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[Kirche von unten]

Ottmar Palmer 1873 - 1964

Versuch einer Annäherung und Deutung

14. Kapitel


Die Entwicklung des Pfarrernotbundes seit Dienstantritt von Dr. Johnsen als Kirchenkommissar im Juni 1934 bis Ende 1934



Der Dienstantritt Johnsens
Seit dem 19. Juni 1934 nahm der Lübecker Pfarrer Dr. Helmut Johnsen das Amt eines „kommissarischen Kirchenführers“ der Braunschweiger Landeskirche ein. (siehe Kue Jo S. 29) Er war damit nicht einfach Nachfolger des Bevollmächtigten des Reichsbischofs Müller, des Oberkonsistorialrats Evers, sondern bereits designierter Bischofskandidat als Nachfolger von Bischof Beye. Das Amt eines „kommissarischen Kirchenführers“ gab es überhaupt nicht. Es wurde auch nicht zu diesem Zweck geschaffen, das Amtsblatt der Landeskirche veröffentlichte noch nicht einmal eine Personalnotiz über den Dienstantritt des „kommissarischen Kirchenführers.“ Das war rechtlich ziemlich locker gesehen und gehandhabt. Die Gemeinden und Pfarrer erfuhren durch die Tagespresse von der neuen Situation im Landeskirchenamt und in einem Grußwort vom 27. Juni 1934 stellte sich der „kommissarische Kirchenführer“ persönlich vor. (KueJo S.32ff)

Er habe dieses Amt „aus der Hand des Reichsbischofs“ erhalten „,dem ich mich verbunden fühle“. Mit dieser einleitenden Bemerkung wollte Johnsen alle Bedenken im Hinblick auf die Stabilität seines neuen Amtes zerstreuen. Eigenartigerweise fehlte jeder Hinweis auf das Eingliederungsgesetz vom 1. Juni 1934, das dem Reichsbischof das Recht zu jeder Personalentscheidung in der Landeskirche gegeben hatte. Möglicherweise war dieses problematische Gesetz im Hinblick auf seine Anwendung in der Braunschweiger Landeskirche derart unumstritten, daß sich ein Hinweis im landeskirchlichen Amtsblatt erübrigte. Verdächtig jedoch klang der folgende fromme Hinweis: seine Berufung durch den Reichsbischof möge „von dem gegenwärtigen Christus, dem Herrn der Kirche, bestätigt werde(n)“, ein Wunsch, den er der betenden Gemeinde ans Herz lege. Johnsen wünschte sich auf dieser juristisch nicht mehr erfaßbaren Ebene also die Zustimmung der Kirchengemeinden

Er sei bewußter Lutheraner und Nationalsozialist. Als bewußter Lutheraner wolle er die anvertraute Kirche auf einen klaren Kurs des Luthertums steuern. Kirche baue sich allein auf Glauben und Verkündigung. Kirche bezeuge sich selbst als „bekennende Gemeinde“. Das Wort von der „Bekennenden Kirche“ machte längst die Runde, mit dem sich der Name des aus der Sicht Johnsens höchst umstrittenen Vorsitzenden des Pfarrernotbundes Martin Niemöller verband. Wollte Johnsen nun selber diesen Begriff für sein Kirchenverständnis reklamieren oder näherte er sich der Position des Pfarrernotbundes?

Als Nationalsozialist stellte sich Johnsen mit deutlichen Worten hinter die Politik des Nationalsozialismus, „einem Gottesgeschenk der Rettung für unser Vaterland.“ Aber der nationale Aufbruch solle ein Aufbruch „ewiger Kräfte im Leben unseres Volkes“ werden. Das war die deutsch-christliche Illusion des Jahres 1933. Dazu benötigte es „kämpfende(r) Gemeinden“. Der im Druck hervorgehobene Dreiklang „Betende Gemeinde – bekennende Gemeinde – kämpfende Gemeinde“ bestimmte das Grußwort.
Die aus heutiger Sicht unverständliche Vereinbarkeit von Nationalsozialismus und Luthertum wurde damals als keineswegs unüblich empfunden und war beim 450. Lutherjubiläum im November 1933 immer und immer wieder öffentlich beschworen worden.


Johnsen geht auf den Pfarrernotbund zu
Der Pfarrernotbund nahm dieses Grußwort ohne vernehmbare Kritik auf. Dabei lagen die Angriffsflächen auf der Hand: die Berufung auf den umstrittenen Reichsbischof, die fehlende rechtliche Form für das Amt eines „kommissarischen Kirchenführers“, die Tatsache, daß Johnsen Mitglied der Deutschen Christen war und sich zum Gauobmann der DC im Lande Braunschweig machte.

Johnsen machte jedoch unerwartete Schritte auf den Pfarrernotbund zu. Schon sechs Wochen nach seinem Dienstantritt nahm er eingehende Personalgespräche mit dem disziplinierten Pfarrer Heinrich Lachmund auf und lud ihn dazu nach Wolfenbüttel ein. Er verschaffte sich durch das Gespräch mit Lachmund außerhalb der Personalakte einen eigenen Eindruck von den disziplinierten Pfarrern der Landeskirche v. Schwartz, Palmer, Althaus, Rohlfs, Helweg und suchte Wege zu ihrer baldigen Wiedereinstellung. Innerhalb eines halben Jahres hatten alle eine ordentliche Pfarrstelle. Das konnte die Stellungnahme des Braunschweiger Pfarrernotbundes zum Landesbischof auf Dauer prägen.

