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[Kirche von unten]

Ottmar Palmer 1873 - 1964

Versuch einer Annäherung und Deutung

4. Kapitel


Predigt und Seelsorge im 1. Weltkrieg


Palmer erlebte den Beginn des ersten Weltkrieges in Wolfenbüttel und sein Ende in Blankenburg. Beide Städte waren Garnisonstädte. Palmer hatte 1895-96 eine einjährige militärische Ausbildung erhalten und meldete sich pflichtgemäß nach der allgemeinen Mobilmachung Juli 1914 zum Kriegseinsatz, wurde aber zurückgestellt. Was für die Familie und die Kirchengemeinde ein Glücksfall war, sah Palmer eher als Zurücksetzung an. Ausführlich berichtet Palmer in seinen Erinnerungen aus dem Abstand von 35 Jahren von den Spuren des 1. Weltkrieges in der Gemeindearbeit.

Über Palmers Haltung zum Krieg informieren außerdem sechs in der Wolfenbüttler Zeit in Druck gegebene Predigten aus den Jahren 1914/15, außerdem vierundzwanzig von Palmer so genannte „Kriegsnummern“ des Gemeindeblattes für die Hauptkirche BMV (1914-1916) und vierzehn Ausgaben des Blankenburger Gemeindeblattes „Die Bergkirche“ (1917-1918).

Eine Würdigung ist schwierig, weil sich die Auffassung vom Staat grundlegend geändert hat. Während der Staat heute von seinem Zweck definiert wird, die öffentlichen und allgemeinen Angelegenheiten zu ordnen, wobei die Mehrheit der Bürgerinnen und Bürger durch die Wahl eine Regierung legitimiert, galten Staat und Ehe seit dem 19. Jahrhundert als besondere Schöpfung Gottes. Der Staat hatte metaphysischen Charakter. Daraus folgte eine heute eher befremdliche überhöhte Auffassung vom Vaterland. Das Vaterland galt als ein Heilsgut. Als unmittelbare Schöpfung Gottes mit seinem ewigen Kern wurde dem Vaterland Heiligkeit zugesprochen. „Heilig Vaterland in Gefahren“, dichtete Rudolf Alexander Schröder 1914. Folgerichtig war der Einsatz für das Vaterland eine Art Gottesdienst. Dem Tod für das Vaterland folgte wie bei den Märtyrern die ewige Seligkeit, denn es war ein Tod für ein Glaubensgut, das Vaterland. (MzA 16 f)

Diese Lehre vom Staat als Schöpfungsordnung wurde verknüpft mit einem kriegerischen Gottesbild, einem „Gott, der Eisen wachsen ließ“, das in den Freiheitskriegen von Theodor Körner und Ernst Moritz Arndt in vaterländischen Liedern verbreitet wurde. Die Hochschätzung von Staat, Nation und Vaterland erlebte seit der Reichsgründung 1871 eine fast krankhafte Übersteigerung. Protestantismus und Nation galten als unauflösbar miteinander verschmolzen. Es entstand der sog. Nationalprotestantismus.


Die Debatte um die Kriegsschuld
Ein Verständnis der Kriegspredigten hängt auch ab von der Geschichtsschreibung über die Ursachen und den Beginn des 1. Weltkrieg, die in den letzten 50 Jahren erhebliche Korrekturen an dem bisher gängigen Geschichtsbild vorgenommen hat. Seit der sog. Fritz-Fischer-Debatte in den 60iger Jahren über die Mitschuld der kaiserlichen Regierung am Beginn des Weltkrieges lautet der Grundtenor, daß die deutsche Regierung keineswegs in den Weltkrieg „geschliddert“ ist, sondern ihn hätte vermeiden können, aber keinesfalls vermeiden wollte.

Ein Krieg mit den europäischen Großmächten wurde nämlich seit vielen Jahren in der Öffentlichkeit diskutiert. Besonders die von Wilhelm II. eingeleitete „neue Politik“ zielte auf eine weltpolitische Bedeutung des Deutschen Reiches, auf einen „Platz an der Sonne“. Aus dem Deutschen Reich sei eine Weltreich geworden. Mit diesen Phrasen verbanden sich zunächst keine konkreten Kriegsziele, zumal das Deutsche Reich nach dem Krieg von 1870/71 bereits im Westen im Besitz von Territorien war, die keineswegs zu ihrem angestammten Sprachbereich gehörten, wie Lothringen und Metz. Mit einer sinnlosen, haushaltruinierenden Aufrüstung der Seeflotte sollte jedoch England vom ersten Platz der europäischen Seemächte verdrängt werden, was eine massive britische Gegenrüstung zu Folge hatte. Die politisch instabilen Verhältnisse in Afrika, im osmanischen Reich und in China verlockten zu kolonialen Abenteuern, um die angestrebte „Weltgeltung“ zu unterstreichen. Für diese aggressive Außenpolitik seit den 90iger Jahren des 19. Jahrhunderts begeisterte sich der 1894 gegründete Alldeutsche Verband, der Flottenverein und die Kolonialgesellschaften. Diese fanden besonderen Anklang bei den aufsteigenden Schichten des Bürgertums protestantischer Ausrichtung (W. Mommsen „Großmachtstellung und Weltpolitik“, S. 141). Im Frühjahr 1912 erschien das Buch von Friedrich v. Bernhard „Deutschland und der nächste Krieg“. Deutschem Geist und deutscher Lebensauffassung müßten in der Welt gebührende Beachtung geschenkt werden, dazu sollte die Rüstung forciert und Frankreich in einem Präventivkrieg niedergeworfen werden. Dieses Buch fand im Bildungsbürgertum auffallende Resonanz..

Die vom Gerede eines notwendigen Weltkrieges berauschten bürgerlichen Schichten verfielen begreiflicherweise im Juli 1914 nach dem Attentat in Sarajevo in abstoßende Begeisterung für einen in greifbare Nähe gerückten Krieg. Gegen diese Form der Kriegshysterie demonstrierten Ende Juli in zahlreichen deutschen Großstädten (Dresden, Köln, Hamburg, Bremen, Ludwigshafen, Freiburg, Breslau, Essen, Düsseldorf, Mannheim, Nürnberg, Berlin), aber auch in kleineren (Halberstadt, Mühlhausen, Emden, Rüstringen, Jena, Bielefeld), Zehntausende unter der Parole „Nieder mit dem Krieg“. Auch in der Landeshauptstadt demonstrierten 5.000 Braunschweiger gegen eine Kriegsbeteiligung.

