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[Kirche von unten]

Ottmar Palmer 1873 - 1964

Versuch einer Annäherung und Deutung

20. Kapitel


Das Blatt des Pfarrernotbundes „Ruf und Rüstung“ und die Beiträge Palmers


„Ruf und Rüstung“ gab es seit 1927 als Nachfolgeblatt der Ev.-Luth. Wochenblätter. Es war die Zeitschrift der lutherischen Rechten in der Landeskirche, die sich in der Ev.- luth. Vereinigung sammelte, und wurde von Domprediger v. Schwartz und Heinrich Lachmund herausgegeben. Lachmund hatte bereits vorher die Wochenblätter redigiert. „Ruf und Rüstung“ wurde von der Verlagsbuchhandlung Hellmuth Wollermann am Bohlweg in Braunschweig besorgt, und von der Waisenhausbuchdruckerei gedruckt und erschien in einer Auflage von 700-800, später sank die Auflage auf 500-600 Exemplare, im Krieg unter 500. Mit 40 Pf war es erschwinglich, aber kaum finanzierbar. Es erhielt keine Zuschüsse, sondern wurde ehrenamtlich betrieben und von unbekannt noch gesponsert. Im Jahreshaushalt der Blankenburger Bekenntnisgemeinde waren 200.—RM für „Ruf und Rüstung“ eingestellt.

„Ruf und Rüstung“ begann meist mit einer Predigt, enthielt kleinere theologische Aufsätze aus der Pfarrerschaft vor allem für den theologisch interessierten Laien geschrieben, die die Mehrheit der Leserschaft bildete, Kommentare zum kirchlichen Zeitgeschehen, schließlich umfangreiche Bücherhinweise und eine kirchliche Umschau, einen Blick in das regionale und reichsweite aktuelle Geschehen, die sich Lachmund vorbehielt.

„Ruf und Rüstung“ erschien auch nach 1933 noch weiter. Die deutsch-christliche Kirchenleitung hatte im Herbst 1933 den Herausgebern den Vorschlag gemacht, das Blatt kirchenamtlich zu übernehmen, aber das war eine Schnapsidee. Die Suspendierung von Lachmund und v. Schwartz im Januar 1934 sollte möglicherweise auch das Blatt treffen, und beide verzichteten 1934 auf die Herausgeberschaft, schrieben aber trotzdem weiter. Nunmehr wurde „Ruf und Rüstung“ „unter Mitwirkung Gleichgesinnter herausgegeben von Oberregierungsrat i.R. Dr. phil. Karl Bode, Braunschweig“, der bis zum Frühjahr 1933 Chefstenograf des Braunschweiger Landtages gewesen und nach dessen Auflösung arbeitslos geworden war. Ab Mai 1935 zeichneten wieder v. Schwartz und Lachmund bis zur letzten Ausgabe im Mai 1941 als Herausgeber, nach dem Impressum v. Schwartz als verantwortlicher Schriftleiter, Lachmund verantwortlich für die Umschau. „Ruf und Rüstung“ wurde zum Blatt der Bekennenden Kirche in der kleinen Braunschweiger Landeskirche, und stellte eine Besonderheit innerhalb der Landeskirchen in Deutschland dar.

Zum zehnjährigen Bestehen von Ruf und Rüstung im Jahre 1936 beschrieb Lachmund noch einmal den Ausgangspunkt, der unverändert aktuell geblieben war. „Die Besinnung auf Luther, und die biblischen und bekenntnismäßigen Grundlagen unserer Kirche, die Lebendigmachung der Gemeinden mit dem Wort, das sind heute die Anliegen der bekennenden Kirche. Wir ahnten damals nichts von den verheerenden Stürmen, die über unsere Kirche hereinbrechen würden, aber wir sahen damals schon die Gefahren, die ihr von der Christuslosigkeit weitester Kreise her drohten, wir gaben Sturmwarnungen aus und versuchten Deiche aufzuwerfen, um den Sturmfluten zu wehren. Die ungeschützte Kirche ist dann vor drei Jahren von den entfesselten Fluten haushoch überschwemmt, aber das Wasser ist im Ablaufen, und wir hatten bald wieder trockenes Land, das wir bestellen konnten. Unser Blatt hat die Stürme und Fluten überdauert.“

Allerdings bedauerte Lachmund, daß sich die jüngeren Kollegen mit Beiträgen zurückhielten. Es wurde gedruckt, was an Beiträgen bei Lachmund oder v. Schwartz zusammenlief. So wirken die einzelnen Ausgaben inhaltlich eher zufällig


Die Verfasser
In dem Zeitraum von 1933-1939 lieferten 36 Pfarrer und 6 Laien der Landeskirche Artikel für „Ruf und Rüstung“. Dazu kamen ganz wenige Nachdrucke von auswärtigen Theologen wie Pfr. Hans Asmussen, Pfr. Hanns Lilje, Bischof August Marahrens, OKR Pressel. Es war also ein weitaus pastorendominiertes Blatt und es waren auch ihre Themen, die im Vordergrund standen. Von den 36 Pfarrern gehörten 24 zum Pfarrernotbund, alle sechs Laien gehörten zur Bekennenden Kirche: Gisela Althaus, Dagmar v. Hoerschelmann, Karl Bode, W. Maus, August Fink, Friederich Koldewey. Die tragende Säule von „Ruf und Rüstung“ war der frühere Domprediger Karl v. Schwartz mit 53 Artikeln, dazu der regelmäßig versorgten Spalte „Was die andern sagen“. Es folgten Heinrich Lachmund mit 11 Beiträgen und der regelmäßigen, mehrseitigen Kolumne „kirchliche Umschau“, Ottmar Palmer 10, Julius Seebaß 8, Paul Barg 7, Karl Adolf v. Schwartz 6, Gustav Wurr 5 Beiträge. Alle anderen wie Heinrich Kammerer, Friedrich Dosse, Karl Helmer, Rudolf Brinckmeier, Hans Eduard Seebaß, Georg Seebaß, Gerhard Stosch, Herbert Padel, Alexander Rothermel, Hermann Wicke, Alexander Rohlfs, Albert Querfurth waren vereinzelt mit ein bis drei Beiträgen vertreten. Allerdings beteiligten sich alle an den ausgiebigen Buchbesprechungen. Die Vielzahl der Besprechungen ist ein Hinweis, daß die evangelische Kirche im Dritten Reich weder im subversiven Untergrund noch im ausschließlichen Widerstand lebte, sondern es gab zwischen 1933 und 1939 eine erhebliche Bücherproduktion und Buchpublizität. Allein in „Ruf und Rüstung“ wurden im Jahre 1935 65 Buchneuerscheinungen ausführlich rezensiert und auf 42 Bücher oder Zeitschriften hingewiesen, im Jahre 1938 wurden 53 neue Bücher besprochen und auf 43 hingewiesen.


