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[Kirche von unten]

Ottmar Palmer 1873 - 1964

Versuch einer Annäherung und Deutung

15. Kapitel


Die Reaktivierung Palmers 1935


Palmer, der im April 1934 in die Nähe von Göttingen, nach Rauschenwasser, gezogen war, bemühte sich immer wieder um eine Pfarrstelle in anderen Landeskirchen. Palmer hatte nach dem Tod seiner ersten Frau am 2. Dezember 1917 ein zweites Mal geheiratet. Fünf der sechs Kinder aus beiden Ehen waren noch in der Ausbildung, der Älteste im 5. Semester, der nächste begann ein Theologiestudium, der Jüngste besuchte die Volksschule, zwei Töchter besuchten die Mädchenoberschule, die Älteste war Gemeindehelferin in Bremen geworden. Der Pfarrernotbund zahlte dem Familienvater zwar die Differenz zwischen dem Pensionsgehalt und dem eines aktiven Pfarrers, aber Palmer wollte begreiflicherweise finanziell selbständig sein. Palmer bewarb sich sogar in der Selbständig-Lutherischen Gemeinde in Freiburg, aber es wurde der dortige langjährige Vikar gewählt. „Unser Leben hätte wohl eine völlig andere Wendung genommen“, schreibt Palmer in seinen Erinnerungen.

Seit Sommer 1934 hatte Dr. Helmut Johnsen die Leitung der Braunschweigischen Landeskirche zunächst kommissarisch und ab November 1934 endgültig übernommen. Ihm lag an einer Bereinigung des Verhältnisses zum Braunschweiger Pfarrernotbund, um einen „Kurs der Mitte“ steuern zu können. Dabei mochte Palmer als der „leichteste“ Fall erschienen sein. Er hatte das Gebiet der Landeskirche verlassen, nahm zwar immer noch an den Sitzungen des Pfarrernotbundes teil, hatte dort aber keine Funktionen. Er hatte sich endgültig von der Blankenburger Gemeinde mit dem Predigtband und einem Abschiedsbrief verabschiedet. Außerdem näherte er sich dem Pensionsalter. Es wäre auch eine Beruhigung der kirchenpolitischen Situation in der Landeskirche mit einem in Rauschenwasser pensionierten Kirchenrat O. Palmer denkbar gewesen.
Palmer befand sich innerlich eher in einem Abtrennungsprozeß. Scharf wandte er sich gegen jedes Befriedungsangebot, das die neue braunschweiger Kirchenleitung an die Kirchengemeinde aussandte, fügte jedoch hinzu, „aber ich bin ja schließlich nicht mehr verantwortlich für meine alte Heimat,“ (Palmer an Althaus 30.7.1934 in PNB 2) und als Lachmund ihn bat, doch wieder in die Landeskirche zurückzukehren, erwiderte er: „Mein Herz hängt an ihr (der Braunschweiger Landeskirche) und an Euch, das kann ich wohl sagen. Aber am Abend des 14. 10.1933 sagte ich zu den Meinigen: „In der Kirche kann ich nicht bleiben, die Wunde ist zu tief.“ Sollte sie wirklich heilen können?“ (Schreiben Palmer an Lachmund 24.8.1934 in PNB 2)

Am 7. Dezember 1934 waren Bischof Johnsen und OKR Röpke zu klärenden Gesprächen in Blankenburg, um sich einen persönlichen Eindruck zu verschaffen. Kreispfarrer Kellner sprach sich klar gegen eine Rückkehr von Lachmund und Palmer aus, die Mitglieder des Pfarrernotbundes und die Vorsitzenden des Bruderrates der Blankenburger Bekenntnisgemeinde, Regierungsdirektor a. D. Bergmann und der pensionierte Kreisdirektor Alfred Dedekind, energisch dafür. Drei Tage später fand ein Gespräch zwischen dem Bischof, den Oberkirchenräten Röpke und Lambrecht und den zwangspensionierten Pfarrern Lachmund, Palmer und v. Schwartz im Landeskirchenamt statt. Palmer äußerte den Wunsch, in einer anderen Landeskirche tätig zu sein., aber Bischof Johnsen wollte ihn halten und reaktivieren. Johnsen hatte das kirchenpolitisch bedingte Unrecht der Disziplinierungsmaßnahmen der vorigen Kirchenregierung durchschaut und wollte es wiedergutmachen. Die Urheber Beye, Schlott und Breust waren aus der Kirchenleitung ausgeschieden, Beye hatte bereits die Landeskirche verlassen. Johnsen waren sozusagen inneramtlich die Hände nicht mehr gebunden und war frei für eine neue Beurteilung der „Fälle“.

