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[Kirche von unten]

Ottmar Palmer 1873 - 1964

Versuch einer Annäherung und Deutung

25. Kapitel


Der Palmer enttäuschende erste Landeskirchentag im Februar 1946


Eine der Hauptaufgaben der ersten Kirchenregierung nach dem Kriege war unter vielen anderen die Durchführung eines Landeskirchentages. Der erste Schritt dazu, die Aufstellung der Mitglieder des Landeskirchentages, war bis zum Jahresende 1945 abgeschlossen.


Die letzte Kirchenregierungssitzung unter der Leitung von Palmer
Die Einheitsliste lag der Kirchenregierung in ihrer 82. Sitzung am 4. Januar 1946 vor.
Zunächst jedoch wurden auch auf dieser Sitzung mehrere personelle Entscheidungen getroffen, darunter auch solche, die der Selbstreinigung der Landeskirche dienen sollten, wie der dem entschlossen d.c.-Pfarrer Ziegemeyer empfohlene Antrag auf Pensionierung und die auf Oktober 1945 zurückdatierte Entlassung von Pfr. Teichmann. Der im Schreiben vom 9. August 1944 enthaltene Verweis für Propst Ernsti wurde kassiert. Diese Versuche einer Selbstreinigung wurden alle konterkariert durch die Tatsache, daß sich Dr. Breust als gleichberechtiger Oberlandeskirchenrat entgegen der Vereinbarung vom 16. November 1945, die eine endgültige Beschlußfassung erst ab Mitte Januar vorsah durchgesetzt hatte. Damit waren alle Versuche aus den Sitzungen vom Oktober 1945, den Einfluß von Dr. Breust einzudämmen, fehlgeschlagen. Breust hatte sich über alle bekannten Einwände hinweggesetzt. Es sprach für alle offenkundig zu vieles gegen seine Weiterbeschäftigung im kirchliche Dienst an leitender Stelle: er war NSDAP-Mitglied bis Kriegsende gewesen, war aktiv fördernder Unterstützer der Deutschen Christen bis in die Kriegsjahre hinein, er war selber Vorsitzender der Kirchenregierung im Sommer 1934, als die Deutschen Christen im Reich auf dem Höhepunkt ihrer Macht waren und Dr. Breust sich rühmte, daß das Landeskirchenamt ausschließlich mit Nationalsozialisten besetzt wäre, Dr. Breust war vor allem als im Geschäftsverteilungsplan des Landeskirchenamtes offen ausgewiesener Mitarbeiter des berüchtigten Nationalsozialisten Dr. Hoffmeister im Rang eines Oberlandeskirchenrates völlig untragbar. Dr. Breust hatte alle Demütigungen und Hinhaltungen der ersten Kirchenregierungs- sitzungen weggesteckt. Ihre Mitglieder hatten alle das gelegentlich brutale Durchsetzungs- vermögen von Dr. Breust unterschätzt. Wie sich OLKR Dr. Breust eine künftige gedeihliche Zusammenarbeit mit dem Vorsitzenden Kirchenrat a.D. Palmer vorstellte, war deutlich. Er hoffte auf den Rücktritt Palmers.

Daß Dr. Breust im Geiste Hoffmeisters und Westermanns weiterzuarbeiten gedachte, wurde aus seinem Beitrag nach einem Vortrag von Pfr Herdieckerhoff vor der Kirchenregierung über das kirchliche Hilfswerk deutlich. Breust kündigte einen Vorschlag über die finanzielle Verwaltung des Hilfswerkes durch die Landeskirche an. Das konnte Herdieckerhoff nur als einen schweren Eingriff in die Unabhängigkeit der Arbeit der Inneren Mission und des von ihm geleiteten Hilfswerkes verstehen. Was Hoffmeister und Westermann nicht gelungen war, nämlich die finanzielle Gleichschaltung der landeskirchlichen Inneren Mission, versuchte Dr. Breust mit diesem ersten Beitrag in der Kirchenregierung. Die Versuche Dr. Breusts scheiterten in der Folgezeit am erbitterten Widerstand von Reinhard Herdieckerhoff.
Für die Arbeit des Pfarrernotbundes war bedeutsam, daß Pfr. Barg auf eigenen Antrag die Landeskirche verließ. Röpke konnte diese Entscheidung Bargs angesichts dessen Auftreten im Landeskirchenamt im Mai 1945 nur mit klammheimlicher Schadenfreude registrieren.

Erst unter Top 13 beschäftigte sich die Kirchenregierung mit der Wahl zum Landeskirchentag und stellte fest: „...daß der Landeskirchentag auf Grund einer Einheitsliste als gewählt anzusehen ist“
Der Kirchenregierung lag offenbar die Ende Dezember abgeschlossene und abgesprochene Einheitsliste mit den Namen der Abgeordnetenm des Landeskirchentages vor.
Im 36-köpfigen neuen Landeskirchentag und von den insgesamt zwölf Pfarrern gehörten folgende Mitglieder dem Pfarrernotbund an: Kirchenrat Palmer, Propst Padel, Helmstedt; Pastor Wiesenfeldt, Liebenburg; Pastor Rohlfs, Kirchberg; Pastor Erdmann, Lelm und Pastor Herdieckerhoff, Braunschweig. Von den sog. Weltlichen Abgeordneten gehörten zur Bekennenden Kirche Studienrat Schwarz, Helmstedt. Der Arzt Dr. Vermeil, Braunschweig, war bis 1939 Mitglied der Braunschweiger Bekenntnisgemeinschaft.

Der förmliche Wahltermin war auf den 15. Januar festgelegt. Es ist ein Kuriosum, daß die Kirchenregierung schon vor dem Wahltag den Landeskirchentag „als gewählt“ ansah.
Sie berief den Landeskirchentag zum 12./13. Februar 1946 nach Wolfenbüttel in das Gemeindehaus der Hauptkirche ein. Das war keineswegs selbstverständlich. Es hätte nahe gelegen, in der Landeshauptstadt mit einem Eröffnungsgottesdienst im Dom und einer Sitzung im Magnigemeindesaal zu beginnen. Aber auch Palmer befürwortete Wolfenbüttel als Tagungsort.

Die Kirchenregierung legte außerdem die Tagesordnung fest:
„1. Verpflichtung der Abgeordneten, 2. Wahl des Präsidenten des Landeskirchentages und seine Stellvertreter, 3. Bestellung des Stellvertreters des Landesbischofs, 4. Wahl der Kirchenregierung, 5. Wahl der erforderlichen Ausschüsse, 6. Verschiedenes“.

