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[Kirche von unten]

Ottmar Palmer 1873 - 1964

Lebenserinnerungen

3. Kapitel


Studium im Greifswald und Halle; 1. Examen

1892 – 1895


„Tantum Deus cognoscitur, quantum diligitur“
(Bernhard v. Clairveaux)

„Die echte Burschenherrlichkeit
Ist Gott des Herren Gabe,
Sie bleibet dir zu aller Zeit
Und stirbt mit dir im Grabe“
(M. Kähler)

Am 23. April 1892 sollten sich mir nun die Tore einer ganz anderen neuen Welt auftun, die Tore der Universitas literarum academica. Ich hatte mich zum Studium der Philologie und Theologie entschlossen, wobei mir der Beruf eines Religionslehrers an höheren Schulen vorschwebte. Es mag mir wie vielen anderen ergangen sein, die das damals ja noch streng humanistische Gymnasium absolviert hatten: die klassische Luft, die einen aus den alten Sprachen, der Dichtkunst und der Geschichte umweht hatte, hielt mich noch in Bann, Latein und Griechisch waren mir leicht gefallen und hatten mir durch die edle Strenge ihres Stils Freude gemacht, an Homer und den griechischen Tragikern hatte ich mich begeistert. Nun gedachte ich, diese Dinge weiter zu treiben, mich besonders in Germanistik und Geschichte umzusehen, daneben aber auch, sicherlich im Sinne meines Vaters, der es aber nicht forderte, mich der Theologie zu widmen, alles weitere dann der Entwicklung überlassend. Ich kann also nicht sagen, daß ich aus klarer, innerer Überzeugung oder gar Notwendigkeit heraus den Beruf des Pfarrers erwählt hätte. Das wird ja auch im Durchschnitt nur selten bei einem jungen Menschen von 18 Jahren der Fall sein.

Aber schon vom 2. Semester an trat die Theologie eindeutig in den Vordergrund, und ich kann gleich an dieser Stelle mitteilen, daß dies in erster Linie durch die Erklärung des Johannesevangeliums geschah, die Hermann Cremer in einem sechsstündigen Kolleg vortrug.


Auf der Universität Greifswald
Es war sicher der Entschluß meines Vaters, daß ich in Greifswald anfangen sollte, das damals durch Cremer und Schlatter auf der Höhe stand, und ich – ohne jede eigene Sachkenntnis – konnte nur ja dazu sagen. Diese Entscheidung meines Vaters bestätigte es mir, daß er nicht zu den „streng konfessionellen“ gehörte, sonst hätte er mich nach Leipzig oder Erlangen geschickt und nicht in das in der Union gelegene und weitherzigere Greifswald oder später nach Halle.

Unter den Professoren der theologischen Fakultät war damals neben den genannten noch der weithin bekannte Otto Zöckler, ein alter Freund meines Vaters und mit ihm Stifter des Giessener Wingolfs, ein Polyhistoriker mit universalem geradezu erstaunlichem Wissen, der nicht nur im Notfall über sämtliche Disziplinen der Theologie hätte lesen können, sondern auch in einer Zeit, da Glaube und Wissenschaft sich völlig auseinander gelebt hatten, bedeutendes über Naturwissenschaft und ihre Beziehungen zur Theologie schreiben konnte. Infolge der Freundschaft zwischen ihm und meinem Vater durfte ich, zusammen mit Ernst Meyer aus Neuendettelsau, in seinem Hause ein- und ausgehen. Zweimal wöchentlich aßen wir bei Zöcklers zu Mittag, und ich lernte dort auch seinen Sohn Theodor kennen, den späteren Leiter der Stanislauer Anstalten in Galizien und Führer der Inn. Mission und Diaspora in Polen. Leider war Zöckler sehr schwerhörig, was den persönlichen Verkehr stark erschwerte, aber er steht mir noch heute als das Bild eines großen Gelehrten, eines gütigen und gewinnenden Menschen und eines irenischen Theologen vor Augen. Auch seine Frau, gleich ihm aus Oberhessen (Büdingen) stammend, hat uns viel Freundlichkeit erzeigt. Gehört habe ich bei Zöckler „Apostolisches Zeitalter“ und Kirchengeschichte I. Neben ihm war Ordinarius für Kirchengeschichte Viktor Schulze, „Katakombenschulze“ genannt.