Palmer und Johnsen stammten beide aus grundkonservativer, nationaler, pietistischer, kirchlicher Tradition, beide aus Pfarrhäusern und hatten in ihrer Studienzeit ausgeprägte christliche Wertvorstellungen und solche von Ehre, Treue und Gemeinsinn vermittelt bekommen. Beide hatten ihren Dienst in Landgemeinden begonnen und waren dann in weitere kirchliche Verantwortung hineingewachsen. Die scharfen Gegensätze, die das Verhältnis beider bis in die Geschichtsschreibung kennzeichnen sollte, kann über die Parallelität und Ähnlichkeit in der persönlichen Struktur beider Kirchenmänner nicht hinwegtäuschen.


Die Reaktivierung von Lachmund und v. Schwartz
Die neue Kirchenregierung ohne Beye und Breust versetzte Heinrich Lachmund, den Vorsitzenden des Pfarrernotbundes, zu Weihnachten 1934 wieder in seine alte Luthergemeinde nach Blankenburg. Das bedeutete eine erhebliche Verstärkung der dortigen Bekenntnisgemeinde und war nicht ohne kirchenpolitisches Risiko, vor allem gegenüber dem Kreispfarrer Kellner, dem entlassenen aber immer noch wirksamen OLKR Dr. Breust und auch gegenüber dem neuen OLKR Röpke, der als Pfarrer dem Disziplinargericht gegen Pfr. Lachmund im April des Jahres angehört hatte. Außerdem stieß Lachmund in der ersten Sitzung 1935 auf den erbitterten Widerstand der deutsch-christlich besetzten Kirchengemeinderatsmitglieder, unter denen sich Dr. Leidig besonders unangenehm hervortat.
„Wir Nationalsozialisten“, erklärte er, „wollen keinen Pfarrer, der in der Kirche hetzt, stänkert und meckert gegen den vom Führer eingesetzten Reichsbischof und Landesbischof. Wir halten an diesen fest, solange der Führer sie nicht fallen läßt, und wenn sie Pferde gestohlen hätten. Wir lehnen einen Pfarrer ab, der für eine Kirchenleitung betet, die gegen den Reichsbischof meutert.“ (Vermerk Lachmunds über die Sitzung der vereinigten Kirchengemeinderäte am 21.1.35 in: PNB 3) Es war nicht vorstellbar, daß diese Kirchengemeinderäte einer Rückkehr nun auch Palmers tatenlos und ohne Zuhilfenahme der NSDAP zugesehen hätten.

Die Suspendierung des Dompredigers v. Schwartz wurde ebenfalls aufgehoben. Eine Rückkehr an den Dom erschien der Kirchenleitung aus politischen Gründen für nicht ratsam. Gegen Ministerpräsident Klagges war eine Rückversetzung des Dompredigers illusorisch und keine dauerhafte Lösung. Johnsen veranlaßte den Kirchenvorstand von St. Ulrici, Braunschweig zur einstimmigen Wahl des Dompredigers, obwohl sich dieser gar nicht beworben hatte. Das war ebenfalls eine fragliche Dauerlösung, denn an Ulrici amtierte der deutsch-christliche Pfarrer und 1935 von Johnsen als Kreispfarrer zurückversetzte Alfred Wagner. Auch v. Schwartz wurde vom Ulrici Kirchenvorstand keineswegs mit offenen Armen empfangen, das positive Wahlvotum sogar rückgängig gemacht, nachdem v. Schwartz zunächst die Stelle ausgeschlagen hatte, und nur widerstrebend und protestierend endlich doch die Stelle antrat. Unter der Kanzel der Brüdernkirche fand er den Kern seiner Domgemeinde wieder vor. Den angebotenen Titel Stadtprediger lehnte v. Schwartz ab. Das war gegenüber dem Landesbischof eine schroffe Geste. Die Annahme hätte auch für die vorhandene Bekenntnisgemeinde in Braunschweig eine Aufwertung gegenüber den deutsch-christlichen Positionen in der Landeshauptstadt bedeutet.