Diese 82. Kirchenregierungssitzung war die letzte unter dem Vorsitz Palmers. Darüber war sich Palmer im klaren, aber er verlor kein Wort darüber, denn ihm fielen als Vorsitzendem der Kirchenregierung beim ersten Landeskirchentag noch erhebliche Aufgaben zu. Immerhin konnte Palmer sehr zufrieden auf die vergangenen sieben Kirchenregierungssitzungen zurücksehen. Es waren insgesamt 36 Personalentscheidungen getroffen worden, davon 27, die die Pfarrer der Landeskirche betrafen: Versetzungen, Pensionierungen, Disziplinierungen, Entlassungen, Besetzungen, Ernennungen. Es waren Wohnungsangelegenheiten und Darlehensfragen entschieden worden. Aber auch grundsätzliche Fragen wie die Zukunft der Schule, eine Vereinigung der Kirchen im niedersächsischen Raum, das kirchliche Hilfswerk, die Stellungnahme zu politischen Parteien, das Verhältnis zum Staatsministerium und zur EKD wurden besprochen. Die Abhaltung von Jugendgottesdiensten, die Bildung von Kerngemeinden, das Wort zum Reformationsfest sollten das geistliche Leben befördern. Mit einer Ausnahme war in den Protokollen nie von einer „vorläufigen“ Kirchenregierung die Rede, einmal von einern „neuen“. Die respektable Leistung dieser ersten, neuen Kirchenregierung wurde in den folgenden Jahrzehnten in den Schatten der ungerechtfertigten Redeweise vom „Widerstand gegen die Finanzabteilung“ gestellt.


Die Sitzung des Bruderrates am 4. Januar 1946
Aus der Tagesordnung der Kirchenregierung ging nicht hervor, daß die brennendste Frage unter den Abgeordneten die einer neuen Leitungsspitze der Landeskirche gewesen war. Sie wurde in zahlreichen Gesprächen im Pfarrernotbund und mit den Mitgliedern der kirchlichen Mitte besprochen. Aus den Tagebuchnotizen von Palmer ergeben sich folgende Termine und Besprechungen.
Noch am 4. Januar tagte der Bruderrat des Pfarrernotbundes am Nachmittag zwei Stunden im Pfarrhaus der Marienkirche. Ein Brief von Erdmann an Palmer vom 10.1.1946 gibt über den Verlauf genaue Auskunft. Danach hatte Erdmann von sich aus die Bischofsfrage angeschnitten und Barg den Namen Erdmanns genannt. Erdmann war schon früher mehrfach auf eine Kandidatur angesprochen worden, galt im Bruderrat als „Kandidat der kirchlichen Mitte“ und berichtete nun von solchen „oftmals an mich gerichteten Ansinnen.“ Erdmann hatte den Vorschlag des Pfarrernotbundes abwarten wollen, aber im Bruderrat wurden in dieser Sitzung noch weitere Kandidaten von außen genannt: u.a. Gerhard Kunze und Wilhelm Brandt. Dabei wurde vorgebracht, ob Erdmann nicht als Statthalter solange eine Art Notbischof sein könnte, bis eine geeignete Person von außen gefunden sein würde. Das jedoch lehnte Erdmann im Brief an Palmer rundweg ab. „Daß ich letztlich doch nur Lückenbüßer sein soll, das muß ich Euch schon bitten, mir doch nicht zu zu muten, bloß weil Ihr im Augenblick keinen Mann greifbar habt.“ Ganz offenbar trennte sich Erdmann seit jener Januarsitzung von allen weiteren Überlegungen des Pfarrernotbundes in der Bischofsfrage, weil er den zutreffenden Eindruck hatte, das er das nötige Vertrauen des Pfarrernotbundes nicht habe. „(Für) Deine persönliche Meinung über meine Gaben danke ich Dir herzlich und brüderlich, aber sowohl Dein Brief wie auch das Gespräch mit Seebaß gestern im L.K.A. lassen mich wissen, daß ich das nötige Vertrauen (dazu gehört selbstverständlich: mirt fester Hand erziehen und mit starkem Willen weiterhelfen können) von Euch nicht besitze. Das ist kein Vorwurf für Euch, sondern nur die Feststellung einer Tatsache.“

Palmer hatte nach der Bruderratsitzung am 6. Januar 1946 an Erdmann mit dem Grundtenor geschrieben: Erdmann habe viele Gaben, jedoch eigne er sich wie auch Palmer selber nicht zum Bischofsamt. Daraufhin antwortete ihm Erdmann mit dem oben zitierten Brief und seinem Eindruck von der Haltung des Pfarrernotbundes.


Lange Vorbesprechungen
Am 23. Januar war Palmer wieder in Wolfenbüttel zur Besprechung mit dem Bruderrat und dann sieben Stunden lang von 10 Uhr vormittags an mit den geistlichen Abgeordneten der „Mitte“ im Gebäu de des Landeskirchenamtes am Schloßplatz wegen der Bischofswahl. Es bleibt unklar, wer sich zu den „Abgeordneten der Mitte“ rechnete, und wer tatsächlich an dem Treffen teilgenommen hat. Palmer rechnete zur „Mitte“ gewiß Propst Ernesti, Querum; Kirchenrat Jürgens, Braunschweig; Propst Lehmberg, Vorsfelde; Kirchenrat Rauls, Goslar und Propst Ehrhorn, Vienenburg. Wenn auch Propst Padel, Helmstedt, Pfr. Erdmann, Pfr. Herdieckerhoff, Pfr. Rohlfs, Kirchberg und Pfr. Wiesenfeldt, Liebenburg an der Sitzung teilnahmen, konnte dies durchaus als repräsentativer Querschnitt durch die Pfarrerschaft der Landeskirche gelten. Möglicherweise hatte auch der wendige Propst Strothmann an der Sitzung teilgenommen. Die Dauer der Sitzung ließ darauf schließen, daß die Frage eines auswärtigen Kandidaten für das Bischofssamt ventiliert wurde und offen geblieben war. Möglicherweise wurde auch die „Zwischenlösung“ eines Interimsbischofs in Gestalt eines Landeskirchenpräsidenten besprochen und Erdmann als Kandidat genannt. Denn auch Leistikow war als Kandidat eines Übergangsbischofs im Gespräch und für diesen Fall wollte der Pfarrernotbund Pfr. Erdmann als ihren Mann durchbringen.

Eine Woche vor Beginn des Sitzung war Palmer erneut für zwei Tage in Wolfenbüttel. Er notierte:
5. Dienstag .......14.50 ab; (Göttingen) 8 Wolfbttl; bei Schrader.
6. Mittwoch ½ 8 mit Bahn nach Brschw, mit Prof. D. Iwand nach Siloah. Notbundvollversamm- lung mit Gästen. Vortrag: „Die Ordnungen der Kirche nach dem Wort Gottes“. Besprechung bis 1; Kaffeegespräche Nachm. Notbund, Besprechung der Lage, LaKitag, Wahl des Bischofs etc; anschließend – ½ 8 Besprechung mit Dr- Lerche u. Linke betr. Johnsen etc. Elektr. nach Wolfb.
7.Donnerstag. Mild Nachm. Regen Besuch bei Rosenkranz, beim LaKiA.; bei Dr. Breust, Seebaß, Röpke; ½ 12 ab Elektr. Brschw. über Hannover zurück 21 an.