Das weit verbreitete Bild von der allgemeinen grenzenlosen Kriegsbegeisterung nach der deutschen Kriegserklärung gegen Rußland und Frankreich Anfang August 1914 entsprach eher dem der Berliner Zensur- und Propagandabehörde als der Wirklichkeit des Alltags. Die Stimmung blieb nämlich, wie schon im Juli, unterschiedlich in Stadt und auf dem Land, wo die Ernte bevorstand. Die Bilder und Nachrichten von der allgemeinen Kriegsbegeisterung sollten die Nachrichten von den demonstrierenden Massen überdecken.

Die evangelische Kirche war mehrfach in den Sog der Kriegsbegeisterung geraten. Die sie tragenden und ihre Gottesdienste füllenden bürgerlichen Schichten gehörten zur kriegsbegeisterten Gruppe der deutschen Bevölkerung. Außerdem verhinderte ihr staatskirchlicher Charakter eine regierungskritische Distanz zu den Kriegsvorbereitungen und dem Auslösen des Kriegszustandes. Der Kaiser forderte am Ende der Verlesung der Kriegserklärung vom Balkon des Berliner Schlosses am 31. Juli zu Gebet und Kirchgang auf: „Nun empfehle ich euch Gott. Geht in die Kirche, betet zu Gott, daß er dem deutschen Heere und der deutschen Sache den Sieg verleihen möge“ und die im Lustgarten versammelten Massen sangen daraufhin den Choral „Nun danket alle Gott“. Sie hatten der Lüge des Kaisers geglaubt, daß Deutschland „im tiefsten Frieden in des Wortes wahrster Bedeutung überfallen worden“ wäre.


Kirche im Sog der Kriegsbegeisterung in Wolfenbüttel
Begeisterung gab es auch bei Teilen der Bevölkerung in der Garnisonstadt Wolfenbüttel. In der 1. Kriegsnummer seines Gemeindebriefes rief sie Palmer den Soldaten an der Front in Erinnerung. „Wir haben‘s Euch ja noch gezeigt, als Ihr auszogt, wie stolz wir auf Euch waren und wie lieb wir Euch hatten. Was war das immer für ein Treiben auf dem Bahnhof, wenn ein Militär- oder Reservistenzug abging oder durchfuhr! Rotes Kreuz, blaues Kreuz, Frauenverein, viele Töchter und Schwestern bemühten sich, Euch zu erquicken, und der Jubel und das Hurrarufen und die Wacht am Rhein, alles das klang vom Bahnhof herüber so manches Mal, auch in der Nacht, bis hier in mein stilles Arbeitszimmer auf der Anna-Vorwerkstraße.“ Das ist die eine, immer wieder viel beschriebene, Seite vom August 1914.


Die Grenze der Begeisterung
Jubel, Trubel und flotte Lieder hatten indes ihre Grenze bereits an den Kirchentüren. Bevor die jungen Männer aus der Heimat abfuhren, sammelten sich viele in gut besuchten Gottesdiensten in ihren Kirchen. Auch Palmer lud zu einem Gottesdienst „für die zur Fahne Einberufenen“ ein; die Hauptkirche war mit 1000 Gottesdienstteilnehmern gefüllt. Ein Jahr später hielt Palmer in der 10. Kriegsnummer des Gemeindebriefes Rückblick auf jene Augusttage, die wie ein Wirbelsturm über sie gekommen wären, „dann der Abschiedsgottesdienst für unsere Krieger, eine Stunde, wie sie unsre alte Kirche noch nicht erlebt (hat)“. Noch im Abstand von 35 Jahren erinnerte sich Palmer an den improvisierten Abschiedsgottesdienst und die damit verbundene Abendmahlsfeier. „Es war wohl der ergreifendste, den ich bis dahin gehalten hatte. Ich predigte über 5. Mose 1, 29 und 30, („Entsetzt euch nicht und fürchtet euch nicht vor ihnen. Der Herr, euer Gott zieht vor euch hin und wird für euch streiten.“) und zwar, da alles überstürzt ungeordnet war, völlig ohne Konzept und teilweise extemporiert. Ein unvergeßlicher Anblick war es, wenn bei der sich anschließenden Abendmahlsfeier mit 200 Teilnehmern der junge Reservist zwischen Vater und Mutter oder der gereifte Landwehrsmann mit seiner Ehefrau zum Altar traten, sicher viele von ihnen zum letzten Mal!“ Die Teilnahme junger Männer am Abendmahl war eine Ausnahme. Die Begleitung durch ihre Eltern erhöhte die ernste, strenge Feierlichkeit. Das selten gefeierte Abendmahl war damals anders als heute sehr stark von der Erinnerung an den Opfertod Jesu geprägt und hatte Bußcharakter. Da lagen der Gedanke an den eigenen Tod und der Zweifel an eine gesunde Heimkehr für die Teilnehmer nahe.


Siegesgeläut
In den folgenden Monaten geriet die Kirche immer tiefer in den Sog des Krieges, denn jeder Sieg sollte auf Wunsch der Heeresleitung mit vollem Glockengeläut in die Bevölkerung hineingetragen werden. Palmer beschreibt im Gemeindebrief vom 3. Oktober 1914, wie er selber nach der deutschen Besetzung Antwerpens in den Turm der Marienkirche gestiegen war. „Wundervoll war’s, als am 9. Oktober abends um ¾11 Uhr in die schwarze Nacht, in den rieselnden Regen hinein, die Glocken unsrer Kirchen das Siegesgeläut erschallen ließen und der ganzen Stadt die frohe Kunde brachten, daß Antwerpen erobert sei. Ich war selbst auf dem Turm unsrer Kirche und freute mich in allernächster Nähe an dem wuchtigen Dröhnen, besonders der von sechs Mann gezogenen großen Glocke.“

Der Nachbarpfarrer an der Trinitatiskirche, der Garnisonspfarrer Hermann Fischer, notierte in der Kirchenchronik säuberlich Tag und Anlaß des Siegesgeläutes. 1915 siebzehnmal, 1916 sechsmal, 1917 dreimal. Palmer berichtete im Gemeindeblatt vom 6. September 1915: „Am Abend des 20. August, als eben das große Hauptquartier die Beute von Nowo-Georgiewsk (dessen Fall schon vormittags die Glocken verkündet) mit 700 Geschützen und 85.000 Mann gemeldet hatte, zogen Vereine, Schulen, Jugendwehr usw. mit Fahnen, Musik und Fackeln durch die Stadt. Auf dem Schloßplatze stieg’s gen Himmel, das „Deutschland, Deutschland über alles“, und ich durfte in ein paar Sätzen die Gedanken zum Ausdruck bringen, die die vielen Hunderte von deutschen Herzen da um das Siegesdenkmal herum bewegte.“


Die Kriegspredigten
Eine Beschreibung der Predigten Palmers gibt Auskunft, welche Antworten er auf die durch den Krieg aufgeworfenen Fragen gab.

