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[Kirche von unten]

Ottmar Palmer 1873 - 1964

Versuch einer Annäherung und Deutung

6. Kapitel


Palmer als Superintendent und Kirchenrat im Kirchenkreis Blankenburg 1916-1933



Der Vorgänger
Palmer trat 1916 die Nachfolge von Superintendent Eugen Schlüter an, der 18 Jahre lang die Blankenburger Superintendentur verwaltet hatte, und 1915 mit 61 Jahren aus gesundheitlichen Gründen in den Ruhestand gegangen war. Palmer zeichnete nach dem Tod seines Vorgängers 1923 ein liebevolles Lebensbild in der „Bergkirche“ (Juni 1924, S. 2f: „Lebenslauf des verstorbenen Superintendenten E. Schlüter“). Schlüter war mit Blankenburg eng verbunden gewesen, er hatte dort geheiratet und war bereits 1887-91 dort Pfarrer und Religionslehrer gewesen, dann nach Stadtoldendorf versetzt und dort Superintendent geworden, aber die Blankenburger Gemeinde drängelte auf Rückkehr des beliebten Pfarrers. So kehrte er 1896 zurück und wurde Nachfolger von Superintendent Broistedt. Auf den jungen Schlüter ging der Kindergottesdienst zurück, dem er sich auch als Superintendent besonders widmete. In der Blütezeit kamen 400 Kinder. In 26 Gruppen hielten zahlreiche Helferinnen in der städtischen Turnhalle Gottesdienst, später wurde dazu ein Saal angemietet. Schlüter richtete im Winterhalbjahr Familienabende mit Vorträgen und musikalischen Darbietungen ein, um die Gemeinde auch außerhalb des Gottesdienstes zu sammeln. Die Bevölkerung Blankenburgs wuchs um die Jahrhundertwende enorm, sodaß mit der Luthergemeinde in der Stadtmitte ein zweites kirchliches Zentrum geschaffen wurde. Umfangreich war auch die Tätigkeit von Schlüter als Militärseelsorger mit Gottesdiensten anläßlich von Herzog- und Kaisergeburtstagen, Soldatenabenden in der Kaserne, Besuchen im Garnisonslazarett, den alljährlichen Abendmahlsfeiern für die Soldaten und den Rekrutenvereidigungen, die Schlüter vom Kasernenhof in die Bartholomäuskirche verlegte. Der Verlauf des Weltkrieges, in den auch zwei Söhne eingezogen wurden, zerrütteten seine Gesundheit, sodaß er den frühzeitigen Ruhestand beantragte.


Die Gliederung des Kirchenkreises
Von den drei Harzer Kirchenkreisen (Blankenburg, Hasselfelde und Walkenried) war Blankenburg mit dreizehn Gemeinden der größte. Die beiden anderen Kirchenkreise Hasselfelde und Walkenried gliederten sich in jeweils fünf Gemeinden. Diese Gliederung entsprach den Amtsgerichtsbezirken und den landschaftlichen Gegebenheiten. Der Kirchenkreis Walkenried lag am Südwesthang des Harzes, Blankenburg am Nordosthang und Hasselfelde mitten drin. Die drei Harzkreise arbeiteten zusammen und veranstalteten ihre alljährlichen Kreiskirchentage seit 1924 gemeinsam. Die Pfarrer aller drei Harzkreise trafen sich außerdem, zusammen mit den Ehefrauen, zweimal im Jahr in dem Flecken Sorge zu gemeinsamer Arbeit und Geselligkeit.

Es lag nahe, die beiden kleinen Kirchenkreise auf die Dauer aufzulösen und alle zu einem Kirchenkreis zusammenzufassen. Schon anläßlich des Kreiskirchentages im Sommer 1929 schlug Lachmund in der „Bergkirche“ in naher Zukunft eine Zusammenlegung der drei Kirchenkreise vor (Bergkirche, August 1929, S.6). Als der Superintendent des Kirchenkreises Walkenried Carl Bormann 1930 in Pension ging, wurde diese Stelle nicht mehr besetzt und der Kirchenkreis mit dem Kirchenkreis Hasselfelde zusammengelegt. Im Sommer 1933 wurden im Zuge der deutschchristlichen Neugliederung der Landeskirche unter Landesbischof Beye alle drei Harzer Kirchenkreise zusammengelegt und diese Gebietsreform durch die Propstei-Neuordnung vom März 1935 unter Landesbischof Johnsen bestätigt. Die heutige Gliederung der Propstei, die das Harzgebiet vom nördlich gelegenen Bad Harzburg aus ordnet, ist ein Notbehelf, der aus der unvorhersehbaren politischen Situation von 1989 entstanden ist und bis heute nicht korrigiert wurde. Geographisch wäre es sinnvoll, Hasselfelde zum Propstsitz einer Harzpropstei zu machen.

Zum Kirchenkreis Blankenburg gehörten in den 20iger Jahren sechs Dörfer, jeweils mit mehr als tausend evangelischen Bewohnern: Wienrode (1.420), Hüttenrode (1.400), Timmenrode (1.300), Rübeland (1.130), Heimburg (1.042) und fünf Dörfer mit unter tausend Gemeindemitgliedern, nämlich: Cattenstedt (950), Benzingerode (942), Börnecke (724), Neuwerk (525), Altenbrak (450), Treseburg (200). Diese elf Dörfer wurden in acht Kirchengemeinden zusammengefaßt. Neuwerk wurde von Rübeland aus verwaltet, Altenbrak und Treseburg von Wienrode aus. 1929 wurde Cattenstedt mit Timmenrode zusammengelegt.


Die Amtsbrüder des Kirchenkreises
Palmer gehörte bei seiner Einführung zu den Jüngsten des Kirchenkreises, „was mir den Mut zur Übernahme dieses doch immerhin leitenden oder leiten sollenden Amtes nicht gerade stärkte“, erinnert sich Palmer. Die Pfarrer Otto Korfes, Wilhelm Ziegler, Werner Niemeyer, Carl Meyer und Rolf Frölich waren zwischen 51 und 58 Jahre, Joachim Wilckens, Carl Toborg, Rolf Borchers und Wilhelm Kiel zwischen 41 und 50 Jahre alt. Der mit 34 Jahren Jüngste war Adolf Kellner.
Die Pfarrerschaft setzte sich wie folgt zusammen:


Otto Korfes (geb. 1857) - mit 58 Jahren seit 1901 im Timmenrode
                 1933: verwaltet von Cattenstedt
Wilhelm Ziegler (geb.1859) - mit 56 Jahren seit 1893 in Börnecke
                 1933: Julius Seebaß
Werner Niemeyer (geb. 1860) - mit 55 Jahren seit 1895 in Wienrode
                 1933: Gerhard Stosch
Carl Meyer (geb.1861) - mit 54 Jahren seit 1901 in Heimburg
                 1933: verwaltet von Benzingerode
Robert Frölich (geb.1863) - mit 52 Jahren seit 1908 in Timmenrode
                 1933: Robert Frölich
Joachim Wilckens (geb.1865) - mit 50 Jahren seit 1901 in Rübeland
                 1933: Theodor Lipsius
Carl Toborg (geb.1867) - mit 48 Jahren seit 1900 in Hüttenrode
                 1933: Friedrich Nümann
Robert Borchers (geb.1868) - mit 47 Jahren seit 1914 in Benzingerode
                 1933 verwaltet von Heimburg
Ottmar Palmer (geb 1873) – mit 42 Jahren
Wilhelm Kiel (geb. 1874) – mit 41 Jahren seit 1907 an der Lutherkirche in Blankenburg
                 1933 Heinrich Lachmund
Adolf Kellner (geb. 1881) – mit 34 Jahren seit 1916 an der Bartholomäuskirche in Blankenburg

Es gab keinen über Sechzigjährigen im Pfarrerkreis und das bedeutete bei einem üblichen Pensionsalter von 70 Jahren, daß Palmer auf absehbare Zeit mit den Amtsbrüdern zusammenarbeiten würde. Aber es kam anders. Nur Pfr. Frölich im Timmenrode erlebte 1916 die Einführung und 1933 das Ausscheiden von Kirchenrat Palmer. Die meisten der Amtsbrüder waren nämlich bereits seit 15 bis 25 Jahren in ihren Gemeinden tätig. So gab es einschneidende, die Arbeit der Propstei prägende, personelle Veränderungen, wovon einige auf den Einfluß Palmers zurückgingen.

In der Lutherkirche in Blankenburg folgte auf Wilhelm Kiel 1927 der 52jährige Heinrich Lachmund (geb. 1875), der aus Braunlage kam. Das war von Palmer eingefädelt worden. Heinrich Lachmund war damals als Mitherausgeber von „Ruf und Rüstung“, dem Blatt der konfessionellen Lutheraner, in der ganzen Landeskirche bekannt. Palmer teilte seine theologische Position. Zwischen beiden begann für die nächsten Jahrzehnte eine enge Zusammenarbeit. Lachmund blieb in der Lutherkirche bis zu seiner Pensionierung 1946.

In Börnecke folgte auf Wilhelm Ziegler 1931 der 52jährige Julius Seebaß (geb.1889), der vorher in Allrode im Kirchenkreis Hasselfelde gewesen war. Seebaß war der letzte Pfarrer in Allrode, das in Zukunft von Stiege aus verwaltet wurde. Seebaß blieb bis 1946 in Börnecke und wurde dann Propst des Ostteils der Propstei Blankenburg. Auch mit Seebaß verband Palmer eine kirchenpolitische Affinität. Palmer, Lachmund und Seebaß gehörten ab 1933 zum engeren Kern des Pfarrernotbundes in der Propstei, was bis in die weitere Landeskirche hinausstrahlte.

Während Lachmund und Seebaß, zwar etwas jünger als Palmer, zu den Älteren, über Fünfzigjährigen gehörten, verjüngte sich der Kirchenkreis 1923 durch den 28jährigen Theodor Lipsius (geb.1895), der in Rübeland 1922 Joachim Wilckens ablöste, und durch den 29jährigen Friedrich Nümann (geb.1896), der 1926 in Hüttenrode statt Carl Toborg die Arbeit aufnahm. Den häufigsten und ungewöhnlichsten Wechsel erlebte Wienrode: Palmer beerdigte Werner Niemeyer, der in seiner Gemeinde 1920 (geb.1860) mit 60 Jahren gestorben war. Auch sein Nachfolger, August Pöppe (geb.1868), starb 1931 62jährig in Wienrode unerwartet an Herzschlag. Auf ihn folgte 1931 der 48 jährige Gerhard Stosch (geb.1883). Der dritte Pfarrer, der im Dienst starb, war der 72jährige Otto Korfes in Cattenstedt.

Vier Pfarrer verabschiedete Palmer in den Ruhestand: mit jeweils 72 Jahren Werner Ziegler und Carl Meyer - mit 63 Jahren, krankheitshalber, Robert Borchers - und Adolf Schlemm aus disziplinären Gründen. Nur drei Pfarrer wechselten in dieser Zeit in den Dienst in einer anderen Propstei: Toborg nach Astfeld, Wilckens nach Salzdahlum und Kiel nach Braunlage.

Palmer erlebte in seiner Zeit als Kirchenrat einen ungewöhnlich häufigen Wechsel in den Pfarrämtern auf den Dörfern: drei Pfarrer starben im Dienst, vier verabschiedete er in den Ruhestand, drei in den Dienst in anderen Gemeinden, sechs Pfarrer führte er in ihre Gemeinden ein. Um so wichtiger war Palmer, daß sich mit Lachmund, Kellner und Seebaß ein gefestigter Stamm in vertrauensvoller Zusammenarbeit bildete, bis 1933 der Bruch mit Kellner kam.


Pfarrerfortbildung
Palmer entwickelte seit 1918 mit den ganztägigen Pfarrertreffen in dem Heilkurort Sorge ein modernes Instrument der Pfarrerfortbildung. Die Teilnahme war kirchenkreisübergreifend und freiwillig, aber Palmer erwartete doch von den Pfarrstelleninhabern seines Kirchenkreises, daß sie teilnahmen. Er war von der Notwendigkeit der theologischen Fortbildung überzeugt. Da auch die Ehefrauen an den Treffen teilnehmen konnten, nahm Palmer von den Treffen den Druck, daß die Kollegen wieder rasch nach Hause strebten. Die Treffen fanden zweimal jährlich statt, um eine gewisse Kontinuität zu wahren.


Reform der Konfirmation
Im Jahre 1924 hatte beim Treffen im Juni Pfr. Lipsius über die Geschichte der Konfirmation berichtet, und am 10. September referierten die Pfr. Kiel und Lachmund über die „Reform der heutigen Konfirmationspraxis“. Palmer litt selber unter den geistlichen hohen Anforderungen, die der Konfirmationsgottesdienst an die Jugendlichen stellte. Außerdem empfand er die Verbindung von Konfirmationshandlung und dem „ersten Abendmahl“ als unglücklich. Es gab eine lebhafte Aussprache und mehrheitlich wurde der Beschluß gefaßt, an die Kirchenregierung die Bitte zu richten, eine dem Kindesalter entsprechende Form des Bekenntnisses und Gelübdes zu entwerfen. Die Hälfte der Teilnehmer sprach sich auch für eine Trennung von Konfirmation und Abendmahl um etwa acht Tage aus. Weitere Reformvorschläge wurden von der Mehrheit abgelehnt, berichtete Palmer im Braunschweiger Volksblatt (1924, S. 276). Palmer selber sprach sich für noch weitergehendere Reformen aus, die er auf der Sitzung des Landeskirchentages vorstellte.

