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[Kirche von unten]

Ottmar Palmer 1873 - 1964

Versuch einer Annäherung und Deutung

9. Kapitel


Palmer und Kellner im Jahr 1933 – ein Kirchenkampf in Blankenburg


Palmer und Kellner, Amtsbrüder an derselben Stadtkirche, kannten sich lange und schätzten sich als Kollegen. Viele Veranstaltungen hatten sie gemeinsam durchgeführt. Das Jahr 1933 brachte einen Bruch in die Beziehungen beider Pfarrer, der sich nie geschlossen hat. In seinen Lebenserinnerungen kam Palmer mehrfach darauf zu sprechen. Der Bruch war kirchenpolitischer Art und bahnte sich lange an.

Das Blankenburger Kreisblatt berichtete am 4. April 1933 über die erste Reichstagung der Deutschen Christen in Berlin unter der harmlosen Überschrift „ Der deutsche Mensch und die Kirche. Sei fromm und deutsch“. Von theologischen Grundsätzen war nicht viel zu lesen, aber Palmer, Lachmund und Kellner setzten sich am 11. April abends zusammen und tauschten sich über die Deutschen Christen aus.

Am Geburtstag des neuen Reichskanzlers wurde deutlich, woher diese Glaubensbewegung ihre Kraft bezog: vom Führer. Hitler wäre von einer „Gottverehrung reiner und tiefer Art erfüllt“. Wenn es für Hitler kritisch würde, dann pflegte er zu sagen: „Gott wird es mir trotz allem gelingen lassen.“ Dieser Artikel zum hochgejubelten Geburtstag des Führers im Jahr der fälschlicherweise sog. Machtergreifung hatte die Überschrift „Adolf Hitler und die Deutschen Christen“. Im Berliner Dom hatte Oberkonsistorialrat Richter einen geburtstäglichen Festgottesdienst gehalten, der von Joseph Goebbels und Kolonnen der SA besucht worden war. Der Werbeeffekt war deutlich: Hitler, der Katholik, sollte als frommer Mann dargestellt werden, ein Mann auch für die evangelische Kirche. Und warum sollte man es nicht glauben? Hitler hatte erst in seiner Regierungserklärung im März die christlichen Kirchen zu Grundpfeilern seiner Regierungspolitik erklärt und wurde daran noch jahrelang von Kirchenmännern erinnert. Die Deutschen Christen organisierten sich als Sammelbecken für fromme Nationalsozialisten und Nazisympathisanten. Dagegen war kaum etwas einzuwenden.

Wer dem temporeichen, soghaften Wechsel von offenem Partei- und Staatsterror gegenüber Kommunisten, Sozialdemokraten, aber auch Konservativen und den rauschenden Festen für die immer mehr sympathisierende deutsche Bevölkerung erlegen war, fühlte sich von der christlichen Seite der Partei und Regierung angenehm überrascht, mit der dieser Wechsel überhöht war und mochte Sympathie für diese Glaubensbewegung entfalten. Er mochte auch aus der offen zur Schau gestellten Gewalttätigkeit gegen deutsche Bürgerinnen und Bürger verschreckt unter die Fittiche des frommen Führers fliehen und sich dort sicher fühlen.

Am 25. April trafen sich bei Lachmund Palmer, Seebaß und Lipsius, um die Kirchenfrage zu besprechen, wie Palmer notierte. Erstmals war Kellner nicht mit dabei. Es zeigten sich die ersten Risse im bisher gefestigten Vertrauensverhältnis der drei Blankenburger Amtsbrüder. Am Freitag, dem 28. April, fuhr Palmer nach Braunschweig. „Besprechung wegen „Deutscher Christen“, notierte er und als Abfahrtszeit 22.20. Es war offensichtlich eine sehr ausgedehnte Aussprache. Am 4. Mai 1933 waren zehn Grundsätze der Glaubensbewegung „Deutsche Christen“ erschienen. Sie forderten eine „Reichskirche, die die Hoheit des nationalsozialistischen Staates aus Glauben anerkennt und daß Evangelium im Dritten Reich verkündet“(2) und die ausschließlich aus „Christen arischer Rasse“ besteht, die bei einer Urwahl des Reichsbischofs durch das gesamte Kirchenvolk von der Wahl ausgeschlossen sein sollten (10).


Kellner wird Deutscher Christ
Kellner war offenbar gewillt, die Vertretung der Deutschen Christen in Blankenburg förmlich zu übernehmen. Am 6. Mai trafen sich die drei Blankenburger Pfarrer abends bei Lachmund und besprachen die Angelegenheit und am 12. Mai referierte P. Kellner im Gustav Adolf Haus unter der Überschrift „Was will die Glaubensbewegung Deutscher Christen?“ Das Blankenburger Kreisblatt berichtete am 15. Mai wie von einer Werbeveranstaltung der Deutschen Christen. Sie sei „aus der leidenschaftlichen Liebe für Volk und Vaterland entstanden, die Kirche hingegen habe es in der Vergangenheit versäumt, sich gegen die Kriegsschuldlüge und den Marxismus zu wenden. Die Glaubensbewegung habe das „Interesse des Führers“ gefunden. Mit diesen Allerweltsformulierungen waren die Voraussetzungen für eine Mitgliedschaft bei den Deutschen Christen genannt: man mußte national gesonnen sein, sich für Hitler begeistern können und irgendwie auch religiös und fromm sein. Es wurde eine DC Ortsgruppe Blankenburg gegründet und Pfr. Kellner wurde ihr „Führer“. Das wird dieses oder jenes Gemeindemitglied in Blankenburg etwas überrascht haben, aber Pfarrer Kellner mochte mit viel gutem Willen noch nicht als Konkurrent von Palmer und Lachmund wahrgenommen worden sein.