Palmer war schon am Dientag, dem 5. Februar, in großer Dunkelheit kurz vor sechs Uhr von Berka nach Göttingen aufgebrochen, hatte dort Familiäres zu erledigen und kam nach 5stündiger Bahnfahrt abends in Wolfenbüttel an, wo er bei Schraders, dem Pfarrer an der BMV Hauptkirche, übernachtete. Am nächsten Tag holte er in Braunschweig Prof. Iwand von der Bahn ab und ging mit ihm ins Marienstift, wo Iwand in Siloah vor der Notbundbrüdern einen Vortrag über „Die Ordnungen der Kirche nach dem Wort Gottes“ hielt. Palmer hatte am 10. Dezember 1945 einen Vortag von Iwand in der Göttinger Bekenntnisgemeinschaft gehört und am 16. Januar 1946 Iwand in Göttingen besucht und die Veranstaltung in Braunschweig eingefädelt.
Hans Joachim Iwand als Referent war für die Landeskirche und auch für den Pfarrernotbund eine gepfefferte Provokation. Die Notbundpfarrer aus dem Osten werden sich gefreut haben, denn Iwand, 1899 geboren, war ab 1923 Studieninspektor im Lutherheim in Königsberg gewesen, hatte sich an der dortigen Albertus Universität habilitiert und seit 1934, mit 35 Jahren, eine Professur für Systematische Theologie in Riga angenommen. Schon ein Jahr später wurde ihm wegen seiner aktiven Teilnahme an der Bekennenden Kirche die Lehrbefugnis entzogen, er gründete in Ostpreußen das Predigerseminar der Bekennenden Kirche, das jedoch 1937 geschlossen wurde. Iwand wurde aus Ostpreußen ausgewiesen und erhielt „Reichsredeverbot“. Er erhielt in Dortmund eine Pfarrstelle an der Marienkirche und war 1938/39 für einige Monate im Gefängnis. Im September 1945 erhielt Iwand eine Professur für Systematische Theologie in Göttingen, wo ihn Palmer aufgesucht hatte. Später gründete Iwand mit seiner Frau in der Nähe von Königslutter in Beienrode das „Haus der helfenden Hände“, in dem ostpreußische Pfarrwitwen untergebracht waren. Iwand starb mit 60 Jahren 1960 in Bonn, wohin er 1952 einen Lehrstuhl angeboten bekommen hatte. Er liegt in Beienrode begraben.
Iwand war ein profunder Lutherforscher, aber sein Lutherverständnis unterschied sich diametral von dem der westdeutschen Lutheraner. Es führte ihn direkt in den Widerstand zum Nationalsozialismus und nicht, wie die lutherischen Bischöfe Marahrens und Meiser in eine, wenn auch spannungsreiche, Partnerschaft mit dem Nationalsozialismus. Nach 1945 suchte Iwand schon sehr früh eine Verständigung mit der Sowjetunion und wurde engagierter Fürsprecher einer weltweiten Friedenspolitik. So stand Iwand nicht nur theologisch, sondern auch kirchenpolitisch quer zur bundesdeutschen Mentalität der Adenauerzeit, die sich allerdings im Februar 1946 noch nicht bemerkbar machte. Aber es war kirchenpolitisch und theologisch ein völlig anderer Geist als jener, der auch im Braunschweiger Pfarrernotbund mit seiner Anhängerschaft an die kirchenpolitische Kompromißlinie von Bischof Marahrens beheimatet war.
OLKR Seebaß war Iwand bereits im August 1945 bei der Kirchenkonferenz in Treysa begegnet, wo Iwand eine Morgenandacht gehalten hatte und sich aktiv bei den Fragen der Eingliederung der Ostpfarrer beteiligt hatte.
Das Thema des Vortrages war ganz nach dem Geschmack Palmers, denn es ging ihm in dieser Zeit um nichts anderes als um die Frage der rechten Ordnung in der Kirche unter dem Wort Gottes. Für Röpke, Seebaß und andere wird dies keine Frage gewesen sein, denn sie mochten darauf verweisen, daß sie in der schwierigen Zeit des Nationalsozialismus für eine gewisse Ordnung in der Landeskirche gesorgt hatten. Was gab es da zu besprechen und zu bedenken?
Der Vortrag ist bisher leider nicht aufgetaucht. Er befindet sich nicht unter den veröffentlichten Schriften Iwands. Palmer verfolgte aber noch eine andere Absicht: wäre Iwand nicht ein geeigneter Bischofskandidat? Das Treffen im Marienstift bot die Gelegenheit zum gegenseitigen Kennenlernen. Der Biograf Iwands, Jürgen Seim, schreibt: „Die lutherische Kirche Braunschweigs suchte einen neuen Bischof; unter den Wunschkandidaten wurde Iwand genannt, aber es scheint nicht einmal zu ernsthaften Verhandlungen gekommen zu sein.“ ( Seim S. 302)
Nach dem Referat gab es eine ausgiebige Aussprache bis zum Mittag. Am Nachmittag und bei „Kaffeegesprächen“ wurde in der Notbundversammlung über die kirchenpolitische Lage in der Landeskirche und die Wahl eines Landesbischofs diskutiert. Am späten Nachmittag traf sich Palmer mit den Abgeordneten Lerche und Linke, und sprach mit ihnen über, wie er notierte, „betr. Johnsen“. Offenbar war die Tatsache, daß sich Bischof Johnsen in Kriegsgefangenschaft befand, ein schweres Hindernis für eine schnelle, endgültige Entscheidung in der Bischofsfrage, wie Palmer sie wünschte und dafür auch den Kandidaten D. Wilhelm Brandt von der Hochschule in Bethel ins Gespräch gebracht hatte. Es war ein langer anstrengender Tag, der wieder in Wolfenbüttel bei Schraders endete.
Am Vormittag des nächsten Tages besuchte Palmer Propst Rosenkranz, der aus gesundheiltlichen Gründen sein Propstamt niederlegen wollte und traf danach im Landeskirchenamt mit den Oberlandeskirchenräten Röpke, Seebaß und Breust zusammen. Es war sein letztes Treffen mit der gesamten Spitze der Braunschweiger Landeskirche vor dem Zusammentreffen des Landeskirchentages. Mittags fuhr Palmer über Braunschweig zurück und war abends um 21 Uhr zu Hause. Die schlichten Eintragungen Palmers dokumentieren die völlig unterschiedlichen Arbeitsbedingungen, mit denen Röpke, Breust und Seebaß in Braunschweig und Wolfenbüttel und Palmer mit stundenlangen Bahnfahrten von und nach Berka ihre Arbeiten für die Landeskirche wahrnahmen. Ob den Wolfenbüttlern oder Braunschweigern die Idee gekommen ist, Palmer ein Auto anzubieten, ist höchst zweifelhaft und nirgends bezeugt..


