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[Kirche von unten]

Ottmar Palmer 1873 - 1964

Lebenserinnerungen

6. Kapitel


An der Hauptkirche in Wolfenbüttel

1880 – 1886


„Fürchte dich nicht, denn ich habe ein großes Volk in dieser Stadt.“
Ap. Gesch. 18


Gemeinde und Amt
Ende März oder Anfang April fuhren wir zum letzten Mal in unsrer alten Kutsche „über den Berg“ nach Kreiensen und von da nach Wolfenbüttel. Man wird es begreiflich finden, daß den jungen Pfarrersleuten, die aus den persönlich und amtlich einfachen Verhältnissen des einsamen Dorfes in das weit kompliziertere Dasein in der großen Stadtgemeinde versetzt wurden, das Herz nicht ganz leicht war, mir vor allem bei dem Gedanken, ob ich der größer gewordenen Aufgabe auch nur einigermaßen gewachsen sein würde. Was mir ein Trost und eine Stärkung sein konnte, war nicht nur in erster Linie das Bewußtsein, den neuen Weg ja nicht selbst gewählt zu haben, sondern die Zuversicht, daß die einem Paulus in Korinth gegebene Verheißung ja auch dem geringsten seiner Nachfolger gelten dürfe: auch in der neuen, großen Gemeinde würden Menschen sein, die sich dem Worte öffneten und mit denen man im Innersten verbunden sein könnte – wenn es freilich wohl auch kein „so großes Volk“ sein würde, als es dem Apostel geschenkt wurde.


Erst allmählich heimisch
Acht und ein halbes Jahr ist Wolfenbüttel mein Arbeitsfeld und unsre Heimat gewesen, in der wir nach der köstlichen Freiheit im idyllischen Ahlshausen freilich erst allmählich heimisch geworden sind. Die Stadt zählte damals 18–20.000 Einwohner. Sie hatte zwar sowohl in politischer als auch kirchlicher Hinsicht eine große Vergangenheit, war ja bis ins 18. Jahrhundert hinein die Residenz der Braunschweigischen Herzöge gewesen, stand aber doch nun schon lange im Schatten der nahen Hauptstadt. Dort sprach man von Wolfenbüttel als einer verträumten Kleinstadt, in der „das Gras auf den Straßen wüchse“, und wenn man in Braunschweig mitten auf der Straße ging, hieß es: „Du gehst ja wie in Wolfenbüttel“. Das Beste an Wolfenbüttel, so sagte man oft, sei die Nähe zu Braunschweig.
Sein Gepräge und z. T. auch seinen Ruf erhielt es einmal durch die große Anzahl höherer Schulen – Gymnasium, Realschule, Lyzeum mit Lehrerinnenseminar, Samsonschule (für Juden), Gartenbauschule, Breymannsches Institut u. a. – da viele auswärtige Schüler vom Lande heranzogen und dadurch einer großen Anzahl von Familien, Witwen, älteren Damen u.s.w. eine willkommene Einnahmequelle boten, und zum andren durch die große Anzahl von Gärtnereien, die das nahe Braunschweig, aber auch einen großen Teil des Harzes mit Gemüse versorgten. Auch einige Eisen- und Maschinenfabriken waren vorhanden, eine große Konservenfabrik, eine Spinnerei u.a.m. Jedenfalls bot die Stadt im Kranz ihrer gut gepflegten Wälle und der vielen Gärtnereien, besonders in der Zeit der Obstblüte, ein schönes Bild, und wer nicht gerade auf nahe Berge und Wälder Gewicht legte, konnte sich dort wohlfühlen, was die alten Eingesessenen auch durchaus taten.


Die Kirchen
Es gab drei evangelische Kirchen mit fünf Pastoren: die Hauptkirche B.M.V. (= Beatae Mariae Virginis), die die ganze Altstadt und einen Teil der Wälle mit den Straßen vor dem Harztor umfaßte, die St. Trinitatis- oder Garnisonskirche mit der nördlichen und östlichen Vorstadt („Juliusstadt“) und die St. Johanniskirche mit der westlichen Vorstadt („Auguststadt“). Die Hauptkirche hatte 2 Pastoren und den „Senior“ des Predigerseminares als Collaborator, die anderen beiden je einen Geistlichen. Hinzu kam noch der Geistliche an der großen Landesstrafanstalt. Zum pastoralen Verkehrskreis gehörte auch der Seminardirektor (bis 1918 stets ein Theologe!), der Vorsteher eines großen Mädcheninstitutes und, allerdings nur bis zu einem gewissen Grade, die drei geistlichen Räte des Konsistoriums.

Die Hauptkirche (die man jetzt in Wolfenbüttel stets nur die „Marienkirche“ nennt) selbst zu beschreiben, ginge weit über den Zweck dieser Aufzeichnungen hinaus. Man kann betreffs dieses hervorragenden Gebäudes alles Wissenswerte in geschichtlicher und architektonischer Hinsicht in den „Bau- und Kunstdenkmälern des Braunschweiger Landes“ nachlesen. Hier mag nur erwähnt werden, daß sich infolge der durch die Anlage der Kanalisation verursachten Senkung des Grundwasserstandes die auf einem Pfahlrost mächtiger Eichenbalken ruhenden Fundamente der Kirche gesenkt hatten und sich bedenkliche Risse in der Turmwand und an anderen Stellen zeigten. Durch „Unterführungen“ der mächtigen Strebepfeiler mit gewaltigen Massen Eisenbetons war man – kurz vor unserer Übersiedlung nach Wolfenbüttel - der Gefahr des Einsturzes begegnet, aber auch während meiner dortigen Zeit wurden die Arbeiten wieder fortgesetzt, sie kosteten weit über 100.000 M. Später erlebte ich noch mit, wie die Wetterfahne – das springende Welfenroß – auf dem 71 m hohen Turm erneuert wurde.

Die Hauptkirchengemeinde, die ich nun zusammen mit dem Stadtsuperintendenten Propst Beste versorgen sollte, zählte gegen 10.000 Seelen und war in zwei Seelsorgebezirke eingeteilt. Alle Berufsschichten waren vertreten, die Kaufleute, Handwerker und Beamten wohl zahlreicher als die Arbeiter.