Die Wahl Palmers durch den Kirchenvorstand von St. Stephani
Johnsen fädelte außerdem die Möglichkeit einer Rückkehr Palmers in den Bereich der Landeskirche ein und erreichte, daß der Kirchenvorstand von St. Stephani in Helmstedt Palmer am 19. Dezember 1934 ohne dessen Wissen einstimmig in die erste Pfarrstelle wählte. Im Gemeindebrief „Heimatklänge“ schilderte der Stephanipfarrer Clemen die Wahl folgendermaßen:

„Am 19. Dezember fand im Gemeindehaus in Gegenwart des Herrn Landesbischofs Dr. Johnsen, des Herrn Oberkirchenrat Dr. Lambrecht und des Herrn Oberkirchenrat Röpke eine außerordentliche Sitzung des Gemeindekirchenrates statt, auf welcher die Frage der Besetzung der 1. Pfarrstelle von St. Stephani beraten wurde. Herr Landesbischof Dr. Johnsen hatte als Pfarrer von St. Stephani vorgeschlagen den gegenwärtig im Ruhestand lebenden Kirchenrat Palmer aus Blankenburg. Nach einer längeren Aussprache wählte der Kirchengemeinderat einstimmig Herrn Kirchenrat Palmer. Ob dieser die Wahl annehmen wird, hängt von seiner persönlichen Entscheidung ab, welche bis jetzt noch aussteht. Möchte Gott, der Herr, geben, daß unserer Gemeinde der rechte Mann geschenkt wird, der dem Aufbau der Gemeinde dient.“

Da war Landesbischof Johnsen durch ein riskantes Manöver eine Art Husarenstück gelungen. Die Stelle an St. Stephani war dadurch freigeworden, weil der Stelleninhaber, Kreispfarrer Müller, ein ziemlich radikaler DC-Vertreter, sein Amt losgeworden war. Bischof Johnsen hatte die von Bischof Beye geschaffene Kreiskirchenreform wieder aufgelöst und 15 Propsteien geschaffen. Dieser erneuten Gebietsreform fiel nun Kreispfarrer Müller zum Opfer wie seinerzeit Palmer Opfer der Kreiskirchenreform Beyes geworden war. Müller trat eine Pfarrstelle im alten Bereich Palmers an, nämlich in Timmenrode. Daß Johnsen nun einen Pfarrer mit einem völlig gegensätzlichen kirchenpolitischen Standpunkt und von theologischer Statur vorschlug, war landeskirchenweit ein deutliches Signal der Sympathie für den Pfarrernotbund und gegenüber dem Gemeindekirchenrat von St. Stephani in Helmstedt ein Sprung ins kalte Wasser. Johnsen bot daher alles an Kirchenleitung auf, was im Landeskirchenamt zur Verfügung stand: den leitenden Juristen Dr. Lambrecht und den gerade berufenen Personalreferenten Röpke. Dr. Lambrecht, seit 1923 als zweiter Jurist im Landeskirchenamt tätig, kannte und schätzte Palmer von dessen Tätigkeit im Landeskirchentag. Trotzdem beugte sich der Gemeindekirchenrat nicht diesem bedeutsamen Aufgebot, sondern es gab eine „längere Aussprache“. Schließlich hatte erst Anfang desselben Monates Kreispfarrer Müller seine Abschiedspredigt gehalten. Hatte er gar keine Sympathisanten im Helmstedter St. Stephanikirchengemeinderat?