Die Frage einer Konfirmationsreform beschäftigte auch die Kirchenvorstände der Blankenburger Kirchengemeinden, die eine Eingabe an den Landeskirchentag richteten, die dieser an den Rechtsausschuß überwies und im Plenum am 18. März 1925 behandelte. Der Abgeordnete Lagershausen berichtete über die unerfreulichen Sitten bei der Konfirmation, „die vielen Zerstreuungen“, die sich an die Konfirmation anschließen, die Notwendigkeit einer Trennung von Konfirmation und Abendmahl, sodaß der Landeskirchentag nach längerer Aussprache die Trennung beider Handlungen beschloß und einen Ausschuß einrichtete, der weitere Fragen der Konfirmation behandeln sollte. Über die Arbeit dieses Ausschusses berichtete der Abgeordnete Pfr. Lagershausen dem Landeskirchentag in seiner Sitzung am 5. März 1926 und legte eine revidierte Konfirmationsordnung vor. Sie enthielt einen gemäßigteren Wortlaut des Gelübdes. Palmer war unzufrieden, daß der Landeskirchentag seiner Meinung nach auf halbem Wege steckengeblieben war und stimmte mit drei anderen Pfarrern gegen die Vorlage. Der Ausschuß hatte auch die Verlegung des Konfirmationsalters auf das 17. und 18. Lebensjahr diskutiert. Vor allem erstrebte Palmer eine Entlastung der geistlich überfrachteten Konfirmationshandlung. Palmer wollte den Schwerpunkt auf den Konfirmandenunterricht legen, dessen schlichter, aber festlicher Abschluß die Konfirmation darstellen sollte, bei der ein Gelübde sogar entbehrlich wäre. Palmer sah die Gefahr einer Art feierlicher Sakramentalisierung der Konfirmation, die ihm widerstrebte. Der Ausschuß konnte sich zu weiterreichenden Reformen nicht entschließen und so blieb es bei der Annahme der revidierten Konfirmationsordnung.


Der Reformvorschlag wurde 1936 erneut diskutiert
Noch viele Jahre später kam Palmer in dem Artikel „Konfirmationsnot?“ 1936 in „Ruf und Rüstung“ auf diesen Vorgang zu sprechen. „Vor 10 Jahren ist im braunschweigischen Landeskirchentag ein leider ergebnisloser Kampf geführt um die Reform der Konfirmationspraxis. Was herauskam war eine sog. „Milderung“ von Bekenntnis und Gelübde.“ (S. 104). Der Anlaß zu diesem Artikel waren neue Überlegungen zur Konfirmation im Konvent des niederdeutschen Luthertums, dem Palmer angehörte und wo er seine grundsätzlichen Reformvorschläge erneut vorbrachte. Der entscheidende theologische Gedanke Palmers war, daß die Taufe „keiner Bestätigung oder Bekräftigung, keiner Erneuerung oder Ergänzung bedürfe, weder von Gott her, was eine überflüssige Wiederholung wäre, noch vom Menschen her, was ein Zweifel an der Vollkraft des göttlichen Handelns wäre. Die Taufe ist ganz und gar alleinige und genügende Gabe Gottes.“ Die Zustimmung zur Taufe sollte nicht auf eine einmalige Handlung beschränkt sein, sondern in lebenslanger persönlicher jeweiliger Entscheidung vollzogen werden. Die Konfirmation sollte weder als Akt einer Geistesübermittlung – also sakramental –, noch als persönliche Übergabe an den Herrn Christus – also pietistisch –, mißverstanden werden. Bei der Konfirmation als Abschluß des Unterrichtes sollten die Kinder bezeugen, daß sie Kenntnisse des christlichen Glaubens gewonnen haben und die Gemeinde zur Stärkung der Kinder den Heiligen Geistes erbitten. Damit erstrebte Palmer erneut eine jugendgerechte, geistlich entstaubte Konfirmationshandlung. Erst bei der Revision der Konfirmation in den 60iger Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts ist die Vereinigte Ev.-Luth. Kirche Deutschlands diesen Palmerschen Grundgedanken gefolgt, allerdings ohne es zu wissen. Die jahrzehntelange Bemühung um die Änderung der Konfirmationspraxis zeigt die Hartnäckigkeit Palmers in der Verbesserung geistlicher Notstände in seiner Kirche und seine Empfindlichkeit gegenüber falschen frommen Tönen.


Der Amtsbegriff Palmers
Der Umgang eines Pfarrers mit den Amtsbrüdern, den kirchlichen Mitarbeitern und der Gemeinde ist wesentlich von seinem Amtsbegriff geprägt. Der eine fühlt sich als Stellvertreter Christi, ein anderer als Hüter von Lehre und Bekenntnis, ein anderer als milder und alles verbindender Seelsorger, wieder ein anderer als Manager. Es gibt viele Typen, je nach ihrem Verständnis vom Amt.

Im selbst angefertigten Amtskalender (Palmer nannte sie Tagebücher) befindet sich 1922-1924 unter dem Jahr 1923 der Text eines mit Bleistift notierten Vortrages über das Amt mit der Überschrift „Seelenfrieden und Arbeitsfreudigkeit“. Palmer notierte nicht den Wortlaut des Vortrages, sondern sozusagen im staccato Kernsätze, die ihm wichtig waren und den Fortgang seines Gedankenganges markierten. Palmer gliederte seinen Vortrag in drei Teile: I. Woher kommt das Amt - II. Der Inhalt des Amtes - III. Die Verheißung des Amtes. Der Vortrag ist keine systematisch-dogmatische Abhandlung über das Amt. Im beständigen Hinweis auf biblische Texte beantwortete Palmer sehr direkt Sorgen und Bedenken, die ihm im Gespräch mit seinen Amtsbrüdern begegneten waren und die er sich auch schon selber gestellt hatte. Er verwendete in der Anrede durchweg das pastorale „Du“. Palmer könnte diesen Vortrag bei einer Amtskonferenz oder bei einem der ganztägigen Treffen in Sorge gehalten haben.

Schon in der Einleitung nahm Palmer die allgemeine Klage seiner Pfarrer über den „harten Boden“ in der Gemeinde auf. Er begegnete ihr mit einer Gegenfrage: „Sind die Pfarrer Erlöste?“ Also: zu welcher Art von Boden rechnete sich wohl der Pfarrer selber? Palmer relativierte die Klage auch im Hinblick auf die Erfahrung des Paulus. Wie anders hätten die ersten Zeugen gesprochen. „Was hatte Paulus für harten Boden?“ Die Frage nach dem Ursprung des Amtes beantwortete Palmer im ersten Teil mit drei Überlegungen. Es käme aus Gottes Gnade, es wäre Gottes eigene Arbeit und trüge seinen Namen. Bevor Gott Paulus in sein Amt als Apostel eingesetzt hatte, wäre jener ein überheblicher Lästerer gewesen, aber doch sei ihm nach 1. Tim. 1, 12 „Barmherzigkeit widerfahren“. So müßte sich ein Pfarrer selbstkritisch fragen: „Sind wir wirklich seine Knechte?“, „Hast du schon dein Damaskus gehabt?“ Ohne die Erkenntnis seiner Sünde und Schuldhaftigkeit lebe ein Pfarrer mit unvergebener Schuld und ohne die Erfahrung, daß ihm Barmherzigkeit widerfahren sei. Man dürfe keinen Tag und keine Nacht vollenden mit unvergebener Sünde. Das erste, was Jesus den verängstigten Jüngern hinter den verschlossenen Türen sage, sei: „Friede sei mit euch“. Den Begriff „Seelenfrieden“ in der Überschrift versteht Palmer also nicht ironisch, sondern sinnerfüllend als den von Christus zugesprochenen Frieden im Amt. „Und nun gibt er uns seine Gnade fortlaufend, macht uns frei von allen Sünden“.

