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[Kirche von unten]

Ottmar Palmer 1873 - 1964

Lebenserinnerungen

7. Kapitel


Superintendent und Kirchenrat in Blankenburg

1916-1934


„...da Gottes Geheimnis über meiner Hütte war.“
Hiob 29,4


Stadt und Gemeinde
Blankenburg bedeutet nicht bloß den längsten Abschnitt in meinem amtlichen Leben, sondern auch den Höhepunkt dieses amtlichen und meines persönlichen Lebens. Es ist auch meinen Kindern eine unvergeßliche Heimat geworden und geblieben. Wohl ging es in den ersten Jahren durch ein tiefes und dunkles Tal, aber um so heller schien doch Jahre lang die Sonne der Freundlichkeit Gottes über unserem Hause. Auch der tragisch-dramatische Abschluß dieser Periode hat den Schimmer, der für uns auf den Blankenburger Jahren liegt, nicht getrübt, sondern nur noch heller gemacht, er liegt für uns noch heute auf dieser Zeit.


Die Landschaft
Die Blankenburger 1. Pfarre galt als eine bevorzugte im Lande, und man beglückwünschte uns allgemein zu dieser Berufung nach dem „schönen Blankenburg“. Über die geographisch-landschaftliche Lage des gemütlichen, altertümlichen Städtchens brauche ich hier nichts zu sagen. Gerühmt wurde sein mildes Klima, von dem wir sogar eine wohltätige Wirkung auf den Gesundheitszustand meiner lieben Frau erhofften, eine Hoffnung, die sich allerdings wegen des doch wohl schon zu weit fortgeschrittenen Leidens nicht erfüllen sollte. Am Abhang des Schloßbergs, in unmittelbarer Nähe der St. Bartholomäikirche, lag die alte Superintendentur, die wir aber nicht beziehen konnten, weil sie einem Neubau weichen sollte. Sie stammte nachweislich aus dem 16. Jahrhundert. Über ihr erhob sich auf der Höhe das breit dahingelagerte alte Herzogsschloß, in dem zeitweise sogar eine souveräne welfische Seitenlinie residiert hatte. Und hinter und über dem Schloß begannen die endlosen Wälder des Harzes, in denen man in 8 oder 9 Stunden, immer im Schatten der Buchen und Fichten, ohne die Dörfer oder Städte zu berühren, den Gipfel des alten „Vater Brocken“ erreichen konnte. Wie oft haben wir diese – nähere oder weitere – Umgebung unserer neuen Heimat auf Spaziergängen oder Tageswanderungen durchstreift!


Die Stadt
Als wir im Jahre 1916, ziemlich genau in der Mitte des ersten Weltkrieges, in Blankenburg einzogen, mag die Stadt etwa 11.000 Einwohner gehabt haben, von denen sich die etwa 10.000 Evangelischen auf zwei Gemeinden, die St. Bartholomäi- und die Luthergemeinde verteilten. Unsere Bartholomäusgemeinde hatte zwei Pfarrämter, die „Primariatspfarre“ und die „Stadtprediger“-Stelle. Erstere hatte bis zu seiner Pensionierung im Jahre 1915 der Superintendent Schlüter, letztere der Stadtprediger Ernst Kellner inne. Die Luthergemeinde mit P. Kiel, 1911 abgezweigt, besaß noch kein eigenes Gotteshaus, sie benutzten anfänglich die Bartholomäus-Kirche, später die Kapelle des St. Georgenhofes oder „Hospitals zum hl. Geist“ (Altersheim), an dem bis 1917 als Hausgeistlicher, Lehrer am Gymnasium und Kollaborator der Pastor Adolf Oelker stand.

Was die Struktur der Bevölkerung betrifft, so hatte Blankenburg neben den Beamten, Kaufleuten, Gewerbetreibenden, Arbeitern der „Harzer Werke“ (Eisenhütte), und der Halberstadt-Blankenburger Eisenbahn („H.B.E.“) eine besonders starke Oberschicht von Rentnern, pensionierten Offizieren (man sprach damals von 80!) und Beamten oder deren alleinstehenden Witwen und Töchtern. Sie bildete nicht nur einen großen Teil, sondern auch ein sehr belebendes Element des „kirchlichen“ Teils der Bevölkerung. Um Teilnehmer oder Helferinnen an gemeindlichen Arbeiten brauchte man sich nicht vergeblich zu bemühen. Entsprechend setzte sich auch die sonntäglich feiernde Gemeinde zum größeren Teil aus Angehörigen der sog. „besseren Stände“ zusammen. So stand dann verständlicherweise auch das sog. „kulturelle“ Leben, besonders von der „Literaria“ kräftig gefördert, auf einer für eine Kleinstadt sehr beachtlichen Höhe. Auch wenn die Kirche zu christlichen oder weltanschaulichen Vorträgen von bedeutenden Rednern, meist Professoren (z.B. Sellin, Schäder, Lütgert, Oepke, Sommerlath, Schreiner) einlud, oder als ich selbst im letzten Jahre Vorträge für Gebildete über das Glaubensbekenntnis („Konfirmandenunterricht für Erwachsene“) hielt, war der große Saal des „„Blankenburger Hof“s“ oder später des Gemeindehauses voll besetzt. Daß Blankenburg bis zum ersten Weltkrieg und der darauf folgenden Inflation eine reiche Stadt genannt werden konnte – sie hatte damals 20 Millionäre – wird nach dem oben gesagten nicht verwundern.

In diese schöne Stadt zog ich also am 1. Oktober 1916 abends 9 Uhr ein.


Gesellschaftlicher Verkehr
Natürlich konnten wir uns, schon um meiner amtlichen Stellung willen, einem gewissen „gesellschaftlichen“ Verkehr nicht ganz entziehen. Bei der oben erwähnten sozialen Struktur der Stadt und der Gemeinde lag freilich die Gefahr nahe, diesem Verkehr mehr Zeit und Kraft zu widmen, als dem Amt zuträglich gewesen wäre. Ein Blankenburger Geistlicher aus früherer Zeit war sogar an diesem Punkt gescheitert. Ich hoffe aber doch sagen zu dürfen, daß wir uns Mühe gaben, dieser Versuchung aus dem Wege zu gehen, wozu übrigens schon die finanziellen Verhältnisse zwangen. Auch vollzog sich dieser Verkehr in ziemlich einfachen Formen. Beim Pfarrkränzchen, an dem außer den Pfarrfamilien aus Stadt und Land auch einige Emeriten und Pfarrwitwen teilnahmen, trank man nur eine Tasse Kaffee und aß lange Jahre hindurch etwas mitgebrachtes Gebäck oder ein Stück Brot, bis dann freilich, als die allgemeinen Verhältnisse nach Krieg und Inflation sich allmählich besserten, auch einfacher Kuchen geboten wurde. Dabei hatte dann der jeweilige Gastgeber auch für die geistige Speise zu sorgen. Im übrigen mußte man sorgen, daß der Kreis derer, bei denen man „Besuche machte“ oder deren Besuche man empfing, die dann einluden und wieder eingeladen werden mußten, nicht zu groß wurde. Aber es fanden sich doch unter den zahlreichen Männern und Frauen, mit denen wir gesellschaftlich verkehrten, auch eine ganze Anzahl wertvoller und geistig hochstehender Menschen, mit denen man nicht bloß über Wetter, Stadtereignisse und Politik sprach, die vielmehr oft hohes Interesse für geistige und geistliche Dinge hatten, und die manchmal ein weit über den Durchschnitt hinausgehendes Maß allgemeiner Bildung und Urteilsfähigkeit besaßen. Auch bei diesem Verkehr ging es einfach zu, man gab eine Tasse Kaffee mit Gebäck, später ein Glas Wein oder Bier oder eine süße Speise, für die Herren Zigarren, das Zigarettenrauchen der Damen war damals, vor allem in „unseren Kreisen“ noch kaum bekannt.

Eine besondere Art von Geselligkeit hatte ein hochgebildeter General, früher im Generalstab, ins Leben gerufen, indem auf seine Anregung hin sich eine Anzahl Herren – die Zahl sollte 20 nicht überschreiten – monatlich einmal zusammenkamen, um Vorträge aus der eigenen Mitte zu hören und darüber zu diskutieren. Alle vier Fakultäten waren vertreten, außerdem Techniker, Offiziere, Forstmeister u.a. Jeder wählte sich ein Thema aus seinem Fach, der Forstmeister sprach über die Probleme des Waldes (in der freien Natur), der Physiker über die Welteislehre oder Astronomie, der Offizier über strategische oder historisch-militärische Fragen, der Arzt über das „Alter“ u.s.w. Ich selbst erinnere mich an drei von mir gehaltene Vorträge: „Der junge Luther“, „Säkularismus“ und „Inschriften und Ausgrabungen im hl. Lande“.

Natürlich war man auch häufig zu Gast bei Familienfeiern, die sich an Taufe, Konfirmationen und Trauungen anschlossen, oder auch bei silbernen oder goldenen Hochzeiten.

Der „Verkehr“ mit dem Herzoglichen Hof (1925 war das Herzogspaar nach vollzogener vermögensrechtlicher Auseinandersetzung mit dem Staat nach Blankenburg zurückgekehrt) war natürlich ein durchaus einseitiges: er beschränkte sich auf hin und wieder erfolgende Einladungen im Schloß, gewöhnlich im kleineren Kreise, bei dem das höfische Zeremoniell durchaus noch beibehalten war, doch war es einer verhältnismäßig zwanglosen Unterhaltung mit der sehr gesprächigen Herzogin und dem zwar zurückhaltenden, aber immer sehr freundlichen Herzog durchaus nicht hinderlich.


Unter den Amtsbrüdern
Mein bzw. unser Verhältnis zu den Amtsbrüdern und ihren Familien in der Stadt war, soweit es die Männer anging, immer ein ungetrübtes und wahrhaft amtsbrüderliches, jedenfalls bis zum Jahre 1933. Nachdem, wie früher berichtet, die Kollaboratur am St. Georgenhof nicht mehr besetzt war, haben von 1917–1927 die Pastoren Kiel und Kellner und ich in einem Geist zusammengestanden. Häufige Besprechungen galten der Verteilung der gemeinsamen Arbeit oder vielen Festen oder Veranstaltungen, die beide Gemeinden angingen; manche Wanderungen zu Konferenzen, besonders zu der in Sorge, wurden gemeinsam gemacht. Als Kiel 1927 nach Wolfenbüttel an St. Trinitatis ging, gelang es mir, den Kirchenvorstand der Luthergemeinde für meinen Freund P. Lachmund, Braunlage zu interessieren, der ihn dann auch ohne Wahlpredigt u. dgl. berief. Schon 1918 hatten wir in näherem Verhältnis gestanden, im Laufe der Jahre aber gestaltete es sich zu einer wahren Freundschaft; auch die Familien hatten ein herzliches Verhältnis zueinander. Wir danken ihm, dem immer hilfsbereiten, für viel Treue und Hilfe, die er uns in guten und bösen Tagen erwiesen hat, für das enge Zusammenstehen in den schweren und aufregenden Zeiten des Kirchenkampfs, für alle äußerliche Unterstützung bei unserem Fortgang von Blankenburg und für seinen Beistand beim Tode und Begräbnis unseres Ernst August. Wir stehen noch heute mit seiner Frau und den Wolfenbüttler Kindern in naher Verbindung.

Erst das Jahr 1933 brachte in das brüderliche Zusammenstehen der drei Blankenburger Pfarrer jenen Riß, der damals in ganz Deutschland nicht selten war, als sich P. Kellner zum Werkzeug der „Deutschen Christen“-Herrschaft und damit auch zum Werkzeug der N.S.D.A.P. machen ließ und sein amtsbrüderliches und persönliches Verhältnis zu mir nicht mehr von der gemeinsamen theologischen Haltung und der jahrelang bewährten Amtsbruderschaft diktiert wurde, sondern von der Politik. Der Riß ist, obgleich keinerlei Groll zurückgeblieben ist und wir ab und zu Briefe wechseln, in der Tiefe bis heute nicht geheilt.

