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[Kirche von unten]

Ottmar Palmer 1873 - 1964

Versuch einer Annäherung und Deutung

2. Kapitel


Die Palästinareise 1912


Mehr beiläufig erwähnt Palmer die mehrmonatige Palästinareise, die er als 39jähriger kurz vor dem 1. Weltkrieg im Rahmen eines wissenschaftlichen Programms gemacht hat. Palmer hat darüber einen besonderen Bericht angekündigt. Dazu ist es entweder nicht mehr gekommen oder der Bericht ist verloren gegangen. Aber es gibt einen mehrteiligen Bericht, den Palmer noch während der Reise für seine Wolfenbüttler Gemeinde schrieb und der im Gemeindebrief veröffentlicht wurde. Außerdem gibt es verstreute Notizen, da Palmer immer wieder auf die Reiseerlebnisse zu sprechen kam.

Palmer hatte schon während seines Studiums in Halle, angeregt durch die Vorlesungen von Prof. Kautzsch, besonderes Interesse für das Gebiet des Alten Testaments gezeigt und sich, wie er sich erinnert, „der damals noch sehr beargwöhnten alttestamentlichen Kritik“ angeschlossen. „Man bekam in seinen, übrigens auch in leicht verständlicher Sprache gehaltenen Vorlesungen (Einleitung, Geschichte Israels, Jesaia) eine tiefen Eindruck davon, wie sich Ehrfurcht vor dem Heiligen und warme Treue zum guten Alten paaren konnte mit großer Gewissenhaftigkeit und unbestechlichem Wahrheitssinn.“

Die Studienreise wurde vom deutschen evangelischen Institut für Altertumswissenschaft des hl. Landes veranstaltet. Das Institut war 1902 unter der Leitung des Professors für Altes Testament Gustav Dalman, Leipzig, gegründet worden und verfolgte den Zweck, „die Beziehungen zwischen den Stätten der heiligen Geschichte und dem Interesse der christlichen Frömmigkeit in der evangelischen Kirche zu pflegen und zu beleben.“ (Palästinajahrbuch Berlin 1913, S. 5). Dazu konnte sich eine kleine, jährlich wechselnde Zahl von Mitgliedern aus allen Landeskirchen beim Institut melden, für eigene Forschungen, die mit einer mehrmonatigen Reise in einer Gruppe durch Palästina verbunden waren. Innerhalb des ersten Jahrzehnts hatten sich aus der Braunschweiger Landeskirche drei Pfarrer gemeldet, 1910 Pastor Palmer aus Wolfenbüttel. Das seit 1905 vom Institut herausgegebene Palästinajahrbuch vereinigte selbständige Arbeiten der jeweiligen Institutsmitglieder, das Jahrbuch 1914 meldet eine eingegangene Arbeit von Palmer „Die evangelische ärztliche Mission in Jerusalem.“ Sie ist im Jahrbuch 1914, S. 115-121 abgedruckt.

Palmer hatte von Januar bis Mai 1912 an der Forschungsreise teilgenommen, und die Gemeinde in einem ersten ausführlichen Bericht („Brief aus Jerusalem“, Gemeindeblatt März 1912, S. 4ff) an der Hinfahrt über die verschneiten Alpen, der Einschiffung in Genua und der Ankunft nach vier Tagen in Alexandrien teilnehmen lassen. „Den fast betäubenden Eindruck zu beschreiben, den das bunte, lärmende Leben bei der Landung in Alexandrien auf den macht, der zum ersten Mal den Orient sieht, würde hier zu weit führen. Eine ganze Völkerkarte könnte man hier studieren, alle Farben vom europäischen Weiß bis zum tiefglänzenden Schwarz der Barbariner und Abessynier sind hier vertreten.. Eine ganze Flut von unverstandenen Lauten umschwirrt einen, und man ist zunächst froh, wenn man sich durch das Gewirr von Hoteldienern, Gepäckträgern und Agenten, ferner durch das Gedränge am Zoll hindurchgearbeitet hat und im Expreßzug nach Kairo sitzt, der einige hundert Schritt vom Kai entfernt zur Abfahrt bereit steht.“ Der ehemalige Landpfarrer und nunmehrige Kleinstädter ist überwältigt.

