der Seesener Propst, daß die Kirche im Grunde und entscheidend durch die Kraft des Heiligen Geistes lebe (siehe Anhang). So richtig diese Bemerkung ist, so unglücklich halte ich sie zum Zeitpunkt vor der Kirchenvorstandswahl. Mancher Zeitungsleser wird sich sagen, dann möge eben der Heilige Geist auch für eine hohe Wahlbeteiligung sorgen.

c) Ein weiterer Grund sind die viel zu hohen, von überkommenen volkskirchlichen Vorstellungen belasteten Erwartungen an das Wahlergebnis. Natürlich ist es schmerzlich, wenn Dreiviertel der Kirchenmitglieder sich an der Kirchenvorstandswahl und an der Arbeit im Kirchenvorstand desinteressiert zeigen. Aber das Ereignis ist m.E. in einem anderen Zusammenhang zu sehen. Der sonntägliche Gottesdienstbesuch beträgt 0,5 – 2 % der Kirchenmitglieder, zu besonderen Gemeindeaktionen sind realistisch etwa 8 –10 % zu aktivieren. An Festtagen füllen 10-25 % der Kirchenmitglieder die Dorf- und Stadtkirchen. In diesem Zusammenhang sind 24 % außerordentlich viel. Nur zur Weihnachtszeit wären mehr als 24 % in den Gottesdiensten, meinten mehrere Pfarrer auf Befragen.

d) Ein vierter Grund wird wenig verhandelt, nämlich: es steht in der Regel überhaupt gar nichts zur Wahl. Welche Alternative zur Wahl wird denn geboten? Es gäbe sehr viele Alternativen: charismatische oder gesellschaftspolitisch ausgerichtete Gemeinde, Theologie der Veränderung oder der Beharrung oder eine harmlose Feld-Wald-Wiesentheologie; ökumenische Offenheit oder konfessionalistische Verdichtung. Aber diese und andere Profile werden bei der Vorbereitung der Wahl und wohl auch bei der Vorstellung der Kandidaten in den Gottesdiensten kaum benannt. Es gibt zwar die Alternativen „altersmäßig jung-alt“, „Frau-Mann“, „neue oder bisherige Kirchenvorsteher“, aber diese Kriterien reichen für sich alleine nicht aus, unterschiedliche Positionen zur Wahl zu stellen. Daher wird auch vor allem um die Beteiligung an der Wahl geworben und nicht für kirchenpolitische oder andere profilierte Inhalte. Weil nichts Entscheidendes zur Wahl steht, beschränkt sich die Teilnehmerzahl auf die 25 % Kirchennahen und –näheren.
Eine Kirchenvorstandswahl würde einige Wählerinnen und Wähler mehr zur Wahlurne locken, wenn sich auch die Pfarrerin/ der Pfarrer alle sechs Jahre zur Wahl stellen würde. Mehr als der Kirchenvorstand repräsentiert möglicherweise ein Pfarrer ein bestimmtes Kirchenbild und Gemeindeprofil. Ich habe das im Wahljahr 1972 durchgeführt, nachdem der Kirchenvorstand ein Jahr vorher wegen unterschiedlicher Auffassungen im Gemeindeprofil zurückgetreten war und ich eine Legitimation für die künftige Gemeindearbeit durch die Gemeindemitglieder wünschte. Auf dem Wahlzettel konnten sich die Wählerinnen und Wähler auf die Frage „Soll sich Pfarrer Kuessner von der Gemeinde trennen?“ für oder gegen ein Verbleiben entscheiden. Natürlich kamen besonders jene zur Wahl, die mich loswerden wollten. Die Wahlbeteiligung schnellte von 17 auf 35 % hoch und ich mußte lernen, mit Leuten zu leben, die mich lieber woanders gesehen hätte, wenn auch nach demokratischen Maßstäben die Zustimmung groß war.


Dass die Kirchenvorstandswahl im Grunde keine Wahlmöglichkeit bietet, ist längst allgemein durchschaut worden. Sie hat vor allem den Charakter eines Plebiszits. Daher wird vor allem um Beteiligung und nicht um Inhalte geworben. Diesen plebiszitären Charakter hat die Kirchenvorstandswahl mit „Wahlen“ in autoritären Systemen gemeinsam. Auch dort wird mangels politischer Alternativen vor allem um hohe Wahlbeteiligung geworben. In der Kirche hingegen drückt anders als in autoritären Systemen der plebiszitäre Charakter die Quote der Wahlbeteiligung nach unten.

Die Evangelische Zeitung brachte am 26. März den Wahlaufruf von Bischöfin Käßmann, den sich alle niedersächsischen Landesbischöfe (im Bild) zueigen machten unter der Überschrift : „Welcher Geist weht in Ihrer Gemeinde?“ Sollte wirklich eine hohe Wahlbeteiligung ein Ausdruck für einen „heiligeren“ Geist sein als eine mittelmäßige oder gar magere Wahlbeteiligung? Sollte ein Vergleich des Durchschnitts unter den niedersächsischen Landeskirchen ernsthaft ein Ausdruck für eine unterschiedliche Intensität des Geistes Gottes unter uns sein? Es weckt eher Wahlmüdigkeit, wenn eine Kirchenvorstandswahl derart theologisch überfrachtet wird.




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Impressum  http://bs.cyty.com/aktuell/allgemein.htm, Stand: April 2006, dk

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