Daß gerade Blankenburg einen besonderen Anziehungspunkt für verwandtschaftlichen und freundschaftlichen Besuch bildete, braucht wohl nicht besonders erwähnt zu werden. Alle unsere Geschwister sind wiederholt, länger oder kürzer, bei uns gewesen, aber auch viele Glieder der weiteren Palmerschen oder Klingelhöffer-Clemmschen Sippe finden sich in unserem Gästebuch verzeichnet. Außerdem waren viele Amtsbrüder oder Missionare u.s.w. bei Gelegenheit von Vorträgen oder Festen bei uns, wiederholt auch unser verehrter Landesbischof D. Bernewitz mit seiner Frau; von Freunden finde ich immer wieder einmal Karl v. Schwartz verzeichnet, Domprediger in Braunschweig, mit dem mich ja seit Kindertagen Nachbarschaft und eine Bekanntschaft verband, die sich in den letzten Jahren, vor allem wieder durch das gemeinsame Erleben im Kirchenkampf, zur wirklichen Freundschaft vertieft hatte. Er, Lachmund und ich wurden denn auch die ersten Opfer der brutalen Macht der Deutschen Christen und der Partei.


Wirtschaftliche Verhältnisse
Mit der Erinnerung an Blankenburg bleibt auch das Andenken an viele wirtschaftliche Schwierigkeiten, an Ernährungsnöte, mindestens für die ersten 8–9 Jahre der dortigen Zeit, verknüpft. Auch nach dem Kriege blieben infolge der Inflation und der sehr beschränkten Geldmittel der Braunschweigischen Landeskirche die finanziellen Verhältnisse der Pastoren recht prekär. Als am 1.12.1923 mit der Deutschen „Rentenmark“ die Stabilisierung der Währung eintrat, begann die Landeskirche, die beim Amtsantritt der neuen Kirchenregierung im Herbst 1923 buchstäblich vor leeren Kassen gestanden hatte, den langsamen, aber sicheren Aufbau einer gesunden Finanzwirtschaft. Die Pachten für 22.000 Morgen kirchlichen Grundbesitzes wurden wenigstens annähernd den tatsächlichen Geldverhältnissen angepaßt, die schon früher begonnene Centralisation der kirchlichen Finanzwirtschaft straff durchgeführt, der Braunschweigische Staat durch Prozesse, die bis zum Reichsgericht durchgeführt wurden, gezwungen, die alten finanziellen Verpflichtungen gegen die Kirche anzuerkennen, die Landeskirchensteuer wurde eingeführt. Aber erst im Jahre 1928 stellte das vom Landeskirchentag erlassene Besoldungsgesetz die Pastoren mit den Beamten der damaligen 10. Gehaltsklasse (Studienräte u.s.w.) gleich.

So mußten wir lange Jahre hindurch das Fehlende auf mancherlei Wegen auszugleichen versuchen. Das geschah in erster Linie durch den Aufbau einer regelrechten kleinen Ökonomie. Wir nahmen zwei Morgen Acker und eine Wiese in Pacht, bauten Korn und Kartoffeln an, hielten Hühner, Kaninchen, 1 Schaf, Ziegen und mästeten jährlich zwei Schweine, sodaß für Fleisch und Fett gesorgt war; wir erzielten mit dieser Zucht sogar recht beachtliche Ergebnisse und haben meistens Tiere von annähernd 4 Zentnern, aber wiederholt auch darüber, geschlachtet. Nicht so glücklich waren wir in der Ziegenhaltung, zu der uns die Knappheit der (zugeteilten) Milch und der hohe Preis derselben zwang. Als während der Inflation die genügende Milchversorgung der Kinder ganz unmöglich wurde, verkaufte ich die bekannte Hauck‘sche Realenzyklopädie, die mit ihren 24 Bänden 240 R.M. gekostet hatte, an ein Leipziger Antiquariat für 600 R.M. und konnte dafür eine Ziege kaufen, die in Friedenszeiten etwa 20 bis 25 R.M. gekostet hätte. Sie ist dann später eines elenden Todes gestorben, indem sie ihren vier totgeborenen Lämmern in den Tod folgte. Wir ließen den Mut aber nicht sinken, gingen auf den Ziegenhandel nach Hüttenrode und kehrten zu fünfen (meine Frau, unsere Emma, die beiden Jungen und ich) mit 2 Ziegen und drei Lämmern zurück! - Auch das herrliche Obst aus dem Pfarrgarten und die reiche Ernte von vier Walnußbäumen waren eine sehr bemerkbare Hilfe für den Haushalt. Alles das forderte natürlich viel Überlegung und Arbeit. Sie wurde zwar zum Teil mit fremden, bezahlten Hilfskräften bestritten, aber es lag doch sehr viel auf unseren eigenen Schultern und denen unseres Mädchens, Emma Lechens, die wir 1919 aus Lich mitgebracht hatten. Diese, meine Frau und ich haben manchen halben oder auch ganzen Tag auf dem etwa ½ Stunde entfernten Acker zugebracht und manchen Handwagen oder Rucksack voll den steilen Weg zur Pfarre hinaufgeschafft. Ich muß überhaupt an dieser Stelle einflechten, daß meine Frau doch, ganz anders als die meisten jungen Frauen, eine ganz außergewöhnliche Arbeitslast in Haus, Hof, Garten und Feld hat bewältigen müssen, kam sie doch sofort in einen großen Haushalt von mindestens sieben Personen und in eine, im Verhältnis zu ruhigen Friedenszeiten ungewöhnlich schwierige Zeit hinein und konnte sich auch allerlei vom Amt her kommenden Verpflichtungen nicht entziehen. Gott hatte ihr eine gute Gesundheit und vor allem viel Tatkraft und „ein immer fröhliches Herz“ mit auf den Weg gegeben, sonst hätte sie trotz mancher Hilfskräfte, oft aber auch beim Fehlen solcher, das Schifflein unseres Haushaltes – es waren, da wir auch lange Zeit einen Pensionär hatten, Jahre hindurch 12 Personen - , nicht so glücklich und tapfer durch die wirklich oft stürmischen Zeiten hindurchsteuern können.

Einige Ergänzungen zu dem Berichteten und einige Einzelheiten zu seiner Erläuterung mögen hier eingeflochten werden. Schon 1922 kostete auf dem Brocken eine Tasse Kaffee 10000 M, ein Damenfahrrad 35000 M, wofür ich aus einer mir zuteil gewordenen holländischen Spende von 100 Gulden 10 Gulden bezahlte. Im Herbst 1923 erhielten wir einmal eine sog. Gehaltszahlung (ganz unregelmäßig!) von 70 Milliarden Mark, genau zu dem Zeitpunkt kostete ein Brot 72 Milliarden! So mußte ich, wie eine große Anzahl Braunschweigischer Pastoren, mich nach Geldverdienst umsehen und fand denselben durch P. Kiels Vermittlung in einer kleinen Spulenfabrik am Abhang des Schloßbergs, in deren Kontor ich 4–5 Monate lang die „Lohnbuchhalterei“ ausübte. Die Fabrikarbeit wurde im Akkord bezahlt, und bei den Inflationslöhnen schwirrte mir oft der Kopf von den Millionen- und Milliardenzahlen. Da ich die Berechnung oft zu Hause machen konnte, so konnte ich mir manchmal die Zeit selbst einteilen, aber die amtlichen Aufgaben konnten doch nur notdürftig erfüllt werden. Einen besonderen Vorteil aber bot jene Stellung dadurch, daß ich an den Vorteilen der Werkslieferungen teilnahm, sodaß gewisse Kolonialwaren und dgl. billig bezogen werden konnten. Aber es war dann doch eine große Erleichterung, als am 1. Dezember 1923 die neue, feste Währung einsetzte; so wußte man doch, was man hatte, und brauchte nicht mehr zu fürchten, daß abends die Mark von heute morgen nur noch einen Bruchteil ihres Wertes darstellen würde. So waren die 7 „Goldpfennige“, mit denen die Arbeiterinnen als Stundenlohn anfingen, mehr wert und geschätzter als die Millionen der Vorzeit.


Vorträge
Zu dem reich bewegten Leben in Blankenburg gehörte es auch, daß ich, abgesehen von dem mir anvertrauten Dienst an der Gemeinde und dem Kirchenkreise, zu mancherlei Vorträgen oder Diensten bei auswärtigen Festen oder Freizeiten für Mission, Jugendarbeit und anderem im Harz oder auch „im Lande“ herangezogen wurde. Zweimal konnte ich auf eine gut besuchte und auf dankbaren Boden gefallene Freizeit für Pastoren und Pfarrfrauen zurückblicken (Trautenstein und Wendefurth). Bei ihnen stellte uns der seinerzeit sehr bekannte Herausgeber der „Ev. luth. Kirchenzeitung“ D. Laible aus Leipzig in wahrhaft väterlicher und seelsorgerlicher Art in Vorträgen und Besprechungen unter das Wort Gottes, Herz und Amtsgewissen in gleicher Weise erfassend. – Auch des Religionsunterrichts in den oberen Klassen des Gymnasiums und der im Wechsel mit den Kollegen gehaltenen Morgenandachten zum Wochenbeginn sei hier gedacht.


Reisen
Ein besonderer Abschnitt aber soll den vielen schönen Reisen gewidmet sein, die ich mit Frau und Kindern oder auch allein in den siebzehn Jahren unseres Blankenburger Lebens machen durfte. Ich habe die Reiselust wohl von meinem Vater geerbt, aber wer stimmte wohl überhaupt nicht zu, daß es eine „rechte Gunst“ Gottes sei, wenn man wieder einmal „in die weite, weite Welt“ ziehen darf. Ob es zu Fuß oder zu Rad oder mit der Bahn ging, ob es der Schönheit der Natur oder dem Verkehr mit Verwandten oder Freunden oder ob es der Erholung galt – ich kann für alle diese Reisen nicht dankbar genug sein und bezeuge es in unserer technisierten und motorisierten Zeit, daß ich noch heute mich darüber freue, so manche Schönheiten des Deutschen Landes nicht im 80 km-Tempo des Autos oder in der Massenverfrachtung des modernen Omnibusbetriebs habe sehen dürfen, sondern in der Beschaulichkeit einfacher Zeiten, wenn es auch oft genug müde Beine und viel Schweißvergießen kostete.


Die Gemeindearbeit
Am 15. Oktober 1916 wurde ich durch den Generalsuperintendenten Abt D. Moldenhauer aus Wolfenbüttel in der St. Bartholomäikirche als Pastor prim. und Superintendent eingeführt. Der Einführungsrede lag 2. Kor. 5, 19, meiner Antrittspredigt 1. Joh. 4, 19 zu Grunde. An Stelle des herkömmlichen, obligaten und vermutlich früher auch opulenten Mittagsmahles, das die Stadt zu geben pflegte, fand im Rathaus nur ein einfaches Frühstück statt, an dem meiner Erinnerung nach nur die beiden „Visitatoren“ – d. h. der geistliche Visitator Abt D. Moldenhauer, der weltliche der Kreisdirektor Schulz – der Bürgermeister Zerbst und wohl auch der „Stadtprediger“ Ernst Kellner teilnahmen. Dann stand ich vor dem neuen Anfang in der unbekannten Gemeinde, in die sich einzuleben unter den ganzen damaligen Verhältnissen nicht leicht sein konnte. Man befand sich mitten im Kriege, der nun schon 2 ¼ Jahre gedauert hatte, und dessen man weithin doch recht müde geworden war. Man empfand auch die unvermeidlichen und immer strenger werdenden Einschränkungen um so schwerer, als doch auch in Blankenburg die Todesnachrichten aus dem Felde nicht abreißen wollten. Es herrschte große Kohlennot (infolge des „Hindenburgprogramms“ für verstärkte Rüstung) und starke Stromeinschränkung, die Zuteilungen an Lebensmitteln wurden knapper, das Brot immer schlechter, das Fehlen eines reichen, fruchtbaren Hinterlandes machte sich immer bemerkbarer. Dazu kam die große Dürre 1917, die Kost aus der Kriegsküche war mehr als mäßig, man sorgte in erster Linie für die Kinder. Von dem kirchlich-religiösen Aufschwung der ersten Kriegszeit war nichts mehr zu spüren.