Der erste Landeskirchentag 12/13. Februar 1946
Die Rolle Palmers beim Landeskirchentag ergab sich aus seinem Amt als Vorsitzender der Kirchenregierung. Er würde den Landeskirchentag eröffnen und im vorhergehenden Gottesdienst die Predigt halten. Es war für Palmer ein besonderes Ereignis, zu dem er dieses Mal seine Frau Luise nach Wolfenbüttel mitnahm.
Keine Eintragung in seinem Tagebuch ist ausführlicher als für diese Tage.
„11.2.46 Montag. Mild, etwas Regen. Vorm. Vorbereitung
1 Uhr mit L. (Luise, d.H.) zu Fuß nach Northeim, bei Sturm und zuletzt Regen.
15.40 ab nach Wolfenb. 20 Uhr an. L. bei F. (Familie, d.H.)P. Oelker, ich wieder bei P. Schrader (Hauptkirche)

12.2.46 Dienstag. Aufklärend.10 Uhr Eröffnungsgottesdienst in der B.M.V., ich predige, Liturgie P. Schütze.11 Uhr „Behördenempfang“ im Gemeindehaus. Vertreten sind Engl. Mil. Reg. Staatsministerium, Stadt. Danach offizielle Eröffnung des L.Ki.Tages durch mich.
Mittagessen in der Gemeinschaftsküche. Nachm. Information in Wahlkreis Untergruppen und inoffizielle Beratung betr. Wahlen des Präsidiums, der Ausschüsse und der KiReg, einschließlich des Bischofs.
Abends mit Erdmann und Rohlfs bei dessen Mutter.

13.2.46 Mittwoch
9 – ½ 12 Fortsetzung der inoffiz Beratung und unverbindl. (?) Abstimmung. ½ 12 Offiz Sitzung Endgültige Wahl von Bischof u. KiReg. mit Ausschaltung Dr. Johnsen wird gegen 4 oder 5 Stimmen abgelehnt. Eine neue provisorische KiReg, erweitert auf 7 Mitglieder, wird gebildet (Erdmann- Rohlfs – Herdieckerhoff –Ernesti – Strothmann – Breust – Linke). Ich stimme als einziger dagegen. Erdmann wird „Landeskirchenpräsident“. Ein Ausschuß soll bis spätestens 1.10., nach Möglichkeit früher, Vorschläge zur Bischofswahl machen.(Damit hat der L.Ki.tag die endgültige Lösung vertagt, was jetzt werden kann, ist völlig ungewiß, vielleicht ist eine „Sternstunde“ verpaßt. Ob der zum Kommen bereite Dr. Brandt – Bethel auch „später“ noch bereit sein wird, ist ungewiß. Die mir dringend ans Herz gelegte Übernahme des 1. Präsidenten des LaKitages lehnte ich ab.
2 gemeinsames Mittagessen; ich gehe zu Br. Oelker, fahre mit L. 17.40 ab bis Hildeshausen, kurz bei Lehrer Bock, dann nach Kirchberg, dort Übernachtung.“

Palmer hatte sich seit Sonntag Nachmittag (10.2.) auf den Landeskirchentag vorbereitet. Am Montag Nachmittag fuhr er nach einem mehrstündigen Fußmarsch mit seiner Frau bei Sturm und Regen von Northeim nach Wolfenbüttel, wo beide nach gut vierstündiger Bahnfahrt ankamen. Frau Palmer übernachtete bei Familie Oelker, Ottmar Palmer bei Otto Schrader, der seit 1938 an der Hauptkirche mit Otto Rosenkranz Pfarrer war.


Der Eröffnungsgottesdienst
Am Dienstag vormittag hielt Palmer in der Hauptkirche den Eröffnungsgottesdienst, zu dem sich außer den Abgeordneten seinem Eindruck nach nur wenige Gemeindemitglieder von der Hauptkirche eingefunden hatten. Der Protokollführer Wedemeyer schrieb hingegen im Protokoll von einem „feierlichen, auch von der Gemeinde gut besuchten Gottesdienst“.

Palmer war an diesem Tag unter den Abgeordneten des Landeskirchentages zwar nicht der an Jahren Älteste, er war aber der Dienstälteste. Palmer war, als er 1916 nach Blankenburg kam, als Nachfolger des Superintendenten und Landeskirchentagsmitgliedes Kellner ebenfalls in den Landeskirchentag gewählt worden und hatte an der Sitzung am 28. November 1916 teilgenommen. Palmer konnte 1946 auf eine 30 jährige Synodenarbeit zurücksehen. Er gehörte dann als Mitglied der kirchlichen Rechten dem Landeskirchentag 1924 -1933 an, der mit dem neuen Landesbischof Bernewitz und dem neuen Landeskirchenamt die Grundlagen für eine vom Staat unabhängige Landeskirche gelegt hatte. Keiner konnte auf eine derart ausgedehnte Synodenarbeit zurücksehen. Palmer kam in seiner Predigt mit keinem Wort darauf zu sprechen. Es wird auch keinem der Anwesenden bewußt gewesen sein.
Er stand außerdem auf der Kanzel, auf der er als Gemeindepfarrer der Wolfenbüttler Marienkirche1908 bis 1916 gestanden hatte, nunmehr nicht als Gemeindepfarrer, sondern als Vorsitzender der Kirchenregierung seiner Braunschweiger Landeskirche. Es war seine erste Predigt in der Braunschweiger Landeskirche nach seinem Weggang aus Helmstedt im Jahre 1937. 1933 von Landesbischof Beye und danach vom seinerzeitigen Vorsitzenden der Kirchenregierung OLKR Dr. Breust 1934 unanständig aus dem Dienst für die Landeskirche herausgedrängt, saß jetzt Dr. Breust unter seiner Kanzel.

Die Liturgie in diesem Gottesdienst hielt Pfr. Ernst August Schütze von der Johanniskirche.


Die Predigt am Eröffnungstag
Die Predigt, die Palmer an diesem Tag gehalten hat, ist handschriftlich erhalten und im Quellenteil vollständig wiedergegeben.
Die Predigt ist eine Textauslegung der Geschichte von der ersten Predigt Jesu in Nazareth Lukasevangelium Kap.4,16-21. Jesus schlägt die Buchrolle des Propheten Jesaja auf und zitiert als den Auftrag des Propheten die Verkündigung des Gnadenjahres des Herrn. Mit Jesus ist die Frohe Botschaft, den Armen das Evangelium zu predigen und den Gefangenen die Freiheit, erfüllt.
Palmer, der die großen Gegenüberstellungen liebte, ging aus von dem Bild eines spanischen Malers, das eine aus einem Leichenfeld herausragende, verweste Hand darstellt, die an den pechschwarzen Himmel das Wort „Nichts“ schreibt. Der Nationalsozialismus wurde als eine Periode des Nihilismus gedeutet. Dem „Nichts“ habe die Kirche das Wort „Christus“ entgegenzusetzen und Palmer stellte die kritische Frage, ob die Kirche dieses Wort in den 12 Jahren des Nihilismus genügend bekannt und gebetet hätte. „Haben wir es genug hineingesagt in die Versuchung, den himmelstürmenden Übermut der vergangenen Jahre, in die Gottlosigkeit und die Gewissenlosigkeit, an der wir zu Grunde gegangen sind?“

Die Deutung des Nationalsozialismus als Nihilismus entsprach keineswegs dessen Selbstverständnis, Hitler selber war im Stande eines gläubigen Katholiken gestorben, der Papst hatte vermieden, ihn zu exkommunizieren, es gab zwar einen spürbaren kirchenfeindlichen Flügel in der nationalsozialistischen Bewegung, aber allein aus innenpolitischen Gründen hatte Hitler seit 1939 Burgfrieden mit den Kirchen geschlossen und das religiöse Vokabular Hitlers war von Bischöfen als Hinweis auf eine religiöse und keinesfalls nihilistische Persönlichkeit gedeutet worden. Die Definition des Nationalsozialismus als Nihilismus und Hitlers als Nihilist konnte ein begreiflicher Versuch nach 1945 sein, auf Distanz zu Hitler zu gehen.

