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[Kirche von unten]

Ottmar Palmer 1873 - 1964

Versuch einer Annäherung und Deutung

17. Kapitel


Palmers Mitarbeit im Landesbruderrat 1935


Neben seiner Gemeindearbeit in Helmstedt wurde Palmer stark zur Mitarbeit im Bruderrat des Pfarrernotbundes herangezogen. 1933 war er mit Absicht wegen seiner Suspendierung nicht in den Bruderrat gewählt worden. Das änderte sich seit seiner Reaktivierung an der Helmstedter Gemeinde.
In seinem Amtskalender vermerkte Palmer für das Jahr 1935 elf von ihm besuchte, vielstündige Bruderratssitzungen, an die sich sechs mal Notbundvollversammlungen anschlossen. 10 mal tagte der Bruderrat in Braunschweig und einmal in Goslar meist im Ev. Vereinshaus in der Peter-Joseph-Krahe-Straße oder in Siloah, dem Mädchenheim des Marienstiftes.

Es fanden folgende Bruderratssitzungen statt, von denen jene, die Palmer nicht besucht hat, mit einem * vermerkt sind. *Montag den 28. Januar, den 18. Februar, den 4. und den 25. März, 11. April, 24. Mai, 12. Juni, *19. August, 28. Oktober, 28. November, 18. Dezember (in Goslar). Ob im Juli und September möglicherweise die monatlichen Bruderratssitzungen ausgefallen waren, konnte ich nicht ermitteln.
Notbundvollversammlungen fanden am 28. Januar (43 Brüder), 29. April (43 Brüder), 12. Juni, 19. August, 28. Oktober und 28. November (24 Brüder).


Der erste Bischofsbrief Johnsens
Der Pfarrernotbund war seit den Veröffentlichungen im April 1934 nicht mehr mit Äußerungen an die Pfarrerschaft herangetreten. Dieses mochte den Eindruck erwecken, jede Art von Opposition hätte sich mit dem Verschwinden von Beye und Schlott von selbst erledigt. Von den stürmischen Ereignissen auf Reichsebene blieben die Kirchengemeinden unberührt. Bischof Johnsen bot keine vergleichbare Angriffsfläche. Er hatte sich im Juni mit einem Grußwort vorgestellt, in einem Rundbrief zu Weihnachten die Aktivierung der beurlaubten Pfarrer Lachmund, v. Schwartz und Palmer bekannt gegeben und in einem 1. Bischofsbrief an die Pfarrerschaft am 13. Januar 1935 erneut den Kontakt mit der Pfarrerschaft gesucht mit der Absicht, für seine Ziele zu werben und seine Kirchenpolitik zu erläutern. Er warb für eine „gruppenfreie Kirche“ und betonte seinen lutherischen Bekenntnisstand. Die ganze Landeskirche wäre eine Bekenntniskirche. (PNB 3/11) Außerdem hatte Johnsen durch seinen Pressereferenten Dr. Strothmann einen Nachrichtendienst einrichten lassen, der über die Pfarrerschaft hinaus die Öffentlichkeit ausführlich über die Wahl Johnsens und dessen Unterstützung durch Altbischof Bernewitz unterrichtete.


Die krasse Antwort des Pfarrernotbundes auf den ersten Bischofsbrief
Diese Aktivitäten Johnsens waren für den Bruderrat nun ein Anlaß, seine eigene kirchenpolitische Position zu der neuen Situation in der Landeskirche der Pfarrerschaft mitzuteilen. Er betonte zu Beginn einer sechs Punkte umfassenden Erklärung vom 25. Januar 1935 die dauerhafte Gefährdung des Bekenntnisses. Das Ziel einer gruppenfreien Kirche wäre eine „unlutherische Schwärmerei.“ Er versagte Bischof Johnsen das Vertrauen, hielt die „Rechtslage der Kirchenführung und der Landeskirche (für) sehr fragwürdig“ und sah „die kirchliche Gewaltpolitik der DC für die innerkirchliche Arbeit aufrecht erhalten“. Kirchliche Arbeit würde durch die Kirchenführung zerschlagen. „Dafür rollen die kirchlichen Propagandawellen über das Land.“ In einem zweiten Teil wurden neue „Tatsachen zur kirchlichen Lage“ aufgezählt: in Blankenburg wäre Kritik an der Wiedereinsetzung Lachmunds geübt worden, die Wiedergutmachung von Lachmund, Palmer und v. Schwartz wäre „eine nicht zu erörternde Selbstverständlichkeit“, Vikar Querfurth wäre zu Unrecht verwarnt worden. (PNB 3/25)

Diese Erklärung löste allerdings eine lange Diskussion bei der Pfarrernotbundversammlung am 28. Januar aus. Die Haltung gegenüber Johnsen wurde von einigen als viel zu scharf empfunden. Sie wollten eher auf Bischof Johnsen zugehen als ihm das Mißtrauen aussprechen. Adolf Brandmeyer hingegen sprach sich heftig gegen Johnsen aus.(siehe Brief von Clemen an Lachmund vom 9.4.1935 in PNB 3/94) Doch setzten die Mitglieder des Bruderrates den Wortlaut der Erklärung durch und unterzeichneten persönlich: Althaus, Helmstedt, Barg, Brandmeyer, Brinckmeier, Lachmund, lic. v. Schwartz, Seebaß, Braunschweig, Seebaß Börnecke.
Der Pfarrernotbund schickte seine Erklärung an alle Pfarrer der Landeskirche und bat sie um Unterstützung. Es kamen 47 positive Antworten. Es hatten also nicht einmal alle Notbundpfarrer diese Erklärung befürwortet, drei sagten sogar ab, andere schwiegen.

Diese Stellungnahme wirkte überraschend auf die Kirchenregierung. Bischof Johnsen hatte nach der Reaktivierung der drei herausragenden Köpfe des Pfarrernotbundes ein Wort des Dankes erwartet. Der durchgehend polemische Ton und die lückenlose Ablehnung der kirchenpolitischen Position des Landesbischofs ohne die Nennung einer Alternative wirkten auf ihn destruktiv.

