Kirche von unten: Home - Archiv - Geschichte - Vorträge, Beiträge - Cyty - Glaube
 
[Kirche von unten]

Ottmar Palmer 1873 - 1964

Quellenstücke

1. Quellenstück


Gedächtnispredigt für P. Adolf Althaus 13. Dezember 1944, Oker, von Kirchenrat Ottmar Palmer


Pfarrer Adolf Althaus war am 22. Juli 1944 an der Ostfront mit 39 Jahren gefallen. Er gehörte seit November 1933 zum Braunschweiger Pfarrernotbund und zum Landesbruderrat. Seine erste Gemeinde war seit 1931 die Helmstedter St. Stephanikirche, wo er neben Kirchenrat Oelker und Pfr. Clemen vor allem eine aufblühende Jugendarbeit gründete. Im Mai 1934 wurde er für zwei Monate von der Kirchenleitung Schlott/Breust wegen einer Pfingstpredigt aus kirchenpolitischen Gründen vom Pfarramt beurlaubt. Die Beurlaubung wurde von Bischof Johnsen wieder aufgehoben. Ende 1935 wechselte Althaus in die Kirchengemeinde Oker.
Die Predigt in dem Gedächtnisgottesdienst hielt der zuständige Propst Rauls, Goslar. Palmer war von der Familie gebeten worden, für den Pfarrernotbund ein geistliches Wort zu sagen. Palmer stellte seine Predigt unter das Wort Sacharja 9,5 „Siehe, dein König kommt zu dir,.“

