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[Kirche von unten]

Ottmar Palmer 1873 - 1964

Versuch einer Annäherung und Deutung

1. Kapitel


Das Leben als christlicher Kosmos

Oder: das Leben ein Garten


Ottmar Palmer beschreibt sein Leben im Rückblick des 80jährigen für seine Familie als einen vielseitigen, in sich stimmigen, christlichen Kosmos. Der christliche Glaube und die Arbeit in der Kirche bestimmen von Geburt an bis zum Tod den Lebenslauf des Einzelnen und der Familie. Glück und Unglück, Höhepunkte und Niederlagen werden vom Glauben her gedeutet und angenommen.

Der Glaube an die Vergebung ermöglicht immer wieder neue Anfänge. Der zentrale Fixpunkt des Glaubens ist Jesus Christus, wie er in der Bibel beschrieben ist. Der christliche Kosmos kennt keine Alternative. Eine andere Welt ist als sinnvolle nicht denkbar und annehmbar. Dieser christliche Kosmos stellt sich als Garten dar.

Wir wollen prüfen, ob sich dieses Bild als Schlüsselwort zum Verständnis von Ottmar Palmers Leben eignet.


Der christliche Kosmos hatte Familientradition
Ottmars Vater, Karl Palmer und sein Großvater Heinrich waren Pfarrer gewesen. Der Großvater sogar Hofprediger. Ottmar war Pfarrer bereits in der dritten Generation. Man wurde in eine christliche Welt hineingeboren. Vater Karl hatte drei Söhne und zwei Töchter. Ottmar war der Jüngste. Zwei Söhne studierten Theologie. Der fast zehn Jahre ältere Bruder Heinrich war Pfarrer in Veltheim/Ohe und später an der Friedenskirche in Frankfurt.

Ottmar Palmer heiratete 1904 Ottilie Klingelhöffer, deren Vater Stiftsdechant im hessischen Lich war. Man verkehrte unter sich. Wo man in dieser Familientradition hinsieht: vorwiegend Pfarrer, Theologen, Kirche. Bei Verwandtenbesuchen tauchte der Gast, wo immer er war, in eine selbstverständlich christliche und im besten Sinne fromme Atmosphäre ein. Es gab unangefochtene Wertvorstellungen, die weiter vermittelt wurden. Dazu dienten unausgesprochen die Lebenserinnerungen, die sowohl der Vater Karl wie der Sohn Ottmar für die Familie aufgeschrieben hatten.

Diese Tradition setzte sich fort. Ottmar Palmer hatte mit seiner ersten Frau, die 1917 starb, drei Kinder und mit seiner zweiten Frau, der Schwester der Verstorbenen, die er 1919 heiratete, wieder drei Kinder. Ein Sohn studierte Theologie, eine Tochter wurde Gemeindehelferin, die andere heiratete nach einem Theologiestudium einen Pfarrer, eine andere war fast 20 Jahre lang in der Ev. Büchereiarbeit der Hannoverschen Labndeskirche tätig, der Jüngste wurde Kirchenmusiker, einer studierte Mathematik und Naturwissenschaften.

Einen in sich geschlossenen christlichen Kosmos stellten auch die Neuerkeröder Anstalten dar, die der Vater seit 1880 leitete, und wo Ottmar Palmer glückliche Kinderjahre verlebte. Die Anstaltsatmosphäre atmete den Geist unbefangener, fröhlicher Christlichkeit aus und ein.


Die Innerlichkeit des christlichen Kosmos
Der sonntägliche Kirchgang, die tägliche Morgenandacht, die Ottmar Palmer für Frau und Kinder hielt, das Tischgebet, die häuslichen Feste im Rahmen des Kirchenjahres, ein sparsamer Lebensstil, eine strenge Erziehung, in der wenig gelobt und viel verlangt wurde, prägten sich tief ein. Die Predigt des Vaters wurde von den Kindern schriftlich zusammengefaßt und vorgelegt. Das sollte die Bibel als die Mitte des christlichen Kosmos befestigen. Die biblischen Geschichten und die Gestalt Jesu wurden von klein auf vorgestellt und zum zentralen Bildungsinhalt. Die persönliche Bezugnahme auf Jesus durch das persönliche Gebet, dem die Wünsche, die Not und die Freude vorgelegt wurden, schuf eine unverlierbare religiöse Dimension. Die Welt wurde als schöne Gabe Gottes gedeutet, Versagen und Katastrophen als Schuld vor Gott verstanden, die durch Einsicht und Buße wieder in Ordnung gebracht werden konnte. Denn größer als jede Schuld war die Vergebungsbereitschaft Gottes. Über das Dasein und die Anwesenheit Gottes wurde nicht diskutiert, sie wurde stillschweigend und selbstverständlich vorausgesetzt.