Dazu nun die völlig fremden Menschen; der persönliche Kontakt konnte nur sehr allmählich kommen. Ein organisiertes Helfersystem war nicht vorhanden, ebensowenig ein Gemeindeblatt, das doch immerhin ein brauchbares Verbindungsmittel zwischen Gemeinde und Pfarrer hätte sein können. Sogar die spezielle Seelsorge war wegen fehlender Bezirkseinteilung nicht klar geregelt. Die Amtshandlungen verteilten sich auf sog. Amtswochen, die Konfirmanden wurden nach dem Alphabet abwechselnd in 2 Gruppen A–K und L–Z aufgeteilt. So war es mein erstes Anliegen, eine klare Bezirkseinteilung ein- und durchzuführen, was der Kirchenvorstand auch bereitwilligst beschloß und das Herzogl. Konsistorium, wenn auch nicht ohne gewisse Bedenken, genehmigte.


Gemeindeaufbau
Aber im Laufe der Jahre vollzog sich, beginnend mit der Jugendarbeit, der (äußere) Aufbau der Gemeinde. Neben dem längst bestehenden „Jungfrauenverein“ alten Stils entstand der „Verein junger Mädchen“, später „Jungmädchenbund“ genannt, der sich natürlich ganz der Führung des Burckhardthauses in Berlin unterstellte. Diese Jugendarbeit, in der selbstverständlich meine Frau eifrig mithalf, erreichte und erfaßte zwar immer nur einen Bruchteil der gesamten Gemeindejugend, zumal in jenen Jahren eine große Anzahl außerkirchlicher Organisationen, meist politischer Art, um die Jugend warb. Es bestand aber ein ziemlich fester Kreis, der sehr treu zusammenhielt, mit einigen früheren Mitgliedern stehen wir heute noch in Verbindung. Höhepunkt des Jahres waren die meist dreitägigen „Fahrten“, zu Fuß oder im Autobus; sie führten uns wiederholt in den Harz, ferner zum Kyffhäuser, an die Werra und auf die Wartburg, an die Weser und nach Kassel; mit der angegliederten „Jugendgruppe“ habe ich eine Nachtwanderung auf den Brocken und eine zweitägige Fahrt zur Wartburg gemacht.

Im Jahre 1919 entstand das Gemeindeblatt, genannt die „Bergkirche“, mit dem von einem Zeichenlehrer entworfenen schönen Titelbild, die Schriftleitung wechselte zwischen uns drei Amtsbrüdern, aber jeder trug zum Inhalt bei. Das Blatt wurde durch den bald ins Leben gerufenen Gemeindehelferinnenkreis in den Häusern angeboten und für 10 Pf. verkauft, bald fand sich ein fester Abnehmerkreis, sodaß die Kosten nicht bloß gedeckt wurden, sondern auch ein geringer Überschuß zu „Gemeindezwecken“ verwandt werden konnte. Heute haben wohl die allermeisten Stadtgemeinden ein Gemeindeblatt, in jenen Jahren war es meistens etwas Neues, das Wolfenbüttler Gemeindeblatt war, gleichzeitig mit dem von St. Jakobi in Braunschweig, das erste im Lande. – Schließlich gingen die anfänglich offenen „Frauenabende“ über in die dem Landesverband angeschlossene „Frauenhilfe St. Bartholomäi“.


Gottesdienste
Den Mittelpunk des kirchlichen Lebens bildete jedoch naturgemäß die Sonntagsfeier der Gemeinde. Ich kann an die Gottesdienste in unserer Blankenburger Kirche nur mit Freude und Dank zurückdenken, nur daß sich in diese Freude und Dankbarkeit das trübende Bewußtsein der eigenen Unzulänglichkeit und so vielen Versagens mischen will. Der Kirchenbesuch war, an der Größe der Gemeinde (ca. 9000 Seelen) gemessen, mangelhaft, aber es fand sich bei den sonntäglichen durchschnittlich zweihundert Besuchern doch immer ein nicht ganz kleiner Kreis solcher zusammen, die sich als „Gemeinde unter dem Wort“ verstanden, bei der man darum auch immer auf Aufmerksamkeit und „Abnahme“ des Wortes rechnen durfte. Der verhältnismäßig kleine Innenraum – welcher Gegensatz zur Hauptkirche in Wolfenbüttel! – der spätgotischen Kirche, in warmen Farben gehalten, mit der Kanzel fast im Mittelpunkt, schuf, ohne daß die erhabene Hoheit geschmälert wurde, eine wundervolle Intimität und ein Bewußtsein der Verbundenheit, das einen wirklichen Kontakt zwischen dem Prediger und der Gemeinde herstellte, wie er in den alten, hohen und weiträumigen, Stadtkirchen so selten zu gewinnen ist. Natürlich bedeutet die sinnlose Zerstörung so vieler gewaltiger Kirchen, Dome und Kathedralen durch den Krieg einen ungeheuren Verlust in baugeschichtlicher und künstlerischer Beziehung, aber der „intimen“ Wirkung des Wortes (das ja immer doch „in intima“ d. h. ins Innerste gehen muß) und der Weckung und Stärkung des Gemeinde- und Gemeinschaftsbewußtseins kann der notgedrungen bescheidene und schlichte Kirchbau unsrer Zeit nur förderlich und dienstlich sein. – Daß sich die hohen Festtage des Kirchenjahres oder die Gottesdienste bei besonderen Gelegenheiten und Anlässen stark heraushoben, bedarf nicht der Erwähnung. Dann war die Kirche mit ihren ca. 600–700 Plätzen völlig gefüllt oder auch überfüllt. Am hl. Abend aber mußte neben der herkömmlichen Christvesper um 17 Uhr noch eine zweite um 20 Uhr abgehalten werden. Ähnlich war es an Silvester, als wir dem hergebrachten Gottesdienst um 18 Uhr noch einen „Mitternachtsgottesdienst“ um 23½ Uhr folgen ließen, sodaß die Gemeinde um 24 Uhr gemeinsam den Schritt in das neue Jahr tat. – Die im Jahre 1932 renovierte und zu einer „Barockorgel“ umgebaute Orgel und ein guter gemischter Kirchenchor, beides unter dem feinsinnigen Organisten Schreiber, machten auch ihrerseits die Gottesdienste zu dem, was sie sein sollten: zum Lob Gottes aus dem Munde der feiernden Gemeinde.

Neben den Hauptgottesdiensten am Sonntag Vormittag gab es noch, in Fortsetzung der Kriegsbetstunden, Abendgottesdienste, die, wie auch die Passionsgottesdienste, von allen drei Pastoren abwechselnd gehalten wurden, ebenso die Bibelstunden, in denen aber wöchentlich jeder einen eigenen Kreis sammelte. In den Katechismuslehren unterwies jeder seine jeweiligen Konfirmanden, in den Kindergottesdiensten wechselten wir ab. Leider übte gerade der Kindergottesdienst bei weitem nicht die gleiche Anziehungskraft aus wie in Wolfenbüttel, entsprechend war auch die Zahl der Helferinnen klein.


Der Bau des Gemeindehauses
„Gemeindeabende“ wurden anfangs im gemieteten „großen Gemeindesaal“ an der Tränkestraße gehalten, einem nüchternen, sehr unfreundlichen Raum, in den wir einige Winter hindurch wegen der Kohlennot auch die Sonntagsgottesdienste verlegen mußten. Später, als das jenen Saal enthaltende Haus verkauft wurde, diente der Saal einer Kleinkinderschule an der Harzstraße als kümmerlicher Notbehelf für Bibelstunden, Frauenhilfe, Jugendabende, Unterricht, Kirchenvorstandssitzungen u. a. Größere Veranstaltungen fanden in der „Stadt Braunschweig“ oder im „„Blankenburger Hof““ statt.

Zu diesen „größeren Veranstaltungen“ rechne ich auch die großen Volksmissionswochen, die immer große Scharen anlockten. Wir haben von 1920–1933 mindestens sechs solcher Wochen gehabt. Ich weiß, daß ihr Wert vielfach bestritten wird und mit welchen Gründen das geschieht. Aber ich habe mir doch nie den Glauben nehmen lassen, daß auch bei sichtbar nicht bemerkbarem „Erfolg“ Gottes Wort niemals „leer wiederkommt“. Ich weiß natürlich auch, daß solche volksmissionarische Aktion niemals etwas Isoliertes sein darf. Man kann nicht 1954 eine halten und dann 1964 wieder eine. Man sollte sie einfach in den Jahresrhythmus des Gemeindelebens aufnehmen, ähnlich wie es jetzt mit den Bibelwochen geschieht, und alle Jahre oder alle zwei Jahre eine solche Woche veranstalten, vor allem aber die ganze kirchliche Arbeit, vor allem auch die Predigt viel mehr noch als es geschieht, volksmissionarisch ausrichten.

Schon frühzeitig bemühte ich mich, für den Gedanken eines Gemeindehauses zu werben, das für alle außergottesdienstlichen Veranstaltungen und für die Jugendunterweisung, je länger, je mehr, unerläßlich war. Durch Kollekten und Sammelbücher gelang es im Laufe der Jahre, einen erheblichen Grundstock anzusammeln, und nach Beratung und Wiederfallenlassen verschiedener Projekte konnte im Jahre 1931 endlich der lange gehegte Wunsch zur Erfüllung kommen. An der Lühnergasse war ein geräumiges Haus erworben worden, dessen Oberstock dem Stadtprediger als Dienstwohnung zugewiesen wurde, während die Räume des Erdgeschosses als Jugendraum, Sitzungszimmer u. a. eingerichtet werden konnten. Der große, durch Zwischenwände zerlegbare Saal mit Bühne und geräumiger Garderobe wurde nach Osten hin angebaut, Küche und Toilettenräume im Kellergeschoß des alten Hauses untergebracht. Entwurf und Bauleitung wurden dem Oberbaurat Hartwieg, einem Sohn des braunschweigischen Staatsministers Hartwieg, anvertraut, einem Manne bewährter kirchlicher Gesinnung. Am 1. Advent 1931 konnte das schöne Haus mit einem festlichen Gottesdienst – Predigt: D. Bernewitz – und einem Festakt eingeweiht und seiner Bestimmung übergeben werden. Abends öffnete sich dann der geschmackvoll eingerichtete, 400 Personen fassende Saal zu einem frohen Gemeindeabend. Als ein Jahr später das 300-jährige Gedächtnis Gustav Adolfs begangen wurde, gaben wir zur bleibenden Erinnerung daran dem neuen Hause den Namen „Gustav-Adolf-Haus“.


