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[Kirche von unten]

Ottmar Palmer 1873 - 1964

Quellenstücke

2. Quellenstück


Aktennotiz über Vorgänge im Sommer 1945 betr. Bildung der Kirchenregierung


In der Mappe des Pfarrernotbundes mit der Aufschrift „undatierte Akten“ PNB 35 befindet sich ein zweiseitig maschinenbeschriebenes Papier, das in einigen Teilen bereits fast unlesbar ist. Der Verfasser ist nicht verzeichnet. Palmer vermerkt handschriftlich: „Verf: Lachmund?“ Das ist ausgeschlossen. Der Verfasser ist dem Text nach Herdieckerhoff.
Das Papier trägt die handschriftliche Überschrift Palmers
„Sommer 1945, Bildung der Kir.Reg.“ und hat folgenden Wortlaut:

In einer Versammlung am 8.8.45, der ersten nach den schweren Jahren des Krieges, beschloß der Notbund, einen Antrag auf Erweiterung der Kirchenregierung an das Landeskirchenamt einzureichen. O. Palmer, OLKR. Seebaß, P. Erdmann, Studienrat Schwarz sollten in die Kirchenregierung hinein. Fast 4 Wochen lang geschah aber nichts.
Am 29.8.45 wurde Propst Rauls in Goslar durch die Mil. Reg. auf Grund eines eingereichten Fragebogens seines Amtes enthoben. Einige Tage später kam die Verfügung, daß sämtliche Pfarrer und kirchl. Beamte und Angestellten ihre politischen Fragebogen einzureichen hätten. Damit schien die Lage der ganzen Landeskirche äußerst gefährdet. OLKR Röpke, der Stellvertreter des Landesb. war ja selbst Pg., also auch in Gefahr, sein Amt einzubüßen und jedenfalls kaum geeignet, für die Pfarrer einzutreten, deren Suspendierung die Militärregierung eventuell fordern würde.
Am Sonntag, den 2. September 45 wurde die Lage der Landeskirche im Kreis von Mitgliedern des Kirchengemeinderates Martin-Luther, Braunschweig sorgenvoll besprochen: Man glaubte zu spüren, daß unmittelbar gehandelt werden müsse und verstand nicht das Zögern des LKA und auch des Notbundes, der scheinbar nicht auf die Durchführung seines Antrages drängte.- OLKR Röpke müsse veranlaßt werden, zurück zu treten. Ein unbelasteter Mann müsse an seine Stelle treten. Da Propst Leistikow aus gesundheitlichen und anderen Gründen eben sein Amt zur Verfügung gestellt und daher für besondere Dienste frei war, meinte man, daß er vorläufig das Amt des Stellvertreters des Landesb. übernehmen könnte, wozu ihn auch seine persönlichen Qualitäten ohne Zweifel befähigten.
Propst Leistikow hatte große Bedenken, erklärte sich aber bereit, wenn Pastor Herdieckerhoff, der zur Versammlung herangeholt wurde, mit ihm zusammenarbeiten würde. P. Herd. schlug darauf vor, am nächsten Tag zunächst mit P. Erdmann Helmstedt, dem jetzigen Führer des Notbundes, und mit Propst Ernesti, dem Leiter des Landespredigervereins, die Lage zu besprechen, ohne.........wollte er keine Schritte tun.