Auch der Mehrheit der Pfarrerschaft wird diese Erklärung wie ein Blitz aus heiterem Himmel vorgekommen sein. Sie hatte lange nichts mehr vom Pfarrernotbund gehört und den Wechsel von Beye-Schlott zu Johnsen-Röpke als positiven Umschwung erlebt. Die Kontaktaufnahme des Bischofs mit der Pfarrerschaft wurde als wohltuend aufgenommen. Solche Bischofsbriefe hatte es bisher nicht gegeben. Die in Dahlem erörterte Frage einer neuen Kirchenleitung für die Reichskirche an Stelle des Reichsbischofs Müller stieß bei den Gemeinden und Pfarrern auf massives Desinteresse. Diese Frage berührte nicht ihre unmittelbare Gemeindearbeit. Das Pochen auf dem Bekenntnis ließ eher schlechte Erinnerungen an alte Grabenkämpfe zwischen Lutheranern und Liberalen aufkommen. Mit dieser Erklärung war eine Koalition des Pfarrernotbundes mit der Mehrheit der Pfarrerschaft, also mit der sog. Kirchlichen Mitte, die sich im Landespredigerverein wiederfand, völlig verdorben. Eine solche Koalition war dem Pfarrernotbund in der sächsischen Landeskirche gelungen. Der Pfarrernotbund hatte eine lediglich negative Position bezogen und sich zugleich erheblich isoliert. Auf die Bitte des Bruderrates um Rückantwort reagierte auch die Mehrheit der Pfarrerschaft mit Schweigen.
So zerstob auch eine mit der Erklärung verbundene Hoffnung auf neue Mitglieder für den Pfarrernotbund.

Mit einer scharfen Erklärung, die ebenfalls an die ganze Pfarrerschaft versandt wurde, entgegnete die Kirchenregierung bereits nach einer Woche: „Die Kirchenregierung muß es sich ganz entschieden verbitten, daß eine Gruppe von Pfarrern sich erdreistet, Landesbischof und Kirchenregierung vor sämtlichen Pfarrern des Landes herabzuwürdigen.“ In unverantwortlicher Weise würde der Friede in der Landeskirche gestört. Die Kirchenregierung würde indes zur Tagesordnung übergehen und „den Weg zur Herbeiführung des kirchlichen Friedens unbeirrt auch in Zukunft mit allen aufbauwilligen Kräften weiterverfolgen.“ (PNB 3/27) Das Verhältnis des Pfarrernotbund zur Kirchenleitung war monatelang gestört.

Die rigorose Erklärung isolierte den Pfarrernotbund auch bei der Hannoverschen Nachbarkirche. Ernst Heinrich Kammer war zu einer Besprechung über Fragen der Theologenausbildung am 21.1.1935 in Hannover gewesen und brachte von dort den Eindruck mit, daß man „für die braunschweigischen Verhältnisse wenig Interesse und Verständnis“ hätte, man rechne vielmehr „fest mit der Stabilität der intakten Landeskirche.“ (PNB 3/18)Für die Hannoversche Nachbarkirche galt die Braunschweigische Landeskirche seit der Beseitigung Beyes und der Übernahme der Kirchenleitung durch Johnsen eher als intakte Kirche. Der Streit mit dem Landesbischof wurde dort als eine innerbraunschweigische Sache angesehen.


Die negative Reaktion der 1. VKL auf den Pfarrernotbund
Die Erklärung stiftete aber auch Verwirrung beim Reichsbruderrat und der Vorläufigen Kirchenleitung und das war für den Bruderrat gewiß die größte Überraschung. Der Pfarrernotbund hatte mit der Erklärung die Landeskirche faktisch als eine zerstörte Landeskirche dargestellt. Gegenüber dem Reichsbruderrat hatte Lachmund allerdings immer wieder auf die durch Johnsen geschaffene neue Situation hingewiesen und erklärt, daß eine „Aufsagung des Gehorsams“ Johnsen gegenüber nicht in Frage käme. Noch am 24. Januar 1935 hatte Lachmund an den Präses der Bekenntnissynode der DEK berichtet: „Dr. Johnsen pendelt zwischen den Fronten, er ist der Mann, der Frieden machen will, der es gut meint, der gegen jeden freundlich ist. Das gewinnt Pfarrer und Gemeindeglieder, die nicht klar sehen... Wir sagen ihm bei jeder Gelegenheit: unterstell dich der Vorläufigen Leitung, dann können wir miteinander reden.“ Das war nicht die Tonlage der Erklärung.
Eine Unterstellung unter die Vorläufige Kirchenleitung war in der Erklärung des Bruderrates nicht als Alternative einer landeskirchlichen Politik genannt worden.

Der Braunschweigische Bruderrat hatte sich selber der Vorläufigen Kirchenleitung unter dem Vorsitz von Marahrens unterstellt, aber diese Antwort auf den Bischofsbrief war mit ihr nicht abgesprochen. Sie fand auch nicht ihre ungeteilte Zustimmung. Landesbischof Johnsen hatte bei Marahrens als Nachbarbischof einen Antrittsbesuch gemacht und bei Marahrens den Eindruck einer keineswegs zerstörten Landeskirche hinterlassen. So widersprach diese Erklärung des Braunschweiger Pfarrernotbundes dem persönlichen Eindruck, den Johnsen bei Marahrens hinterlassen hatte. Tatsächlich verfolgten beide durchaus ähnliche Ziele. Marahrens hatte nie der Hannoverschen Bekenntnisgemeinschaft angehört, und erstrebte das vergleichbare Ziel einer bekenntnisgebundenen, staatstreuen, gruppenfreien Landeskirche.

Marahrens hatte die Absicht, den Braunschweiger Pfarrernotbund und die Braunschweiger Kirchenleitung zusammenzuführen und lud beide Seiten zu einem Gespräch am 11. Februar nach Berlin ein. Der Bruderrat folgte nur mit Widerwillen. Marahrens führte zusammen mit OKR Breit das Gespräch zunächst mit Dr. Vermeil, Brandmeyer, Althaus und Lachmund alleine. Später kamen für die Braunschweiger Kirchenleitung OKR Lambrecht und Pfr. Strothmann, der persönliche Referent von Bischof Johnsen, hinzu. Den Vorsitz dieses Gespräches hatte Marahrens. Es dauerte dreieinhalb Stunden und Marahrens riet beiden Seiten, aufeinander zuzugehen. Trotz der starken Betonung des lutherischen Bekenntnisses in der Erklärung des Pfarrernotbundes lehnten Marahrens und Breit offenbar ihren Ton und den eingeschlagenen Kurs ab und forderten vom Braunschweiger Pfarrernotbund eine Verständigung mit dem Landesbischof. (in Althaus an Lachmund am 13.2.1935 in:PNB 3/ 45)