Der Aufruf der Jungreformatorischen Bewegung
Einen Tag vorher, am 11. Mai, war der Aufruf zur Sammlung einer Jungreformatorischen Bewegung erschienen, für den sich Palmer begeisterte. Er begann mit dem im Rückblick erstaunlichen Satz: „Der uns von Gott geschenkte neue Tag der deutschen Nation ruft unsere evangelische Kirche zu neuer Gestaltung“ und nennt dann 12 Forderungen.


„1. Wir fordern, daß bei den kommenden Entscheidungen einzig und allein aus dem Wesen der Kirche heraus gehandelt wird.
2. Wir fordern, daß der Neubau der evangelischen Kirche deutscher Nation so schnell wie möglich durchgeführt wird. Leitung und Körperschaften der Kirche sind ausschließlich der neuen Verfassung gemäß zu bilden. Urwahlen lehnen wir als überwundenen demokratischen Irrtum ab.
3. Die Ernennung eines Reichsbischofs hat umgehend, und zwar durch das bestehende Direktorium, zu erfolgen.
4. Wir wollen eine mit Vollmacht handelnde geistliche Kirchenleitung. Diese schließt die Mitarbeit der Gemeinden nicht aus sondern ein. Lebendige Anteilnahme am Gottesdienst und an der Arbeit der Gemeinde bildet den Gesichtspunkt der Auslese für die kirchlichen Körperschaften.
5. Wir wollen eine bessere Ausbildung der zur Wortverkündigung Berufenen. Die Willkür der Verkündigung muß durch feste Lehrautorität aufgehoben werden.
6. Wir wünschen, daß die Vergreisung in Ämtern und Körperschaften durch stärkere Heranziehung jüngerer Kräfte, besonders aus der Frontgeneration, beseitigt wird.
7. Wir bekennen uns zu dem Glauben an den Heiligen Geist und lehnen deshalb grundsätzlich die Ausschließung von Nichtariern aus der Kirche ab; denn sie beruht auf einer Verwechslung von Staat und Kirche. Der Staat hat zu richten, die Kirche hat zu retten.
8. Auf Grund der bestehenden Einzelbekenntnisse hat die Kirche den Menschen von heute die Antwort des Evangeliums auf die Frage nach Rasse, Volk und Staat zu geben. Hieraus wird das neue Bekenntnis erwachsen, daß die evangelische Kirche deutscher Nation nötig hat, wenn sie mehr sein soll als ein Zweckverband.
9. Wir bekämpfen die Versuche einer erstorbenen liberalistischen Theologie, sich von neuem in die Kirche einzudrängen.
10. Wir fordern vom Staat, daß der Kirche in Presse und Rundfunk der Einfluß gegeben wird, der ihrer Aufgabe für den inneren Aufbau des Volkes entspricht.
11. Wir fordern, daß die evangelische Kirche in freudigem Ja zum neuen deutschen Staat den ihr von Gott gegeben Auftrag in voller Freiheit von aller politischen Beeinflussung erfüllt und sich zugleich in unauflösbarem Dienst an das deutsche Volk bindet.
12. So wichtig uns die Verfassungsreform der Kirche ist, so bekennen wir doch, daß das Leben des Volkes vor Gott seinen Mittelpunkt im Gebet und in der Arbeit der Gemeinde hat.“

Palmer konnte dem Aufruf bis in die Einzelheiten zustimmen. Der Vorrang der geistlichen Leitung der Kirche, die Betonung der Bedeutung der Kirchengemeinden, der kirchenreformerische Elan, die Reserve gegenüber der Person Hitlers, die gar nicht erwähnt wird, der durchgehend antirepublikanische Tonfall, die Bedeutsamkeit der Frontgeneration und die theologische Ausgangsstellung vom Wesen der Kirche waren ganz nach dem Geschmack Palmers. Er war vor allem ein inhaltliches Gegengewicht zu den programmatischen Aussagen der Deutschen Christen verstanden worden.

Bemerkenswert ist die Abwehr der rassistischen, antisemitischen Attacke der Deutschen Christen. Sie wird nicht als kraß unbiblisch verworfen, sondern die Ausschließung von Nichtariern aus der Kirche abgewehrt. Das ließ die Berechtigung von staatlichen Maßnahmen gegen jüdische Mitbürger wie etwa des infamen Boykottaufrufs zum 1. April 1933 zu, denn der Staat müsse richten, die Kirche habe zu retten. Diese gut lutherische Differenzierung sollte in der Bekennenden Kirche der Braunschweiger Landeskirche noch eine Rolle spielen.


Palmers Notizen zur Veranstaltung der Deutschen Christen
Palmer hatte die Veranstaltung der Deutschen Christen in Blankenburg am 12. Mai auch besucht und die Rede seines Kollegen Kellner mit großer Sorge beobachtet. Er schrieb auf die Rückseite des Aufrufs der Jungreformatorischen Bewegung mit Schreibmaschine an Lachmund einen sehr persönlichen Bericht über diese Versammlung, den ich vollständig wiedergebe, soweit er vorhanden ist.