Palmer schloß in die Schuld des mangelnden Bekennens alle ein. Die Gegensätze von Bekennender Kirche und Deutschen Christen und der opportunistischen kirchlichen Mitte wurden gegenüber der Schuld aller völlig eingeebnet.
Allen gelte daher die Offenbarung des erlösenden und vergebenden Gottes. Palmer verglich die Situation des in der babylonischen Gefangenschaft befindlichen, ebenfalls unfreien Volkes Israel mit der Lage des unfreien, besetzten deutschen Volkes. Christus kam nicht mit Gesetzen sondern mit Vergebung. Palmer grenzte sich wie schon bei der Predigt am 26. September 1945 gegenüber den Siegern mit ihren Programmen und Wiedergutmachungsgesetzen ab.
Ihnen gegenüber habe die Kirche nur den Armen das Evangelium zu predigen. Palmer zählte nun die verschiedenen geschundenen, auf der Flucht befindlichen, entmutigten Bevölkerungsgruppen auf und stellte ihnen das Gnadenjahr des Herrn gegenüber. Die Stunde der Kirche wäre nicht dann, wenn sie sich den Großen anpassen konnte, sondern jetzt sei die Stunde der Kirche, den friedlos gewordenen Menschen den Frieden Gottes zu verkündigen. Die Verkündigung dieses Evangeliums bewähre sich in der diakonischen Nächstenliebe.
Palmer schloß mit einer Aufforderung, nur solchen Abgeordneten Verantwortung zu geben, die auch den geistlichen Auftrag wahrzunehmen verstünden, den Kräften des Evangelium den Weg zu bahnen. Das konnte als ein Wink gegen die Macher, Organisatoren und Reparateure verstanden werden, die das kirchliche Leben in den Nachkriegsmonaten als rivalisierende Machtkonstella- tionen und nicht unter dem Wort des Evangeliums verstanden.

Diese durch und durch christuszentrische Predigt konnte ein guter Neubeginn sein. Er sagte ein klares Wort gegen den Nationalsozialismus und bot damit die Gelegenheit zur Distanzierung, nachdem die eigene Schuld benannt worden war. Er reichte den theologischen und kirchenpolitischen Widersachern die Hand, er verzichtete auf jede Art von Abrechnung und Rechthaberei, er betonte die Gemeinsamkeit der Schuld und eine neue, gemeinsame Aufgabe

Im Rundbrief an die Mitglieder des Pfarrernotbundes Ende März 1946 kam Palmer auf den Gottesdienst zu sprechen. Er schrieb: „Zum äußerlichen Rahmen des verflossenen Landeskirchentages sei noch erwähnt, daß der Beschluß „der vorläufigen (nunmehr natürlich aufgelösten) Ki.Reg. den Landeskirchentag in das „unzerstörte“ Wolfenbüttel – das alte kirchliche Zentrum der Landeskirche – zu berufen, sich doch als sehr glücklich herausstellte. In der alten Hauptkirche versammelte sich mit den Abgeordneten eine freilich nicht sehr zahlreiche Gemeinde. Ich habe dabei über Luk. 4,16-20 gepredigt, und zu zeigen versucht, daß auch den Menschen unserer Tage nichts so not tue, als das Evangelium von dem, der gekommen ist, die Zerschlagenen zu heilen, den Gefangenen zu predigen, daß sie los sein sollen und zu verkündigen das angenehme Jahr des Herrn. In dem schönen Gemeindehaus der Hauptkirche B.M.V. fand sodann die feierliche Eröffnung statt...“(PNB 9/1946/3)

Beim anschließenden Empfang begrüßte Pfarrer Erdmann als stellvertretender Landesbischof Captain Clark von der Militärregierung, Oberlandesgerichtsrat Wanstrat für den erkrankten Ministerpräsidenten Schlebusch und den Wolfenbüttler Bürgermeister Mull. Captain Clark wurde gebeten, auf seine Ansprache zu verzichten. Sie würde in englisch und deutsch den Abgeordneten schriftlich zugestellt. Es ist erstaunlich, daß sich der Captain darauf eingelassen hat, denn seine Ansprache dauerte höchstens 4 Minuten.


Die Eröffnungsansprache
Um 11.50 eröffnete Palmer die Sitzung des Landeskirchentages und schilderte laut Protokoll die Ereignisse, die zum Rücktritt der Kirchenregierung geführt hätten. Er rechtfertigte die Bildung von Einheitslisten und lobte über die Maßen die Haltung des Landeskirchenamtes in der nazistischen Vergangenheit. Protokollführer Pfr. Wedemeyer vermerkte: „Nach einem Rückblick auf den Kampf gegen die getarnt oder offen die Kirche angreifenden und zerstörenden Mächte dankte der Redner für die Treue sowohl aller kirchlichen Kreise des Landes als auch des Landeskirchenamtes, deren gemeinsamer Standhaftigkeit trotz größter Gefährdung und Anfechtung die Rettung unserer Landeskirche gelungen sei.“
Ob diese haarsträubende Übertreibung wirklich Palmers Worte und Gedanken waren oder mehr die Interpretation des Protokollführers muß dahingestellt bleiben. Denkbar ist beides und ist eine grobe Verzerrung der landeskirchlichen Wirklichkeit im Nationalsozialismus, die ungeniert auf Kooperation mit der Obrigkeit ausgerichtet war. Gerade dieses geordnete Nebeneinander von Kirche und Nationalsozialismus, insbesondere die Fixierung der Kirche auf die Person Hitlers als von Gott gegebene Obrigkeit erzwangen in den ersten Nachkriegsmonaten heftige Abwehrbewegungen seitens der kirchlichen Vertreter. Das galt vor allem für die Kirchen der intakten lutherischen Mitte, also die hannoversche und die bayerische Landeskirche.

Palmer fuhr fort: nun müsse die Kirche im Gefühl der neuen Freiheit, aber auch im Bewußtsein tiefer Schuld und vielen Versagens aus der Unordnung in die Ordnung zurückgeführt werden. Dazu sei die Arbeit des Landeskirchentages mitbestimmend. Große und entscheidende Aufgaben seien zu bewältigen: Prüfung des Gesetzgeberischen, die Sicherung der finanziellen Grundlage, die Freiheit in der Verkündigung des Evangeliums, die Seelsorge an unserem leidgeprüften Volk und der Kampf gegen die erschütternde leibliche Not der Flüchtlinge. Alles dies aber könne nur gelingen, wenn die vornehmste Aufgabe – die Schaffung einer neuen geistlichen Leitung der Landeskirche – im vollen Bewußtsein der Verantwortung gelöst würde. Damit war Palmer zum zweiten Mal ziemlich unverhüllt auf die ihm vor allem dringliche Aufgabe einer raschen Besetzung des Bischofsamtes zu sprechen gekommen.


