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[Kirche von unten]

Ottmar Palmer 1873 - 1964

Versuch einer Annäherung und Deutung

21. Kapitel


Das Abschiedsjahr 1937



Die Sitzungen des Bruderrates und die Notbundversammlungen 1937
Auch im Jahr 1937 nahm Palmer seine Arbeit im Bruderrat sehr ernst. Er notierte sich folgende Sitzungen, die er besucht hatte: 27.1.; 12.4.; 25.6. und 15.11., außerdem folgende Notbundversammlungen: 27.1.; 13.9. und 25.10.
Möglicherweise wurde der Monatsrhythmus im Februar, März und Mai wegen der zahlreichen Veranstaltungen anläßlich der sog. Wahl aufgegeben. Es kann aber auch sein, daß Sitzungen ohne Beteiligung von Palmer stattgefunden haben. Die Versammlung am 13.9. begann im Marienstift in Siloah mit einem Beicht- und Abendmahlsgottesdienst, bei dem Palmer die Beichtrede hielt.

Die Versammlung am 25.10. war ganztägig und zwar mit Ehefrauen. Radkau referierte über Flacius. Für dieses Treffen ist sogar folgende Teilnehmerliste erhalten:

Lachmund u. Frau; 2. v. Schwartz u. Frau Br; 3. Frau Althaus-Wolfenbüttel; 4. Dedekind u. Frau, Blankenburg; 5. Dr. Vermeil, Br; 6. Wicke und Frau, Zorge; 7. Bosse u. Frau Br; 8. Bosse u. Frau, Kreiensen; 9. Caspar; 10 .v. Schwartz u. Frau, Eilum; 11. Rothermel; 12. Clemen; 13. Rohlfs u. Frau; 14. Wicke, Grünenplan; 15. Erdmann und Frau nebst Besuch Frl. Wadsmann; 16. Oehlmann u. Frau; 17. Götze; 18. stud. theol. Radkau; 19. Reischauer u. Frau; 20. Althaus u. Frau, Oker; 21. Freise; 22. Klingelöhöffer u. Frau; 23. Seebaß Rautheim u. Frau; 24 Lagershausen; 25. Hille u. Frau; 26. Seebaß, Börnecke; 27. Sander u. Frau; 28. Oberkirchenrat Seebaß u. Frau; 29. Helmer; 30. Lipsius u. Frau; 31.Buttler u. Frau; 32. Dodt u. Frau; 33. Heinemann; 34. Witte u. Frau, Wahle; 35. Helwig u. Frau; 36. Althaus und Frau, Timmerlah; 37 Frau Sínemus; 38 Radkau und eine Verwandte; 39. Peucker; 40. Klapproth; 41. Elster, Jerxheim; 42. Länger u. Frau; 43, Barg u. Frau; 44 .Palmer; 45 Seebaß-Langlingen; 46. Drude; 47 Steinblinck u. Frau; 48. Ihssen u. Frau; 49.Ölze; 50. 2 Theologiestudenten aus Kreiensen; 51. Herr Stockfleth von der Geh. Staatspolizei; 52. Saftien als Gast. Anwesend 80 Personen, davon sind 47 Notbundmitglieder u. 27 Pfarrfrauen.“ (PNB 5/35)

Die Liste stammte von Karl v. Schwartz, dem Leiter der Braunschweiger Bekenntnisgemeinde, denn keiner kannte den Namen des Vertreters der Gestapo, dem Karl v. Schwartz eine Namensliste übergeben mußte, und keiner hätte diesen Namen auch notiert. v. Schwartz machte das regelmäßig, was in der Gestapo wütend vermerkt wurde. Merkwürdig ist die Aufteilung der Anwesenden in 47 Notbundmitglieder und 27 Pfarrfrauen. Das wirkt heute so, als ob die Pfarrfrauen nicht zur Bekennenden Kirche zählten. Aber es handelte sich um eine Anwesenheitsliste für die Gestapo und keine Identifizierungsliste, wer von den Teilnehmern zur Bekennenden Kirche gehörte. Zu den 47 Notbundmitgliedern gehörten auch das Ehepaar Dedekind aus Blankenburg und Dr. Vermeil aus Braunschweig, vielleicht auch die Pfarrwitwe Sinemus. Die Liste sollte außerdem dokumentieren, daß sich hier ein geschlossener Kreis getroffen hatte. Ehepaar Erdmann hatte einen Besuch mitgebracht, aus Kreiensen waren zwei Theologiestudenten angereist, Herr Saftien nahm als Gast teil. Palmer hatte seine Frau nicht mitgebracht, denn es hatte bereits der Umzug nach Berka stattgefunden.

