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[Kirche von unten]

Ottmar Palmer 1873 - 1964

Lebenserinnerungen

5. Kapitel


Das erste Amt: Ahlshausen

1902 – 1908


„Der Vogel hat ein Haus gefunden“
Psalm 84, 4.

An einem hellen Apriltag des Jahres 1902 fuhr ich bei hellem Sonnenschein und scharfer Luft mit der Bahn und dem Fahrrad von Harzburg nach Ahlshausen, im Kreise Gandersheim. Die dortige Pfarrstelle war gerade vakant geworden, eine örtliche Besichtigung sollte die Entscheidung bringen, ob ich mich um sie bewerben sollte. Die anmutige Lage des rings von bewaldeten Höhen umgebenen Dorfes, eine kräftige und gesunde Luft, das geräumige und gemütliche Haus, damals 200 Jahre alt, dazu der Ruf der Gemeinde als einer kirchlichen, bewogen mich, die Bewerbung beim Herzoglichen Konsistorium einzureichen. Erst Anfang November erfolgte die Ernennung und – nachdem ich mit Bruder Heinrich (damals in Veltheim bei Neu Erkerode) noch einmal einen zweitägigen informatorischen Besuch gemacht und mich dem Kirchenvorstand vorgestellt hatte – am 14. Dezember 1902 die Einführung. Meine Schwester Marie wollte mir einige Zimmer in dem sonst leer stehenden Pfarrhause einrichten, mich auch zunächst ein paar Wochen lang haushälterisch versorgen und mir so das Einleben erleichtern.


Begrüßung und Einführung
In grimmiger Kälte langten wir in Ahlshausen an. Der Möbelwagen hatte den vereisten Weg über den Opperhäuser Berg nicht zurücklegen können, sodaß die Sachen in Kreiensen auf offene Schlitten umgeladen werden mußten. Während Marie für die erste Nacht die Gastfreundschaft des jungen Lehrerehepaares genoß, schlief ich gleich im Pfarrhause in dem durch Bahn- und Schlittentransport doch recht ausgekälteten Bett, übrigens ohne Schaden zu nehmen. Abends begrüßten uns die Schulkinder und (irre ich nicht) auch der Gesangverein mit Fackelzug und Ständchen.

Bei -18° C fand dann in ungeheizter Kirche die Einführung statt, und zwar durch den ehrwürdigen Generalsuperintendenten Schröter aus Gandersheim, der trotz seines Alters (73 oder 74 Jahre) die Fahrt von G. nach A. im offenen Schlitten zurückgelegt hatte. Er ist sehr bald darauf in den Ruhestand getreten, meine Einführung war die letzte, die er hielt. Von Text und Inhalt seiner Einführungsrede weiß ich leider nichts mehr, von meiner eigenen Predigt nur noch den Text, Matth. 3, 1–12.

Nach den üblichen Einführungsverhandlungen, die sich unter der Leitung der beiden „Kirchenvisitatoren“, d.h. also des Superintendenten und des „weltlichen Visitators“, Kreisdirektor (= Landrat) Dannenbaum, auf Kassen, Inventarübernahme und anderes erstreckten, fand man sich nach damaligem festen Herkommen zu dem solennen „Einführungsessen“ in der Gastwirtschaft zusammen. Teilnehmer waren die genannten Herren aus Gandersheim, die Kirchenvorstände aus Ahlshausen und dem Filial Rittierode, der „Spezialvikar“ Thielhorn aus Opperhausen und der Neueingeführte mit seiner Schwester. Dies Einführungsessen mußte herkömmlich der neue Pastor bezahlen, bekam aber dafür die feststehende Summe von 60 Mark aus der Kirchenkasse.

Ich verzichte bei der Darstellung der Ahlshäuser Zeit auf genaue Chronologie und versuche, mehr nach sachlichen Gesichtspunkten zu berichten.