Am nächsten Tag, Montag, d. 3. September, fuhren Propst Leistikow und P. Herdieckerhoff nach Lelm. Als sie Erdmann sagten, daß es höchste Zeit sei, endlich zu einer neuen Ordnung in der Landeskirche zu kommen, rief ihnen dieser entgegen: „Es ist nicht nur höchste Zeit, sondern es ist schon zu spät. Wir begreifen nicht, daß in Wolfenbüttel nicht gehandelt wird.“ Anfangs zögerte Erdmann, sich dem Unternehmen von Leistikow anzuschließen. Er glaubte sich nicht befugt, einen Schritt weiter zu gehen, als es der Antrag des Notbundes gestattete. Auch glaubte er, daß es sich hier um einen revolutionären Akt handelte, zu dem der Notbund nicht bereit sein würde. Propst Leistikow machte darauf geltend, daß es sich keinesfalls um einen revolutionären Akt handele, es sei ein Eingreifen in höchster Gefahr, man habe auch nicht nur eine große Anzahl von Amtsbrüdern, sondern auch Herrn OLKR Röpke selbst zu schützen. L. werde am besten selbst nach Wolfenbüttel fahren, um in aller Ruhe die Lage mit Röpke zu besprechen. Er zweifle nicht, daß dieser ihm recht geben und von seinem Amt zurücktreten würde. Es wurde dann noch einiges über die Neuordnung gesagt. P. Erdmann schien auch seinerseits einverstanden damit, daß OLKR R. veranlaßt werden sollte, das Amt des Stellvertreters des Landesbischofs in die Hände von Propst Leistikow zu geben.
Propst Leistikow fuhr darauf nach Wolfenbüttel. OLKR. R. war in der Tat, nach Darstellung der Sachlage, einverstanden, soweit die Niederlegung seines Amtes als Stellv. d. L. in Frage kam. Von seinem Amt als OLKR wollte er allerdings nicht zurücktreten, wenn er nicht durch äußere Gewalt dazu genötigt würde. Er war auch nicht zu veranlassen, diesen Schritt sofort zu tun, er wollte zunächst die alte Kirchenregierung, die zwar nur noch aus ihm und Amtsgerichtsrat Linke bestand, in Kenntnis setzen und einer neu zu bildenden Kirchenregierung sein Amt als stellv. L. zur Verfügung stellen. Dieselbe Auskunft erhielt am Dienstag P. Erdmann von ihm. P. Herdieckerhoff sprach am Montagabend ausführlich mit Propst Ernesti, der ebenfalls grundsätzlich mit dem Vorstoß von Leistikow einverstanden war.
Am Mittwoch morgen fuhren Propst Leistikow und P. Herdieckerhoff noch einmal zu Erdmann, um die nächsten Schritte zu beraten, da für den Freitag die Bildung der neuen Kirchenregierung vorgesehen war.
In dieser Zusammenkunft wurde zunächst festgestellt, daß OLKR Röpke nur sein Amt als Stellv. d.L. zur Verfügung stellte, aber OLKR im LKA bleiben wollte. An seine Stelle sollte Propst Leistikow als Stellvertreter des L.B. kommen, KR Palmer, mit dem kurz vorher Erdmann telephonisch die Dinge besprochen hatte, sollte Vorsitzender der Kirchenregierung werden. Es wurde dann auch eingehend von OLKR Seebaß gesprochen. Man meinte, daß dieser einen Sitz in der Kirchenregierung erhalten sollte. Sein Amt im Gemeindedienst im LKA sollte P. Herdieckerhoff übertragen werden, wozu dieser allerdings erklärte, daß er zwar für sein jetziges Wirken im Ev. Verein für I.M. eine landeskirchliche Beauftragung mit dem Amt für Gemeindedienst für sehr notwendig hielte, daß ihm aber ein Sitz im LKA nicht unbedingt erforderlich zu sein schiene.
P. Erdmann war auch der ausdrücklichen Meinung, daß P. Herdieckerhoff schon immer tatsächlich das Amt für Gemeindedienst ausgeübt und damit eine unmittelbare Verbindung mit dem LKA haben müßte. Die weitere Aussprache führte zu folgendem Vorschlag: Kirchenregierung: Kr Palmer als Vorsitzenden, Seebaß, Erdmann und Leistikow, St.r. Schwarz und Amtsgerichtsrat Linke. Landeskirchenamt: Stellv. des Landesb: Leistikow, Röpke und als nebenamtliche Mitglieder Erdmann und Herdieckerhoff.