Aktualität
Die Brisanz erhielten die jeweiligen Ausgaben durch die persönlich gefärbten Informationen in der „Kirchlichen Umschau“, die überwiegend und weit über den Bereich der Landeskirche hinausgingen und unter denen Lachmund manche Kritik verstecken konnte.
Anders als „die Bergkirche“, deren November- und Dezembernummern 1933 verboten worden waren, blieb „Ruf und Rüstung“ von der Polizei unbehelligt, unterwarf sich aber begreiflicherweise einer Selbstzensur. Lachmund fand es in dieser Zeit mit vielen anderen Redakteuren klüger, sich selbst zu zensieren als sich einer fremden Zensur zu unterwerfen. Unter dieser Voraussetzung sind alle Artikel ab 1933 zu lesen, was bei der Lektüre einen besonderen Reiz ausmachte und ausmacht.

Trotz dieser Selbstbeschränkung berichtete „Ruf und Rüstung“ über alle wesentlichen Ereignisse der Bekennenden Kirche, die in der Tagespresse unterdrückt wurden und die auch im Braunschweiger Volksblatt, dem von der Inneren Mission herausgegebenen Gemeindeblatt, weniger Beachtung fanden.
„Über die evangelischen Landeskirchen geht eine Sturzwelle von Amtsenthebungen, Beurlaubungen, Versetzungen in den Ruhestand. An Namen seien nur der Führer des Pfarrernotbundes, Pastor Niemöller in Berlin-Dahlem, der frühere Unterseebootkommandant, und Pastor Asmussen, bekannt durch das Altonaer Bekenntnis, genannt. Landesbischof D. Schöffel in Hamburg ist, mit einer Anzahl Pröpste, zurückgetreten, ihn ersetzt der Hamburger Gauobmann der Deutschen Christen. Hessen, Bremen, Thüringen haben gleichfalls neue Landesbischöfe aus den Reihen der Deutschen Christen erhalten. Auf einer Versammlung der Deutschen Christen in Berlin in dem kirchengeschichtlich berühmt gewordenen Sportpalast, hat der Reichsbischof seine Braunschweiger Ausführungen in der abgeänderten Form wiederholt, daß die Gemeinden die reaktionären Pfarrer „mit elementarer Gewalt hinwegfegen“ würden.“ (März 1934 S. 46). Nach der Ausschaltung der Linkspresse und der Gleichschaltung der bürgerlichen Presse war die Schilderung derlei kontroverser Vorgänge auffällig.

Die Umschau vom April 1934 beschäftigte sich ausgiebig mit der Freien evangelischen Synode im Rheinland vom 19. Februar und mit der Westfälischen Bekenntnissynode am 16. März, die von der Gestapo aufgelöst worden war und trotzdem erneut zusammentrat. Sie dokumentierte die Kundgebung der Westfälischen Bekenntnissynode an die Gemeinden im Wortlaut. (RuR 1934 S. 61 f „Kundgebung der Westfälischen Bekenntnissynode“) und berichtete von dem Gemeindetag „Unter dem Wort’“ in der Dortmunder Westfalenhalle am 18. März mit 25 000 Teilnehmern. Am 22. April 1934 hatte im Ulmer Münster eine große Protestkundgebung stattgefunden, an der sich die bayerische und württembergische Landeskirche, Abgeordnete von reformierten und unierten Synoden beteiligt hatten. Diese Versammlung erklärte sich „als die rechtmäßige evangelische Kirche Deutschlands“ und bot nach der Wahl vom Juli 1933 das erste öffentliche organisierte Gegengewicht zu der deutsch-christlichen Reichskirchenregierung. Lachmund informierte über den Hergang und die Vorgeschichte der Ulmer Kundgebung. (RuR 1934 S. 75 f „Ulm“). Schon in der Juninummer 1934 berichteten Lachmund und Bode auf sieben Seiten aus eigenem Erleben begeistert von der Barmer Bekenntnissynode Ende Mai, druckten zahlreiche Texte aus Predigten und Vorträgen ab und legten den Wortlaut mit den sechs Thesen der Barmer Erklärung als loses Blatt bei (RuR 1934 S. 88 ff ).