Die Landschaft um Ahlshausen
Die landschaftlich schöne und gesunde Lage des Dorfes ist schon erwähnt. Es liegt geschützt in einer rings von waldgekrönten Höhen umgebenen Mulde, innerhalb derer sich wieder der Sonnenberg erhebt, der zu meiner Zeit noch eine gewaltige Windmühle trug, die später abbrannte, damals aber immer noch das Interesse der Licher Verwandten erregte, weil man so etwas in Oberhessen kaum kannte. Die Wälder, Buchen und Fichten, gehörten der Gemeinde, teils einzelnen Bauern, teils der „Realgenossenschaft“. Auch die Pfarre hatte ihre beiden „Teilungen“ und Anteil am Gemeindebesitz. Sie war also auch, teils geldmäßig, teils in natura, an dem Ertrag beteiligt, mußte dafür aber auch zu den Forstarbeiten 2 Männer oder auch Frauen stellen. Vor der Aufhebung des Pfründesystems konnte A. als eine „sehr gute“ Pfarre gelten, besaß sie doch über 40 ha Acker- und Wiesenland, sodaß einschließlich einiger Geldgefälle das Einkommen des Pastors etwa 6000 Mark im Jahr betrug, um die Jahrhundertwende ein recht ansehnliches Gehalt. Ich selbst behielt nun nach der neuen Gehaltsregelung von diesen Einkünften nur das Normalgehalt des Anfängers mit 2400 Mark, alles andere mußte, zum großen Leidwesen des Dorfes, an den Pfarrbesoldungsfonds abgeführt werden; die Einziehung der Pachten war Sache des Pfarrers.

Zum Kirchspiel gehörten drei Ortschaften, Ahlshausen selbst mit etwa 650 Einwohnern, das etwa ¼ Stunde entfernte Sievershausen mit 100 und Rittierode über der Leine, 4 km entfernt, mit 250 Seelen, sodaß mir im ganzen rund 1000 anvertraut waren. Während Sievershausen nur ein Glockenhäuschen und einen Friedhof besaß und seine Bewohner zu den Gottesdiensten nach Ahlshausen kamen, war Rittierode „mater combinata“ mit 60 regelmäßigen Predigtgottesdiensten. Sie fanden im Sommer um 8, im Winter um ½9 statt. Die Wege legte ich bei gutem Wetter mit dem Fahrrad zurück, sonst fuhr mich der Landwirt Ludwig Pralle („Ludchen“ genannt) auf einem Breakwagen mit zwei starken Pferden. Dafür wurde eine Fuhrentschädigung von 60 M. bezahlt.

Rittierode war ziemlich unkirchlich, ich habe manchen Gottesdienst mit 5–10 Erwachsenen abgehalten. Besser stand es mit Ahlshausen, wo der durchschnittliche Kirchenbesuch an den „gewöhnlichen“ Sonntagen 70–80 Erwachsene aufwies, auch die Abendmahlsziffern betrugen noch annähernd 80% der Seelenzahl. Von Sievershausen kamen ganz regelmäßig die Familien der drei dortigen großen Bauern, und zwar in der Weise, daß (nach alter Sitte) die „Alten“ mit den „Jungen“ abwechselten, mindestens aber mußte einer aus der Familie kommen, der Hof also stets vertreten sein. Auch die Sonntagsheiligung stand im allgemeinen noch auf der alten Höhe, doch fing schon damals die Erlaubnis der Sonntagsarbeit für die „kleinen Leute“ an, sich ungünstig auszuwirken. Die staatliche Gesetzgebung hatte diese Konzession gemacht, weil die Tagelöhner in der Woche infolge ihrer Verpflichtungen bei ihren Bauern nicht genug Zeit fanden, ihre eigenen oder gepachteten kleinen Ländereien zu bewirtschaften; besser wäre es freilich gewesen, man hätte die Bauern gezwungen, den Sonnabend Nachmittag frei zu geben. – Über die gewohnte „Kirchlichkeit“ ging das Christentum der Gemeinde wohl nur wenig hinaus; persönlich ergriffenes Leben aus Gott und darum auch in Bibel und Gebet waren doch mehr oder weniger Ausnahmen. Doch soll hier nicht der Anschein entstehen, als ob ich die positiven Seiten und Werte des bäuerlichen Christentums nicht gesehen oder zu schätzen gewußt hätte.