„Völlig äußerlich und oberflächlich. Er sprach so erregt, wie man ihn sonst nie kannte, von der leidenschaftlichen Liebe zum Vaterland, die manche nicht hätte schlafen lassen“, und „nur wer diese leidenschaftliche Liebe zum V. hat, kann die D.Chr. verstehen.“ Nichts von dem innersten Wesen der Kirche, nichts eigentlich Religiöses. Es ist ein Jammer, wie die Besten abrutschen, umnebelt werden, von wesensfremden Elementen überflutet. Witte war „empört, entrüstet“, wie er die schwersten inneren Spannungen, in denen wir von der Kirche doch jetzt stehen müßten, einfach überging. Es war alles mehr oder weniger auf die vielleicht 100 S.A. Leute und P.Gs zugeschnitten. Nun muß ich Mittwoch dran. Denke an mich! Ich kann an die ganze Sache nur mit betendem Herzen gehen, daß doch der Kirche kein Unheil widerfahre! Und daß der Friede hier nicht unnötig zerstört werde. Aber schweigen kann ich nicht, die Leute erwarten es klar und bestimmt von mir. Er forderte dann auf, dazubleiben zur Gründung der O. Gruppe.(Ortsgruppe d.V.) Es blieben geschlossen die uniformierten und P.G.s da, aus der überhaupt nicht sehr zahlreichen „Gemeinde“, wie ich höre, ca. 20. Ich trage keine Schuld, wenn nun ein Riß da ist. Ich werde ganz aus dem innersten Wesen heraus die Kirche zeichnen und daraus ihre Stellung auch für heute ableiten. Seebaß aus B. will mir helfen und mit einem kurzen Zwischenreferat die Lehre Luthers von den zwei Reichen vortragen.
Nun ist der Aufruf der „Jungreformatorischen Bewegung“, die unter Beratung von Dr. Jeep steht, erschienen. Als ich ihn dem Bischof zeigte und darauf hinwies, daß da sich doch etwas Neues und sehr Beachtliches zeige, sagte er: „Wie viel Organisationen werden noch kommen“. Es war ganz schauerlich. Ich habe Deinen Namen mit nach Berlin gemeldet. Du gabst mir ja Vollmacht. Zugleich setze ich mich überall für den Aufruf ein, denke doch nur, daß das ja alles oder fast alles Namen sind, die für uns das höchste Gewicht bedeuten. Morgen schicke ich den Aufruf an 120 Pfarrer der Luth. Ver(einigung). mit kurzem Extraschreiben, sie sollten schleunigst mit vielen Laien unterschreiben. Ich sprach telephonisch mit Künneth, er sagte, es sei ganz unglaublich, daß Dosse zu den D. Chr. gegangen sei. Diese Front will eine Aufnahmestelle sein für alle, die nicht zu den D.C. gehen können. Den Kern bildet wohl Jeep und Schultz. Gestern schrieb mir noch Seebaß, daß man ihm von Berlin geschrieben habe, die Sache stehe in einer gefährlichen Krisis. Alle, die sich unter das Wort stellten, sollten jetzt die Waffe gebrauchen, die uns gehört: das Gebet, es gehe jetzt darum, ob ein Reichsbischof nach dem Herzen Gottes oder einer nach politischen Rücksichten gewählt würde. Unsre Stimme muß wenigstens zu Gehör gebracht werden. Ob es – noch –nützt? v. Schwartz will leider den Aufruf nicht unterschreiben wegen Punkt 7, was mir sehr leid tut, auch Seebaß, Marienstift, will es nicht aus diesen Gründen. Was soll man sagen? Du siehst: mein Herz ist voll. Und du fehlst mir hier sehr. Es muß nun allein gehen. Hasselfelde gester n war dagegen ein Idyll. Eissfeldt ziemlich unbeschwert, die Gedanken des Aufrufs ganz neu. Abends wollte K. dort gründen, auch diese Woche noch in Braunlage, wo Helmer auf unsrer Seite steht und den Berliner Aufruf unterschreibt. Er wird also auch K. entgegentreten. Ebenso Seebaß, wenn K. nach Börnecke kommt. K. muß ja gründen, auf Befehl, wie er mir zugab, aber er „täte es auch innerlich“.
Gott befohlen! Er helfe Dir und uns hier! Dein tr. O.P. (PNB 1/2)

Der Bericht gibt anschaulich die Erregung, Enttäuschung, den Agitationsdrang und das klare Urteil Palmers im Mai 1933 wieder. Es ist ein Dokument der Freundschaft zwischen Palmer und Lachmund. Palmer sieht den Riß im Verhältnis zwischen Kellner und sich kommen, der beim Kreiskirchentag im August 1933 vollständig wurde. Seine Absetzung als Kirchenrat konnte für Palmer im August keine Überraschung mehr gewesen sein. Er zeigt auch die Entstehung eines entscheidenden inhaltlichen Unterschiedes im künftigen Braunschweiger Pfarrernotbund an. Im klaren Gegensatz zur Gründung des Pfarrernotbundes in Berlin-Dahlem bei Martin Niemöller spielt der Arierparagraph bei der Gründung des Braunschweiger Pfarrernotbundes keine Rolle. v. Schwartz und Seebaß unterzeichneten den Aufruf der Jungreformatorischen Bewegung deshalb nicht mit, weil er in Absatz 7 die Ausschließung von Nichtariern aus der Kirche ablehnte. Dieser Bericht ist das einzige kirchenpolitische Dokument, das die persönliche Stimmung Palmers in jener Zeit schildert.

