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[Kirche von unten]

Ottmar Palmer 1873 - 1964

Versuch einer Annäherung und Deutung

5. Kapitel


Der Kirchenkreis Blankenburg nach dem Zusammenbruch des Herzogtums Braunschweig



Glückliche Jahre in Blankenburg
Mit größter Dankbarkeit sah Palmer auf seine Blankenburger Zeit 1916-1934 zurück. Es ist die vitale Zeit zwischen seinem 43. und 61. Lebensjahr. Blankenburg war sein Garten, in dem er mit seinen gesammelten Erfahrungen gestalterisch tätig sein konnte: die Herausgabe eines Gemeindebriefes, die Anschaffung neuer Glocken, fortlaufende Renovierungen an seiner Bartholomäuskirche, der Bau eines Gemeindehauses, die ihn erfrischende und jung haltende Arbeit mit der Jugend, umschwärmt von der Weiblichkeit, die ihm schmeichelte, in apologetischer Auseinandersetzung mit der politischen Linken, die seiner kämpferischen Natur entgegenkam, die kräftige, direkte Ansprache gegenüber der Rechten, die sein Pathos befriedigte, eine Personalgemeinde, die treu zu ihm hielt und seine Kirche füllte, immer vorwärts drängend und grabend im Weinberg des Herrn, daß das Reich Gottes fruchtbar werden möge bei allen ihm anvertrauten Menschenkindern. In dieser Arbeit war er kollegial und freundschaftlich verbunden mit seinem Nachbarpfarrer Heinrich Lachmund, einig in den theologischen und kirchenpolitischen Grundzügen und in der Notwendigkeit beständiger volksmissionarischer Arbeit vor Ort. Man wird in der Landeskirche lange nach einem solchen anhaltenden, menschlich integeren und im besten Sinne brüderlichen Verhältnis suchen.

Er war glücklich als Kirchenrat in leitender Tätigkeit im Harz, anregend und fördernd im Kreis der Amtsbrüder, zu festlichen Anlässen in seinem Kirchenkreis gern gesehen, mit Lichtbildern und Vorträgen zu kirchlichen Themen der Zeit unterwegs, aber auch in leitender Tätigkeit im Landeskirchentag, dem er zehn Jahre angehörte, geschätzt von Landesbischof D. Bernewitz, den er mitwählte und immer wieder in den Kirchenkreis zu Vorträgen holen konnte und im inneren Einverständnis mit ihm. Keiner seiner Nachfolger habe diesem ersten Bischof das Wasser reichen können, schreibt Palmer in seinen Erinnerungen.

Dabei waren es keine rosigen Zeiten, wirtschaftlich nicht, denn die Inflation zwang Palmer, zusätzlich auswärts zu arbeiten und Geld hinzu zu verdienen, was dem herkömmlichen Pfarrerbild nicht entsprach; die politische Wende 1918 empfand er als Schmach und Schande, überstand sie jedoch unbeschädigt, zumal sie an seiner leitenden Position und an den herkömmlichen Strukturen des Kirchenkreises nichts änderte, wie auch die personellen Kontinuitäten im Blankenburger Kommunalbereich bei weitem überwogen. Die folgende Zeit in Helmstedt erschien ihm eben deshalb im trüberen Licht, weil sie ihm nicht den Raum zum Gestalten bot: es gab bereits einen Gemeindebrief, es gab bereits ein Gemeindehaus, es gab bereits florierende Jugendarbeit, ihm stand nicht mehr die Autorität eines kirchenleitenden Amtes zur Verfügung.