Soziale Schichtung
Die soziale Schichtung der Gemeinde trug – mehr als in vielen anderen Dörfern in Stadtnähe oder an großen Verkehrsstraßen – ganz vorwiegend bäuerlichen Charakter. Natürlich gab es auch „Arbeitsluie“, Handwerker und Tagelöhner, aber doch nur in verhältnismäßig geringem Umfange, und sie waren doch fast alle abhängig von den größeren oder mittleren Bauern, die ihnen ihr Land zurecht machten und denen sie gegen recht geringes Entgeld in arbeitsreichen Zeiten als Tagelöhner helfen mußten; so bekam Anfang des 20. Jahrhunderts z.B. meine Aufwartefrau bei ihrem Bauern einen Tagelohn von 50 Pf., dazu freilich die gesamte Tagesverpflegung, auch für etwa mitgebrachte Kinder. Die Bauern wurden damals in Ahlshausen noch im wesentlichen nach dem Landbesitz eingeteilt und bezeichnet. Die „Ackerleute“ hatten mindestens ein Gespann = 4 Pferde und einen Grundbesitz von 150–200 Morgen; von diesen gab es in A. nur zwei, in Sievershausen aber drei; unser Freund Hartmann hatte sogar einschließlich Wiese und Wald 75 ha. also 300 Morgen. Der „Halbspänner“ hatte zwei Pferde und unser Nachbar L. z.B. 80 Morgen Land. Dann kamen die „Kotsassen“ oder „Köter“, die mit Kühen ackerten und darum auch Kuhbauern genannt wurden; alles andere gehörte zu den Anbauern oder „Kleinen Leuten“. Einige Typen stehen mir noch heute ganz deutlich vor Augen, meist ältere Leute mit kurzen Hosen, Gamaschen, blauem, selbstgesponnenem und gewebten Kittel und scharf geschnittenem Profil. In Ahlshausen habe ich auch das Plattdeutsch, das durchaus die Umgangssprache war, erst richtig zu verstehen gelernt; daß ich es auch richtig sprechen könnte, wage ich nicht zu behaupten. Es handelte sich dabei um das sog. Weserplatt („eck sin von der Weser“), das sich von dem der Braunschweiger Gegend und natürlich erst recht vom Reuterschen unterscheidet, das man aber sehr treffend z.B. in den Büchern von Sohnrey findet.

Da ich nicht für Theologen, sondern für meine Kinder schreibe, will ich über meine pastorale Arbeit hier nur das Wichtigste erzählen. Nachdem im Herbst 1904 – siehe weiter unten – auch endlich eine Pfarrfrau eingezogen war, versuchten wir, die weibliche Jugend während des Winters zu versammeln. Im letzten Winter fing ich mit Bibelstunden an, die gut besucht waren. Im Jahre 1906, zur Feier des 200-jährigen Jubiläums der Tamilenmission, fand auch das erste Missionsfest in Ahlshausen statt, mit Predigt meines lieben Schwiegervaters, und Nachfeier unter den Eichen des Wambergs, da, wo bald darauf der neue Friedhof angelegt wurde.


Mission
Hier erzählte der mir später sehr befreundete Pastor Karl v. Schwartz aus Bodenburg, später Domprediger in Braunschweig, aus der Mission. Auch Gemeindeabende im Wirtshaussaal mit oder ohne Lichtbilder wurden gehalten und Missionsabende in der Kirche, bei dem einem z.B. der bekannte Dr. Fröhlich aus Indien sprach.

In Ahlshausen übernahm ich auch, und zwar im Jahre 1906, als mein Bruder Heinrich seine Gemeinde in Veltheim an der Ohe mit der neu gegründeten Friedensgemeinde in Frankfurt am Main vertauschte, das bisher von ihm verwaltete und mit neuem Leben erfüllte Amt eines Schriftführers des Braunschweigischen Landesmissionsvereins. Ich hatte als solcher die Verbindung mit den in jeder Inspektion gewählten Vertrauensmännern zu pflegen, den umfangreichen Jahresbericht aufzustellen, drucken und in großer Auflage in den Gemeinden des Landes verteilen zu lassen und überhaupt nach Kräften für die Belebung des Missionslebens im Landes zu sorgen. Die schon im Elternhause gepflegte lebendige Teilnahme am Missionswerk erfuhr dadurch eine starke Vertiefung. Meine außerpfarramtliche Arbeit erstreckte sich besonders auf dieses Gebiet. Grundlegende Werke über die Mission, wie die Bücher von D. Warneck und D. Richter, die „Allgemeine Missionszeitschrift“ (A.M.Z.), das „Leipziger Missionsblatt“, die „Evangelischen Missionen“ wurden sorgfältig durchgearbeitet, es wurde in einem besonderen Buche das Material gesammelt und bereitgestellt für Missionspredigten und Vorträge, solche auch in einer ziemlichen Anzahl in den Gemeinden des Landes bei Missionsfesten und dergleichen gehalten. Ich konnte das große Leipziger Missionsfest und die schon früher erwähnte berühmte Missionskonferenz in Halle in der Sexagesimae–Woche besuchen und kann überhaupt auf diese ganze Tätigkeit als eine große Bereicherung meines Lebens nur dankbar zurückblicken. Als später in Wolfenbüttel die Arbeit an der großen Gemeinde durch mancherlei Neueinrichtungen wuchs, mußte ich das Amt in andere Hände legen, meine und meines Hauses größte Liebe galt und gilt aber bis heute diesem ältesten und vornehmsten Reich-Gottes-Werke, und mancherlei Beziehungen zu Missionaren oder leitenden Missionsmännern sind mir mein Leben lang wertvoll geblieben. Vielleicht ist auch ein Missionsvortrag beim Wolfenbüttler Missionsfest im Jahre 1907 nicht ohne Einfluß geblieben auf die bald erfolgende Berufung dorthin.