Systematiker war der oben genannte Hermann Cremer, der aber auch Exegese des Neuen Testaments las. Ihm und seiner Vorlesung über das Johannesevangelium verdanke ich, wie schon oben erwähnt, die bewußte Wendung zur Theologie. Eine besondere Wirkung ging nach damaligen Aufzeichnungen meines Tagebuchs von seiner persönlichen Ruhe, Sicherheit und Überzeugungstreue aus, mit der er an den Text herantrat und uns ermahnte: „Nicht mit dem Verstand an das Johannesevangelium, sondern mit dem Herzen und mit Gebet! Zeuch deine Schuhe aus... wir sind der Dornbusch, um uns lodern die Flammen des Johannes. Sancta, sancta!“
Außer dem Johannes hörte ich (später) bei Cremer noch Ethik, bei Schlatter Matthäus und Römerbrief, bei Giesebrecht Einleitung zu den kleinen Propheten, bei Bäthgen Psalmen und bei Erich Schäder Johanneische Theologie. Von philologischen Fächern sind mir heute nur noch 2 in Erinnerung: Altnordische Grammatik und Untergang des Römischen Reiches. Alles in allem ist es mir heute klar, daß mir damals noch viele Fragen und Probleme, um die es in der Theologie geht, in ihrer Tiefe, ihrem Umfang und ihrem Gewicht gar nicht oder nicht genügend zum Bewußtsein gekommen sind. Ich denke oft, ob nicht ein obligatorischer propädeutischer Vorkursus von etwa zwei Semestern, der in mehr schulmäßigem Betrieb verlaufen müßte, den Studenten helfen könnte, mit mehr Verständnis an das eigentliche Studium heranzutreten.


Im Wingolf
Es würde in der Darstellung meiner Studentenzeit ganz Wesentliches und auch Entscheidendes fehlen, wenn ich nicht – und zwar nicht nur am Rande – des Wingolfs gedächte. Ich kann es nur mit unauslöschlicher Dankbarkeit tun, denn nur aus der Rückschau und späterer Erfahrung heraus kann ich ermessen, welcher Segen und welche Bewahrung vor vielen Versuchungen des damaligen akademischen Lebens mir durch ihn zuteil geworden ist. In der Zeit, da ich diese Erinnerungen niederschreibe, diskutiert man viel über Wert oder Unwert des studentischen Korporationswesens. Ohne die darin enthaltenen Gefahren der Einseitigkeit oder der Einigkeit eines abgeschlossenen Kreises auch nur im Geringsten bestreiten zu wollen, ist es mir doch völlig gewiß, daß in der bewahrenden Zucht, in der Unterordnung unter das tragende Ganze, in der Freundschaft, im Vorbild der älteren und reiferen Semester, im anregenden Verkehr mir den Philistern (alten Herren) und in vielem anderen so viele und so hohe positive Werte beschlossen liegen, daß die fraglos vorhandenen Gefahren bei weitem aufgehoben werden, wobei man freilich über manche Randfragen wie das Tragen von Farben, dem Comment u. a. verschiedener Meinung sein kann. Ich jedenfalls kann es nur als ein Geschenk Gottes ansehen, daß die hochgehenden Wogen echt jugendlicher Begeisterung in den Bahnen einer Gemeinschaft daherbrausen durften, die sich zum Wahlspruch das „Durch einen alles!“ erwählt hatte. Das „Prinzip“ des Grypser (= Greifswalder) Wingolf lautete: „Der Wingolf ist eine Studentenverbindung, gegründet auf Christus, den Sohn des lebendigen Gottes. Von diesem Grunde aus will er das historisch gegebene Studententum mit christlichem Geist durchdringen, um es so zu einem christlichen umzugestalten.“