Ausschußarbeit
Danach nahm Palmer die feierliche Verpflichtung sämtlicher Abgeordneten durch Handschlag vor und der Landeskirchentag vertagte sich auf den Mittag des nächsten Tages, um viel Zeit für interne Besprechungen zu lassen. In seinem Märzrundbrief an die Notbundpfarrer schrieb Palmer „von höchst persönlichen Debatten“ und „zeitweise recht schweren und spannenden Auseinandersetzungen“. Da es noch keine Ausschüsse gab, wird auch eine Strukturierung der Gespräche und die Zusammensetzung der Gesprächsteilnehmer offen gewesen sein. Palmer leitete eine Gruppe und beklagte in einem Schreiben an D. Walter Lerche später die mangelnden Informationen in den anderen Gruppen.

Hauptthema der Gruppenarbeit war die Frage einer Bischofsnachfolge gewesen, die gar nicht auf der Tagesordnung stand. Es standen mehrere Möglichkeiten zur Debatte: der radikale Vorschlag Palmers, einen Bischof in dieser Sitzung zu wählen, und zwar D. Wilhelm Brandt. Der andere Vorschlag war, eine Bischofswahl aus Rücksicht auf den kriegsgefangenen Landesbischof Johnsen auf das Jahresende zu verschieben. Als Kompromißvorschlag konnte es angesehen werden, einen Interimsbischof bis zur endgültigen Lösung der Bischofsfrage zu wählen. Dem stand die Verfassung entgegen, die ein solches Amt nicht vorsah. Dieses Hindernis hatte Amtsgerichtsrat Linke indes schon aus dem Wege geräumt, indem er als Zwischenlösung das Amt eines Landeskirchenpräsidenten erfand, und einen entsprechenden Gesetzestext vorbereitet hatte. Das war der gemäßigte Vorschlag der „Mitte“. Offen war, wer sich als „Zwischenbischof“ zu Verfügung stellen würde. Denn einerseits war diese Wahl ein Vorgriff auf die endgültige Besetzung des Bischofsamtes, andrerseits konnte es für einen schwachen Kandidaten auch tatsächlich nur eine Platzhalterfunktion bis zur endgültigen Lösung bedeuten, was keine verlockende Aussicht war. Es war ein in der Evangelischen Kirche in Deutschland einmaliger Vorgang.


Palmer verzichtet auf das Amt des Präsidenten des Landeskirchentages
Die Sitzung des Landeskirchentages wurde am 13. Februar mittags fortgesetzt und begann mit einer Überraschung. Es wurde nicht Palmer zum neuen Präsidenten gewählt, sondern auf Vorschlag von Pfr. Erdmann einstimmig der Mühlenbesitzer Mackensen aus Gr. Heere. Palmer war seinen Tagebuchaufzeichnungen nach sehr bedrängt worden, den Vorsitz zu übernehmen, hatte aber diesen Vorsitz abgelehnt, da sich bereits intern herausstellte, daß sich die Kirchenpolitik in eine andere als von ihm erwünschte Richtung bewegen würde.
Nach der Wahl des Präsidiums schlug Propst Ernesti sämtliche Mitglieder der vier zu bildenden Ausschüsse vor (Rechtsausschuß, Finanzausschuß, Bittschriftenausschuß und Wahlprüfungsausschuß), auf die sich die Abgeordneten geeinigt hatten, und die en bloc gewählt wurden. Kirchenrat Otto Jürgens, Braunschweig, der bald Propst von Braunschweig wurde, gehörte als einziger zwei Ausschüssen an, und wurde im Anschluß an die Sitzung zum Vorsitzenden des Finanzausschusses gewählt, was er auch sehr lange blieb. Er wurde zu einem der einflußreichen Mitglieder des Landeskirchentages bis 1964. Die Mitglieder der BK stellten die Mehrheit im seelsorgerlich vielleicht wichtigen, aber kirchenpolitisch unbedeutenden Bittschriftenausschuß.

Erstaunlicherweise verabschiedete der Landeskirchentag keine Geschäftsordnung. So konnte jeder Abgeordnete einen Antrag stellen. Davon wurde nun eifrig Gebrauch gemacht und von Rohlfs ein Bauausschuß beantragt, was an den Finanzausschuß überwiesen wurde, von Strothmann ein Ausschuß „für die Zusammenarbeit mit den anderen Landeskirchen“, der einstimmig mit den Abgeordneten Wiesenfeldt, Strothmann und Lerche besetzt wurde. Eigentlich war für eine solche Aufgabe der Landesbischof zuständig, aber es wurden im Zusammenhang mit der Bildung eines Landes Niedersachsen auch Vorstellungen über eine gemeinsame evangelisch-lutherische Kirche auf niedersächsischem Gebiet laut. Der Abg. Herdieckerhoff beantragte einen Beirat für das Referat II, Gemeindedienst, der vor allem aus Mitarbeitern der kirchlichen Werke bestehen sollte, die nicht dem Landeskirchentag angehören müßten. Der Beirat wurde einstimmig beschlossen und bereits Personenvorschläge genannt.


Die Wahl Erdmanns als Landeskirchenpräsident
Amtsgerichtsrat Linke legte ein verfassungsänderndes Gesetz vor, mit dem eine Bischofswahl aufgeschoben und als Übergang ein „Landeskirchenpräsident“ gewählt werden sollte. Die Kirchenregierung sollte auf sieben Personen erweitert und zur „Vorbereitung der Bischofswahl“
ein vierköpfiger Ausschuß aus der Mitte des Landeskirchentages gewählt werden. Diese Formulierung ging der Mehrheit des Landeskirchentages zu weit und änderte ihn um in: „Zur Prüfung der Bischofsfrage“. Es wird ein Ausschuß eingesetzt. Die Mehrheit des Landeskirchentages wollte ganz offensichtlich keine schnelle Entscheidung in Abwesenheit des kriegsgefangenen Landesbischofs Johnsen. Palmer dagegen, der sich 1937 im Unfrieden mit Johnsen getrennt und gegen dessen ausgesprochenen Wunsch die Landeskirche verlassen hatte, beabsichtigte eine rasche Entscheidung in der Bischofsfrage. Palmer konnte dagegen eine schnelle Lösung damit begründen, daß Johnsen als Bischof gegen die Militärregierung nicht durchsetzbar gewesen wäre, und ein „Kandidat von außen“ aus einer Landeskirche am ehesten für einen neuen Anfang ohne falsche Rücksichten hätte sorgen können. Andrerseits war es sehr schwierig zu erklären, daß Johnsen zurücktreten und Röpke als dessen Stellvertreter in seinen Ämtern bleiben konnte. Für Röpke und Dr. Breust war ein Kandidat von außen sehr viel schwieriger einzuschätzen und für die eigene Machtkonstellation eher ein Unsicherheitsfaktor. Mit 30 Ja-Stimmen und vier Nein-Stimmen wurde in namentlicher Abstimmung das verfassungsändernde Gesetz angenommen. Die Neinstimmen kamen von Palmer und Schwarz aus Helmstedt und Rechtsanwalt Dr. Müller aus Schöningen. Einstimmig wurde laut Protokoll auf Vorschlag von Präsident Mackensen Pfr. Erdmann als Landeskirchenpräsident gewählt. Aus den Lebenserinnerungen Palmers könnte der falsche Eindruck entstehen, daß Palmer auch gegen Erdmann als Landeskirchenpräsident gestimmt hatte.