Das Predigen
Was aber das vornehmste Stück aller pastoralen Arbeit betrifft, nämlich die Verkündigung des Wortes Gottes in der Gemeinde, so muß ich wohl sagen, daß ich bestimmt heute nicht so predige wie in Ahlshausen vor 50 Jahren. Es hat mir doch damals, noch mehr als später, die Fähigkeit gefehlt, das Wort an den Mann zu bringen, d.h. es so zu sagen, daß der Hörer sich wirklich in der Welt, in der er lebt, „angesprochen“ fühlt. Aber wer kennt sich in dieser Aufgabe jemals wirklich aus? Ich jedenfalls bin mit der quälenden Frage: „Wie sag ich‘s meinem Kinde?“ bis heute nicht fertig geworden. Ich glaube nur sagen zu dürfen, daß ich mir Mühe gab, alles Kanzelpathos und alle Sprache Kanaans zu meiden, und ich konnte nur darin bestärkt werden, als mir Freund Hartmann einmal sagte: „Die Leute sind früher auch zur Kirche gekommen, aber jetzt kommen sie gern!“


Bewerbung in Wolfenbüttel
Es war kurz vor Weihnachten 1907, als mich eine Anfrage des Konsistoriums erreichte, ob ich geneigt sei, mich an die vakante Stelle eines zweiten Predigers an der Hauptkirche B.M.V. in Wolfenbüttel berufen zu lassen. Ich müßte mich dann um die Stelle bewerben, gleichzeitig aber mich verpflichten, vor der Gemeinde und dem Kirchenvorstand eine Gastpredigt zu halten und mit zwei anderen Bewerbern zu konkurrieren; die Stelle werde durch den Herzog verliehen, der Kirchenvorstand habe kein Wahlrecht. Da er aber eine, ihm an sich also nicht zustehende Beteiligung an der Neubesetzung begehre, wolle man ihm entgegenkommen und drei vom Konsistorium ausgesuchte Geistliche eine „Gastpredigt“ halten lassen, um dann bei der Ernennung auch das Votum des Kirchenvorstandes mit in Erwägung ziehen. Alles dieses wurde dann noch bei einer persönlichen Besprechung mit dem Konsistorialrat Vitus Dettmer erörtert und geklärt, woraufhin ich dann meine Bewerbung einreichte und mich zu der verlangten Gastpredigt bereit erklärte. So feierten wir das Weihnachtsfest schon mit dem starken Gefühl, daß es vielleicht das letzte in Ahlshausen sein werde. Und in der Tat entschied sich auch unsere Zukunft in der vorausgesehenen Weise, nachdem ich am 3. Sonntag nach Epiphanias über das Evangelium vom Hauptmann zu Kapernaum meine Gastpredigt gehalten hatte, zu der auch mein Vater aus Braunschweig herübergekommen war. Beschämen mußte es mich, daß ich später erfuhr, die (landeskirchliche, d. H.) Gemeinschaft in Wolfenbüttel habe darum gebeten, daß die Wahl auf mich fiele.

So galt es nun zunächst, die Zeltpflöcke in Ahlshausen zu lösen. Uns wurde der Abschied nicht leicht und auch umgekehrt haben viele unsern Fortgang aufrichtig bedauert. Wir haben auch den Zusammenhang mit einzelnen Familien in Ahlshausen, und besonders mit den früher genannten in Sievershausen, bis zum heutigen Tage gern festgehalten und gepflegt. Der gute Gemeindevorsteher Wilhelm Rohmeier aber meinte, ich würde in Wolfenbüttel nun wohl bald „Kunzionalrat“ (Kons.-rat) werden, wozu ich es freilich zu meinem Glück doch nicht gebracht habe.



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