Frage ich mich, worin das spezifisch christliche im Verbindungsleben zum Ausdruck kam, so hatten wir zwar nicht, wie später die D.C.S.V. (Deutscher Christlicher Studenten Verein) oder heute die Studentengemeinde, regelmäßige Bibelstunden, und auch die Bibelkränzchen im kleinen Kreise waren nur selten. Wohl aber fand zu Anfang und Schluß des Semesters sowie beim Stiftungsfest jedes Mal ein „Erbauungskränzchen“, später „ernste Feier“ genannt, statt. Sonntäglicher Kirchgang dagegen, nicht gesetzlich gefordert, war so gut als selbstverständlich, im „Fuxkränzchen“ wurde neben vielem das Gebetsleben besprochen, und die Reden der meisten Philister bei feierlichen Gelegenheiten führten doch immer wieder zu den Quellen persönlichen Christentums. Vor allem aber sollte die ganze Lebenshaltung, innerhalb und außerhalb der Verbindung eine ernste und christliche sein, sodaß z. B. auch selbstverständlich Übermaß an Alkoholgenuß oder gar Betrunkenheit streng verpönt war und so gut wie überhaupt nicht vorkam. War es, in ganz seltenen Ausnahmefällen, doch einmal der Fall, so wurde sie energisch bestraft, es gab „Couleurentziehung“, Dimission auf Zeit oder in perpetuum, bis hin zur Exclusion. Ob alle „Bruderverbindungen“, d. h. die Wingolfe auf anderen Universitäten, in puncto Alkohol auf demselben strengen Boden standen, weiß ich nicht, und auch das soll hier nicht erörtert werden, wie weit die christliche Haltung des wingolfitischen Lebens später eine Erweichung erlebt hat. Die nach meiner Zeit immer mehr üblich gewordenen und heute nicht mehr wegzudenkenden „Damenbetriebe“, d. h. Tanzfeierlichkeiten, entsprachen und entsprechen zwar einem allgemeinen Zug der Zeit, sind aber meiner festen Überzeugung nach einer ernsten Verinnerlichung des Wingolfslebens nicht zuträglich gewesen. Unser Ideal in jenen unvergeßlichen Wingolfsjahren war, von ganz wenigen Ausnahmen abgesehen, die reine Männerfreundschaft, wie sie in allen unsren Liedern gepriesen wurde, wie sie auf unvergeßlichen „Bummeln“ (= Fahrten), in gemütlichen „Budenbesuchen“ und „Familienabenden“ am Sonntag, aber auch in manchen mitternächtlichen und nachmitternächtlichen Gesprächen und Problemerörterungen auf der „Kneipe“ gepflegt und gefördert wurde und wie sie unser verehrter Philister Martin Kähler in dem Vers besungen hat, den ich über dies Kapitel geschrieben habe, oder wie es im Wingolfsbundeslied heißt:

„O Haus so lieb und teuer,
Wo Hand in Hand sich schlingt,
Wo frisch das heilge Feuer
Von Herz zu Herzen dringt.“

Mir hat diese echte Freundschaft – bei allem jugendlichen Überschwang! – jedenfalls eine große Bereicherung meines Lebens bedeutet. Mit meinen Freunde Ernst Meyer, der schon genannt war, und Wilhelm Lühmann aus Braunschweig, Sohn des dortigen Dompredigers, bin ich bis zu ihrem frühen Tode treu verbunden gewesen. Daß wir, nicht bloß nebenher, in der Verbindung immer wieder auch zum fleißigen Kollegbesuch und zum ernsten häuslichen Studium angehalten und darin durch das Vorbild vieler „alter Häuser“, d. h. hoher Semester, gestärkt wurden, ist selbstverständlich.

Einiges Einzelne möchte ich noch erwähnen. Ich war ja gewissermaßen für den Wingolf prädisponiert, und zwar durch Elternhaus und Verwandtschaft von Vater und Mutter. So war es denn eigentlich selbstverständlich, daß ich, nachdem ich am 23. April 1892 gegen Abend in Greifswald angekommen war und bald für 60 M. pro Semester eine „Bude“ an der Wiesenstraße im sog. „hl. Winkel“ (Wohnungen von vielen Theologieprofessoren und Wingolfiten!) gefunden hatte, mich auf einem der ersten Abende auf der Wingolfskneipe am Karlsplatz zum Eintritt in die Verbindung meldete, was dann alsbald vom X (ersten Chargierten) verkündigt und mit dem üblichen Beifallsgetrommel begrüßt wurde. Acht Tage später bekam man die „Couleur“, schwarze Samtmütze mit weißer und goldener Paspel, und am 14. Juni „stieg“ die feierliche „Rezeption“ unsrer 22 Mann starken „Konfuxia“ durch den X der Verbindung, Gerhard Lütgert, später Pfarrer an der Lutherkirche in Frankfurt–M., Bruder des Theologieprofessors D. Wilhelm Lütgert. Lütgert war eine für den Wingolf begeisterte und begeisternde Persönlichkeit, zu der wir Füxe mit Begeisterung aufschauten, und es war ein erhebender Augenblick, als es dann nach Handschlag und feierlicher Verpflichtung auf das Wingolfprinzip hieß: „Und so schmücke ich dich mit dem schwarz–weiß–goldenen Bande; trag´s lange, trag´s in Ehren!“ Es ist mir heute noch erstaunlich, wie schnell man sich in die Verbindung einlebte, sie war wirklich ein Bruderbund, und wir jungen Füxe wurden mit viel Liebe aufgenommen und getragen. Bald wählte man sich einen „Leibburschen“, d. h. ein älteres Semester, der nun insbesondere die Obhut und Erziehung des jungen Studenten übernahm, bei dem man stets Rat und Hilfe suchen durfte, und mit dem meistens, so auch bei mir, ein wirkliches Freundschaftsverhältnis entstand. Es war Otto Stein, auf den meine Wahl fiel, Theologe im 5. Semester aus Münster i. W., derzeit XXX, d. h. 3. Chargierter und „Kneipwart“, eine gedrungene und wuchtige Erscheinung mit mächtigem Schnurrbart, der wohl eine „Kneipe“ mit 80 Aktiven und mit ihrem oft hochgehenden Trubel zu leiten verstand, im Grunde aber ein weiches und schwärmerisches Gemüt, mit dem ich manche Nachtstunde auf der Kneipe oder auf dem schönen Greifswalder Wall mit den schlagenden Nachtigallen im ernstem Gespräch zugebracht habe. Er ist später ein Jahr lang Vikar in Neuerkerode gewesen, zuletzt Pastor in Dortmund. Nach und nach traten mir andere Freunde näher.