Denkwürdig war die Bruderratssitzung am 15. November, weil Lachmund am Schluß mitteilte, daß er den Vorsitz nunmehr niederzulegen gedächte. In einem ausführlichen Brief vom 18. November ging Karl v. Schwartz auf den offenbar nicht ganz einleuchtenden Schritt ein. (PNB 5/42) Lachmund war im September 72 Jahre alt geworden. Mit Palmer und Brinckmeier hatten zwei führende Mitglieder des Bruderrates die Landeskirche verlassen. Der Beitritt der Landeskirche zum Lutherrat bedeutete einen gewissen Abschluß der Auseinandersetzung mit Bischof Johnsen. Die Gelegenheit, sich aus der aktiven Arbeit in der Leitung des Bruderrates zu verabschieden, war günstig. Aber Lachmund hatte nicht für einen Nachfolger gesorgt. Karl v. Schwartz schlug vorsichtig seinen Sohn Karl Adolf aus Eilum vor. Karl Adolf v. Schwartz gehörte anders als Lachmund zum linken, mit Dahlem offensichtlicher sympathisierenden Flügel des Pfarrernotbundes. Karl v. Schwartz bat daher, Lachmund selber möge ihn als Nachfolger vorschlagen und eine förmliche Wahl auf die nächste Tagesordnung des Bruderrates setzen. v. Schwartz warf auch die Frage auf, ob Lachmund die Leitung der BK nach außen behalten oder diese auch auf seinen Nachfolger übergehen müsse. Dabei ging es vor allem um den Sitz im Lutherrat. Mit einer Bemerkung, die ein nicht gerade übliches gesellschaftliches Milieu kennzeichnet, schloß. Schwartz am Ende seinen Brief: „Freitag abend muß ich um ½ 8 hier sein, eingeladen bei Vermeils, zusammen mit einem höheren Offizier der SS-Führerschule, was ich nicht gerne versäume.“


Die Beteiligung Palmers an der Kirchenwahl im Frühjahr 1937
Die politischen Ereignisse im Frühjahr 1937 ließen allerdings ausgiebige Gedanken an einen Abschied aus Helmstedt noch nicht aufkommen. Am 15. Februar 1937 erschien der überraschende Erlaß Hitlers, die Kirche möge sich „in voller Freiheit nach eigener Bestimmung des Kirchenvolkes sich selbst die neue Verfassung und damit eine neue Ordnung geben“, der eine unerwartete Bewegung in die gesamte evangelische Kirche und auch in die Landeskirche brachte. Der Reichsminister für die kirchlichen Angelegenheiten war von Hitler ermächtigt worden, die Wahl einer Generalsynode vorzubereiten und die dazu erforderlichen Maßnahmen zu treffen. Hitler hatte bei zahlreichen Kirchenleitungen noch so viel Kredit, daß sie solche Wahlen „in voller Freiheit“ für möglich hielten. Was Hitler von Anfang an unter „voller Freiheit“ verstand, hatte er bei den Reichstagswahlen im März 1933 mit der Verhaftung der kommunistischen Reichstagsabgeordneten, dem Terror gegen sozialdemokratische Politiker und der gleichzeitigen Einrichtung des Konzentrationslagers Dachau für alle sichtbar demonstriert. Nach den Aufzeichnungen von Joseph Goebbels einen Tag nach dem Erlaß wollte Hitler tatsächlich keinen Kirchenkampf, weil er bereits „in einigen Jahren den großen Weltkampf“ im Kopf hatte. Goebbels hatte eine „vollständige Absetzung von Partei und Staat in dieser Frage“ der Wahl vorgeschlagen und „freieste Proportionalwahl“. Aber der Reichsminister für die kirchlichen Angelegenheiten übertrug die Wahlvorbereitungen nicht einem kirchlichen Gremium und veröffentlichte selber keine Richtlinien. In allen Landeskirchen aber explodierte geradezu eine öffentliche Versammlungstätigkeit.

