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[Kirche von Unten]

Alternatives aus der/ für die
Braunschweiger Landeskirche

Zum 70. Geburtstag von Kurt Dockhorn
(Download als pdf hier)


Die Erde ist eine Kugel, was die Wissenschaft nicht wissen will

von Eberhard Finke

Dass die Erde eine Kugel ist, hat man lange nicht sehen und glauben wollen. Die Fotos aus dem Weltraum und die wirtschaftliche Globalisierung geben es uns heute unmissverständlich zu verstehen. Mag man diese Kugel für groß oder klein halten, in jedem Fall hat sie, wie alle Kugeln, eine endliche, nicht vergrößerbare Oberfläche, auf die wir als Menschheit angewiesen sind.
Als ich vor geraumer Zeit mit dem Fahrrad hinter Kurt Dockhorn herfuhr, trug er diese Kugel in einer Karikatur auf seinem T-Shirt. Klagt die grau-kranke Erdkugel: „Ich habe homo sapiens.“ Tröstet eine andere, bunt leuchtende und lächelnde Planetenkugel: „Das geht vorüber.“

Was bei Kurt mit seinem jahrelangen politischen Engagement wie heitere Selbstironie wirkt, hat mich doch nicht losgelassen. Das Bild von den Menschen, die sich wie Parasiten vermehren, den Planeten kahl fressen, so ihre Lebensgrundlage zerstören und verschwinden, lauert in den Köpfen. Etwas vornehmer taucht es akademisch auf, wenn es heißt, im Laufe der Erdgeschichte seien schon viele Pflanzen- und Tierarten ausgestorben. Versteht man sich als Christ, so wird das Ganze wohlmöglich noch demütig mit dem Willen Gottes in Verbindung gebracht.
Ist das wirklich alles, was zu sagen bleibt, wenn uns die Grenzen des Wachstums bewusst werden? Ist der homo sapiens angesichts der Kugelgestalt der Erde mit seiner Weisheit am Ende, nicht klüger als Mäuse oder Mikroben? Oder stellt sich der wissenschaftlich orientierte Mitteleuropäer dumm, sieht und sieht nicht (Jesaja 6, 9), von der Wissenschaft allein gelassen?.

Diese Wissenschaft versteht sich überwiegend als Naturwissenschaft. Darum weiss sie, technische oder rechnerische Wege zu finden, wenn Probleme zu lösen sind oder Grenzen sich zeigen. Sogar über die Grenze der irdischen Schwerkraft ist sie damit schon hinausgekommen. Aber es ist eben keine physische Grenze, die mit der Kugelgestalt der Erde gesetzt ist. Diese Grenze bilden die vielen Menschen, die neben und vor allem nach uns leben wollen und sollen.
Für so ein Problem sieht Wissenschaft sich weder vorbereitet noch zuständig. Das stürzt die wissenschaftsgläubige Gesellschaft in Verleugnung, Zynismus oder Schicksalsglauben.

Die Trennung von der Moral

Nun wissen wir immerhin aus der Politik, dass Grenzen sich sehr wohl überwinden oder aufheben lassen, wenn man sie zunächst einmal wahrnimmt und anerkennt. Konkret heißt das: Will man keinen Zwang anwenden oder ihn sogar ausschließen, muss man mit denen jenseits der Grenze verhandeln. Dabei machen beide Seiten Grundbedürfnisse geltend wie Sicherheit, Lebensunterhalt, Freiheit und Gerechtigkeit. Schließlich, soll man sich einigen, wird es außerdem ohne ehrliche Sicht auf das Problem und Entgegenkommen nicht gehen. Das sind ziemlich komplizierte Zusammenhänge, also doch eigentlich etwas für wissenschaftliche Erkundung. Wie z. B. verhalten sich Freiheit und Gerechtigkeit zueinander? Unter welchen Bedingungen sind Entgegenkommen und Ehrlichkeit möglich? Wie lässt sich Gewalt vermeiden u.s.w.? Darauf entgegnet die Wissenschaft jedoch erneut, solche Zusammenhänge seien eine Sache der Moral, der Ethik, vielleicht auch der Philosophie oder gar der Religion. Wissenschaft dagegen habe es mit Gesetzmäßigkeiten zu tun, mit sicheren Befunden und zwingenden Schlüssen. Weil sich Gerechtigkeit oder Entgegenkommen nun einmal nicht erzwingen lassen, müsse Wissenschaft sich hier um der Freiheit willen zurückhalten.