Für Palmer gab es Menschen, die führen und die geführt werden und er zählte sich zu den Menschen, die führen sollten. Das entsprang nicht einem Ehrgeiz, sondern er war vom Herzog und von der Kirchenleitung, was bis 1918 ja im formalen Sinne dasselbe war, mit dieser führenden Aufgabe betraut worden. Diese Aufgabe nahm er als Herausforderung an und gewann an dieser Art „führender Position“ auch Gefallen und übte sie schließlich mit großer Selbstverständlichkeit aus. Es wird auch Menschen gegeben haben, die sich an der Aura von Autorität, verbunden mit distanzierender intellektueller Ironie, gestoßen haben. Andere wiederum werden sich nicht ohne Vergnügen ihr unterworfen haben. Palmer selber ließ sich nur von seinem Gott der Bibel führen. Das bedeutete einen Vorzug, weil sie ihm ein im Glauben erlebtes Freiheitsgefühl vermittelte; es bedeutete auch eine Begrenzung, an die er am Ende der Blankenburger Zeit stieß, als der Gott der Bibel einem vergötzten Rassebegriff weichen sollte, zu dem sich die politischen und leider auch kirchlichen Eliten verstiegen hatten.

Palmer gehörte zu den Wenigen in der Landeskirche, die die 1933 neu heraufziehende Zeit als Zeit der Vergötzung durchschaute, und zwar nicht als Kirchenpolitiker, sondern mit seinem theologischen Rüstzeug.


Der Zusammenbruch der Monarchie – keine Revolution
Das überlebte, mürbe gewordene monarchistische Deutschland brach im November 1918 in sich zusammen. Das Kaiserreich hatte schon 1917 infolge des Eintritts der USA in den Krieg verloren. Die Oberste Heeresleitung hatte nicht den Mut, die Niederlage einzugestehen. Der Spruch von dem „unbesiegten, grauen Heer“, war eine verheerend wirkende Lüge. Ein seit Juli 1918 an der Westfront einsetzender, schleichender Militärstreik deutscher demoralisierter Truppenteile, die zum befohlenen Angriff nicht mehr antraten, sich vom Gegner überrollen ließen, die Eisenbahntransporte an die Front verließen oder sich krank in die Etappe absetzten, war ein unübersehbares Signal der Niederlage. In der Heimat hatte der Krieg furchtbare Schäden hinterlassen. Die Reichs- und Länderregierungen waren nicht mehr in der Lage, die Bevölkerung ausreichend zu ernähren, die sozialen Gegensätze zwischen kriegsgewinnender Großindustrie und dem wirtschaftlich langsam ruinierten Mittelstand klafften immer stärker auseinander, die schwere Beschädigung einer geordneten Schulsituation und die Lage der seit Jahren allein erziehenden und allein ernährenden Frauen zermürbten die Familien.

Der immer wieder propagandistisch aufgeputschte Durchhaltewille zum Sieg ging an der Front und in der Heimat verloren. Die Schuld an dieser anhaltend unerträglichen Lage wurde zu Recht dem politischen System gegeben. Der Kaiser in Berlin und der Herzog in Braunschweig übernahmen gegenüber der Bevölkerung nicht mehr die Verantwortung für die politische Lage, packten ihre Möbel und verließen ohne ein Abschiedswort an ihre „Untertanen“ ihre Schlösser. Der Wechsel von der Monarchie zur Republik kam für die Kabinette kaum überraschend. Die Verwaltungen auf Reichs-, Länder-, Kreis- und kommunaler Ebene benötigten nicht eine monarchische Spitze. Sie funktionierten auch ohne sie keineswegs schlechter.

Der Begriff einer sog. Novemberrevolution ist irreführend und verdeckt den längst eingesetzten Zermürbungsprozeß, unter dem das Kaiserreich und das Herzogtum zusammenbrachen. Am 8. November dankte Herzog Ernst August ab und verließ mit seiner Familie Braunschweig. Die innere Verwaltung blieb weiterhin auf allen Ebenen intakt. Ein Arbeiter- und Soldaten-Rat übernahm formell die Führung, war aber weder programmatisch noch personell in der Lage, ein neues politisches System zu installieren und beließ zunächst klugerweise die Verwaltungen auf allen Ebenen in ihren bisherigen Positionen. Sehr schnell organisierte sich die Bevölkerung in inhaltlich sehr unterschiedlich positionierten neuen politischen Parteien, in denen sie sich insgesamt repräsentiert sah und baute unter den erheblich erschwerten Bedingungen eines dramatischen wirtschaftlichen Niederganges ein neues, nunmehr republikanisches System auf.