In der Braunschweigischen Landeskirche wurde ein Wahlausschuß, ein „Rüstdienst“, unter der Leitung des Männerwerkpfarrers Schäfer gebildet, in den neben Leistikow, Seebaß und Herdieckerhoff auch Palmer berufen wurde. Für die geplanten zahlreichen Veranstaltungen wurden zwei Rednerlisten aufgestellt, eine davon ausschließlich mit den Brüdern vom volksmissionarischen Arbeitskreis, den Palmer leitete. Beide Rednerlisten wurden den Kirchengemeinden zugestellt. Es wurden Flugblätter entworfen und verteilt und auch die beiden Stephanipfarrer Palmer und Clemen formulierten ein Flugblatt.

„An unsere Gemeindeglieder!
Eine Kirchenwahl steht bevor. Einzelnes darüber kann noch nicht gesagt werden, da die Ausführungsbestimmungen noch fehlen. Die Gemeinde muß aber jetzt schon wissen, um was es geht.

Es geht um mehr als um Sitze und Stimmen in der Synode, als um Rechte und Besitztümer der Kirche. Diese Wahl muß ein Volksentscheid werden, in dem darüber entschieden wird, ob Deutschland ein christliches Volk sein soll oder nicht.
Es geht darum, ob die Kirche sich allein gründen soll auf die Heilige Schrift und die Bekenntnisse, ob unsere Jugend christlich erzogen werden soll oder nicht, ob die Kirche dem ganzen deutschen Volke in Freiheit das volle Evangelium verkünden soll. Die kommende Entscheidung ist wichtig vielleicht für lange Zeiten.
Darum bitten wir euch:
Macht allen, mit denen Ihr sprecht, diese Entscheidung bekannt und wichtig!
Rüstet Euch innerlich, auf die Entscheidungsfrage die rechte Antwort zu geben!
Bringt das Anliegen unserer Kirche täglich im Gebet und in der häuslichen Andacht vor Gott!
Besucht treu und regelmäßig die Gottesdienste und alle Versammlungen, die die Gemeinde veranstaltet!
Gott segne diese Entscheidungszeit an Kirche und Volk!
Die Pfarrer: Palmer, Kirchenrat a.D.
          Clemen, Pastor

(in: Pfarrarchiv St. Stephani, Helmstedt)

Die Gemeindehelferinnen verteilten in geschlossenen, adressierten Umschlägen das Flugblatt an die Leser des Gemeindeblattes, ca. 1.150 Exemplare. Bereits die Umständlichkeit und Nichtöffentlichkeit dieser Art von Verteilung zeigte die Beschränkung, unter der diese Wahl stand. Palmer notierte das Wort Wahl in seinem Amtskalender daher auch stets mit Gänsefüßchen: „Wahl“. Das Schreiben der Stephanipfarrer soll auch als Beilage des Braunschweiger Volksblattes in der „Umgebung von Magdeburg“ aufgetaucht sein. Das veranlaßte die Gestapo in Helmstedt, die beiden Pfarrer, Frau Pastor Clemen und drei Helferinnen zu vernehmen, was aber keine weiteren Folgen hatte.


Die Illusion eines christlichen Deutschland
Das Flugblatt offenbart die unbegreifliche Illusion, die auch in der Bekennenden Kirche in der Braunschweiger Landeskirche verbreitet war, nämlich als ob Deutschland je ein christliches Volk werden könnte, - das war es bereits seit zwei Jahrhunderten nicht mehr - und vor allem: daß Deutschland unter den Bedingungen des Nationalsozialismus, unter der Führung von Adolf Hitler ein christliches Volk werden könnte. Diese Illusion teilte die BK mit den Deutschen Christen. Offenbar hatte die Glaubwürdigkeit Hitlers trotz der öffentlichen Rechtfertigung des staatlichen Mordes im Juni 1934, trotz der sichtbaren Diskriminierung des jüdischen Anteils unter den Deutschen, trotz der schrittweisen Beseitigung der Pressefreiheit nicht gelitten.