In der Märznummer 1935 wurde die Vereinbarung der hannoverschen, bayerischen und württembergischen Landeskirchen zu verstärkter Zusammenarbeit in rechtlichen und geistlichen Fragen veröffentlicht. (RuR 1935 S 41 f). Das bedeutete eine Abwendung von der Kirchenpolitik der preußischen Bruderräte, die unter Niemöllers Einfluß den Lutheranern als zu radikal galt. Als beide Flügel in der 3. Bekenntnissynode in Augsburg im Juni 1935 wieder zusammenfanden, veröffentlichte Lachmund auf sechs Seiten der Juliausgabe von „Ruf und Rüstung“ eine Einleitung und dokumentierte das auf der Synode verabschiedete Wort an die Kirchengemeinden. (RuR 1935 S. 97 ff). Hans Eduard Seebaß besuchte mit Lachmund die letzte Bekenntnissynode in Oeynhausen im Februar 1936, auf der sich die Lutheraner von den preußischen Bruderräten trennten, weil sie keine einheitliche Stellungnahme zum vom Reichsminister für die kirchlichen Angelegenheiten einberufenen Reichskirchenausschuß finden konnten. Der Reichsbruderrat lehnte ihn ab, die lutherischen Bischöfe wünschten eine Zusammenarbeit. Seebaß traute sich nicht, den Konflikt zu benennen und schrieb einen knappen beschönigenden Bericht (RuR 1936 S. 23). Erst in der Umschau der folgenden Nummer nannte Lachmund die aufgetretenen Differenzen. (RuR 1936 S. 45) und veröffentlichte in der Aprilnummer eine dreiseitige Stellungnahme von OKR Breit. Breit sprach offen über „die tiefen Spannungen und Gegensätze, die innerhalb der Bekennenden Kirche in gefährlicher Schärfe hervorgetreten sind.“ (RuR 1936 S.56 f)


Auseinandersetzung mit den Deutschen Christen
„Ruf und Rüstung“ berichtete aber auch vom Kirchenkampf gegen die Deutschen Christen und die deutsch-christliche Kirchenleitung auf regionaler Ebene:
Eine sehr deutliche Kritik an den Maßnahmen der Kirchenleitung durch Beye, Breust und Schlott veröffentlichte Karl Bode im März 1934 unter der Überschrift „Ein Abschnitt in unserer Kirchengeschichte“ (S. 40ff). Er kommentiert darin den Prozeß gegen Bischof Beye, am Sonntag Lätare, dem 10./11. März vor dem Braunschweiger Landgericht, und betonte darin, daß der Freispruch nur mangels ausreichender Beweise erfolgt wäre. „In beklemmender Fülle zählt die Urteilsbegründung die belastenden Tatsachen auf, von denen es einzelne „außerordentlich gravierend“ nennt. Die kurzen Ausführungen über entlastende Erwägungen schlossen damit, daß das Gericht „im Hinblick auf die Persönlichkeit des Angeklagten“ „sich nicht habe entschließen können, ihn schuldig zu sprechen.“

Bode deutete den Prozeß als ein scharfes Urteil über die Vorkommnisse in der Landeskirche seit Sommer 1933 und zählte diese auf:
„Bei der Berufung des neuen Landesbischofs, bei der Einsetzung von Kreispfarrern ist Erprobtheit im Pflichtenkampfe des Pfarramtes nicht die erste Bedingung gewesen... Man hat Gemeinden, die Aufbauzellen der Kirche, zerstört. In Zeiten nationaler Erniedrigung furchtlos bewährte Pfarrer erwiesener sozialer Tatgesinnung hat man entfernt. Die Fälle Lachmund, v. Schwartz, Palmer sind in besonders schmerzender Erinnerung. Wir haben von den obersten Stellen unserer Landeskirche eine mit dem Bekenntnis unvereinbare Verkündigung hören müssen und bestimmte Leitsätze zu verlesen ist auch denen aufgezwungen worden, denen sie das Gewissen belastete.“
Diese Kritik hatte mit dem Urteil nichts mehr zu tun, sondern Karl Bode benutzte die Gelegenheit zu einer Generalabrechnung mit der deutsch-christlichen Kirchenleitung. Das war nicht ungefährlich, denn OKR Schlott und vor allem OKR Dr. Breust waren in der Kirchenleitung tätig.

Lachmund lehnte eindeutig die Eingliederung der Braunschweiger Landeskirche im Juni 1934 als „Aufsaugung und Herstellung einer Reichskirche mit absoluter Diktatur“ ab.
In Hunderten von Gemeinden seien durch Pensionierung oder Versetzung von Pfarrern schwere Unruhe entstanden. (Juni 1934 S. 95)

Verstreut kündigte „Ruf und Rüstung“ auch Veranstaltungen der Bekennenden Kirche oder der Lutherischen Vereinigung in der Stadt Braunschweig an, deren Leiter Karl v. Schwartz war, insbesondere wenn ein auswärtiger Referent die Bekenntnisgemeinde besuchte.


Stabile Leserschaft
Es bleibt erstaunlich, daß „Ruf und Rüstung“ trotz der mangelnden finanziellen Basis auch in den folgenden Jahren erhalten blieb. Für die kleine Redaktion, die schrumpfende Leserschaft und den Verlag Wollermann und Bodenstab am Bohlweg, in dem grundsätzlich der Hitlergruß mit Guten Tag erwidert wurde, war es nicht einfach, die Zeitschrift weiterzuführen. Im Vorwort für den Jahrgang 1938 schrieb Lachmund: „In der Fülle der Blätter, die um die Gunst der „kirchlich interessierten“ Menschen werben, ist unser „Ruf und Rüstung“ ein verwehtes Blättchen, nur ein kleines unbedeutendes Stück, das kaum Beachtung findet. Wer weiß, ob es im neuen Jahr noch Lebensdauer aufbringt. Aber wir hissen doch mutig die Segel zu neuer Fahrt, denn wir meinen an unserm Teile in unserm kleinen Kreise mithelfen zu sollen am Neubau der Kirche und bilden uns ein, daß es ein paar Menschen auch außer den Herausgebern gibt, die es bedauern würden, wenn wir nicht mehr allmonatlich erschienen. Wir meinen noch einen Ruf zu haben, unsern „Ruf“ ausgehn zu lassen...“ 1937 waren 625 Stück monatlich gedruckt worden. Ende 1938 waren es 592. Das war für die kleinräumigen Verhältnisse der Braunschweiger Landeskirche immer noch eine bemerkenswerte Zahl. Daneben erschienen für die Mitglieder des Landespredigervereins auch noch die Amtsbrüderlichen Mitteilungen des Landespredigervereins und vor allem das Braunschweigische Volksblatt, seit 1936 unter der Herausgeberschaft des 40jährigen Reinhard Herdieckerhoff, der Mitglied der Sydower Bruderschaft und der Bekennenden Kirche war. Es fehlte ein konträres deutsch-christliches Blatt, an dem sich „Ruf und Rüstung“ als Blatt des Pfarrernotbundes reiben konnte. Es war der Kern der Lutherischen Vereinigung und die Mitglieder des Pfarrernotbundes, die „Ruf und Rüstung“ die Treue hielten.
Es war aber auch die kirchenpolitische Entwicklung, die immer neuen Stoff bot.