Johnsen traf vor allem zwei gravierende Personalentscheidungen, die dem Pfarrernotbund sehr entgegenkamen: er beurlaubte OKR Dr. Breust und OKR Schlott dauerhaft vom Dienst im Landeskirchenamt. Breust erhielt später eine Tätigkeit im Stadtkirchenverband Braunschweig und Schlott wurde Pfarrer in der Neubaugemeinde Lehndorf. Der persönliche Eindruck von OKR Breust in der Kirchenregierungssitzung vom Juni 1934 muß derart gravierend gewesen sein, daß Johnsen eine gedeihliche Zusammenarbeit mit Dr. Breust für sich ausschloß. Die Entfernung von OKR Breust aus dem Landeskirchenamt war für Johnsen nicht ohne Risiko. Breust hatte erst vor knapp drei Wochen im Beisein von Reichsbischof Müller und Rechtswalter Jäger das Eingliederungsgesetz reibungslos durchgebracht. Die gewaltsame Eingliederungspolitik Jägers hatte ihren Höhepunkt noch nicht erreicht. Die Entfernung von OKR Breust konnte leicht eine Verstimmung mit dem Reichsbischof und dessen Rechtswalter zur Folge haben. Dr. Breust verfolgte Johnsen von Stund an mit einem bleibenden, glühenden Haß.

Breust und Schlott waren nach dem Rücktritt von Bischof Beye die Sachwalter von nationalsozialistischem und deutsch-christlichem Gedankengut in der Kirchenbehörde gewesen, was gerade die Mitglieder des Pfarrernotbundes heftig zu spüren bekommen hatten. Die Entfernung dieser beiden Oberkirchenräte aus dem Landeskirchenamt war die wesentliche Voraussetzung für das Ziel Johnsens einer gruppenneutralen Landeskirche. Johnsen schwebte dabei die Situation in der bayerischen und hannoverschen Landeskirche als Vorbild vor, in denen der Einfluß der Deutschen Christen in der Kirchenzentrale entscheidend eingedämmt war, in denen allerdings auch ein Pfarrernotbund nach den Grundsätzen der Bekenntnissynoden von Barmen und Dahlem nicht mehr existierte.

Johnsen betrieb aber nicht nur notbundfreundliche Personalpolitik, sondern kam dem Pfarrernotbund auch inhaltlich entgegen. Mit einer Bekanntmachung vom 3. November 1934 hob Johnsen nämlich die Gültigkeit der vor Jahresfrist vom Landeskirchentag unter Beye, Breust und Schlott beschlossenen 28 deutsch-christlichen Thesen für die Braunschweiger Landeskirche auf und verwies auf § 1 der Verfassung von 1922, wonach die Landeskirche auf dem Evangelium ruhe, wie es in der heiligen Schrift enthalten und im ev. luth. Bekenntnis bezeugt sei. Außerdem veröffentlichte er eine Erklärung von Pfarrer Grüner, wonach dieser seine sechs Thesen für Deutsche Christen förmlich zurückzog. Beide Dokumente hatten seinerzeit den entschlossenen Protest des Braunschweiger Pfarrernotbundes hervorgerufen. Johnsen stellte sich mit diesen beiden Erklärungen für die Kirchengemeinden und Pfarrer unübersehbar an die Seite des Pfarrernotbundes.


Die Wahl Johnsens zum Bischof
Am 15. November wählte der 6. Landeskirchentag im Dritten Reich auf Antrag der Kirchenregierung in der von Reichsbischof Müller bestimmten Auswahl vom März 1934 Johnsen zum dritten Landesbischof der Landeskirche und Pfarrer Wilhelm Röpke als theologischen Oberkirchenrat. Anders als bei den vorherigen Landeskirchentagssitzungen wurde der Verlauf dieser Sitzung nicht im Amtsblatt veröffentlicht. Aber die Pfarrer erfuhren den Ablauf durch ein Protokoll, das im Nachrichtendienst der Landeskirche veröffentlicht und verteilt wurde. Johnsen verzichtete auch auf eine öffentliche Einführung. Das war einleuchtend, denn die Position von Reichsbischof Müller, der nur als Einführender in Frage kam, wurde immer problematischer, nachdem Hitler die vorgesehene festliche Vereidigung Müllers am 25. Oktober aufgeschoben und statt dessen die Bischöfe Wurm, Meiser und Marahrens zu einem Gespräch empfangen und diese damit öffentlich anerkannt hatte. Johnsen, der zur vorgesehenen Vereidigung Müllers wie die anderen dc. Bischöfe nach Berlin eingeladen war, sprach noch in der Bischofsrunde von einer in der Geschichte der evangelischen Kirche noch nie dagewesenen Blamage und erbat sich vom Reichsbischof ein plausible Erklärung. Müller hatte in seiner bekannten verlogenen Art die Aufschiebung mit Zahnschmerzen Hitlers begründet.
Johnsen machte dagegen einen Antrittsbesuch bei Landesbischof Marahrens als seinem hannoverschen Nachbarkollegen.

Das Programm, das Johnsen seit seinem Dienstantritt in der Landeskirche absolvierte, zeigte die Schwierigkeit des Pfarrernotbundes, ihn abzulehnen:


