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[Kirche von Unten]

Alternatives aus der/ für die
Braunschweiger Landeskirche

Zum 70. Geburtstag von Kurt Dockhorn
(Download als pdf hier)


Mut aus der Zwiesprache

von Eberhard Fincke

1984 ist KIRCHE VON UNTEN hervorgegangen aus den vielen Denkanstößen und Aktionen der Friedensbewegung in unserer Braunschweiger Region. In dieser Bewegung kräftig mitgemischt hat die damals schon 72jährige Eva Bormann. Sie baute ein Friedenszentrum in Heere auf, demonstrierte gegen Atomrüstung und Raketenstationierung, protestierte gegen die Volkszählung bis zur Androhung der Gefängnisstrafe, nahm noch 1990 im Irak und 1993 (mit 83) auf dem Balkan an Aktionen gegen den Krieg teil. Aber alles dies wird nur erwähnt, wenn Leserinnen und Leser der KIRCHE VON UNTEN ihr jetzt wiederbegegnen in dem Büchlein, das Friedrich Grotjahn zusammengestellt und herausgegeben hat.

Thema sind nicht die Taten dieser Frau, sondern wie sie dazu gekommen ist. Heute, da von einer Friedensbewegung nicht gesprochen werden kann und so Manche mit Ermüdung und Resignation kämpfen, ist es um so eindrücklicher zu lesen, wie und woher Eva Bormann damals ihren Mut und ihre Unverdrossenheit hatte. Nicht nur biografisch ist das spannend und bewegend, sondern auch theologisch. Denn was diese Frau in Bewegung gesetzt und gehalten hat, kann nachgelesen werden und bleibt doch jenseits des Wahrnehmbaren. Es ist erwachsen aus dem Zwiegespräch mit einem Toten.

Von 1943 an, nachdem ihr Mann in Rußland gefallen war, hat sie, mit 31 Jahren und 4 Kindern, ihr intensives Tagebuch an ihn gerichtet, und es 1958 abgeschlossen. Mit dieser "Schreiberei", wie sie es nannte, hat sie ihm ihre Erlebnisse und Gedanken mitgeteilt und so zu Erfahrungen werden zu lassen.

Beide, er als Pastor und sie als Pfarrfrau, waren "Deutsche Christen", Nationalsozialisten, die den Militärdienst als "Opfergang" für Deutschland verstanden. Lange hat sich Eva Bormann mit dieser Bereitschaft zum Opfer über den Soldatentod ihres Mannes getröstet. Noch als sie dann in Hitler den Mörder sehen gelernt hatte, wollte sie nicht davon lassen, es sei Gott gewesen, der ihren Mann seinerzeit zum Opfer gerufen habe. Schließlich aber, 1958 wagte sie in "großer Unruhe" den Zweifel auszusprechen, ob Christus mit diesem Opfer in Einklang zu bringen ist.

Dieser Zweifel ist der entscheidende Schritt heraus aus den Selbstverständlichkeiten, in die uns von Jugend an zumeist Angehörige, Freunde und Gesellschaft verstrickt haben, besonders eben unter Hinweis auf Opfer, die notwendig oder unvermeidlich seien. Der Schmerz, ein Opfer der eigenen Opferbereitschaft geworden und die Erleichterung, solchem ideologischen Nebel entronnen zu sein, diese Erfahrung hat Eva Bormann später beflügelt. Wahrhaftigkeit wurde ihr zur Orientierung, und der Jubel über das Erlebnis der Freiheit kehrt in ihren Aufzeichnungen des öfteren wieder, wenn sie der Wahrhaftigkeit gefolgt war, aus der Kirche austrat oder ihre Versicherungen kündigte.

All den Theologen sei es ins Stammbuch geschrieben, die vom Opfer fasziniert sind und auch heute die Deutung des Todes Christi als Opfer aufrecht erhalten.

So manches hat Eva Bormann geholfen, wenn auch zunächst verwirrt, die Bemerkung ihres Mannes "Schlachtfeld kommt von Schlachten", die Lektüre eines Buches über Mahatma Ghandi, der Bergpredigt und nicht zuletzt wiederholte Erlebnisse, gerade wegen ihrer Wahrhaftigkeit abgelehnt zu werden. Ein wichtiges Buch, weil es biografisch dokumentiert, was uns oft abhanden kommen will.



Friedrich Grotjahn (HG.), "ICH HABE MIR GESCHWOREN, NICHT ZU SCHWEIGEN." Die Lebensgeschichte der Eva Bormann.

Mit einem einleitenden Kommentar von Dr. Beate von Miquel, Lutherisches Verlagshaus Hannover 2006, ISBN 3-7859-0964-0, 14,90 Euro.




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Impressum  http://bs.cyty.com/kirche-von-unten/archiv/Festschrift_Dockhorn/Zwiesprache.htm, Stand: Dezember 2006, dk

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