Wieviel trugen doch zu jenem schnellen Einleben die „Bummel“, die Wanderungen und Ausflüge im großen oder kleineren Kreise bei, zu denen ja die Nähe der herrlichen Ostsee die besten Gelegenheiten bot. Man fuhr auf dem Dampfer auf dem Ryk nach Wyk oder Eldena am „Greifswalder Bodden“, saß bei Vater Jakob oder im Elisenhain, genoß den herrlichen Buchenwald und die schöne blaue See, manchmal auch die billigen Bratheringe, man segelte auf dem Bodden oder machte für wenig Geld eine Dampferfahrt nach Rügen oder Heringsdorf – Swinemünde. Die unbeschreiblichen Schönheiten Rügens taten sich uns zum ersten mal Pfingsten 1892 auf bei einem mehrtägigen „Rügen-Bummel“: Bruz, Göhren, Saßnitz, Krampas, Stubbenkammer, Arkona, Puttbus und wie die Orte alle heißen. Hier schwärmte man in Natur und Freundschaft, hier sang man mit Begeisterung das von einem Wingolfsphilister gedichtete Pommernlied „Wenn in stiller Stunde Träume mich umweh´n“ mit dem schönen Vers:

„Weiße Segel fliegen auf der blauen See,
Weiße Möwen wiegen in der blauen Höh,
Blaue Wälder krönen weißen Dünensand,
Vaterland, mein Sehnen ist dir zugewandt!“

Noch einmal im kleinen Kreise zog es uns an einem klaren Novembersonntag nach Rügen, mit der Bahn nach Stralsund, mit dem Trajekt nach Alteführ, dann durch die ganze Insel hindurch nach Saßnitz und zu Fuß, teils am Strande, teils hoch über der See auf den Bergen nach Stubbenkammer, bis am späten Abend die Heimkehr erfolgte. Einen ganz anderen Anblick freilich als bei diesen sommerlichen oder herbstlichen Wanderungen bot die Ostsee, als sie in dem außerordentlich strengen Winter 1892/93 bei einer Temperatur von –35°C eine gewaltige weiße Eisfläche geworden war. Leider war die Oberfläche zu rauh, so daß die Schlittschuhfahrt nach Rügen, von der ältere Semester schwärmten, nicht möglich war. Übrigens sollen solche Schlittschuhfahrten nicht ungefährlich sein wegen plötzlich einfallender Nebel oder der von Fischern ins Eis gehauenen Löcher.

Ich denke in diesem Zusammenhang auch an eine mir unvergeßliche Nachtwanderung zur Zeit der „hellen Nächte“, 6 – 7 Stunden Fußmarsch nach Stralsund, durch heuduftende Wiesen, auf mondbeschienenen Straßen, durch schlafende Dörfer, nicht weit von uns die Küste und das leuchtende Meer, Eindrücke, die mir heute nach mehr als 60 Jahren in ganz lebensvoller Frische gegenwärtig geblieben sind. So ein Gedanke entsteht plötzlich am Abend auf der Kneipe: „Wer macht einen Nachtbummel nach Stralsund mit?“ Gegen Mitternacht wanderte man los, ist um 6 in Stralsund, fährt mit der Bahn zurück und sitzt um 7 mit „strammer Haltung“ im Kolleg. Ein ander Mal in dunkler Novembernacht heißt es: „Nachtbummel nach Grimmen!“ In 3 – 4 Stunden tippelt man in tiefer Dunkelheit auf der Landstraße dahin, kommt noch in der Nacht an Ort und Stelle an und fährt mit dem 1. Frühzug zurück. Wer fragt nach dem Sinn solcher Nachtwanderung? Ist es nur ein dunkler Leistungsdrang? Die Lust, mit dem Freund zu schwärmen nach Goethes Wort: „Selig, wer sich vor der Welt ohne Hass verschließt, einen Freund am Busen hält und mit dem genießt?“ Genug, man ist 19 Jahre alt; „Jugend ist Rausch ohne Alkohol!“