Die Präsenz Johnsens in der Landeskirche in der zweiten Jahreshälfte 1934


29.6. Pfarrkonferenz für Braunschweig Stadt, Land, Wolfenbüttel, Helmstedt in Dannes Hotel. Vortrag: „Der Auftrag der Kirche im 3. Reich“
1.7. Teilnahme am Gottesdienst in der Brüdernkirche Ansprache „Der dreifache Ruf der Zeit“
2.7. Pfarrkonferenz in Seesen für Kreis Gandersheim Vortrag „Unsere Aufgaben in der Kirche“
Abends: Gemeindeabend „Die Kirche im Kampf um die Seele des Volkes“
4.7. Pfarrkonferenz im Holzminden für den Kreis Holzminden Vortrag „Not und Kraft der Kirche“
8.7. 2. Kreiskirchenfest in Astfeld „Vortrag „Die Kirche im Kampf gegen den Unglauben“
9.7. Pfarrkonferenz in Sorge für den Kreis Blankenburg Vortrag „Um die Kirche im 3. Reich“
22.7. Ordination von sechs Kandidaten in Wolfenbüttel
5.8. Trauerfeier im Braunschweiger Dom „Das Vermächtnis Hindenburgs“
19.8. Gottesdienst in der Hauptkirche Wolfenbüttel „Das Ja des Menschen zu Gottes Gebot“
2.9. Rundfunkgottesdienst im Braunschweiger Dom „Um das innere Reich“
16.9. Einweihung der Martin Lutherkirche in Braunschweig
25.9. Frauenhilfsabend in Wolfenbüttel „Die Bedeutung der Bibel für Volk und Familie“
7.10. Festpredigt beim Kreiskirchentag in Blankenburg „Werdet neue Menschen“
Nachmittags „Unser Kampf um die Seele des Volkes“
10.10 Herbsttagung des Kreisverbandes Wolfenbüttel der Frauenhilfe „Der Kategorische Imperativ der Liebe“
14.10.9.30 Festgottesdienst zur 800 Jahrfeier der Dorfkirche zu Gr. Twülpstedt „Vom Segen der Kirche in himmlischen Gütern“
15.00 Grundsteinlegung der Kirche in Kreiensen
20 Uhr Gemeindeabend in Kreiensen „Die Sendung der Kirche im 3. Reich“
22.10. Kreisverbandstagung der Ev. Frauenhilfe in Helmstedt „Nehmet immer mehr zu im Werk des Herrn.“
31.10. Feier des Bibeljubiläums in Stephani Helmstedt mit Predigt „Die Bibel im Leben des Volkes“
02.11. 14.30 Pfarrertagung im Kreis Helmstedt „Die Winterarbeit unserer Landeskirche“
     20.00 Gemeindeabend zum Bibeljubiläum, in Königslutter „Du und deine Bibel“
05.11. Generalversammlung des Braunschweiger Landespredigervereins „Der Pfarrer - ein Botschafter an Christi statt“
06.11. 11.00 Pfarrertagung des Kreis Blankenburgs in Sorge „Die Sendung der Kirche im 3. Reich“
     20.00 Gemeindeabend in Hasselfelde „Unsere Kirche und ihr Auftrag im 3. Reich“
07.11. Kreiskirchentag in Bad Gandersheim „Über die Winterarbeit der Br. Landeskirche“

Diese Aufzeichnungen aus einem Kalendarium, das Johnsen handschriftlich führte, zeigen die Präsenz Johnsens in kürzester Zeit in allen Teilen der Landeskirche auf verschiedenen Gemeindeebenen: bei Kreiskirchentagen, bei Pfarrertagungen, bei der Frauenhilfe, zu festlichen Dorfjubiläen und im Braunschweiger Dom. Johnsen präsentierte sich eindrucksvoll als Mann der Gemeinden und ihrer Pfarrer. Die von ihm behandelten Themen unterschieden sich wesentlich von den deutsch-christlichen Phrasen von Beye und Schlott. Die kirchenpolitische Frage, die hingegen den Pfarrernotbund beschäftigte und die für ihn entscheidend war, nämlich, daß sich Johnsen nicht von der Reichskirchenregierung unter Reichsbischof Müller trennte, war den Kirchengemeinden völlig fremd und eher gleichgültig. Bei Johnsen erfuhren sie, wie man als evangelischer Christ im dritten Reich seinen christlichen Glauben leben konnte und nicht zu verleugnen brauchte.


Die Reaktion des Pfarrernotbundes auf die Aktivitäten Johnsens
Der Pfarrernotbund steckte in einer Zwickmühle, denn Johnsen ging mit großen Schritten auf den Pfarrernotbund zu. Bereits am 25. Juli teilte Johnsen dem disziplinierten Pfarrer Adolf Althaus telephonisch mit, daß er in Helmstedt seine Dienstgeschäfte wieder aufnehmen dürfte, die ihm am 22. Mai wegen einer Predigt am Pfingstsonntag verboten worden waren. „Ich bin noch wie benommen“, hatte Althaus am selben Tage Lachmund geschrieben. (PNB 2/83). Wohl mehr der Form halber und gegenüber den Mitgliedern der Kirchenregirung, die an diesem Predigtverbot beteiligt gewesen waren, erhielt Althaus einen Verweis. (PNB 2/83) Althaus hatte am 16. Juli folgende Erklärung unterschrieben: „Da der von dem Herrn Reichsbischof Müller eingesetzte kommissarische Kirchenführer Herr Dr. Johnsen versichert hat, die braunschweigische Landeskirche als bewußter Lutheraner und streng bekenntnismäßig zu führen, ist zu hoffen, daß in unserer Landeskirche Anlaß zum Protestieren gegen bekenntniswidriges Handeln der Kirchenführung nicht mehr vorhanden sein wird.“
Althaus war Mitglied des Landesbruderrates, hatte mit dieser Erklärung die Bindung Johnsens an Reichsbischof Müller anerkannt, und dafür seiner Gemeinde an St. Stephani in Helmstedt einen großen Gefallen getan. Althaus entschied sich für seine Tätigkeit in der Kirchengemeinde, auch für seine Familie, und nahm die Anerkennung des kommissarischen Kirchenführers samt dem Reichsbischof als Hintermann in Kauf.