An einem kalten und regnerischen Aprilnachmittag trafen wir in Wolfenbüttel ein, am Bahnhof vom ehrwürdigen Propst Beste empfangen und in sein Haus an der Klosterkirche geführt, wo uns seine Frau in der herzlichsten Weise bewillkommnete; sie hat 8 Jahre lang uns, besonders meiner Frau, eine immer gleiche herzliche Liebe, Anteilnahme und Hilfsbereitschaft erwiesen. Da das 2. Pfarrhaus nicht in gutem Zustande war, mußten wir eine Mietwohnung suchen, die wir auch bald im Hause Lessingstraße Nr. 1 bei dem Gymnasialprofessor Müller fanden. Es war ein außerordentlich solide gebautes Haus, das der Vater der Hausfrau, ein sehr wohlhabender Fabrikant, für seine Tochter hatte erbauen lassen. Wir hatten sechs schöne Räume (!), dazu Veranda, Badezimmer und Klosett. Diese Wohnung wurde aber erst im Mai frei, und ich mußte mir für einige Wochen ein einzelnes möbliertes Zimmer mieten, während meine Frau gleich nach der Einführung zu ihren Eltern nach Lich fuhr, um dort zu bleiben, bis wir im Mai den eigentlichen Umzug bewerkstelligen würden.

Meine Einführung erfolgte am 5. April, dem Sonntag Judika, wobei ich die Predigt über das Sonntagsevangelium aus Joh. 8 zu halten hatte. Die Einführung selbst hielt der Propst Beste, mein Vater durfte als „Assistent“ mir wieder die Hand aufs Haupt legen; ihm war natürlich der Amtswechsel des Sohns ein großes Geschenk. Das ziemlich feierliche Einführungsessen gab dem Herkommen nach der Propst in seinem Hause.


Predigt
Nun stand ich vor der Aufgabe, eine nicht nur vier bis fünf mal größere, sondern auch strukturell völlig anders geartete Gemeinde zu betreuen. Ich muß heute wohl ehrlich gestehen, daß ich mir damals das Neue und Eigenartige dieser Aufgabe nicht systematisch und im einzelnen klar gemacht, also auch keine Pläne darüber entworfen habe, welches Arbeitsgebiet als das vordringlichste zuerst oder besonders intensiv in Angriff zu nehmen sei. Die von jeher und auch heute noch zentralen Aufgaben des Amts: Verkündigung, Unterricht, Seelsorge kamen ja ohnehin vom ersten Tage an und von selbst auf mich zu.

Predigen mußte ich jeden Sonntag, abwechselnd vormittags und abends um fünf, später um acht Uhr. Derjenige der beiden Pfarrer, der vormittags nicht predigte, hielt die Liturgie. Ebenso wechselte Kindergottesdienst mit Bibelstunden ab. Letztere wurden – in Fortsetzung der alten, aus der Reformationszeit stammenden Wochenbetstunden – Montag Vormittag acht Uhr (!) gehalten und waren natürlich sehr schlecht besucht, ein Stück alter, unbegreiflicher Weise festgehaltener Wolfenbüttler Traditionalismus. Ich konnte sie natürlich nicht gleich abschaffen, richtete aber bald Bibel- oder Bibelbesprechungsstunden im Saal der Herberge zur Heimat – ein Gemeindehaus war natürlich nicht vorhanden – ein. Sie hatten zeitweise siebzig oder mehr Besucher, unter ihnen auch viele junge Menschen aus den höheren Schulen. Dabei wurden in Form von Vorträgen und Aussprachen die den heutigen Menschen bewegenden Fragen behandelt wie etwa: „Kann ein moderner Mensch beten?“ und dgl.

Was meine Predigttätigkeit betrifft, so darf ich hier einmal ganz objektiv einflechten, daß mir die Ausarbeitung der Predigten eigentlich zu allen Zeiten schwer geworden ist und meistens unverhältnismäßig viel Zeit gekostet hat. Das bezieht sich sowohl auf exegetische Schwierigkeiten im Text, über die ich oft nur schwer hinwegkam, als auch auf die nötige Konzentration bei der Anordnung der Textgedanken und vor allem auf den Weg vom Text her zu den im Geist vor mir sitzenden Menschen der konkreten Gemeinde, also auf die Übersetzung des Wortes in das „Jetzt und hier“. Dagegen habe ich mit der Memorie der bis heute stets wörtlich niedergeschriebenen Predigt, abgesehen von den letzten Jahren, nie Not gehabt. In jüngeren Jahren genügte fast immer ein zwei- bis dreimaliges Durchlesen des Konzepts. Ging einmal der Faden verloren, so genügten ein paar extemporierte Sätze, ihn wieder zu finden, und die Gemeinde hat wohl gar nichts gemerkt. – Die Kirche, die anfangs des 17. Jahrhunderts als erste große Kirche in Norddeutschland erbaut war, hatte fast 1500 Plätze und war wegen ihrer schlechten Akustik berüchtigt, ich habe aber in dieser Beziehung nie Schwierigkeiten gehabt.


Konfirmandenunterricht und Kindergottesdienst
Was den Unterricht betrifft, so kam neben einer wöchentlichen Katechismuslehre nur der Konfirmandenunterricht in Betracht. Er wurde zu jener Zeit nur von Weihnachten bis Ostern erteilt, umfaßte dagegen vier volle Wochenstunden, und zwar in je zwei Abteilungen, sodaß acht Stunden zu geben waren. Bei dem damaligen Umfang des Religionsunterrichts in den ja unter dem Konsistorium stehenden Volksschulen und den Kenntnissen, die die Konfirmanden mitbrachten, ließ sich diese kurze Dauer des Unterrichts wohl verantworten; er konnte dementsprechend auch stärker im kirchlich-seelsorgerischen Sinn ausgerichtet werden.