Arbeiter- und Soldatenrat in Blankenburg
Auch in Blankenburg und in einigen umliegenden Dörfern etablierte sich ein Arbeiter- und Soldatenrat, dessen Vorsitzender der Zeitungsredakteur des „Harzburger Echos“, Hesse, war. Bürgermeister Zerbst blieb im Amt, ebenso die Stadtverwaltung. Es gab keine Enteignungen auf dem Lande und Palmer spottete noch 40 Jahr später über einige geplünderte Schinken, Würste und Speckseiten des Domänenpächters Amtsrat Barnstorf , und urteilte zu Recht: „Im ganzen also ein harmloser Verlauf dieser doch wohl unvermeidbaren Revolution“.

Einen geradezu rührenden Eindruck von der „Revolution“ vermittelt ein Bericht des Blankenburger Kreisblattes vom 5. Januar 1919. Wie würden wohl die Matrosen im Blankenburger, von der Herzoglichen Familie verlassenen Schloß hausen, über dem nun die rote Fahne wehte? Ein Blankenburger Bürger hatte die Sache in Augenschein genommen und berichtete, die 13 Mann starke Besatzung habe die bescheidensten Räume bezogen und schlafe in roh gezimmerten Bettstellen. Es wäre alles in tadelloser Ordnung, sogar die buntkarierten Baumwollstoffe der Bettbezüge wären nicht gestohlen.


Der Empfang des geschlagenen Heeres
Äußerst schwierig gestaltete sich der Empfang der in geschlossener Formation zurückkehrenden Truppen. Die Niederlage und die Friedensbedingungen wurde allgemein als Schmach empfunden. Palmer hatte vor seinem Vortrag über Palästina am 17. Oktober 1918 von dieser Zeit, „da unser Land aus tausend Wunden blutend, rings von der Meute unserer Feinde umstellt sei,“ gesprochen. „Müßten wir nicht trauern, ob der Schande und Schmach, die unserm Vaterlande, für das deutsches Blut geflossen, angetan werden soll? Wo ist die Zuversicht, mit der wir stets „O Deutschland hoch in Ehren“ gesungen haben, in diesen Tagen geblieben?“ (Blankenburger Kreisblatt, 19.10.1918).

„Als wir am 1. Weihnachtstage nach dem Morgengottesdienst aus der Kirche traten, marschierte das 2. Bataillon des Regiments 165, von der Front nach langem Marsch heimgekehrt, auf den Rathausplatz, und beim Abrücken hörten wir noch einmal die bekannten Klänge seines alten Parademarsches,“ so berichtete Palmer im Gemeindebrief Januar/Februar unter der Überschrift „Heimkehr“ und verfehlte mit diesen triumphalistischen Tönen nun doch die ganze Tragik des gespenstischen Aufmarsches des geschlagenen Heeres. Viele Blankenburger brachen in Tränen aus, weil ihre Väter und Söhne gefallen oder gefangen waren. Bürgermeister Zerbst, der die Truppen knapp begrüßte, wies darauf hin, daß es sich bei dieser Einheit nicht mehr um die seinerzeit ausgerückte Mannschaft handelte. Das Bataillon war immer wieder neu zusammengestellt worden, viele der nun nach Blankenburg zurückgekehrten Soldaten hatten gar keinen Bezug zu diesem Ort. Schließlich mußte der Bürgermeister seine Ansprache abbrechen, weil er seine Tränen über den Verlust seines eigenen Sohnes nicht mehr unterdrücken konnte.

„Die bekannten Klänge des alten Parademarsches“ waren eben nicht typisch für diese traurige Stunde, die mit dem militärischen Zeremoniell die fälligen Fragen in den Hintergrund gedrängt hatte; die Fragen nach dem Grund der totalen Niederlage, nach der Sinnlosigkeit dieses völkermörderischen Gemetzels, nach den auch durch die Kirche immer wieder aufgeputschten, neuen Hoffnungen, die sich nunmehr als völlig illusionäre herausgestellt hatten.