Am 23. Juni berichtet Lachmund dem Präses der Bekenntnissynode nach Oeynhausen, die Zukunft der Landeskirche wäre undurchsichtig und gefährlich, „weil es eine Stunde der Versuchung“ werden könne. Zugleich versicherte er: „Wir werden nichts ohne Oeynhausen tun“. (PNB 2/60) Aber bereits die Erklärung von Adolf Althaus am 16. Juli war ohne Rücksprache mit Präses Koch von Oeynhausen erfolgt. Pfarrer Asmussen warnte daher mit Schreiben vom 16. Juli 1934 „größte Vorsicht und Zurückhaltung walten zu lassen.“ Johnsen müßte „sich ganz deutlich und öffentlich vom Berliner Kirchenregiment distanzieren.“ (PNB 2/75) Bereits am 3. August warnte Dr. Fiedler vom Reichsbruderrat erneut P. Lachmund:
„Wir wissen wohl, daß die Verantwortung für die Existenz der Amtsbrüder Sie leitet, wenn Sie glauben, durch praktische Mitarbeit im Rahmen der jetzigen Kirchenleitung etwas ausrichten zu können. Bei aller Anerkennung dieses Standpunktes müssen wir aber doch auf unserem Standpunkt verharren, daß wir unsrerseits ein gedeihliches Zusammenarbeiten in irgendwelcher Form auch mit dem kommissarischen Landesbischof für unmöglich halten.“ (Niem. 723)

Lachmund berichtete am 1. September an den Notbund in Dahlem von einem Besuch Johnsens in Blankenburg am 27. August mit einem mehrstündiges Gespräch, an dem auch Julius Seebaß aus Börnecke teilgenommen hatte. Lachmund sah den Braunschweiger Pfarrernotbund in offener Weigerung gegenüber der Reichskirchenregierung, „aber innerhalb der Landeskirche, in der unter Anerkennung unserer Überzeugung unsere Mitarbeit gesucht wird, können, ja müssen wir mitarbeiten mit denen, die nicht an Gewalttat und Bekenntniswidrigkeit teilgenommen haben.“ (Niem. 723)
Am 4. September äußerte sich Martin Niemöller und verglich die Braunschweiger Lage mit einem militärischen Bild: „Persönlich bin ich der Überzeugung, daß alle örtlichen Friedensschlüsse in ihrer Wirkung nichts anderes sind als ein Waffenstillstandsschluß eines einzelnen Regiments in der Front. Ich kann mich auch nicht davon überzeugen, daß Sie mit den dortigen Verhandlungen gut tun. Die Glieder der bekennenden Kirche haben sich auf der Barmer Bekenntnissynode verpflichtet, mit dem Kirchenregiment nur noch durch Vermittlung der bekennenden Kirche Abmachungen zu treffen. Und ich würde Sie bitten, Ihren Herrn Johnsen an Herrn Präses Koch in Oeynhausen zu verweisen, damit er sich mit ihm ins Benehmen setzt. Jede andere Regelung kann ich persönlich nur als einen Fehler und als ein Aufgeben der Solidarität mit den immer noch verfolgten Brüdern ansehen“. (PNB 2/95; Niem. 723)
Der Dahlemer Pfr. Müller vom Reichsbruderrat schickte am 10. September an Präses Koch in Oeynhausen ein Schreiben von Lachmund und ein ausführliches von O. Palmer mit der knappen Bemerkung: „Ich halte ein unmittelbares Eingreifen seitens der D.E.K. für erforderlich, damit in Braunschweig kein Unfug geschieht.“ (Niem. 723)


Die Ablehnung eines kirchlichen Diensteides durch den Pfarrernotbund
Am 9. August tagte die Nationalsynode, deren Zusammensetzung im Hinblick auf den Reichsbischof neu bestimmt worden war, beschloß die Rechtmäßigkeit aller bisherigen Maßnahmen des Reichsbischofs, die weitere gesetzgeberische Zentralisierung, mit deren Hilfe der Reichsbischof in jede Landeskirche hineinregieren konnte und die Ablegung eines auf Hitler zugeschnittenen Diensteides, die den Vereidigten zugleich an die deutsch-christliche Reichskirchenregierung band. Schon einen Tag später verurteilte der Reichsbruderrat Zusammensetzung und Beschlüsse der Nationalsynode in scharfen Formulierungen als rechtswidrig. „Wer Recht und Verfassung, die er schützen soll, immer wieder selber bricht, hat den Anspruch verwirkt, Gehorsam zu fordern.. Darum erklären wir den Kirchen, den Gemeinden und ihren Gliedern in der Verantwortung vor Gott: Gehorsam gegen dieses Kirchenregiment ist Ungehorsam gegen Gott.“

Der Braunschweiger Pfarrernotbund tagte am 20. August in Braunschweig. Auch Palmer war unter den 30 Teilnehmern. Einstimmig beschloß er die Ablehnung des Diensteides. „Es ist uns völlig unmöglich, diesen Eid zu leisten, in dem wir uns verpflichten sollen, die Ordnungen der deutschen evangelischen Kirche anzuerkennen...Diesem Kirchenregiment galt und gilt unser Kampf und muß ihm weiter gelten, wenn – wie bisher – Evangelium und Bekenntnis mißachtet werden“. Es war offenbar eine längere Sitzung. Palmer war erst um 23.15 wieder zu Hause.
Der Notbund wollte indes den falschen Eindruck vermeiden, daß er eine Eidesleistung überhaupt ablehnte und leitete seinen Beschluß mit dem Satz ein: „Wir sind freudig bereit, dem Führer und Reichskanzler Gehorsam zu schwören. Dieser Eid ist nicht mit dem kirchlichen Diensteid zu verkoppeln.“ (PNB 2/89)
Trotzdem rückte mit diesem Beschluß der Pfarrernotbund ein deutliches Stück auch vom Kirchenkommissar Dr. Johnsen ab, der seine anhaltende Verbindung zum Reichsbischof dadurch bekundete, daß er die Pfarrer und Kirchengemeinderäte zur Teilnahme an der Einführung Müllers als Reichsbischof nach Berlin einlud. Daraufhin teilte der Bruderrat in einem Rundbrief vom 14.9.1934 seinen Mitgliedern mit, daß er seine künftige Mitarbeit mit dem Kirchenkommissar auf das „Notwendigste“ einschränken müßte. (PNB 2/98) Nach außen indes verwies Lachmund den Präses der Bekenntnissynode in Oeynhausen zehn Tage später in einem Schreiben auf die außerordentlich unterschiedliche kirchliche Lage in den verschiedenen Landeskirchen und erklärte schließlich: „An eine Verweigerung des Gehorsams ist bei uns nicht zu denken.“ (Niem. 723) Unter dem gleichen Datum jedoch teilte er Präses Koch die Bildung Bekennender Gemeinden in Braunschweig, Wolfenbüttel, Helmstedt und Blankenburg mit. Das war offenbar auch als Antwort auf die Aufforderung Johnsens hin geschehen, wieder DC-Gemeinden zu bilden. Lachmund teilte Koch die jeweiligen Vorsitzenden mit. „In Braunschweig führt sie das Mitglied des Landesbruderrates Dr. Bode, in Helmstedt Pfarrer Althaus, ebenfalls Mitglied des Landesbruderrates, in Wolfenbüttel cand. theol. Querfurth, in Blankenburg der Unterzeichnete...In allen vier Orten habe ich gesprochen. Überall wurden Studienkreise, Bibelstunden, Aussprachen gehalten. In Helmstedt sprach ich vor 50, in Braunschweig vor 60, in Wolfenbüttel vor 20 Menschen, es sind immer nur geladene Kreise, an öffentliche Versammlungen ist nicht zu denken.“
(Niem. 723)