Am 10. Mai 1933 hatte der Kirchengauleiter der Glaubensbewegung „Deutsche Christen“, Johannes Schlott, in der Braunschweigischen Landeszeitung eine Betrachtung veröffentlicht, in der er den „schwarzen Dunkelmann“ glossierte, der gegen die deutsche Reichskirche schmolle, „dein Brummen mit lachendem Mund wird sich bald legen. Und unter Palmen ist für uns Deutsche schlecht wohnen. Wir lieben die deutschen Eichen.“ Hinter diesem Kalauer verbargen sich die Namen v. Schwartz, Palmer und Lachmund, die zur Zielscheibe der Deutschen Christen in Braunschweig geworden waren. Der Artikel war überschrieben „An die Störenfriede“ und signalisierte, wen sie abzulösen gedachten, wenn sie erst einmal an der Macht wären.


Wo steht die Kirche?
Am 17. Mai hielten Kirchenrat Palmer und Pfr. Seebaß aus Börnecke eine Veranstaltung im Gustav Adolf Haus zum Thema: „Wo steht die Kirche?“ (Blankenburger Kreisblatt 19.5.1933). Beide boten ihren Zuhörerinnen und Zuhörern schwere theologische Kost. Palmer referierte über das Wesen der Kirche anhand des Augsburger Bekenntnisses, Seebaß über das Staatsverständnis Luthers, das geprägt wäre von Liebe zu Kirche und Vaterland, Gehorsam gegenüber der Obrigkeit und säuberlicher Trennung von Staat und Kirche. Palmer zog in einem dritten Teil praktische Folgen und grenzte sich teils von den Deutschen Christen ab, die eine Urwahl des künftigen Reichsbischofs befürworteten, was Palmer strikt ablehnte, er wies auch die Angriffe gegen die Kirche in der Weimarer Zeit ab: sie hätte sich strikt gegen den Versailler Vertrag ausgesprochen. Palmer hatte dafür im vergangenen Jahrzehnt farbige, rhetorische Beispiele geliefert, Palmer führte auch die zahlreichen kirchenreformerischen Impulse gerade in den Blankenburger Gemeinden an. Der Zeitungsbericht stammte aus der Feder Palmers.
Daß mit dieser Veranstaltung eine Gegenbewegung zu den Deutschen Christen geplant war, wurde vollends am Schluß des Abends deutlich, denn auch Palmer und Seebaß sammelten Unterschriften für einen Beitritt zur „Jungreformatorischen Bewegung.“

Es ist ein Zeichen für die Lebendigkeit der Blankenburger Gemeinden, daß schon so kurz nach der Publikation der deutsch-christlichen wie der jungreformatorischen Thesen die Blankenburger Gemeindemitglieder unterrichtet und zur Entscheidung aufgerufen wurden und eine Entscheidung auch trafen.

Im Gemeindeblatt „Die Bergkirche“ veröffentlichten die drei Pfarrer nichts von der Gründung einer Ortsgruppe der Deutschen Christen, auch nichts von der Jungreformatorischen Bewegung und dem Echo, das sie nach dem Abend von Palmer und Seebaß gefunden hatten, auch nichts über die beiden unterschiedlichen Veranstaltungen, sondern Palmer berichtete in der Maiausgabe unter der Überschrift „Wo steht die Kirche“ zusammenfassend ganz allgemein über die Gründung der Deutschen Christen auf Reichsebene und ziemlich drastisch von den Eingriffen des Staates in Mecklenburg, vor allem aber über den Versuch, eine Reichskirche zu schaffen. Palmer deutete den entstehenden Riß mit der Bemerkung an: „Die Schwierigkeiten sind nicht gering, und man kann doch wohl in der Kirche nicht so einfach alles „gleichschalten“, wie es der auf einer ganz anderen Ebene stehende Staat mit seinen Machtmitteln kann.“


Kellner zum Tag der Arbeit 1933
Kellner hatte in derselben Ausgabe im Geistlichen Wort unter der Überschrift „Vom Sinn der Arbeit“ eine Auslegung 1. Petrus 4,10 „Dienet einander ein jeglicher mit der Gabe, die er empfangen hat“, geschrieben. Am Vorabend des „Tages der Arbeit“ hatte Kellner einen Feldgottesdienst veranstaltet, der aber gering besucht gewesen sein soll. Die Parteiorganisation hatte sich auf die Organisation des Umzugs am 1. Mai und des gemeinschaftlichen Anhörens der Hitlerrede auf dem Berliner Maifeld konzentriert. In der „Bergkirche“ konnte Kellner Gedanken aus seiner Feldgottesdienstpredigt noch mal allen Gemeindemitgliedern vortragen. Sie lasen bisher ungewohnte Sätze: „Deutscher Frühling! – in diesem Jahr klingt ein anderes mit. Wie Winterstarre lag es lange Zeit über unserm Volk. Und dann kam auch das Ringen des Neuen mit den dunklen Mächten. Aber das Neue brach überwältigend durch. Hart am Abgrund waren wir, aber Gottes Hand hat uns noch einmal zurückgerissen durch den Führer, den er uns in unserer Not schenkte. Wir dürfen singen: Nun danket alle Gott mit Herzen Mund und Händen, der große Dinge tut an uns und allen Enden. Und nun haben wir den Feiertag der nationalen Arbeit begehen dürfen als ein Symbol des Neuen, der neuen Volksgemeinschaft, die da ist und werden soll“. Ein Volk habe mancherlei nötig: Äcker, Fabriken, Ingenieure, Straßenbau – „ jede Arbeit ist Dienst am Volk, ist Schaffen für das Volk, nun aber mehr noch: ist Dienst für Gott. Von Gott her kommt die höchste Würde auch für die Arbeit.“