Die überraschende zweite Antwort auf die Frage nach der Herkunft des Amtes ist, daß Gott selber diese Arbeit des fortwährenden Gebens von Barmherzigkeit und Friede nicht eingestellt habe. Das Amt ist „seine Arbeit, nicht unsre. Das ist nicht leicht für den Pfarrer. Das ist die Verantwortung. Aber nicht klagen über die Verantwortung. Paulus sagt: ich danke Gott, daß er mich in das Amt gesetzt hat.“ Verantwortung versteht Palmer als die Annahme und Antwort des Pfarrers auf diese fortwährende Gabe Gottes. Unter der Verantwortung sollte man also nicht stöhnen und klagen, sondern wie Paulus Gott danken, daß er einen in das Amt eingesetzt habe. Bibellese und Gebet nannte Palmer als die Wohltaten dieses Amtes. „Welche Wohltat für uns, daß wir immer von Amts wegen die Bibel lesen,“ z.B. bei der Vorbereitung für die Predigt als Textauslegung. Weil das Amt also zu allererst nicht die eigene Arbeit aus eigener Kraft im Blick hat, sondern die Arbeit Gottes aus seiner Kraft und mit seinen Wohltaten, deswegen solle niemand sagen „gerade mein Posten ist zu schwer, wenn ich doch woanders wäre. Es ist ja seine Arbeit. Er hat doch den Posten für mich bestimmt.“ Dieses Amt trägt Gottes Namen. Das macht die Pfarrer zu Gottes Gesandten. Es ist eine Arbeit „im Namen Gottes“. „Das macht uns nicht eitel, uns ist nur Barmherzigkeit widerfahren“. Der Hohe Rat merkte an Petrus und Agrippa an Paulus, daß sie Gesandte Gottes waren. Daraus folgte: „Nicht schroff, aber heilige Einseitigkeit“, notierte Palmer am Ende dieses ersten Teiles.

Im zweiten Teil beschreibt Palmer den Inhalt des Amtes bündig als Predigt des Evangeliums aller Kreatur. „Es ist das einzige Amt, das gefüllt ist mit lauter Freude.“ Die Predigt gilt „der schmerzensreichen Welt“ im Gegensatz zum Altertum, das den Schmerz „wegphilosophieren“, und zu Goethe, der am Schmerz vorbeigehen wollte. Wie? „Gott zeigte das einzige Bild der Freudenbotschaft: Jesus“. „In der heiligen Nacht ist die Freude geboren.“ Palmer entfaltete nach der Geschichte von der Predigt Jesu in der Synagoge in Nazareth bei Lukas 4 den Auftrag „Jesus schaute immer nach den Schmerzensmenschen“... „und er heilte sie alle“, die an ihre verzweifelte Situation oder an den Rand der Gesellschaft Gebundenen. „Jesus löscht die Vergangenheit aus. Matthäus wird ein Jünger. Jesus bringt seinem ganzen Haus Freude, auf dem der Fluch eines geizigen Mannes lag.“

„Den großen Freudenauftrag gibt er uns.“ „Wie soll ich das machen?“ Palmer antwortet mit der Pfingstgeschichte: „Ihr werdet meine Zeugen sein.“ „Er setzt seine Boten in Stand, daß sie ihn gesehen und gehört haben.“ Daher mit Paul Gerhardt „Mein Herze geht in Sprüngen und kann traurig sein.“ Palmer sieht in den Pfarrern Zeugen der Gegenwart Jesu wie bei den Emmausjüngern. „Brannte nicht unser Herz in uns...“ und das merkt die Gemeinde. Es gälte also, unbekümmert das Evangelium vor die Gemeinde zu bringen und nicht immer erst zu rechtfertigen oder zu verteidigen. In welcher Form? Jesus habe nicht immer von den Sünden geredet. Ein Beispiel wäre seine Predigt vom Nicht–Sorgen, was nicht mit Optimismus verwechselt werden dürfe. Sie bestünde im ermutigenden Hinweis auf einen Gott im Himmel und darin, ihn Vater nennen zu dürfen. Palmer zitiert als eine weitere Form des Evangeliums Lukas 24, 47, „daß gepredigt werden muß in seinem Namen Buße zur Vergebung der Sünden allen Völkern... und siehe, ich will euch senden die Verheißung meines Vaters.“ „Auch das Wort Buße ist Evangelium. Du kommst ja sonst nicht zum Frieden, zur Sinnesänderung. Und dann zur Vergebung.“ Das Ziel des Amtes: machet zu seinen Jüngern; also nicht eine bessere Religion, „sondern wirklich zum Heiland führen“. „Es ist das Evangelium der Ewigkeit.“ Nach Lukas 21 würden Jesu Worte nicht vergehen. Das Evangelium wäre unwandelbar. Vieles habe sich gewandelt in der Welt, aber nicht die Schmerzen der Welt. Daher seien die Psalmen so passend. „Das Evangelium heilt immer alles. Das ganze Evangelium von unserm Herrn Christus. Das Evangelium nicht korrigieren und erst recht nicht ersetzen.“

Der dritte Teil behandelt die Verheißung des Amtes. Es gäbe keinen Beruf mit solcher Siegeszuversicht. Was habe man davon, daß man sich plage? Die Verheißung lautet: Die Arbeit im Amt ist nicht umsonst. „Ich“ dachte, es wäre umsonst, aber so denkt Gott nicht. Der Redeweise von den „toten Gemeinde“ begegnet Palmer mit dem biblischen Bild vom Säen und Ernten. Man sieht zwar nichts, aber der Same liegt ja in der Erde. Sehr apart bezieht Palmer das Zitat „Sie gehen hin und weinen und tragen edlen Samen“ auf den Pfarrerstand. Wenn jemand auch nur Samen ausstreut und selber nichts zu ernten meint, so werde es doch eine Ernte geben.