So erwies sich die Erklärung des Pfarrernotbundes nach allen Seiten als ein grober Mißgriff und die Folgezeit war mit dem mühsamen Beseitigen des entstandenen Mißtrauens gefüllt.
In der Bruderratssitzung am 18.2. im Vereinshaus, an der auch Palmer teilnahm, wurde das niederschmetternde Ergebnis des Berliner Gespräches diskutiert. Auf der zur Sitzung mitgebrachten Einladung vermerkte J.H. Wicke über den Namen Breit und Marahrens: „Kompromißler!“ und später: „Marahrens will verkleistern; es mauschelt in der Kirche!!“(Sammlung Wicke)

Der Pfarrernotbund fühlte sich von der VKL mißverstanden. Am 21. Februar fuhr daher Palmer im Auftrag des Bruderrates nach Berlin, erläuterte noch einmal Marahrens die Sicht des Pfarrernotbundes und stellte eine Zusammenarbeit mit Johnsen in Frage. Palmer wollte den „intakten“ Eindruck, den Marahrens und Breit von der Landeskirche hatten, relativieren. Am Abend desselben Tages berichtete er Althaus von seiner Berliner Reise.

Tatsächlich waren die Signale, die der Braunschweiger Pfarrernotbund von der zentralen Leitung erhielt, widersprüchlich und offensichtlich nicht aufeinander abgestimmt. Noch im November hatte der Reichsbruderrat Lachmund mitgeteilt, daß der Landesbruderrat die Leitung der Landeskirche zu übernehmen habe und jeder Verkehr mit Johnsen über den Präses der Bekenntnissynode Koch in Oeynhausen zu erfolgen habe. Aus diesem Bewußtsein und Auftrag war die Erklärung des Bruderrates vom 25 Januar formuliert. Im Gespräch mit Marahrens hingegen wurde der Bruderrat zum Gespräch mit Johnsen aufgefordert.


Der Pfarrernotbund distanziert sich vom Dahlemer Kurs
Zwischen der Vorläufigen Kirchenleitung unter Marahrens und dem Reichsbruderrat bestanden nämlich von Anfang an kaum überbrückbare Spannungen. Der Braunschweiger Pfarrernotbund geriet ungewollt in diese Spannungen mit hinein. Er versuchte zwar durch regelmäßige Zahlungen die Verbindung zum Reichsbruderrat aufrecht zu erhalten, und Dompropst v. Schwartz wurde im Januar 1935 mit Martin Niemöller, Sup. Hahn, Dresden und Pfr. Scharf, Sachsenhausen sogar in den wichtigen Beihilfeausschuß gewählt. Aber inhaltlich mochte die Mehrheit des Braunschweiger Notbundes dem scharfen Oppositionskurs der altpreußischen Kirchen immer weniger zu folgen. Wie weit der Kurs des Braunschweiger Pfarrernotbundes von dem der preußischen Bruderräte abwich, wurde an der Frage einer Kanzelabkündigung im März 1935 deutlich.

Anfang März hatte die 2. Bekenntnissynode der altpreußischen Union ein unverblümtes Wort an die Gemeinden gerichtet. Es setzte sich mit der Deutschen Glaubensbewegung auseinander, ließ aber offen, ob damit nicht auch die ns. Propaganda getroffen werden sollte. Darin hieß es: „Wir sehen unser Volk von einer tödlichen Gefahr bedroht. Die Gefahr besteht in einer neuen Religion. Die Kirche hat auf Befehl ihres Herrn darüber zu wachen, daß in unserm Volk Christus die Ehre gegeben wird, die dem Richter der Welt gebührt. Die Kirche weiß, daß sie von Gott zur Rechenschaft gezogen wird, wenn das deutsche Volk ungewarnt sich von Christus abwendet...“ ((PNB 3/73) Am 17. März sollte es als Kanzelabkündigung verlesen werden. Der ns. Staat zeigte Wirkung. In der Kirche der APU wurden über 500 Pfarrer für kurze Zeit inhaftiert.

Ein Paket mit 800 Stück dieses Wortes hatte Lachmund erhalten, aber die Gestapo erschien am 16. März, beschlagnahmte sämtliche Exemplare und verlangte von Lachmund eine schriftliche Erklärung, daß er das Wort nicht verlesen würde. Auch bei Palmer erschien die Gestapo. Er notierte im Amtskalender, daß er bei der Predigtvorbereitung unterbrochen worden wäre. „Gestapo hier betr. „Verlesung einer Botschaft der Bek. Synode der altpr. Union.“
Lachmund berichtete am 18. 3. an den Präses der Bekenntnissynode Koch, daß die Polizei auch in Helmstedt, Holzminden und Börnecke erschienen wäre und bat, „die Verlesung der Erklärung unsern Brüdern auch in Preußen nicht weiter aufzuerlegen, da sie mir unsern Kampf unnötig zu verschärfen scheint.“ (PNB 3/71) Für den Reichsbruderrat erteilte Pfarrer Müller mit Schreiben vom 22.3.1935 eine deutliche Antwort. „Wir müssen uns daran gewöhnen, daß wir innerhalb der eigenen Reihen aus brüderlicher Solidarität heraus gemeinschaftlich handeln. Wenn die Kirche durch die Synode verantwortlich redet, dann sind wir gehalten als Diener der Kirche dieses Wort weiter zu geben. Es geht nicht an, daß dann jeder seine Privatsuppe kocht.“ (PNB 3/82)
Nachdem das Reichsministerium des Innern aber in der Verlesung keinen Verstoß gegen die Staatsführung gesehen hatte, empfahl der Bruderrat in seiner Sitzung den Braunschweiger Notbundbrüdern statt einer Abkündigung eine Fürbitte. Lachmund teilte mit Schreiben vom 27.3.1935 folgenden Einschub in das Fürbittgebet mit, zu der die Vorläufige Leitung geraten hatte:
„Wir bitten Dich für alle, denen in der bekennenden Kirche die Verkündigung Deines Wortes befohlen ist. Wir gedenken insbesondere heute derer, die dabei bedrängt werden und leiden müssen. Tröste sie in ihrer Not und gib ihnen Mut zum Ausharren“. J .H. Wicke war das zu wenig und fügte ein: „und gib ihnen Mut und den Trost und die Kraft der Osterbotschaft zum Ausharren.“ Die Fürbitte ging folgendermaßen weiter: „Weide Du selbst die verlassenen Gemeinden, die ihrer Hirten beraubt sind. Wehre jeder Zerstörung deiner heiligen Kirche. Hilf Du uns, daß auch wir wie unsere leidenden Brüder trotz aller Anfechtung darauf beharren, unsern Gemeinden Dein Wort lauter und rein zu verkündigen. Gib uns Freiheit und Freudigkeit, in Gehorsam unseres Herrn allezeit bereit zu sein zur Verantwortung gegen jedermann, der Rechenschaft fordert über die Hoffnung, die in uns ist. (1. Petrus 3,15).“ (PNB 3/86)