Hitler als Gottgesandter, Alltagsarbeit als Gottesdienst und der Propagandaruf nach einer Volksgemeinschaft, die schon jetzt als Ausgrenzungsgemeinschaft deutlich wurde, waren Bestandteile jenes deutsch-christlichen Denkens, das Kellner erstmals im Gemeindebrief vorstellte, ohne die Glaubensbewegung ausdrücklich zu nennen.


Beye in Blankenburg über die Deutsche Reichskirche
Am 20. Mai 1933 berichtete das Kreisblatt von einer neuen Veranstaltung der Deutschen Christen im „Blankenburger Hof“, bei der Oberstudiendirektor Müller über die „Grundlage der religiösen Revolution der Gegenwart“ sprach und als Gast aus der Kirchengemeinde Wenzen Pastor Beye über „Die deutsche Reichskirche“. Die Gestaltung einer Reichskirche war das aktuelle Thema, und die Verhandlungen darüber in Loccum hatten die Grundsätze der Deutschen Christen und die Erwiderung der Jungreformatorischen Bewegung ausgelöst. Beye sprach wie immer frei und verströmte für die einen rhetorisches Charisma, für die anderen Strohfeuer: „Die Reichskirche, die wir als lutherische Reichskirche sehen, hat als Urerbe Blut... Wir wollen eine Reichskirche schaffen und werden es schaffen, weil Bluterbe und Glaube bei uns ist.“
Diese Zusammenstellung von Glaube und Blut ging über die deutsch-christlichen Thesen hinaus und war für das konservative Blankenburg gewiß gewöhnungsbedürftig. Aber diese sonderbare Mischung von Rassegedanken und Religion hatte Palmer bereits in der Aussprache über die Haltung der Pfarrer zum Nationalsozialismus deutlich herausgestellt und unmißverständlich abgelehnt.
Pfuirufe indes erschollen durch den „Blankenburger Hof“, als Beye eine lokale Besonderheit zum Besten gab. „Aus Kreisen der Kirche in Blankenburg“ sei an das Landeskirchenamt der Wunsch gerichtet worden, nicht zu gestatten, daß die SA geschlossen am Volkstrauertag am Gottesdienst teilnehme.
Dieser Vorwurf war für sich schon eine Groteske, denn das Landeskirchenamt konnte einen Auftritt der SA im Gottesdienst gar nicht verbieten. Vielmehr waren Kircheneintritte gerade von Jungnazis hochaktuell und Trauungen in Uniform heiß begehrt. Der Vorwurf konnte kühl als unrichtig abgewiesen werden, aber in der Versammlung machte die Behauptung Stimmung, und darauf kam es den Deutschen Christen mangels Theologie an. Ein anonymer Leserbrief stellte in der nächsten Ausgabe am 22.5.1933 den Sachverhalt auch richtig. Vaterländische Verbände wären in der Kirche seit Jahren willkommen gewesen.


Beye am Schlageterkreuz in Blankenburg
Am 26. Mai war Beye wieder in Blankenburg, diesmal aber weniger als Pastor sondern als Nationalsozialist. Er erschien in SA Uniform. Die Zeitung meldete, Beye wäre seit 11 Jahren Parteigenosse. In Blankenburg wurde ein Schlageterkreuz feierlich eingeweiht. Die NSDAP Ortsgruppe hatte dazu die Jugendverbände und die Schulen eingeladen. Leo Schlageter hatte sich nach 1918 an Freikorpskämpfen in Lettland und im Ruhrgebiet an Sabotageakten gegen die Besatzung beteiligt, war verhaftet und von einem französischen Kriegsgericht zum Tode verurteilt worden. Als Schlageter am 26. Mai 1923 hingerichtet wurde, war er 29 Jahre alt. Das war nun genau zehn Jahre her. Schlageter wurde von den Nationalsozialisten zum jungen deutschen Freiheitskämpfer erhoben und an vielen Orten Schlageterkreuze errichtet. Beye verglich das Schlageterkreuz mit dem Kreuz Christi. So sollte die deutsche Jugend den Sinn ihres Lebens im Opfer für das Vaterland sehen. Das war die im 1. Weltkrieg unaufhörlich wiederholte Redeweise, die zwar vom Altonaer Bekenntnis abgelehnt worden war, aber es war auch jene Stelle, die die Blankenburger Pfarrer nicht mit abgedruckt hatten. Es machte sich gefährlich bemerkbar, daß an der Kriegstheologie nicht kritisch weitergearbeitet worden war. Seine Propagandarede in der Abendveranstaltung im „Blankenburger Hof“ eröffnete Beye mit einem völkisch vermischten Bibelzitat: „Ziehe deine Schuhe aus, hier ist heiliges Land und heilig ist die Stunde, Du deutscher Mensch, tue ab was dich Jahre in den Bann schlug. Lerne, wenn Du es noch nicht erfahren hast, daß du nichts bist, daß es nur eins gibt, Deutschland.“ Das Zitat aus dem 2. Buch Mose ist der Ruf Gottes an Mose, seine Schuhe auszuziehen, weil er auf heiligem Boden stünde, da sich Gott offenbaren werde. Wie der Mensch vor Gott nichts wäre, so gelte der einzelne Nationalsozialist nichts angesichts der neuen Offenbarung, nichts vor Deutschland. Die Vergötzung des Deutschlandbildes gehörte zum Standardrepertoire des Nazijargons. Neu war die unappetitliche Verquickung mit einem biblischen Bild. (MzA S. 124)