Kein volles Geläut begrüßte die Heimkehrenden, denn die Glocken der Bartholomäuskirche waren, bis auf eine kleine, 1917 zum Endsieg abgenommen worden. Kein Pfarrer begrüßte die Heimgekehrten und lud anschließend zum Abendmahlsgottesdienst ein, wie im August 1914. Die Enttäuschung Palmers wurde zwischen den Zeilen des Gemeindebriefes Dezember 1918 hörbar: „Die Männer sind heimgekehrt oder tun es noch, man sieht‘s schon am Straßenbild. Wird man es auch an der Kirche sehen? Die Gemeinde hätte sie gern begrüßt in einer Männerversammlung. Aber zunächst wird alle Zeit und alles Interesse verschlungen vom wilden Wirbel des politischen Lebens. Vielleicht kann es noch nach Weihnachten sein.“

Der Einladung zu einem Abendgottesdienst am ersten Sonntag im neuen Jahr 1919 war mäßig besucht. Palmer begrüßte unter dem Leitwort „Endlich daheim“ die Soldaten und bat sie, am Neubau des Vaterlandes mitzuhelfen, „daß es nicht ein Anfangen ohne Gott wird.“ Die Fragen, ob die Soldaten an der Front nun wirklich Gott von Angesicht zu Angesicht gesehen hatten, ob der Krieg das erzieherische Wort Gottes gewesen war, ob sie die neben ihnen zerfetzten Soldaten im Himmel, in der Ewigkeit glaubten, wurden nicht gestellt. Die Kirche hätte sie zunächst auch für sich beantworten müssen. Darauf hatte sie allerdings verzichtet.


Lutherische Kirche im republikanischen Staat
Gewiß schneller als seine älteren Kollegen stellte sich Superintendent Palmer auf die neue politische Lage ein, die er den Gemeindemitgliedern noch in der Oktober/November-Nummer 1918 der „Bergkirche“ unter der Überschrift „Die gegenwärtige Lage der braunschweigischen Landeskirche“ mitteilte. Das Verhältnis der Landeskirche zum Staat wäre für die Kirche „oft genug zur Bindung der Kirche, zu ihrer Bevormundung und zur unerträglichen Beschränkung ihrer Bewegungsfreiheit“ geworden.“ „Alles in allem war doch der bestehende Zustand ein dem wahren Wesen der Kirche widersprechender“. Palmer knüpfte damit an Bestrebungen und Überlegungen an, die im Lager der orthodoxen Lutheraner, dem er angehörte, weit vor 1914 immer wieder mal lauter, mal leiser, diskutiert worden waren. Die Trennung der Kirche vom Staat gehörte fraglos zu den Reformvorstellungen der kirchlichen Rechten. Sie wurden allerdings durch ihre Haltung im 1. Weltkrieg völlig in den Hintergrund gedrängt und bekamen, nunmehr deutlich geäußert, doch den Beigeschmack des Opportunismus.

Palmer beteiligte sich konsequenterweise am Aufbau eines republikanischen Staatsgebildes und einer lutherischen Kirche in ihr. Er kommt in den Erinnerungen auf die Versammlungstätigkeit im Dezember und Januar 1918-19 in Blankenburg zu sprechen. Das „Blankenburger Kreisblatt“, das bürgerliche Presseorgan der Stadt, gibt noch etwas von den erheblichen Befürchtungen wieder, die Palmer und die Kirchengemeinden im November 1918 befallen hatten; denn es war völlig unklar, wie es mit den Finanzen in der Landeskirche weitergehen würde. Bisher hatte der Staat die Pfarrergehälter und die Bauunterhaltung gezahlt. Es gab überhaupt keine Konsistorialkasse für eigene Einnahmen. Nach dem Erfurter Programm der SPD sollte Religion Privatsache sein und die Kirche nur auf Vereinsbasis ein Lebensrecht haben. Damit war sie auf eigene Einnahmen angewiesen, wenn die staatlichen Zuschüsse nun wegfallen sollten.