Damit hatte Lachmund seinen Braunschweiger Amtsbrüdern die kritische Abkündigung erspart, obwohl sogar deutsch-christliche Pfarrer sich die Abkündigung zu eigen gemacht hatten.

Da sich Bischof Johnsen von der Reichskirchenleitung unter Reichsbischof Müller im März 1935 löste, sah der Bruderrat eine neue Chance für einen Vorstoß, daß sich Johnsen der Vorläufigen Kirchenleitung unterstellen sollte. Marahrens sollte gebeten werden, bei Johnsen vorzufühlen, sich auch für Palmer und Karl v. Schwartz einsetzen und für eine Kundgebung in Braunschweig gewonnen werden. (Protokoll der Bruderratssitzung vom 26.3.1935 in PNB 3/84)) Marahrens aber reiste nicht nach Braunschweig, weder zu einem vermittelnden Gespräch noch zu einer Kundgebung, um Johnsen auf keinen Fall zu provozieren.


Vergebliche Aussprache zwischen Bischof Johnsen und dem Pfarrernotbund
Statt dessen kam es in der Bruderratssitzung am 11. April zur der von Marahrens erwünschten Aussprache mit dem Landesbischof. Dazu hatte der neunköpfige Bruderrat (acht Pfarrer und Dr. Vermeil), wie aus dem Pfarramtskalender Palmers ersichtlich, ab 11 Uhr zunächst unter sich beraten, um halb zwei kamen OKR. Breit und Dr. Fiedler von der Vorläufigen Kirchenleitung hinzu und ab 14 Uhr Landesbischof Johnsen, OKR Dr. Lambrecht und OKR Röpke. Es sollte ein von der Vorläufigen Kirchenleitung gewünschtes Annäherungsgespräch zwischen dem Landesbischof und dem Bruderrat werden.
Über diese Sitzung existiert ein zweiseitigen maschinengeschriebenes Protokoll aus der Sicht des Pfarrernotbundes. (PNB 3/97) Am Gespräch beteiligten sich Lachmund, Dr. Vermeil, Seebaß-Marienstift, Althaus, lic. v. Schwartz, Johnsen und Lambrecht, Breit und Fiedler. „OKR Röpke schwieg völlig während der Verhandlungen“. Johnsen, der noch einmal auf die Erklärung des Pfarrernotbundes zurückkam, verwies für sein gruppenfreien Konzept geschickt auf die bayerische Landeskirche mit einer auf einen starken Bischof zugeschnittenen Pfarrerschaft ohne kirchenpolitische Gruppen. Tatsächlich gab es in der bayerischen Landeskirche keine dem Dahlemer Notbund verpflichteten Pfarrer, Meiser hatte eine Notbunderklärung nie unterschrieben. So ähnlich wünschte es sich Johnsen auch in der Braunschweiger Landeskirche. Breit versuchte Johnsen die Auffassung von der Bekennenden Kirche als einer kirchenpolitischen Gruppe auszureden, und verwandte dazu einen gewagten Vergleich. Wie der Nationalsozialismus keinen Kompromiß kenne, sondern den Anspruch erhebe, „wir sind Deutschland“, „so ähnlich steht die bekennende Kirche da“.
Das Beispiel verfing nicht. Jeder fühlte sich von seiner Position mit ihrer Optik im Recht.

Lachmund schrieb im Rundbrief zwei Tage später vom 13.4.: „Auch die Vorläufige Leitung hat gesehen – und das ist ein ganz großer Erfolg dieser Verhandlung – daß ein „Paktieren“ mit dieser Leitung der Br. Landeskirche eine Unmöglichkeit ist. Herr Landesbischof Dr. Johnsen hat diesmal vielleicht begriffen, daß wir gegen ihn persönlich nichts, aber auch rein gar nichts haben; was wir sachlich wollen, sieht er nicht, und kann er wohl auch gar nicht sehen. Das ist die Tragik dieses gewiß liebenswürdigen Menschen.“ (PNB 3/98)

Lachmund verschwieg, daß Marahrens keineswegs ein Ende der Gespräche zwischen Pfarrernotbund und Landesbischof befürwortete, zumal Johnsen bei Meiser wegen einer Teilnahme am Lutherischen Block vorgefühlt hatte.

Der Braunschweiger Notbund verschärfte sogar seinen Kurs gegen den Landesbischof. Vielleicht fühlte er sich durch das Entstehen von Bekenntnisgemeinden in der Landeskirche bestärkt.
In einem Rundschreiben an die Mitglieder des Pfarrernotbundes vom 25.1. hatte Lachmund von der Ausbreitung der Bekenntnisgemeinden in der Landeskirche berichtet:

„Die Bekenntnisgemeinde in Blankenburg ist fest gefügt, die in Braunschweig und Wolfenbüttel sind noch klein, aber wachsen, in Holzminden und Helmstedt sind kleine Gruppen. Wenn es nicht gelingt, in möglichst vielen Gemeinden bekennende Gruppen um die Bibelstunde zu bilden, geht die Gottesstunde für unser Land wieder einmal verloren. Diese Mitteilungen sollen jetzt 14tägig erscheinen, der Landesbruderrat (die Herren Dr. Vermeil, Dr. Fink, Dedekind, Roland waren außer den Pfarrern da) hat es beschlossen. Wir empfehlen neben den Gr. Bl. (Grünen Blättern D.K.). die Westdeutsche Eilkorrespondenz.“ (PNB 3/16)