Der Konfirmandenunterricht wurde getrennt nach Seelsorgebezirken erteilt, die Konfirmation selbst aber wechselte zwischen den beiden Pfarrern ab, sodaß jeder nur alle zwei Jahre, dafür aber sämtliche Kinder der Gemeinde konfirmierte. Der nicht beteiligte hatte die Beichte zu halten und bei der Konfirmation und dem hl. Abendmahl zu assistieren. Ich habe im Einvernehmen mit vielen Gemeindegliedern ziemlich bald versucht, diesem offenbaren Übelstand abzuhelfen, wobei es galt, den Widerstand des Kirchengemeinderats und des Konsistoriums zu überwinden, aber erst im Jahre 1915 ist es gelungen, die Trennung der Konfirmation nach Bezirken durchzuführen, sodaß jeder die Kinder konfirmierte, die er im Unterricht hatte und deren Eltern er als Seelsorger nahestand.

Große Freude bereitete der Kindergottesdienst, der besonders durch die Gewinnung von mehr Helfern und Helferinnen, sowie durch die Veranstaltung von Elternabenden einen schönen Aufschwung erlebte. Hatten wir doch in den besten Zeiten 600 – 700 Kinder, die in 40 Gruppen von ebensoviel Helfern und Helferinnen betreut wurden, unter letzteren mehrere seit langen Jahren beteiligte Damen, aber auch ziemlich viel junge Menschen, vor allem Primaner und Seminaristen. Freude an der Arbeit, wiederholte Ausflüge und ein gemischter Chor hielten den großen Kreis zusammen.


Volksmission und Gemeindeaufbau
In der Gemeinde gab es einen Kreis treuer Kirchenbesucher und bewußter Christen, auch eine Gemeinschaft war vorhanden, die zur Landeskirche in einem durchaus positiven Verhältnis stand. Die große Masse des Bürgertums und der Beamtenschaft aber war, zwar nicht feindlich, aber doch indifferent. So mußte sich bald die Überlegung einstellen, was neben Predigt und Seelsorge geschehen könne zur Verlebendigung der Gemeinden. Man sprach und schrieb damals viel von „Gemeindeorganisation“, wollte bestimmte Gemeindekreise sammeln und die bewußt lebendigen Kräfte aus ihnen einsetzen, um in die gleichgültige Masse vorzustoßen. Im Jahre 1910 fand in Braunschweig der erste deutsche „Gemeindetag“ statt, der unter Professor D. Schian – Gießen, später in Breslau, und P. Stock – Braunschweig, diese schon von Sulze – Dresden vertretenen Gedanken vorantreiben wollte. Von daher empfing ich manche Anregung. Viel verdanke ich auch dem Beispiel und Vorbild meines Bruders Heinrich, der seit 1906 in Frankfurt a. M. mit seiner Gemeindearbeit an der Friedensgemeinde sehr schöne Erfahrungen gemacht hatte.

So entstand zunächst der „Verein junger Mädchen“, der die konfirmierten Mädchen aus den bürgerlichen Kreisen sammeln sollte und auch sammelte, die für den vorhandenen „Jungfrauenverein“ alten Stils nicht zu gewinnen waren. Das nächste war (1911) die Gründung des Gemeindeblatts, das sich dank eifriger Hilfe einiger Helferinnen schnell einbürgerte. Es war anfangs, zusammen mit einem Gemeindeblatt in der Stadt Braunschweig, das einzige im Lande. Bald gelang es, einen Helferkreis zu sammeln, der die große Gemeinde in kleine Bezirke aufteilte und dem Pfarrer mit Besuchen, Erkundigungen u.s.w. treu zur Seite stand. Er hat auch später in der Kriegszeit Jahre lang viele Tausende von Gemeinde- und Sonntagsblättern, aber auch andere Schriften ins Feld gesandt, und zwar an 800 Adressen.

Vor allem aber versuchte ich schon von 1909 an, das Interesse zu wecken für den Bau eines hochnotwendigen Gemeindehauses, das ja den Mittelpunkt aller Gemeindekreise und –arbeit bilden sollte. Im Jahre 1914 konnte nach Überwindung mancher Schwierigkeiten und auch Widerstände, natürlich auch nach jahrelangen Geldsammlungen, der Grundstein gelegt werden, und am 31. Januar 1915 fand die feierliche Einweihung statt. – In den ersten Kriegswochen wurde zu Frauenabenden eingeladen, die sich schnell einbürgerten, und aus denen bald die „Evangelische Frauenhilfe“ hervorging. Und schließlich sammelten sich auch hin u. wieder die Männer zu besonderen „Männerabenden“. Wenn in diesem Bericht die Sorge um die männliche Jugend vermißt werden sollte, so bemerke ich, daß ein interparochialer „Jünglingsverein“ unter Leitung eines Seminaroberlehrers bestand, in dem aber gelegentlich auch die Gemeindepastoren mitarbeiteten.

Höhepunkte dieser rasch aufblühenden Gemeindearbeit aber waren die Gemeindeabende in dem schönen, 400 Personen fassenden, Saal des Gemeindehauses mit Vorträgen, Lichtbildern und anderen wertvollen Darbietungen. Großen Anklang fanden auch 1915 u. 16 die „Kriegsvorträge“, für die es mir gelang, tüchtige und bedeutende Redner von auswärts zu gewinnen. An Themen nenne ich nur aus meiner Erinnerung: Die Zukunft Deutschlands – Der Krieg und die deutsche Dichtung – Der Kaiser und der Krieg – Der religiöse Geist in Volk und Heer.