33 Kirchenmitglieder aus zehn Orten der Inspektion Blankenburg schalteten im „Blankenburger Kreisblatt“ vom 11. Dezember 1918 eine halbseitige Annonce „An die Kirchengemeinden der Inspektion Blankenburg“. Es wäre fraglich, ob in Zukunft auch Taufen, Trauungen, Beerdigungen und Gottesdienste gehalten werden könnten, wenn in Zukunft die Staatsmittel gestrichen würden.. „Es geht um das Höchste und Heiligste: Daß unserm deutschen Volke das Christentum erhalten bleibt“, schloß der Aufruf und lud zu einer großen Kirchenversammlung ein, die am selben Tag im „Blankenburger Hof“ stattfand unter dem Thema „Und die Kirche? Verfassungsfrage – Geldfrage - Schulfrage!“.

Der sehr geräumige, Hunderte fassende „Blankenburger Hof“ reichte nicht aus, die Besuchermassen mußten außerdem in den Gemeindesaal geleitet werden. Es sprachen alle drei Pfarrer abwechselnd in beiden Sälen. Es war die bestbesuchte kirchliche Veranstaltung seit Jahrzehnten. Superintendent Palmer meinte auf die linken Zuhörer zuzugehen, wenn er die Gründung eines „Bundes sozialdemokratischer Kirchenanhänger“ begrüßte. Er befürwortete auch eine Trennung von Staat und Kirche, die allerdings die Rechte der Kirche unangetastet lassen müßte. Stadtprediger Kellner sprach die Schulfrage an und malte die Folgen einer religionslosen Schule in schwarzen Farben. Tatsächlich war als eine der ersten Maßnahmen des Landes-Arbeiter- und Soldatenrates die Schulaufsicht der Kirche beendet worden. Ob und in welcher Weise ein Religionsunterricht in den Schulen gestaltet werden sollte, war noch offen geblieben. Pfarrer Kiel sprach von der Befürchtung des Wegfalls der Finanzen und vom Ende der Zuschüsse aus dem Kloster- und Studienfonds.

Lebhaften Beifall indes erhielt Bürgermeister Zerbst, der nicht in seiner amtlichen Funktion, sondern als Kirchengemeindemitglied sprach. Bei einer radikalen Trennung von Staat und Kirche bestünde die Gefahr, daß die Religion im Staate nur noch geduldet wäre, was die Gewissen und die Verantwortlichkeit vor Gott ertöten würde. Es meldete sich auch der stellvertretende Vorsitzende des Arbeiter- und Soldatenrates Gastwirt Oppermann zu Worte und bestand in der Zukunft auf der Durchführung des Erfurter Programms und wurde daraufhin prompt ausgepfiffen. Die Protestversammlung verabschiedete eine Erklärung. Der Einfluß der Kirche auf das gesamte Volksleben dürfe nicht unterbunden werden, eine verständnisvolle Ablösung von Staat und Kirche sollte die Kirche im Besitz ihrer Rechte belassen, ebenfalls den Religionsunterricht in den Schulen. Die Versammlung schloß mit dem Lied „Ein feste Burg ist unser Gott“ (Blankenburger Kreisblatt, 13.12.1918).

Palmer berichtete im Gemeindeblatt „Die Bergkirche“ im Dezember 1918 über die Versammlung unter der Überschrift „Zum Sammeln geblasen“. Palmer fühlte sich am Beginn eines Kirchenkampfes. „Der Kampf ist noch nicht durchgekämpft, der K a m p f f ä n g t e r s t a n .“ Es ist schwer vorstellbar, daß Palmer mit diesem martialischen Ton die Gefühlslage der heimgekehrten Soldaten und der vom Krieg betroffenen Familien richtig aufgenommen hatte, wovon er wenige Zeilen vorher berichtet hatte. Sie hatten alle den Krieg gründlich satt und mußten die bitteren Folgen erst noch gemeinsam schultern. Da wurde der Trompetenton zu einem neuen Kampf eher als Mißton vernommen oder überhört. Palmer nahm die ungewöhnlich starke Resonanz auf die kirchliche Volksversammlung am 11. Dezember auf und gab eine hellsichtige Prognose ab, die sich erst 1933 erfüllte: „Die Mitte wird zerrieben werden, rechts muß man stehen oder links. Deutschland mit oder ohne Christus, das wird die Frage sein, und ob die Menschen das biblische Christentum wollen, darum wird der Streit gehen.“