Die Glocken
Zu Kirche, Gottesdienst und Gemeindeleben gehören die Glocken. Es war am 29. Juli 1917, die Gemeinde versammelte sich zum 3. Male, um des Kriegsbeginns zu gedenken und zugleich, um von ihren Glocken Abschied zu nehmen, die wie überall in Deutschland ein Opfer des Krieges werden sollten. Die Feier sollte auf dem Kirchplatz stattfinden, mußte aber wegen eines starken Gewitters ins Innere der Kirche verlegt werden. Unter Blitz und Donner, Sturm und Regen sangen sich dann die Glocken selbst ihr gewaltiges Abschiedslied, und viel ernste Gedanken bewegten uns, ob wir wohl in den langen Friedenszeiten auf ihren Ruf genug gehört hätten, und was uns Gott nun damit sagen wollte, daß keine Glocken mehr läuten durften. Am anderen Tage wurden die drei größten von ihnen oben auf dem Turm zerschlagen, nur die kleinste, 200 kg schwere, durfte bleiben. Schauerlich gellten die harten Schläge dieses Glockenmordes von Turm herab über die Stadt, die Berge und die Ebene hin, Zeichen der harten Zeit und Alarmsignale einer kommenden noch härteren.

Fast fünf Jahre lang behalf man sich für alle Gottesdienste, Beerdigungen, das Sonntagsläuten u.s.w. mit der einen schwachen Glocke. Aber bald, nachdem die erste politische Beruhigung eingetreten war, traten wir dem Gedanken näher, ein neues Geläut zu beschaffen. Bei den Beratungen ging es dann vor allem um die Frage: „Bronze oder Gußstahl?“ Mit unserem Organisten und einem feinsinnigen Kirchengemeinderatsmitglied war ich zweimal unterwegs, um Stahlglocken zu hören, zuerst in der Nähe von Aschersleben, dann an einem besonders rauhen Sonntag im März in Hasserode und über Braunlage und vereiste Berge in Andreasberg. Das dort gehörte mächtige Dreigeläute aus Bochum gab den Ausschlag. Aber es war nicht leicht, die immer noch weit verbreiteten Bedenken gegen Stahlglocken zu überwinden. Erst durch eine persönliche Beratung seitens des anerkannten Glockensachverständigen Professor Biehle und ein eingehendes wissenschaftliches Gutachten über die statischen Verhältnisse des Turmes und des Glockenstuhls wurden diese Bedenken zerstreut. Infolge der erwähnten Widerstände, eines längeren Werkstreiks in Bochum und schließlich einer Eisenbahnsperre konnten die Glocken erst am Weißen Sonntag 1922 eingeweiht werden. Am Dienstag vorher waren sie in feierlichem Zuge vom Bahnhof abgeholt, auf dem Markt vom Bürgermeister und an der Kirche von mir „begrüßt“ worden. Mit Spannung beobachtete man den „Einbau“, besonders das Hochwinden der über 50 Zentner schweren größten Glocke. Als aber am Sonnabend Mittag das Probegeläut stattfand, standen überall die Menschen vor den Haustüren, den neuen Klängen zu lauschen, manche mit Tränen in den Augen, ein ja nicht unbekanntes Zeichen menschlicher Verbundenheit mit den Glocken, die mehr sind als totes Metall, denen wir eine „Seele“ zuschreiben! In einem feierlichen, natürlich überfüllten Gottesdienst, in dem der Kirchenchor das große Halleluja von Händel sang, übergaben wir die Glocken ihrem Gebrauch und suchten am folgenden Montag in einem Gemeindeabend mit Chören, Ansprachen und einer symbolischen Aufführung der großen Gemeinde noch einmal die Sprache der Glocken zu deuten.


Alter Missionsboden
Blankenburg war alter Missionsboden. Ein ziemlich fester Kreis versammelte sich vierzehntägig zu einer Missionsstunde. Missionsfeste wurden fast in jedem Jahr gehalten, mancher den Missionsfreunden bekannte Name findet sich in unserem Gästebuch. Daß besondere Gedenktage mit Festgottesdiensten, Vorträgen und dgl. begangen wurden, bedarf kaum der Erwähnung. Ich nenne nur das Reformationsjahr 1917, die Wormsfeier 1921, das Gesangbuchsjubiläum 1924, das Katechismusgedenkjahr 1929, zu dessen Vertiefung ich neun Katechismuspredigten über das Vater Unser hielt, das Augsburgjahr 1930 und das Gustav-Adolf-Jahr 1932.

Von größeren Vorträgen seien hier nur erwähnt eine Reihe von Lichtbildabenden über meine Palästinareise in den Anfangsjahren und – mir damals ein ganz besonderes Anliegen – die schon kurz erwähnten Vorträge über die christliche Glaubenslehre („Konfirmandenunterricht für Erwachsene“). Mit aller Absicht wurden sie auf das Interesse und das Verständnis einer „gebildeten“ Zuhörerschaft eingestellt. Sie haben mir damals viel Arbeit gemacht, diese aber wurde reichlich aufgewogen durch die Freude an der (so nötigen!) eigenen theologischen Auffrischung und Vertiefung, sowie vor allem durch die überraschend große Beteiligung der Gemeinde und die dankbare Aufnahme, die sie fanden. Leider machten die turbulenten Ereignisse des Jahres 1933 dieser gewiß notwendigen und wichtigen Arbeit ein vorzeitiges Ende.

Eine besonders freundliche Erinnerung aus dem Jahr 1921 mag diesen Abschnitt beschließen. Wir haben selten ein solch beglückendes Pfingstfest, an dem man wirklich etwas von Wehen des hl. Geistes zu spüren glaubte, erlebt, wie das des genannten Jahres, als die deutschen „Mädchenbibelkreise“ (M.B.K.) unter der Führung von Magdalene Fritsche – jetzt Frau Pfarrer Muntschick – und unter der geistlichen Betreuung ihres B.K.-Vaters D. Laible aus Leipzig ihre Jahresversammlung bei uns hielten. Unsere Einladung, nach Blankenburg zu kommen, war auf dankbaren Boden gefallen, und von Montag nach Exaudi bis zum Fest tagte der „Generalstab“ mit fünf oder sechs Leiterinnen in unserem Hause, um alles zu organisieren und vorzubereiten. Die Gemeinden waren mobil gemacht und stellten 500–600 Quartiere! Die Versammlungen fanden im großen Saal des „Blankenburger Hof“es statt, die Höhepunkte aber waren der Gottesdienst am 1. Festtag und die Abendmahlsfeier am letzten Abend, in meinem Leben die größte, vielleicht auch die bisher größte in der Bartholomäuskirche. Es hatte doch bei den Blankenburger Menschen viel Staunen erweckt, als sie drei Tage lang die Hunderte von frischen jungen Menschen mit der Bibel in der Hand zur Kirche hinauf oder in ihr Versammlungslokal ziehen sahen, und ich konnte mit gutem Gewissen und dankbarem Herzen auf der großen Schlußkundgebung auf dem Marktplatz, nachdem D. Laible den Dank an die Stadt bekundet hatte, nun umgekehrt bekennen, daß diese „Jugend mit der Bibel“ uns reich beschenkt hatte und darum bitten, daß die gemeinsame Liebe zur Bibel uns auch weiter verbinde.

Um den Bericht über die Arbeit in der Gemeinde vollständig zu machen, sollen aber noch zwei herkömmliche, dem Pastor prim. obliegende Aufgaben genannt sein. Die erste war die geistliche Versorgung der kleinen Gemeinde Michaelstein, etwa vier km von Blankenburg entfernt in entzückender Lage zwischen Bergen und Wäldern. Vom alten Zisterzienserkloster war nur noch ein Kreuzgang erhalten, das übrige soll im Bauernkriege zerstört worden sein. Die jetzige Kirche war ein recht nüchterner Raum, die Gemeinde bestand in der Hauptsache aus einigen Wald- und Landarbeiterfamilien, dem Lehrer, dem Pächter des ziemlich kleinen Klosterguts und zwei Förstern, sowie deren Angehörigen. 6–8 mal im Jahr war dort Gottesdienst zu halten, und ich denke mit Freuden an manchen schönen Gang dorthin in der Morgenfrühe, durch den herrlichen Buchenwald.

Die andere mit meinem Pfarramt verbundene Aufgabe betraf die Militärseelsorge: Blankenburg war die Garnison für ein Bataillon des 174. Inf.-Regiments: die Bartholomäuskirche galt als Garnisonskirche. Meine Tätigkeit erstreckte sich auf die besonderen Militärgottesdienste an den Geburtstagen des Kaisers und des Herzogs, auf die Lazarettseelsorge, die Mitwirkung bei der Rekrutenvereidigung, die „Aussegnung“ der ins Feld rückenden Ersatztruppenteile und einige Beerdigungen der in den Lazaretten verstorbenen Soldaten. Eine weitere Betätigung, etwa durch Kasernenabende oder dgl. war durch die abnormen Kriegsverhältnisse, den dauernden schnellen Wechsel der Mannschaften kaum möglich, doch hatte ich Anteil an der Eröffnung eines Soldatenheims. Die Lazarettseelsorge nahm mir übrigens eine Zeitlang ein zum Militärdienst eingezogener Amtsbruder aus der Provinz Sachsen ab.

Über die nicht zu vergessende Singwoche des Jahres 1933, die ja auch unter das hiermit beendete Kapitel über die Gemeindearbeit fällt, soll bei der Darstellung der Ereignisse dieses ungewöhnlichen Jahres berichtet werden.


Der Kirchenkreis („Inspektion“)
Die „Inspektion“ (so hieß es bis 1923) Blankenburg umfaßte außer den 4 Pfarrämtern der Stadt (zwei an St. Bartholomäi, eins an der Luthergemeinde und die Kollaboratur) acht Landgemeinden: Börnecke, Timmenrode, Cattenstedt, Wienrode mit den weit bekannten Harzorten Wendefurth, Altenbrak, Treseburg, Hüttenrode, Rübeland mit Neuwerk, Heimburg und Benzingerode. Als ich am 15. Oktober 1916 auch als Superintendent eingeführt wurde, war ich, abgesehen von zwei Kollegen in der Stadt, der jüngste aller Amtsbrüder, was mir den Mut zur Übernahme dieses doch immerhin leitenden oder wenigstens leiten sollenden Amts nicht gerade stärkte. Doch habe ich versucht, dieses Amt weniger als „Aufsichtsamt“, wie es in Hannover amtlich genannt und teilweise auch ausgeübt wird, zu führen, sondern ein „par inter pares“, d. h. also ein Helfer, Berater und Bruder im Amt zu sein. Nicht die Vermittlung des amtlichen Schriftverkehrs mit der Behörde, nicht die Bekanntmachung und Besprechung der zahlreichen Verordnungen oder die Aufstellung von allerlei Statistiken und schon gar nicht die freilich unbedingt notwendige und unentbehrliche Revision der Kirchenbücher, kurz, nicht das tadellose Funktionieren des „Apparats“ sollte mein erstes Anliegen sein, sondern die dauernd nötige Anregung der Amtsbrüder, soweit ich konnte, ihre theologische Förderung und ihre geistige und geistliche Beratung in allen amtlichen Dingen und Obliegenheiten, dazu natürlich auch, wo immer es sich bot, die persönliche Fühlungnahme mit den Gemeinden.

So wurden nicht bloß die alle zwei Jahre fälligen „Predigersynoden“, zu denen jeder Pfarrer eine oder zwei theologische Arbeiten zu liefern hatte, die „Inspektionssynoden“, später die Kreiskirchentage und die monatlichen Pfarrkonferenzen gehalten, sondern es entstand auch 1918 in brüderlicher Zusammenarbeit mit Freund Lachmund, damals noch in Braunlage, die Konferenz in Sorge, die regelmäßig meist im Juni und September fast immer sämtliche Harzpfarrer, also auch die aus den Kirchenkreisen Hasselfelde und Walkenried vereinigte. Diese Konferenzen in Sorge, denen erst das zerstörerische Jahr 1933 ein Ende bereitete, stehen allen Teilnehmern noch heute in bester Erinnerung, zumal es uns fast immer gelungen war, den Brüdern wirklich wertvolle Vorträge zu bieten, zu denen gewöhnlich auswärtige Referenten, z.B. als Vertreter der „Hochkirche“ der Pfarrer Schorlemmer aus Lich, Missionsinspektor Hammitzsch, Professor Dr. Oepke, beide aus Leipzig, u. a. gewonnen waren. Neben diesen Vorträgen, Aussprachen und amtsbrüderlicher Gemeinschaft sind mir aber auch viele Wanderungen oder Radfahrten nach Sorge, allein oder mit den Blankenburger Kollegen in unvergeßlicher Erinnerung.