Das klingt verantwortungsbewusst, ist aber auch eine Ausrede. Denn natürlich ist Wissenschaft zur Kritik aller Bereiche verpflichtet und muss, wenn sie das nicht leistet, selbst kritisiert werden. Sie hat einerseits in den letzten 300 Jahren viel Freiheit, Aufklärung und Demokratie bewirkt. Da in früheren Zeiten Herrschaft in Staat und Kirche weitgehend mit Moral und Religion begründet wurde, hat die Wissenschaft mit deren Kritik entscheidend dazu beigetragen, die Monarchen abzusetzen. Leider nur ist es nicht bei einer Kritik der Moral und Religion geblieben. Häufig will man sie als Gegenstand wissenschaftlicher Kritik überhaupt nicht mehr gelten lassen und kann etwa mit der Theologie als wissenschaftlicher Disziplin wenig anfangen.

Die Angst, Herrschaft und Kontrolle zu verlieren

Dazu ist es gekommen, weil man, als die monarchische Herrschaft beseitigt wurde, die Herrschaft selbst durchaus nicht abgeschafft hat. Im Gegenteil, man baute sie nun erst richtig aus, Demokratie als Herrschaft für alle. Anders gesagt: Die drei Forderungen in der Parole der bürgerlichen Revolution: Freiheit – Gleichheit – Brüderlichkeit sind nicht gleichberechtigt erhoben worden. Hatte man doch nach der Befreiung von obrigkeitlicher Bevormundung und Willkür nun selbst für Gleichberechtigung oder Gerechtigkeit zu sorgen. Das war mühsam, und so verschob man die Gleichheit und die Brüderlichkeit. Mit anderen Worten, das Eigentum, vom demokratischen Staat gerade verfassungsmäßig garantiert (Artikel 14 GG), sah sich durch das Erfordernis der Gerechtigkeit und Brüderlichkeit schon wieder in Frage gestellt. Darum hat man dem Eigentum und der darauf gegründeten Freiheit den Vorrang gegeben. Zudem wird das Eigentum eben nicht nur als Schutz vor staatlichem Eingriff gesehen, sondern es soll viel weitergehend überhaupt unabhängig machen von den Mitmenschen:

„Der Eigentümer einer Sache kann, soweit nicht das Gesetz oder Rechte Dritter entgegenstehen, mit der Sache nach Belieben verfahren und andere von jeder Einwirkung ausschließen.“ (BGB § 903)

Jeder Eigentümer also ein König, der über seine Sachen mit der Freiheit herrscht, die vorher dem absoluten Fürsten vorbehalten war.
Aber die Sache hat natürlich auch eine materielle Seite. Wollen und sollen alle wie Könige leben, benutzen sie jenes Eigentumsrecht bzw. jene Herrschaft dazu, um die erforderlichen wachsenden Mengen an Energie, Rohstoffen, Maschinen usw. zu beschaffen oder zu erzwingen. Freiwillig haben die Völker ihre Abgaben von Anfang an nicht geleistet. Selbst Sozialisten und Kommunisten haben optimistisch kaum darüber nachgedacht, dass der Reichtum der Erde bei wachsendem Verbrauch begrenzt ist.
Das Eigentum ist weiträumig abgesichert. Wie es in der Bestimmung des Eigentumsrechts heißt, kann nur ein Gesetz den Eigentümer an seiner Verfügungsgewalt hindern. In der Demokratie ist es oft ein weiter Weg bis zu einem Gesetz. In der Zwischenzeit sind ganze Völker verarmt, der Reichtum der Erde geplündert und die Meere überfischt. Die Schäden sind meistens schon sehr groß, bevor es überhaupt gelingt, ein Gesetz zu verabschieden, und dann muss es auch durchgesetzt werden.
Zudem lässt die Orientierung am Gesetz jene Haltung entstehen, in der viele z. B. bei Smogalarm ihr Auto nur stehen lassen wollen, wenn ein Verbot das erzwingt.

Alltägliche Erfahrung kommt zu Hilfe

Mittlerweile stehen Leben und Zukunft auf dem Spiel. Da wäre zu erwarten, dass Wissenschaft nun doch solch einseitige Orientierung am Gesetz bzw. an Herrschaft zum Thema macht, kritisch hinterfragt und nach Alternativen forscht. Es kann ja nicht sein, dass eine ganze Gesellschaft sich wie jener Raucher verhält, der das Rauchen nicht aufgeben will, weil nicht zwingend bewiesen ist, dass seine Durchblutungsstörungen auf das Rauchen zurückgehen.