Der Jahrgang 1938
Ich stelle den Jahrgang 1938 ausführlicher vor, weil er der letzte ohne kriegsbedingte Beschränkungen war.

Im Jahrgang 1938 wurden aktuelle Fragen angesprochen, die bereits in der Themenstellung deutlich wurden: E.H. Kammerer „Fürbitte für Staat und Kirche im Kirchengebet?“(S.17 ff), Barg: „Zerstört die Kirche die Volksgemeinschaft?“ (S.80 ff) und „Ist das Christentum artgemäß?“( S.109 ff), lic .v. Schwartz „Weltanschauung und Offenbarung” (S.150f), Heinrich Lachmund „Hat Lagarde unserer Zeit etwas zu sagen?“ (S. 50 ff und 62 ff). Es wurde aber auch eine heftige Kontroverse über den Pfarrerdienst in einer entkirchlichten Harzgemeinde zwischen dem jungen Pfarrer Wilhelm Hobom und Paul Barg geführt, zu dem sich sogar ein sog. Laie äußerte.

Die Januarausgabe wurde mit einer Predigt von Propst v. Schwartz über Phil 1,3-11 eröffnet, den Paulus aus der Gefangenschaft an die Gemeinde in Philippi geschrieben hatte, ein Brief „vom Danken über die Gemeinschaft am Evangelium und die Treue Gottes“. Schon in der Einleitung aktualisiert v. Schwartz die Situation: „Für die Gemeinde in Philippi war natürlich die Tatsache der Gefangenschaft ihres Apostels etwas sehr Peinliches und Bedrückendes. Wer gehört gern einer Gemeinschaft an, deren Führer unter der Anklage des Hochverrats in Haft ist! Wie mag die Gemeinde aufgehorcht haben, als zum ersten Mal dieser Brief in der Gemeindeversammlung verlesen wurde! So spricht also unser Text durchaus in unsre Lage herein – ich erinnere an das Verhaftetsein Niemöllers und zahlreicher anderer Pfarrer – und wir wollen uns von ihm sagen lassen, was der Gemeinde zu allen Zeiten bleibt: Gottes Gnade – im Blick auf sie kann sie fröhlich danken, und Gottes Treue – im Aufblick zu ihr kann sie getrost bitten.“

v. Schwartz hat diese Predigt an seiner Predigtstätte in der Brüdernkirche gehalten. Noch mehr Publizität erhielt sie durch ihre Veröffentlichung in „Ruf und Rüstung“ Indem v. Schwartz den aktuellen Bezug zu der, wie er in einer Anmerkung notierte, seit 1. Juli 1937 erfolgten Verhaftung Niemöllers herstellte und also für den Zuhörer den gefangenen Niemöller mit dem gefangenen Paulus verglich, enthob er den Gottesdienstbesucher der Neugier: was wird v. Schwartz heute wieder gegen die Deutschen Christen oder die Nazis sagen? Die Predigt bewegte sich in zitatreichen Wendungen aus Katechismus und Bibel, um als Beispiel für die „Gemeinschaft am Evangelium“ die dankbaren Äußerungen von zur Zwangsarbeit deportierten lutherischen Baltendeutschen zu nennen, die für die Liebesgabenpakete mit Nahrungsmitteln und Kleidung dankten.
Diese Situation kontrastierte mit der im Reich, in deren Schilderung der Prediger seine Kritik unterbringt: „Wie dankbar dürfen wir sein, daß wir noch hier im Gotteshaus uns der Gemeinschaft am Evangelium freuen dürfen, daß man bei uns nicht Bibeln, Gesangbücher, Gebetbücher und Agenden als „schädliche Literatur“ einstampft, um das Papier anders zu verwenden. Wie dürfen wir uns freuen, daß es trotz Bemühungen, den christlichen Glauben durch Spott, durch geflissentliche Verbreitung verzerrter Vorstellungen von ihm, in Deutschland noch eine Gemeinde solcher gibt, denen der große Trost und die Freude ihres Lebens ist, sich der Gnade teilhaftig zu wissen......gewiß denken wir mit Schmerz daran, daß unserer Jugend der Weg zu dieser Gnade so schwer gemacht wird, und es ist uns leid, daß so viele Pfarrer mit Gefängnis, Redeverbot oder Ausweisungen belegt sind. Wir beten für sie, daß ihnen Gott die Standhaftigkeit gebe und erhalte, auch so das Evangelium zu verantworten und zu bekräftigen, wie Paulus in unserm Text schreibt, daß es „zur Förderung des Evangeliums gerate und viele Brüder aus seinen Banden Zuversicht gewonnen habe... Auch in der Trübsal bleibt der Gemeinde Christi die Gnade Gottes – dafür kann sie ihn fröhlich loben.“
Der Abdruck der Predigt ist eine Ermutigung für die lesenden Pfarrerschaft, ähnlich konkret einen biblischen Text in den nicht überall rosigen kirchenpolitischen Alltag hineinzustellen und trotzdem die biblische Botschaft von Dank und Treue im Zentrum zu belassen. Die Predigt hatte die Überschrift „Was uns bleibt.“