Äußere Mission
Neben alle dem Erwähnten lag mir natürlich auch immer die Pflege des Missionssinnes am Herzen. Ich hielt regelmäßige gut, oft auch sehr stark besuchte Missionsversammlungen, von denen ich selbst den allermeisten Vorteil hatte, z. B. als ich in einer ganzen Reihe von Vorträgen das (besonders für Anfänger) außerordentlich instruktive Buch von Joh. Warneck „Die Lebenskräfte des Evangeliums“ behandelte. Über den engeren Kreis der Gemeinden hinaus hatte ich ja auch als Schriftführer des Landesmissionsvereins zu versuchen, in den Gemeinden des Landes die Pflege des Missionssinns zu wecken, was ich in recht vielen Predigten und Vorträgen tat. Ich bin damals, wie auch schon von Ahlshausen aus, in zahlreiche Gemeinden gekommen und lernte so einen guten Teil der Landeskirche und viele Amtsbrüder und deren Häuser kennen. Ich nenne hier nur folgende Orte, wobei dann auch gleich diejenigen mit aufgezählt sein mögen, in die mich – von 1912 an – meine Palästinavorträge (mit Lichtbildern) führten: Ahlshausen, Asse, Benzingerode, Braunlage, Braunschweig (wiederholt), Calvörde, Dettum, Fürstenauer Holz, Geitelde, Glentorf, Gandersheim, Halle (Weser), Heimburg, Hüttenrode, Heinade, Ingeleben, Kreiensen (?), Lichtenberg, Lunsen, Neu Erkerode, Riddagshausen, Rübeland, Schöppenstedt, Westerlinde, Wolfenbüttel, Wangelnstedt (?), Hahausen, Wersterode, Blankenburg (1912), Berel. 31 Orte habe ich teils aus der Erinnerung, teils aus Tagebüchern feststellen können, wahrscheinlich sind es noch mehr gewesen, darunter auch Braunschweig mit mindestens 10 Vorträgen, einmal vor dem Herzogregentenpaare. – Natürlich wurden in Wolfenbüttel (schon vor meiner Zeit) auch Missionsfeste und Vorträge auswärtiger Redner gehalten. Von bekannten Männern, die bei solchen Gelegenheiten bei uns zu Gast waren, nenne ich nur P. Josephsohn (Mann der Schriftstellerin Berta Josephsohn–Merkator) und Samuel Keller, damals der bekannteste Evangelist Deutschlands; letzteren verehrte meine Frau ganz besonders, seine Zeitschrift „Auf dein Wort“ haben wir lange Jahre hindurch gelesen. In unserem Gästebuch hat er sich mit dem schönen Vers „verewigt“: „Ich lebe vor den Leuten – bin heimlich gestorben – was hat’s zu bedeuten – wenn mich doch geworben – im Leid nicht vergebens – der Meister des Lebens“. Von Leipziger Missionaren sei nur erwähnt Miss. Jessen aus Schira, Ostafrika, der anläßlich einer Predigtreise sechs Tage bei uns war und mit dem wir später noch korrespondiert haben.

Um das Bild meiner amtlichen Tätigkeit in Wolfenbüttel abzurunden, sei noch erwähnt, daß ich von 1912 – 1916 den Religionsunterricht in den beiden Primen des Gymnasiums erteilte, was mich verständlicherweise eine erhebliche Vorbereitung kostete, ebenso auch die Montagsandachten. – Damals habe ich auch meine einzige Judentaufe vollzogen, und zwar an einem 17jährigen j. Mädchen, aus einer Wolfenbüttler Haushaltsschule. – Die Mitarbeit am kirchlichen Blaukreuzverein, vor allem aber die traurigen Einblicke in das Trinkerelend, dem man ja in der Seelsorge so oft begegnete, veranlaßten mich, im Jahre 1911 alkoholabstinent zu werden, was ich dann etwa 30 Jahre lang gewissenhaft geblieben bin.


Außeramtliche Arbeit, Reisen, Berufungen
Die Nähe der Stadt Braunschweig brachte es mit sich, daß ich mich mehr und intensiver als von dem fernen Ahlshausen aus an den Zusammenkünften und Arbeiten derjenigen Kreise der Pfarrerschaft beteiligte, die vom „positiven“ (wie man damals sagte) Standpunkt aus die theologischen und kirchlichen Interessen fördern und vertiefen wollten. In Braunschweig wurde alljährlich um Johannis herum das große Landesmissionsfest gefeiert, mit Festgottesdienst im Dom und einer Nachfeier im Garten des „Rettungshauses zu St. Leonhard“, bei der auch die Innere Mission zu Worte kam. Manche bekannte und berühmte Männer der Kirche lernte man dabei als Prediger kennen, und ein großer Teil der Pfarrerschaft gab sich bei diesem „Pastorenschützenfest“ ein Rendezvous. Schon wegen meines Amts im Landesmissionsverein nahm ich regelmäßig teil, habe auch selbst einmal bei der Nachfeier gesprochen.

Zweimal im Jahr tagte auch in Braunschweig die „Ev. luth. Vereinigung“, in der sich neben einer ganzen Anzahl von Laien fast alle „positiven“ Pastoren vereinigten. Auch hier hörte man meistens sehr tüchtige Theologen von außerhalb. Diese Vereinigung war auch die Veranstalterin und Trägerin sehr wertvoller theologischer Ferienkurse, die fast eine Woche dauerten und bis zu 150 oder mehr Teilnehmer zählten. Bekannte und bedeutende Professoren wurden als Dozenten gewonnen. Zur weiteren Förderung der theologischen und kirchlichen Arbeit wurden Ausschüsse gebildet, die in den verschiedenen Kreisstädten tagten. Ich selbst habe auch einige Male referieren müssen, und zwar über die Trauerrede und die Bibelstunde. Da ich außerdem an der altberühmten „Kaffeehauskonferenz“ in W. und der sog. „Querumer Konferenz“ in Br. teilnahm, hat es wirklich an theologischer Anregung nicht gefehlt.

An Veranstaltungen in noch größerem Rahmen mögen erwähnt sein: 1910 das große Pfingstmissionsfest in Leipzig mit der anschließenden „Kirchlichen Konferenz“ unter Bischof Dr. Ihmels, 1911 die schon früher erwähnte Sexagesimae–Missionskonferenz in Halle mit Zöllner, Julius Richter, Martin Kähler, Gustav Warneck, Schlunk, Hansleiter u. a.; im selben Jahre die Pastorengemeinschaftskonferenz in Hannover, 1913 der große Kongreß für Inn. Mission in Hamburg, wo ich bei Vetter Otto Palmer wohnen durfte, und im Anschluß daran die Konferenz der deutschen Kindergottesdienste unter Dr. Zauleck in Bremen, zu der ich einige Wolfenbüttler Helferinnen hatte mitnehmen können.

