Kirche von unten: Home - Archiv - Geschichte - Vorträge, Beiträge - Cyty - Glaube
 
[Kirche von unten]

Ottmar Palmer 1873 - 1964

Lebenserinnerungen

10. Kapitel


Ruhestand in Katlenburg

1951-1964


Palmer blieb im Ruhestand in der Umgebung seiner letzten Gemeinde und bezog am Dorfrand des Nachbarortes Katlenburg eine geräumige Wohnung, die von drei Seiten von Äckern umgeben war mit Blick auf die Harzberge. Palmer übernahm die Verwaltung der „Ährenlese der Leipziger Mission“, die in einer Auflage von bis zu 5.000 Stück viermal im Jahr versandt werden mußte. Wissenschaftliche theologische Lektüre, Gottesdienstvertretungen, Radfahrten und Spaziergänge füllten die Tage aus.

„Vor allem aber sorgt auch die Bearbeitung unseres beim Hause gelegenen sog. Gartens und eines mir vom hiesigen Amtsbruder überlassenen Stücks des seinigen für Bewegung, Entspannung und Freude. Abgesehen von den Erzeugnissen für den Haushalt schenkt uns diese Gartenarbeit den doch nur schwer zu entbehrenden Blumenschmuck für unsere Stuben, und zwar vom ersten Frühjahr bis in den Winter hinein.

Wenn sich unser „Garten“ auch nicht vergleichen läßt mit denen von Blankenburg, Helmstedt und Berka, so kann doch auch das kleinste Stückchen Erde, sorgfältig ausgenutzt und mit Liebe gepflegt, das Leben bereichern und verschönen. Der tägliche Blick in die Natur mit ihren unwandelbaren Gesetzen, ihrer Schönheit, ihren letztlich nie zu ergründenden Geheimnissen und ihrer nie trügenden Dankbarkeit, ist lohnender als der so viele faszinierende Blick in jene glitzernde Welt der Menschen, die uns heute Film und Illustrierte auf Schritt und Tritt entgegenhält, und ohne die so viele nicht glauben leben zu können.

Heute, am Michaelistage 1954, beschließe ich diese Aufzeichnungen. Wichtige Ereignisse können in chronistischer Weise noch jeweils nachgetragen werden. Die vorstehenden Blätter sollten nichts anderes sein als der Versuch, den Ablauf meines langen Lebens für meine Kinder in großen Zügen nachzuzeichnen. Sie sind also nicht erschöpfend, sie erheben aber auch nicht den Anspruch, ein für die Allgemeinheit wichtiges oder auch nur bemerkenswertes Leben darzustellen, obgleich unter den – längst dahingegangenen – Personen oder Ereignissen, die vor meinem geistigen Auge lebendig wurden, auch manche sind, die allgemeines Interesse beanspruchen können.

Die Blätter enthalten darum auch nicht psychologische Schilderungen von Gefühlen oder Stimmungen oder Selbstbetrachtungen. Sie enthalten aber auch keine „confessiones“, die gehören an einen anderen Ort.

Wenn ich noch einen Wunsch aussprechen soll, so ist es der, daß doch nicht der Eindruck entstehen möge, als ob ich mich bei dem Bericht über meine amtliche Tätigkeit auch nur von ferne meiner Leistungen hätte rühmen wollen. Man bedenke nur, daß in diesem Buch nur das auf ein paar Seiten zusammengedrängt berichtet wird, was sich doch auf Jahre oder Jahrzehnte verteilte, und daß vieles, was heute in der kirchlichen oder pfarramtlichen Arbeit selbstverständlich ist und der Erwähnung darum nicht wert wäre, in jenen Jahren in Wolfenbüttel und Blankenburg neu war und darum ausführlicher dargestellt wurde.

So können und wollen denn diese Aufzeichnungen nichts anderes sein, als die Bestätigung, daß unser aller Leben, und auch so das meine, von einer Hand geführt wird, die wir zwar mit unserem leiblichen Auge nicht wahrnehmen, die aber die Fäden unserer Geschichte so webt und verknüpft, daß wir am Ende nur sagen können: „Du hältst mich bei meiner rechten Hand.“

Dies zu erkennen, und diese unsichtbare Hand Gottes in demütigem Glauben zu ergreifen, - nein, uns von ihr ergreifen und führen zu lassen, ist wohl der letzte Sinn unseres Lebens...“


Katlenburg, am 29. September 1954 Ottmar Palmer



[Zurück] [Glaube]
Impressum, http://bs.cyty.com/kirche-von-unten/archiv/ab/dk

Besucherstatistik