Die Tatsache der sonntäglichen Fürbitte für die inhaftierten Mitglieder der Bekennenden Kirche wurde geradezu zum Kennzeichen, ob die versammelte Gemeinde sich zur Bekennenden Kirche zählte oder nicht. Der 28jährige Pfarrer Ernst Heinrich Kammerer, Mitglied des Pfarrernotbundes und seit 1936 in der Gemeinde Hohegeiß, schrieb dazu einen beachtlichen fünfseitigen Artikel in der Februarausgabe, der betont auf die ersten Seiten gerückt und für den das übliche geistliche Wort zu Beginn geopfert wurde. Kammerer untersuchte den biblischen Befund und kam zum Ergebnis, daß die christliche Gemeinde immer schon Fürbitte für Staat und Kirche geleistete habe „in dem Bewußtsein, damit Gottes Willen zu tun, und daß der Inhalt dieser Fürbitte war, daß in Staat und Kirche Gottes Wille geschehe“. In einer kleinen Anmerkung versteckte Kammerer das nach 1945 viel diskutierte Problem, daß die Offenbarung Johannes allerdings einen Staat kenne, für den man nicht beten könne. Die Identifizierung des nationalsozialistischen Staates mit dem „Tier aus dem Abgrund“ kam 1938 für die Kirche nicht in Betracht. In einem zweiten historischen Teil wies Kammerer nach, daß die Fürbitte zu allen Zeiten geübt worden ist und nicht Mittel zum Zweck wäre „sondern Selbstzweck, weil es nichts Größeres gibt als den Verkehr des Menschen mit Gott.“
Hinsichtlich der Fürbitte war die Frage entstanden, ob die Nennung von Führer, Volk und Vaterland samt allen militärischen Gattungen im Fürbittgebet nicht eine Rechtfertigung nationalsozialistischer Politik wäre. Kammerer kommt zu der klaren Aussage, daß Fürbitte für Führer, Volk, Wehrmacht Bestandteil des Gottesdienstes sind. „Der Inhalt solcher Fürbitte kann kein anderer sein, als der, daß Gottes Wille geschehe, d.h. daß der Staat sein ihm von Gott aufgetragenes Amt nach Gottes Willen versehe...Solches Fürbittegebet hat also z.B. nicht den Zweck, irgendein Urteil über die Handlungen oder Personen des Staates abzugeben. Wer ein Fürbittegebet für den Staat so verstände, als ob darin irgendeine positive oder negative Ansicht über den konkreten Staat ausgesprochen werden sollte, versteht es nicht aus dem Wesen der Fürbitte einer Christengemeinde heraus.“
Das bedeutete indes keineswegs, daß nicht konkret gebetet werden dürfe. Im Hinblick auf das Fürbittgebet für die Kirche wäre es „z.B. einfach ganz selbstverständlich, daß, solange Pfarrer der Deutschen Evangelischen Kirche verhaftet sind, dieser im Gebet der Gemeinde fürbittend gedacht wird. Damit wird gar nichts darüber ausgesagt, ob die Pfarrer zu Recht oder Unrecht verhaftet sind....... Es ist auch hier so: Die Fürbitte hat ihren Sinn und Zweck in sich selbst, als Ausdruck der Gemeinschaft mit Gott, hat also nicht den Zweck, irgendeine Meinung zu den bestehenden Tatbeständen zu äußern.“

Es ist mir fraglich, ob diese tiefgehende Erkenntnis des jungen Pfarrers von den andern Brüdern des Pfarrernotbundes geteilt und im sonntäglichen Gottesdienst mit Namensnennung gebetet worden ist. Die zentrale Leitung des Pfarrernotbundes verschickte sog. Fürbittlisten mit den Namen von Gemeindemitgliedern. Ab 1939 befand sich z. B. der Name des ins Konzentrationslager verbrachten Pfarrers Buttler in einer solchen Liste. Es bleibt die Frage, ob ein Gebet etwa am Sonntag nach der Progromnacht noch im selben Jahr 1938, abgerückt von den verbrecherischen Ereignissen so formuliert sein konnte, daß in allem, was staatlicherseits passieren sollte, Gottes Wille geschehen möge, wo es auf der Hand lag, daß Gottes Wille mißachtet worden war.

Karl Adolf v. Schwartz gehörte wie Kammerer zu den Jungen des Pfarrernotbundes und lieferte eine Inhaltswiedergabe eines von Helmut Thielecke gerade erschienenen Buches „Kritik der natürlichen Religion“ unter der Überschrift „Weltanschauung und Offenbarung“. (S.150 f) v. Schwartz war 31 Jahre und seit 1933 Pfarrer in der Dorfgemeinde Eilum. Er behandelte die seinerzeit viel erörterte Frage, ob es eine Offenbarung Gottes auch in Natur und Geschichte gäbe. So hatte z.B. Paul Althaus den 30. Januar als Stunde Gottes bezeichnet. Sehr beliebt war in deutsch-christlichen Kreisen die Anschauung, von einer christlich angehauchten Weltanschauung zur Offenbarung Gottes zu gelangen, denn in beiden, in Weltanschauung und Offenbarung, ginge es um Gott, und das eine wäre als Vorstufe für das andere zu verstehen. Diese Konstruktion lehnte Helmut Thielecke ab. Gott tut sich zwar in Geschichte und Natur kund, aber der Mensch erkenne dadurch noch nicht den Schöpfer, bleibe beim Geschaffenen stehen und mache es zu seinem Gott, zum Götzen. Erst wo ein Mensch Gott betend und lobend anerkenne, könne er ihn auch erkennen. „Die Offenbarung ist nicht einfach die Antwort auf die Frage des Menschen „Wo ist Gott?“, sondern da trifft mich die Frage Gottes: „Mensch, wo bist du?“
Es gab also auch zeitgemäße, grundsätzliche theologische Neubesinnung in „Ruf und Rüstung“.