Von dieser bedrohlichen Möglichkeit eines unchristlichen Deutschland schrieb Palmer in einer Andacht über Matthäus 16,18 „Ich will bauen meine Gemeinde“, die Palmer im Gemeindeblatt „Heimatklänge“ im Februar 1937 unter der Überschrift „Kirche am Ende?“ veröffentlichte. Palmer verwies auf die Austrittsbewegung, die nun auch, anders als vor 15 Jahren, gutbürgerliche Kreise erfasse, „auch in Helmstedt erfolgen Austritte, sind es nicht Hunderte, so sind’s doch immer wieder neue.“ Nur noch ein Prozent der Kirchenmitglieder besuchten weithin die Gottesdienste. Hunderttausende der Hauerbewegung jubelten über das Ende des Zeitalters des Christentums: „Wir Deutsche besinnen uns auf uns selbst, auf unser Blut, auf unsere Art. Und unsere Art hat mit den Lehren Christi nichts zu tun.“ Palmer beschrieb zutreffend die in den politischen nationalsozialistischen Organisationen verbreiteten und veröffentlichten Redensarten. Dieser Lagebeschreibung widersprächen andere, die auf den immer noch gefestigten volkskirchlichen Charakter der Kirchen hinwiesen. Aber Palmer warnte: „Hüten wir uns vor allen Illusionen! Auf Menschen ist kein Verlaß. Auch ein ganzes Volk kann kirchenlos werden.“ Mit Mt. 16 widersprach Palmer beiden Versionen: weil Christus nicht am Ende sei, der seine Gemeinde baut, sei auch die Kirche nicht am Ende. „Freilich, er baut vielleicht einmal anders, als wir denken, er kann auch ohne uns bauen. Und wenn man ihn in Deutschland nicht bauen lassen will, dann verläßt er Deutschland und baut anderswo.“
In dem „Wahl“-Erlaß Hitlers sah Palmer eine Möglichkeit für den Bau eines christlichen Deutschland, daß man Christus in Deutschland Kirche bauen lassen wolle.


Wahlkampfaktivitäten
„Viel Schreiben etc. betr. „Wahl“, notierte Palmer im Amtskalender unter dem 31. März. Vier Tage vorher trafen 1000 Flugblätter aus Nürnberg unter dem Titel „Mein Deutschland – wohin?“ bei Palmer ein, von denen 400 Stück nach Braunschweig zu Barg, 100 nach Blankenburg und 50 nach Lelm zu Erdmann verfrachtet wurden. „Besprechung mit Clemen. Heft von Kern ist beschlagnahmt“, notierte Palmer unter dem 1. April. An demselben Abend sammelte sich die Helmstedter Bekenntnisgemeinde. Palmer hielt in dieser Zeit neben seiner Gemeindearbeit viele Vorträge in Braunschweig, Hoiersdorf, Lelm, Eilum und Hedeper Es ist erstaunlich, daß Palmer in seinen Erinnerungen mit keinem Wort auf die Kirchenwahl 1937 und seine damit verbundenen Aktivitäten eingegangen ist. Die Wahl wurde im Frühsommer 1937 von der Regierung abgeblasen. Sie hatte immerhin die Folge, daß im ganzen evangelischen Deutschland ein enormer Mobilisierungseffekt erzielt worden war. Hitler hatte sich erneut in der evangelischen Kirche geirrt, denn die Mobilisierung der Kirche war gewiß nicht sein Anliegen.

In seiner Darstellung des Kirchenkampfes in der Braunschweiger Landeskirche urteilte Palmer wenige Jahre später aus eigener Erinnerung: „Es sind doch große Scharen gewesen, die in jenen Frühlings- und Vorsommerwochen unter das Wort gestellt wurden. Und gab es auch nicht solche Erregungen und Massenversammlungen, wie sie uns aus vielen großen Städten in Deutschland berichtet wurden, so ist doch ohne Frage vielen Menschen der Ernst der Lage und der tiefste Sinn des Kirchenkampfes zum Bewußtsein gebracht worden“.


