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[Kirche von unten]

Ottmar Palmer 1873 - 1964

Quellenstücke

5. Quellenstück


Predigt Palmers am 6.2.1946 zur Eröffnung des Landeskirchentages in der Hauptkirche B.M.V. zu Wolfenbüttel


Lukas 4,16-20 „Und er kam nach Nazareth, wo er erzogen war, und ging in die Synagoge nach seiner Gewohnheit am Sabbattage und stand auf und wollte lesen. Da ward ihm das Buch des Propheten Jesaja gereicht. Und da er das Buch auftat, fand er die Stelle, da geschrieben steht: (Jes. 61,1.2.) „Der Geist des Herrn ist bei mir, darum weil er mich gesalbt hat, zu verkündigen das Evangelium den Armen, er hat mich gesandt zu predigen den Gefangenen, daß sie los sein sollen, und den Blinden, daß sie sehend werden, und den Zerschlagenen, daß sie frei und ledig sein sollen, zu verkündigen das Gnadenjahr des Herrn.“ Und als er das Buch zutat, gab er’s dem Diener und setzte sich. Und aller Augen in der Synagoge sahen auf ihn. Und er fing an, zu sagen zu ihnen: Heute ist dieses Wort der Schrift erfüllt vor euren Ohren.“

Ein spanischer Maler hat in einer langen Reihe von Bildern die spanische Revolution gemalt. Man sieht eine entfesselte Volksmenge auf den Barrikaden, die zerstörten Kirchen und die umgestürzten Altäre, man sieht die Feuersbrunst und die Ruinen der Städte und die verwüsteten Felder. Zuletzt ein Feld voller Leichen, tausend und abertausend. Und das allerletzte Bild: aus dem Grabe heraus reckt sich eine halbverweste Hand und schreibt an den Himmel mit Riesenbuchstaben das eine Wort: Nichts! Das ist das Ende: Nichts vom Himmel, nichts von Gott, nichts von oben habt ihr zu erwarten; es gibt keinen Himmel, es gibt keinen Gott, es gibt kein oben: Laßt alle Hoffnung fahren.
Nach zwei Revolutionen, nach zwei Kriegen ohne Maß und Ziel, und nach alledem, was der letzte Krieg gebracht und hinterlassen hat, sollte die Gemeinde der Christen ein anderes Wort an den schwarz verhangenen Himmel der deutschen Zukunft schreiben. Das Wort, das du an den Himmel schreiben und das du hinaussagen sollst in die Abgrundtiefe der deutschen Not, das Wort heißt: Christus!
Ein Wort nur, aber es wiegt alle die tausend tönenden Wörter auf, mit denen man uns vollgefüttert hat und die doch nur Wörter waren, Schall und Rauch, der im Winde verweht ist.
Von diesem Wort heißt es: Im Anfang war das Wort und das Wort bleibet ewiglich. Und das Wort ist ein neuer Anfang und ist eine Tat und es ist ein neues Aufsteigen aus der Tiefe.