Einen Höhepunkt des Wingolfslebens aber hat sicher das Wartburgfest gebildet, eine hochfestliche Konvention sämtlicher Wingolfe, alle zwei Jahre in der Pfingstwoche. 1852 hatte mein Vater mit Otto Zöckler und einigen anderen hessischen Freunden als „Hospitant“, wie er schreibt, mitgefeiert und voll von den empfangenen Eindrücken mit jenen zusammen den Giessener Wingolf gegründet. Dann hatte er es zwei Jahre später wieder erlebt und am Morgen des Hauptfesttages im stillen Walde das „Erbauungskränzchen“ vor den ganzen Wingolfsscharen halten dürfen. Und nun, 40 Jahre später, Pfingsten 1893, durfte ich es mit einer großen Zahl guter Freunde selbst erleben. Schon am Freitag vor Pfingsten fuhr ich mit Ernst Meyer, Wilhelm Lühmann und Otto Jesse über Berlin nach Neuenhof bei Eisenach, wo mein Bruder Heinrich seit 1890 Pfarrer war und uns nun mit seiner jungen Frau in brüderlicher und wingolfitischer Gastlichkeit aufnahm. Nach dem Fest kamen noch vier weitere „liebe Brüder“ auf ein paar Tage mit, und meine gute Schwägerin Mieke hat es fertig gebracht, uns alle – also 8! – in dem kleinen Pfarrhaus unterzubringen und satt zu machen.

Traditionsgemäß trafen sich die meisten Festteilnehmer schon am 3. Festtag in Ruhla, wo man natürlich einzog mit dem immer wiederholten Kehrreim "Rulla, Rulla, Rullala" aus dem Liede: „Wohlan die Zeit ist kommen, mein Pferdchen muß gesattelt sein.“ Gemeinsam zog man am andren Morgen zum Frühschoppen auf der „Hohen Sonne“ und von da durch das Annatal und die Drachenschlucht nach Eisenach. In der „Phantasie“ fand die Begrüßungskneipe statt, auf der man sehr viele Philister sah oder kennen lernte. Am anderen Tage der große Generalkonvent und der Festzug durch die Stadt zum Wartburghof, wo der „Bundes X“ die große Wingolfsrede halten mußte. Vor und um ihn standen die Fahnen aller Wingolfe, damals 14, die Chargierten im „Vollwichs“, d. h. in schwarzer Samtpekesche, hohen Stiefeln, weißen Hosen, Cerevis auf dem Kopf und die breite schwarz-weiß-goldene Schärpe um die Brust, dazu den Paradeschläger, hinter ihnen die vielen Hunderte von Alten und Jungen, die hier an historischer Stätte in feierlicher Stunde ihre Treue zum Wingolfsideal bekunden wollten. Diese Feier auf dem Wartburghof galt mit Recht als der Höhepunkt des Festes. Doch gab ihm dann am Abend der große Kommers mit den hervorragenden Reden, den begeistert gesungenen Liedern und dem feierlichen „Landesvater“ (ein Ritual des Wingolf, d. H.) an Glanz und Eindruck nicht viel nach. Hier hieß es noch wirklich mit den Worten des „Bundesliedes“: „Wo stets noch sonder Reue die Lust im Jubel flog“. Und der Glanz dieser mit dem ganzen Feuer der Jugend erlebten Wingolfsherrlichkeit „leuchtet lange noch zurück!“ Noch einmal, im Jahre 1899, habe ich ein Wartburgfest, gemeinsam mit meinem Vater, auch wieder von Neuenhof aus, mitgefeiert, als „junger Philister“, aber da fehlte schon der ganze Überschwang und die entzückende Unbeschwertheit des „Jungburschen“ von 1893.

Schließlich mögen noch einige Ereignisse aus der Greifswalder Zeit festgehalten werden. Ein mehrtägiger Besuch bei dem gastfreien Wingolfsphilister Baltzer sen. in Broitzburg bei Prenzlau in der Uckermark, der meinen Leibburschen Stein, einen Verbindungsbruder Funk aus Neustrelitz und mich eingeladen hatte und uns einige wundervolle Tage auf seinem weiträumigen Pfarrsitz mit großem Garten und See erleben ließ. – Ferner das 25jährige Stiftungsfest, zu dem auch mein Bruder Heinrich mit Frau und die Hamburger Vettern Otto und Theodor Palmer gekommen waren, und an dem Professor Cremer im Elisenhain bei Eldena an der „Stiftungsbuche“ das Erbauungskränzchen hielt. – Ich erwähne ferner die feierliche Promotion des damaligen Lizentiaten, späteren Professor Wilhelm Lütgert, die sich in der hergebrachten akademischen feierlichen Form mit Disputation, teils sogar in lateinischer Sprache, vollzog. - Ich erwähne endlich auch noch die Teilnahme an der Hochzeit unsres Philisters Wilhelm Baltzer, (späteren Pfarrers in Oberrat bei Frankfurt / Main) genannt „Graf Hahn“. Er war ein Freund meines Bruders Heinrich und wurde nun durch seine Verheiratung mit Emma Sellschopp aus Groß–Stove auch sein Schwager. Im Anschluß an diese Hochzeit war ich noch einige Tage Gast in Techlin, dem schönen vorpommerschen Rittergut des Barons v. Hannig, dessen geistesgestörter Bruder in Neu Erkerode untergebracht war.


