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[Kirche von unten]

Ottmar Palmer 1873 - 1964

Lebenserinnerungen

2. Kapitel


Schulzeit in Gütersloh und Braunschweig

1886 – 1892


„Und die Sonne Homers,
Siehe, sie leuchtet auch uns.“

Im Rückblick: wenig Erziehung
„Antike und Christentum – die Grundlagen der deutschen Bildung“ – in die Welt der Antike wurde man eingeführt durch das humanistische Gymnasium, in dem die alten Sprachen, Deutsch und Geschichte die vorherrschenden Fächer waren. Mit Ostern 1886 sollte sich mir das Tor dieser für mich neuen Welt öffnen und ich zum ersten Mal das Elternhaus auf längere Zeit verlassen. In die U. III. des humanistischen Gymnasiums zu Gütersloh sollte ich aufgenommen werden. Es war bekannt als ein „christliches“ Gymnasium. Aber lag nicht Braunschweig oder Wolfenbüttel viel näher? Als wir 1880 Bielefeld verließen, kam mein ältester Bruder Heinrich, der damals etwa in der Sekunda gesessen haben muß, nach Gütersloh, und mein Bruder Carl war ihm später nachgefolgt. Beides war wohl um des christlichen Charakters der Schule willen. Sie war einst, etwa um die Mitte des 19. Jahrhunderts, von christlichen Kreisen Westfalens und des Rheinlands, besonders des Adels und der Geistlichkeit als „freies christliches“ Gymnasium, unabhängig von staatlichen Instanzen, ins Leben gerufen, um im Gegensatz zu dem damals herrschenden Liberalismus eine christlich-konservative Weltanschauung für die Jugend zu gewährleisten. Der ganze Geist in Unterricht und Erziehung sollte ein wahrhaft christlicher, die Lehrer sollten christliche Persönlichkeiten sein. Jeder Schultag begann für die ganze Gymnasialgemeinde mit einer Andacht in der Aula, Sonntags war Gottesdienst abends, verpflichtend für alle, ein eigener Anstaltsgeistlicher war für die gottesdienstliche Versorgung und als Religionslehrer angestellt. Zu meiner Zeit war es Pastor Möller, vorher Pastor Braun („Pastörken“), der spätere Generalsuperintendent in Berlin. Tiefere christliche Anregungen habe ich in dem einen Jahr meiner dortigen Pennälerzeit aber nicht empfangen.

Ich muß überhaupt von meiner ganzen Pennälerzeit, also auch von der Braunschweiger, urteilen, daß unsere Lehrer wohl echte Dozenten (gute und schlechte), aber keine Erzieher im echten Sinne, und das heißt doch wohl keine väterlichen Freunde ihrer Schüler waren.

Eigentliche Freunde habe ich in Gütersloh nicht gehabt, aber ich war doch hineingestellt in einen Kreis von Gleichaltrigen, die eben so waren, wie Untertertianer zu sein pflegen; in Spaziergängen, beim Spielen, Baden und Schlittschuhlaufen auf den weiten überschwemmten Wiesen habe ich mit ihnen viel schöne gemeinsame Stunden erlebt.


In Braunschweig auf dem Wilhelmgymnasium
Es war wohl der verständliche Wunsch unserer Eltern, Carl und mich in größerer Nähe zu haben, der sie veranlaßte, uns auf das Gymnasium im nahem Braunschweig zu tun. Ich kam in die O. III. des „Neuen Gymnasiums“ (jetzt Wilhelm-Gymnasium), einer großen Schule mit Oster- und Michaelisklassen und ca. 600 Schülern, an der Ecke der Bernhardt- und Adolfstraße. Neben ihr bestand damals in Braunschweig an höheren Lehranstalten noch das sog. alte Gymnasium an der Breiten Straße („Martino - Catharineum“), das Realgymnasium und die Oberrealschule. Direktor war Eberhard, ein guter Grieche, bei dem ich aber keine einzige Stunde gehabt habe! Er gab nur einige Stunden in den M-Klassen. So konnte er ja seine Schüler gar nicht kennen, und es konnte auch beiderseits kein Verhältnis zueinander entstehen – ein großer Mangel!