Palmer hat folgende sechs Predigten in Sonderdruck gegeben und schreibt in seinen Erinnerungen, daß sie viel gekauft worden seien. Eine weitere Predigt ist im Gemeindebrief abgedruckt.


23. August 1914; Text: Sacharja 4, 1-7: „Es soll nicht durch Heer oder Kraft, sondern durch meinen Geist geschehen, spricht der Herr Zebaoth.“

6. September 1914; Text: Sprü. Sal. 14, 34: „Gerechtigkeit erhöht ein Volk, aber die Sünde ist der Leute Verderben” - Thema: „Sünde und Gerechtigkeit im Leben der Völker.”

15. November 1914; Text: Math. 22, 15-22: Gleichnis vom Zinsgroschen - Thema: „Gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist und Gott, was Gottes ist.“

Totenfest 1914; Text: 2. Kor. 4, 14 und 16-18: „Wir wissen, daß der, so Jesum Christum von den Toten auferweckt, wird uns auch auferwecken durch Jesum... Darum werden wir nicht müde, sondern, ob unser äußerlicher Mensch verdirbt, so wird doch der innerliche von Tag zu Tag erneuert. Denn unsre Trübsal, die zeitlich und leicht ist, schaffet eine ewige und über alle Maßen gewichtige Herrlichkeit uns, die wir nicht sehen auf das Sichtbare, sondern auf das Unsichtbare. Denn was sichtbar ist, das ist zeitlich; was aber unsichtbar ist, das ist ewig.“ - Thema: „Die Herzen in die Höhe.“

7. März 1915; Text: Röm. 8, 32: „Gott hat seines eigenen Sohnes nicht verschont, sondern hat ihn für uns alle dahingegeben, wie sollte er uns mit ihm nicht alles schenken? - Thema: „Für uns.“

22. August 1915; Text: Hebr. 12, 11: „Alle Züchtigung aber, wenn sie da ist, dünkt uns nicht Freude, sondern Traurigkeit zu sein; aber danach wird sie geben eine friedsame Frucht der Gerechtigkeit denen, die dadurch geübt sind.“ - Thema: „Harte Zeit – Gottes Zeit.“

2. August 1916; Text: Psalm 46, 11: „Seid stille und erkennet, daß ich Gott bin“ (im Gemeindeblatt, 21. August 1916)


Alle Predigten folgen demselben Aufbau: als Einleitung wird eine aktuelle Kriegslage geschildert, die ein bestimmtes Problem oder eine Fragestellung enthält. Die folgende Auslegung versteht sich als Antwort und seelsorgerliche Zuwendung.


Predigt vom August 1914
In der Predigt vom 23. August 1914 kommt Palmer noch einmal auf die allen Gottesdienstteilnehmern erinnerliche Begeisterung zum Kriegsbeginn im selben Monat zu sprechen. Er bezieht dabei auch die Begeisterung im ersten Gottesdienst in der Hauptkirche ein: „damals in unserm ersten Kriegsgottesdienst, als wir die Ausziehenden segneten und hier aus über 1000 Seelen das „Ein feste Burg“ an die Gewölbe dieser Kirche brandete,“ aber Begeisterung allein genüge nicht. Worauf es am meisten ankomme, sei der Geist Gottes, dem sich der Gläubige durch das Hören auf das Wort Gottes öffnet. „Halte es fest, lieber Christ: Gott redet zu uns in diesem Krieg“ und zwar in „eine(r) Sprache von Blut und Elend, von Sorge und Gefahr, von Not und Tod.“ Diese harte Sprache Gottes sei nötig, weil die Menschen im Frieden nicht auf die freundliche Sprache Gottes gehört hatten. „Gottes Stimme verhallte in Lustgeschrei und Jubelgetön, im Lärm der Menschenrufe... die schier nichts andres mehr kannten als den Ruhm ihrer Kultur und die gierige Brunst nach dem Flittergold der Diesseitsgenüsse“. Wer auf die harte Sprache Gottes hört, solle immer wieder um den Geist bitten, „bis wir diesen Geist haben... Du wirst ein begeisterter, ein im besten Sinne begeisterter Gotteskämpfer werden.“ Mit diesem Wortspiel kehrt Palmer wieder zum Ausgangspunkt seiner Predigt zurück. Der Tenor dieser Predigt steht quer zu dem Taumel zu Beginn des Monats, der nun auch im Wolfenbüttler Bürgertum abflaute. Palmer hätte diesen Rausch auch aufnehmen und noch verlängern können. Statt dessen spricht er ernüchternd von der harten Sprache Gottes. Theologisch wird die andere Möglichkeit, daß der Krieg die Sprache des gottvergessenen, machtversessenen Menschen sein könnte, nicht bedacht. Die Verirrung vom Krieg als Sprache Gottes ist bereits in den Freiheitskriegen verkündet worden. Seit 1813 hat eine theologische Neubesinnung nicht stattgefunden.