Hierher gehören aber auch zwei Pastorenfreizeiten oder Bibelkurse, bei denen uns die herrliche Natur in Trautenstein und Wendefurth Erholung und Ausspannung, der schon früher erwähnte Dr. Laible aus Leipzig aber die geistliche Speise gewährte. Natürlich waren hierbei auch die Frauen beteiligt.


Visitationen
Zu allen Gemeinden führten mich die Kirchenvisitationen, denen ein möglichst geistliches Gepräge zu geben mein ernstes Bemühen war. An Hand vorher schriftlich beantworteter Fragen sollten nicht nur die vermögensrechtlichen Zustände der Gemeinde, sondern vor allem deren ganze kirchliche Haltung und die Amtsführung des Pfarrers einer Prüfung und Besprechung unterzogen werden. Der Pfarrer hatte die Predigt und eine Katechese zu halten, der Visitator prüfte den Stand der christlichen Kenntnisse der Jugend und hatte in der sog. Visitationsansprache der Gemeinde das zu sagen, was ihr – auch im Blick auf ihre besonderen Verhältnisse – zu wissen und zu beherzigen not tat. Am Nachmittag fand dann eine Besprechung mit dem Kirchenvorstand statt, und für den Abend versuchte ich, soweit möglich in einem Gemeindeabend, die Gemeinde noch einmal zu sammeln, wobei ich, wie übrigens auch bei anderen Gelegenheiten, etwa Lichtbilder aus dem hl. Lande zeigte oder über anderes sprach.

Tiefere Eindrücke oder nachhaltige Anregungen haben diese Visitationen, auch die, die ich früher in Ahlshausen oder später in Berka selbst zu bestehen hatte, soweit menschliche Beurteilung reicht, wohl kaum hinterlassen. Bezeichnend war etwa folgendes, was sich bei einer Visitation in C. ereignete. Es war Vorschrift, daß der Visitator in Abwesenheit des visitierten Pfarrers dem Kirchenvorstand Gelegenheit gab, sich über den Pastor auszusprechen, Kritik zu üben, Wünsche zu äußern u.s.w. Als ich dazu aufforderte, meldete sich ein Kirchenvorsteher: „Wir haben eine Bitte, daß die Ackerpachten doch ermäßigt werden möchten“.

Bis zum Jahre 1918 hatte der Superintendent in Braunschweig noch das Recht und die Pflicht, den Religionsunterricht in den Volksschulen zu visitieren, was von der Lehrerschaft mit Mißtrauen empfunden und von den meisten Superintendenten auch wenig ausgeführt wurde. Man wollte vielfach alles vermeiden, was an die 1913 aufgehobene „Lokalschulinspektion“ (also durch den Ortspfarrer) erinnerte. Ich habe aber doch noch in einer ganzen Anzahl von Schulen meine Aufgabe zu erfüllen gesucht, bis dann die Revolution diesen Rest einer an sich unbestreitbaren Funktion der Kirche beseitigte.


Kriegsende
Vom Ausbruch des ersten Weltkrieges und seinen ersten Jahren ist im Abschnitt „Wolfenbüttel“ die Rede gewesen, von der im Laufe der Kriegsjahre gewandelten Stimmung, von der schweren und immer schwerer werdenden allgemeinen Lage und der zunehmenden Kriegsmüdigkeit in der Heimat schrieb ich am Anfang des Kapitels Blankenburg. Natürlich erlebte man in jenen ersten Blankenburger Jahren das politische und kriegerische Geschehen aufs intensivste mit, aber es ist nicht der Sinn dieser Zeilen, es ausführlicher wiederzugeben. So seien hier nur kurz die wichtigsten Züge genannt: das Hindenburgprogramm zur äußersten Zusammenfassung aller Kräfte der Nation, die schweren Kämpfe an der Somme, der – letzte – große Siegeszug durch Rumänien und dann 1917 das unheilvolle Eingreifen Amerikas in den Krieg, die gewaltige und glänzende „Frühjahrsoffensive“ 1918, die dann bei Amiens so trostlos stecken blieb, die Beschießung von Paris durch das weittragende Geschütz aus einer Entfernung von 120 km, die ersten deutlichen Anzeichen der Ermattung der Front, die erste schwere Niederlage, als am 8. August unter dem Schutz eines dicken Nebels die ersten schweren Panzerangriffe erfolgten und dann der dauernde, wenn auch wohlgeordnete Rückzug bis zu den schwarzen Tagen des November.


Die Revolution
Als ich am Freitag, dem 8. November 1918, das Konfirmandenzimmer im alten Pfarrhaus betrat, riefen mir die Kinder entgegen: „Herr Superintendent, auf der Kaserne (die man vom Fenster aus erblicken konnte) weht ja die rote Fahne!“ Da war die Revolution ausgebrochen, der „Arbeiter- und Soldatenrat“ unter dem Vorsitz des Gefreiten Hesse hatte die Macht ergriffen, in seinem Besitz waren die Kaserne und noch am selben Abend auch das Rathaus und die Kreisdirektion. Am selben Abend noch kam aus Braunschweig die Nachricht vom Thronverzicht des Herzogs, und am folgenden Tage – dem 9. November – erfolgte die Abdankung des Kaisers. Es ist in Blankenburg kein Blut geflossen; einige geplünderte Schinken, Würste und Speckseiten des Domänenpächters Amtsrat Barnstorf, die man triumphierend durch die Stadt gefahren hatte, mußten auf Befehl des Soldatenrates wieder zurückgebracht werden, die gemäßigte Richtung der S.P.D. hatte die Oberhand. Später machten ja auch die „Spartakisten“, wie man damals die extreme Richtung nannte, die ja auch die Stadt Braunschweig bis zu ihrer „Eroberung“ durch General Merker im März 1919 regierten, auf dem Harz allerlei Versuche, an die Macht zu kommen, es gab viel alarmierende Gerüchte; die rechts gerichteten Kreise schlossen sich zusammen, das Schloß sollte besetzt und verteidigt werden, man versteckte sogar in den Stallräumen der alten Pfarre eine Anzahl Kisten mit Munition und Proviantvorräten, aber zu wirklichen Kämpfen ist es nicht gekommen; im ganzen also ein harmloser Verlauf dieser doch wohl unvermeidbaren Revolution, wenn man ihn mit den grauenhaften Vorgängen anderer Revolutionen vergleicht. Der Kampf wurde in großen politischen Wahlversammlungen ausgetragen, das sog. „Bürgertum“ stand unter der Führung eines klugen demokratisch gesinnten Studienrats.

Es gab manchmal erregte und vielleicht auch nicht ungefährliche Situationen, natürlich wurde auch sofort die Kirche angegriffen, aber nur um ganz äußerlicher nebensächlicher lokaler Dinge willen. Immerhin mußten wir Pfarrer bereit sein zur Verantwortung, konnten manchmal einfachen Mißverständnissen und manchem einfach aus Unkenntnis stammenden Vorurteil erfolgreich entgegentreten. Auf einer großen Versammlung kurz vor Weihnachten 1918, auf der durch eine unentschuldbare Taktlosigkeit eines „bürgerlichen“ Redners eine Explosion unmittelbar bevorstand, gelang es mir einmal, die kochenden Gemüter dadurch zu besänftigen, daß ich weihnachtliche Töne anschlug, die doch die kirchenfeindlichen Revolutionäre nicht missen wollten. Als später die Gemüter sich etwa beruhigt hatten, hielten wir aufklärende Vorträge im „Blankenburger Hof“, immer mit stärkstem Besuch, z.B. P. Kiel „Geschichtsphilosophie eines besiegten Volkes“ (nach Jesaia 40–46), oder ich selbst über das Thema „Christ und Vaterland“, was dann von links her in langen Zeitungsartikeln kritisiert und bekämpft wurde. Gewiß würden wir heute nach allen Erfahrungen und auch neu gewonnenen Erkenntnissen, die uns 35 Jahre gebracht haben, vieles nicht mehr und manches anders sagen, aber wir haben es damals gesagt und getan, so gut wir´s konnten, und wie wir damals die Dinge ansahen, und schließlich: panta rei (panta rhei = alles fließt).


Auseinandersetzung mit den Sozialisten
Neben den politischen Spannungen und Kämpfen gingen die weltanschaulichen einher, wobei mit den Jahren eine fortschreitende Radikalisierung der sozialdemokratischen, vor allem der sog. „Unabhängigen“ Massen bemerkbar wurde. Bald nach der Revolution wurde der Religionsunterricht in den Volksschulen von vier auf zwei Wochenstunden verkürzt, der Katechismusunterricht gestrichen und nur ein sog. religionshistorischer Unterricht gestattet. So sah sich die Kirche veranlaßt, den „kirchlichen Religionsunterricht“ für die obersten vier Jahrgänge der Volksschule einzuführen, der zwar freiwillig, aber doch die Vorbedingung für die Aufnahme in den Konfirmandenunterricht sein sollte; er wurde bei uns in Blankenburg von gut kirchlich gesinnten Lehrern und Lehrerinnen erteilt.

Der Bußtag wurde als „gesetzlicher Feiertag“ aufgehoben, Eltern, die ihre Kinder nicht zur Schule schickten, wurden in Polizeistrafe genommen, dann allerdings auf ihre Berufung hin vom Schöffengericht freigesprochen – ein Zeichen, daß im Gegensatz zur späteren Hitlerzeit die Rechtsprechung intakt geblieben war, wie denn z. B. auch in den großen Finanzprozessen der Kirche gegen den Staat dieser sich ohne weiteres der Entscheidung des Reichsgerichts in Leipzig beugte.

Die Kirchenaustritte wurden erleichtert, es genügte die Abgabe einer Erklärung vor dem Amtsgericht; in der Stadt Braunschweig traten 14.000 Einwohner, etwa 10% der ganzen Bevölkerung aus, in Blankenburg meiner Erinnerung nach 200. Um 1930 setzte, von Rußland her gesteuert, die den Kampf gegen die Kirche planmäßig und fanatisch betreibende „Gottlosenbewegung“ ein, die freilich in der Hauptsache nur von dem linken „unabhängigen“ oder kommunistischen Flügel der Sozialdemokratie getragen wurde. Gegen alle diese Angriffe blieb die Kirche nicht untätig. Die Elternrechte auf christliche Erziehung der Jugend vertrat der Elternbund, der sich für die christliche Bekenntnisschule einsetzte; der „christliche Volksbund“ wollte alle christlichen Kräfte mobilisieren; von 1920 ab hielten wir die schon erwähnten 8–10tägigen Volksmissionen mit bekannten Evangelisten ab, – kurz, es war nicht bloß politisch eine bewegte Zeit.

In unsere Blankenburger Zeit fielen die Dinge, denen der letzte Abschnitt dieses Kapitels „Blankenburg“ gewidmet sein soll: meine bescheidene Mitwirkung am Neubau der Landeskirche und die außer- und innerkirchlichen Kämpfe, die in den zwanziger Jahren sich entwickelten und in der Dramatik des Jahres 1933 ihren einstweiligen Höhepunkt erreichten. Ich kann zwar diese Dinge nicht in ihrer ganzen Ausführlichkeit erzählen, aber doch auch nicht ganz an ihnen vorübergehen, weil sie in mein berufliches und unser persönliches Leben hinein starke Wellen schlugen.