Die zweite Bekenntnissynode in Dahlem Oktober 1934
Der Braunschweiger Pfarrernotbund wandte sich mit dieser klaren Erklärung gegen den Reichsbischof und sein rechts- und bekenntniswidriges Reichskirchenregiment nicht an die Braunschweiger Pfarrerschaft sondern suchte zunächst die Zustimmung seiner eigenen Mitglieder. Wie gefährlich eine solche klare interne Äußerung sein konnte, wurde in den folgenden Wochen deutlich, als Rechtswalter Jäger unter Gewaltanwendung in die Kirchenbehörden in Stuttgart und München eindrang und die Bischöfe Wurm und Meiser unter Hausarrest stellte. Auf einen Hilferuf aus München wurde daraufhin die für Ende Oktober vorgesehene 2. Bekenntnissynode in Dahlem auf den 19./20. Oktober einberufen.

Von Braunschweig nahmen, wie schon in Barmen, Pfarrer Lachmund und Oberregierungsrat i.R. Bode teil, der wieder die Verhandlungen mitstenographierte. Das Stenogramm Bodes wurde 1958 zur Grundlage der Veröffentlichung der Synode durch Wilhelm Niemöller. In Dahlem wurde das sog. kirchliche Notrecht beschlossen, wonach sich die Landeskirchen und Bruderräte förmlich vom Reichsbischof Müller trennten und als eigene kirchenleitende Organe den Bruderrat der Deutschen Ev. Kirche und aus seiner Mitte den Rat der Deutschen Ev. Kirche zur Geschäftsführung gründeten. Die regionale Leitung sollten die Bruderräte in den jeweiligen Landeskirchen übernehmen. Die praktische Durchführung dieses Beschlusses erwies sich als sehr schwierig, weil die Situation in den Landeskirchen viel zu unterschiedlich war. Das hätte allein an den finanziellen Möglichkeiten in den einzelnen Landeskirchen und Kirchengemeinden deutlich werden müssen. In den preußischen Kirchen wurde die Kirchensteuer noch in den Gemeinden erhoben und prozentual an die Kirchenbehörde abgeführt. So betrug die Höhe der Kirchensteuer in der Dahlemer Kirchengemeinde 1936 724,720 RM, nur etwas wenig niedriger als der Betrag für die ganze Braunschweiger Landeskirche. (Manfred Gailus „Protestantismus und Nationalsozialismus“ S. 313)

Unklar blieb die Zuordnung des nunmehr kirchenleitenden Bruderrates zu den vorhandenen Kirchenleitungen. Sollte sich etwa der Hannoversche Landesbischof Marahrens dem Bruderrat seiner Landeskirche unterstellen? Was in der rheinischen Landeskirche möglich war, war in der thüringischen völlig undurchführbar und der thüringische Abgeordnete rief verzweifelt den Dahlemer Synodalen zu, die dortige kleine Bekenntnisgemeinde mache sich lächerlich, wenn sie kirchenleitende Funktionen beanspruche. Der Beschluß lebte auch von einer eindeutigen Dämonisierung der Reichskirchenregierung. Niemöller sah in diesem deutsch-christlichen System den Satan am Werke. Konnte das von allen deutsch-christlichen Kirchenleitungen, von Tügel in Hamburg, Paulssen in Schleswig Holstein und Johnsen in Braunschweig behauptet werden? Lachmund meldete sich am Ende der Synode zu Worte und sagte: „Ich habe nur eins zu sagen. Ich möchte fragen: Was soll ich denn meinen Brüdern im Amte sagen?“ Prof. Soden antwortete ihm mit dem Zuruf: „Daß sie die Ausführungsanweisungen abwarten sollen.“ (Niemöller Dahlem S. 148) Diese wurden am 29. Oktober auch vom Bruderrat beschlossen. Danach sollten zum Beispiel die Pfarrer nicht an den Pfarrkonferenzen und Visitationen teilnehmen, sich nur gegenseitig im Dienst vertreten, kein Dimissoriale für eine deutsch-christliche Amtshandlung ausstellen, amtliche Schreiben der unrechtmäßigen Kirchenbehörde sollten unbeantwortet abgeheftet werden, es sollten die Kirchengemeinderäte und Kreiskirchentage möglichst geschlossen von Mitgliedern der Bekennenden Kirche besetzt sein.


Der Hitlerempfang für Marahrens, Meiser und Wurm und der Bruch in der Bekennenden Kirche
Die 2. Bekenntnissynode von Dahlem, der starke außenpolitische Druck durch die Kirchen in England, die sensationellen Demonstrationen in Bayern und Württemberg veranlaßten Hitler zum Einschwenken. Mit seinem sensiblen Instinkt für gefährliche Situationen beendete er umgehend den Hausarrest der Bischöfe Wurm und Meiser und lud beide zusammen mit Bischof Marahrens in die Reichskanzlei zu einem Gespräch am 30. Oktober 1934 ein. Damit galten diese drei lutherischen Bischöfe als staatlich anerkannte Institutionen in der Evangelischen Kirche. Nun hatten sie es nicht mehr nötig, mit den von der Dahlemer Synode beschlossenen Organen zu kooperieren, sondern sie blieben bis Kriegsende von Hitler inthronisierte Landesbischöfe, die bei jeder passenden und unpassenden Gelegenheit ihre Ergebenheit dem Führer gegenüber bekundeten. Damit war die Bekennende Kirche zerbrochen, auch wenn dieses keiner aussprechen und in seine Verantwortung nehmen wollte.