Es gab noch das andere Risiko einer zu erwartenden negativen Stellungnahme durch die örtliche NSDAP. Palmer war in Blankenburg Opfer des dortigen Ortsgruppenleiters der NSDAP Ehelebe geworden. Dieser hatte auch die Bewerbung von Palmer in Süddeutschland durch eine negative Stellungnahme verhindert. Offenbar hatte Bischof Johnsen seinen Vorschlag geheim gehalten und dem Gemeindekirchenrat erst auf der außerordentlichen Sitzung präsentiert. Das war im Hinblick auf die NSDAP mutig und offenbar erfolgreich. Daß der Gemeindekirchenrat nicht auf einem Gespräch mit Palmer bestand und ohne Aussicht auf eine feste Zusage Palmers, die Johnsen verständlicherweise nicht geben konnte, doch einstimmig Palmer wählte, spricht für ein sehr enges und vertrauensvolles Verhältnis des Gemeindekirchenrates zu Pfarrer Fritz Clemen und zu Pfarrer Adolf Althaus, die beide dem Pfarrernotbund angehörten und sich für eine Wahl von Kirchenrat Palmer eingesetzt haben werden, und für eine spürbare Affinität zum Pfarrernotbund. Mitglied der Bekennenden Kirche waren die Gemeinderatsmitglieder Studienrat Schwarz und Studienrat Simm.


Palmers Einführung in St. Stephani
Palmer war über diese Lösung nicht glücklich. Er sah sich zwar die Wohnung in Helmstedt bald nach Neujahr an, schrieb aber am 7. Januar 1935 an den Landesbischof, die Wahl des Helmstedter Kirchenvorstandes mache aus der Zwangspensionierung eine Zwangsversetzung. Unter demselben Datum aber schrieb Palmer an den Gemeindekirchenrat St. Stephani und dankte herzlich für das durch diese Wahl bekundete Vertrauen.

„Umfang und Begrenzung meines Auftrages sehe ich ausschließlich in der Verkündigung des Evangeliums im Sinne der Reformation. Indem das evangelische Pfarramt nichts anderes tut, als Christus verkündigen, bin ich der Überzeugung, daß es eben dadurch auch das Wesentlichste beiträgt zur Erneuerung unseres deutschen Volkes, wie es sich im 3. Reich ein neues Dasein zu geben im Begriff ist. Ich gebe mich der freudigen Zuversicht hin, daß ich mein neues Amt nicht nur in herzlichem Einvernehmen mit meinen dortigen Amtsbrüdern, sondern vor allem auch in vertrauensvoller Zusammenarbeit mit dem Ki.Gem.Rat und dem Kirchenvorstande werde führen können.“ Diese Erklärung Palmers mochte die Skeptiker in Helmstedt beruhigen, die befürchteten, durch einen zu exponierten Mann des Pfarrernotbundes „Unruhe“ in die Gemeindearbeit zu importieren.

Pfr. Clemen kündigte noch für Mitte Februar die Einführung von Palmer an und stellte ihn im Gemeindebrief „Heimatklänge“ als Sohn des früheren Leiters der Anstalten von Neuerkerode, Pfarrer einer Landgemeinde und an der Hauptkirche in Wolfenbüttel, „wo er eine große Tätigkeit auf dem Gebiet des kirchlichen Vereinswesens und des Gemeindelebens entfaltet hat“ und als Pfarrer und Kirchenrat in Blankenburg sehr wohlwollend vor. Palmer erhielt in Helmstedt kräftige Vorschußlorbeeren, er wurde herzlich mit einem Ständchen des Posaunenchores am Vorabend empfangen und am 10. Februar 1935 als erster Pfarrer an der Helmstedter Stephanigemeinde vom stellvertretenden Kreispfarrer Diestelmann, Königslutter, in einem bis auf den letzten Platz gefüllten Gotteshaus eingeführt. Das Helmstedter Tageblatt berichtete am 11.2. darüber unter der schmeichelhaften aber falschen Überschrift „Einführung des neuen Kreispfarrers. Festgottesdienst in St. Stephani.“