Wie beim Gleichnis vom Vierfachen Ackerfeld unterscheidet Palmer die Gegner des Evangeliums, die Abwartenden und die Frommen. Wer viel Feinde in der Gemeinde habe, solle wissen: das ist der Kelch, den Jesus verschenkt. Der Pfarrer sei gesandt wie Schafe mitten unter die Wölfe, d.h. „nun hast du etwas zu machen unter den Wölfen. Ich habe euch Macht gegeben, zu treten auf Schlangen. Also wir sind oben. Es ist die Macht des Evangeliums. Ich werde auch siegen.“ Da sind die Wartenden, wir würden heute sagen: die Distanzierten. Die Feindschaft wäre im Grunde oft ein Warten. Palmer seufzte sowohl bei seiner Arbeit in Wolfenbüttel wie in Blankenburg über die bürgerlichen, intellektuellen Schichten, die in vornehmer Distanz zur kirchlichen Arbeit standen. Es gäbe schließlich auch die Frommen und Gläubigen, gewiß wenige, aber doch ein Grund zur Freude. Palmer erinnerte an eine weitere Gruppe, um die er sich besonders gekümmert hatte: die Kinder. „Welche Freude hatte Jesus an den Kindern“. Das Bibelzitat „Weide meine Lämmer“ bezog Palmer auf die Aufgabe der Pfarrer gegenüber den Kindern. In der Gegenwart qürden sie wie zu Jesu Zeiten gegen Jesus aufgehetzt.

Palmer schließt mit: „Alles zusammengefaßt: Sieg. Der Lohn des Evangeliums: die Namen sind im Himmel angeschrieben „Nur treu“!

Diese Niederschrift gibt einen lebendigen Eindruck von dem fast einfältig zu nennenden, ausschließlich an der Bibel orientierten Amtsverständnis Palmers. Er verzichtete auf jeden gelehrten Hinweis auf theologische Literatur. Es kam ihm offenkundig nur auf die Stärkung und Ermutigung seiner Amtskollegen an. Palmer kannte die bedrückende, unkirchliche Situation in den Kirchengemeinden seines Kirchenkreises und wie die Pfarrer darunter litten. Aber er bedauerte seine Amtsbrüder nicht, vertröstete sie auch nicht auf kommende bessere Zeiten, sondern stellte eine ungebrochene Parallele zur Situation der Jünger um Jesus her und leitete daraus unmittelbar weiterführende Erkenntnisse für die Pfarrer im Blankenburger Kirchenkreis her. Palmer verschmähte also alle Formen einer kulturprotestantischen Anpassung an die aktuellen Themen der Welt, sondern verwies gut lutherisch auf das „Allein Christus“, „Allein das Evangelium“. Palmer vermied mit diesem unmittelbaren Zugang zu den biblischen Quellen Verformungen des Amtes, wie sie in verkrusteter Form seit der Orthodoxie und in liberalistischer Weise seit der Aufklärung in der Landeskirche präsent waren. Der originelle erste Teil mit seinem strengen, ausschließlichen Bezug auf das Wirken Gottes erinnert an Ausführungen, wie sie im Umkreis von Karl Barth und der dialektischen Theologie gepflegt worden waren.

Palmer hatte sich damit auch für seine eigene Amtsführung ein Gerüst erarbeitet, das sich ihm für die nächsten Jahrzehnte als stabil erwies. Die christozentrische Engführung bewahrte ihn 1933 vor jedem Kompromiß mit den Deutschen Christen und bei seinen Predigten im September 1945 und Februar 1946 schöpfte Palmer immer noch aus dem hier entfalteten Verständnis der biblischen Texte.


Die Visitationen
An den Visitationen erkennt man die Sorgfalt eines Propstes, das Interesse der Kirchenbehörde an der Kirchengemeinde und vor allem die Befindlichkeit der Ortsgemeinde. Palmer hat als Kirchenrat alle Gemeinden visitiert im Sinne eines brüderlichen Besuches des Ortspfarrers, einer Aufmunterung für eine schwache Gemeinde, eines Appells an die Kirchenvorstände. Die Visitation erfolgte an einem Sonntag und war mit diesem Tag auch abgeschlossen, wobei Palmer jeweils von einem weiteren Pfarrer und einem Mitglied des Kreiskirchentages begleitet war. Der zuständige Pfarrer hatte die Predigt schriftlich eingereicht; der Kirchenrat besuchte einen Gottesdienst der Gemeinde, er richtete im Gottesdienst ein Wort an die versammelten Gemeindemitglieder. Nach dem Gottesdienst prüfte der Kirchenrat das Wissen der Konfirmanden. Am frühen Nachmittag wurde der bauliche Zustand der Kirche und der Zustand des Friedhofes besichtigt und die Registratur, Kirchenbücher und Chronik angesehen. Daran schloß sich eine Kirchengemeinderatssitzung an, bei der anhand des vom Ortspfarrer ausgefüllten Visitationsbogens Gottesdienstbesuch, Anzahl von Taufen, Trauungen und Beerdigungen, kurz das kirchliche Leben besprochen wurde. Zeitweilig fand die Sitzung auch ohne den Ortspfarrer statt, um den Kirchenvorstehern die Gelegenheit auch zu kritischen Bemerkungen über den Pfarrer zu geben. Am Abend wurde zu einer Gemeindeversammlung eingeladen, auf der entweder der Ortspfarrer oder der Kirchenrat noch ein Referat hielten.

Nach der Visitation faßte der Kirchenrat seine Eindrücke in einem Bericht an die Kirchenbehörde zusammen. Auf diesen Bericht antwortete der Landesbischof. Es gibt für die Darstellung der Visitation vier Quellen: den Visitationsfragebogen, die Predigt des Ortspfarrers, den Bericht des Kirchenrats, die Antwort der Kirchenbehörde.


Visitation in Benzingerode 1921
Benzingerode erlebte 1874, 1879, 1910 und 1921 eine Visitation. (in: S 2339) Der 58jährige Pfarrer Borchers, der seit sieben Jahren die Gemeinde verwaltete, notierte: 20 Besucher beim üblichen Gottesdienst, im Dorfleben wäre der Sonntag vom Wochentag nicht zu unterscheiden, die Einsegnung von Müttern unehelicher Kinder bliebe versagt, bei Verlust der Jungfräulichkeit vor der Eheschließung würden bei der kirchlichen Trauung Kranz und Schleier, Gesang, Orgelspiel und brennende Altarkerzen verweigert. Wo die „kirchlichen Ehren erschlichen“ worden waren, wurde die Tatsache ohne Namensnennung am Neujahrstage benannt. Im Dorf wußte vermutlich jeder Bescheid. Wer am Abendmahl teilnehmen wollte, hatte sich beim Kantor anzumelden, der ein Konfitentenregister verwaltete, in dem die Namen der Abendmahlsbesucher eingetragen wurden.