Sach.9,5. „Siehe, dein König kommt zu dir“.
Wenn sich Christen in der Adventszeit zusammenfinden, um Freud und Leid, Not, Bitte und Dank vor den Herrn ihres Lebens zu bringen, der alles gibt und der allein helfen kann, wenn uns alles genommen wird, dann stellen sie sich unter ein Adventswort. Wir stellen auch unsere Gedenkstunde unter ein Adventswort. Es ist vielleicht das umfassendste, das wir kennen, das Wort, das einmal in ahnender Schau ein Prophet in seine Zeit hinein gesagt hat „mit ihren tausend Plagen und großen Jammerlast“, und das seine herrlichste Erfüllung gefunden hat in dem König aller Könige und dem Herrn aller Herrn, Jesus Christus: Siehe, dein König kommt zu dir! Es ist das Wort vom Königseinzug. Wenn aber Könige einziehen, dann herrscht Freude, dann schmücken sich Straßen und Häuser, dann bereiten sich Herzen in froher Erwartung zu demütig-dankbarem Empfang. So ist es denn auch nicht bloß im Sinne dessen, dem diese Stunde gilt, eures geliebten Mannes, Vaters, Sohnes, deines Pfarrers, liebe Gemeinde, und unseres unvergesslichen Freundes, es geschieht vielmehr auch nach seinem ausdrücklichen Wunsch und Willen, dass heute nicht Klagelieder laut werden, sondern nur Lob und Dank, Auferstehung, Sieg und Überwindung.
Siehe, dein König kommt zu dir! Adolf Althaus gehörte zu den begnadeten Menschen, an denen dies Wort frühzeitig wahrgeworden ist. „Ich liebe, die mich lieben, und die mich frühe suchen, finden mich!“ War es Sinn und Überlieferung des frommen Elternhauses, das ja noch in ganz besonderem Sinne im Botendienst des großen Königs stand, waren es die Einflüsse der gesegneten christlichen Jugendbewegung in seiner Schülerzeit und der Umgang mit gleichgesinnten Freunden? Gott hat viele Wege, auf denen der König zu uns kommen und uns den Anstoß zur ewigen Bewegung geben kann. Jedenfalls hat sich unser lieber Entschlafener frühzeitig unter seinen Fahnen geweiht, und ich denke mir, dass er es manchmal mit seinen Freunden gesungen hat: „Alle Nebel sind zerrissen, seit wir jungen Kämpfer wissen, dass du unser König bist!“ Er wusste auch, dass er ihm allein alle seine reichen Gaben verdankte, den kraftvollen Leib, den gesunden, klaren Geist, den goldenen Humor, die Liebe zur edlen Musik und vieles andere, wusste freilich auch, dass alle diese Gaben auch diesem König gewidmet sein sollten.
Denn dieser König war ihm ja nicht eine vergangene geschichtliche Erscheinung, um deren immer bessere Erkenntnis sich die Wissenschaft unablässig bemühen müsste – obwohl es auch ihm Anliegen und Freude war, sich immer wieder in das Stahlbad der Theologie zu stürzen -, er war ihm auch nicht eine hohe Persönlichkeit, für die man sich begeisterte wie für die Helden aus Sage und Geschichte; auch nicht bloß ein Vorbild, an dem man sich mit allen Energien des Geistes empor ranken müsste – er hat sehr wohl von den Grenzen seiner Kraft gewusst -; nein, er war ihm ganz einfach der Herr seines Lebens, der Auferstandene und Lebendige, in dem alle natürlichen Gaben und Anlagen erst ihre Erfüllung, Vollendung und Zielsetzung finden, der dann aber auch unser ganzes Dasein in seinen Dienst fordert.
Kein Wunder, dass unseren Freunden der Botendienst unter diesem König eine Selbstverständlichkeit werden musste, kein bezahltes Geschäft, sondern ein starker Trieb aus innerster Nötigung heraus, von der der Prophet Jeremia, sein Lieblingsbuch, sagt: „Herr, du hast mich überredet, und ich habe mich überreden lassen, du bist mir zu stark gewesen und hast gewonnen.“ „Kannst du es verstehen,“ so schrieb er mir im vorigen Jahre einmal, „dass ich mich danach sehne, zu predigen, und nichts anderes, als zu predigen?“ Es war in ihm etwas von dem: „wir können es ja nicht lassen“, ein innerer Zwang, das Licht des Glaubens weiter zu tragen, dahin, wo es not tat. „Die Kerzen fehlen“, heißt es in einem seiner Briefe von Weihnachten vorigen Jahres, „aber ihr seid das Licht der Welt. Glaubende Herzen sind die Kerzen zu Weihnachten 1943.“ Sollten sie es nicht erst recht zu diesem Weihnachten sein?
Mit dieser ganzen Freude an der Verkündigung der frohen Botschaft seines Königs hat er sich dann vor mehr als neun Jahren auch einem Kreise von Amtsbrüdern angeschlossen, in dessen Auftrag und Namen ich selbst in dieser Stunde Worte des Dankes und der bleibenden Verbundenheit aussprechen darf. Es war ein Bund von Brüdern, die sich über ihr Pfarramt hinaus die Aufgabe gestellt hatten, das Evangelium in Gemeinden des Landes zu tragen, die ihren Dienst begehrten. Der aber wohl am meisten mit immer neuem Eifer, mit immer neuen Plänen, Vorschlägen und Anregungen, aber auch mit neuem Glaubensmut an die ewige Kraft des Wortes uns erfüllte und mitriss, war Adolf Althaus. Ob es nun auf den Kanzeln fremder Gemeinden, ob es in Helmstedt als dem „Arbeitsfeld seiner ersten Liebe“ oder ob es hier in Oker an der eigenen Gemeinde war, immer stand er doch ganz hinter dem, was er sagte, immer durfte man das Bewusstsein haben: hier wird eigenes gegeben, hier ist nur ein Weitersagen dessen, was ihm der tragende Mittelpunkt seines Lebens war. Hier ist nur eine Stimme, die weitergibt, was sie empfangen: „So sind wir nun Botschafter an Christi statt: lasset euch versöhnen mit Gott!“