Das Wort war immer da, es war auch da in der Stunde der Versuchung, die über Deutschland gekommen war. Aber haben wir es genug gehört in dem Lärm der Propaganda und in dem Lärm des Krieges? Und haben wir es genug hineingesagt in die Versuchung, den himmelstürmenden Übermut der vergangenen Jahre, in die Gottlosigkeit und die Gewissenlosigkeit, an der wir zu Grunde gegangen sind?
Haben wir genug widersprochen, da doch der falsche Weg immer klarer wurde? Haben wir wenigstens genug gebetet um Halt und Umkehr von dem bösen Wege? Ob nicht vielleicht doch manches anders gekommen wäre, wenn wir Christen dies eine Wort weithin sichtbar an den gewitterträchtigen deutschen Himmel geschrieben hätten?
Wir sind nicht hier, uns gegenseitig die Schuld und Verantwortung in die Schuhe zu schieben. Wir sind alle, alle in der Gemeinsamkeit der Schuld und was nur deutsches Blut in sich hat, trägt mit an der Schuld unserer Brüder. Wir stehen alle unter dem Gericht Gottes, Volk und Kirche, Pastor und Gemeinde, Regierende und Regierte. Und wir können alle nur mit dem frommen Hiob sprechen: „Ich weiß sehr wohl, daß es so ist und daß ein Mensch nicht recht behalten mag gegen Gott. Hat er Lust, mit ihm zu streiten, so kann er ihm auf tausend nicht eins antworten.“
Wo aber der Mensch in der Beugung steht unter Gottes Gericht, da ist die Bahn frei zu einem neuen Geschehen, das alles Denken übersteigt. Da schreibt Gott selbst an den Himmel unseres Daseins, und sei es noch so dunkel, auch ein Wort und dieses Wort heißt wiederum: Christus!
Es ist das Wort der Befreiung, der Erlösung! Da antwortet Gott auf das Kyrie des bußfertigen Sünders mit dem Wort seiner Gnade. Da treibt er nicht mehr, um mit unseren Alten zu reden, das fremde Werk des Zürnens, Strafens und Richtens, da treibt er sein eigentliches Werk, bei dem wir ihm am tiefsten in sein Vaterherz schauen, das Werk der Liebe und der Vergebung. Und dies eigentliche Werk Gottes heißt: Christus!
Von Christus redet das ahnende Wort des Propheten, das wir gehört haben.. Es ist einst hineingesprochen in eine Zeit gewaltiger politischer Umwälzungen, da ein Weltreich unterging und ein anderes an seine Stelle trat, als die Welt ein neues Gesicht bekam, aber er hat hineingesprochen in ein Volk, das an dieser Neugestaltung der Welt nicht mehr beteiligt war, weil es ausgesiedelt, vertrieben war aus dem Rat der Nationen, ohne Macht, Ehre, Land, nur noch ausgeliefert der Gnade oder Ungnade des Siegers. In die tiefe äußere und seelische Not dieses Volkes spricht der Prophet ein Wort der Hoffnung und des Trostes. Er verheißt ihm einen Erlöser. Und von dieser Verheißung sagt Jesus in der Schule zu Nazareth: „Heute ist sie erfüllt vor euren Ohren“.
„Der Geist des Herrn ist bei mir, darum daß er mich gesalbt hat.“ Das unterscheidet ihn von den Gewaltigen und Machthabern dieser Erde, die als Weltverbesserer und Weltbeglücker auftraten und die meinten, sie machten die Geschichte, und über die doch die Geschichte hinweggegangen ist, wie das Wort sagt „wie eine Eintagsfliege“. Sie kamen alle mit Reformen und Programmen, welche die Selbstherrlichkeit des menschlichen Geistes ihnen eingab. Und es gilt doch von ihnen allen das Wort: „Wer von der Erde ist, der wird zur Erde.“ Von sich selbst aber kann Christus sagen: „Der von oben kommt, der ist über allen; und welchen Gott gesandt hat, der redet Gottes Worte, denn Gott gibt seinen Geist nicht nach dem Maß.“
Auch heute lesen wir Tag für Tag von Reformvorschlägen und Programmen. Sie mögen alle ehrlich gemeint sein, und wollen uns allen helfen, die Not der Jahre zu überwinden. Und niemand von uns darf sagen: „mich geht das alles nichts mehr an, ich ziehe mich von allem zurück.“
„Selig, wer sich vor der Welt ohne Hass verschließt.“ Wir sollten uns alle fragen, wo wir uns einsetzen können für das, was sein soll im deutschen Volke, das doch nun einmal unser Volk ist, das Volk unserer Vatererde und unserer Muttersprache, das Volk, mit dem wir verschworen sind für Tod und Leben „und im Unglück erst recht“.