In Kairo besuchte die Gruppe die Universität El Azhar, mit 10.000 Studenten die größte Stätte der islamischen Gelehrsamkeit. Palmer ist tief beeindruckt und resümiert: die entscheidende Frage nach der Zukunft Afrikas werde nicht lauten, ob Afrika christlich werde, sondern wird es christlich oder mohammedanisch? Das war eine hellsichtige, noch heute realistische Fragestellung. Staunend sieht Palmer nach einem Ritt nach Gizeh die Pyramiden, doppelt so hoch wie der Kirchturm der Wolfenbüttler Marienkirche, wie er für die Gemeinde anmerkt und „wenn man bisher über die Größe des Schöpfergottes in der unbelebten Natur der Wüste gestaunt hat, so bewundert man jetzt den gottgeschaffenen Menschengeist, der schon vor fast fünf Jahrtausenden solche rätselhaften Riesenbauten errichtete.“

„Schneller und bequemer als einst Maria und Joseph mit dem Jesuskindlein gelangten wir von Ägypten nach Palästina“, nämlich mit dem Zug nach Port Said und von dort mit dem Schiff nach Jaffa. „Als wir am Montag (den 29. Januar) früh um ½7 Uhr auf das Deck traten, lag die Küste des heiligen Landes vor uns und über die dunkelblauen Bergkuppen des Gebirges Juda hinweg grüßten uns die ersten Strahlen der aufgehenden Sonne. Vor uns lag Jaffa, nördlich der Karmel und ganz im Hintergrund glänzten in den Strahlen der Morgensonne die schneebedeckten Abhänge des Hermon herüber.“

Palmer ist weit geöffnet für die neuen Eindrücke der befremdlichen Natur und gerät ins Schwärmen, etwa beim Aufstieg zum Ölberg. „Es wird uns bei dem Anstieg unter der heißen Nachmittagssonne schon recht warm, doch erleichtert die dünne, trockene Luft das Steigen. Noch heute stehen am Abhang viele, z.T. alte Ölbäume, die sich mit ihren silbergrauen Blättern der grauen Farbe des Kalksteins, aus dem ja das Gebirge Juda besteht, so gut anpassen. Eben beginnen auch die Feigenbäume mächtig zu treiben und in den Gärten oder an geschützten Stellen der Täler stehen die Mandelbäume in voller Blüte und strömen einen starken Duft aus wie von Bienenhonig und Wachs. Ab und zu machen wir Halt, wenden uns zurück und freuen uns an dem Bilde der Stadt, die in immer größerem Umfang, je höher wir steigen, vor unserm Blick erscheint.“ Später am Abend genießt Palmer noch lange „den ganzen unbeschreiblichen Zauber einer palästinensischen Vollmondnacht. Aller Lärm ist verstummt, alle Hitze vergangen, der silberne Mond wirft seine weichen Schleier über manches, was uns am Tage in und an der Stadt nicht gefiel; schweigsam, träumerisch grüßen uns die Kuppeln, Türme und Mauerzinnen der „hochgebauten Stadt“, alte Gestalten tauchen vor unserem Auge auf, die einst auf diesen Straßen wandelten, Geschichten, die sich hier vor Jahrtausenden begaben, werden lebendig....“

So begeistert Palmer von den landschaftlichen Eindrücken berichtet, so reserviert, fast angewidert ist er nach dem Besuch der sog. Heiligen Stätten. Schonend erzählt Palmer seinen Wolfenbüttler Gemeindemitgliedern von der überaus zweifelhaften Historizität der biblischen Stätten, der Grabeskirche und der Via dolorosa, von dem geschäftigen Betrieb an ihnen und der konfessionellen Zersplittertheit der zahlreichen christlichen Kirchen, die sich an den vermuteten Heiligen Stätten drängeln. Eher interessiert ist Palmer an der gegenwärtigen Lage in Jerusalem; die Minderheitssituation der Mohammedaner ist ihm auffällig, da Palästina zum osmanischen Reich gehört, der Zustrom jüdischer Einwanderer und ihr wachsendes Baugebiet im Gebiet der Jerusalemer Neustadt und die 15.000 Christen - Jerusalem hat 70.000 bis 100.000 Einwohner, von denen die meisten der griechisch-orthodoxen Kirche angehören - verstärkt durch einen Zustrom russischer Pilger.

An jedem Sonnabend ist ein Ausritt in die nähere Umgebung Jerusalems und in der unberührten Landschaft fühlt sich Palmer den biblischen Spuren am nächsten. „Es ist eine Lust, auf der großen Straße dahinzureiten, die von Jerusalem nach Bethlehem und von da weiter südwärts zur alten Abrahamsstadt Hebron führt, eine Lust nicht bloß deshalb, weil diese Straße, was man nicht von allen Straßen in Palästina sagen kann, sich in gutem Zustand befindet und dadurch Roß und Reiter zu manchem scharfen Trab und Galopp veranlaßt, sondern noch mehr, weil sie zu jeder Tageszeit außerordentlich belebt ist in Folge des regen Verkehrs, der sich auf ihr bewegt. Vielleicht war es zu Jesu Zeiten schon ähnlich, denn ungefähr in diesem Zuge muß auch damals die Straße gegangen sein, die seit alter Zeit den Süden Palästinas mit dem Norden verband. Große Karawanen von Kamelen und Eseln begegnen uns häufig, schwer bepackt mit Kisten und Ballen, und streben nach Jerusalem oder weiter nach Norden.“ („Ein Besuch in Bethlehem“ Gemeindebrief 1912, Nr. 4).