Auf der Universität Halle
Meine letzten drei Studiensemester brachte ich in Halle zu, das damals wie Greifswald eine große Anziehungskraft auf Theologen ausübte. Auf der theologischen Fakultät lag noch etwas von dem Glanz der Tholuckschen Epoche, wenn auch dieser edle Mann, von dem es heißt: „In der Geschichte der christlichen Frömmigkeit wird Tholuck als eine ihrer schönsten und reichsten Gestalten einen Ehrenplatz behalten“, bereits 1877 verstorben war. Aber sie zehrte nicht etwa von ihm wie von einem toten Kapital; seinen Geist und sein lebendiges Erbe pflegte, theologisch wohl bedeutender, Martin Kähler, den man zu den Biblizisten zählte. Sein durchgeistigtes, freilich auch leiddurchfurchtes Gesicht – er war schwer asthmatisch – steht mir noch ganz lebendig vor Augen. Das Schwert des Geistes, das er schwang, war eine scharfe, aber auch schwere und wuchtige Waffe; es war für uns nicht immer leicht, seinem hohen Gedankenflug zu folgen, der sich oft in „undurchsichtiger Redeweise“ ausdrückte. Ich habe bei ihm Exegese des Hebräerbriefs, Symbolik und Dogmatik I und II gehört. Auf letzterem Kolleg mußte man sich an Hand seiner „Wissenschaft der christlichen Lehre“ sehr ernstlich vorbereiten. Sein Buch „Der sog. historische Jesus und der geschichtliche biblische Christus“ vom Jahre 1896 ist noch heute und gerade heute wieder hoch aktuell. – Neben und doch durch eine Kluft von ihm getrennt stand noch Willibald Beyschlag, der Verfasser des seiner Zeit hochberühmten, aber inzwischen längst überholten „Lebens Jesu“. Er war Vermittlungstheologe, sein Ziel die Einigung von Christentum und Kultur, daneben ein scharfer Bekämpfer des Ultramontanismus. Ich habe kein Kolleg bei ihm gehört. – Aber mit großer Dankbarkeit muß ich des durch seine „Textbibel“ auch heute noch bekannten Professors Kautzsch gedenken, der uns die damals noch sehr beargwöhnte alttestamentliche Kritik doch in einem anderen Lichte erscheinen ließ, als sie in der „Gemeindetheologie“ oder in frommen Sonntagsblättern zu erscheinen pflegte. Man bekam in seinen, übrigens auch in leicht verständlicher Sprache gehaltenen Vorlesungen (Einleitung, Geschichte Israels, Jesaia) einen tiefen Eindruck davon, wie sich Ehrfurcht vor dem Heiligen und warme Treue zum guten Alten paaren konnte mit großer Gewissenhaftigkeit und unbestechlichem Wahrheitssinn.

Das Verbindungsleben war auch in Halle rege. Daß die Zahl der Aktiven etwas geringer war, als in Greifswald (60), kam ihm nur zugute. Auch hier gab es kleine Kreise, die sich zu engerem Verkehr aneinander schlossen, ohne doch in Cliquen auszuarten. Von den mir näher stehenden nenne ich nur die schon genannten Ernst Meyer und Otto Jesse, beide mit mir von Greifswald nach Halle übergesiedelt. Ersteren habe ich im Jahre 1911 in seiner schönen Pfarrei Eschau im Spessart (dem einstigen Pfarrsitz Casparis) besucht. Mit Jesse, später Superintendent in Aahaus in Westfalen, ist die Verbindung bald eingeschlafen. Das Wingolfshaus in der Hohenzollernstraße, damals ganz an der Peripherie der Stadt, bildete nicht bloß bei den Konventen und „offiziellen Kneipen“, sondern auch bei den gemeinsamen Mittagsmahlzeiten und an vielen Abenden den Mittelpunkt des Verbindungslebens, doch glaube ich sagen zu dürfen, daß man in Halle durchweg sehr fleißig Kolleg hörte, die Seminare besuchte und zu Hause allein oder in kleinen Gemeinschaften arbeitete.