Zu dieser Innerlichkeit gehört ein tief verwurzelter Respekt vor allem, was Amtscharakter trug. Der christliche Kosmos war hierarchisch geordnet und in einem abgestuften Amtsverständnis schuldete jeder und jede dem nächst Höheren den fälligen Respekt und auch Gehorsam. Der Vater ist die zentrale Ordnungsfigur, die Väterlichkeit die Idealgestalt einer Ständeordnung, die darin wurzelt, daß Gott selber als Vater geglaubt und in dem zentralen Gebet angebetet wird. Der Patriarchalismus mit einer stillen Unterordnung der Frau im Haus hat eine religiöse Dimension.

Das Haus, das Pfarrhaus mit seinen Zimmerfluchten, unbeheizbar, riesig, herrlich zum Toben der Kinder, bot eine Ahnung von einem eher herrschaftlichen Ambiente und war zugleich selber mit der ausgedehnten Gartenumgebung ein eigener Kosmos für sich.


Die Weite des christlichen Kosmos
Dieser christliche Kosmos war alles andere als weltfremd. Er nahm mit offenen Augen die nähere und entfernte Landschaft und Natur um sich als gute, nützliche, Erholung spendende Schöpfung auf. Es ist bezeichnend, daß Palmer die Beschreibung seiner Kirchengemeinden in Ahlshausen, Wolfenbüttel, Blankenburg, Helmstedt und Berka mit einer ausführlichen Beschreibung der sie umgebenden Landschaft beginnt. Diese Landschaft wurde erwandert, per Fahrrad erkundet, ein Pferdegespann galt schon als Luxus.

Die „rechte Gunst Gottes“ schickte den Bürger dieses christlichen Kosmos in die „weite, weite Welt“. Die zahlreichen Reisen, die Palmer allein, mit der Familie, mit den Amtsbrüdern, mit Gemeindemitgliedern unternahm, sind Ausdruck von der Weitläufigkeit und Großzügigkeit dieses Lebensverständnisses. Die Erinnerungen Palmers sind voll von zahlreichen Reisezielen und Reiseerlebnissen, die der redaktionellen Auswahl zum Opfer gefallen sind.

Die Natur im Großen erlebte Palmer im Kleinformat im Garten, im Pfarrgarten. Das Pfarrland, aus dessen Verpachtung der Pfarrer sein Gehalt bezog, und der Pfarrgarten, von dem er sich ernährte, gehörten vor der Einführung eines einheitlichen Pfarrergehaltes im Jahre 1902 zur materiellen Grundausstattung eines Pfarrvermögens, besser: der monatlichen Pfarrereinkünfte. So war die Pflege und Beackerung des Gartens selbstverständlicher Bestandteil des Pfarrerlebens zur Unterhaltung von Frau und Kindern.

Die fast tägliche Beschäftigung im Garten vermittelt Einsichten vom Wachsen, Blühen, Reifen und Ernten. Der Gartenkosmos vermittelte das noachitische Ordnungsgefüge „Solange die Erde steht, soll nicht aufhören Saat und Ernte, Frost und Hitze, Sommer und Winter, Tag und Nacht.“ In diese Ordnung war der Mensch eingebettet und in ihr zu Hause.

In dieser Umgebung lernte der Mensch, Verantwortlichkeit und Rechenschaft abzugeben. Es sind Kernbegriffe von Palmers Handeln. Nur was der Mensch sät, würde er auch ernten. Die jahrzehntelangen, regelmäßigen Eintragungen, nicht nur über das Wetter, auch über Predigten, Amtshandlungen, Gottesdienstzahl, die erledigten Gemeindebesuche in den als Tagebücher geführten Jahreskalendern sind Ausdruck dieses Rechenschaftgebens über ein anvertrautes Gartenstück, eine anvertraute Gemeinde, eine anvertraute Welt.