Landeskirchlicher Aufbau nach 1918
Die Revolution des Jahres 1918 brachte, wie überall in Deutschland, so auch im Lande Braunschweig mit dem Sturz der Dynastie auch das Ende des landesherrlichen Kirchenregiments. Der letzten Landessynode im November 1916 in Braunschweig hatte ich noch als Abgeordneter oder „Synodaler“ angehört. Der Staats- und Kultusminister als der Vertreter des Herzogs, der ja als Inhaber der „Kirchengewalt“ summus episcopus war, nahm nicht nur teil, sondern griff an entscheidenden Stellen ein, und kein Kirchengesetz konnte ohne Mitwirkung des Staates beschlossen und verkündet werden. Jetzt aber gab es keine „Kirchenregierung“ mehr, das Konsistorium war nicht mehr eine in ihrem Auftrag beratende und verwaltende Behörde, es schwebte genau genommen völlig in der Luft, wurde aber doch stillschweigend als leitende Instanz anerkannt. Es nannte sich alsbald nicht mehr Herzogliches- sondern Landeskonsistorium und unterstand rein juristisch der aus Sozialdemokraten (bald auch Demokraten) bestehenden Landesregierung, d. h. also der berühmt gewordenen Flaschenspülerin Minna Fasshauer, der man das Kultusministerium anvertraut hatte, und von der böse Zungen behaupteten, sie habe noch gar nicht gewußt, daß Kultus und Kultur nicht dasselbe seien. Da die vielfachen Beziehungen zwischen Staat und Kirche niemals einfach aus der Welt geschafft werden können und es auch in jener Zeit nicht konnten, setzte man bald einen Landeskirchenrat ein, der aus Mitgliedern der Staatsbehörde und dem noch bestehenden alten Synodalausschuß bestand. Ernstere Eingriffe in das Eigenleben der Kirche, geschweige denn in ihren geistlichen Aufgabenbereich, sind nicht erfolgt – wie anders als im Jahre 1933 und den folgenden! Nur die Verwaltung des Volksschulwesens entzog man ihr sofort.

Zu allerlei nun notwendigen informatorischen Verhandlungen war ich einige Male mit den übrigen Superintendenten des Landes in Wolfenbüttel. Schon 1919 begannen sodann die Vorbereitungen zu einem selbstständigen Aufbau. Eine vorläufige Synode trat zusammen, für die ich aber eine beabsichtigte Wahl als Abgeordneter aus gewissen grundsätzlichen Bedenken abgelehnt hatte. Sie beschloß, daß aus ordentlichen Wahlen eine „verfassunggebende Synode“ hervorgehen sollte. Diese wurden nach ziemlich heftigen Parteikämpfen (Positive – Mittelpartei – Liberale) im Herbst 1920 vollzogen. An dieser Synode habe ich dann als Abgeordneter von 1920 bis 1923 in vielen Sitzungen und Ausschußberatungen als Mitglied der „Rechten“ teilgenommen. Ihre Arbeiten fanden ihren Abschluß mit der Inkraftsetzung der ziemlich demokratisch gefärbten Kirchenverfassung, der Einsetzung einer fünfköpfigen und nunmehr vom Staate völlig unabhängigen Kirchenregierung (2 Geistliche, 3 Laien), des Landeskirchenamts und der Wahl des Landesbischofs.


Der erste Landesbischof
Im Herbst 1923 konnte sich die verfassunggebende Synode auflösen und die neuen Instanzen konnten ihre Ämter übernehmen. Am 16. September wurde Dr. Bernewitz, früher Generalsuperintendent von Kurland, in einer sehr würdigen und erhebenden Feier im Braunschweiger Dom eingeführt; schon im November besuchte er den Harzkreis und war bei uns zu Gast, d. h. zum Essen, auch die Versammlung der Pfarrer war auf meinem Amtszimmer, Wohnung aber nahm Dr. Bernewitz beim Kreisdirektor. Ich habe ihn allezeit sehr geschätzt und verehrt, es war eine sehr kluge, theologisch gefestigte und trotz scheinbarer Kühle (baltische Reserve!) warmherzige Persönlichkeit. In seinen zahlreichen Predigten und Vorträgen verstand er, nicht bloß von hoher Warte aus die geistige Lage der Zeit am Maßstabe des Wortes Gottes zu beurteilen und zu lebendiger Teilnahme am Leben der Kirche aufzurufen, sondern er wußte auch in echter Seelsorge durchzustoßen in die letzten Bezirke des Menschenherzens, und das alles in der Sprache, wie sie der Mensch jener Jahre verstand und brauchte. Von allen Nachfolgern auf dem braunschweigischen Bischofsstuhl hat ihm bisher keiner auch nur von ferne das Wasser gereicht.

Auch an den „Landeskirchentagen“, wie es nun hieß, von 1924 – 1933 habe ich regelmäßig teilgenommen. Ich denke gern an das gemeinsame Arbeiten mit den Gesinnungsfreunden, darunter auch dem tüchtigen und arbeitsfreudigen Kreisdirektor Schulz aus Blankenburg, auf dessen klares und erfahrenes Urteil man soviel gab. Viele Fahrten nach Braunschweig und Wolfenbüttel habe ich in jenen Jahren gemacht; man nahm intensivsten Anteil am größeren kirchlichen Geschehen und kehrte dann doppelt gern zurück in die eigene Arbeit in der Gemeinde und – in den Kreis der Familie, in der die Kinder dann immer schon auf die schönen, wenn auch nach jetzigen Maßstäben so bescheidenen – „Braunschweiger Krönungskuchen“ (Honigkuchen mit Zuckerguß) von Fischer oder Litzendorff als „Mitgebrachtes“ warteten.


Wachsende Unruhe des öffentlichen Lebens
Es ist schon richtig, wenn ältere Menschen heute oft sagen: „Wir sind doch seit 1914 nicht mehr aus der Unruhe und Aufregung herausgekommen“. Und es wird schon recht sein, wenn man die starke Zunahme der Herz- und Nervenkrankheiten, vielleicht auch des Krebses, eben auf die Zeitereignisse und Umstände zurückführt, unter denen die Menschen seit 40 Jahren leben, wozu nun natürlich auch noch die höchstgesteigerte Inanspruchnahme der Menschen durch das immer rasendere Arbeitstempo, das allgemeine Gehetze, die Unruhe und der nie zur Ruhe kommende Lärm unseres öffentlichen Lebens hinzukam, gar nicht zu reden von den unheimlichen Folgen einer Lebensauffassung, die das „Verdienen und Genießen“ zur Parole erhoben hat, und der sich nun Millionen von Menschen mit Leib und Seele verschrieben haben.


Der Kirchenkampf
Diese nicht bloß politisch bewegte Zeit sollte gegen Ende unsrer Blankenburger Zeit noch weit bewegter werden. Schon in den zwanziger Jahren machte sich im Zusammenhang mit der sog. völkischen Bewegung das Suchen und Streben nach einer „artgemäßen“, d. h. mehr oder weniger deutschen Religion bemerkbar. Als den ersten Einbruch dieser deutsch-völkischen Bewegung in den Raum der Kirche kann die sog. „Deutschkirche“ bezeichnet werden, die in Blankenburg von einer Offiziersfrau rührig propagiert wurde und bald in der Person des schon jahrlang fanatischen Hitlergefolgsmanns Studienrat Dr. Müller einen begeisterten Vorkämpfer fand. In einem groß angelegten Vortrag, dessen Inhalt freilich im Grunde nur die Wiedergabe des „Mythos des 20. Jahrhunderts“ von Rosenberg war, machte er einen scharfen Angriff auf die kirchliche Lehre und trat für ein doch sehr stark verwässertes liberales Christentum ohne den Glauben an Offenbarung, Wunder und dgl. ein. Natürlich konnte das nicht unwidersprochen bleiben, und so hielt ich acht Tage später an derselben Stelle und vor derselben sehr großen Zuhörerschaft meinen Vortrag: „Braucht das Deutsche Volk einen anderen Glauben?“ Darauf gab es bald danach eine Entgegnung von Dr. M. und eine Ergänzung durch P. Kellner, der Müller damals schon politisch nahe stand, theologisch und kirchlich aber nur sein scharfer Gegner sein konnte.


Der Unrechtsstaat
Doch das alles waren nur Vorgefechte. Zum offenen Kampf kam es erst im Jahre 1933. Am 30. Januar fand die sog. Machtergreifung des Mannes statt, dessen Werk der größte Zusammenbruch werden sollte, den Deutschland je erlebt hat. Es folgte am 27. 2. der in der Öffentlichkeit nie aufgeklärte, aber fraglos von den Nationalsozialisten inszenierte Reichstagsbrand, am 5. März die letzte wirkliche Reichstagswahl, die – allerdings nur durch die unbegreifliche Unterstützung der „Deutsch Nationalen“ – Hitler die absolute Mehrheit im Reichstag und das unheilvolle „Ermächtigungsgesetz“ eintrug. Damit war – scheinbar auf legalem Wege – Deutschland der Willkür eines schon damals wohl nicht ganz voll zu nehmenden „blutigen“ Dilettanten und der von ihm fanatisierten und schließlich betrogenen „braunen“ Masse ausgeliefert. Der alte deutsche Rechtsstaat war zum „Unrechtsstaat“ geworden, an dem man bald sehen konnte, was „totaler“ Staat bedeutet. Die nationalsozialistische Bewegung hatte auch in Blankenburg, gefördert und getragen von z. T. recht zweifelhaften Elementen, zwar nicht die Mehrheit der Bevölkerung, aber doch eine nicht unerhebliche Anhängerschaft gewonnen. Sie setzte sich vorwiegend aus dem Mittelstand und der „kleinen“ Beamtenschaft zusammen, während die Oberschicht und die gesamte Arbeiterschaft beiseite stand, bald aber die Übermacht der Partei erfahren sollte. Auch hier gab es viel Gewaltakte, Lüge, Verhaftungen, Mißhandlung u.s.w.; alles das aber durfte natürlich in der Öffentlichkeit nicht besprochen werden.


Die Deutschen Christen
Im April trat dann zum ersten Mal die „Glaubensbewegung Deutsche Christen“ in die Öffentlichkeit, in Blankenburg freudig aufgenommen und propagiert vom Amtsbruder Kellner, mit dem Lachmund und ich so lange Jahre hindurch in theologischer Gesinnungsgemeinschaft und bestem amtsbrüderlichem Einvernehmen zusammengestanden und gearbeitet hatten. In jenen Tagen begann sich der Riß zwischen uns zu öffnen, der sich trotz vieler damaliger Aussprachen und späterer gelegentlicher Briefe nicht wieder völlig geschlossen hat. Im Mai hielt Kellner einen für die Deutschen Christen (D.C.) werbenden Vortrag, dem ich ebenso öffentlich mit dem Thema „Wo steht die Kirche?“ entgegentreten mußte. In Berlin entstand die „Jungreformatorische Bewegung“, in der sich zahlreiche Pfarrer und Gemeindeglieder zusammenschlossen, die sich soviel klaren Blick und theologisches Urteil bewahrt hatten, um die Gefahr der Politisierung der Kirche zu erkennen. Ich bin damals auch wiederholt in Berlin gewesen, dabei auch zum ersten Mal mit Martin Niemöller zusammengetroffen, in dessen Pfarrhaus in Dahlem eine Besprechung der oppositionellen Kräfte aus ganz Deutschland stattfand. Es folgten die Kämpfe um die Wahl zum Reichsbischof. Zwar ging Fritz v. Bodelschwingh als Sieger aus dieser Wahl hervor, aber bald erfolgte der erste offene staatliche Eingriff in die Verwaltung der Kirche, indem Preußen einen Staatskommissar für das ganze Gebiet der altpreußischen Union einsetzte, sodaß Bodelschwingh zurücktrat.