Es wurde neben dem Reichsbruderrat am 22. November 1934 durch eine Vereinbarung zwischen dem Bruderrat und den drei intakten Landeskirchen eine 1. Vorläufige Kirchenleitung unter dem Vorsitz von Landesbischof Marahrens gebildet, die nun zwar den Anspruch erhob, für die Bekennende Kirche im Sinne von Barmen und Dahlem zu sprechen, aber nun ihrerseits nicht von Hitler als rechtmäßige ev. Kirche anerkannt wurde, der sich nur schrittweise vom Reichsbischof Müller trennte, und die preußischen Provinzialsynoden auf einen Sonderweg drängte. Martin Niemöller, Karl Barth, Karl Immer, Hermann Albert Hesse, die unmißverständlich auf dem Boden von Barmen und Dahlem standen, traten aus Protest gegen diesen Beschluß aus dem Reichsbruderrat aus. Wäre es zu dieser Vereinbarung am 22. November nicht gekommen, hätten die lutherischen Kirchenleitungen bereits die Gründung eines unabhängigen Lutherrates vorbereitet. Die auch äußere Spaltung der Bekennenden Kirche war nur eine Frage der Zeit. Sie vollzog sich mit dem Rücktritt der ersten Vorläufigen Kirchenleitung Ende 1935, also bereits nach gut einem Jahr. Die vierte Bekenntnissynode in Oeynhausen setzte nur einen Schlußpunkt.


Sitzung des Pfarrernotbundes am 5. November 1934
Der Braunschweiger Pfarrernotbund tagte am 5. November. Palmer notierte: „5. November ¾ 8 nach Brschw. Notbd. 23 Uhr zurück.“ Es hatte demnach eine sehr lange Aussprache über die Dahlemer Bekenntnissynode gegeben. Dem unglücklichen Umstand, daß Lachmund an der Versammlung nicht teilnehmen konnte, verdanken wir den glücklichen Umstand, daß Karl Adolf v. Schwartz an Lachmund einen knappen schriftlichen Bericht erstattete. Es ist der einzige erhaltene Bericht über eine Notbundversammlung. Er ist deshalb hier vollständig wiedergegeben:

„Sitzung des Braunschweiger Pfarrernotbundes am 5.XI. 1934. Infolge der Bedeutsamkeit der Stunde (Krise der Reichsregierung, Botschaft der 2. Bekenntnissynode) war diese Sitzung so gut besucht wie seit langem keine. Die Verhandlungen waren ein getreues Spiegelbild der besonderen Schwierigkeit der Lage für uns Braunschweiger. S o l l e n wir uns nach den Dahlemer Richtlinien richten, wo wir ein Kirchenregiment haben, das milde DC ist? Können wir es, wo wir Pfarrer ohne einsatzbereite und –fähige Gemeinden sind? Diese Schwierigkeit ging durch die ganzen Verhandlungen hindurch und zeitigte gewisse Gegensätze. Selbst in der Frage der nicht-pflichtgemäßen Mitarbeit war keine Einmütigkeit zu erzielen.
Der Gang des Gespräches litt darunter, daß der Bruderrat in seiner Vorsitzung sich auch nicht genügend klar darüber geworden war, was er denn nun von der Gesamtheit des Notbundes verlangen wollte. Das gab dem ganzen Gespräch, das sich ja nur um die Richtlinien und die Lage bewegte, eine gewisse Ziellosigkeit. Vielleicht kamen darunter auch die Ausführungen, die wirklich in die Tiefe drangen, nicht zu ihrer vollen Wirkung.“ (PNB 2/130)

Die Braunschweiger Notbundbrüder waren bei dieser Sitzung bereits im Besitz der Synodendokumente und der Richtlinien. Ob der Synodenteilnehmer Bode an der Sitzung teilgenommen und von der Synode in Dahlem aus erster Hand berichtet hat, muß leider bisher ungeklärt bleiben. Die Notbundversammlung kam zu keinem einhelligen Ergebnis, weil die Bewertung von Dr. Johnsen und auch die Fragen des praktischen pfarramtlichen Alltags umstritten blieben. Es gab im Pfarrernotbund offenbar einen Dahlemer Flügel und einen lutherischen Kompromißflügel.

Am 7. November hatte der Reichsbruderrat noch vor der Bildung der ersten VKL einen Aufruf an die Gemeinden erlassen, der scharfe Töne anschlug: „Die wahre Einheit der Deutschen Evangelischen Kirche ist kein Traum mehr, sie wird in unseren Taten lebendige Wirklichkeit“, begann der Aufruf begeisternd. „Im Kampf gegen Gewalt und Unrecht, Lüge und Irrlehre, die in die Kirche eingedrungen sind und alles Leben zu ersticken drohen, wollen wir eine Kirche, die niemandem gehorcht, als dem Herrn der Kirche...Es genügt nicht, wenn einzelne Personen der Reichskirchenregierung zurücktreten; das ganze System der Irrlehre, Unwahrhaftigkeit und Unterdrückung muß beseitigt werden. Die neue Kirchenleitung ist da....Wir grüßen auch die, die uns bisher fremd und feindlich gegenüberstanden und nun unter entschiedener Abkehr vom falschen Wege zu uns stoßen wollen. Offen trete auf unsere Seite, wer entschlossen ist, Ungerechtigkeit und Gewalt, Lüge und Irrlehre aus der Kirche auszutreiben, wer gewillt ist, allein das Wort Gottes als rettende Kraft gelten zu lassen. ..Jeder ist vor die Entscheidung gestellt. Kommt zu uns. Schließt euch mit uns im Kampf zusammen. „Zieht an den Harnisch Gottes, umgürtet eure Lenden mit Wahrheit.“