Friedrich v. Bodelschwingh oder Ludwig Müller
Dieser Auftritt Beyes verschärfte den kirchenpolitischen Riß, der durch die Blankenburger Gemeinden ging. Palmer, der am 19. Mai zu einer Tagung der Jungreformatorischen Bewegung in Berlin gewesen war, notiert unter dem 20. Mai: „18(Uhr d.H.) Lange Besprechung mit Kellner (D.C.)“ und unter dem 29. Mai erneut: „lange Besprechung mit Kellner“. Das war der Tag, an dem das Blankenburger Kreisblatt über die Wahl von Friedrich v. Bodelschwingh, des Leiters der Betheler Anstalten, als Reichsbischof durch die Kirchenleitungen und vom umgehenden Protest der Deutschen Christen berichtet hatte. Möglicherweise besprachen Palmer und Kellner, ob nun auch noch die Person Bodelschwinghs, den beide schätzten, in die Auseinandersetzung hineingetragen werden sollte. Aber in der gesamten Kirche gab es Solidaritätskundgebungen für v. Bodelschwingh und Gegenkundgebungen der Deutschen Christen für Müller. In Blankenburg hatte Kellner zu einer Kundgebung am 1. Juni in das Gustav Adolf Haus eingeladen. Die Versammlung solidarisierte sich mit Ludwig Müller als dem Vertrauensmann Hitlers und bemängelte an v.Bodelschwingh den fehlenden „Zusammenhang mit dem jungen stürmischen Aufbauwillen“, das war eine vorsichtige Umschreibung für mangelnde Nähe zur Partei des Führers. Am Samstag, dem 9. Juni, veranstalteten Palmer und Lachmund im Gustav Adolf Haus gemeinsam eine Vertrauenskundgebung für v.Bodelschwingh. „Es geht im Grunde um die Freiheit und Selbständigkeit der Kirche“, war der Grundtenor der Veranstaltung. Immer enger und offenkundiger wurde die „Gleichschaltung“ von Deutschen Christen und der NSDAP. Im Kundgebungsbericht des Blankenburger Kreisblattes am 13.6.1933 war zugleich eine Anweisung an die Deutschen Christen wiedergegeben: „Es ist mit allen Dienststellen der politischen Bewegung so schnell wie möglich eine Vereinbarung dahin zu treffen, daß der Organisationsapparat der politischen Bewegung unsern Kampf fördert und unterstützt.“
Kellner trat in diesem Sinne auch bei einer Blankenburger NSDAP-Mitgliederversammlung auf und warb für die Glaubensbewegung: „Wer der Bewegung der DC beitritt, kämpft im Sinne des Führers“ und der Kampf, der im Augenblick geführt werde, sei ganz im Sinne des Führers. Damit wollte Kellner Bedenken von Parteigenossen zerstreuen, die sich eigentlich gar nicht mit der Kirche befassen wollten. Die Blankenburger erfuhren aus diesem Zeitungsbericht auch, daß Kellner in die NSDAP eingetreten und ihr Parteigenosse geworden war.
Kellner warb als „Kreisleiter“ der DC nun auch im Kirchenkreis für die Deutschen Christen. Am 6.6. gründete er zusammen mit Gemeindevorsteher Krebs eine deutsch-christliche Ortsgruppe in Allrode, am 12. 6. in Hüttenrode.

Am 25. Juni gab v.Bodelschwingh seinen Auftrag, Reichsbischof zu sein, wieder zurück, denn der preußische Kultusminister hatte ohne Rücksprache mit v.Bodelschwingh einen Staatskommissar für die preußischen Landeskirchen eingesetzt, der „mit sofortiger Wirkung sämtliche gewählten kirchlichen Körperschaften in den evangelischen Landeskirchen Preußens auflöste“ wie im Blankenburger Kreisblatt in der Montagsausgabe des 26.6. zu lesen war. Das war ein für alle erkennbarer Putsch und schwerer Eingriff des Staates in die Angelegenheiten der Kirche, der Dankgottesdienste auf Seiten der Deutschen Christen auslöste. An diesem Tag fuhren Lachmund, Seebaß, Stosch und Palmer nach Braunschweig zur Generalversammlung der Lutherischen Vereinigung. „Abends Organisation der J.B.“, also der Jungreformatorischen Bewegung, notierte sich Palmer.