Predigt vom September 1914
In der Septemberpredigt 1914 geht Palmer von der veränderten öffentlichen Stimmung aus. Der geplante „Blitzkrieg“ ist gescheitert. Die täglich schwarzumrandeten Trauerannoncen und der lange Zug der Verwundeten durch Wolfenbüttel zum Lazarett habe das Bewußtsein geweckt: „wir werden noch tiefer hinabtauchen müssen in das Bad von Blut und Tränen und Schmerz und Entsagen.“ Palmer gibt ausführlich die öffentlich gestellten Fragen wieder: „Muß das alles sein... Daß Volk wider Volk steht und in den ungeheuren Strudel von Haß und Wut auch jeder einzelne Soldat rettungslos hineingezogen wird, sodaß er in jedem Gegner seinen allerpersönlichsten Feind erblickt, auf den er sich stürzen muß, nur von dem wilden Verlangen beseelt, ihn zu vernichten?... Ist der Krieg nicht das Widersinnigste, das im Leben der Völker gedacht werden kann?“ Palmer schenkt allerdings diesen Fragen keine Beachtung, es wäre „abgeschmackt, über die Theorien und Träumereien vom ewigen Weltfrieden zu predigen.“

Es komme darauf an, die Sprache des Krieges als Sprache eines Gottesboten zu hören und die Sünde der Gegner zu benennen. Die breitet Palmer ausgiebig vor der Gemeinde aus: Rachsucht und Ländergier habe den russischen Zaren geleitet, England „wollte die Welt in ein Meer von Not und Elend versenken und dann mit seinen Krämerbooten hinausfahren, um aus den Trümmern zerschlagener Reiche für sich aufzufischen, soviel es begehrte“ und Belgien habe grausame Strafexpeditionen im Kongo gegen die Neger veranstaltet, „wenn sie nicht genug von dem teuren Kautschuk, die Goldquelle des Landes, lieferten, ganze Dörfer wurden vernichtet und Körbe voll abgehauener Hände waren die Siegesbeute“. Es klingt fast entschuldigend, daß Palmer wenig später die Gerechtigkeit, die ein Volk erhöhe, nicht ohne weiteres auf das deutsche Volk bezieht. „Gerechtigkeit, sagt die Bibel, erhöht ein Volk, aber nicht die Selbstgerechtigkeit... Ich habe nicht die Sünden unsrer Feinde aufgezählt, damit sich nun auf diesem dunklen Hintergrund um so leuchtender das Bild unsres Volkes abhebe.“ Aber Palmer relativiert diesen Einwand rasch wieder.

Gott sei auf der Seite der Deutschen. „Alles, was wir jetzt an überwältigenden Erfolgen erleben durften, war doch im Grunde die Auswirkung der noch im Volk vorhandenen sittlichen Kräfte und zugleich die Frucht einer ernsten Geistesarbeit, die jahrzehntelang unter uns getrieben war.“ Er sei stolz, ein Deutscher zu sein. Palmer beendet die Predigt mit folgenden Sätzen: „Und wenn wir uns, auch durch das Blutbad dieses Krieges, diese Gesundung schenken ließen, das wäre die Gerechtigkeit, die vor Gott gilt und die allein ein Volk erhöht... Im Besitz dieser Gerechtigkeit und mit Gott wieder im Bunde, dann würde es erst in voller Wahrheit lauten: Deutschland voran in der Welt! Voran nicht zum Untergang, sondern zum Sieg, nicht zum Sterben, sondern zum Leben, nicht ausgestoßen aus der Welt, wie sie jetzt möchten, sondern zum Segen der Welt. Gott helfe uns dazu! Amen.“

Der Hörergemeinde werden die drastischen Aussagen des Predigers über die Feinde Deutschlands in Erinnerung bleiben, Palmer benennt zwar die Nöte und Fragen, aber läßt sie unbeantwortet stehen, von einer Auslegung des Bibeltextes hat er mit Bedacht in seinem durchgearbeiteten Manuskript Abstand genommen. Palmer erliegt dann dem nationalprotestantischen Wahn von der moralischen Vormachtstellung Deutschlands, die schon seit etwa zwanzig Jahren vor dem Kriege im deutschen Bürgertum populär und als Nationalprotestantismus gefeiert wurde. Die Predigt signalisiert die offenkundige Verwirrung, die zu diesem frühen Zeitpunkt auch gestandene und selbständige Prediger ergriffen hat.


Die Novemberpredigt 1914
Die Novemberpredigt 1914 über das Gleichnis vom Zinsgroschen mit dem Jesuswort, dem Kaiser zu geben, was „des Kaisers ist“ und Gott, „was Gottes ist“, zeigt im ersten Teil eine heute kaum noch nachvollziehbare Verherrlichung von Kaiser Wilhelm II., seiner angeblichen Ehrlichkeit, Frömmigkeit und seines Mitgefühls. Palmer rühmt vor allem die Aufrüstung vor dem Kriege. „Hast du Gott schon einmal dafür gedankt, daß Deutschland so wehrhaft war?“ denn sonst „hätte sich die ganze Flutwelle der wuterfüllten feindlichen Scharen in unser Land ergossen, in unsere Heimat, in unser Wolfenbüttel, und alle jenen entsetzlichen Bilder, von denen uns die Zeitungen – ich glaube, immer noch schonend – berichten, hätten wir zu sehen und erleben bekommen! Hier rauchten die Trümmer langer Häuserreihen, hier wären die Landstraßen voll von Flüchtlingen, jammernden Frauen, sterbenden Kindern, hier die Saaten zertreten, hier die Seuchen und der Hunger täglicher Gast. Welche Gottesgnade, daß wir ein wehrhaftes Heer hatten. Du weißt doch, wem du das dankst.“ Palmer verwechselt den Predigttext mit dem Floriansspruch: „Heiliger St. Florian, verschon mein Haus, zünd andere an!“. Wie groß die Verblendung trotz klarer Einsicht ist, macht der nächste Redeabschnitt deutlich, in dem Palmer vom Unrecht des Einmarsches der deutschen Armee durch das neutrale Belgien spricht, aber nicht etwa zur Umkehr ruft, sondern die Ehrlichkeit des Reichskanzlers lobt, der dieses Unrecht vor dem Reichstag eingestanden hatte.

Im zweiten Teil, Gott zu geben, „was Gottes ist“, warnt Palmer vor denen, die „die Zukunft Deutschlands nur gründen wollen auf die große völkische Bewegung der Gegenwart, nur auf den reinen Patriotismus, und dabei die Kräfte des Christentums übersehen oder gar bewußt ausschalten, das wäre eine Riesengefahr für unser Volk.“ Palmer greift dann das weit vor 1914 gesteckte Ziel einer Weltgeltung des Deutschen Reiches auf, von dem schon in der Septemberpredigt die Rede war: „Ein großes, einiges, starkes und zugleich frommes Deutschland an der Spitze der Welt – das ist wohl ein leuchtendes Ziel, wert der harten Kämpfe und der Todesopfer seiner Helden.“ Palmer überhöht die anmaßende Weltgeltung des deutschen Reiches mit der Hoffnung auf ein frommes, protestantisches Deutschland.