Natürlich fehlten auch hier nicht die frohen Feste und das herrliche Wandern, wozu ja die nähere und weitere Umgebung die schönsten Ziele bot: die Trothafelsen hoch über der Saale, die Bergschänke, wo man am 1. Mai, nachts 12 Uhr, den „Mai ansang“, Merseburg, Rudelsburg („an der Saale hellem Strande“), Schwarzburg, Blankenburg in Thüringen, der Petersberg (Nachtwanderung!) und manches andre.

Einen Höhepunkt im akademischen und wingolfitischen Leben bildeten die letzten Julitage des Jahres 1894. Der Wingolf feierte unter großer Beteiligung von Philistern und Brüdern aus Bruderverbindungen sein 50jähriges Stiftungsfest. Als 3. Chargierter hatte ich die Begrüßungskneipe zu leiten und bei dem großen Umzug durch die Stadt die schwere Fahne zu tragen. Am Kommers nahmen wohl 400 Brüder und Philister teil. Unmittelbar anschließend fand das 200jährige Jubiläum der Universität statt, das mit einem feierlichen actus in der Marktkirche, einem gewaltigen Fackelzug, einem Kommers mit 4000 Teilnehmern und anderen Veranstaltungen begangen wurde. Auch als Kautzsch einen höchst ehrenvollen Ruf nach Berlin abgelehnt hatte, gab es ein große studentische Ovation. Da er gebeten hatte, von einem Fackelzug abzusehen, gab es eine Chargiertenauffahrt der Korporationen mit 33 Wagen und Fahnen.

Eine interessante Erinnerung knüpft sich für mich an einen Besuch bei unserem Philister P. Wilhelm Faber in Tschiena bei Greiz. Er war bekannt als ein warmer Förderer der Judenmission, hatte dann aber sein Interesse der Bekehrung der Mohammedaner zugewandt und es nun erreicht, daß in seiner Kirche zwei junge Theologen als Missionare nach Persien abgeordnet wurden. Der Generalsuperintendent Braun aus Berlin hielt die Predigt und die feierliche Abordnung, der ganze Tag stand unter dem alten Kreuzfahrerruf „Gott will es!“ Ich erwähne das ausführlich, weil es sich später herausstellte, daß Gott es damals nicht gewollt hat. Das ganze Missionsunternehmen erlitt ein trauriges Fiasko, einer der beiden jungen Missionare (oder beide?) wurde von fanatischen Persern ermordet. Die Zeit war – mindestens in Persien – noch nicht reif für solches Unternehmen. Solange auf Übertritt zum Christentum die Todesstrafe stand, war die Stunde noch nicht gekommen.

Eine andere Anregung zur Mission gab die große Missionskonferenz, die alljährlich in der Woche nach Sexagesimae unter dem Senior der Deutschen Missionswissenschaft, D. Gustav Warneck in Halle abgehalten wurde und eine große Zahl führender Missionsleute vereinigte. Es war bezeichnend für die Stellung Martin Kählers zur Mission, daß er an diesem Tage seine Kollegs aussetzte und die Studenten aufforderte, an der Konferenz teilzunehmen. Ich habe sie übrigens später von Ahlshausen aus auch noch einmal mitgemacht.

So kam das Ende des Wintersemesters 1894/95 (in dem ich als 1. Chargierter den Wingolf geführt hatte) heran. Die Abschiedskneipe des Semesters bildete auch den Abschluß der „alten Burschenherrlichkeit“. Nach alter Sitte sang man, umringt von den Brüdern, das Lied „Bemooster Bursche zieh ich aus“ und zerschlug beim letzten „Ade, ade, ade, ja Scheiden und Meiden tut weh“ seinen Couleurschoppen und wurde feierlich zum Philister erklärt. Noch einmal erklang das Lied auf dem Bahnhof, wo man in Band und Mütze den letzten Abschied nahm und dann natürlich bis zur nächsten Station II. Klasse fahren mußte. Dann ging es freilich bescheiden (wie auf allen unseren Reisen) in der 4. Klasse weiter ins „graue Philistertum“, mit viel Dank für die ganze herrliche Studentenzeit und mit den besten Vorsätzen für die Arbeit der Zukunft, in der nun zunächst das Examen winkte.