Die Wahlen vom 23. Juli 1933
Der Riß zwischen Palmer und Kellner wurde offenbar, als kurzfristig zum 23. Juli Wahlen für den Landeskirchentag und für die Kirchengemeinderäte ausgerufen wurden. Auch in allen anderen Landeskirchen wurden die Synoden neu gewählt. Kellner kandidierte auf der Liste II der Deutschen Christen, Palmer kandidierte auf der Liste I mit dem Namen „Evangelium und Kirche.“ Am Abend des 18. Juli kamen Palmer, Kellner und Lachmund zu einer Besprechung über die Wahl zusammen. Es bestand die Möglichkeit, eine Wahl für die Kirchengemeinderäte durch die Aufstellung einer Einheitsliste zu umgehen. Lachmund stellte für die Lutherkirche eine Einheitsliste auf, Palmer ließ es auf einen Wahlentscheid in der Bartholomäuskirche ankommen. Eine Woche lang war im Blankenburger Kreisblatt diese Wahl das beherrschende Thema.

Die Reichsleitung der Deutschen Christen schaltete mehrere Anzeigen und Wahlberichte auch im Blankenburger Kreisblatt. „Der Führer selbst hat doch zur Wahl gerufen“. „Das Wählen hat im Führerstaat des Dritten Reiches seinen Sinn verloren. Wenn diesmal der Führer selbst zur Wahl aufruft, so verlangt er von dir eine innere Entscheidung.“ „Wahlpflicht für Nationalsozialisten“. „Der Führer hat sich nicht von den Deutschen Christen getrennt.“
Die Jungreformatorische Bewegung hatte zwar auch eine zentrale Leitung in Berlin, zu der Walter Künneth, Hanns Lilje und Martin Niemöller gehörten, aber nicht die ausgiebigen Geldquellen. Zwei Tage vor der Wahl erschien auch eine Anzeige der Liste I „Evangelium und Kirche“ im Kreisblatt. „Massenversammlungen und Feldgottesdienste machen noch kein Leben. Die Kirche muß frei sein vom fremden Einfluß“. Man wäre dankbar für das Ende der staatskirchlichen Verhältnisse der Kaiserzeit. „Wir wollen, daß man in voller Freiheit die Kirche ihren Dienst am deutschen Volk tun läßt.“ Dieses alles aber stünde in Gefahr. Eine Provokation leistete sich Palmer, als er neben die Namen der Kandidaten der Liste I folgendes Hitlerzitat plazierte: „Wer über den Umweg einer politischen Organisation zu einer religiösen Reformation kommen zu können glaubt, zeigt nur, daß ihm auch jeder Schimmer vom Werden religiöser Vorstellungen oder gar Glaubenslehren und anderen kirchlichen Auswirkungen abgeht.“ Möglicherweise hatte Hitler dies gegen die Politisierung von Kirchengruppen, etwa das Zentrum oder aus dem evangelischen Raum geäußert, Palmer indes drehte den Sinn des Zitats um und wandte es nun auf die „Deutschen Christen“ an. In diesem Zusammenhang mußte der Eindruck entstehen, als ob sich Hitler vom Weg der Glaubensbewegung distanziere.

Die Provokation traf ins Schwarze. Der Ortsgruppenleiter der Blankenburger NSDAP Ehelebe annoncierte verärgert zurück, das Zitat wäre aus dem Zusammenhang gerissen. „Die Aufgabe der Kirche muß es sein, in Gemeinschaft mit dem Staat die Umformung des Volkes in sittlicher Hinsicht durchzuführen.“ Im übrigen sollte man unbedingt noch in der Nacht den Rundfunk anstellen, Hitler wolle sich kurz vor Mitternacht noch zur Kirchenwahl äußern.
Ironischerweise berief sich nun Kellner in einer großen Annonce für die Deutschen Christen ausgerechnet auf Karl Barth, der wie die Deutschen Christen gegen das liberale Christentum gewettert habe. Christus müsse als Schirmherr des Dritten Reiches ausgerufen werden. „14 Jahre lang war die Kirche stumm, was auch an Gottlosigkeit und Schädigung der Volkssubstanz geschah. Nun aber will die alte Kirche gegen die Deutschen Christen kämpfen“. „Nur solche Leute wollen wir an der Spitze sehen und nur solche sollen unsern Glauben predigen dürfen, die wirklich mitschwingen im großen Rhythmus des Neugeschehens“. „Wir lehnen solche Leute ab, die abseits von uns gestanden haben, die nicht mit uns kämpften.“

Das waren weitaus aggressivere Töne, die als persönliche Warnung an Palmer und Lachmund gerichtet verstanden werden konnten. Beide Gruppen hielten ein, zwei Tage vor der Wahl noch große Kundgebungen ab. Die Rede Hitlers wirkte verworren, die Kirchen waren nicht sein Spezialgebiet, aber sie wurde als glatte Parteinahme für die Deutschen Christen verstanden, woraufhin Domprediger v. Schwartz die Liste I vollständig zurückzog, aber die Nachricht erreichte nicht alle Gemeinden. So wurde also in den meisten Kirchengemeinden gewählt.