Indessen ist es gerade die Wissenschaft, die Beweise fordert und nur Gesetzmäßigkeiten anerkennen will. Wissenschaft will beherrschen, sowohl ihre Methoden wie ihren Gegenstand, und ist insofern auch gewaltförmig. Natürlich sind zwingende Beweise, Berechenbarkeit und Gesetzmäßigkeit notwendig, so oft es darum geht, sicher funktionierende Systeme wie Raumstationen zu bauen oder medizinische Eingriffe zu wagen.

Gerade in der Medizin wird jedoch jedem deutlich, wie unsinnig es wäre, nur da von Wissenschaft sprechen zu wollen, wo man beherrschen, beweisen und erzwingen kann. Im Umgang mit Krankheit stoßen wir ständig an die Grenze des Nachweisbaren und überschreiten sie ganz häufig in der Hoffnung zu helfen und zu heilen. Tatsächlich ist medizinisch-wissenschaftlicher Fortschritt überhaupt nur so möglich. Erfahrungen verdichten sich zu Wissen, auch wenn Beweise vielleicht nie möglich sind. Jenseits der Grenze des Nachweisbaren ist es also nicht dunkel. Man muss nur das Beherrschen-Wollen lassen, ohne gleich in Angst zu verfallen, damit auch die Kontrolle zu verlieren.
Diese Angst lässt sich vielleicht vermindern, wenn man sich erinnert, dass wir uns alle wie selbstverständlich in dem Raum bewegen, in dem wir einander nicht beherrschen oder gesetzlich zwingen können oder wollen, etwa in Nachbarschaft und Freundschaft, in Gruppen und Vereinen und nicht nur dort. So oft wir uns um Tiere oder Pflanzen kümmern, weil wir von oder mit ihnen leben, oder wenn unser Leib durch Krankheit geschwächt ist, wird uns zu verstehen gegeben, dass wir hier nichts erzwingen können. Da wir leben wollen, lernen wir auch, wie wir gebend und nehmend damit umgehen können.
Das gleiche gilt für die internationalen Beziehungen. Zwar gibt es hier das Völkerrecht. Dem aber fehlt das Entscheidende, die übergeordnete Macht, die es durchsetzt und so zu einem Gesetz macht.

Der Wille zum Leben öffnet Möglichkeiten

In all diesen gesetzesfreien Beziehungen haben immer schon viel Klugheit, Einsicht und Erfahrung Regeln entstehen lassen, die als Brauch oder Sitte, Gebote oder Moral weitergegeben wurden. In ihnen ist also viel wertvolles Wissen enthalten, das freilich durchwachsen ist von Missverständnissen und Magie, von Macht- und Herrschaftsinteressen. Die Mühe, die Spreu vom Weizen zu trennen, will Wissenschaft sich bisher nicht machen. Im Optimismus der letzten 250 Jahre, nach und nach alles, Mensch, Natur, Wirtschaft usw. in den Griff zu bekommen, zu beherrschen und gesetzmäßig steuern zu können, geht Wissenschaft an dem alten Erfahrungswissen vorbei. Sie hat Erfahrung verkleinert zur Empirie. Die ist in der sogenannten empirischen Forschung machbar und wiederholbar als Beweis.
Gebote oder Moral dagegen wollen gerade verhindern, dass sich Erfahrungen wiederholen; denn Erfahrungen können bitter sein und das Leben kosten. Das Sterben ist die schlechthin nicht wiederholbare Erfahrung. Nicht zuletzt die Wissenschaft hat bewirkt, dass wir heute Gefahren ausgesetzt sind, die, wenn sie zur Erfahrung werden sollten, alles Vorstellbare übersteigen, z. B. bei der Nutzung der Atomkraft. Statt aber nun gleich in Resignation oder Zynismus zu verfallen, müssten wir nur endlich erwachsen werden, d. h. das wissenschaftliche Interesse auch auf die Endlichkeit richten, also nicht nur auf die Freiheit, sondern auf den Schutz des Lebens, wie es Gebote oder Moral seit je getan haben, auf die Möglichkeit von Gerechtigkeit und Entgegenkommen. Es ist dann möglich, auf dieser Erdkugel allen Menschen ein Leben in Würde und Gleichberechtigung einzuräumen. Diese Zuversicht wird allen Beteiligten das Erlebnis großer Freiheit verschaffen.




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Impressum  http://bs.cyty.com/kirche-von-unten/archiv/Festschrift_Dockhorn/Erde_eine_Kugel.htm, Stand: Dezember 2006, dk

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