Unter dem Auftrag dieses Königs ist er dann – vor 4 ½ Jahren – auch Soldat geworden, Träger des grauen Rocks und miles Christi zugleich. Ich glaube, man darf getrost sagen: er ist ein ganzer Soldat geworden. Es zeugt von seinem echten soldatischen Sinn und auch von seiner klaren Stellung zum Soldatenberuf, unter den mancherlei inneren Spannungen dieser Zeit, die wir wohl alle kennen, wenn er einmal schreiben konnte: „Ich stehe hier ganz einfach zum Schutz unseres Vaterlandes und zu eurem Schutz“. Es zeugt aber auch von seiner allertiefsten Auffassung, wenn er sagt: „Der Christ hat das, was von einem Soldaten erwartet wird, von Natur durch seine Glaubens- und Gehorsamsbeziehung zu Christus, dem Herrn seines Lebens, gelernt!“ Er wusste aber auch ebenso genau, wie schwer es für ihn sein würde, in der neuen Umwelt wirklich Soldat Gottes zu bleiben. Er wusste, welche mannigfachen Versuchungen, Erschwerungen und Hemmungen für sein Glaubensleben ihm bevorstanden, und es war seine ständige Sorge, auch unter dem abstumpfenden Einerlei des Soldatenlebens, die Verbindung nach oben aufrecht zu erhalten. Da hat ihn dann seine Bibel nicht bloß als Reise- und Marschgepäck begleitet, sie ist ihm wirklich seines „Herzens Freude und Trost“, das „Licht auf seinen Wegen“ gewesen. „Wo dein Gesetz nicht mein Trost gewesen wäre, so wäre ich vergangen in meinem Elend“. (Psalm 119,92). Welche Freude, wenn er es dann einmal erleben durfte, Kameraden (auch unter Katholiken) zu finden, die mit ihm eines Sinnes waren, Gottes Wort liebten und sich mit ihm unter die Bibellese stellten! –
Wir wissen es aus seinen eigenen Worten und Briefen, wie er sich von Gottes starken Königshänden auch getragen wusste in den ganz schweren Wochen und Tagen, die es im letzten Sommer durchzumachen galt. Adolf Althaus hat wirklich auch schon vor seinem letzten Stündlein durch alle Tiefen der Todesnähe hindurchgemusst, wenn rings um ihn her im stundenlangen heißesten Feuer und Nahkampf die Kameraden dahinsanken und er selbst sich immer wieder stark machen musste und konnte durch die schlichten Gebete Wilhelm Löhes oder noch mehr durch das einfache Beten des heiligen Vaterunsers. Noch einmal hat ihn die Königshand herausgerissen, und er konnte dankbar schreiben: „Was wäre ich, wenn Gott mich nicht gehalten hätte!“
Hat ihn die Königshand auch in der letzten Stunde gehalten, als sich vor ihm das Geheimnis des dunklen Tores auftat? Es ist uns von ihm kein letztes Wort, nicht sein letzter Gedanke bekannt geworden. Er hat den letzten Weg ganz allein, in der Einsamkeit antreten müssen. Das Lutherwort, das uns allen gilt, galt ihm noch in besonderer Weise: „Es muss doch ein Jeglicher in eigener Person auf die Schanze und für sich mit dem Tode kämpfen... es muss doch jeder seinen eigenen Tod sterben, ich werde dann nicht bei dir sein noch du bei mir.“ Aber es war ja ein anderer bei ihm, der gesagt hat: ich will euch nicht als Waisen lassen, ich komme zu euch, dem er’s in Demut und Glauben hat nachsprechen dürfen: „Ich bin nicht allein, der Vater ist bei mir.“
Das ist letzte und höchste Frontbewährung, auf der Schanze stehen wie der Ritter im Kampf gegen Tod und Teufel, durch das dunkle Tor – nicht hindurchschreiten wie ein selbstbewährter Siegesheld, aber sich führen, tragen lassen von den starken Königshänden wie auf Adlers Flügeln, wissen, es ist ja nur ein Durchgang aus dem „irdischen Haus dieser Hütte“ in den „Bau, der nicht mit Händen gemacht ist, der ewig ist im Himmel.“ Das ist Sieg, Überwindung in der Kraft der Auferstehung Christi. Dann gibt es bloß noch ein Warten auf die große Stunde, dass Christus seinen treuen Kämpfer ruft und weckt zum neuen Leben auf der neuen Erde und im Himmel. Und weil das alles Überwindung, Sieg des Glaubens ist, darum gebührt auch uns in dieser Stunde nur Lob und Dank. Darum muss doch alles ausklingen in dem Wort: „Weicht ihr Trauergeister, denn mein Freudenmeister, Jesus, tritt herein!“ Das ist das Vermächtnis des Toten an euch, an Weib und Kind, Eltern und Geschwister, an seine Gemeinde und an uns, seine Brüder im Amt, ein Vermächtnis, das Trost und Aufgabe zugleich ist. So soll mit uns gehen nicht sein Vorbild – er selbst würde es uns verbieten – sondern das Bild des Königs, dem sein Leben gehörte, und dem unser Leben gehören soll, das Bild Jesu Christi, das sein Licht werfen wird auch auf die dunklen Pfade, die nun vor euch liegen, das Licht in alle unverstandenen Rätsel dieser Zeit:
„Fahre, Strahl der Ewigkeit, in die Wirrnis dieser Zeit!
Zeig den Kämpfern Platz und Pfad auf dem Weg zur Gottesstadt!“
Amen.
( Quelle: Pfr.i.R. Hans Ludwig Althaus)



[Zurück] [Glaube]
Impressum, http://bs.cyty.com/kirche-von-unten/archiv/ab/dk

Besucherstatistik