Dreimal traten in Wolfenbüttel Aufforderungen an mich heran, eine andere Stellung zu übernehmen. Zunächst ein Ruf in die Mission durch den Missionsdirektor Dr. v. Schwartz – Leipzig, der mich zum Leiter der Ostafrikanischen Mission machen wollte. Hier enthob mich freilich die Rücksicht auf den Gesundheitszustand meiner Frau jeder ernstlicheren Prüfung. Nicht so ohne weiteres gegeben war die Entscheidung, als mich zweimal ein ernster, das zweite Mal sogar sehr dringender, Ruf in die Innere Mission traf. Vetter Theodor Kolb, Vorsitzender des Vorstandes des Darmstädter Diakonissenhauses Elisabethenstift, wollte mich im Falle meiner Bereitwilligkeit dem Vorstande als Pfarrer und Leiter dieses Hauses vorschlagen. Und etwas später erging von den maßgebenden Stellen derselbe Ruf an das Braunschweiger Diakonissenhaus Marienstift. Ich habe beide Male geglaubt, diesen freundlichen Aufforderungen eine ebenso freundliche Absage entgegensetzen zu müssen. Ich war der Meinung, daß meine Anlagen, meine Gaben und meine Kräfte diesen Aufgaben nicht gewachsen seien und habe auch noch bei späterer Gelegenheit nichts so sehr gefürchtet als etwa ein Versagen gegenüber gut gemeinten und mich überschätzenden Erwartungen. Auch glaubte ich, und tue das noch jetzt, daß meine Anlagen und Gaben mich mehr in das Gebiet vielseitiger praktischer Gemeindearbeit wiesen.


Reisen
Auch einer Anzahl schöner Erholungs- oder Besuchsreisen möge hier gedacht sein, vor allem zunächst derer, die ich allein machte. Wiederholte Besuche in Ahlshausen (einige Male auch mit meiner Frau und Tochter Renate) hielten die Verbindung mit der alten Gemeinde und besonders den dortigen Freunden aufrecht. Die herzliche Aufnahme bei Hartmanns, das alte urgemütliche Bauernhaus und die reizende Umgebung mit Bergen und Wäldern zogen immer aufs Neue an. Mindestens fünfmal war ich von Wolfenbüttel aus dort, und ich fühlte mich in den dortigen einfachen Verhältnissen eigentlich immer wohler als später in dem etwas prunkvoll–protzigen Domänenherrenhaus in Voldagsen, wohin Hartmanns ja später übersiedelten, und wo alle unsere Kinder wiederholt ihre schönsten Ferienerlebnisse hatten.

Im Jahre 1915 gegen Ende September ging es auf Umwegen, teils zu Rad, teils mit der Bahn nach Lich, wo die Familie schon einige Wochen weilte. Über Ahlshausen führte mich mein Weg zunächst nach Abterode und dem Meißner, zu unserm alten Freund Wilhelm Paulus, dem früheren – schon erwähnten – Vikar meines Vaters in Neu Erkerode, dessen Zwillingsbruder Fritz meine Kusine Elsbeth Assmann in Kirchditmold geheiratet hatte. Unterwegs an der Werra hatte ich mich mit Wilhelm Eisenberg, Wingolfsbruder und Pfarrer an der reformierten Gemeinde in Braunschweig, getroffen. In Soden bei Allendorf blieben wir eine Nacht bei Eisenbergs Schwester, erklommen den großartigen Heldrastein bei Treffurt, hoch über der Werra (altes Bonifatiusgebiet) und fuhren über Kreuzburg nach Eisenach und zur Wartburg, die ich ja schon wiederholt gesehen hatte und die im Gewande der buntgefärbten Wälder bezaubernd schön war, während sich auf dem alles krönenden Kreuz und um dasselbe herum schon die Schwalben zum Zug in die Ferne sammelten. Hier trennten sich die Freunde und, größtenteils per Bahn, ging es nach Lich.

In die alte hessische Heimat und z. T. noch weiter südlich führten mich die Jahre 1909, als ich meinen Vater einige Tage nach Darmstadt begleiten durfte, und vor allem das „Glutjahr“ 1911, in dem ich von Lich aus zunächst meinen Bruder Heinrich in Frankfurt, in Buschlag bei Frankfurt meinen inzwischen alt gewordenen Patenonkel Werner Baumann und in Darmstadt die Palmerschen und Kolbschen Verwandten besuchte, dann gab es einen Abstecher ins Bayerische hinein zu meinem alten Greifswalder und Hallenser Freund Ernst Meyer aus Neuendettelsau, der in Eschau im wundervollen Spessart Pfarrer war, somit ein Nachfolger des bekannten Caspari, dessen Bücher („Geistliches und Weltliches“, „Geschichten aus dem Spessart“, „Der Schulmeister und sein Sohn“ u. a.) viel gelesen und benutzt wurden. Die Krönung dieser schönen Reise aber war die Teilnahme am großen Missionsfest in Basel, das 3–4 Tage lang mit vielen Gottesdiensten, Versammlungen im Freien usw. gefeiert wurde. Hier erlebte man, vielleicht noch eindrucksvoller als in Leipzig, eine große Missionsgemeinde, die aus der Schweiz, aus dem Elsaß, Baden, Württemberg, Hessen usw. zusammen gekommen war, um „die großen Taten Gottes“ aus Afrika, China, Indien zu hören. Unvergeßlich war besonders die feierliche Abordnung von neun oder zehn Missionaren in dem gewaltigen Münster. Mit meinem Schwager Ludwig Klingelhöffer, mit dem ich mich unterwegs getroffen hatte, genoß ich die Gastfreundschaft der Familie Christ–Merian, eines der vielen wohlhabenden christlichen Häuser, die sich in bewußt verantwortlicher Weise in das Leben der Gemeinde und darum auch in das Missionsleben hineinstellten.

Den letzen Abschluß dieser Reise aber bildete der kurze Vorstoß ins Hochgebirge, nämlich nach Luzern, dem Vierwaldstätter See, dem Rigi und der Axenstraße. Ich begnüge mich mit der Nennung dieser weltbekannten Namen; den Eindruck wiederzugeben, den dieser erste Blick in die alpine Gebirgsherrlichkeit mit dem unvergleichlichen See und den schneebedeckten Hochgipfeln machen mußte, wäre vergebliches Bemühen.