Die Kasseler Erklärung
Ein zweiter bemerkenswerter Vorstoß bedeutete die von Bischof Johnsen für den 11. Juli 1937 angeordnete Kanzelabkündigung. Es ließ aufhorchen, wenn darin von der „schwere(n) Not unserer Kirche“ gesprochen wurde. Feierlich wurden Pfarrer, Kirchenverordnete und Gemeindeglieder in die Pflicht genommen, „gemeinsam mit uns in dem Kampf, der uns verordnet ist, dem Herrn Jesus Christus als dem alleinigen Herrn der Kirche die Treue zu halten...Betet für die Herstellung eines ehrlichen Friedens zwischen Staat und Kirche! Betet für alle verhafteten Brüder und Schwestern und für die bedrückten und verwaisten Gemeinden“. Johnsen forderte die Gemeinde auf, in besonderen Abendgottesdienste Fürbitte zu halten. (PNB 5/20a) Die beschriebene Wirklichkeit paßte nicht zur Situation der ländlichen Landeskirche, an der ein Kirchenkampf in diesem angedeuteten Ausmaß vorübergegangen war. Das war nicht die Tonstärke der kirchlichen Mitte. Der Anlaß war, daß sich in Kassel die bisher auseinandergedrifteten Gruppen der Deutschen Ev. Kirche, die Kirchenkonferenz, der Lutherrat und die 2. Vorläufige Kirchenleitung getroffen hatten und dieses heftige Kanzelwort formuliert hatten. Am 29. August verfaßte das Kasseler Gremium ein zweites Wort an die Gemeinden, das sehr viel drastischer war. Johnsen veröffentlichte den vollständigen Wortlaut im Amtsblatt und legte ihn dem 18. Bischofsbrief als Anlage bei. „Gott segne dies Wort der Kirche, dessen Anliegen auch das meine ist, an den Gemeinden unseres Braunschweiger Landes.“ Darin hieß es: „Eine Welle von Prozessen, von Verhaftungen – Untersuchungshaft, Schutzhaft, Konzentrationslager – von Ausweisungen und Redeverboten ist über die Kirche dahingegangen. Wo staatliche Finanzabteilungen eingerichtet sind, besteht die Gefahr, daß sie gezwungen werden, nach kirchenfremden Gesichtspunkten über die Mittel der Kirche zu verfügen, die der Verkündigung dienen sollen. Weithin wirkt sich das Handeln bestimmter Finanzabteilungen schon heute zum Schaden der Kirche aus.“

Palmer predigte am 11. Juli in der Walpurgis und Stephanikirche, vermerkte er in seinem Gottesdienstplan die Zahl der Besucher: 95 in Stephani und 24 in Walpurgis. Am Abend vorher erreichte ihn um ¾ 11 ein Eilbote aus Wolfenbüttel. „Kanzelabkündigung“ vermerkte er in Abkürzung. Den Helmstedter Gottesdienstbesuchern ist demnach der Text der Kasseler Erklärung nicht vorenthalten worden. Er entsprach vollständig Palmers Einschätzung der kirchenpolitischen Situation. Es wird ihn überrascht haben, daß diese Abkündigung von Bischof Johnsen empfohlen worden war. In der Stephanikirche wurden an den Mittwochabenden im Juli, dem 14.7, 21.7. und 28.7. die von Johnsen empfohlenen „Bittgottesdienste für die Kirche“ gehalten mit einer Beteiligung von immerhin 60 – 80 Gemeindemitgliedern. Im Anschluß daran traf sich die Helmstedter Bekenntnisgemeinde.
Lachmund vermerkte, daß alle Notbundbrüder die zweite Kanzelabkündigung verlesen hätten. (PNB 5/30)


Die Verabschiedung
Am Abend des letzten Bittgottesdienstes, dem 28.7., schickte Palmer sein Pensionierungsgesuch nach Wolfenbüttel ab. Eine letzte neue Chance für eine Rückkehr hatte sich zerschlagen. Der Nachfolger Palmers an der Bartholomäuskirche, Pfr. Nümann, war im Frühjahr 1937 ebenfalls wegen einer Denunziation in ein Disziplinarverfahren verstrickt und genötigt worden, eine neue Pfarrstelle in Wieda anzutreten. Der 64jährige Palmer machte sich erneut Hoffnungen. Er intervenierte bei Bischof Johnsen im Sommer 1937 schriftlich aber vergeblich auf Rückkehr an die freigewordene Bartholomäuskirche.