Palmer predigte über das Evangelium des Sonntags Johannes 7, 10-18, „das so besonders geeignet das Suchen, Fragen und Streiten über die Person Jesu Christi, das durch alle Zeiten, so auch durch unsere Zeit, geht, beleuchtete.“ Nach dem Gottesdienst wurden die Beamten und Angestellten der Kirchengemeinde vorgestellt, am Nachmittag wurde Palmer noch einmal von den Mitgliedern des Kirchengemeinderates begrüßt und stellte sich selber persönlich vor. Ganz offenbar sollte der Wechsel von einem überzeugten Anhänger der Deutschen Christen zu einem führenden und disziplinarisch belangten Mann des Pfarrernotbundes auf die Ebene eines familiären Gemeindelebens heruntergestuft werden.


Mitten in der Gemeindearbeit
Palmer hatte sich alsbald in die Gemeindearbeit gestürzt. Im Tagebuch für 1935 verzeichnete Palmer folgende Hausbesuche: im Februar: 16; im März: 41; im April: 30; im Mai: 22; im Juni: 24; im Juli: 35; im August: 28; im September: 11; im Oktober: 23, im November: 30; im Dezember: 13. Es sind Krankenbesuche, Besuche bei Konfirmandeneltern, zu Geburtstagen, anläßlich von Taufen, Trauungen, Beerdigungen und Wiedereintritten und bei kirchlichen Mitarbeitern. Er teilte sich die Gottesdienste mit seinen Kollegen und stand Sonntag für Sonntag auf der Kanzel von St. Stephani, wo auch Abendgottesdienste angeboten wurden oder von St. Walpurgis, oder machte Gottesdienstvertretung in Esbeck, Grasleben, Marienthal oder Marienberg. Auf den Dörfern begegnete ihm die geringe Gottesdienstbeteiligung, die er schon von den Harzer Dörfern kannte. Palmer wurde von den Gemeindemitgliedern gern aufgenommen.

Helmstedt hatte zwar keine so ausgeprägte Bekenntnisgemeinde wie in Blankenburg, die die roten Mitgliedskarten ausgegeben hatte. Aber auch in Helmstedt fanden sich 50 Gemeindemitglieder zusammen, als Lachmund im Herbst 1934 zur Gründung einer Bekenntnisgemeinde ermunterte.. Die Leitung der Bekenntnisgemeinde hatte der Stephanipfarrer Pfarrer Adolf Althaus, der im Frühsommer 1934 wegen der Pfingstpredigt für zwei Monate vom Dienst beurlaubt worden war. Als Althaus Ende 1935 in die Kirchengemeinde Oker wechselte, übernahm Palmer die Leitung der Bekenntnisgemeinde. Das Gemeindeblatt „Heimatklänge“ erhielt eine unübersehbare Einfärbung der Bekennenden Kirche vor allem durch die ständige Auseinandersetzung mit den Irrtümern der Deutschen Christen und der neugermanischen Religion. In einem ausgiebigen Artikel wehrte Clemen die Vergötzung der Rasse, den Ersatz der Gottesoffenbarung durch ein Deutschgefühl, den Heroismus statt der Sündenerkenntnis und die Selbstbegnadung als germanische Form der Erlösung strikt ab. Auf vier Seiten wurde die Gemeinde über die 3. Bekenntnissynode in Augsburg 1935 informiert; unter der Überschrift „Bekennende Gemeinde“ berichtete Gisela Althaus von einem Bekenntnisgottesdienst in Dresden, Renate Palmer über eine Bibelfreizeit mit 12 jungen Mädchen aus der Landeskirche, Palmer würdigte in einem persönlichen Nachruf den in Blankenburg verstorbenen ersten Landesbischof Alexander Bernewitz.


