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[Kirche von unten]

Ottmar Palmer (1873 - 1964)

Geleitwort von Landesbischof Dr. Weber

Zum Geleit – aus der Geschichte lernen?!

„Ottmar Palmer – Verantwortung und Rechenschaft“. Die Biographie dieses Mannes liegt nun vor – endlich! Es ist die Geschichte eines Pfarrers und Theologen der Landeskirche in Braunschweig, dessen Leben eine große zeitliche Spanne umfasst – von der herzoglichen Zeit, dem 1. Weltkrieg, der Weimarer Zeit, dem Nationalsozialismus bis in die Zeit der kirchlichen Neuorganisation nach dem 2. Weltkrieg. Es ist die Geschichte eines Mannes, der mit klarem Charakter in seiner Kirche den Kampf um die Kirche geführt hat.

Es gehört zu den Desideraten deutscher kirchengeschichtlicher Forschung, dass zum Thema „Nationalsozialismus und Kirchen“ nur wenige Biographien aus verschiedensten Ebenen vorliegen. Es ist das Verdienst von Pfarrer i.R. Dietrich Kuessner, dass er im Zuge seiner Aufarbeitung der jüngeren Braunschweiger Kirchengeschichte wiederum eine Biographie vorgelegt hat, die auf Grund der Aufzeichnungen Palmers sowie weiterer Unterlagen den Lebensweg Palmers in die weiterreichende Geschichte der Bekennenden Kirche in unserer Landeskirche eingezeichnet hat. Ihm sowie der Familie Palmer danke ich herzlich für die Bereitschaft und Unterstützung zur Veröffentlichung.

Es wird viel davon gesprochen – gerade auch in letzter Zeit -, dass wir aus der Geschichte lernen müssen, dass wir die Geschichte „aufarbeiten“ müssen. Was kann das heißen? Es lässt aufmerken, dass es jetzt – 60 Jahre nach Ende des Nationalsozialismus und des 2. Weltkrieges! – geradezu zu einer Erinnerungskultur gekommen ist – das Holocaust-Denkmal in Berlin kann dafür stehen. Der historische Abstand mag einer der Gründe sein, dass nunmehr das verdrängte Geschehen der verirrtesten und unmenschlichsten Epoche unserer Geschichte in noch einmal vehementer Weise ans Licht drängt. Was geschah, ist eine Wirklichkeit, der auf Dauer nicht auszuweichen ist.

Der historische Abstand ermöglicht den kritischen Blick auf die Vergangenheit, lässt Zusammenhänge, Abhängigkeiten und Wechselwirkungen erkennen, die im unmittelbar betroffenen Lebensgeschehen immer nur bedingt durchschaubar sind. Bei aller bleibenden Verantwortung für menschliches Handeln können wir Menschen niemals die Herrschaft über die Geschichte, über das Wirklichkeitsgeschehen gewinnen. Es war gerade der gottvergessene Versuch des „Dritten Reiches“, die Geschichte einer totalen Beherrschung zu unterwerfen und den Menschen zum Gestaltungsmaterial der Weltanschauung zu machen.

Aber solches Lernen, so unaufgebbar wichtig es ist, reicht nicht, um im unmittelbaren geschichtlichen Leben durchhalten zu können. Hier kann man aber am Lebensweg von Menschen „lernen“, was es heißen kann, in den verwirrenden Antagonismen, eigenen Bedingtheiten und strukturellen Abhängigkeiten den Lebensweg mit Rückgrat zu bestehen. Niemand kann absolut Herr seines Geschehens werden und ist doch immer mit verantwortlich für das, was geschieht. Deshalb ist die Biographie Ottmar Palmers keine Heldengeschichte, und so hat er seine Aufzeichnungen auf keinen Fall verstanden wissen wollen. Aber die Biographie Ottmar Palmers ist beredtes Zeugnis dafür, wie sehr das Evangelium Wahrnehmungssinn und Urteilskraft schärfen kann. Nur mit dem theologisch durchreflektierten und persönlich angeeigneten Wort vom Kreuz kann man seinen Charakter als verantwortlicher Mensch „einigermaßen“ – nach dem möglichen Maß des immer auch versagenden Menschen – aufrecht durchhalten. Ottmar Palmer sagt in diesem Sinn: „Hätte doch auch die deutsch – christliche Lehre und im Grunde ja auch der ganze Nationalsozialismus nicht so viele Pastoren und Gemeinden einfach überrennen und faszinieren können, wenn sie tiefer, bewusster, persönlicher und lebendiger im Evangelium gegründet gewesen wäre.“ (S. 58)

Das in diesem Satz Ausgesprochene gilt es zu verinnerlichen, zu „lernen“, denn es gibt keine geschichtliche Entwicklung, die nicht den Gefahren der Irrnis ausgesetzt ist. Geschichte geht immer in den Raum, der auch für menschliche Verantwortung offen ist. Am Lebensweg Ottmar Palmers können wir das ablesen. Die Herausgabe der Biographie im historischen Blickwinkel ist die Herausforderung an uns alle, aus der Geschichte zu lernen. Wer im „Heute“ standhalten will, wird es nur können, wenn er in geschichtlichen Erfahrungen liest, was es zu „lernen“ gilt.

Mein Dank gilt Pfarrer i. R. Dietrich Kuessner, der mit vorliegender Biografie „Ottmar Palmer“ uns einen weiteren Baustein für dieses Lernen zur Verfügung gestellt hat.


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