Der Garten ist nach der Vorstellung der ersten Kapitel der Bibel die Grundstruktur der Welt. Der Kosmos ist ein Garten. Die unbegrenzte Versteinerung und Verstädterung der Landschaft wurde als Verengung des Horizontes und als Verarmung angesehen.

Kosmos meint Weite, Welt. Der christliche Kosmos hat die ganze Welt im Blick. In diesem Sinne ist zu verstehen, daß Palmer für die damaligen Verhältnisse mit 33 Jahren weit über die Grenzen zwischen Oker und Harz hinaussah und sich drei Monate in Palästina aufhielt. Dieser Reise 1912 ist der folgende Abschnitt gewidmet.

Von hier aus erschließt sich auch die beharrliche jahrzehntelange Mitarbeit in der Äußeren Mission. Als junger Pfarrer übernahm Palmer das Amt eines Schriftführers des Braunschweigischen Landesmissionsvereins und hatte „überhaupt nach Kräften für die Belebung des Missionslebens im Lande zu sorgen.“ Mit 79 Jahren übernahm Palmer ab 1951 die Verwaltung der „Ährenlese der Leipziger Mission“. Der großen nichtchristlichen Welt sollte die Tiefe und Freude eines im evangelischen Glauben erlebten christlichen Kosmos vermittelt werden. Die ganze Welt sollte in diesen christlichen Kosmos hineingezogen werden, die Welt selber müsse wie ein christlicher Kosmos werden.


Der christliche Kosmos bleibt im Studium und in der Ausbildung erhalten
Die Studentenzeit auf der Universität hätte eine Begegnung mit einer völlig anderen Welt bringen können. Hier aber tauchte Palmer in den christlichen Kosmos der Studentenverbindung des Wingolf ein. Das Prinzip des Greifswalder Wingolf lautete: „Der Wingolf ist eine Studentenverbindung, gegründet auf Christus, den Sohn des lebendigen Gottes. Von diesem Grunde aus will er das historisch gegebene Studententum mit christlichem Geist durchdringen, um es so zu einem christlichen umzugestalten.“ Das wirkte sich in berauschenden gemeinsamen Wanderungen am Tag und zur Nacht, der Bildung von langjährigen Freundschaften aus. Keine Besäufnisse, keinen „Damenbetrieb“ sondern: „Unser Ideal in jenen unvergeßlichen Wingolfsjahren war, von ganz wenigen Ausnahmen abgesehen, die reine Männerfreundschaft“, schreibt Palmer. Eine Verletzung des geschlossenen christlichen Kosmos wäre eine Art „Verunreinigung“ gewesen.

Auch während seiner Ausbildungszeit blieb die Lebensvorstellung vom christlichen Kosmos unerschüttert. Als Palmer nach dem 1. theologischen Examen für zwei Jahre eine Hauslehrerstelle in der Familie des Prinzen Louis zu Solms-Hohensolms-Lich antrat, wo zwei Jungen zu unterrichten waren, fand er wieder jenen kleinen christlichen Kosmos vor. Das förmliche Berufungsschreiben wäre von „ernster, christlicher Lebensauffassung“ getragen gewesen. Tischgebet und regelmäßiger Kirchenbesuch waren selbstverständlich. Den beiden Eltern wäre es „das ernsteste Anliegen, ihre Kinder so sorgfältig als möglich zu tüchtigen und frommen Menschen zu erziehen“.


Die andere unchristliche Welt
Unvermeidlich kam dieser geschlossene christliche Kosmos mehrfach in Berührung mit einem anderen, unkirchlichen, unchristlichen Verständnis von Welt und Menschen. Als Schüler des Wilhelmgymnasiums war Ottmar Palmer in einem Braunschweiger Pensionat untergebracht, und erlebte dort eine ihm völlig fremde, nur noch in brüchigen Äußerlichkeiten vorhandene christliche Kultur. Auch das Freizeitverhalten der Klassenkameraden wirkte auf ihn abstoßend und eher ärgerlich. Er ertrug sie nur in großer innerer Distanz.