Die Wahlen 1918
Am Ende jener Kirchenversammlung wurde zu lebhafter Beteiligung an der Kommunalwahl vier Tage später, am kommenden Sonntag, dem 3. Advent, aufgerufen, und da ging es bereits um rechts oder links. Am Vorabend der Wahl hielt die SPD im „Blankenburger Hof“ ihre entscheidende Wahlversammlung ab, bei der die beiden Vorsitzenden des Arbeiter- und Soldatenrates Hesse und Oppermann sprachen und Gymnasialdirektor Witte, der Erstplazierte der bürgerlichen Liste, vor lauter Zwischenrufen nicht zu Worte kam. Auch Superintendent Palmer war unter den Versammlungsteilnehmern, konnte offenbar die Wogen glätten und erhielt für seine Ausführungen zur Kirchen- und Schulfrage nach dem Bericht der bürgerlichen Presse lebhafte Anerkennung (Blankenburger Kreisblatt, 17.12.1918).

Die Befürchtungen über den Ausgang der Stadt- und Gemeinderatswahlen müssen groß gewesen sein. Unwägbar war die Tatsache, daß erstmals die Frauen das aktive und passive Wahlrecht erhielten. Die Listen gliederten sich nicht, wie in der Landeshauptstadt, in vier manchmal schlecht zu unterscheidende Parteien, sondern lediglich in zwei Gruppen: Sozialisten und Bürgerliche. Wie berechtigt die Befürchtung war, zeigte das Wahlergebnis in den Dörfern rings um Blankenburg. In Heimburg (6:3), Hüttenrode (7:2), Timmenrode (6:3) erhielten die Sozialisten teils sehr hohe Mehrheiten in den Gemeinderäten. In Blankenburg hingegen triumphierten die Bürgerlichen mit einer haushohen Mehrheit von 3.833 Stimmen und 12 Sitzen über die Sozialisten mit 1.822 Stimmen und 6 Sitzen im Stadtrat. Der Sozialismus war im Harz eher ein ländliches als ein städtisches Ereignis. Das Wahlergebnis in Blankenburg lag durchaus im Trend, denn auch die Stadträte von Wolfenbüttel, Holzminden, Harzburg, Gandersheim und Seesen hatten bürgerliche Mehrheiten. Der Ruf vom „roten Braunschweig“ ergab sich durch den verengten Blick auf die Landeshauptstadt.

Bereits eine Woche später wurde am 4. Advent, zwei Tage vor Weihnachten, ein neuer Landtag (damals: Landesversammlung) gewählt, zu dem die Demokratische Volkspartei, die gemäßigten Mehrheitssozialisten, der Landeswahlverband und die radikalen Unabhängigen Sozialisten antraten. Der Blankenburger Arbeiter- und Soldatenrat hatte die Liste der gemäßigten Mehrheitssozialisten empfohlen. Das Ergebnis der Landtagswahlen bestätigte die Ergebnisse der Kommunalwahlen: in Blankenburg lagen die Bürgerlichen mit 2.726 Stimmen weit vor den Mehrheitssozialisten (1.811), aber in Heimburg, Hüttenrode, Rübeland und Timmenrode waren die Mehrheitssozialisten weit vorne (Blankenburger Kreisblatt, 24.12.1918).


Palmer positioniert die Kirche zu Beginn der Republik
Im Frühjahr 1919 veranstalteten die Blankenburger Kirchengemeinden eine Vortragsreihe, deren Themen Palmer in seinen Lebenserinnerungen nennt und mit denen er 1919 eine Art Standortbestimmung vorgenommen hatte. Von anderen Superintendenten der Landeskirche ist ein derart deutliches politisches Vorgehen nicht bekannt.