Palmers einsame Stimme gegen die neue Kirchenregierung
Gegen die einzige Stimme von Palmer hingegen wurde die neue vorläufige Kirchenregierung gewählt, die sich von Amts wegen aus Erdmann und Dr. Breust und den nunmehr gewählten neuen Mitgliedern Ernesti, Rohlfs, Herdieckerhoff, Linke und Strothmann zusammensetzte. Mit Ernesti und Linke war die Kontinuität zu den früheren Kirchenregierungen gewahrt, Rohlfs und Herdieckerhoff waren Mitglieder des Pfarrernotbundes, aber mehr als problematisch war für Palmer, daß Dr. Breust und Dr. Strothmann in die Kirchenregierung gewählt worden waren. Da en bloc abgestimmt wurde, bestand keine Möglichkeit, einzelne Mitglieder aus dem Angebot der Kirchenregierung herauszuwählen. Strothmann war der engste Mitarbeiter Johnsens gewesen. Sollte seine Wahl für den kriegsgefangenen Bischof ein Signal sein, daß sein Kurs der Mitte unter anderen politischen Verhältnissen beibehalten werden sollte? Strothmann war 1939 kirchlicher Generalbevollmächtigter für das Aufbaugebiet in Salzgitter geworden und ein zuverlässiger Mitläufer im NS-System. Mit der Wahl Strothmanns war eine Zusammenarbeit Palmers mit dieser Kirchenregierung nicht mehr gegeben. „Aufs ganze gesehen kann von uns die Zusammensetzung der jetzigen Kirchenregierung nur als unbefriedigend angesehen werden,“ schrieb Palmer im Märzrundbrief an die Notbundbrüder. „Unsere Abgeordneten im L.K.Tag haben ihr auch nur schweren Herzens und nicht einstimmig beigepflichtet.“

Nach den Wahlen dankte Propst Ernesti dem neuen Landeskirchenpräsidenten Erdmann „für den uneigennützigen Dienst, den er der Landeskirche zu leisten gewillt sei“, und spielte damit womöglich auf die Vorläufigkeit dieser Tätigkeit an.

Sonderbarer Weise erklärte Palmer nach den Wahlen förmlich den Rücktritt der bisherigen Kirchenregierung. Das hatte sich durch die Wahl der neuen Kirchenregierung eigentlich erübrigt und erweckte den Eindruck, als ob Palmer von seinem Landeskirchentagsmandat zurücktreten würde. Der Präsident Mackensen glättete das Mißverständnis, indem er Palmer und den Mitgliedern der bisherigen ersten Kirchenregierung für die geleistete Arbeit dankte.


Weitere Anträge
Es gab noch fünf weitere Anträge zur Verlängerung der Amtszeit der Kirchenvorstände, zur Papierbeschaffung, zur Überprüfung von Gesetzen und Verordnungen seit dem Sommer 1933, ein Antrag von Dr. Strothmann, die Leitung der Landeskirche möge alles tun, „um bei den entscheidenden Stellen den Briefverkehr der Kriegsgefangenen und politischen Gefangenen mit ihren Angehörigen, sowie den Briefverkehr mit den Ostgebieten in der polnischen Zone zu erwirken,“ wurde „warm begrüßt“ und einstimmig angenommen.

Ein besonders aktuelles Problem wurde noch in der Aussprache aufgegriffen. Es fällt auf, daß sich unter den Abgeordneten des Landeskirchentages keine Flüchtlinge befanden. Das konnte so verstanden werden, daß diese sowieso nur vorübergehend im Westen bleiben und in absehbarer Zeit in ihre alte Heimat zurückkehren würden. Es konnte auch eine Unachtsamkeit der Kreiswahlleiter gewesen sein. Nun wurden aus Flüchtlingskreisen zwei Anträge über Propst Rauls in den Landeskirchentag eingebracht, an die Ausschüsse verwiesen und OLKR Röpke wurde vom Abgeordneten Lenz aufgefordert, über die Beschäftigung von Ostpfarrern zu berichten. Röpke berichtete, daß die Landeskirche eine „außerordentlich weitgehende Hilfe für die geflüchtete Pfarrerschaft“ leiste. Von den 31 in den Dienst genommenen Pfarrern erhielten 22 einen Gehaltsabschlag von 200 RM und neun ein volles Gehalt. Außerdem würden 13 Pfarrer i.R. und 39 Pfarrerswitwen versorgt. Das war aus der engeren Perspektive des Personalreferenten gesehen, dem ein Blick für die belebende Wirkung der Braunschweiger Kirchengemeinden durch die Teilnahme der Flüchtlinge an Gottesdiensten und kirchlichem Leben nicht verschlossen geblieben sein konnte.

Nach zwei Stunden war die Sitzung des Landeskirchentages um 13.55 bereits beendet. Für Palmer war eine Sternstunde verpaßt. Er verließ mit seiner Frau Wolfenbüttel und übernachtete bei seinem Freund und neuem Kirchenregierungsmitglied Alexander Rohlfs in Kirchberg.