In der mit 43 Mitgliedern und vier Gästen gut besuchten Vollversammlung am 29. April 1935 sprach sich Lachmund dafür aus, an den Amtskonferenzen in den Propsteien nicht teilzunehmen.
„Um der Wahrheit willen, weil wir nicht so tun dürfen, als sei alles in Ordnung; und um der Liebe willen, weil unsre Brüder dann den Weg nicht finden können, der allein aus der Unordnung herausführt. Unser Fortbleiben ist ein unüberhörbares Wort brüderlicher Mahnung“, schrieb Lachmund am 1.5. an die Mitglieder, bat jedoch um Rückmeldung, wenn sich jemand anders entscheiden würde. (PNB 3/102) Die Lage in den Propsteien war jedoch zu unterschiedlich, um die Teilnahme generell zu lösen. Wo deutsch-christliche Pröpste eingesetzt wurden, blieb eine Teilnahme problematisch, wie z. B. in der Propstei Blankenburg unter Kellner. Der deutsch-christliche Propst Gremmelt hingegen verstand es, durch persönliche Fühlungsnahme seinen Pfarrkonvent zusammenzuhalten. Pfr. v. Hoerschelmann in Sauingen schrieb an Lachmund, daß er Johnsen als Bischof anerkenne (PNB 3/108). Er hätte mit ihm bereits Wort- und Abendmahlsgemeinschaft gehabt. Ein Fortbleiben von den Amtskonferenzen lehnte v. Hoerschelmann ab wie auch Pfr. Padel aus Hehlen. Propst Lehmberg fragte die Notbundbrüder der Propstei Vorsfelde wegen ihrer Teilnahme an den Pfarrkonferenzen und erhielt einen positiven Bescheid. Sogar die Notbundbrüder der Propstei Helmstedt nahmen einschließlich von Ottmar Palmer an den von Propst Bosse geleiteten Pfarrkonventen teil. Was bei der Vollversammlung am 29. April noch als ein Signal der Liebe und Wahrheit um der Ordnung willen verstanden war, verblaßte in der Praxis des pastoralen Alltags.

Überraschend tauchte in der Vormittagssitzung des Bruderrates am 9. Mai OKR Breit auf und ermunterte den Bruderrat, erneut auf Johnsen zuzugehen. Lachmund, Seebaß, Marienstift und lic Karl Adolf v. Schwartz suchten bereits am nächsten Tag den Bischof auf und es gab ein wesentlich entspannteres Gespräch als im April, von dem Lachmund im Rundbrief vom 13.5.1935 berichtete. (PNB 3/110)

Unter dem 12. Juni hatte Palmer notiert: „1/2 11 Auto (Seebaß) Brschw. Br.Rat u. Notb. 19 zurück.“ In der Bruderratssitzung und Notbundversammlung gab es viel zu berichten, denn vom 4.-6. Juni 1935 hatte in Augsburg die 3. Bekenntnissynode stattgefunden, an der Lachmund und Bode teilgenommen hatten. Auf dieser Synode wurde die Vorläufige Kirchenleitung unter Marahrens, die ja erst nach Ablauf der Dahlemer Synode gebildet worden war, nun auch synodal bestätigt. Lachmund schrieb in der Julinummer von Ruf und Rüstung (S. 97ff) einen Bericht und veröffentlichte das von der Synode verabschiedete „Wort an die Gemeinde“. Die Spannungen zwischen Niemöller und Marahrens wurden zugedeckt und Niemöller kehrte in den Reichsbruderrat zurück. Lachmund betonte: „Die sachliche Gesamtbedeutung der Synode liegt in folgendem: Sie ist ein wesentlicher Schritt vorwärts zur weiteren Einigung der Bekenntnisfront...besonders das Arbeitsverhältnis zwischen der Leitung, dem Reichsbruderrat und der Bekenntnissynode wurde erneut festgelegt, geklärt und vertieft.“ Tatsächlich aber hatte der gastgebende Bischof Meiser längst einen lutherischen Sonderweg heraus aus der sich auf Barmen und Dahlem berufenden Bekennenden Kirche betreten.


Einführung der roten Karte
In der Bruderratssitzung am 19. August, an der Palmer nicht teilgenommen hatte, wurde der Beschluß des Reichsbruderrates vom 14. August in Dahlem auch für den Braunschweiger Pfarrernotbund verpflichtend gemacht, nämlich daß alle Mitglieder des Pfarrernotbundes die rote Karte der Bekennenden Kirche ausfüllen sollten, „damit der Pfarrernotbund tatsächlich der Pfarrkonvent der Bekenntniskirche sein kann. Damit ergibt sich nicht nur die Pflicht, die rote Karte auszufüllen, sondern auch die ernstliche Verpflichtung, in der Gemeinde zu versuchen, eine bekennende Gemeinde zu sammeln. Das wird für eine nahe Zukunft vielleicht von entscheidender Bedeutung“. (Brief Lachmunds vom 28.8.1935 in: PNB 3/142).

Die rote Karte war keine Erfindung, die auf der Augsburger Bekenntnissynode entstanden war, sondern eine Dahlemer Idee. In den Landeskirchen von Bayern und Hannover wurden die roten Karten nicht in Gebrauch genommen. Sie wurden zum Kennzeichen der Spaltung der Bekennenden Kirche. Im Oktober 1935 teilte Lachmund mit, daß im Land Braunschweig 5-600 rote Karten ausgegeben worden wären, davon in Blankenburg je fast 200. Es ist sicher bezeugt, daß sich in der Blankenburger Bekenntnisgemeinde über 150 rote Karteninhaber und in der Braunschweiger Bekenntnisgemeinde über 120 rote Karteninhaber befunden haben. Leider sind weitere Angaben nicht möglich. (PNB 3/172 Memorandum des Braunschweiger Bruderrates)
Für Braunschweiger Verhältnisse sind die Zahlen nicht schlecht. Sie zeigen an, daß auch nach dem Ausscheiden des deutsch-christlichen Bischofs Beye eine organisatorisch gefestigte Gemeinschaft neben dem Landespredigerverein und den Propsteisynoden und Amtskonferenzen für nötig gehalten wurde. Sie umfaßte auch zahlreiche Laien. Mit der Ausgabe der roten Karten unterschied sich die Bekennende Kirche in der Braunschweiger Landeskirche von der in der Hannoverschen Landeskirche.
Ganz anders sah Lachmunde die Lage und dieses Negativbild prägte auch die Darstellung von Palmer. „Die Zahlen sind erschreckend klein; wir haben unsre Gemeinden nicht hinter uns, noch herrscht der Tod in der Braunschweiger Landeskirche. Gewiß liegt der geringe Erfolg auch bei uns und an dem, der hier in der Führung des Pfarrernotbundes seit November 1933 gestanden hat; wir können Gott nur bitten, daß er auch unsre liebe braunschweiger Landeskirche, wie wir hoffen, bald als Glied der niederdeutschen Kirche, an dem neu erwachenden Leben der deutschen lutherischen Kirche teilnehmen lasse.“