Palmer und Clemen
Zwischen Clemen und Palmer entwickelte sich trotz des guten persönlichen Verhältnisses aber keine einheitliche kirchenpolitische Linie. Zwar waren sie sich in der Abwehr der Zumutungen der Deutschen Glaubensbewegung völlig einig und äußerten sich auch öffentlich kritisch, aber über die Kirchenpolitik Johnsens konnten sie sich nicht einigen. Palmer vertrat den rigorosen Standpunkt, daß Johnsen als Bischof nicht tragbar war. Clemen hingegen schätzte Johnsen persönlich und hielt seine eingeleiteten Maßnahmen, Unrecht wieder gut zu machen, für überzeugend. Clemen mochte bereits die scharfe Erklärung des Pfarrernotbundes vom Januar 1935 gegen den Bischof nach dessen erstem Bischofsbrief innerlich nicht mittragen und fühlte sich vom Pfarrernotbund in eine „innere Not“ getrieben. (Brief von Clemen an Lachmund vom 9.4.1935 in PNB 3). Palmer hingegen litt unter der irenischen Natur seines Amtsbruders. Die Zweifel wuchsen bei Clemen. Im September 1935 schrieb er an Lachmund: „Auch darin stimme ich mit Padel überein, daß ich es für richtiger halte, wenn der Pfarrernotbund den Versuch macht, in ein Vertrauensverhältnis mit dem Landesbischof zu kommen. Ich bin überzeugt, daß die ablehnende Stellung die Sache unserer Kirche nicht fördert. Ich fühle mich gedrungen, Ihnen dieses zu sagen.“ (Brief Clemen an Lachmund vom 12.9.35 in PNB 3)


Die Wahl von Carl Bosse aus Büddenstedt zum Propst
Die gegensätzliche Beurteilung spitzte sich in der Propstei Helmstedt dadurch zu, daß der 66 jährige Pfarrer Carl Bosse aus Neu-Büddenstedt von Bischof Johnsen gefragt wurde, ob er das Propstamt übernehmen würde. Bosse kannte die Propstei gut. Er war 1909-1914 Pfarrer in Ingeleben und seit 1914 in Neu-Büddenstedt und Alversdorf. Gegen ihn sprach höchstens sein hohes Alter von 66 Jahren, indes erstrebte Johnsen in erster Linie eine Vermeidung der aktuellen kirchenpolitischen Auseinandersetzungen und dafür war eine Übergangslösung günstig. Bosse war jedoch, was Johnsen wußte, Mitglied des Pfarrernotbundes, und eine Übernahme eines Amtes aus den Händen Johnsens, der damals noch Deutscher Christ und Anhänger des Reichsbischofs Müller, war aus der Sicht des Pfarrernotbundes völlig undenkbar. Johnsen machte auch für die Übernahme des Propstamtes zur Bedingung, daß Bosse aus dem Pfarrernotbund austräte.

Auch Bosse gehörte wie Clemen zu den Pfarrern, die von Johnsens kirchenpolitischer Linie beeindruckt waren. Aber er fragte Lachmund um dessen Meinung, und der riet – gegen sein Votum im Bruderrat - postwendend ab, auch für den Fall, daß Bosse im Pfarrernotbund bleiben könnte. (PNB 3/78) Auch Bosse hatte sich durchgerungen, Johnsen abzusagen. Da erreichte ihn das formelle Votum des Bruderrates, daß für Notbundpfarrer die Übernahme irgendeines Amtes aus den Händen von Johnsen nicht denkbar wäre. Der Bruderrat vertrat damit die offiziöse Linie der Vorläufigen Leitung der DEK unter Marahrens. Die Meinung im Bruderrat war am 26. März 1935 in dieser Sache ziemlich einhellig. Karl v. Schwartz, Karl Adolf v. Schwartz, Palmer, Althaus, Drude hatten sich für einen Verzicht ausgesprochen. Nur Lachmund votierte für Annahme, wenn Bosse im Pfarrernotbund bleiben könnte. (siehe Brief Julius Seebaß an Lachmund vom 1.4.1935 in PNB 3 und Bruderratsbeschluß vom 26.3.1935 ebd.) Der Beschluß hatte folgenden Wortlaut:
„Bosse-Büddenstedt soll gebeten werden, den Kirchenratsposten nicht anzunehmen; Grund: die völlig ungeklärte Lage, insbesondere das noch ganz unklare Verhältnis des Landesbischofs und damit der Landeskirche zur Vorläufigen Leitung. Palmer wird gebeten, mit Bosse über die Sache zu sprechen.“

