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[Kirche von unten]

Ottmar Palmer 1873 - 1964

Quellenstücke

6. Quellenstück


Pastor Herdieckerhoff an die Mitglieder des Landeskirchentages am 22.2.1947


An die Mitglieder des Landeskirchentages.

Da die Sitzung des Landeskirchentages, die für den 14. Februar anberaumt war, ausgefallen ist, besteht noch einmal die Möglichkeit, die Hauptfrage, die uns beschäftigen soll, nämlich die Bischofsfrage, durchzuprüfen. Es wird aber vermutlich doch nur wenig Zeit für eine nochmalige Diskussion über die Frage zur Verfügung stehen, darum schreibe ich Ihnen diesen Brief, der nicht propagandistisch verstanden werden, sondern nur ein Wort zur Sache sein will, zu dem man sich so oder so stellen kann.

Es besteht weiterhin die Meinung, daß ein Landesbischof nicht von außerhalb des Landes geholt werden sollte. Man weist dabei gern auf den eigenartigen Charakter unserer Braunschweigischen Gemeinden hin. Unsere Gemeinden gleichen im allgemeinen stehenden Gewässern, die nur schwer dazu zu bringen sind, einmal Wellen zu schlagen. Man muß sie schon genau kennen, wenn man sie richtig beurteilen und an ihnen nicht verzweifeln will. Der Kirchenbesuch ist schlecht und das Arbeiten in den Gemeinden schwer, dabei habe aber gerade ich durchaus Anlaß, den Gemeinden dankbar zu sein. Die Durchführung der Arbeit in der Inneren Mission und dem Hilfswerk bezeugt, daß trotz allem „mehr Gemeinde“ da ist, als man zunächst vermuten möchte. Diese eigentümliche Wesensart unserer Gemeinden scheint in der Tat einen einheimischen Landesbischof zu erfordern.

Nun gibt es aber verschiedene Gründe, die vermuten lassen, daß es in unseren Gemeinden nicht so bleibt, wie es bisher seit Generationen gewesen ist. Diese Gründe sind folgende:
a) Das Erlebnis des Nationalsozialismus. – Sein Kampf gegen die Kirche ist doch in keiner Gemeinde unbemerkt und ohne schwerwiegende Folgen geblieben. Besonders in ihrer Jugend, so wie sie heute ist, haben die Gemeinden die Gefahr vor Augen, daß tatsächlich die Kirche einmal nicht mehr „im Dorfe bleiben“ könnte, wenn es so weitergeht wie bisher. Wer darum etwas Verantwortlichkeit kennt, kann an diesem Wunsch nicht vorübergehen.
b) Die Flüchtlinge. – Ihr Einströmen in unsere Gemeinden stellt diese vor schwierige Fragen. Es ist schon jetzt so, daß in manchen Gemeinden die Einheimischen sich fast aus der Kirche verdrängt fühlen, weil die Flüchtlinge eine ganz andere Kirchlichkeit gewöhnt sind. In anderen Gemeinden drohen die Flüchtlinge der braunschweigischen Unkirchlichkeit zum Opfer zu fallen. Sie gehen auch nicht mehr zur Kirche und sind in Gefahr, der Glaubenslosigkeit zu verfallen und dadurch die antichristlichen Strömungen gefährlich zu verstärken.
c) Die Arbeit der missionarischen Verbände. – Der jahrelange Dienst, den Frauenhilfe, Jugend- und Männerwerk, auch (wie ich wohl hinzufügen darf) Innere Mission, Hilfswerk und Volksblatt in den Gemeinden getan haben, hat doch eine andere Vorstellung von Gemeindeleben erweckt und dadurch auch neue Sehnsucht und neue Forderungen an die Kirchenleitung.

Diese Forderungen gehen, wenn ich nicht irre, vor allem in zwei Richtungen:
Einmal spürt man, daß eine ernstliche Vertiefung in das biblische Zeugnis nötig ist. Der Mangel an christlichem Wissen ist außerordentlich groß. Die Jugend weiß gar nichts mehr. Es wird eine wesentliche Aufgabe der Kirchenleitung sein, der Vertiefung christlicher Erkenntnis in Zukunft alle Aufmerksamkeit zu widmen.

Die andere große Forderung ist die nach verstärkter Seelsorge, d.h. einer gründlicheren Zurüstung unseres Pfarrerstandes zum seelsorgerischen Dienst.

Gerade wir Pfarrer selbst aber wissen, daß es uns nicht leicht ist, diesen beiden Anliegen gerecht zu werden, wenn uns nicht die entscheidende Hilfe geboten wird.
Diese Notwendigkeit steht mir besonders vor Augen, wenn ich in unseren Sitzungen immer wieder den Namen von Pastor D. Brandt – Bethel erwähnt habe. Mich veranlaßt die Sorge, daß wir der Forderung der Stunde in unserer Landeskiche nicht gerecht zu werden vermöchten. Bei D. Brandt handelt es sich um einen Mann, der gerade in Bezug auf die beiden erwähnten Anforderungen durch seine Gaben und seinen Lebensweg als ein besonders Berufener erscheinen muß. Er kennt den Dienst des Pfarrers, des Seelsorgers in der Diakonie, des Dozenten der Theologie und des Führers eines größeren missionarischen Werkes unserer Kirche, der Reichsfrauenhilfe. Er hat eine Reihe von Werken geschrieben, die sowohl seine außerordentliche Gabe der Bibelauslegung wie auch großes seelsorgerisches Verständnis bezeugen.

Mir liegt viel daran, dies alles noch einmal auszusprechen, denn es scheint mir, daß unsere Kirche in einer besonderen, und zwar in einer besonders ernsten Stunde steht, und daß die eigentliche Bewährungsprobe erst jetzt auf uns zukommt.
Ich bitte also, in Ruhe sich diesen Gedanken zu öffnen und mir gegebenenfalls eine Antwort zukommen zu lassen.

Ich erwähne noch, daß ich keineswegs die Gaben und die Eignung anderer Kandidaten für den Bischofssitz irgendwie in Frage stelle möchte. Ich habe nur den Eindruck, daß die besondere Stunde unter Umständen auch eine besondere Richtung der Arbeit und darum auch eine nach dieser Richtung besonders ausgebildete Kraft verlangen könnte.
Der Bischofsausschuß hat von diesem Rundschreiben Kenntnis. Ich schreibe diesen Brief aber lediglich als Mitglied des Landeskirchentags.
Vielleicht ist es auch notwendig zu betonen, daß ich ihn nicht im Auftrag einer besonderen kirchlichen Gruppe versende, etwa des Pfarrer-Notbundes, dessen etwaige Beschlüsse hinsichtlich der Bischofswahl mir nicht bekannt sind. Mir liegt alles daran, daß die Bischofswahl nicht als eine kirchenpolitische Handlung vollzogen wird, sondern daß man sie vollzieht in der sachlichen Prüfung, die der Dienst verlangt.

Mit amtsbrüderlichem Gruß!
Ihr
gez. Herdieckerhof, Pf.


Quelle: Familie Palmer



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