Predigt am Totensonntag 1914
In der Predigt am Totensonntag 1914 schildert Palmer eingangs die unerwartete Schwere und Größe der Opfer. „Wir waren auf bitteres Weh gefaßt. Daß die Todesernte so groß sein werde, daran hatten wir doch nicht gedacht.“ Die Frage „Wie willst du an all das Ernste und Schwere denken?“ beantwortet Palmer, daß der Krieg dem deutschen Volk die Ewigkeit so nah wie noch nie gebracht habe. „Selten ist dem ganzen deutschen Volk die Ewigkeit so nahe getreten wie jetzt, die Ewigkeit, in die Tausende seiner Söhne hinübergehen mußten, die Ewigkeit mit ihrem Ernst, mit ihrer schweren Verantwortung, aber auch mit ihrer Herrlichkeit.“ Den Weg ins Vaterhaus gehe der von Gott auferweckte Jesus voran, dem der Fromme sich anschließen müsse. Palmer folgt hier einer auf vielen Postkarten abgebildeten und in zahllosen Gedächtnisgottesdiensten wiederholten Aussage: Wer den Heldentod stirbt, wird selig.


Predigt im März 1915
Die Märzpredigt 1915 fällt in die Passionszeit. Palmer zieht einen Vergleich zwischen dem als Opfer interpretierten Tod des Soldaten an der Front mit dem Opfer Jesu. Die Soldaten seien „für uns“ gestorben und Jesus in umfassenderem Maße auch. „Wir haben auf die Opfer unserer Zeit geschaut. Ist es uns nun nicht, als hielte uns Gott das alles vor wie ein Anschauungsbild, daß wir das unendlich viel größere Opfer Jesu begreifen?“ Palmer schließt mit der Bitte an die Gemeinde: „Laß diesen opferreichen Krieg nicht zu Ende gehen, ohne auch für dich das Todesopfer Jesu Christi lebendig ergriffen zu haben.“ Palmer erhofft sich durch den Krieg und nach dem Krieg eine geistliche Erneuerung der deutschen Bevölkerung, eine christliche Wiedergeburt Deutschlands, wie er in einer anderen Predigt äußert, geradezu eine Rechristianisierung.


Predigt im August 1915
Die Predigt vom August 1915 stellt Palmer unter das Thema „Harte Zeit – Gottes Zeit“. Der unerwartete und erbitterte Stellungskrieg in Frankreich dauerte bereits zehn Monate. Die Klagen in der Gemeinde und in der öffentlichen Diskussion nahmen offenbar zu. Die religiöse Frage, was Gott mit diesem Krieg zu tun habe, wurde immer breiter diskutiert. Der Pfarrer war Überbringer der offiziellen Todesnachricht und bekam die auch abweisende Reaktion der Betroffenen unmittelbar zu spüren. Palmer formuliert einleitend selber die Aufgabe des Pfarrers: „Aber bei allem Verständnis und Mitgefühl ist es jetzt die Pflicht des Predigers, den Trauernden auch die große Aufgabe vorzuhalten: ihr müßt einen Ausweg suchen aus eurem Leid; zugleich freilich auch den Trost, daß es solch einen Ausweg gibt.“

„Gott steht hinter der harten Zeit“, leitet Palmer aus dem Predigttext ab. Dort ist von der Züchtigung durch Gott, die Traurigkeit bringe, die Rede. „Hat er sie geschickt?“ nimmt Palmer die viel diskutierte Frage auf. Es sei eine schwere Frage, die auch ihn zuweilen quäle, aber dann gibt sich Palmer gedanklich offenbar einen Ruck und konstatiert: „Ich sage heute ganz einfach: Auch die harte Zeit ist jedenfalls nicht gegen den Willen Gottes über uns gekommen.“ Palmer entfaltet dann vier Stufen „der göttlichen Erziehung in diesem großen, aber schweren Jahr.“ Sie lauten: Ich muß leiden, ich kann leiden, ich will leiden, ich darf leiden. Und wer in der harten Leidensschule wirklich seinem Gott näher komme, der komme auch zur Erkenntnis seiner sittlichen Schwachheit und Sünde und damit zum Sünderheiland. Durch ihn erlebe er die Vergebung und empfange die Krone der Gerechtigkeit. So werde die harte Zeit zu Gottes Zeit.

Palmer greift auf eine alltägliche pastorale Trauerbegleitung zurück: die Leiden – ob Krankheit, Unfall, oder wie hier im Krieg – sind von Gott geschickt. Dem Frommen bleibe nur die bittere Einsicht des bekannten Kirchenliedes: „Es ist bestimmt in Gottes Rat, daß man vom Liebsten, das man hat, muß scheiden“. Palmer kann nicht auf die Besonderheit des schauerlichen Todes eingehen, der gewaltsam, fern von der Familie an der Front geschieht und auf die Tatsache, daß die Bewältigung des Todes durch die Angehörigen sogar oft genug ohne den Trost eines letzten Abschieds von der Leiche erfolgen muß, weil der Körper zerfetzt und zerstört ist. Die Behauptung, daß Tod und Krieg dem Willen Gottes entsprechen, verschärft jedoch die Trauer, in der die Auflehnung nunmehr einen Akt des Ungehorsams gegen den erziehenden Willen Gottes darstellen würde. Dem Trauernden bleibt kein Ausweg für seine Wut und Ratlosigkeit.