Bethlehem hat 11000 fast ausschließlich christliche Einwohner, aber der Besuch der Geburtskirche ist ähnlich enttäuschend wie der in der Grabeskirche. Der Besuch vermittelt ihm „eine dunkle Welt“, in der im Streit zwischen den christlichen Konfessionen „auch schon Blut geflossen ist.“ (in: „Die Weihnachtsstadt“, „Ruf und Rüstung“ 1927, S. 194ff). Kein Mensch könne heute sagen, ob Jesus dort geboren ist, „wir legen auch nicht allzu viel Wert darauf, denken aber um so mehr daran, daß es die Grundforderung unseres evangelischen Christentums ist, daß das Weihnachtskind in unseren Herzen geboren werde.“ Palmer sieht sich an diesen biblischen Orten in seinem kritischen Abstand zur historischen Frage bei den biblischen Texten bestätigt.

Die Studienreise endete mit einer ausgedehnten Zeltreise in den Norden an den See Tiberias und zurück durch das Jordantal nach Jerusalem, die im Jahresbericht des Instituts für das Arbeitsjahr 1911/12 (Palästinajahrbuch 1913, S. 11-66) beschrieben ist.

Nach der Reise hat Palmer unermüdlich in Aufsätzen, Betrachtungen und Lichtbildervorträgen, auch bei Visitationen, von den Eindrücken dieser Reise berichtet. Selbst in der Katastrophenzeit Oktober-Dezember 1918 hielt Palmer an der Planung einer dreiteiligen Vortragsreihe (Palästina, Jerusalem, die Zeltreise) im „Blankenburger Hof“ fest. Beim ersten Vortrag am 17. 10.1918 ging Palmer auch auf die Problematik ein, „daß nun auch die Juden, die alten Bewohner des Landes, ihre Ansprüche anmeldeten“. (Blankenburger Kreisblatt 11.10. und 19.10.1918)

Der 1. Weltkrieg beendete für längere Zeit die Forschungsarbeit vor Ort, die mit den Instituten anderer Staaten vernetzt war, die ebenfalls Forschungseinrichtungen und Institutshäuser in Palästina unterhielten. Prof. Dalman kündigte im August 1914 diese Zusammenarbeit mit einer zeittypischen Erklärung: „Tief betrübt, daß die Britische Regierung mit ihrer Absicht, im Bündnisse mit Barbaren und Götzendienern die deutsche Kulturarbeit in der Welt zu zerstören oder an sich zu bringen und mit ihrem Feldzuge falschen Zeugnisses gegen unseren Nationalcharakter jedes wissenschaftliche und auch religiöse Zusammenwirken zwischen Deutschen und Briten auf unabsehbare Zeit unmöglich macht und dadurch auch meine 25jährigen persönlichen Bemühungen für gegenseitige Verständigung vernichtet, ziehe ich meinen Namen aus der Liste der Mitglieder des Allgemeinen Komitees des Palestine Exploration Fund in London zurück. August 1914 - Dalman“ (Palästinajahrbuch 1914).

Palmer hat den Eindruck, daß die Kriegsfolgen dem Land Palästina, das unter britische Verwaltung gestellt wurde, eher gut getan haben. „Es ist vieles anders geworden im heiligen Land, seit ich zwei Jahre vor dem Krieg drei Monate lang dort viel sehen und lernen durfte. Die Kriegsstürme sind – wieder einmal, wie so oft – über das Land dahingefegt, sie haben viel hinweggefegt, haben auch vieles gebracht, das dem Lande zum Segen gereicht. Die englische Verwaltung hat, wo einst türkischer Schlendrian herrschte, ein wohlausgebautes Eisenbahnnetz, gutgepflegte Straßen, Wasserleitung (!) in Jerusalem und allerdings auch einen riesig vermehrten Touristenverkehr gebracht. Man lese einmal D. Schnellers Berichte über „Gethsemane“ am Gründonnerstag-Abend, mit 80 vor den Mauern wartenden Autos! Ich habe das dankbare Gefühl: „Wie gut, daß ich das alte Palästina sah.“ („Ruf und Rüstung“ 1927, S. 194).



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