Lachmund berichtete im Rundbrief vom 18.11.1934, daß Pfarrer Länger, der die Botschaft im Gottesdienst in Bad Harzburg verlesen hatte, deshalb von der Polizei vernommen worden war, ebenso wie Pfarrer Querfurth in Wolfenbüttel (PNB 2/147). Diese Botschaft wurde in den Gemeinden verstanden, deren Pfarrer gemaßregelt worden waren, also in Blankenburg, in Helmstedt und in Frellstedt. Aber ob die Kirchengemeinden, die bisher nur aus den spärlichen und verwirrenden Nachrichten der Tagespresse etwas von den Ereignissen in der Deutschen Evangelischen Kirche erfahren hatten, diese Botschaft von Unrecht und Gewalt verstanden hätten oder haben, muß sehr ungewiß bleiben. Als Pfarrer Rothermel in Hoiersdorf von Lachmund gebeten wurde, für die Bekennende Kirche in Schöningen zu werben, erhielt er die deprimierende Antwort, dafür bestünde in Schöningen nicht das geringste Interesse. Hier befände man sch im tiefsten Kirchenschlaf und er stünde auch in Hoiersdorf auf einem verlorenen Außenposten. Karl Adolf v. Schwartz hatte von den nur gering einsatzbereiten und einsatzfähigen Kirchengemeinden gesprochen.

Die Dahlemer Synode bewirkte aber auch einen Wachstumsschub. Die Pfarrer Brandmeyer, Rothermel, Erdmann und Hille schlossen sich dem Pfarrernotbund an, die Blankenburger Bekenntnisgemeinde wuchs auf 110 Mitglieder an und gab sich am 25. November eine eindrucksvolle Ordnung. Sie bildete einen Bruderrat aus vier männlichen und vier weiblichen Mitgliedern, einschließlich des Pfarrers, erhob feste Beiträge und stellte einen Haushaltsplan auf. Der Haushaltsplan und -Vollzug für die Jahre 1934/35 ist noch erhalten. Die Einnahmen betrugen 1934/35 2.708.73 RM, davon Beiträge 1.924,40 RM, sowie Kollekten 782,93 RM .

Lachmund teilte in dem Rundschreiben vom 18.11. aber auch seine kritische Einschätzung der Wahl von Johnsen als Bischof der Landeskirche mit. „Rechtsfrage strittig, kirchlich falsch, D. Bernewitz hat es sanktioniert“, schrieb er und berief zum 26. November, dem Montag zwischen Totensonntag und 1. Advent, eine neue Notbundversammlung ein. Zwei Versammlungen in einem Monat waren außergewöhnlich. „Gott helfe uns in den kommenden Wochen zur Arbeit und zum Widerstand“, schloß Lachmund seine Mitteilungen.


Der Pfarrernotbund unterstellt sich der 1. Vorläufigen Kirchenleitung und Marahrens
Die Versammlung am 26. November begann mit einem Gottesdienst in der Kapelle des Marienstiftes, am Nachmittag fanden die Beratungen und abends ein Vortragsabend statt. Durch die Bildung der 1. Vorläufigen Kirchenleitung unter dem Vorsitz von Bischof Marahrens schienen die Fragen einer Unterstellung wie im Handumdrehen gelöst. „Selbstverständlich unterstellen wir uns der Reichskirchenregierung D. Marahrens und tragen ihm mündlich und schriftlich unsere braunschweigische Lage vor. Er soll uns Weisung geben,“ schrieb Lachmund am 27.11. Mit Johnsen könne man „über den Rahmen des pflichtgemäßen Gehorsams hinaus“ künftig nicht zusammenarbeiten, es würden zu Vertiefung und Arbeitsschulung drei Arbeitsgemeinschaften gebildet. Lachmund zählte folgende auf: „Braunschweig – Wolfenbüttel (27 Brüder) im Vereinshaus, Helmstedt (12 Brüder) in Helmstedt, Gandersheim- Holzminden (12-14 Brüder) in Vorwohle.“ Damit waren allerdings die Meinungsverschiedenheiten innerhalb des Braunschweiger Pfarrernotbundes keineswegs ausgeräumt, sondern nur verlagert. Nun plante Lachmund, sich wieder an die ganze Braunschweiger Pfarrerschaft zu wenden. Ihnen sollte der Aufruf der „rechtmäßigen Reichskirchenregierung“ und ein „brüderliches Wort dazu“ zugesandt werden. Der Zeitpunkt war günstig, weil zu einer Versammlung des seinerzeit von Beye brutal gleichgeschalteten Landespredigervereins eingeladen worden war. Es war die Versammlung des spöttisch genannten BdM, des Bundes der Mitte.


Der Beginn einer Zerreißprobe
Lachmund erreichten Ende November zwei Schreiben, die die Zerreißprobe beschrieben, in die der Pfarrernotbund geraten war. Asmussen schrieb am 29. November: „Der Bruderrat der Braunschweiger Landeskirche wird in der Zusammensetzung, wie sie mir von P. Lachmund mitgeteilt worden ist, hiermit von mir als rechtmäßiges Organ der Leitung dieser Landeskirche anerkannt.“ (PNB2/ 160). Dieser Anspruch war indes in beiden Novemberversammlungen des Braunschweiger Pfarrernotbundes nicht derart eindeutig erhoben worden. Am 30. November erhielt Lachmund die an den Landesbruderrat gerichtete Mitteilung, „sich umgehend an diese neue Kirchenregierung“, an die namentlich aufgeführten Mitglieder der Vorläufigen Kirchenregierung (VKL), „zu wenden, um von ihr die Bestätigung als Landeskirchenregiment zu empfangen“. Ob sich Lachmund wirklich in diesem Sinne an die 1. VKL gewandt hat, ist ungeklärt. In jedem Falle hatte Marahrens nicht die Absicht, neben Bischof Johnsen ein zweites Landeskirchenregiment zu errichten.