Am 16.1. sprach der Braunlager Pfarrer Heinrich Lachmund über das Verhältnis von Sozialdemokratie und Kirche. Zwischen beiden bestünden in der Gegenwart zwar unüberbrückbare Gegensätze, die aber in der Zukunft überwunden werden könnten. Palmer eröffnete die Veranstaltung, die Pastoren Länger und Kiel beteiligten sich an der Diskussion. Der Vortrag zeigte den Versuch der Kirche, mit den neuen, gestaltenden, politischen Kräften wenigstens im Gespräch zu bleiben (Blankenburger Kreisblatt, 18.1.1919). Lachmund trat noch 1918 in die äußerst rechte Partei, die DNVP ein, weil sich ihr Programm national, christlich, aber auch sozial-verantwortlich ausgab. Als 1928 die DNVP unter dem Pressezaren Hugenberg einen weiteren Schwenk nach rechts vollzog und sich die Partei spaltete, trat mit anderen auch Lachmund aus ihr aus.

Am 21.2.1919 sprach Pfarrer Kiel über „die Aufgabe eines besiegten Volkes“ und zwar an Hand einer Deutung der Gestalt des Gottesknechtes in Deuterojesaja. Die gegenwärtige Schicksalsfrage bestände darin, ob sich das deutsche Volk in der Rolle des leidenden Gottesknechtes wiederfinden könnte. Gott vollziehe mit der militärischen Niederlage ein Gericht über das deutsche Volk, denn die Niederlage wäre verursacht durch Materialismus und Mammonismus in der Heimat. Das Volk könne sich nur durch die religiösen Kräfte innerlich erneuern. Davon aber wäre es weit entfernt. Es benähme sich würdelos und habe den Ernst der Stunde noch nicht verstanden. Die Politik sollte auf eine Führerrolle verzichten. „Wir sind nicht politisch begabt“. Das Typische des deutschen Volkes wäre nicht Machtpolitik, sondern „Innerlichkeit und Tiefe“. Und an diesem deutschen Wesen solle die Welt genesen. (Blankenburger Kreisblatt, 22.2.19). Kiel griff das damals gängige, aber widersprüchliche Schema von der Opferrolle des deutschen Volkes auf, das nicht etwa durch militärisches Versagen bezwungen, sondern das Opfer von dunklen Schicksalsmächten geworden sei, andrerseits aber die Niederlage durch Sittenverfall selber verursacht habe. Diese Denkfigur ermöglichte es der Kirche, sich mit dem Ruf zur erneuten Hinkehr zu Gott in das öffentliche Gespräch einzubringen. Die Frage nach einer Mitschuld der Kirche und nach einer Selbstkritik im Hinblick auf die Irrungen der Kriegstheologie wurden nicht gestellt.

Superintendent Palmer nahm in seinem Vortrag am 3.3. über „Christentum und Vaterland“ diesen Gedankengang von der Kriegsschuld der anderen auf. Schon vor dem Kriege wäre das deutsche Volk veräußerlicht. Der Krieg und sein Ausgang wären die Strafe Gottes für Fleischeslust und sexuelle Ausschweifungen der Jugend. Wie vor hundert Jahren in der Zeit nach den napoleonischen Kriegen müßten nationale und religiöse Erneuerung Hand in Hand gehen. (Blankenburger Kreisblatt, 5.3.1919).