Aber wir wollen alles prüfen, ob es auch vom Geist Gottes geredet und geplant ist. Denn allzu bitter sind doch die Erfahrungen, die wir gemacht haben und die uns zeigen, wohin es führt, wenn man nur auf den trügerischen Sand des selbstherrlichen Menschengeistes baut.
Hier ist kein trügerischer Sand, hier ist nur der, der sagen kann: „Der Geist des Herrn hat mich gesalbt.“
Und in diesem Geist entwickelt dieser Eine sein Programm;: „Er hat mich gesandt zu predigen den Gefangenen, daß sie los sein sollen.“ Es ist eigentlich nur ein einziger Programmpunkt: „zu verkündigen den Armen das Evangelium“.
Christus ist ja kein neuer Gesetzgeber. Er überschüttet uns nicht mit Gesetz und Verordnungen, wie wir es jetzt im politischen Dasein erleben. Aus Gesetz allein ist noch keine neue Welt geboren. Christus kennt nur ein Gesetz und dieses Gesetz ist lauter Locken: „Wen da dürstet, der trinke.“ Christus kommt auch nicht mit lauter Forderungen, so wie wir es jetzt hören als Zahlungen, Leistungen, Wiedergutmachung. Christus fordert nicht zuerst, er gibt. „Ich bin gekommen, daß sie das Leben und volle Genüge haben.“

Das ist das Evangelium, das er den Armen verkündigt. Evangelium ist Freudenkunde, es ist die Freudenkunde von der Vergebung. Mit dem Richten, Schelten und Verdammen ist es ja nicht getan, das machen die Menschen untereinander genug und half das doch keinem aus seiner Not. Helfen kann uns nur der, der vergeben kann, der mit seiner Vergebung kommt, zu einem neuen Anfang kommt; und zum neuen Anfang gibt Er den neuen Mut und die neue Kraft.
„Zerstoßen, zerschlagen, gefangen, blind und arm.“ Das ist doch das Bild unserer Tage. Nur hier ist wirklich eine einzige Volksgemeinschaft geworden, aber das ist eine Gemeinschaft der Not und der Ratlosigkeit.
Da sind die Zerschlagenen im Gewissen, die nicht fertig werden mit ihrer Schuld. Christus sagt nicht zu ihnen: „Du hast es ja nicht anders verdient.“ Er sagt zu ihnen: „Gehe hin und sündige hinfort nicht mehr.“ Er richtet nicht, er richtet auf. Und da sind die Gefangenen der Lebensangst und der Sorgen. Er sagt ihnen: „In der Welt habt ihr Angst, aber seid getrost, ich habe die Welt überwunden.“ Da sind die in der Verzweiflung Gefangenen und die Verbitterten, die unter der neuen Ungerechtigkeit leiden, ihnen gilt das Wort: „Des Herrn Rat ist wunderbar und er führt es herrlich hinaus.“ Und vor ihm stehen, die einsam geworden sind und nicht fertig werden mit ihrer Trauer. Und er grüßt sie mit dem „Selig sind die da Leid tragen, denn sie sollen getröstet werden“. Und Blinde sind da, die keinen Weg mehr sehen für sich und unser Volk. Christus aber tut auch den Blinden die Augen auf:: „Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben“. Und da sind vor allem, die in Deutschland umherirren auf den Straßen und Eisenbahnen, heimgekehrt und doch heimatlos, die auf der Flucht, die unter dem harten Joch im Osten, die Frierenden, Hungernden, Menschen, die ärmer sind als irgend einer von uns. Gibt es für sie überhaupt noch ein Evangelium, eine Freudenkunde? Wer hilft diesen, die nicht mehr an Menschlichkeit glauben, weil ihnen zu viel Unmenschliches widerfahren ist und weil sie auch mitten unter uns oft zu wenig Liebe finden. Hier wird die Frage nach Gott zur Gewissensfrage an uns selbst. Wohl singt die Gemeinde: „In dir ist Freude in allem Leide... wie nur heißen mag die Not“. Wohl wissen wir: „Bei Gott ist kein Ding unmöglich“. Aber Gott kann nur helfen durch Menschen, die willig sind, sich ganz in seinen Dienst zu stellen, auch mit einer Stube und mit einem Bett, mit dem Portemonnaie und der Brotkante. Hier kann die Liebe wirklich den Weg zum Glauben bahnen, laßt die Liebe reden und der Mensch wird wieder glauben lernen. Hier gibt es nur ein Doppeltes: Entweder versagt die Christenheit im Dienst der Nächstenliebe und dann kann sie sich das Wort vom Glauben sparen und alles, was sie sagt, ist unglaubwürdig. Oder die Christenheit tut ihre Pflicht und dann wird Christus zu ihr sagen: „Was ihr getan habt einem unter diesen meinen geringsten Brüdern, das habt ihr mir getan.“
Es ist noch niemand von Christus fortgegangen, der mit nichts zu ihm gekommen war. Sie sind alle von ihm gegangen „mit reichen Trost beschüttet, verjüngt dem Adler gleich“, ausgestattet mit neuer Kraft. Sie haben alle etwas erlebt vom „angenehmen Jahr des Herrn“ auch in den Jahren der Not und des Wanderns im dunklen Tal.
Das ist die „große Stunde“ der Kirche, daß sie dieser Welt „in ihren tausend Plagen und großen Jammerlast“ diesen Christus verkündigen darf. Denn nicht das waren ihre großen Stunden, wenn sie dahin lebte unter der Gunst der Großen dieser Welt, sondern wenn sie vielleicht selbst in Not und Armut der friedlos gewordenen Welt den Frieden bringen durfte, der von oben kommt und wenn sie einer Welt, die keinen Weg mehr sah und keinen Rat mehr wußte, den Weg zeigen konnte zu dem, von dem die Gemeinde singt: „Weg hast du allerwegen, an Mitteln fehlt dir´s nicht.“