Das gesellschaftliche Leben
Es konnte ja nicht anders sein, als daß auch unser häusliches Leben in Wolfenbüttel einen in mancher Hinsicht anderen Charakter annahm, als das in dem stillen Ahlshausen. War Wolfenbüttel auch keine große Stadt und die Gemeinde, bzw. der Bezirk mit annähernd 5000 Seelen immerhin noch übersichtlich, so stellte doch beides, Stadt und Gemeinde, ganz andere Ansprüche als das ruhige Dorf, in dem doch die allermeisten Abende der Familie gehören durften. Das mit den Jahren reger und vielseitiger werdende Gemeindeleben stellte erhebliche Anforderungen, und außer den zahlreichen und regelmäßigen Besuchen in der Gemeinde konnte man sich natürlich dem geselligen Verkehr mit Kollegen und Bekannten nicht ganz entziehen. Als wir einzogen, wurde uns eine Liste von 80 Häusern vorgelegt, in denen wir „Besuche machen müßten“; Kirchengemeinderäte, Mitglieder des Konsistoriums, Beamte der Kreisdirektion, des Gerichts, der Stadtverwaltung, Lehrkräfte des Gymnasiums und viele „prominente“ Mitglieder der Gemeinde. Wir haben diese Liste freilich und verständlicherweise gekürzt und manche dieser empfohlenen und wohl auch erwarteten Besuche habe ich allein gemacht. Von der üblichen, ziemlich steifen sog. Geselligkeit, wie sie vor dem ersten Weltkrieg in den „höheren Ständen“ gepflegt wurde, die in richtigen „Abendgesellschaften“ mit opulentem Essen bestand und sich über Mitternacht ausdehnten, haben wir uns freilich völlig fern gehalten, sie hätten nicht nur die allgemeinen Kräfte meiner Frau, sondern vor allem auch unsere Zeit, unsere Kraft und unseren Geldbeutel weit überfordert. Auch von dem „Pastorenkegeln“ im „Forsthause“ zog ich mich bald zurück, zum Mißfallen meines Amtsbruders, des guten Propsts Beste. Ich glaubte, meine Zeit zu wichtigeren Dingen nötig zu haben. Dagegen haben wir stets an dem Pfarrerfamilienkränzchen teilgenommen, hatten auch mehrere Jahre hindurch gemütliche Zusammenkünfte mit Braunschweiger Wingolfsbrüdern oder Freunden. Zu letzteren gehörte der schon erwähnte Wilhelm Eisenberg und der Domprediger Dr. Karl v. Schwartz, dem ich freilich in der Blankenburger Zeit und vor allem nach 1933 nur noch näher kam. Mit ihm machte ich auch einige schöne Radfahrten in die Heide und in den Harz.

Ehe ich zum Schluß des Wolfenbüttler Abschnitts auf das große und kleine Zeitgeschehen eingehe, das so stark in jedes Menschen Leben damals hineinwirkte, sollen noch zwei Dinge erwähnt werden, die unser persönliches- und Familienleben betrafen, das erstgenannte besonders stark. Ich meine damit meine große Palästinareise von Januar bis Mai 1912. Ich will nach Fertigstellung dieser hier vorliegenden Erinnerungen versuchen, einen Bericht darüber an Hand meiner Aufzeichnungen und Briefe zusammenzustellen und als Anhang diesen Blättern beizulegen.


Die Vorkriegszeit – der 1. Weltkrieg
Wer im Jahre 1873 geboren ist und im Jahre 1954 seine Lebenserinnerungen als 80jähriger Mann niederschreibt, kann nicht vorübergehen an den ungeheuren Umwälzungen, deren miterlebender Zeuge er gewesen ist, die natürlich ihre Wellen auch in das Leben der kleinen Stadt und in das amtliche und persönliche Leben werfen mußten und um deren letzte Hintergründe und Sinndeutungen wir alle wohl noch in diesen Tagen ringen müssen.

Zu unserer Wolfenbüttler Zeit erlebte ja die sog. Wilhelminische Ära ihren Höhepunkt, ihren Abstieg und schließlich ihre unrühmliche und doch wohl unvermeidbare Katastrophe. Man gibt ihr ja vielfach in sehr einseitiger Schau die ganze Schuld an unserem Unglück, bedenkt dabei aber nicht, daß ja in den Jahrzehnten von 1914 – 1945 nicht bloß die sog. Welt des 19. Jahrhunderts unterging, sondern ein ganz neues Zeitalter der Geschichte anhob und wohl auch nach immanenten Gesetzen anheben mußte. Es sollte doch auf der anderen Seite nicht vergessen werden, daß das viel und leicht verlästerte 19. Jahrhundert allerlei innere Werte aufwies, die heute wie Trödelkram verschleudert sind oder sogar frivol verspottet werden und ohne die eine neue Zukunft Deutschlands – und nicht bloß Deutschlands! – kaum heraufziehen wird.

Noch begingen auch wir in Wolfenbüttel in vaterländischer Freude das Gedenken an die Schlacht bei Leipzig vor 100 Jahren, noch wurde, auch im Jahre 1913, das 25jährige Regierungsjubiläum des Kaisers gefeiert, und noch löste die für unsere braunschweigische Heimat so bedeutungsvolle, ganz überraschend erfolgende Verlobung des Prinzen Ernst August von Cumberland mit der Kaisertochter am 10. Februar 1913 eine Woge echter Freude aus. Kam doch damit die fast 50jährige Spannung zwischen Hohenzollern und Welfen (Preußen und Hannover, bzw. Braunschweig) zu ihrer glücklichen Lösung! Der Verlobung folgte schon am 24. Mai die Hochzeit in Berlin und nach glücklicher Überwindung aller staatsrechtlichen und diplomatischen Schwierigkeiten und Verwicklungen die Regierungsübernahme des Herzogs und Anfang November 1913 der glanzvolle Einzug in Braunschweig, den meine Frau und ich mit dem kleinen Reni vom Fenster der Dompfarre aus zusahen. Im Mai des nächsten Jahres zog das Herzogspaar in der alten Welfenresidenz Wolfenbüttel ein, wo natürlich in Anwesenheit der Minister und anderer hoher Behörden auch unsere Kirche besichtigt wurde; vor dem Nordportal erfolgte unter vollzähliger Assistenz der Wolfenbüttler Geistlichkeit die Begrüßung durch meinen Amtsbruder, den Propst Beste. Unser Organist, Musikdirektor Saffe, aber hatte zur Verherrlichung des Tages eine gewaltige Hymne komponiert, was ihm eine „leutselige“ und dankbare Anerkennung der Herzogin eintrug. Von den gleichfalls im selben Frühjahr erfolgenden Tauffeierlichkeiten im Braunschweiger Dom, die dem neugeborenen Erbprinzen Ernst August galten, haben wir nichts gesehen. Seit über 100 Jahren war in Braunschweig kein Erbprinz geboren, und der Bedeutung des Ereignisses entsprach es, daß es durch die Anwesenheit des Deutschen Kaisers und anderer Fürstlichkeiten seinen besonderen Glanz erhielt.