Die Juliwahlen 1933
In Braunschweig hatte sich schon im Mai der Landeskirchentag aufgelöst, um einer neuen Vertretung Platz zu machen, in der, wie es hieß, die „Kräfte der nationalen Erneuerung“ sich auswirken sollten. Viele haben damals, wie ich, schwer an dieser Entwicklung getragen, aber die Wogen der „nationalen“ Begeisterung gingen so hoch, daß manches sonst so klare Urteil getrübt wurde und andererseits auch wohl viele meinten, man könne sich, wie Dr. Bernewitz sagte, nicht einer Lokomotive auf fünf Meter Entfernung entgegenwerfen, um sie aufzuhalten. Nachdem für den 23. Juli für alle Landeskirchen Neuwahlen ausgeschrieben waren, setzte auch bei uns in Braunschweig ein heftiger Wahlkampf ein zwischen den D.C. auf der einen und uns Jungreformatorischen auf der anderen Seite. In seinem Verlauf habe ich auch eine Reihe von Vorträgen, nicht bloß in Blankenburg halten müssen. In der Nacht vor dem Wahltag hielt Hitler eine Rundfunkansprache, in der er offen aufforderte, die D.C. zu wählen. Unter ihrem Eindruck hielt es unser Obmann, mein Freund Karl v. Schwartz in Braunschweig, für richtig, unsere Liste „Um Evangelium und Kirche“ zurückzuziehen, was doch wohl ein Fehler war, aber natürlich zur Folge hatte, daß der nunmehr „stubenreine“ Landeskirchentag nur D.C.-Abgeordnete hatte und den Neu-Aufbau der Landeskirche ungestört nach D.C.–, besser nach N.S.–Prinzipien und -Methoden durchführen konnte. In allen diesen und den folgenden noch härteren Kämpfen haben Freund Lachmund und ich bis zum Ende fest zusammengestanden und wohl 90 oder mehr Prozent unserer Gemeinden standen ebenso fest hinter uns.


Die Ablösung vom Amt des Kirchenrats
Die Katastrophe sollte am Vorabend meines 60. Geburtstages eintreten. Das Burckhardthaus zu Berlin hatte zu einer Singwoche des Reichsverbandes der weiblichen Jugend nach Blankenburg eingeladen. Für etwa 80 Teilnehmer hatten wir Quartiere besorgt, an den Abenden fand jedes Mal ein Gemeindesingen in unserem schönen Gustav-Adolf-Hause statt, dessen großer Saal jedes Mal gefüllt war. Mit dem Schluß dieser Singwoche hatten wir den Kreiskirchentag verbunden, bei dem der damalige Studentenpfarrer Dr. Gerhard Kunze aus Leipzig (jetzt Seminardirektor) die Festpredigt und der Leiter der Singwoche, Kantor Stier aus Dresden, einen Vortrag über die Erneuerung der Kirchenmusik hielt. Von der neuen D.C.-Kirchenregierung hatte sich der sehr jugendliche „kommissarische Oberkirchenrat“, spätere Landesbischof (!) Wilhelm Beye angemeldet, was zumal für das reaktionäre Blankenburg von vorneherein eine äußerst gespannte Atmosphäre zur Folge hatte. Schon sein betont burschikoses Auftreten in der braunen S.A.- Uniform erregte stille Heiterkeit, sein Hitlergruß blieb unerwidert, auf seinen Vortrag, in dem er die Pläne für den Neuaufbau der Landeskirche entwickelte, folgte eisiges Schweigen. Im Verlauf dieses Vortrags teilte er auch mit, daß die bisherigen Superintendenturen aufgehoben und für das ganze Land sechs Kreispfarrer in Aussicht genommen seien, und daß es „ihm eine besondere Freude sei, hier zu verkünden, daß sein lieber Parteigenosse Kellner Kreispfarrer für den Harzkreis werden sollte“. Da diese Mitteilung ja auch meine mir bisher noch nicht bekannte Entlassung aus dem Superintendentenamt in sich schloß, blieb mir nichts übrig, als zum Schluß der Versammlung ein Abschiedswort zu sprechen, das etwa folgenden Inhalt hatte: „Nachdem mir soeben aus den Worten des Herrn Kommissarischen Oberkirchenrats bekannt geworden ist, daß ich das mir vor 17 Jahren durch das Vertrauen unseres Herzogs übergebene Amt als Superintendent der Inspektion Blankenburg nur noch bis zum 1. Oktober zu führen habe, benutze ich die Gelegenheit dieses Kreiskirchentages, um allen Amtsbrüdern, Kirchenvorstehern und Gemeindegliedern, mit denen ich solange habe zusammenarbeiten dürfen, meinen sehr herzlichen Dank für alle diese Mitarbeit auszusprechen. Ich sehe diese Änderung als eine Aufforderung an, mich nunmehr dem Dienst meiner Gemeinde noch ernstlicher und besser zu widmen.“

Am Nachmittag dieses Tages fand noch eine Nachfeier im stillen Klosterhof zu Michaelstein statt, bei der der Baurat Hartwieg über Geschichte und Bau des alten Klosters berichtete und ich über das Singen der Gemeinde sprach, bei der aber vor allem die Teilnehmer der Singwoche viel und freudig sangen. Der Schlußredner, Kirchenrat Eißfeldt aus Hasselfelde, warf zwar sehr freudig-optimistische Blicke in die nun anbrechende bessere Zukunft der Kirche, aber seine Worte konnten doch nicht die dunklen Wolken vertreiben, die sich nach dem Verlauf dieses Tages für manche nachdenklichen Gemüter am kirchlichen Horizont aufzutürmen begannen. So war es dann doch mehr als ein freundlicher Ausklang, es war eine Stärkung und Verheißung, als mir bei der letzten Abschiedsversammlung im Gemeindehause der Chor der Singwoche – auch als seinen Glückwunsch für den nächsten Tag – das Lied sang: „Lob Gott getrost mit Singen ... ob du gleich hier mußt tragen viel Widerwärtigkeit, sollst du doch nicht verzagen, er hilft aus allem Leid.“

Am 3. September dieses Jahres 1933 hielt ich die Predigt, die meine letzte in der St. Bartholomäikirche sein sollte, über das Evangelium vom Kranken am Teich Bethesda. Es folgten einige sonnige Urlaubstage, die ich teils allein in Torfhaus, teils mit meiner Frau und unserem Jüngsten in Voldagsen zubrachte. Anfang Oktober nahm ich meinen Dienst wieder auf, feierte das Erntedankfest in Michaelstein, und hätte turnusgemäß am 15. in St. Bartholomäi Dienst gehabt. Es sollte nicht mehr dazu kommen, da am 14. meine siebzehnjährige Blankenburger Amtstätigkeit ein jähes Ende nahm. Wie es dazu kam, muß ich wohl kurz berichten:


Die Suspendierung vom Pfarramt
Am Donnerstag, dem 12. Oktober, hatte ich im Jungmädchenbund im Laufe der Unterhaltung gefragt, ob die Mädchen auch von dem Gerücht gehört hätten, der Reichsjugendführer Baldur (!) von Schirach hieße eigentlich gar nicht Baldur, sondern Moritz. Darob großes Gelächter und meine verwunderte Frage: warum lacht ihr eigentlich? Ihr denkt wohl an Moritz Westfeld (einen unter dem Namen Moritz stadtbekannten Juden)? – Eines der Mädchen, wenig intelligent, fragte anderen Tags ihre Dienstherrschaft, ob es wohl sein könne, daß Schirach Jude sei, so und so sei im Jungmädchenbund geredet worden. Ihre „gnädige Frau“, Offiziersgattin, fanatische Nationalsozialistin, vielleicht auch ihr Mann, teilten das dem Ortsgruppenleiter Ehelebe mit, und schon heißt es: Palmer hat gesagt, Schirach sei Jude, was natürlich im 3. Reich als schweres Verbrechen gelten mußte.

Was sich dann zwischen dem Ortsgruppenleiter, Pastor Kellner und dem inzwischen zum Landesbischof aufgerückte Herrn Beye in Wolfenbüttel abgespielt hat, ist niemals restlos aufgeklärt. Jedenfalls „kochte die Volksseele“, die S.A. verlangte (wenigsten sagte man so), ich dürfe am Sonntag die Kanzel nicht besteigen. Meine dringende Bitte um eine aufklärende Aussprache bei Ehelebe wurde schroff abgewiesen. Auf alle Fälle hat das Telefon zwischen Blankenburg und Wolfenbüttel gespielt, und am Sonnabend Nachmittag bat mich Kellner (der übrigens schon früher nach Wolfenbüttel berichtet hatte: „Es geht mit Palmer nicht mehr“), zu ihm zu kommen, der Landesbischof sei da. Dieser warf mir dann vor, ich hätte Schirach vor dem Jungmädchenkreis lächerlich gemacht, außerdem sei ich ja ohnehin in Blankenburg nicht tragbar, die Gemeinde stände nicht hinter mir, ich könne nicht „volksmissionarisch vorstoßen“ (ein damaliges Hauptanliegen des D.C. – oft auch nur ein billiges Schlagwort), sie hätten ja in Wolfenbüttel für alle diese Tatsachen ihre Unterlagen. Als ich um diese Unterlagen bat, erklärte er mit gehobener Stimme: „Ich bin nicht gekommen, um mich ausfragen zu lassen, sondern um Ihnen mitzuteilen, daß Sie hiermit beurlaubt sind und sich um eine andere Pfarrstelle bewerben können.“

Damit war dem wohl schon lange gehegten Verlangen der Partei Genüge geschehen. Meine nie verleugnete Gegnerschaft gegen die D.C., meine natürlich nicht verborgen gebliebene Ablehnung der N.S.D.A.P., auch meine Vorträge im Wahlkampf, dazu ein alter, auf Mißverständnis und Verdrehung beruhender Vorwurf, ich hätte der S.A. die Kirche verboten, schließlich wohl auch die ablehnende Haltung der hinter Lachmund und mir stehenden Gemeinde – alles das hatte natürlich genügt, meine Entfernung aus Blankenburg zu wünschen. Daß Partei und Kirchenregierung (!) diesen Weg gingen, konnte ich mit gutem Gewissen ertragen, daß aber ein Amtsbruder, mit dem ich 16 Jahre lang in einem niemals getrübten Verhältnis gestanden hatte, seine Hand dazu geboten und zumal in der geschilderten Verhandlung mit Beye alle jene Behauptungen und Anschuldigungen absolut schweigend angehört und sie damit gegen sein besseres Wissen bestätigt hatte, das war mir doch sehr, sehr bitter. Ich konnte und kann auch heute noch nur sagen: „Und Gott hat es gelitten, wer weiß, was er gewollt!“

Es folgten unruhige Tage und Wochen, die Gemeinde nahm intensivsten Anteil am Geschehen, es gab zahlreiche Besuche und Besprechungen bei uns, bei Lachmund oder in anderen Häusern, Rechtswege wurden beraten, sogar an den Reichsbischof Müller hatte man sich gewandt. Im Zeitalter der mit der „Machtübernahme“ eingerissenen Rechtlosigkeit mußte das alles vergeblich sein. Eine mir von der Behörde angebotene Versetzung nach Frellstedt bei Helmstedt lehnte ich ab, begab mich vielmehr am 21. Oktober in die alte hessische Heimat, um dort Fühlung aufzunehmen betr. eines Übertritts in den hessischen Kirchendienst. Ich fuhr zunächst nach Hering im Odenwald, Schwager Ludwig, dortiger Pastor, war zwar begeisterter Hitleranhänger, stand mir aber beratend treulich zur Seite. Sowohl beim Prälaten Dr. Diehl in Darmstadt als auch beim Oberkirchenrat Wagner in Gießen fand ich außerordentlich freundliches Entgegenkommen, man stellte mir einige Stellen in Oberhessen in Aussicht, darunter die erste Pfarrstelle in Büdingen, Hirzenhain am Vogelsberg und Bingenheim in der Wetterau. Die beiden letzteren nahm ich persönlich in Augenschein, zu einer förmlichen Bewerbung kam es noch nicht.