Heinrich Lachmund veröffentlichte 1938 einen zweiteiligen Artikel über „Paul de Lagarde – hat er unserer Zeit etwas zu sagen?“ (RuR 1938 Teil 1 50ff; Teil 2 S. 62 ff) De Lagarde war ein von der Deutschen Glaubensbewegung und vom Chefpropagandisten des Nationalsozialismus Alfred Rosenberg gegen die Kirche viel zitierter Theologe. Lachmund beschäftigte sich eingehend mit Leben und Werk de Lagardes, um ihn der nationalsozialistischen Argumentation gegen die Kirche zu entreißen. Im ersten, biografischen Teil schilderte Lachmund de Lagarde, gebürtiger Familienname Paul Böttcher (1827- 1892) als auf sehr vielen Fachgebieten und in zwölf alten Sprachen bewanderten Gelehrten, der 23 Jahre eine Professur für Theologie in Göttingen innehatte, sich in den griechischen Urtext vertiefte und aus profunden Kenntnissen zu völliger Ablehnung des Alten Testaments, Paulus und der Reformation kam. In Göttingen wurde er Gegenspieler Albrecht Ritschls, verlor aber bald den Kontakt zu den Kollegen an der Universität und wurde wegen seiner exzentrischen Thesen nicht mehr ernst genommen. „Ein ehrlicher und leidenschaftlicher Kämpfer, ein unermüdlicher, oft allzu kühner Forscher, ein Mann von umfassender Gelehrsamkeit, der gleichzeitig für die Fragen des Tages ein heißes Herz sich bewahrte, der über Vorderasien sein deutsches Vaterland nicht vergaß, das war Paul de Lagarde, den seine Zeit- und Fachgenossen gewiß nicht verstanden haben, er hat es ihnen aber auch recht schwer gemacht.“ Lachmund will Lagarde Gerechtigkeit widerfahren lassen und sympathisiert mit seiner Person.
Im zweiten Teil beschrieb Lachmund, wie Lagarde in der Verschmelzung des Nationalen mit dem Christlichen die Religion der Zukunft sah, schroff antidemokratisch gesonnen und ein glühender Antisemit war. Aber Lachmund versucht auch hier eine Brücke zu schlagen: „Dabei muß man aber allen Ernstes erst einmal sagen, daß Lagarde, der hervorragende Kenner der Geschichte des jüdischen Volkes, bei aller leidenschaftlichen Bekämpfung des heutigen Judentums, sich den Blick für das Wertvolle im älteren Judentum bewahrt hat, und daß er die Tragik gefühlt hat, die über dem Judentum liegt.“
Dann führte Lachmund einige haarsträubende Zitate Lagardes heran, ohne sich von ihnen strikt zu distanzieren. Wie sollten die Leser von RuR im Mai 1938 diese Zitatserie verstehen: “Es gehört ein Herz von der Härte der Krokodilshaut dazu, um mit den armen ausgesogenen Deutschen nicht Mitleid zu empfinden und – was dasselbe ist – um die Juden nicht zu hassen, um diejenigen nicht zu hassen, die aus Humanität diesen Juden das Wort reden oder die zu feige sind, dieses wuchernde Ungeziefer zu zertreten“ „Entweder müssen sie auswandern oder – Deutsche werden.“ „Fort müssen sie“. „Israels Tod ist Wohltat und Gedeihen für uns, ist Leben für den einzelnen Israeliten.“
Die Schuld läge nicht nur bei den Juden, sondern auch bei den Europäern. Dann fährt Lachmund fort: „Wir sehen, welche ruhige Betrachtung neben dem leidenschaftlichen Kampfe bei Lagarde möglich ist. So könnten eine Fülle verschiedenster Urteile noch zitiert werden, die den Antisemiten, der zugleich ein Kenner des Judenproblems ist, kennzeichnen. Schmerzlich zu sagen, daß für Lagarde gleich neben dem Judentum der Protestantismus als hassenswert stand, allerdings der liberale Protestantismus, den er verabscheute, nach dem er aber die ganz evangelische Kirche beurteilte.“ Am Ende des Artikels sprach Lachmund die Empfehlung aus, im Herzen solle er uns bleiben als ein echter Deutscher.

Der Versuch Lachmunds, einen exzentrischen Theologen zu verstehen, endete bei einer aus biblischer Sicht völlig untragbaren Hinnahme eines vernichtenden Antisemitismus. Auf dem Büchertisch dieser Maiausgabe empfahl v. Schwartz die Lektüre von zwei dünnen Broschüren nämlich von Bülck „Christentum und Deutschtum“ und von Frischmut „Houston Stewart Chamberlain als Christ“. Es werde deutlich, daß die heute aus seinem Schrifttum gern ausgeführten Gedanken bei ihm durchaus von nebensächlicher Bedeutung wären und die eigentliche Absicht dahin ginge, das deutsche Volk zu Jesus als dem Mittler zwischen Gott und Menschen zu führen. Es wäre unverständlich, daß sich Gegner des Christentums auf Chamberlain berufen könnten. v. Schwartz verfolgte offenbar dieselbe Linie wie Lachmund, und versuchte, literarische Kronzeugen des Nationalsozialismus gegen die Kirche zu entschärfen.