Wenn ich an die zahlreichen anderen Lehrer denke, durch deren Hände wir gegangen sind, so kann ich auch für Braunschweig nur wiederholen, daß es Dozenten waren, die sich um das private oder gar innere Leben der Schüler nicht kümmerten, keine väterlichen Freunde. Tieferen Eindruck haben nur drei von ihnen auf mich gemacht. Es war der früh verstorbene Dr. Speta mit seinem geistvollen und darum auch fesselnden Unterricht in der deutschen Geschichte. Es war Dr. Beckarts in den griechischen Klassikern, der diese nicht bloß, wie kleine Geister es manchmal zu tun pflegen, historisch–grammatisch erklärte, sondern uns wirklich in ihre erhabene Gedankenwelt einzuführen versuchte. Ich bin viel später in Wolfenbüttel wiederholt mit ihm zusammengetroffen, wenn er als Staatskommissar am Abiturientenexamen des Gymnasiums teilnahm und ich als Religionslehrer der Prima in meinem Fach prüfen mußte und somit aus dem „Prüfling“ von 1892 selbst ein Examinator geworden war. Als dritten möchte ich den hochbegabten Dr. Alex Warnicke nennen, der auch Professor an der Technischen Hochschule war. Wenn ich auch in der Mathematik seinem hohen Gedankenfluge nicht immer zu folgen vermochte, so ist doch sein Unterricht in der deutschen Literatur nicht ohne Eindruck auf mich geblieben. Hier sprach einer zu uns, der nicht nur seinen Stoff, besonders auch da, wo es um Philosophie ging, souverän beherrschte, sondern auch seinen jungen Primanern des Herz wohl warm machen konnte, wenn er mit ihnen etwa die Iphigenie las, die ich übrigens in dieser Zeit auch auf dem guten Braunschweiger Hoftheater aufgeführt sah.
Es gab auch – bei anderen „Paukern“ - unendlich trockene Stunden; dazu zähle ich beispielsweise diejenigen, in denen man uns zu Lessing zu führen versuchte, wobei es übrigens, bei Behandlung der Wolfenbüttler Fragmente, nicht ohne einige kleine Seitenhiebe auf die orthodoxen Pastoren der Gegenwart abging. Der Religionsunterricht war in der Sekunda, von einem völlig unfähigen Lehrer erteilt, einfach trostlos, in der Prima zwar interessant und lehrreich, aber bei der ausgesprochen kalten, verstandesmäßigen Richtung des ihn erteilenden Pastors kaum die Herzen der Primaner erwärmend oder auch nur anfassend.

Im ganzen sehe ich das Gymnasien meiner Zeit – ähnlich wird es ja auf den meisten Gymnasien gewesen sein – in der Hauptsache als eine Lehranstalt humanistischen Stils, aber nur in ganz geringem Maße als den doch wohl wichtigsten Erziehungsfaktor zu charaktervollen, und noch weniger zu christlichen Persönlichkeiten der führenden Schicht in unserem Volke. Die einst unter Humboldt geschlossene Ehe zwischen Humanismus und Christentum war längst brüchig geworden. Letzteres wurde nicht gerade verlacht oder gar bekämpft – noch fanden ja zu Beginn der Woche regelmäßige Andachten statt – aber es war doch nicht die tragende Mitte, es gingen keine Impulse oder Korrekturen von ihm aus. In der Schülerschaft aber spiegelte sich im großen Ganzen doch wohl der die Stadt und das Land Braunschweig beherrschende Liberalismus wieder, der sich nicht wie Schule und Lehrerschaft, damit begnügte, mit kühler Höflichkeit der Kirche und dem Christentum gegenüber zu stehen, sondern beides bewußt ablehnte und gelegentlich mit Hohn, Spott und Ironie nicht geizte. Kirche oder gar Gottesdienstbesuch waren eine quantité négligeable.