Allerdings hatte sich herumgesprochen, daß Marahrens von Johnsen einen erheblich anderen Eindruck hatte als Lachmund und die Mehrheit der Notbundbrüder. Bosse zeigte sich über das Votum des Pfarrernotbundes, das ihm eine Entscheidung abnahm, derart verärgert, daß er nun Johnsen zusagte und aus dem Pfarrernotbund austrat. Es wurde mit Hohn vermerkt, daß vier Pröpste ihr Amt übernommen hatten, ohne aus der „Glaubensbewegung Deutsche Christen“ ausgetreten zu sein. Palmer hatte im Auftrag des Bruderrates noch einen vergeblichen Versuch unternommen, Bosse von der Übernahme des Propstamtes abzuhalten. Am 2. Juni 1935 fand die Einführung von Bosse als Propst statt. Auch Palmer nahm an dieser Einführung teil. Der Pfarrernotbund hatte früher beschlossen, die Amtskonferenzen zu boykottieren. Karl Adolf v. Schwartz hielt sich in der Propstei Schöppenstedt an diesen Beschluß. Der in der Propstei Vorsfelde neu eingesetzte Propst Lehmberg lud die Notbundbrüder seiner Propstei ein und erhielt die Auskunft, daß sie an den Amtskonferenzen teilnehmen würden. Auch Clemen und Palmer besuchten die Amtskonferenzen unter ihrem neuen Propst Bosse, die Palmer in seinem Amtskalender vermerkte.


Palmers Kampf um Rehabilitierung in Blankenburg
In seinen Erinnerungen hingegen beschäftigte sich Palmer vor allem mit seinen Bemühungen um die Rückkehr nach Blankenburg. Seine Wiedereinsetzung in das Pfarramt konnte vom Pfarrernotbund als eine Wiedergutmachung durch die Tat verstanden werden. Aber Palmer verfolgte mit dieser beruflichen Reaktivierung das persönliche Ziel einer persönlichen Ehrenerklärung durch das Landeskirchenamt und unausgesprochen die Rückkehr nach Blankenburg in die alten Verhältnisse. Helmstedt sollte dazu nur das passende Sprungbrett sein. Tatsächlich händigte der Landesbischof Pfr. Palmer noch unter dem Datum vom 19. Februar eine Ehrenerklärung aus, wonach Palmer die kolportierte, angeblich anstößige Äußerung nicht getan habe, das Verhältnis zur Blankenburger Gemeinde intakt gewesen, belastende Unterlagen nicht vorhanden gewesen wären und die Pensionierung der Rechtmäßigkeit entbehrte.

Damit war auch der Forderung nach einer persönlichen Ehrenerklärung Genüge getan, aber Palmer verlangte die Verlesung dieser Ehrenerklärung in der Blankenburger Bartholomäuskirche. Das konnte bereits als eine Demütigung des neuen Bischofs verstanden werden, und in dieser Form war eine öffentliche Verlesung ein Affront gegen den amtierenden Kreispfarrer und riskant bei den bestehenden politischen Verhältnissen. Aber auch der Bruderrat der Blankenburger Bekenntnisgemeinde drängte auf eine öffentliche Rehabilitierung. Nach einigen Umformulierungsversuchen antwortete schließlich Palmer befriedigt am 2. Juli und Bischof Johnsen verlas diese Erklärung im Gottesdienst in der Bartholomäuskirche am 23. Juni 1935. (PNB 3/131)