Ein Briefwechsel Lerche-Palmer
Einen Tag nach dem Landeskirchentag schrieb Dr. Walter Lerche an Palmer und bat ihn, auf keinen Fall das Mandat niederzulegen. „Im Laufe der Verhandlungen wurde mir zunehmend klar, daß Sie über das Ergebnis der Abstimmungen eine gewisse Enttäuschung oder Mißstimmung empfanden Und Ihre Erklärung, Sie wüßten noch nicht, ob Sie Ihr Mandat noch länger würden ausüben können, machte dieses noch deutlicher.“ Lerche sah die Gefahr, daß auch andere Abgeordnete ihr Mandat niederlegen könnten. Aber die Stimme Palmer habe „ein besonderes Gewicht.“ „Ich möchte Sie deshalb recht herzlich bitten, Ihren Standpunkt, falls er wirklich in der von mir gedachten Richtung liegen sollte, doch nochmals zu überprüfen, und zwar im allgemeinen Interesse unserer Landeskirche“.(iFb)
Der Brief macht deutlich, daß Palmer mit seiner Rücktrittserklärung der Kirchenregierung nach der Wahl der neuen Kirchenregierung und nach der Zustimmungserklärung von Erdmann zum Amt eines Landeskirchenpräsidenten zum Abstimmungsergebnis selber noch einmal Stellung nehmen und die Möglichkeit seines Rücktritts als Folge der eben getroffenen personellen Entscheidungen kundtun wollte. Das war offenkundig der Kern seiner Wortmeldung, die vom Protokollführer Pfr. Max Wedemeyer im offiziellen Synodenprotokoll verschwiegen wurde. Offensichtlich hatte diese Erklärung auf einige Abgeordnete Eindruck gemacht. (Brief Lerche an Palmer vom 14.2.1946, iFb).
In seiner Antwort an Lerche vom 18.2.1946 beklagte Palmer, daß die weltlichen Abgeordneten keine deutliche Vorstellung von der Entwicklung in der Landeskirche seit 1933 hätten, ohne die jedoch ein Verständnis für die gegenwärtige Lage nicht möglich wäre. Die Unterschiede von Deutschen Christen, Pfarrernotbund und kirchlicher Mitte wären unbekannt. „Wenn Ernesti sagt, er und seine Freunde hätten auch stets zu „bekennenden“ Leuten gehört, sie hätten sich nur nicht äußerlich organisiert, so muß ich dem entschieden widersprechen“. Überall in der Ev. Kirche in Deutschland würde ein Führungsanspruch der Bekennende Kirche anerkannt, nur in der Braunschweiger Landeskirche wäre eine sehr eigentümliche Lage entstanden. „In einer aus 7 Köpfen bestehenden Kirchenregierung sitzen drei Herren, von denen der eine (Dr. Strothmann) 1934 als Adjutant des von Reichsbischof Müller nach Braunschweig delegierten Dr. Johnsen auftauchte, also durchaus aus dem Lager der DC stammte, der Andere (Propst Ernesti) meines Wissen nie gegen den falschen kirchlichen Kurs deutlich und öffentlich aufgetreten ist, der Dritte (Dr. Breust) bis zu seiner Beurlaubung im Frühjahr 1934 als Mitglied der Kirchenregierung und des Landeskirchenamtes für alle unkirchlichen Gesetze und Maßnahmen mit verantwortlich war und sie mit seinem Namen deckte.“ Der Landeskirchentag habe eine Sternstunde verpaßt, als er die „Lex Johnsen“ aufgeschoben und keine endgültige Entscheidung in der Bischofsfrage etwa durch die Wahl von D. W. Brandt, „einem anerkannten Führer der B.K.“ getroffen habe. Palmer befürchtete, daß die Kirchenregierung nicht Kurs halten werde „insbesondere in der m.E. unerläßlichen Sichtung der Männer an leitender Stelle, also der Pröpste u.a.!“ Dem Ziel, durch eine von einem neuen Bischof geistlich erneuerte Pfarrerschaft frischen Wind in die Landeskirche zu bringen, wäre der Landeskirchentag ferne gerückt. Eine Mitverantwortung für den jetzigen Weg wolle Palmer nicht übernehmen und, „sehe daher keinen anderen Weg, als denjenigen, mein Mandat niederzulegen.“
In seiner Antwort vom 27.2.1946 wiederholte Lerche seine Bitte, daß Palmer sein Mandat „im Interesse der Kirche“ nicht niederlegen möchte. Es bliebe „doch Ihre Stimme und das Gewicht dessen, was Sie aus tiefster Überzeugung und Verantwortungsbewußtsein zu sagen haben werden, nicht ungehört und nicht ohne Wirkung.“ Lerche verteidigte allerdings auch die Übergangslösung, zumal unmittelbar nach dem Landeskirchentag ein Lebenszeichen von Johnsen eingetroffen wäre, „dessen Schicksal ungewiß ist und über den man nicht einfach in absentia hinweggehen konnte.“(iFb)


Der düstere Eindruck Palmers von der Sitzung des Landeskirchentages
In einem Brief an Erdmann vom 20.2.1946 wiederholte Palmer seinen düsteren Eindruck von der Tagung des Landeskirchentages. Sie sei ein Desaster, ein schwarzer Tag für die Kirche, ein Fehlschlag und ein Mißerfolg für die Bekennende Kirche. Palmer sah den Grund für diesen Mißerfolg in der mangelnden Information der weltlichen Abgeordneten, weiterhin darin, daß es in der Landeskirche „keine wirklichen Bekennenden Gemeinden“ gegeben hätte. Offenbar hatte es kein Bewußtsein und Erleben von „Kirchenkampf“ in den Gemeinden gegeben. Aber Palmer sah auch einen Grund bei Erdmann selber, nämlich „daß ich mir deine Stellungnahme und Beteiligung an der Debatte doch zum Teil entschiedener gewünscht hätte.“ Dann wiederholte Palmer sein vernichtendes Urteil über Ernesti, Strothmann und Dr. Breust. Palmer schrieb zum Schluß auch leicht zweifelnd von seiner „vielleicht sehr unpolitischen Haltung“.
Palmer sah aber nicht die Widersprüche zu seinem eigenen Vorgehen und seinen Predigten und Ansprachen. Der Nationalsozialismus hatte den Gemeinden gerade nicht das Gefühl eines „Kirchenkampfes“ vermittelt. Es gab Schwierigkeiten für die Pfarrer, es gab Unerträglichkeiten mit den Finanzbevollmächtigten, aber im großen und ganzen hatte die Bevölkerung vom braunen Wirtschaftswunder 1935-1937 profitiert, der Krieg hatte sie bis Sommer 1940 in einen Siegestaumel versetzt und das Kriegsende noch enger zusammenrücken lassen, und Adolf Hitler präsentierte sich nicht als Atheist sondern als christlich verbrämter Staatsmann. Wo sollten da in der Braunschweiger Landeskirche kirchenkämpferische Töne herkommen? Daher war die Beschwörung des Kirchenkampfes in den Predigten und Ansprachen und die Verteufelung des Nationalsozialismus für die große Mehrheit auch in der Landeskirche nicht nachzuvollziehen und noch viel weniger bei den Laien. Der Verzicht Palmers in seiner ersten Ansprache vor der Pfarrerschaft im September 1945 auf die schweren Verirrungen der Deutschen Christen, die von Dr. Breust und von den Pröpsten Kellner, Blankenburg und Gremmelt, Oelper gefördert worden waren, aufmerksam zu machen und daß eine sofortige Selbstreinigung der Landeskirche einen zeitweiligen Berufsverzicht unabdingbar machten, war ein schwerer Fehler und leitete eine Entwicklung ein, deren Ende Palmer als Fehlschlag beklagte. Er hatte ihn selber mit eingeleitet. Vor allem war dann in der öffentlichen Debatte während der Sitzung des Landeskirchentages von den Abgeordneten des Pfarrernotbundes feige geschwiegen worden. Niemals hätte es zu einem poetischen, harmlosen, geschönten Protokoll kommen können, wenn die „Verdienste“ von Dr. Breust um den Nationalsozialismus in der Landeskirche, insbesondere im Sommer 1934, in der Debatte öffentlich benannt worden wären. Die klaren Worte in persönlichen Briefen nach der Sitzung waren gewiß nicht falsch, aber kirchenpolitisch wirkungslos.

So war dieser erste Landeskirchentag nach dem Krieg im Februar 1946 eine Enttäuschung für Palmer, und stellte die Weichen für eine Entwicklung, die der Pfarrernotbund am Anfang hätte verhindern können, nun aber unaufhaltsam auf eine Weiterführung des „Kurses der Mitte“ und der theologischen Mittelmäßigkeit hinauslief.



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