Erstes theologisches Examen
So brachte ich denn die Zeit vom März bis September wieder im Elternhause zu. „Jetzt galt´s, den Sinn in scharfer Zucht zu spannen“. Es war ein ruhiges, intensives Arbeiten mit Exegese des Alten und Neuen Testaments, Kirchengeschichte mit viel Exzerpten, Systematik. Einiges arbeitete ich zusammen mit einem Wingolfsbruder namens Kronhardt aus Destedt, dem Sohn des dortigen Lehrers. Im Sommer kam die Citation zum 1. Examen vor dem Konsistorium in Wolfenbüttel mit dem wissenschaftlichen Thema: „Inwiefern haben wir in Christo den Mittler zwischen Gott und den Menschen zu sehen?“, das in 4 Wochen bearbeitet sein mußte, und der Predigtaufgabe über Marc. 12, 28–34. Obgleich ich schon einmal – im Sommer 1894 – eine Predigt über Joh. 8, 12 ausgearbeitet und in Schulenrode unter Assistenz unseres damaligen Vikars Wilhelm Paulus gehalten hatte, ist mir diese Examenspredigt recht schwer geworden. Bei den Klausuren war im Neuen Testament eine Stelle aus 1. Kor. 10, im Alten Testament Psalm 76 lateinisch zu übersetzen und deutsch zu erklären, in der Kirchengeschichte unter anderem die Entwicklung des Mönchtums darzustellen. Das Mündliche, soviel ich mich erinnere, im „Frack“, begonnen mit einer Katechese, zu der man nach altem Herkommen noch das Katechetenmäntelchen trug, fand am 23. September statt, und wohlbestanden durfte ich noch am selben Abend ins Vaterhaus heimkehren.


Das Militärjahr
Acht Tage später, am 1. Oktober 1895, trat ich als „Einjährig–Freiwilliger“ in das „Braunschweigische Infanterieregiment 92“ ein, das wir wohl wegen der Nähe der Heimat gewählt hatten. Das Regiment, stolz auf seine Erinnerung und Tradition, war hervorgegangen aus dem Freikorps des „schwarzen Herzogs“ Friedrich Wilhelm, das der unversöhnliche Feind Napoleons zum Freiheitskampf im Bund mit Österreich im Jahre 1809 gebildet und dann, da Österreich Frieden mit Napoleon schloß, in dem berühmten Zuge „von Böhmen bis zum Nordseestrand“ durch das ganze von Franzosen besetzte Deutschland führte, bis es von Elsfleth an der Weser nach England überführt und in Spanien eingesetzt wurde. Bis etwa 1890 hatte das Regiment noch seine historische Montur getragen: schwarzer Schnürrock mit hellblauen Aufschlägen („ganz schwarz sind wir montiert, mit hellblau ausstaffiert“), am Tschako führten die ersten beiden Bataillone den Gardestern mit der Unterschrift „Peninsula“ zur Erinnerung an Spanien, das 3. Bataillon aber den Totenkopf. Gardestern, Totenkopf und Inschrift waren 1890 auch von der „preußischen“ Uniform übernommen.

Gesundheitlich ist mir das Dienstjahr von großem Vorteil gewesen, auch kam man durch die tägliche Gemeinschaft des Dienstes mehr als bisher mit dem einfachem „Mann aus dem Volk“ zusammen und in unmittelbare Berührung, aber geistige Anregung gab es wenig. Immerhin bewahrte die Nähe des Elternhauses vor der Gefahr der Verstumpfung; auch sah ich oft meinen Bruder Carl, der als Referendar an einem Braunschweiger Gericht arbeitete. Alles in allem war es ein sorgenloses Jahr, man hatte ja an nichts zu denken, als daß man pünktlich zum Dienst kam und sich das praktische und theoretische Können eines königlich preußischen Musketiers aneignete. Am 8. Mai, dem Geburtstag des damaligen Prinzregenten Albrecht von Preußen, wurde ich zum Gefreiten und am 30. September zum Unteroffizier der Reserve befördert. Als künftige „Reserveoffiziersaspiranten“ genossen die Einjährigen durch einen Offizier einen besonderen Unterricht in Instruktion und Felddienst.

Im Mai brachte das Regiment zehn Tage auf dem Truppenübungsplatz Munster in der Lüneburger Heide zum Gefechtsschießen mit scharfer Munition zu, und vom 22. August bis Ende September erlebte es die hohe Zeit des Soldatenlebens, das Manöver! Nachdem zunächst das Regiments- und Brigadeexerzieren im Gelände nördlich von Goslar stattgefunden hatte, führte uns das Brigade-, Divisions- und Corpsmanöver über Seesen bis dicht vor Stadtoldendorf und dann in die Gegend von Einbeck und Northeim. Gute und mäßige Quartiere, heiße Sonnentage, kalte Regennächte im Biwak und anstrengende Märsche, dazu wohl auch packende Gefechtsbilder mit schneidigem Reiterangriff – wir haben alles genossen und waren schließlich froh, als wir in den späten Abendstunden eines kalten und regnerischen Septembertages unter den Klängen der Regimentsmusik wieder im alten Braunschweig einzogen.


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