Die Errichtung einer Finanzabteilung und des Reichskirchenausschusses
Die quälende Frage nach einer Unterstellung unter die VKL wurde durch zwei alarmierende Nachrichten abgelöst: die Einrichtung von Finanzabteilungen in den Landeskirchenämtern mit dem „Gesetz über die Vermögensverwaltung in den evangelischen Landeskirchen“ vom 11. März 1935, und die Einrichtung eines Ministeriums für die kirchlichen Angelegenheiten – oder zutreffender, wie Niemöller spottete: gegen die kirchlichen Angelegenheiten – und die Besetzung dieses Ministeriums mit Hanns Kerrl am 16. Juli 1935. Nun war die Frage, ob dieses Ministerium Kerrl für die ev. Kirche die Installierung einer neuen Staatskirche bedeutete. Am 24. September berief Kerrl einen Reichskirchenausschuß, der in den „zerstörten“ Landeskirchen nunmehr „geordnete“ Verhältnisse schaffen sollte. An der Frage, ob die VKL den Reichskirchenausschuß mit seinen in den preußischen Provinzialkirchen und anderen Landeskirchen gebildeten Landeskirchenausschüssen anerkennen sollte, zerbröckelte die Bekennende Kirche weiter. Die Bischöfe der intakten Landeskirchen Meiser, Wurm und Marahrens sahen im Reichskirchenausschuß für ihre Region keine Gefahr und wollten ihn daher mit Einschränkung anerkennen. Die seit Dahlem in den preußischen Landeskirchen gebildeten bruderrätlichen Leitungen lehnten einen Eingriff durch die Provinzialkirchenausschüsse rundheraus ab. Tatsächlich handelte es sich bei dem Gesetz vom 24. September nicht, wie es hieß, um ein „Gesetz zur Sicherung der deutschen Evangelischen Kirche“ sondern zu deren Verunsicherung. In der Braunschweiger Landeskirche wirkten sich die Gesetze zunächst nicht auffällig aus, weil zum Beauftragten der Finanzabteilung OKR Dr. Lambrecht bestimmt wurde, der bereits seit 12 Jahren für Haushalts- und Finanzfragen im Landeskirchenamt zuständig war. An die Stelle eines Landeskirchenausschusses wurde nach einigen Verhandlungen erst Mitte 1936 die bestehende Kirchenregierung eingesetzt. Ganz anders sahen die Verhältnisse in den preußischen Landeskirchen aus.

Die unterschiedlichen Bewertungen wurden von OKR Breit in einer Informationstagung der Vorläufigen Kirchenleitung am 13. September 1935 in Berlin ausführlich dargelegt, die Karl v. Schwartz für den Braunschweiger Pfarrernotbund besucht und darüber einen persönlichen, vierseitigen Bericht geschrieben hatte. Aus Breits dreistündiger Rede notierte v. Schwartz u.a.: „Die „Rote Karte“ ist unentbehrliche Waffe und große Kraft, aber sie bestimmt nicht die Grenze der BK. Anläßlich der Verhandlungen der VL mit K(errl) ist Verdacht ausgesprochen, die VL habe sich verführen lassen zu Abmachungen, die die Handlungsfreiheit der VL beschränkten oder aufhöben. Der Verdacht ist grundlos...Der kirchliche Notstand ist da, aus dem auch die BK nicht allein herauskommt,. Also Rechtshilfe des Staates notwendig...Die Innenlage der BK ist bestimmt durch die Spannung VL-RBRat (Reichsbruderrat). Ob gutes oder schlechtes Gedächtnis daran schuld ist, ist nicht ganz klar. Heute ist alles ewig in Deutschland, auch dies Problem. Bitte endlich Schluß! Gewiß alles aus Gewissen, aber auch wir erliegen halt den Zeitmächten, es ist so ein bißchen der gewaltsame deutsche Gegenwartsstil, der sich hier geltend macht. Es muß entschieden werden, ob wir in Augsburg gelogen oder die Wahrheit gesagt haben, als wir die Einheit der BK öffentlich proklamierten...Die Wolke des Mißtrauens muß weg...Der Feldpropst hat neulich vor 25 Angehörigen der Wehrmacht gepredigt. Es kommt da aber viel auf die Generäle an, von denen einige keinen Zweifel lassen, daß sie den Gottesdienstbesuch wünschen...Der Dualismus zwischen VL und Dahlem und VL und Oeynhausen muß verschwinden.. Musiciere jeder seinen Ton, aber rein. Wir brauchen im Orchester auch Hörner, aber die sind die crux aller Dirigenten. VL maßt sich nicht an, Dirigent zu sein, aber wir haben die Verantwortung. Marahrens: Die Version, die VL habe die Preußensynode „verboten“ sei falsch. Er habe Koch um Verschiebung gebeten...In einem Protokoll des Pr. Bruderrates sei dreimal das Wort vorgekommen, wir müßten den „Widerstand gegen den Staat“ organisieren oder dergl. Er habe es erst nicht glauben wollen, es sei ihm aber während der Hannoverwoche dann aber von hoher politischer Stelle vorgelesen. Daraufhin habe er um Verschiebung gebeten....In der nun folgenden Diskussion brachte Jakoby die Besorgnis zum Ausdruck, daß die VL die Initiative dem Staat überließe. Was will die VL eigentlich? Wir müssen wissen, ob der Zug auf dem rechten Geleis läuft. K.D. Schmidt: Sagt die VL zu den Finanzgesetzen ja, dann können wir in Schleswig-Holstein einpacken... Bronisch: Was hat die VL getan gegen die Judenpolitik, gegen Verächtlichmachung der Judenmission... Dann die Behandlung getaufter Juden. ..Breit: Vom NT hat die Kirche nicht die Aufgabe, dem Staat Buße zu predigen. Zwischenruf: Jesaja, Amos! Zweiter Zwischenruf: Sind Sie Prophet? Marahrens: Ich stütze die ehrlich wollenden. Dazu rechne ich auch K(errl)...Ich habe klar gesagt: Wir sind nicht Front sondern Kirche. Ich muß um Gottes Willen dem Staat helfen als Mann der Kirche und vom Evangelium her... Gesamteindruck: Breit und Marahrens glänzend. Die Hornisten gutmeinend, aber etwas zuchtvoller wäre besser. Gespannt, ob in Königsberg kein Unfug passiert! Marahrens bat sehr ernst um Besonnenheit, ebenso Meiser, über dessen lange Rede ich mir nichts notierte. Die Sitzung dauerte von vormittags ½ 10 bis gegen 5 Uhr Nachm. Ein Ferientag war es nicht. Ich bin Lachmund dankbar, daß er mich hinschickte. Ich möchte vorschlagen, daß er in unserm Namen einen Gruß an Marahrens schreibt.“ (in: PNB 3/150)