In der Juli Nummer 1938 gab Pfr. Lipsius einen Vortrag mit dem Thema „Die Lösung der jungen Christengemeinde vom Judentum“ von Pastor Kunze, Bothfeld, wieder, den dieser vor der Ev.-luth. Vereinigung gehalten hatte. (RuR 1938 S. 98ff) Er schilderte die wachsenden religionsgeschichtlichen Unterschiede zwischen der christlichen und der jüdischen Gemeinde, das Entstehen eines eigenen Kirchenjahres und eines eigenen Kultus. „Die Zerstörung Jerusalems hat keine Wirkung auf die Christengemeinde hervorgebracht. Der Zusammenbruch dessen, wovon man sich gelöst hatte, brachte keine Erschütterung mehr – so vollkommen war die Loslösung.“

Beide Aufsätze machen deutlich, wie es zur Erstarrung und Bewegungslosigkeit von Pfarrern gekommen ist, als wenige Monate später die Synagogen und die verbliebenen jüdischen Geschäfte im Braunschweiger Land zerstört und verbrannt und die Juden vor aller Augen deportiert wurden. „...brachte keine Erschütterung mehr vor“ klingt wie ein vorweggenommenes Schlüsselwort zum heutigen Verständnis der damaligen Haltung der Pfarrerschaft. Auch den Herausgebern von „Ruf und Rüstung“ war die Progromnacht, sonst Meister des verschlüsselten Wortes, keine Andeutung wert.


Die Beiträge Palmers
Ottmar Palmer gehörte zu denen, die sich häufiger zu Worte meldeten. Der Jahrgang 1936 enthielt vier bemerkenswerte Aufsätze. In der Februarnummer legte Palmer den entlegenen Bibelvers Richter 5,23 aus „Fluchet der Stadt Meros, sprach der Engel des Herrn; fluchet ihren Bürgern, daß sie nicht kamen dem Herrn zur Hilfe, zu Hilfe dem Herrn unter den Heiden.“ Meros trifft der Fluch, weil die Stadt nicht mit den andern Städten zum Kampf ausgezogen, sondern neutral geblieben war. „Wir stehn im Kampf... Aber in diesem Kampf darf es keine Neutralität geben.,“ stellte Palmer den aktuellen Bezug zur kirchlichen Lage her. „Wo liegt Meros? Bloß in Palästina? Auch in Deutschland? Auch in Braunschweig?“ (RuR 1936 S.17 f). Neutralität war der gravierende Vorwurf des Pfarrernotbundes gegenüber Landesbischof Johnsen. Er taktiere, laviere und könne sich nicht klar auf die Seite der Bekennenden Kirche stellen. Noch heftiger traf dieser Vorwurf feiger Neutralität allerdings den Landespredigerverein unter Propst Ernesti und die große Mehrheit der Pfarrerschaft. B.d.M war die Spottbezeichnung der Mitglieder des Pfarrerbundes und meinte nicht das geläufige „Bund deutscher Mädel“, die weibliche nationalsozialistische Jugendorganisation, sondern „Bund der Mitte“.

In einer anderen Andacht legte Palmer das Jesuswort „Ich bin gekommen, Feuer auf die Erde zu werfen“ (Luk. 12,49) aus, aber überraschenderweise sprach Palmer nicht, was naheliegend gewesen wäre, vom Kirchenkampf als dem auf der Erde entfachten Feuer, sondern von dem reinen Feuer der Anbetung im Himmel und von der „unreinen Flamme der Empörung gegen Gott“ auf der Erde. Christus wäre nun gekommen, das reine Feuer auch auf der Erde anzuzünden, das den Menschen an das Wort Gottes und seinen Willen bindet (RuR 1936 S. 133 f).

In einem weiteren Artikel stellte Palmer die volksmissionarische Arbeit im Pfarrernotbund vor, die er verantwortlich leitete. (RuR 1936 S.21 f „Volksmission“)

In dem Beitrag „Konfirmationsnot ?“ (RuR 1936 S. 103) nahm Palmer die Bestrebungen einer Reform des Konfirmandenunterrichtes auf, die in eine zweijährigen Unterrichtsdauer mündeten. Palmer erinnerte an den Versuch einer völligen Neugestaltung des Unterrichtes im Braunschweiger Landeskirchentag 1926, an dem er sich auch persönlich beteiligt hatte, der jedoch von der großen Mehrheit des Landeskirchentages abgelehnt worden war. Ein Konfirmationsgelübde z.B. lehnte Palmer kategorisch ab. Palmer empfahl, von einer besonderen Konfirmationshandlung Abstand zu nehmen, weil die Taufe keiner Bestätigung oder Bekräftigung bedürfte. Die Konfirmation nach der vorgegebenen kirchlichen Ordnung bezeichnete Palmer auf dem Entwurf eines Flugblattes als „den schwersten Gottesdienst im ganzen Jahr. Denn ich muß da Dinge sagen, von denen ich ganz genau weiß, daß sie nicht so sind und nicht so sein können, wie sie gesagt werden.“ Die Konfirmation gehörte zu den unerledigten Reformvorhaben Palmers.