So war alles, wenn man nur die Oberfläche des politischen und öffentlichen Lebens sah und das geheime unterirdische Grollen überhörte, wie „im tiefsten Frieden“, bis die Schüsse von Sarajevo fielen und nicht nur unser deutsches Volk jäh geweckt, sondern auch die ganze Welt in die größte Katastrophe gestürzt wurde.


Der erste Weltkrieg
Ziemlich genau die erste Hälfte des Weltkriegs 1914 – 1916 haben wir in Wolfenbüttel erlebt. Auf diesen Blättern geht es natürlich nicht um die militärischen, politischen, wirtschaftlichen Dinge, überhaupt nicht um alles das, was jeder zur Genüge in Büchern nachlesen kann. Vielmehr versuche ich, mich auf das zu beschränken, was diese gewaltige und in ihrem Ausgang so traurige Zeit für unser persönliches Leben im Amt und Haus mit sich brachte.

Am 8. Juni 1914 war meine Frau mit den drei Kindern nach Lich gefahren, von mir bis Kreiensen geleitet. Ich selbst blieb allein zurück, führte 3 Wochen lang eine Art Junggesellenleben und trat am 26. Juni meinen Urlaub an, der mich zunächst nach Sievershausen führte und zur 1000Jahrfeier Ahlshausens, bei der ich die Festpredigt zu halten hatte. Der 6. Juli vereinigte mich wieder mit meiner Familie in Lich. Kurze Besuche machte ich noch bei den Verwandten in Münster bei Lich (Pfarrer Ahlheim) und in Darmstadt. Am 20. Juli ging es heimwärts. Am Ende dieser Woche (25. Juli) war die politische Lage bereits sehr gespannt, und als ich am Sonntag, dem 26. Juli, zur Vormittagspredigt ging, las ich am Stadtmarkt die neuste Depesche: „Österreich hat am Sonnabend an Serbien den Krieg erklärt“. Wir wußten alle, was das zu bedeuten hatte, und so verging die Woche unter dauernden Meldungen und einer immer unerträglicher werdenden Spannung, bis am Freitag (dem 31. Juli) nachmittags 3 Uhr die Meldung eintraf: „Se. Majestät der Kaiser hat den Zustand drohender Kriegsgefahr angeordnet“.
In Braunschweig, wohin wir nachmittags mit Reni gefahren waren, erlebten wir auf dem Rückweg zum Bahnhof die Verkündigung des Kriegszustandes durch einen Husarenoffizier, der mit einem Trompeter durch die Straßen ritt und das Dekret vorlas – ein Augenblick, der doch der hochdramatischen Spannung nicht entbehrte. Am Bahnhof rückte bereits ein Zug des 92. Inf. Regiments feldmarschmäßig zum Transport aus, das den Brückenschutz längs der Bahnlinie übernehmen sollte. Aus der sich auf der Straße anhäufenden Menschenmenge hörte man in unverfälschtem Braunschweigischen Dialekt die tiefe Weisheit: „Die Infanterie macht ba klanem weg“. Als dann am Sonnabend (1. August) abends zwischen 6 und 7 Uhr die Meldung der Mobilmachung kam, löste sich die lang angestaute unerträgliche Spannung, und man sah der Situation, deren ganzen furchtbaren Ernst wohl nur wenige ahnten, mit Ruhe und mit fester Zuversicht entgegen: „Wir müssen siegen, und wir werden siegen“ – das war doch wohl die Stimmung der großen Mehrheit.

In dieser Situation hatte ich denn am Sonntag, dem 2. August abends 8 Uhr, den schnell angesetzten ersten Kriegsgottesdienst als „Abschiedsgottesdienst für die zur Fahne einberufenen“ zu halten. Es war wohl der Ergreifendste, den ich bis dahin gehalten hatte. Ich predigte über 5. Mose 1, 29 und 30, und zwar, da alles überstürzt ungeordnet war, völlig ohne Konzept und teilweise extemporiert. Ein unvergeßlicher Anblick war es, wenn bei der sich anschließenden Abendmahlsfeier mit 200 Teilnehmern der junge Reservist zwischen Vater und Mutter oder der gereifte Landwehrsmann mit seiner Ehefrau zum Altar traten, sicher viele von ihnen zum letzten Mal!

Und nun stand natürlich alles unter dem Zeichen des Krieges: das stolze Luftschiff „Hansa“, das in der Frühe des Morgens die Stadt überflog („Das patrouilliert die Gegend ab“, sagte die Stimme des Volkes), die Pferdemusterung auf dem Schloßplatz (2000 sollen in jenen Tagen allein aus dem Kreise Wolfenbüttel ausgehoben sein), die wiederholten Notexamina im Gymnasium, die Jagd nach den französischen Autos, die Geld nach Rußland bringen sollten, der ungeheure Zustrom von Kriegsfreiwilligen bei den Bezirkskommandos und Regimentern, die ersten sehr stark besuchten Kriegsbetstunden, die überreichliche Speisung der durchreisenden Gestellungspflichtigen auf dem Bahnhof, der große allgemeine Bittgottesdienst am 7. August, den ich aber versäumen mußte, weil ich meinen Bruder Karl, der als Kriegsgerichtsrat mit seiner (8.) Division von Torgau aus gen Westen fuhr, in Vienenburg begrüßen wollte, die Einnahme Lüttichs durch Ludendorff, das Abrücken der Wolfenbüttler Garnison (I. Abteilung des Feldartillerieregiments 46) und die Gestellung meines Jahrgangs beim Bezirkskommando in Braunschweig mit dem Ergebnis: „Abwarten, bis Bedarf“.