Dieser vierseitenlange einzeilig beschriebene Bericht gibt höchst anschaulich die gegensätzliche Stimmung innerhalb der Bekennenden Kirche im Oktober 1935 wieder. Sie bestand unverändert zwischen den preußischen Bruderräten in den preußischen Provinzen, zu denen Pfr. Jakobi und Kurt Dietrich Schmidt gehörten und den Lutheranern in den sog. „intakten“ Kirchen. Bezeichnend und geradezu tragisch war das von einer Überschätzung seiner theologischen Position getragene Fehlurteil von Marahrens zu den politischen Vorgängen. Daß Marahrens sich einbilden konnte, dem nationalsozialistischen Staat „ zu helfen“, machte ihn an der Spitze der evangelischen Kirche schon 1935 und vor allem seit 1939 gefährlich. Nach Königsberg hatte der preußische Bruderrat eine Synode der altpreußischen Union einberufen und es war durchgesickert, daß sich die preußischen Synodalen scharf gegen den Staat und die Einrichtung von Finanzabteilungen erklären und außerdem sich zur „Judenfrage“ äußern wollten. Daraufhin hatte Marahrens um Verschiebung der Synode gebeten, die dann wenige Tage später in Berlin Steglitz abgehalten wurde. Mit „Hornisten“ meinte v. Schwartz jene Teilnehmer, die auf der strikten Anwendung der Grundsätze von Barmen und Dahlem bestanden und Kerrl grundsätzlich mißtrauten. Der Vermerk macht deutlich, daß auch v. Schwartz, obwohl Vertrauensmann des Reichsbruderrates für den Braunschweiger Pfarrernotbund, zu Marahrens hin tendierte.


Marahrens für begrenzte Zusammenarbeit mit dem Reichskirchenausschuß
Der Minister für die kirchlichen Angelegenheiten Kerrl verstand seinen Reichskirchenausschuß als das Steuerinstrument für die Gesamtkirche, neben dem eine Vorläufige Kirchenleitung, die noch nicht einmal von Hitler empfangen und anerkannt worden war, überflüssig geworden war. Kerl verschärfte also den Ton gegenüber Marahrens, was die Frage einer weiteren Zusammenarbeit der VKL mit dem Reichskirchenausschuß erneut aufwarf. Marahrens lud die Bischöfe Meiser, Wurm, Zänker und Bruderräte zu einer Konsultationsveranstaltung am 29.November nach Berlin zusammen. Braunschweig war durch Lachmund vertreten, der über die dramatische Besprechung einen streng vertraulichen Bericht für die Notbundbrüder anfertigte. (PNB 3/204) Die preußischen Bruderräte lehnten nach einem Gespräch mit Kerrl eine Zusammenarbeit rundum ab. Marahrens hielt eine Mitarbeit dagegen zwar für „unendlich schwer, aber nicht mitarbeiten ist unmöglich im Blick auf Kirche und Volk, darum Bereitschaft in verschiedenen Nuancierungen. Dabei müssen wir uns klar werden, daß Dahlem III,3 von D. Koch schon längst als nicht exekutierbar bezeichnet, nun wirklich um der Wahrheit willen aufgegeben werden muß.“ Dieser Meinung hätten sich auch Sup. Hahn vom sächsischen Bruderrat und v. Soden aus Marburg angeschlossen. v. Arnim vom preußischen Bruderrat aber forderte Marahrens zum Rücktritt von der Leitung der VKL auf und wurde darin vom Pfr. Müller, Dahlem unterstützt. Auch Pfr. Wester vom Bruderrat von Schleswig Holstein trat wie Humburg gegen jede Zusammenarbeit mit den Ausschüssen auf. Bischof Meiser indes warnt davor, eine sterbende Diasporakirche zu werden. Mit diesem Bericht signalisierte Lachmund nicht nur den Bruch in der Bekennenden Kirche, der mit dem Rücktritt von Marahrens von der VKL während der 4. Bekenntnissynode in Oeynhausen im Februar 1936 auch klar gezogen wurde, sondern auch, wie er selber den künftigen Weg der Braunschweiger Bekennenden Kirche sah.


Der Braunschweiger Pfarrernotbund hinter Marahrens
In der Sitzung des Bruderrates am 18. Dezember in Goslar berichtete Lachmund von dieser Konsultation in Berlin. Der Braunschweiger Bruderrat entschied „nach ernster Beratung“, sich fest hinter Marahrens zu stellen. (PNB 4/6) Wie weit die Urteile im Bruderrat auseinandergingen, veranschaulichen zwei Zitate. Rudolf Brinckmeier sah im Sommer 1935 den Reichsbruderrat als Fehlentwicklung an und schrieb an Lachmund: „Wir treten aus in corpore, wenn die Preußen nicht endlich zur Räson kommen...Wir müssen beweisen, daß es uns mit Marahrens radikal ernst ist.“ (PNB 3/153) Karl Adolf v. Schwartz hingegen schrieb nach der Goslarsitzung: „Mein theologisch-kirchliches Miniatururteil würde mich ohne weiteres zu Niemöller führen, während mein persönliches Vertrauen zu Marahrens mir das heute verbieten würde.“ (PNB 3/215)