Das Wahlergebnis
Das Ergebnis der Wahl muß für Palmer niederschmetternd gewesen sein. Die Deutschen Christen hatten im Kirchengemeinderat Bartholomäus die Mehrheit errungen. In Zukunft gehörten 6 Mitglieder zu der von Palmer angeführten Liste I und 12 Mitglieder zu den Deutschen Christen. Palmer hatte also keine Mehrheit mehr im Kirchengemeinderat seiner Gemeinde Auf den Dörfern seines Kirchenkreises waren die Ergebnisse noch viel niederschmetternder:

Ort

Liste I

Liste II

Cattenstedt

25

156

Hüttenrode

24

167

Benzingerode

9

89

Wienrode

59

299

Timmenrode

13

216

 

 

 

Günstiger war das Ergebnis in

 

 

Rübeland

80

98

 

 

 

Nur in Börnecke und Neuwerk hatte die Liste I die Mehrheit errungen mit

 

 

Börnecke

176

157

Neuwerk

41

34

 

 

 

Aber auch in den anderen Harzdörfern hatte die Deutschen Christen haushoch überdurchschnittlich gewonnen:

 

 

Hasselfelde

16

301

Walkenried

71

354

Zorge

25

97

Hohegeiß

7

104

Tanne

29

61

Wieda

11

154

Trautenstein

12

100

Stiege

24

98

 

 

 

Demgegenüber war das Ergebnis in Blankenburg noch respektabel:

 

 

Luthergemeinde

364

611

Bartholomäus

778

1.627

Mit diesem Ergebnis war eine förderliche Weiterarbeit Palmers sowohl in seiner Gemeinde als in seinem Kirchenkreis auf die Dauer in Frage gestellt. Wie sollte er einen Kirchengemeinderat weiterführen, in dem Pfr. Kellner, Kreisleiter der „Deutschen Christen“, die Mehrheit hatte? Im Einführungsgottesdienst am 6. August hielt Kirchenrat Palmer zwar die Predigt, aber Kellner nahm die Einführung der neuen Kirchengemeinderäte vor. Noch schwieriger mußte es im Kirchenkreis werden, in dem die Kirchengemeinderäte mit Ausnahme von Börnecke und Rübeland ausschließlich von Nationalsozialisten besetzt waren. So war die Beendigung der Arbeit von Palmer nur eine Frage der Zeit und unter welchen Umständen sie sich vollziehen würde. Nach menschlichem Ermessen lief die Entwicklung auf die Ablösung von Palmer und auf Kellner, dem Kreisleiter der DC, als Nachfolger zu. Palmer hatte die Möglichkeit, von sich aus die Initiative zu ergreifen und sein Amt zur Verfügung zu stellen oder den Lauf der Dinge abzuwarten. Er wählte, seinem Naturell folgend, die letztere Möglichkeit.


Die Singewoche
Zunächst aber war die kommende Woche vollständig mit der Vorbereitung einer Singwoche besetzt, die am 14. August begann, und zu der sich 80 auswärtige sangesfeste Gäste angemeldet hatten und in Privatquartieren untergebracht worden waren. Es war ein Glanzpunkt des Jahres 1933 und Palmers letztes richtig schönes, entspannendes Gemeindeereignis, das er in der Septembernummer der „Bergkirche“ ausgiebig beschrieben hat. In seinen Erinnerungen leuchtet die Singewoche besonders hell auf. Es war der Dreiklang von gehaltvollem mehrstimmigem Musizieren, die geistliche Einbettung in eine tägliche Morgenliturgie und das Zusammenführen mit der Blankenburger Gemeinde, die diese Singewoche zu einem lange unvergeßlichen Erlebnis für alle Teilnehmer machte. Tagsüber probten die Teilnehmer der Singwoche unter Leitung von Kantor Stier aus Dresden, am Abend war ein Gemeindesingen mit den Blankenburger Gemeindemitgliedern im Gemeindehaus, das regelmäßig von 400 Personen besucht worden war. Jeder Tag begann mit einem Morgengottesdienst.

Die Singewoche klang aus mit einem von 800 Personen besuchten Gottesdienst in der Bartholomäuskirche, in dem Pfarrer Kunze die Predigt hielt, einem anschließenden Vortrag des Leiters der Singwoche, Kantor Stier, am späten Vormittag über das neue Kirchenlied und einem Nachmittag im Kloster Michaelstein.

Palmer wollte diese lebendige junge Kirche offenbar den Mitgliedern des neuen Kreiskirchentages vorstellen und schob zwischen den Vortrag am Vormittag und dem Nachmittag in Michaelstein einen Kreiskirchentag, auf dessen Abhaltung die Kirchenleitung gedrängt hatte. Die Singewoche entwickelte sich von selbst als Gegenstück dessen, was ansonsten die politisch neue Zeit an Musik darbot, das sich in Märschen, dem Horst Wessel Lied, Ein feste Burg und „Deutschland über alles“ erschöpfte. Es gab offenbar noch etwas anderes als das Gebrülle der SA Männer auf der Straße mit „Deutschland erwache“ und „Juda verrecke“ , nämlich das gehaltvolle Aufeinanderhören, das in einen harmonischen Liedsatz mündete. Am Tag nach der Singwoche sollte Palmer seinen 60. Geburtstag feiern. So wurde die Singewoche auch für Palmer persönlich ein gelungener Abschluß seiner Blankenburger Zeit, die er zu den glücklichsten seines Lebens zählte.



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