Auf der Rückfahrt fuhr P. Herdieckerhoff noch bei Propst Ernesti vor, um auch ihm über den Stand der Dinge zu berichten. Dieser suchte am Dienstag Vormittag Propst Leistikow auf, um ihm mitzuteilen, daß der Landespredigerverein geschlossen hinter Leistikow stehe und ihn als seinen Vertreter betrachten würde und auch daher mit seiner Berufung in die Kirchenregierung und das Landeskirchenamt einverstanden wäre.
Am Freitag und Sonnabend fanden darauf die entscheidenden Verhandlungen in Wolfenbüttel und in der Wohnung von OLKR Seebaß statt, bei denen OLKR Röpke handelte, wie es vorgesehen war. Die Neubildung der Kirchenregierung stieß auf mancherlei Schwierigkeiten, besonders umkämpft war die Einberufung von Propst Leistikow. Ihm wurde schließlich ein Sitz im Beirat der Kirchenregierung angeboten, nachdem Propst Ernesti sich bereit erklärt hatte, als Vertreter des Landespredigervereins einen Sitz in der Kirchenregierung anzunehmen. Noch nicht verhandelt wurde über eine Neubildung des LKA. In der ersten Sitzung der neuen Kirchenregierung, die nun unter KR Palmer als Vorsitzendem, P. Erdmann, St.r. Schwarz, Propst Ernesti und Amtsgr. Linke bestand, wurde P. Erdmann mit der Stellvertretung des Landesb. beauftragt. Propst Leistikow hatte nach mancherlei Verhandlungen, in denen vor allen Dingen geltend gemacht war, daß unbedingt entsprechend dem Kurse im Lande die Führung beim Notbund liegen müsse, auf das Amt des Stellv. verzichtet und in einem Brief an Amtsg. Linke sich einverstanden erklärt, wenn er nebenamtlich Oberlandeskirchenrat werde und die Stellvertretung für Erdmann im LKA ausüben könnte. Er hatte dabei in den Verhandlungen immer wieder erklärt, daß man ihm am besten persönlich damit dienen würde, wenn er, wie beabsichtigt, nur das Pfarramt in Semmenstedt zu führen brauche. In einer Unterredung am Dienstagnachmittag, die zwischen OLKR Seebaß, P. Erdmann und P. Herdieckerhoff in der Wohnung von Seebaß stattfand, wurde noch einmal die Frage Leistikow verhandelt, nachdem persönliche Mißverständnisse, die zwischen ihm und Seebaß entstanden waren, aufgeklärt waren. Um den spürbaren Widerstand gegen eine Berufung Leistikows in das LKA zu überwinden und doch diesem eine Möglichkeit zur Mitarbeit zu geben, wurde P. Herdieckerhoff gebeten, ihm vorzuschlagen, einen Auftrag des LKA zur Verlebendigung von Pfarrern und Gemeinden anzunehmen, den er in gemeinschaftlicher Arbeit mit P. Herdieckerhoff ausführen sollte. P. Herdieckerhoff wurde noch einmal bestätigt, daß er für sein Amt eine enge Verbindung mit dem LKA haben müsse. Es wurde ausdrücklich gesagt, daß er in das LKA nebenamtlich berufen werden sollte.
Am Mittwoch, den 13. September 45 sprach P. Herdieckerhoff noch einmal eingehend mit Leistikow, der allerdings nicht zu bewegen war, hinter die Linie des Vorschlags, den er Amtsger. Linke mitgeteilt hatte, zurückzugehen. Wenn er keinen Sitz im LKA bekäme, glaubte er keine genügende Autorität zu haben, in der übergemeindlichen Arbeit mitzuwirken. Er bat dringend, ihm dann seinen Rückzug nach Semmenstedt zu gestatten. Diesen Entschluß Leistikows teilte P. Herdieckerhoff am Mittwochabend Herrn OLKR Seebass mit.



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