Auseinandersetzung mit dem Arbeiter- und Soldatenrat
Da nach dem Vortrag keine Aussprache vorgesehen war, meldete sich der 1. Vorsitzende des Arbeiter- und Soldatenrates mit einem ausführlichen Leserbrief zu Wort und erwiderte trocken, die Geschichte lehre, daß noch kein Krieg durch pedantische Frömmigkeit gewonnen worden wäre. Aber er bedauerte, daß Palmer nicht grundsätzlich über das Thema „Die Kirche und der Krieg“ referiert hätte und hielt Palmer folgendes Zitat aus dem Vortrag vor: „Wenn mit uns ein neuer Cherusker das Schwert ergreifend nach Rache ruft, würde ich ihm als Christ nicht den Mund verbieten, dann werde, trotz aller Fehde, die Kirche die Waffen segnen.“ Hesse fragte den Superintendenten: „Ist dies das christliche Fazit aus dem vierjährigen Völkermord?“ Der Monist und Pazifist Hesse schloß mit einem Feuerbachzitat: „Wir sollten werden aus Gottesfreunden zu Menschenfreunden, aus Betern zu Denkern, aus Kandidaten des Jenseits zu Studenten des Diesseits, aus Christen zu ganzen Menschen“ (Blankenburger Kreisblatt, 5.3.1919). In einem ebenso langen Leserbrief bestätigte Palmer zwar das Zitat, aber es gälte nur für die Situation eines Freiheitskrieges. „Ein Krieg um Leben und Existenz und Freiheit, für Weib und Kind und Bruder ist eine Tat der Liebe.“ Auch die SPD habe 1914 dem Krieg zugestimmt. „Durfte einem Deutschland, das von drei Seiten angegriffen wurde, die Kirche sagen: „Stecke dein Schwert an seinen Ort?“ Im übrigen habe er sich sehr für eine Versöhnung zwischen Arbeiterschaft und Bürgertum ausgesprochen, jede Polemik nach links vermieden und schloß selbstkritisch: „Wir haben allesamt gesündigt, so Fürst wie Ritter, Bauersmann und Knecht.“ (Blankenburger Zeitung, 7.3.1919).


Parteieintritt
Palmer entschied sich 1919 parteipolitisch wie Lachmund, der bereits 1918 in die DNVP eingetreten war, für die Deutsch-Nationale Volkspartei, die mehr als alle anderen Parteien das Christliche betonte. Palmer zeigte auch öffentlich Flagge, besuchte 1919 Parteiveranstaltungen der DNVP in Blankenburg und ergriff auch das Wort. Er variierte dabei die Parole der Partei, die lauten müsse: Christentum, Vaterland, Sozialreform (Blankenburger Zeitung, 8.4.1919). Palmer stand mit diesem Engagement in Blankenburg nicht alleine da, sondern auch seine Kollegen, die Pfarrer Kiel und Kellner ergriffen auf DNVP-Versammlungen 1919 immer wieder das Wort (Blankenburger Kreisblatt, 3.7.1919).


Kritischer Rückblick
Im Jahre 1928 urteilte Palmer über die sog. Revolution sehr nüchtern, sie habe im Gegensatz zur Leitungsebene die Arbeit in den Kirchengemeinden nicht wesentlich verändert. „Die Ämter und verwaltenden Organe sind dieselben geblieben“, ebenso die eigentliche Arbeit der Kirche, nämlich Predigt, Jugendunterricht, Seelsorge und „Gemeindearbeit“ und er begrüße „selbstverständlich, aufs Große gesehen, die neue Freiheit“ (Bergkirche, Januar 1929). Für Palmer sind trotz des neu eingeführten Pfarrerwahlrechtes, das die Gemeinde erhalten hatte, und des Wahlrechtes für Frauen die Kontinuitäten zum Kaiserreich sehr viel stärker. Diese realistische Einschätzung relativiert die Redeweise von der allumstürzenden Novemberrevolution im Hinblick auf die Kirchenbasis. Etwas ähnliches ist für den Alltag der Schulsituation auf dem Lande zu beobachten.

Palmer beendet im Rückblick dieses Kapitel mit einer gewissen Selbstkritik: „Gewiß würden wir heute nach allen Erfahrungen und auch neu gewonnenen Erkenntnissen, die uns 35 Jahre gebracht haben, vieles nicht mehr und manches anders sagen, aber - wir haben es damals gesagt und getan, so gut wir´s konnten.“ Damit bekräftigt Palmer noch einmal die grundsätzliche Richtigkeit des politischen Engagements zur damaligen Zeit auch bei inhaltlichen Korrekturen.



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