Mit einer Auslegung von Lukas 17,5 „Herr, stärke uns den Glauben“ eröffnete Palmer den Jahrgang 1937 und vermied jeden Hinweis auf die groß angelegte bevorstehende Kirchliche Woche im Januar 1937 in Braunschweig, obwohl der Lukastext für das Verständnis einer solchen großen Tagung gut gepaßt hätte. Palmer verwies vielmehr auf den Predigttext am Neujahrstag Lukas 2,21 „Da ward sein Name genannt Jesus“, dessen Name nun auch über dem neuen Jahr 1937 stünde. Das persönliche Leben, das sich in den drei Kreisen der Völkergemeinschaft, der Volksgemeinschaft und in der Kirche vollzöge, wäre im Argen und ungewiß. Es bliebe nichts anderes übrig, als sich ausschließlich in Gottes Hand zu begeben und zu sehen. Dazu gäbe es kein wichtigeres Gebet als eben „Herr, stärke uns den Glauben.“
Die knappe Passage von der Volksgemeinschaft versieht Palmer mit folgendem Eindruck: „Wie viel gibt es da zu danken! Wie vieles ist anders, besser geworden! Aber die Sorge bedrückt uns, daß der Bazillus der Christusfeindschaft immer mehr Gebiete und Kreise des Volkslebens durchdringe.“ (RuR 1937 S. 5) Die Kritik Palmers und mit ihm der Bekennenden Kirche im Braunschweigischen bezog sich nicht auf die antidemokratische, antisemitische und militaristische Politik Hitlers, sondern auf die Angriffe der Rosenberg-Gruppe auf die Kirchen. Es könnte der Eindruck entstehen, daß ohne die Angriffe auf die Kirche die Politik Hitlers seinerzeit als ganz passabel angesehen wurde.

Kurz vor seinem Fortzug aus der Landeskirche veröffentlichte Palmer im Juni 1937 eine Auslegung von Kap. 4 der Apostelgeschichte, der Verhaftung von Petrus und Johannes und dem kräftigen Gebet der Gemeinde. „Die einzige Waffe“ – so überschrieb Palmer die Andacht - wäre das Gebet, das der kämpfenden Kirche 1937 zur Verfügung stünde und beschloß die Andacht hat mit der Frage: „Kennt die Gemeinde von heute die „einzige Waffe“, Bibel und Gebet? Gebraucht sie diese Waffe?“ In einer Anmerkung versuchte Palmer das Mißverständnis auszuräumen, als ob der Kampf der Kirche um das Recht überflüssig gewesen wäre. „Das schreiende „Unrecht“ von 1933/34 war ganz gewiß nicht Gottes Wille. Aber der Kampf um das „Recht“ ist für die Gemeinde Jesu nicht das Entscheidende“ (RuR 1937 S. 79). Palmers unermüdliche, hartnäckige Bemühungen in den Jahren 1935-1937, doch wieder in das Blankenburger Pfarramt zurückkehren zu können, waren indes vor allem als ein Kampf um die Wiederherstellung von Recht und Wiedergutmachung von Unrecht zu verstehen. Im rechten Verständnis seiner eigenen Andacht vom Sommer 1937, daß Bibel und Gebet die einzigen gemäßen Mittel (um das Wort „Waffe“ zu vermeiden) im Kirchenkampf sind, hätte Palmer auch in Helmstedt mit eben diesen Mitteln kämpfen können.


Andacht im Krieg
Auch als Palmer Pfarrer in Berka war, hielt er durch Andachten und Aufsätze in „Ruf und Rüstung“ Kontakt zur Leserschaft der Bekennenden Kirche in der Landeskirche. Ich greife nur noch zwei Andachten aus der Kriegszeit heraus.
In der Novembernummer 1939 schrieb Palmer „Etwas vom Gewissen“, stellte Luthers Gewissensentscheidungen in seinen verschiedenen Lebensphasen als vorbildlich heraus und gab den Feldpostbrief eines Amtsbruders wieder, daß die Diffamierungen der Kirche „im engen Quartier, in der Baracke, im Bunker unterblieben“, und fragt: „Warum hat erst der Krieg diese Änderung vollziehen müssen?“ „Man kann“, so folgerte Palmer, „an das ganze deutsche Volk, auch mitten in den Stürmen des Krieges, keinen besseren Appell richten als den, daß es wirklich ernst machte mit dem oft mißbrauchten Dichterwort: „Tu, was dein Gewissen spricht.“ (RuR 1939 S. 147) Beim Leser entsteht der Eindruck: Der Krieg hat auch sein Gutes. Er beendet die Diffamierungen der Kirche. Offenbar, weil Soldaten auf ihr Gewissen hören. Es hatte zwischen 1918 und 1939 kein neues Nachdenken über die Totalität des Krieges in der evangelischen Kirche gegeben.
Lachmund bot in der Oktobernummer 1939 unter der Überschrift „Aus der Zeit vor fünfundzwanzig Jahren“ eine Auswahl von Zitaten von 1914 und 1915 mit den alten Bildern von der Nähe Gottes im Schützengraben und daß der Tod des Soldaten in der Ewigkeit verankert würde. Man könne nicht tiefer fallen als in Gottes Hand, dichtete 1941 Arno Pötzsch und setzte jene kriegstheologische Verirrung fort. Nach der Melodie „Christus, der ist mein Leben“ befindet sich dieses Lied auch im neuen Evangelischen Gesangbuch unter der Nummer 533. Im November 1939 befand sich Deutschland im ersten Rausch über den „Blitzsieg“ gegen Polen und die Kirchenleitung empfahl gotteslästerliche Gebetsvorschläge zum Erntedankfest. Kein in das Wort Gottes gebundene Gewissen eines Pfarrers hätte diese Gebete sprechen können. Vielleicht ist es ein distanzierender Hinweis, daß Lachmund und v. Schwartz weder diese Gebetstexte, noch den Aufruf Johnsens zum Kriegsbeginn, noch den zum Erntedankfest veröffentlichte, auch jeden Hinweis auf das gescheiterte Attentat auf Hitler am 9. November 1939 und die zwangsläufig damit verbundenen Dankbekundungen vermied.



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