Predigt im August 1916
Den Gottesdienst zum Gedenken an den nunmehr zwei Jahre zurückliegenden Kriegsbeginn am 2. August 1916 schilderte Palmer im Gemeindeblatt: „Wieder einmal bis fast auf den letzten Platz gefüllt war unsere große Kirche am Abend des 2. August. Es galt vor Gottes Angesicht das Gedenken des Kriegsbeginnes zu begehen. Die Musik unserer 46er (Ersatzabteilung) verschönte den Gottesdienst am Anfang und am Schluß („Ein feste Burg ist unser Gott“ - „Wir treten zum Beten“). Der Chor sang: „Meine Seele ist stille zu Gott.“ Nach der Ansprache sangen wir alle stehend das Kampflied unsres „schwarzen Herzogs“ aus dem Jahre 1809: „Dir trau ich Gott und wanke nicht“ und beteten gemeinsam mit lauter Stimme das Vaterunser. Weil viele sich durch die Erinnerungsfeier gestärkt und erhoben gefühlt haben, so ist der Text der Ansprache in diesem Blatt abgedruckt.“

Palmer ruft das „unverlierbare Erlebnis“ des Kriegsanfangs in Erinnerung, nannte dann die auch in der Heimat spürbaren Entbehrungen, und tröstete die Gemeinde mit der Aussicht, „daß wir über den Gipfel des Berges hinüber sind... Will jemand verzagen und matt werden noch für den letzten Rest des harten Weges? Es wird niemand gekrönt, er kämpfe – und warte – denn recht!“ Den Predigttext vom Stillesein wendete Palmer als Warten auf den Sieg, und Stillesein vor den Gräbern und vor der Gotteserkenntnis an. Palmer nannte es zwar ein gewagtes Unterfangen, Gott und diesen Krieg überhaupt in einem Atem zu nennen und berichtete aus seiner Gemeindeerfahrung: „Andre leiden unter dem furchtbaren Zwiespalt, sie wollten wohl glauben, aber sie meinen, nun könnten sie’s nicht mehr!“ Es klingt eine neue Argumentation an, anders als zu Kriegsbeginn, wenn Palmer nun erwidert: „Nicht Gott hat diesen Krieg gemacht. Das haben die Menschen getan, die von Gott und allem Guten verlassen waren, in blinder Raserei, in unheiliger Sünde. Aber Gott ließ den Bösen die Zügel...“ Palmer ruft zur Umkehr von drei gravierenden Sünden: „Das Sorgen und Murren,“ „Die Fesseln des Mammons“ und den Wucher. Der Krieg bot dem Handel eine günstige Gelegenheit, unverfroren die Preise zu erhöhen. Es dauerte zwei Jahre, bis die Preisbehörde Höchstpreise für die allernotwendigsten Lebensmittel festlegte. „Aller Kleinmut und alles Murren, das nur an sich selber denkt, ist Sünde. Und der Wucher am eigenen Volk schreit zum Himmel... Und wieder heißt es: „Du sollst an Deinem Bruder nicht wuchern, weder mit Geld noch mit Speise, noch mit allem, damit man wuchern kann und wer Korn innehält, dem fluchen die Leute.“ Palmer schloß mit einem Vierzeiler, den er auch an den Anfang gestellt hatte: „Sie brach herein, die heilge Not/ sie hat Gewalt vom höchsten Gott/ sie führt durch Wildnis, Blut und Brand/ den Starken ins gelobte Land“. Amen.“

Schon die knappe Wiedergabe dieser sieben Predigten zeigt, in welche Schwierigkeit und Verirrung der erste Weltkrieg auch eine solide Theologie und die Kirche gebracht hatte.


Kriegsseelsorge
Noch anschaulicher wird das seelsorgerliche Verhalten Palmers im Krieg an den von ihm herausgegebenen Gemeindebriefen in Wolfenbüttel und Blankenburg. Palmer suchte, intensiv die persönliche Verbindung zu den ihm meist unbekannten Soldaten an der Front herzustellen. Dazu richtete Palmer regelmäßig erscheinende Rubriken ein. Es wurden die Auszeichnungen und Beförderungen mit Namen und Adresse benannt, sowie die Namen, Daten, Todesorte, manchmal auch die Einheit der gefallenen Gemeindemitglieder unter der Überschrift „Den Tod fürs Vaterland“ , wobei die Benennung der familiären Bindungen einen besonders schmerzlichen Eindruck hinterlassen, z.B.:


Unteroffizier Erich Höbel, ein Ehemann, Sohn des Schlossermeisters H., Engestraße 10, am 26. oder 27. Juni, der zweite und letzte Sohn seiner Eltern.“ (Gemeindebrief, 24.6.1916). Die Todesanzeigen sind mit einem Bibelwort und Gesangbuchvers versehen, gelegentlich auch mit einem patriotischen Hinweis, so z.B. im Gemeindeblatt am 18. Oktober 1915
8. .....
9. Hermann Oberländer, Sohn des Oberbriefträgers O., Krummestraße 27, Kaiser-Franz-Garde-Inf.-Reg. 2; am 3. Oktober

Sie starben, auf daß unser Deutschland lebt
Und in Schmach und in Schande nicht falle,
daß schutzlos nicht Weib und Kind erbebt
von wildem feindlichen Schwalle,
daß unser Heim, nicht verlodert in Brand,
im Ansturm zuchtloser Heere –
Gefallen für das Vaterland,
zu Deutschlands Schutz und Ehre!

Hebr.12, 11: „Alle Züchtigung aber, wenn sie da ist, dünket uns nicht Freude, sondern Traurigkeit zu sein; aber danach wird sie geben eine friedsame Frucht der Gerechtigkeit denen, die dadurch geübt sind.“


Die beiden Zitate nennen zwei gegensätzliche „Trostmotive“. Im patriotischen Gedicht wird der Sinn im Opfergedanken gesehen. Der gefallene Soldat starb zum Schutz der Heimat, also für Frau und Kind. Das Wort aus dem Hebräerbrief fordert vom Hinterbliebenen die Einsicht in eine anonyme, unausgesprochene Schuld, für die der Hinterbliebene nun von Gott „gezüchtigt“, gestraft, wird. Auf die Züchtigung indes folge Friede.

Die Kriegsseelsorge geriet in eine wachsende Glaubwürdigkeitslücke. Die Hinterbliebenen folgten nicht dem schal werdenden Trost, daß der Gefallene im Himmel sei, weil er sich für Deutschland und die Familie geopfert habe. Auch die Soldaten werden auf die Dauer ihrer ständigen Heroisierung durch die Kirche müde geworden sein. Der Soldat an der Front hatte nicht die Absicht, den Krieg vorzeitig als Held im Himmel zu beenden, sondern möglichst bald wieder nach Hause zu kommen. Am Ende waren es schließlich sogar die Soldaten, die noch weit vor dem November 1918 für sich den Krieg beendeten, Befehle verweigerten, in die Gefangenschaft gingen oder die Waffen einfach niederlegten, was Palmer für ein Unglück hielt.