Die Erklärung hatte folgenden Wortlaut:
Erklärung des Landesbischofs Dr. Johnsen zu der Pensionierung des Kirchenrat a.D. Palmer:
Auf Grund eingehender Besprechungen und Untersuchungen, die zur Wiederindienststellung des Kirchenrats a.D. Palmer führten, gebe ich folgende Erklärung ab:
Kirchenrat Palmer hat versichert, er habe die in Blankenburg verbreitete Äußerung über den Reichsjugendführer, er sei Jude, nicht getan, er habe sie auch nicht, sich hinter Anspielungen versteckend, tun wollen. Dieser Versicherung ist Glauben zu schenken, zumal sie von allen denjenigen bestätigt wird, die an dem betr. Vereinsabend teilgenommen haben.
Die mehrfach aufgestellte Behauptung, das Verhältnis des Kirchenrats Palmer zu seiner Gemeinde in Blankenburg sei schon vor dem Fall derart zerrüttet gewesen, daß eine weitere Amtsführung nicht mehr tragbar erschienen sei, entspricht nicht den Tatsachen. Sogenannte Unterlagen, die den Kirchenrat Palmer in diesem Sinn belastet hätten, sind nicht in den Akten des Landeskirchenamtes vorhanden.
Eine disciplinarische Untersuchung des Falles, wie sie die Rechtsordnung für Geistliche vorsieht, ist nicht erfolgt. Ich habe die Form, in der Kirchenrat Palmer in den Ruhestand versetzt wurde, als ein Unrecht angesehen, das wiedergutzumachen mir aus Gründen des Gewissens, um der Würde der Kirche und Gemeinde willen, zur Wiederherstellung angegriffener Ehre und im Interesse kirchlicher Befriedung geboten erschien.
Blankenburg 23.6.1935
Dr. Johnsen Landesbischof.

Für Kellner war diese Erklärung eine schwere Demütigung,. denn sie wurde in dem Gottesdienst verlesen, in dem er von Bischof Johnsen als Propst neu eingeführt wurde. Lachmund berichtete an den Präses der Bekenntnissynode, daß dieser Gottesdienst von den Mitgliedern der Blankenburger Bekenntnisgemeinde und auch von Lachmund und Seebaß boykottiert worden war, denn diese wollten durch einen Besuch nicht den Anschein einer Anerkennung von Kellner als Propst bieten. Johnsen hatte sich jedenfalls über den miserablen Gottesdienstbesuch beklagt und in der anschließenden Propsteisynode sehr deutliche Worte über die 1933 gewählten Kirchenvorstände gesagt, „die zum Teil einfach wieder hinausgeworfen werden müßten“. Auch hatte sich Johnsen sehr kräftig von der Deutschen Glaubensbewegung abgesetzt. So war die Wiedergutmachungserklärung Johnsens eingebettet in eine Reihe anderer Äußerungen, mit denen der Haltung Palmers Recht gegeben wurde und sie nicht wie ein Fremdkörper erscheinen mußte. (Bericht Lachmunds an den Präses der Bekenntnissynode vom 29.6.1935 in: Niemöller 723)

Mit dieser Erklärung hätte die Angelegenheit als Schlußpunkt unter die „Disziplinarakte Palmer“ angesehen werden können. So war diese Erklärung von der Kirchenleitung auch gedacht; zugleich aber waren auch alle bei Palmer liegenden Gründe beseitigt, ihn nicht wieder in die alte Pfarrstelle zurückzuversetzen. Palmer beharrte trotz dieser Erklärung auf dem Recht der Einsetzung in die Primariatspfarre in Blankenburg und ließ dies den Bischof mit einem Schreiben vom 2.7.1935 wissen. „Daß ich ungeachtet Ihrer Erklärung meinen zu wiederholten Malen verwahrten Rechtsstandpunkt aufrecht erhalte, also nicht etwa auf mein Recht auf die Primariatspfarre in Blankenburg verzichtet haben will, unterlasse ich nicht, auch bei diesem Anlaß noch einmal zum Ausdruck zu bringen.“ ( PNB 3/135) Das mochte nun als purer Undank ausgelegt werden.



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