Gemeindeleben im Krieg
Allmählich aber mündete das Leben, amtlich und persönlich, wieder in, wenn auch nicht ruhige, doch geordnete Bahnen. Die Gottesdienste und Kriegsbetstunden waren lange Zeit stark besucht, eine Anzahl Predigten wurde auf Wunsch gedruckt und viel gekauft, wobei ich vielleicht, besonders im Anfang, einige Male der Versuchung erlegen bin, das Nationale zu stark und das Evangelium nicht stark genug zu betonen. Bald sammelten wir, wie schon erwähnt, die Frauen der Gemeinde zu sog. Frauenabenden, in denen für die Soldaten gestrickt wurde, und aus denen bald die „Frauenhilfe“ hervorging. Die Versendung des Gemeindeblatts und anderer Blätter, Predigten, Heftchen, Bibelteile etc. ist schon früher erwähnt. Dazu hatten zunächst die vielen Hunderte von Feldpostanschriften gesammelt werden müssen. Diese Versendungen, auch Päckchen, sind damals auf sehr dankbaren Boden gefallen, was in vielen Briefen von der Front zum Ausdruck kam. Eine besondere Kriegsschreibstube war im Gemeindehaus eingerichtet worden, und ein großer Stab von Helferinnen widmete sich freudig dieser zugleich kirchlichen und vaterländischen Aufgabe.

Eine besonders schwere und ernste Aufgabe war es jedesmal, wenn man als Pfarrer eine Todesnachricht aus dem Felde den Angehörigen bringen mußte; oft freilich waren diese schon vorbereitet oder gar von anderer Seite unterrichtet, aber um das rechte Wort konnte man doch nur mit ernstem Besinnen nach oben blicken, und sehr oft mußte der Mund völlig verstummen und ein stiller Händedruck wenigstens die menschliche Teilnahme bekunden. Als im zweiten Weltkrieg nicht mehr die Pastoren mit der Überbringung dieser Todesnachrichten betraut wurden, sondern die Funktionäre der Partei (N.S.D.A.P.), so geschah dies natürlich nur aus antikirchlichen oder noch besser antichristlichen Motiven; es war aber in Wirklichkeit eine große Erleichterung für uns Pfarrer, wir gingen dann nicht mehr als schwarze Todesverkündiger in die Häuser, sondern als Verkündiger des Trostes und des Lebens – soweit uns das gelungen ist!


Ernennung nach Blankenburg
Auch der Eintritt in diesen nächsten Lebensabschnitt erfolgte ohne mein Zutun und ganz überraschend. Ende November 1915 wurde ich auf das Konsistorium gerufen, und der Geheimrat Dettmer machte mir die Eröffnung, man habe mich für die Primariatspfarre in Blankenburg a. H., mit der auch die Superintendentur Blankenburg verbunden war, ins Auge gefaßt. Die Ernennung liege beim Herzog, der ja, weil oft in Blankenburg residierend, begreiflicherweise ein besonderes Interesse an der Neubesetzung dieser Pfarrstelle habe. Man wollte mich an erster Stelle vorschlagen und warm empfehlen, ich müsse mich aber formell um die Stelle bewerben. Natürlich bewies diese Absicht, mich auf eine der angenehmsten und wichtigsten Stellen des Landes zu versetzen, mir aufs neue das große Wohlwollen, das mir die Behörde zu meiner eigenen Beschämung entgegenbrachte. Zugleich erfüllte mich aber, neben den Bedenken, die reiche und befriedigende Arbeit in W. zu verlassen, die Sorge, ob ich dieser mir zugedachten neuen Aufgabe, insbesondere dem zu ihr gehörenden leitenden Amt gewachsen sei. Andererseits lockte vor allem die herrliche Lage und auch die Hoffnung, auf diese Weise ein für die Gesundheit meiner Frau zuträglicheres Klima zu finden. Ich besprach alles eingehend mit dem mir stets wohlgesinnten Abt Dr. Moldenhauer und mit meinem Vater in Braunschweig und fuhr am 1. Dezember 1915, einem trüben Tage, nach Blankenburg, um Lage, Haus und Garten in Augenschein zu nehmen, werde auch wohl bei meinem Vorgänger Ernst Kellner gewesen sein, und schickte zwei Tage später meine Bewerbung ab. Auf Wunsch des Herzogs hielt ich am 2. Januar 1916 in Gegenwart des Herzogspaares und des Staatsministeriums eine Predigt und hoffte nun auf baldige Entscheidung. Aber erst am 21. Juni traf sie ein. Sie entlockte unserem guten Reni bittere Tränen, „weil sie dann doch hier aus der Schule müßte“, die Jungen aber erzählten freudestrahlend jedem, des er hören wollte: „Wir gehen nach Blan-ken-borg“. Meine Frau war inzwischen in die Heilanstalt nach Sorge gegangen, ich konnte ihr das wichtige Ereignis nur schriftlich berichten, konnte sie dann doch aber bald nachher in Verbindung mit mehrfachen Besuchen in Blankenburg in Sorge besuchen und alles Nötige mit ihr besprechen. Am 17. September hielt ich meine Abschiedspredigt über 2. Mose 33, 13 und verabschiedete mich noch einmal von der Gemeinde am Abend desselben Tages in einem stark besuchten Gemeindeabend, bei dem mein Bruder Heinrich, der damals Lazarettpfarrer in Wilna war, von seiner Arbeit erzählte und dazu gehörige Lichtbilder nach eigenen Aufnahmen zeigte.

So waren die Brücken abgebrochen, am 28. September gingen die Möbel ab, es folgte der Abschied in Braunschweig, der begreiflicherweise meinem Vater nicht leicht war, den er aber tapfer bestand, und, nachdem ich noch den Erntedankfestgottesdienst in meiner alten Kirche mitgefeiert hatte, fuhr ich abends um 5 Uhr mit Emmi Heyer und Frau P. Oelker („Tante Hanna“), die uns lange Jahre befreundet war und oft beigestanden hatte, in die neue Heimat. Um 8:45 Uhr trafen wir dort ein und wurden am Bahnhof von Amtsbruder Ernst Kellner empfangen. Die Kinder waren noch bei Bestes geblieben und sollten erst nachkommen, wenn die neue Wohnung eingerichtet war. Ich selbst wurde in der Familie meines Vorgängers, der uns gerade gegenüber wohnte, gastlich aufgenommen.



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