Versand von Feldpostbriefen
In jedem Gemeindebrief wenden sich Palmer und auch Propst Beste in einem „Feldpostbrief“ direkt an die Soldaten. Sie versichern ihnen die Solidarität der Heimat, lassen sie an den Ereignissen in der Gemeinde teilnehmen, feiern ihren Mut an der Front und spornen sie zum Durchhalten und zum Siegen an. Der Glaube an den Sieg am Ende des Krieges ist die unaufhörliche Melodie. „Auch wir halten fest an dem Wort: „Deutschland muß bestehen“, aber wir wissen, daß es nur dann „stolz von Jahrhundert zu Jahrhundert, an Kraft und Ehren ungeschwächt“ schreiten kann, wenn es mit seinem Gott geht. Darum wollen wir aufs neue hören und ins Herz fassen, Du liebe Feldgemeinde und Du liebe Heimatgemeinde in Wolfenbüttel: „ Haltet aus, haltet aus, haltet aus im Sturmgebraus“; „Lasset hoch das Banner wehn“, das Banner schwarz-weiß-rot, aber in und über diesem Banner die Fahne des Kreuzes. in hoc signo vinces - In diesem Zeichen wirst du siegen“ (Gemeindebrief, 6.9.1915). Palmer verbindet Nation und Religion mit der Zuversicht des Sieges im Weltkrieg im Rückgriff auf den legendären Sieg des römischen Kaisers Konstantin und den Beginn der Christianisierung des römischen Reiches. Die Welt – so ist die Vision – geht unter der Fahne Deutschlands und des Kreuzes ihrer totalen Christianisierung entgegen.


Profil des christlichen Soldaten
Ein anderer Zweck der Feldpostbriefe ist, das Profil des christlichen, sittlich gefestigten Soldaten zu stärken. In der zweiten Kriegsnummer am 3.10.1914 sieht Palmer die Schrecken des Krieges, und daß die Soldaten ein strenges Strafgericht „bis zur Vernichtung“ ausführen müßten. „Es muß doch furchtbar sein, immer wieder zerstampfte Felder, zerstörte Städte, verwüstete Dörfer und zerrissene Menschenleiber zu sehen. Und Ihr müßt ja oft genug selbst die schwersten Strafgerichte vollziehen an der hinterlistigen Zivilbevölkerung, den Franktireurs oder auch feindlichen Soldaten, wenn sie Grausamkeiten verübt haben. Aber nicht wahr, wir dürfen beruhigt sein: ihr steckt doch das Schwert wieder rein in die Scheide, wie unser Kaiser sagte. Hart und streng müßt ihr sein, wo es not tut und befohlen ist, streng bis zur Vernichtung, - aber wo es geht, da läßt der deutsche Soldat auch wieder das Mitleid herrschen und die Milde zu Wort kommen.“ Palmer versucht den Soldaten ein gutes Gewissen bei ihrem „vernichtenden“ Handwerk zu machen und appelliert zugleich an Mitleid und Milde. Das Problem der Verwischung von zivilen und soldatischen Opfern und die schauerlichen Folgen für die psychologische Situation dieser in der Heimat friedlichen Bürger kommt nicht in Sicht.

Die Bemühung um ein christliches Soldatenbild ging an der realen Situation an der Front völlig vorbei. Daß jeder Frontabschnitt zur Auffrischung der Truppe auch eine Etappe unterhält, in der in registrierten Bordellen der Soldat seine Triebabfuhr besorgt und sich ansonsten mit Mengen von Alkohol über das Grauen der Frontsituation hinwegtröstet, ist eigentlich Allgemeingut, paßt aber nicht in die bürgerliche Vorstellung vom erstrebten besseren, versittlichten Deutschland. Die immer wieder ausgesprochenen Hoffnungen, daß sich die Soldaten, aus dem Krieg kommend, den kirchlichen Männerkreisen anschließen würden, wirkt demgegenüber geradezu naiv.

Im Gemeindeblatt vom 26. März 1916 schrieb Palmer von dieser Hoffnung: „So drückt der Krieg noch immer unsrem Gemeindeleben seinen Stempel auf. Und das ist auch gut. Wir hoffen, daß wir ihm noch recht viel Erziehung, Vertiefung und Erhebung verdanken werden, bis auch unser Gemeindeleben eine neue, große Bereicherung erfahren wird durch die, die von draußen heimkehren, heimkehren im Schmuck des Siegers, heimkehren aber auch, was noch größer ist, mit einem großen Erlebnis ihrer Seele, das sie nie wieder loslassen wird, mit dem Erlebnis, das Jakob meinte, als er sprach: „Ich habe Gott von Angesicht gesehen und meine Seele ist genesen.“ 1. Mose 32, 31. Solches Erlebnis wünsche ich von Herzen allen, die dies lesen, denen in der Heimat und denen im Felde, die mit diesen Zeilen besonders gegrüßt sein sollen. Palmer. “


Gemeindeleben und Kirchenjahr vom Kriegsleben geprägt
Im Gemeindebrief vom März 1915 berichtet Palmer von der Arbeit der „Gemeindekriegsstube“, die Tausende von Gemeindeblättern, Braunschweigischen Volksblättern, Predigten, Psalmen und Evangeliumsausgaben verschickt hatte, insgesamt 21.500 Sendungen. Palmer berichtet auch von dankbaren Rückmeldungen und gibt einige ausschnittweise im Gemeindebrief wieder.
Zwischen den Zeilen wachte bei Palmer immer wieder auch der Zweifel am Sinn des Krieges auf. „Es kann nicht Gottes Art und Gottes Wille sein, daß Völker übereinander herfallen und sich bis zur Vernichtung zerfleischen,“ schrieb er im Mai 1915 unter der Überschrift „Pfingsten im Weltkrieg“. Aber dann fiel Palmer wieder in den alten Gedankengang zurück, daß die lange vorausgegangene Friedenszeit eine Zeit des unheiligen Geistes gewesen sei, voller Trotz gegen die Autorität Gottes, Hohn über das Heilige, Vergötterung der Natur, Liebe zum Diesseits. Im Gegensatz dazu wehte seit dem August 1914 „wieder reiner, heiliger Geist durch das deutsche Land“ und er zitierte E. M. Arndt: „Der Gott, der lange drein gesehn/ hat endlich dreingeschlagen.“ So wurde schließlich der Sinn des Pfingstfestes nationalistisch verdreht wie andere Kirchenjahresfeste auch.