Palmer war vom gut besuchten Gottesdienst (102 Besucher bei 911 Gemeindemitgliedern) angetan. Die Predigt wäre sorgfältig und praktisch, der Gottesdienst von einem gemischten Chor und einem Kinderchor mitgestaltet. Palmer ermunterte anhand von Mt. 10, 32 die Gemeinde „in Wort, Wandel und Vorbild rechte Bekenner Jesu Christi zu sein“. Die vier Kirchenvorsteher (der Ziegeleibesitzer, ein Ackermann, ein Waldarbeiter, ein Stellmachermeister) machten am Nachmittag einen vorzüglichen Eindruck. Direktor Engelmann vom Kreiskirchenvorstand richtete „ernste Worte“ an die Kirchenvorsteher. Die soziale Spaltung der Gemeinde war zur Sprache gekommen. Benzingerode war ein Arbeiterdorf. Palmer schrieb dazu: „Eigentliche Kirchenfeindschaft ist freilich noch wenig hervorgetreten“, - es war das Jahr 1921 - „auch die sozialistisch Gesinnten begegnen persönlich dem Pfarrer, der sein Amt streng unparteiisch zu führen sucht, in der Regel achtungsvoll.“

Die Kirchenbehörde erwiderte auf diese Bemerkung verständnislos, es wäre auch „in Benzingerode eine zu beklagende Tatsache, daß sich die Arbeiter unter der verhetzenden Einwirkung radikaler politischer Parteiführer von dem kirchlichen Leben fernhielten.“ Trotz Mängeln beim Kirchenbesuch und in der sog. „Sonntagsheiligung“ zeigte sich Palmer vom Verlauf der Visitation befriedigt, die Gemeinde mache einen „erfreulichen Eindruck“. Am Gemeindeprofil hatte sich offenbar seit hundert Jahren nichts geändert.


Visitation in Timmenrode 1926
Einen völlig anderen Eindruck machte die Gemeinde Timmenrode, die 1878, 1883, 1911 und nun, im Oktober 1926, von Palmer visitiert wurde. (in: S 2556) Der 63 Jahre alte Pfarrer Frölich, der seit 18 Jahren in der Gemeinde tätig war, wäre „viel zu gut“ beklagten die Kirchenvorsteher. Von den 1.300 Gemeindemitgliedern waren im Durchschnitt sonntäglich 6 (1924) und 9 (1925) zum Gottesdienst gekommen. Da war es schon beachtlich, daß der Visitationsgottesdienst von 45 Erwachsenen besucht war. Dem unregelmäßigen Konfirmandenbesuch sollten doch die Kirchenvorsteher durch Elternbesuche entgegenwirken, baten die Visitatoren, „im anderen Falle und andauernder fruchtloser Verwarnung aber sie rücksichtslos vom weiteren Unterricht und der Konfirmation ausschließen.“ Die Taufsitte war indes ungebrochen. Die Taufzahlen betrugen 37 (1922), 28 (1923), 25 (1924) und 41 (1925). In seinen Bericht schrieb Palmer: „Timmenrode ist wohl diejenige Gemeinde meines Kirchenkreises, in der sich die Folgen sozialdemokratischer und kommunistischer Agitation auf kirchlichem Gebiete am stärksten ausgewirkt haben. Die Gemeinde besteht zum größten Teil aus Arbeitern; Gemeinderat und Schulvorstand haben sozialdemokratische Mehrheiten. Die Zahl der aus der Kirche Ausgetretenen ist groß, bei 1.300 Einwohnern sind es 100, wovon erst 13 zurückgekehrt sind.“ Die Schule würde für den Konfirmandenunterricht nicht zur Verfügung gestellt, Frauen, die zum Kirchenchor kommen, verhöhnt, die Anrede „Pastor“ verweigert... „Dies ist freilich nur ein Zeichen des sattsam bekannten sozialdemokratischen Terrors und der blöden Beschränktheit der großen Masse, hat aber naturgemäß auf das kirchliche Bewußtsein und das kirchliche Leben, das in Timmenrode ohnehin seit langen Jahrzehnten daniederliegt, noch verheerender gewirkt.“

Es war nicht nur die unterschiedliche örtliche Gemeindesituation - die Lage hatte sich seit 1921, der Visitation in Benzingerode, geändert. Die Volkskirche erlebte einen Wechsel in der Bewertung der dörflichen Eliten. Die Bemerkung Palmers „die Anrede „Pastor“ würde verweigert“, deutete auf den Wandel in der jahrhundertealten gesellschaftlichen Rangfolge, der nun als Verlust erlebt wird. Palmers scharfes Urteil spiegelt die Redeweise vom „roten Harz“ wider und zugleich die Hilflosigkeit, mit diesem schroffen Atheismus umzugehen.


Visitation in Börnecke 1926
Die Gemeinde Börnecke mit 724 Gemeindemitgliedern wurde Anfang desselben Jahres 1926 visitiert. (in: S 2356) Von den Visitationen (1874/ 1883/ 1905/1912) lag die letzte 14 Jahre zurück. Der 67 jährige Pfarrer Wilhelm Ziegler war bereits seit 1893, also 33 Jahre in der Gemeinde. Börnecke wäre von allen Landgemeinden die kirchlichste, schrieb Palmer, noch bäuerlich strukturiert, die wenigen Industriearbeiter gingen zur Eisenhütte nach Blankenburg, abseits der Verkehrswege gelegen, ein „Dornröschen“. Der zweistündige Gottesdienst wurde von 90 Gemeindemitgliedern besucht. Der gemischte Chor, bestehend aus 25 Mitgliedern, wurde vom Lehrer auf einem über dem dörflichen musikalischen Durchschnitt hinausragenden Niveau geleitet. Der Ortspfarrer gab in der dreiklassigen Volksschule drei Stunden Unterricht, zwei in der 1. Klasse und eine in der 2. Klasse. Hier, wo es eigentlich viel zu loben gäbe, machte Palmer die Kirchenvorstände auf Veränderungen aufmerksam. Der sonntägliche Gottesdienst, der 1912 noch mit 42 Besuchern angegeben wurde, war auf 24 Besucher gesunken. Es gab zwar kaum Kirchenaustritte, aber es wurde „die Autoritätslosigkeit auch vor dem Heiligen“ und die Frechheit der Jugend beklagt. Palmer aber läßt sich durch die konservative Struktur der Gemeinde in seinem Urteil über die Zukunft auch in diesen scheinbar behüteten Verhältnissen nicht täuschen. „Fast alles lebt von und mit der Landwirtschaft. Manche Sitten und Gebräuche haben sich dort länger gehalten als in andern hiesigen Dörfern. Das prägte sich auch im kirchlichen Leben z.B. darin aus, daß die Kirchenzucht bei „deflorierten“ Brautpaaren strenger gehandhabt wurde als in den Nachbargemeinden, daß die Konfirmierten noch 2 Jahre lang „das Chor“ besuchten. Ein konservativer Zug ist dem Ganzen aufgeprägt, auch der Kirchenvorstand besteht aus angesehenen Männern, die auf das gute, alte Herkommen achten und der Mehrzahl nach mit dem Beispiel treuen Kirchenbesuches vorangehen. Aus der Kirche Ausgetretene gibt es überhaupt nicht., der einzige, der es war, ist zurückgekehrt. Aber überall dringt die neue Strömung ein, später, langsamer als in den Nachbarorten, aber wie‘s scheint, unaufhaltsam. Kirchen- und Abendmahlsbesuch gehen zurück. Das „Chor“ wird nur noch unregelmäßig besucht, die Jugend wächst nicht nach. Selbst im kirchlichen Religionsunterricht, der völlig ordnungsgemäß für die ersten 4-5 Jahrgänge eingerichtet ist, hat der Pastor mit Schwierigkeiten des Besuchs zu kämpfen und in der Schule findet er, was Pflege der Religion betrifft, scheinbar wenig Unterstützung.“

Palmer sieht sehr deutlich die unaufhaltsame Veränderung des Kirchenbildes, den Abschied von der Staatskirche und auch von der Volkskirche. Es gibt aber keine Überlegung, wie auch in völlig veränderten Verhältnissen das Evangelium glaubwürdig ausgerichtet werden könnte.