In der Beziehung ist doch heute manches anders und besser geworden. Es kam nach 1900 zunächst einmal die Jugendbewegung, die viele junge Menschen aufrüttelte und aus der Stickluft des genießenden Spießertums herausriß, und es kamen vor allem die Schülerbibelkreise (B.K.), in denen sich viele Gutgesinnte zusammenschlossen, die sogar durch ihr Verhalten in der Schule auch manchem Fernstehenden Achtung abnötigten. Wenn ich daran denke, mit welcher Inbrunst um 1890 im Primanerkegelverein die studentischen Formen des „Comments“ und die studentischen Unsitten des übertriebenen Biergenusses nachgeahmt und vorweggenommen wurden, wenn ich heute nur mit Beschämung mich daran erinnere, daß wir den Sonntag Nachmittag manchmal nicht besser anzuwenden wußten, als in irgendeiner auswärtigen Kneipe bei Bier und Skat die Zeit totzuschlagen, zumal ja andere bessere Unterhaltungen uns kaum geboten wurden, dann wird mir doch der Unterschied der Zeiten deutlich, und ich kann eigentlich nur bedauern, nicht 30 oder 40 Jahre später die Bänke der Prima gedrückt zu haben.

Indessen kann ich doch dem eben gezeichneten Bilde auch einige erfreulichere Lichter aufsetzen. Da war doch vor allem die Nähe des Elternhauses. Wie manches Mal bin ich am Sonnabend Nachmittag oder auch in der Sonntagsfrühe die 12 km Landstraße über den „Schöppenstedter Turm“, an Hötzum vorbei und durch Sickte hindurch gewandert. Es gab ja noch nicht das heutige bequeme Zweirad, und das sog. Hochrad kam nur für den Sport oder einzelne abenteuerlich veranlagte Naturen in Frage. Die Eisenbahn Braunschweig – Schöningen, die dicht hinter der Anstalt vorüberfuhr, wurde erst 1900 oder 1901 gebaut; sodaß nur das gesunde Fußwandern blieb, oder bei Regenwetter der „Omnibus“, ein reichlich vorsintflutliches Gefährt, das täglich zwischen Erkerode am Elm und Braunschweig verkehrte, in dem man meistens eingekeilt saß in fürchterlicher Enge und im Duft allerhand landwirtschaftlicher Erzeugnisse, die die Bauern- oder Botenfrauen in die Stadt brachten. Am Sonntag gegen Abend oder auch Montags in aller Frühe ging’s dann wieder in die Arbeitswoche hinein. Oft erlaubte mein Vater, daß ich das größte Stück des Weges gefahren wurde, und zwar auf einem kleinen Wägelchen, das die Domina v. Veltheim aus Kloster Marienberg, dessen Propst mein Vater 1886 geworden war, geschenkt hatte. Sie hatte auch die nötige Bespannung hinzugefügt, ein Pony, dem der poetische Name „Pegasus“ beigelegt wurde. Dies Gefährt diente der Anstalt zu kleinen Fuhren oder auch zum Ausfahren gelähmter Kinder, konnte aber auch von uns benutzt werden.

Aber auch abgesehen von der Nähe der Heimat bot doch die alte Welfenstadt viel Schönes und für einen Jungen Interessantes und Lehrreiches. Ich denke dabei an die ehrwürdigen Bauwerke des Mittelalters, die Kirchen – besonders den Dom Heinrichs des Löwen, das Altstadtrathaus und das Gewandhaus, die herrlichen Fachwerkhäuser, lauter Bauten, die zum größten Teil ein Opfer des Luftkriegs geworden sind.