Ob der Bruderrat glaubte, mit dieser Entscheidung einen Rücktritt Marahrens von der Leitung der Vorläufigen Leitung noch verhindern zu können, erscheint ungewiß. Der Bruderrat entschied sich wie Marahrens für eine Mitarbeit mit dem Reichskirchenausschuß und mit einem eventuellen Landeskirchenausschuß. „Es geschieht, um diesen Männern, die gewiß vom Staat ihren Auftrag haben, aber ihren Dienst als Männer der Kirche tun und im Ernst das Anliegen der Kirche vertreten wollen, den Rücken zu stärken.“ (PNB 4/6) Ende desselben Monats schrieb Lachmund erneut an die Notbundbrüder: „Wir bitten, im Vertrauen zu D. Marahrens und der VKL zu stehen und sich durch die vielfachen, unverantwortlichen Rundbriefe nicht beirren zu lassen.“ (PNB 4/25). Die Aussicht auf einen bevorstehenden Rücktritt der VKL war für den Braunschweiger Bruderrat kirchenpolitisch verhängnisvoll, weil sich seine ständige Aufforderung an Johnsen, sich der VKL zu unterstellen, als falsch und nunmehr überflüssig erweisen würde. Während der 4. Bekenntnissynode in Oeynhausen im Februar 1936 aber trat die gesamte VKL zurück.

Die Situation war für den Braunschweiger Bruderrat schwierig geworden, denn der preußische Reichsbruderrat blieb weiterhin bestehen und bestimmte die zweite Vorläufige Leitung.
Er gedachte auch, sich weiterhin an den Beschluß der Synode von Dahlem III,3 zu halten, die der Reichskirche abgesprochen hatte, noch ev. Kirche zu sein und neue kirchenleitende Organe im Reichsbruderrat, in der Synode und dem Rat der DEK geschaffen hatte. Aber der Abmarsch der Lutheraner aus der Bekennenden Kirche, zu dem sich offensichtlich auch Lachmund rüstete, war lange geplant und wurde in der Braunschweiger Landeskirche in einer für den Pfarrernotbund unvorstellbaren Weise vollzogen. 13 Monate später fanden sich Johnsen und Marahrens vor dem Hochaltar der Martinikirche zusammen und begingen feierlich den Beitritt der Braunschweigischen Landeskirche zum Lutherrat, ein Bild, das Bitterkeit erzeugen würde, hatte Karl v. Schwartz hellseherisch 1934 notiert. (Karl v. Schwartz an Lachmund am 21.2.1935 PNB 3/48) Wie es dazu gekommen ist, soll im nächsten Kapitel geschildert werden. Palmer konnte diese Entwicklung nicht billigen. Er stand auf der Seite derer, die auf die Beseitigung Johnsens aus dem Bischofsamt drängten, weil er nur unter dieser Voraussetzung eine Möglichkeit zur Rückkehr nach Blankenburg sah.


Absage an den Landespredigerverein
Die Entscheidung für die Unterstellunmg des Pfarrernotbundes unter die VKL bedeutete zugleich eine schwerwiegende Entscheidung gegen eine Zusammenarbeit mit dem Landespredigerverein unter der Leitung von Hans Ernesti. Hans Ernesti war seit 1929 Pfarrer in Querum und seir 1935 Propst der Propstei Braunschweig Land. Der im Frühjahr 1933 gewaltsam gleichgeschaltete und daran auseinandergebrochene Landespredigerverein hatte sich seit dem Amtsantritt Johnsens langsam wieder zusammengefunden .Ende 1935 hatte Hans Ernesti an Lachmund geschrieben und angefragt, ob der Pfarrernotbund nicht unter Zurückstellung theologischer Gegensätze sich unter dem Dach des Landespredigervereins wieder einfinden könnte. Schon früher hatten theologische Gegensätze im Landespredigerverein keine dominante Rolle gespielt. Dafür gab es neben dem Landespredigerverein die kirchenpolitischen Gruppierungen. Das Angebot bot die Möglichkeit, die Basis des Pfarrernotbundes zur Mitte hin zu erweitern. Es enthielt auch den Verdacht, nun unter den Fittichen eines „Johnsen-Mannes“ sein Profil in der Mitte zu verlieren. Die Antwort Lachmunds vom 11.12.1935 spiegelt die schweren Verletzungen, die durch die Auseinandersetzungen zwischen den Deutschen Christen und dem Pfarrernotbund in der Pfarrerschaft geschlagen worden waren. Lachmund hielt Ernesti vor, daß die Mehrheit der Pfarrerschaft Beye unterstützt hätte. „Sie haben damit geholfen, die Kirche zu zerstören“.„Woher soll das Vertrauen zu Ihrer Brüderlichkeit kommen? und Ihrem Willen, nicht Altes zu restaurieren, sondern wirklich neues zu bauen, was wir in heißem Kampf gelernt haben, während Sie vorsichtig oder klug in der warmen Stube Ihrer Gemeindearbeit saßen und gelegentlich sagten: Wir wissen von nichts; die Henrren wußten von nichts, als 500 Pfarrer im Gefängnis saßen und 22 im Concentrationslager. War das Klugkeit, Gleichgültigkeit oder was war es sonst? Nicht wahr, Herr Propst Ernesti? Ich apostrophiere Sie nicht persönlich, ich weiss ja nicht, ob Sie nicht mit warmem Herzen an uns gedacht, für uns gewirkt, für die Brüder gebetet haben. Aber ich weiss von anderen, die so standen und sagten, und die nun sagen: alles soll vergeben und vergessen sein, wir machen einen Strich , - und da kann ich nicht mit,denn das ist unwahr.“ (in PNB 3/207 b)
Die Antwort spiegelt das starke Gefühl wider, daß der Pfarrernotbund sich von der Mehrhehit der Pfarrerschaft mißverstanden und verlassen fühlte. Die viel zitierte „Brüderlichkeit“ hätte im entscheidenden Konfliktfall versagt. Mit dieser schroffen Antwort war ein Brückenschlag zur Mitte, wie es der BK in der lutherisch-sächischen Kirche gelungen war, verbaut. Es ist aber auch sehr fraglich, ob kirchenpolitische Entscheidungen, wie sie der Bruderrat erstrebte, mit dem Landespredigerverein möglich gewesen wären. Dieser Gegensatz zwischen der kirchenpolitischen Mitte und der Bekennenden Kirche hielt an, setzte sich nach 1945 fort und findet noch in der Gegenwart ihren Ausdruck, z.B. in der Abhandlung von Klaus Jürgens über Hans Ernesti. (in Pollmann a.a.O. S. 131ff)



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