Visitation in Cattenstedt 1927
Im Oktober 1927 visitierte Palmer zusammen mit dem Apotheker Lebrink und Pfr. Ziegler die Cattenstedter Kirchengemeinde mit 950 Gemeindemitgliedern, die von Pfr. Otto Korfes, 71 Jahre alt, seit 1901 in Cattenstedt betreut wurden. Die Gemeinde war 1874/ 1880/ 1887/ 1905 und 1914 visitiert worden. (in: S 2331) Der Gottesdienstbesuch war mit 12 Besuchern sonntäglich nicht einmal ganz schlecht. Mit 50 Teilnehmern am Visitationsgottesdienst, der von zwei Chören verschönt wurde, konnte Palmer wohl zufrieden sein. Die Wunsch nach Taufen war ungebrochen. Im Kirchenvorstand befanden sich der erste Lehrer und der Gemeindevorsteher.

Aber Palmer scheint selber leicht entmutigt. Er schreibt in seinem Bericht: „Wenn ich zum Schluß zu einem allgemeinen Urteil kommen soll, so ist zu sagen, daß Cattenstedt mit Timmenrode, Heimburg und Rübeland zu den schwierigsten und unkirchlichsten Gemeinden des unkirchlichen Kreises gehört. Sie besteht zum größten Teil aus kleinen Landwirten und Industriearbeitern, sie ist auch schon seit langer Zeit kirchenfremd, auch bei Korfes’ Vorgänger wird der Kirchenbesuch kaum wesentlich besser gewesen sein. Bei der Veranlagung und dem Alter des Geistlichen ist auf eine regere Arbeit des Geistlichen in Jugendpflege, Gemeindearbeiten, Schriftenverbreitung u.s.w. kaum noch zu rechnen. Andrerseits lebt der Pastor in vertrauensvollem Verhältnis zur Gemeinde und das Pfarrhaus genießt am Orte und auch hier in Blankenburg viel Liebe und darf in mancher Beziehung als vorbildlich bezeichnet werden, auch das ganze Bild am Visitationstage im Verlaufe des Gottesdienstes und der Besprechung mit den Kirchenverordneten war ein freundliches. Das gute Verhältnis zur Schule war bereits erwähnt. Ein Visitator am Harz und in Braunschweig ist ja dankbar für jeden Lichtblick im trüben Gesamtbilde der heutigen kirchlichen Lage. Neuere Erfahrungen z.B. in Hüttenrode, wo trotz der eifrigsten Gemeindearbeit des jungen Geistlichen der Kirchenbesuch auf seinen früheren Tiefstand herabzusinken beginnt, stimmen ja auch die Hoffnung auf Besserung durch fleißige Arbeit wesentlich herab. Trotzdem wird diese Arbeit natürlich weiter betrieben und auch überall angeregt werden.“ Palmer scheint zu resignieren. Bischof Bernewitz hört diesen Ton aus dem Bericht Palmers heraus und erwiderte ihm: „ Aufs Ganze gesehen haben wir aus Ihrem Bericht den Eindruck gewonnen, daß die Visitation anregend und belebend auf das kirchliche Leben gewirkt hat.“


Visitation in Heimburg 1931
In Heimburg erlebten die Visitatoren (Baurat Hartwieg und P. Frölich) 1931 die Situation einer Gemeinde, in der der Pfarrer bereits 30 Jahre lang tätig war. (in: S 2451) Den 70jährigen Pfr. Karl Meyer schilderte Palmer als theologisch gut durchgebildet, geistig hochstehend, als charaktervolle, lautere Persönlichkeit. Die Gemeinde war 1875/ 1880/ 1912 visitiert worden. In der Kirchengemeinde mit 1.100 Gemeindegliedern verloren sich die regelmäßigen 12-15 Gottesdienstbesucher in der großen Kirche. Zum Visitationsgottesdienst waren 36 Gemeindemitglieder erschienen, „beschämend geringer Besuch“ vermerkte Palmer. Er beklagte beim Amtsbruder Meyer den fehlenden „missionarischen Trieb“. Dem kirchlichen Religionsunterricht und dem Konfirmandenunterricht würde nicht die erforderliche Zeit gewidmet, bemängelte der Kirchenvorstand. Der Lehrer Borchert war Mitglied des Schul- und Kirchenvorstandes. „Gegen den Strom (der Unkirchlichkeit) anzukämpfen in einer unchristlichen Gemeinde, ist aussichtslos. Trotzdem wird in Predigt und Seelsorge auf den Zustand hingewiesen“, vermerkte Meyer im Visitationsbericht. Meyer, der seit 1901 in der Gemeinde tätig war, war schon 1912 visitiert worden, und hatte 1912 geschrieben: „Im Allgemeinen herrscht in der Gemeinde gute bürgerliche Ordnung und Rechtschaffenheit. Wirtshausbesuch hält sich in Maßen; dagegen blüht das Vereinsvergnügen. Sonntagsheiligung betrübend wie überall.“ So hatten sich die Zeiten geändert, auch wenn im Bericht von 1912 noch die Initiative des 50jährigen durchscheint. Aber Palmer relativierte die Hoffnung auf besseres Gemeindeleben durch einen neuen, frischeren Amtsbruder: „Es bedarf keines Hinweises darauf, wie viel Schuld an dieser traurigen Sachlage die allgemeine Zeitlage und die ganze derzeitige geistliche Struktur unserer Harzgemeinden trägt“, urteilte Palmer abschließend.