Meine Zeit in Blankenburg war natürlich reichlich ausgefüllt mit Besuchen, mit den oben angeführten Beratungen, mit dem Ordnen der Pfarramtsakten und vor allem durch meine Mitarbeit im „Pfarrernotbund“, der sich auch in Braunschweig gebildet hatte und die der D.C.-Herrschaft widersprechenden Pfarrer – soweit sie den Mut des Bekennens aufbrachten – zusammenschloß. Ich bin damals und in den folgenden Jahren zu Vollversammlungen oder Bruderratssitzungen sehr oft in Braunschweig gewesen, und es stammte aus jener Zeit das wahrhaft echte Bruderband, das mich nicht nur mit meinen alten Freunden Lachmund und v. Schwartz umschloß. Ich nenne hier nur den leider später in Rußland gefallenen Adolf Althaus, den klugen Theologen lic. K. Adolf v. Schwartz, Sohn meines Freundes, der erst im Herbst 1953 aus russischer Gefangenschaft entlassen wurde, Adolf Seebaß, Alexander Rohlfs und andere. Es war damals in der gemeinsamen Bedrängnis wirklich eine neue, vorher nicht so gekannte Bruderschaft entstanden, die noch weit über das bisherige „amtsbrüderliche“ Verhältnis hinausging.

Eine andere mich beschäftigende Arbeit war das Aussuchen und Abschreiben von zehn Predigten aus den letzten Jahren, die ich unter dem Titel „Um Evangelium und Kirche“ als dankbares Andenken für die Gemeinde in Druck gab, und die viel gekauft wurden. Mehrere Male hielt ich häusliche Gottesdienste für die Meinigen und für Freunde aus der Gemeinde, die sich im übrigen fast völlig meinem Freund Lachmund zuwandte, so daß Kellner fast ohne Gemeinde dastand. Einen schönen Zusammenschluß kirchlicher Frauen und Mädchen bildete die „Singgemeinde“ unter Leitung meiner Frau, die sich im Anschluß an die Singwoche im August gebildet hatte, und in der viele Trost, Halt und Heimat in der unruhigen und aufwühlenden Zeit fanden. Noch heute sieht nicht nur meine Frau, sondern sehen auch viele Teilnehmer jenes Gemeindesingens, soweit sie noch leben, dankbar auf den Winter 1933/34 zurück.


Die zwangsweise Pensionierung Januar 1934
Was im Oktober geschehen war, war nur der Auftakt gewesen. Der Hauptschlag erfolgte im Januar 1934, indem ich am 20. Januar durch die Zeitung erfuhr, daß ich, gleichzeitig mit meinem Freunde Karl v. Schwartz, der auch seit Oktober „beurlaubt“ war, in den Ruhestand versetzt sei, was dann bald darauf durch die amtliche Verfügung bestätigt wurde. Begründet wurde diese Zwangspensionierung mit einem Gesetz, das der D.C.–Landeskirchentag erlassen hatte, und nach dem solche Geistliche, die nicht auf dem Boden des nationalsozialistischen Staates ständen, in den Ruhestand versetzt werden könnten. Das Verfahren war natürlich völlig unlogisch, denn es war ja seit dem Tage meiner Beurlaubung meinerseits nichts geschehen, womit eine Ablehnung des N.S.- Staates hätte bewiesen werden können. Wenn aber jenes Vorkommnis aus dem Oktober diese Ablehnung beweisen sollte, – wie es in den späteren Verhandlungen versucht wurde – so hätte man ja schon damals den erst jetzt erfolgten Schritt tun müssen. Inzwischen war auch Lachmund vom Bannstrahl der D.C.-Regierung getroffen, er hatte eine vom Pfarrernotbund angeordnete Erklärung gegen den Reichsbischof Müller nicht nur selbst auf der Kanzel verlesen, sondern diese Verlesung auch den Braunschweigischen Notbundbrüdern empfohlen und wurde noch am Nachmittag dieses Sonntages unter gleichzeitiger Eröffnung eines Disziplinarverfahrens suspendiert. Damit waren nunmehr die drei führenden Kräfte der kirchlichen Widerstandsbewegung zur Strecke gebracht, und die Vermutung lag nicht fern, daß sie ein Opfer darstellen sollten, das man dem am 21. Januar zur Einführung des „jüngsten Bischofs“ nach Braunschweig gekommenen Reichsbischof darbrachte, damit zugleich den Beweis erbringend, daß man auch im Land Braunschweig „auf Draht“ sei.

Nunmehr mit sechzig Jahren arbeitslos geworden, mußte die Zukunftsfrage für mich doppelt brennend werden. Die hessischen Pläne wurden wieder aufgegriffen, und schon am 22. Januar fuhr ich nach Lich, wohin am anderen Tage auch meine Frau Luise kam. Oberkirchenrat Wagner hielt sein früheres Angebot aufrecht, wir fuhren nach Büdingen, wo uns aber nicht nur die unfreundliche Lage und Beschaffenheit des Pfarrhauses, sondern auch manches andere wenig begehrenswert erschien, und von da nach Hirzenhain. Die anmutige Lage am Südabhang des Vogelsberges, das hinreichend große Pfarrhaus mit großem Garten, die Übersichtlichkeit der Gemeinde und die Möglichkeit des Besuchs der höheren Schule für die Kinder führten zu dem Entschluß, die Bewerbung um diese Stelle einzureichen. Der Sonntag Invokavit – der 18.2. – war für die Einführung in Aussicht genommen, das Nötigste an Büchern gepackt, ein neuer Koffer gekauft, der bis heute nur der „Hirzenhainer“ genannt wird, und noch einmal eine Bibelstunde in unserem Hause gehalten; der eigentliche Umzug sollte erst in einigen Wochen stattfinden. Da kam am Abend des 9. Februar ein Telefongespräch des Dekans aus Nidda, der mir im Auftrag der Kirchenbehörde in Darmstadt mitteilte, der Kreisleiter von Büdingen bzw. die dortige N.S.D.A.P. habe Einwendungen gegen meine Versetzung nach Hirzenhain erhoben, da ich nach eingezogenen Erkundigungen aus Blankenburg nicht einwandfrei sei. Trotzdem wolle die Behörde die Ernennung aufrecht erhalten, stellte es mir aber anheim, ob ich unter diesen neuen Umständen an meiner Absicht, zu kommen, festhielte. Nach meinen Blankenburger Erfahrungen und Erlebnissen wird man es verstehen, wenn ich keine Lust hatte, mich zum 2. Mal in das Fegefeuer des Konflikts mit der allmächtigen Partei zu begeben. Ich zog also meine Bewerbung zurück. Für spätere Leser dieser Zeilen mag dieser an sich ja nicht weltbewegende ganze Vorgang ein Licht auf die damaligen Verhältnisse werfen. Er mag zeigen, welche Eingriffe in das Leben der Kirche sich schon in diesem frühen Stadium des 3. Reiches die Partei erlaubte, andererseits aber auch, wie anständig und tapfer sich damals noch die hessische Landeskirche verhielt. Es hat nicht mehr lange gedauert, bis auch sie vergewaltigt wurde: Diehl und Wagner mußten in den Ruhestand treten, ein gewisser Dietrich (D.C.) – man sagte, er sei ein falscher Schlüssel zum Himmelreich – wurde Kirchenführer, und ich bekam noch in aller Form die Eröffnung, daß eine Verwendung in der hessischen Kirche für mich nicht in Frage käme.

Nunmehr ging unser Streben dahin, zunächst in Göttingen eine Wohnung zu finden, da dies sowohl für das Studium unserer beiden großen Jungen, als auch für den Schulbesuch der kleineren Kinder alle Möglichkeiten bot. Nach einigem Suchen, unterstützt von treuen Freunden in Voldagsen, gelang es uns, eine leerstehende Villa in Rauschenwasser, etwa 7 km. von Göttingen und nur 1 Km. von der Bahnstation Bovenden entfernt, zu mieten, und der Umzug konnte auf Anfang April festgesetzt werden. Es gab viel Unruhe, Ausscheiden von allerlei Hausrat, von Büchern und Bildern, die manche Liebhaber aus der Gemeinde fanden; es galt noch einmal, vielen treuen Freunden die Hand zu drücken, Bibelstunde und Hausgottesdienst mit hl. Abendmahl zu halten und zugleich doch auch an dem noch immer dramatischen Geschehen im kirchlichen Raum, oft auch aktiv, Anteil zu nehmen. Es war die Zeit, als über den „jüngsten Bischof in Deutschland“ das wohlverdiente Gericht hereinbrach. Er wurde wegen Unterschlagung, es handelte sich um kirchliche Gelder, unter Anklage gestellt, dann aber „wegen Mangels an Beweisen“ freigesprochen, während sein Mitschuldiger, ein Klempner seiner früheren Gemeinde Wenzen, wegen „Beihilfe“ verurteilt wurde. Das in ganz Deutschland Aufsehen erregende Urteil hatte nur durch das rechtswidrige Votum einiger Beisitzer zustande kommen können, die es für untragbar hielten, daß ein von der Partei und den D.C. auf den Thron erhobener Bischof verurteilt werde. Immerhin war natürlich trotz des Freispruchs seine Bischofsherrlichkeit jäh erloschen, er glich, wie einer der anständigsten damaligen Parteileute, der Graf v. Reventlow, gesagt hatte, dem Gras, das da „frühe blühet und bald welk wird und des Abends abgegrast wird und verdorret“.

Die Landeskirche erhielt von Berlin einen Kirchenkommissar, in der kirchenpolitischen Haltung änderte sich nichts. Lachmund wurde zur Dienstentlassung mit Pension verurteilt, die „Gleichschaltung“ ging weiter. Die Blankenburger „Bekenntnisgemeinde“, wie sie sich jetzt nannte, stellte sich unter seine Führung, besuchte die Gottesdienste benachbarter Gemeinden und hielt den Widerstand aufrecht. Das echte Gemeindeleben vollzog sich also ohne Mitwirkung des ordentlichen Pfarramts, da die Anhängerschaft Kellners doch nur einen Bruchteil der wirklichen Träger des kirchlichen Lebens darstellte und auch mein bald in die Superintendentur eingezogener Nachfolger, ein früherer Hochkirchler und wütender Nazifeind, dann aber plötzlich umgeschwenkt, keinerlei Resonanz in der bewußten Gemeinde fand.

Der 11. April sollte der Abschiedstag sein. Am Vorabend waren zwei lange, schwer beladene Möbelwagen den Berg hinunter gerollt. Noch einmal ging ich ganz allein durch das leere Haus, verweilte lange mit Gedanken, die ich hier nicht wiederzugeben brauche, in dem herrlichen, nun aber öden Amts- und Studierzimmer, der Stätte so vielen Wollens und so vielen Versagens. Die letzte Nacht brachten meine Frau und ich bei guten Freunden zu, die Kinder waren ebenfalls bei Bekannten untergebracht, unser Sohn Karl Otto war im Arbeitsdienst und kam erst Ende Mai zu uns. Georg Christian, der Jüngste, lag mit hohem Fieber und seiner gewohnten Bronchiopneumonie bei Lachmunds, betreut und gepflegt von seiner treuen Gertrud Seume (Haustochter), Mittwoch, den 11. April 6:30 Uhr, bestiegen wir mit drei Kindern das Auto, das uns durch anfangs dichten Nebel in nicht ganz drei Stunden über den geliebten Harz hinweg an das Ziel brachte, das uns nun für ein knappes Jahr zur „Bleibe“ werden sollte, nach Rauschenwasser.

(In Rauschenwasser blieb Ottmar Palmer mit der Familie ein Jahr, bis ihn Landesbischof Johnsen bat, ein Pfarramt in Helmstedt zu übernehmen. d. H.)



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