In Pension
Von Ostern 1887 bis zum Sommer 1888 waren Carl und ich im Hause des Pastors Veit, Vorsteher des Diakonissenhauses Marienstift, an der Helmstedter Straße. Ich habe nicht den Eindruck, als hätte er viel persönliches Interesse für uns gehabt, aber seine Frau ist mir als eine fröhliche, gütige und besorgte Pensionsmutter in Erinnerung. Als Veit im Sommer 1888 fortzog – wohin, weiß ich nicht – siedelte Carl auf das Gymnasium zu Bensheim an der Bergstraße über, mich aber nahm die Oberförsterwitwe Denecke, Kl. Bertramstraße 2 (jetzt Gerstäckerstraße), in ihr Haus auf. Sie und ihre beiden Töchter haben uns (es waren außer mir noch zwei oder drei andere Schüler dabei) mit allem gut versorgt, was zu des Leibes Nahrung und Notdurft gehört, geistige Anregung habe ich in der philiströsen Atmosphäre dieses Hauses nicht empfangen. Nur der zweite Sohn, Studierender an der Technischen Hochschule, später Professor für das Maschinenbaufach ebendort, ragte weit über die andere Familie hinaus. Er war Idealist, fleißig, begabt, interessiert, glühender Raabeverehrer, der fürsorglichste Sohn seiner Mutter, aber dem christlichen Glauben gegenüber völlig ablehnend. Doch muß ich es ihm nachrühmen, daß er sich mir gegenüber nie polemisch, kritisch oder gar ausfallend über christliche Dinge geäußert hat. Er sagte: „Ich weiß nicht, ob es deinem Vater recht wäre“. In die Kirche wurden nur ab und zu die Töchter geschickt, die Mutter sagte dann: „Es muß mal wieder jemand in die Kirche, wir leben ja wie die Heiden“.

Einige Erlebnisse, die in die Braunschweiger Zeit fallen, verdienen noch der Erwähnung; z.B. das furchtbare Hagelwetter in den Abendstunden des 1. Juli 1891, bei dem wohl in der ganzen Stadt kaum ein Fenster auf der Süd- oder Westseite der Häuser ganz blieb und das in breitem Strich die schon vor der Ernte stehenden fruchtbaren Gefilde nach dem Elm zu niederwalzte. – Daß das Dreikaiserjahr 1888 mit dem Tode Kaiser Wilhelms I. und Friedrichs III. uns Jungen doch tief bewegte, brauche ich nicht zu sagen. Später erlebte ich auch den prunkvollen Einzug Kaiser Wilhelms II. – Oder ich erwähne die Hochzeit meines Bruders Heinrich am 5. Juni 1890, zu der wir mit den Eltern nach Groß-Stove bei Rostock fuhren. Es war eine Mecklenburgische Hochzeit großen Stils, die vier Tage gefeiert wurde. Nicht weniger als 80 Gäste nahm das Gutshaus Sellschopp auf, darunter die meisten als Logiergäste. Ich hatte eine ganze Woche Urlaub und besuchte auf der Heimreise die Verwandten in Hamburg; den Sonntag benutzte ich, um den am Montag fälligen Aufsatz zu machen; das Thema hieß – Ironie des Schicksals – „Nichts ist schwerer zu ertragen als eine Reihe von guten Tagen“.

Den Abschluß meiner Braunschweiger Zeit bildete naturgemäß die Reifeprüfung, die nach vorangegangenen Klausuren im März 1892 stattfand. Vom mündlichen Examen weiß ich kaum noch etwas. Beim „Schriftlichen“ handelte es sich um eine Übersetzung aus modernem Deutsch in klassisches Latein, im Griechischen um eine Übersetzung aus Euripides oder Sophokles, um einen deutschen Aufsatz über das Thema: „Daß wir Menschen nur sind, der Gedanke beuge das Haupt dir, doch daß Menschen wir sind, richte dich freudig empor“, und schließlich um 4 Aufgaben aus der Mathematik. Eine Dispensation vom Mündlichen gab es damals in Braunschweig nicht, sie wäre mir sonst zuteil geworden, da ich die erforderliche Anzahl von fünf „Gut“ aufweisen konnte: im Latein, im Griechischen, im Englischen, Französischen und in der Geschichte. Nur in Deutsch, Mathematik und Hebräisch mußte ich mich mit der III begnügen.


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