Bei einem Gespräch zwischen Lachmund, Brandmeyer und Marahrens am 5. Dezember in Berlin bat Marahrens die Braunschweiger, auf Bischof Johnsen einzuwirken, aus der DC auszutreten, Reichsbischof Müller abzulehnen und sich der Vorläufigen Kirchenleitung zu unterstellen. Damit war für den Braunschweiger Pfarrernotbund geklärt, daß er kein eigenes Landeskirchenregiment zu errichten hätte. Zwar trat am 8. Dezember 1934 erstmals der Landesbruderrat in der Zusammensetzung von Dr. Bode, Braunschweig, D. Fink, Wolfenbüttel, Dr. Henseling, Holzminden, den Pfarrern Althaus, Barg und Lachmund zusammen und Lachmund ermunterte in einem vertraulichen Schreiben vom 6. Dezember 1934 dazu, „überall... kleine Bruderräte zu bestimmen“. (PNB 2/175)
Die eigentliche Nachricht war in den Sätzen versteckt: „Die drei Fälle sollen restlos bereinigt werden. Verhandlung in Blankenburg 7. Dezember.“ Die eingeweihten Notbundbrüder verstanden richtig, daß Lachmund, v. Schwartz und Palmer wieder ein Pfarramt erhalten sollten. Dieses Entgegenkommen hatte Bischof Johnsen am 28. November 1934 den zu dieser Unterrichtung ins Landeskirchenamt eingeladenen Pfarrern Lachmund, Brandmeyer und Julius Seebaß mitgeteilt. An dem Gespräch nahmen auch die Oberkirchenräte Lambrecht und Röpke teil. Eine konsequente Auslegung von Dahlem III,3 hätte jedes Gespräch mit Johnsen verboten. So unterlief Johnsen geschickt mit der Rehabilitierung der drei disziplinierten Pfarrer die Installation einer Landeskirchenleitung nach Dahlemer Muster. Am Ende des Gespräches fragten Johnsen und Lambrecht, ob der Pfarrernotbund der braunschweigischen Kirchenleitung weiter Gehorsam leisten werde. Lachmund bejahte diese Frage, vermerkte OKR Röpke und heftete den Schriftsatz in der Personalakte Lachmund ab. Diese unmißverständliche Gehorsamsbezeugung in Gegenwart von zwei anderen Notbundbrüdern stand in einem zu deutlichen Gegensatz zu dem Eindruck, den Lachmund mit seinem vertraulichen Schreiben vom 6. Dezember den Notbundbrüdern vermittelt hatte. Tatsächlich hatten, wie es im Vermerk von Röpke heißt; „die 3 Herren betont, daß sie sich Marahrens unterstellt hätten, der Landesbischof sollte das auch tun“. Aber was bedeutete diese Unterstellung bei gleichzeitiger ausdrücklicher Gehorsamsleistung gegenüber der eigenen Kirchenleitung?


Der Weihnachtsbrief Johnsens
Johnsen teilte zum Verdruß des Notbundes die Rehabilitierung in einem Pfarrerrundbrief zu Weihnachten der ganzen Pfarrerschaft mit. Es war gewiß ehrlich gemeint, wenn er dazu schrieb: „Damit wird im Raum der Kirche ein Unrecht wieder gutgemacht, das bewährten Pfarrern und gläubigen Gemeinden widerfahren ist. Ich hoffe und wünsche, daß dieser Beschluß der Kirchenregierung den Weg zum Frieden innerhalb unserer Landeskirche freilegen möchte!“ (PNB 2/188). Aber es blieb im Pfarrernotbund der schale Beigeschmack, daß mit dieser Weihnachtsbotschaft ein kirchenpolitischer Schachzug gegen die Botschaft von Barmen und Dahlem eröffnet worden war. Auf einem Kreiskirchentag im November hatte Johnsen die Dahlemer Synode als eine Sekte verhöhnt.
Zum Jahresende beantwortete Lachmund einen Fragebogen der VKL über den Stand der Lage in den einzelnen Gebieten. Danach hatte die Landeskirche 230 Pfarrer, 170 Pfarrstellen wären besetzt, 60 davon gehörten dem Pfarrernotbund an, höchsten 30 würden noch dem Reichsbischof folgen, beachtenswerte Organisationen der DC bestünden nicht mehr, die Gemeinden wären hinsichtlich der VKL „unorientiert“, das Verhältnis zwischen BK und DC wäre „gegnerisch“, amtliche Verlautbarungen zum Reichsbischof gäbe es nicht, aber hinter der Wolfenbüttler Kirchenleitung stünden „viele Prozente“ der Gemeinden und Pfarrer.

Zum Jahreswechsel schrieb Lachmund an Johnsen einen persönlichen Brief, in dem er noch mal die Einstellung des Notbundes zum Bischof beschrieb. Es ginge nicht um Kritik und Kampf, es ginge beiden um Frieden und Arbeit in einer lebendigen Kirche. „Ich weiß, daß Sie das wollen, und hoffe, daß Sie das auch von mir wissen. Aber viele Steine liegen noch auf dem Wege. Ich bitte Gott, daß er im neuen Jahr dazu verhelfen wolle, daß auf beiden Seiten das Wesentliche geschehe, und jeder beim andern das Gute sehen und dafür manches rechte Verständnis aufgebracht werde. Ihnen sehr verehrter Herr Landesbischof wünsche ich für Haus und Amt zum neuen Jahr Gottes Segen! In ernstem Gedenken Ihr sehr ergebener Lachmund.“ (PNB 2/193)
Das klang nun nicht gerade nach Abgrenzung und sich langsam Zurückziehen, sondern nach Kooperation trotz schwierigen Geländes.



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