Während seiner Arbeit in den Kirchengemeinden waren die Honoratiorenbesuche unumgänglich. „Man mußte“ eben diese und jene „Persönlichkeit“ aufsuchen und sich bekannt machen. Es war der geistlich so ganz und gar unergiebige Charakter solcher Besuche, eben „die andere Welt“, „der andere Lebensstil“, die Palmer nach dem ersten Mal durchaus auch Abstand zu solchen „gebildeten Kreisen“ nehmen ließ. Seinem christlichen Kosmos waren die gestelzten Förmlichkeiten fremd. Es fehlte für ihn an Inhalt und Gehalt.

Zu einem wirklich Zusammenprall zwischen zwei Weltanschauungen kam es für Palmer nach 1918 durch die Auseinandersetzung mit Kommunisten, Sozialdemokraten und später den Freidenken, die in den Dörfern seiner Inspektion um Blankenburg eine führende Rolle einnahmen. In dieser Auseinandersetzung galt es, die christlichen Werte, das christliche Verständnis von Ehe, Staat und Vaterland zu verteidigen.

Schließlich ist die Begegnung mit den deutsch-christlichen Machthabern in der Wolfenbüttler Kirchenzentrale 1933/34, die in die unrechtmäßige Disziplinierung und Zwangspensionierung mündete, am besten als Einbruch in seinen christlichen Kosmos zu verstehen, gegen den er sich mit Händen und Füßen wehrte. Es ging Palmer in seiner jahrelangen Auseinandersetzung mit der Behörde weniger um eine persönliche Rechtfertigung oder um Rechthaberei, sondern um die Bewahrung seines christlichen Lebens- und Weltverständnisses. Auch Palmers im Hinblick auf die Helmstedter Kirchengemeinde geradezu lieblose Kompromißlosigkeit gegenüber den Bemühungen von Landesbischof Johnsen, Palmer in der Landeskirche zu halten, die darauf bestand, in der Bartholomäusgemeinde wieder eingesetzt zu werden, ist am besten als der vergebliche Versuch der Bewahrung eines christlichen Kosmos zu verstehen. Aber dieser christliche Kosmos war höchstens noch privat zu verwirklichen. Für die Politik in Deutschland und die Kirchenpolitik, nicht nur in der Braunschweiger Landeskirche, galten andere Zielvorstellungen. Der christliche Kosmos war längst zerbrochen.

Mehrfach kommt Palmer auf sein Verhältnis zu seinem pastoralen Kollegen Adolf Kellner zu sprechen, mit dem ihn eine lange, gute, einvernehmliche Zusammenarbeit verbunden hatte, die aber im Frühsommer 1933 zerbrach und einen Riß verursachte, der sich nie wieder schließen sollte. Kellner wurde als Deutscher Christ Palmers Nachfolger im Amt eines Propstes, damals Kreispfarrers. Im christlichen Kosmos war das Zusammenleben der Menschen durch Gemeinschaft in einer gegliederten hierarchischen Ordnung, und gegebenenfalls durch Buße, Vergebung und Versöhnung geprägt. Palmer erlebte an der Zerstörung des amtsbrüderlichen Verhältnisses zu Kellner, wie zerstörerisch „die andere Welt“ nachhaltig den christlichen Kosmos beschädigen konnte.

Es ist bezeichnend, daß sich Palmer schließlich wieder auf eine Landpfarrstelle zurückzog und dies keineswegs als einen Abstieg verstand, sondern er verwirklichte sein persönliches Lebens- und Weltverständnis als geschlossenen christlichen Kosmos. Seine letzten Zeilen gelten dem Garten und seinen Geheimnissen.

Dieses Lebens- und Weltverständnis ist kein biographischer Einzelfall, sondern scheint mir insgesamt typisch zu sein für eine Pfarrergeneration des vorigen Jahrhunderts, deren Spuren bis in die Gegenwart reichen. Es weist über den biographischen Rahmen von Ottmar Palmer hinaus. Es wäre ein leichtes, andere Biographien aus Braunschweiger Pfarrhäusern zu beschreiben, die ebenfalls ihr Leben als runden, christlichen Kosmos verstanden haben und heute noch verstehen.



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