Im Gemeindeblatt Ostern 1916 deutete Palmer den Liedvers „Dein Grab war wohl versiegelt/ doch brichst du es entzwei“ auf die Lage Deutschlands vor dem Krieg. Es wäre von den Großmächten vernichtet, begraben, versiegelt gewesen. „Und dann kam das Große, Unglaubliche, und doch vor aller Augen sichtbare: Deutschland war nicht tot, es lebte, kämpfte, siegte. Gott war mit uns, und Gott war größer als alle Pläne und alle Wucht und Macht und List und Lüge, die sich wider uns türmte. Deutsche Ostern – wir stehen mitten drin; deutsche Ostern – Gott gebe, daß wir’s noch größer und herrlicher erleben, äußerlich und innerlich!“ Weihnachten 1915 gedenkt Palmer derer, die gefallen sind. „Wer unter ihnen sein Herz dem Weihnachtskinde geschenkt hatte, dem bedeutete ja sein Schlachtentod nur das Aufgehen der Türen zur himmlischen Weihnachtsstube“. (Gemeindeblatt, 25.12.1915).

Wie tief der Krieg auch in Oasen des Gemeindelebens, wie z.B. den Kindergottesdienst eindrang, macht folgendes Beispiel deutlich: einen Kindergottesdienstausflug von 350 Kindern mit Kaffeetrinken und Spielen beendete Palmer im Sommer 1915 mit kleinen Erzählungen aus Hindenburgs Kindheit und „Deutschland, Deutschland über alles“ (Gemeindeblatt. 21. Juni 1915). So wurde schließlich das ganze Gemeindeleben vom Krieg verseucht und erlebte auf die Dauer eine Krise.


Verwahrlosung der Heimat
Völlig berechtigt waren die Sorgen, die Palmer in den Predigten über den Zustand in der Heimat äußerte. Er zeigte sich entsetzt, daß die Bevölkerung in der Heimat nicht in einer bußfertigen Haltung vor Gott verharrte und für den siegreichen Verlauf an der Front betete, sondern sich weiterhin dem Vergnügen, Kino, Tanz und Trunk hingab. Die Wucherpreise beklagte Palmer bereits im August 1915. „Wenn die Geldliebe nicht geringer wird nach dem Krieg, dann sind auch viele Opfer umsonst gewesen.“ Palmer beobachtete ein sitten- und zuchtloses Treiben von Jungen und Mädchen auf den Wolfenbüttler Wallanlagen zur Abendzeit. Aber die wachsende Verwilderung der Jugend war eine Folge der unhaltbaren schulischen Situation, des Lehrermangels und Stundenausfalls. Schon zu Beginn des Krieges, zum 5. August 1914, hatte das Konsistorium einen Erlaß herausgebracht, daß „die heranwachsende Jugend in der jetzigen bedrängten Lage sich durch Beteiligung an den Erntearbeiten nach ihren Kräften für das Vaterland nützlich erweisen“ müsse. Die Schulvorstände wurden ermächtigt, den Unterricht ausfallen zu lassen. „Alle pädagogischen und sonstigen Rücksichten müssen zurücktreten“.

Die Folgen fehlender solider Schularbeit waren kein besonderes Wolfenbüttler Problem. Im kirchlichen Jahrbuch 1916 berichtete Pfr. Schneider von der „Verwilderung der Jugend“ im Jahre 1915. „Sie mag in etwa entschuldigt sein, positiv durch allerlei Siegesbegeisterung (mit dem Ausfallen des Unterrichts, z.B. bei guter Zeichnung der Kriegsanleihe, hätte man immerhin etwas sparsamer sie dürfen), negativ durch Verminderung des Lehrpersonals und Kriegsabwesenheit der Väter.“ (KJ 1916, S. 73f). Die sich verschlimmernde schulische Situation stand im grotesken Widerspruch zu der jahrelang von der Kanzel wiederholten Behauptung vom Krieg als dem Erzieher des Volkes.

Diese hier geschilderte Auffassung vom Krieg war keine besondere von Ottmar Palmer. Sie wurde von seinem älteren Amtskollegen an der Hauptkirche, dem Superintendenten Beste, vollständig geteilt. Sie war Allgemeingut in der braunschweigischen Landeskirche und den deutschen Landeskirchen.


Späte Kritik
Wie schwierig die Annäherung eines Kirchengeschichtlers an das Verständnis der Predigten im 1. Weltkrieg ist, erfuhr Wilhelm Pressel, der 1967 eine erste umfassende Beschreibung unter dem Titel „Die Kriegspredigt 1914-1918 in der evangelischen Kirche Deutschlands“ vorlegte. Er korrespondierte aus diesem Anlaß auch mit dem damaligen Berliner Bischof Otto Dibelius, der sich verschiedentlich drastisch in Predigten und Gemeindevorträgen geäußert hatte. Dibelius bestritt in einem pikierten Brief vom 29.8.1962 Pressel grundsätzlich das Recht zur Kritik an der Kriegspredigt von 1914-1918 (S. 337).

Palmer schreibt rückblickend, daß er vielleicht besonders am Anfang des Krieges einige Male der Versuchung erlegen sei, „das Nationale zu stark und das Evangelium nicht stark genug zu betonen.“ „Gewiß würden wir heute nach allen Erfahrungen und auch neu gewonnenen Erkenntnissen, die uns 35 Jahre gebracht haben, vieles nicht mehr und manches anders sagen, aber – wir haben es damals gesagt und getan, so gut wir’s konnten, und wie wir damals die Dinge sahen und schließlich: alles fließt.“

Den Bruch mit dieser Kriegstheologie und der sie tragenden Grundlagen der nationalprotestantischen Theologie des 19. Jahrhunderts vollzog unmittelbar nach dem ersten Weltkrieg Karl Barth, worin ihm allerdings die Vertreter der klassischen lutherischen Theologie nicht folgten.



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