Im Gemeindebrief September 1937 teilte Palmer in ziemlich dürren Worten seinen Fortzug aus Helmstedt mit. „Zum 1. Oktober d. Js. werde ich mein hiesiges Pfarramt aufgeben und ein solches in der Hannoverschen Landeskirche (in Berka bei Northeim) übernehmen. Die Gründe für diesen manchen vielleicht überraschenden Schritt liegen teils in den gegenwärtigen landeskirchlichen Verhältnissen, teils sind sie persönlicher Natur. Ich stehe im 65. Lebensjahre. Da darf man sich vielleicht nach einem kleineren Arbeitsfelde umsehen, für das die Kräfte, will’s Gott, noch länger ausreichen, als für eine große Stadtgemeinde. Der Gemeinde selbst kann es vielleicht nur zum Segen gereichen, wenn eine jüngere Kraft auf lange Jahre an meine Stelle tritt. – Möge die Verkündigung des Wortes Gottes hier in Zukunft einen offeneren und größeren Eingang finden, als es bisher der Fall war.“
Palmer war offensichtlich selber nicht glücklich und wußte nicht, wie er seinen Gemeindemitgliedern den Fortzug erklären konnte. Ihnen mußte der Wegzug nach noch nicht einmal drei Jahren unverständlich bleiben, denn die Situation hatte sich seit Palmers Kommen durch nichts geändert. Der letzte Satz könnte bei ihnen die schlichte Vermutung aufkommen lassen, daß die Gottesdienste nach Palmers Geschmack zu wenig besucht gewesen waren. Aber das wirkte eher hilflos. Palmer war auch nicht mehr in der Kirchengemeinde präsent, sondern in den beiden letzten Monaten einige Wochen auf Reisen. Von einer Abschiedspredigt ist nichts bekannt. Sein letzter Gottesdienst war am Erntedankfest. Liebevoll fing sein jüngerer Kollege Clemen die Situation im nächsten Gemeindebrief auf. Der Weggang sei eine „einschneidende Veränderung“. Palmer habe die Gründe seines Weggangs angegeben.
„In unserer Gemeinde werden dieses viele aufs tiefste bedauern. Dankbar gedenken wir seiner tiefgründigen gegenwartsnahen Predigten, seines mutigen Eintretens für die Wahrheit und Freiheit der Kirche, besonders auch der Bereicherung, welche durch ihn und seine Frau das Singen der Gemeinde erfahren hat infolge Einführung neuer Lieder, die doch meist altes Liedgut unserer Kirche waren. Die Bekenntnisgemeinde wird seine geistvollen anregenden Vorträge sehr vermissen. Unter den Kranken werden viele sein, die ihm dankbar sind für seine treue Seelsorge. Unser Gemeindeblatt verliert in ihm einen fleißigen Mitarbeiter, der manch wertvollen Artikel uns geschenkt hat. Wenn er nun auf eine kleine Pfarrstelle in der hannoverschen Landeskirche geht, so begleiten ihn und seine Familie unsere herzlichsten Segenswünsche.“ Mit dieser Würdigung machte Clemen zugleich anschaulich, daß Palmer sich über ein dankbares Echo in der Helmstedter Gemeinde nicht beklagen konnte. Die Gründe lagen nicht bei der Gemeinde sondern in Palmers persönlicher kritischen Situation.

Die Familie Palmer bezog am 1. Oktober 1937 ein geräumiges, sonniges Pfarrhaus mitten in einem großen Pfarrgartengelände in der Dorfgemeinde Berka bei Northeim.
Dort blieb Palmer 13 Jahre lang Dorfpfarrer, bis er sich 77jährig 1950 pensionieren ließ. In diesen 13 Jahre blieb ein Kontakt zur Braunschweiger Landeskirche durch die volksmis-sionarischen Wochen erhalten. In dieser Zeit erlebte der Pfarrernotbund einen Wechsel in der Leitung, sein Freund Karl v. Schwartz verstarb 1943 und Palmer wurde überraschend in die Braunschweiger Landeskirche zurückgeholt.



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