In solcher Stunde sind wir zusammen gekommen in dieser Kirche, welche einst die Hauptkirche unseres Landes sein sollte, um zu beraten und zu beschließen über den Weg der Kirche in die neue Zeit hinein. Synoden haben kein Predigtamt und kein Lehramt. Aber sie sind wahrlich auch nicht unfehlbar. Sie sind auch nicht der unfehlbare Mund Gottes. Aber sie sind auch wahrlich nicht bloß dazu da, um durch Gesetze und Verwaltung Ordnung zu schaffen, wo Unordnung eingerissen ist. Sie sind auch nicht bloß dazu da, um die Mittel sicher zu stellen, die der Organismus der Kirche nötig hat. Aber sie sollen die Bahn frei machen für die Freudenkunde von Christus. Sie sollen wissen um die geistliche Art der Kirche und um ihre geistlichen Aufgaben. Und wenn geistliches Leben nur geweckt werden kann durch Persönlichkeiten, welche vom heiligen Geist ergriffen sind, so soll die Synode sorgen, daß solche geistlichen Persönlichkeiten an die rechte Stelle gesetzt werden und dadurch die Wege gebahnt werden, durch welche die Kräfte des Evangeliums zur Entfaltung kommen. Sie trug etwas in sich von der Aufgabe des Propheten: „Bereitet dem Herrn den Weg, machet eine ebene Bahn unserm Gott!“ Damit aber trug sie und trägt jeder Einzelne von uns ein volles gerüttelt und geschüttelt Maß an Verantwortung vor dem lebendigen Herrn der Kirche, vor dessen Richterstuhl auch wir Abgeordneten einst alle stehen werden.
So gebe denn Gott, daß auch in unsere Landeskirche ein Funke seines Geistes falle und daß sie den rechten Weg und die rechte Aufgabe anfasse und erfüllt werde von der Kraft aus der Höhe. Er gebe, daß sein Wort unter uns laufe und wachse, in aller Freudigkeit, wie sich’s gebührt, gepredigt und seine christliche Gemeinde dadurch gebessert werde, daß wir als lebendige Steine ihm dienen und im Bekenntnis seines Namens bis ans Ende beharren! Amen.


(Quelle: Familie Palmer)



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