Visitation in Hüttenrode 1930
Ein Beispiel für eine aufstrebende Kirchengemeinde bot den Visitatoren am 1. Advent 1930 die Gemeinde Hüttenrode. (in: S 2466) Die Gemeinde war 1876/ 1882/ 1909 visitiert worden. Seit 1926 war der 34 jährige Pfarrer Friedrich Nümann unter den 1.400 Gemeindemitgliedern tätig. Die Kirche war von 120 Erwachsenen und 100 Kindern übervoll. Ein Kinderchor und ein gemischter Chor gestalteten den Visitationsgottesdienst mit aus. Palmer war von der erfreulichen Beteiligung der Kinder an der Katechese und von ihren Kenntnissen erbaut. Er hielt, wie er schrieb, eine „evangelistische- seelsorgerliche Ansprache über „Adventsboten“. Die Abendmahlsziffer war von 246 (1927) auf 401 (1929) gestiegen. Nümann hatte die Zahl der Abendmahlsgottesdienste beträchtlich gesteigert. Beim Gespräch mit den Kirchengemeinderatsmitgliedern wurde über die Kirchenaustritts-bewegung gesprochen. Am Abend hielt Nümann vor 190 Gemeindemitgliedern einen Vortrag über die Geschichte der Kirchengemeinde. „Hüttenrode gehört fraglos zu den Gemeinden, in denen der Tiefstand überwunden zu sein scheint“, schrieb Palmer in den Visitationsbericht.


Visitation in Rübeland 1930
Auch im benachbarten Rübeland scheint durch Pfarrerwechsel eine Besserung der Gemeindeverhältnisse eingetreten zu sein. Palmer hatte die Gemeinde 1921 und 1930 visitiert. (in: 2523) „Das eigentliche kirchliche Leben der Gemeinde scheint doch auf einem kaum noch zu überbietenden Tiefstand angelangt ,“ schrieb Palmer von der Visitation im September 1921. Die geplante Gemeindeversammlung war ausgefallen. Pfr. Wilckens hatte geschrieben: „Der Kirchenbesuch ist sehr winzig, er lohnt an manchen Sonntagen kaum die Predigt.“ Der Visitationsgottesdienst war von elf Personen besucht, vom Kirchengemeinderat waren nur drei erschienen, von allen eingeladenen Kindern nur 21.

Pfr. Theodor Lipsius, 35 Jahre alt, versorgte die Gemeinde seit 1923, in der ein ausgeprägter Fremdenverkehr blühte. 30 Gemeindemitglieder besuchten den Visitationsgottesdienst, die Zahl der Abendmahlsgäste war von 109 (1926) auf 185 (1929) gestiegen. Die Besprechung mit den Kirchengemeinderäten verlief „weit über das übliche Maß hinaus lebhaft.“ Lipsius gab ein Gemeindeblatt „Unser Bodetal“ heraus, das 193 Abos verbuchte und mit dem er zahlreiche, sonst nicht erkennbare Gemeindemitglieder erreichte. Bei einer Gemeindeversammlung am Abend gab Lipsius vor 100 Besuchern einen Überblick über die vergangenen sieben Jahre seiner Wirksamkeit und Palmer berichtete, wie schon bei anderen Visitationen, vom Heiligen Land.

Es biete sich im Verhältnis zu 1921 ein „viel freundlicheres Bild“, auch wenn sich das kirchliche Leben absolut gesehen „immer noch auf tiefer Stufe bewege,“ schrieb Palmer. Lipsius hatte geschrieben, „die sittlichen Zustände sind vielfach vom christlichen Gesichtspunkt aus gesehen sehr schlimm, jedoch gibt es noch eine, wenn auch unterchristliche, im allgemeinen Bewußtsein anerkannte Ordnung.“ Diese kluge Bemerkung wies auf eine Ethik in einer nachchristlichen Zeit.


Palmers Bericht vor dem Kreiskirchentag 1930
Vor dem Kreiskirchentag am 8. April 1930 gab Palmer einen Bericht über die „kirchlichen und sittlichen Zustände“ in seinem Aufsichtsbezirk für die Jahre 1924-1929. (in: S 483) Dieser Zeitabschnitt wäre im Unterschiede zu der unruhigen Nachkriegszeit geprägt von einer Phase der Besinnung der Kirche auf sich selbst. Die Statistiken wiesen stabile volkskirchliche Verhältnisse auf. Fast alle Kinder würden getauft, von 1.044 Eheschließungen blieben nur 122 ohne kirchlichen Segen, noch besser war der Prozentsatz bei den Bestattungen. Von 1.454 Verstorbenen wurden 1.350 kirchlich bestattet. Not hingegen bereite der sehr schwache Gottesdienstbesuch in den Dörfern. Die Pfarrer wären bei „Predigten in fast leeren Kirchen“... „schwersten seelischen Belastungen“ ausgesetzt. Der Gottesdienstbesuch betrug an normalen Sonntagen 2-2 ½ Prozent, an Festtagen 7-8 Prozent. Die konkreten Zahlen der Gottesdienstbesucher hingegen wirkten nicht so niederdrückend. Die kirchliche Statistik nennt folgende Durchschnittszahlen für einen üblichen Sonntag: Benzingerode: 34; Börnecke: 25; Cattenstedt: 11; Heimburg: 12; Hüttenrode: 28; Rübeland: 15; Timmenrode: 9; Wienrode in Folge seiner Kurgäste: 63; Blankenburg in beiden Kirchen: 400. Palmer ermutigte zur Einrichtung von Bibelstunden, wie sie bereits in Blankenburg, Hüttenrode, Rübeland und Wienrode gehalten würden. Ansteckend hatte offenbar auch die Herausgabe eines Gemeindebriefes „Die Bergkirche“ (Stückzahl 2.000) in Blankenburg ab 1917 gewirkt. In weiteren drei Gemeinden wurde ein Gemeindebrief herausgegeben: u.a. in Hüttenrode „Die Harzheimat“ (240 Stück) und in Rübeland „Unsere Heimat“ (100 Stück). Kirchenrat Palmer lobte die Initiative: „Gerade diese weitgehend lokal gefärbten Blätter werden so gern aufgenommen und bieten eine prächtige Gelegenheit, immer wieder aus der oberflächlich, oft vergifteten Dunstatmosphäre zurück und empor zu führen in die Sphären des Ewigen, die doch auch heute noch die Heimat der Seele sind.“ Vermutlich war damals der Harz der Bereich mit den meisten Gemeindebriefen.

Geradezu panisch wirken indes die Ausführungen Palmers zu den Kirchenaustritten. Es waren von 22.552 Kirchenmitgliedern insgesamt 872 Personen aus der Kirche ausgetreten, die meisten davon in dem Berichtszeitraum, nämlich 737. Den Austritten standen 121 Wiedereintritte der Dissidenten gegenüber. Palmer sprach von dem „riesenhaften Ansturm des Unglaubens in unseren Tagen.“ Er könnte der Anstoß zu einer „Schicksalswende der Landeskirche“ werden. Mit dieser dramatischen Beschreibung eröffnete Palmer seinen Bericht. Diese Dramatik ergab sich aus den Austritten in den Dörfern Hüttenrode und Rübeland. Dort waren tatsächlich überproportional viele Gemeindemitglieder ausgetreten, in Rübeland von 1.441 Gemeindemitgliedern 140, und in Hüttenrode von 1.410 Gemeindemitgliedern 161. Später äußerte sich Palmer zu den Kirchenaustritten eher positiv. Sie führten eine notwendige Scheidung und Klärung in der Kirche herbei.



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