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[Kirche von unten]

Ottmar Palmer (1873 - 1964)

Vorwort

Warum Ottmar Palmer?
Wer liest so was? Wen interessiert das?

Palmer, obwohl weder in Braunschweig geboren, noch in Braunschweig gestorben und begraben, gehört zu den einflußreichsten Braunschweiger Pfarrern im vorigen Jahrhundert.

Palmer wurde 91 Jahre alt und lebte diese neun Jahrzehnte mit der Kirche, für die Kirche und gegen die Kirche. Zweimal verließ er die Landeskirche und ging auf Hannoversches Gebiet, zweimal wurde er zurückgeholt, ohne daß er sich selber darum bemüht hatte.

Die Landeskirche und das Land Braunschweig prägten das Leben dieser Familie. Sein Vater war Leiter der Neuerkeröder Anstalten; er besuchte das Wilhelmgymnasium in Braunschweig; die Dörfer um Gandersheim, die Städte Wolfenbüttel, Blankenburg, Helmstedt waren seine Wirkungsstätten. Wir erleben das Braunschweiger Land in seiner ganzen Fläche.

Palmers Leben mit der Kirche erreichte alle Formen pfarramtlicher Tätigkeit, die die Landeskirche zu bieten hat: als Pfarrer auf dem Dorfe, in der Stadt Wolfenbüttel an der Hauptkirche und auf allen drei Leitungsebenen als Kirchenrat, im Landeskirchentag, als Vorsitzender der Kirchenre- gierung.

Palmer lebte gegen die Kirche. Die Kirchenleitung nahm ihm in kurzer Zeit das kirchenleitende Amt eines Kirchenrates, die Pfarrstelle an St. Bartholomäus in Blankenburg und zwangspensionierte ihn schließlich zehn Jahre vor dem damals üblichen Pensionsalter von jedem Dienst. Palmer focht die Suspendierung erfolgreich an, wurde gegen seinen Willen in eine andere Pfarrstelle gesetzt und verließ die Landeskirche 1937, nachdem seine Bemühungen um eine Rückkehr in die ehemalige Blankenburger Gemeinde gescheitert waren.

Acht Jahre später wurde er, obwohl aktiver Pfarrer in der hannoverschen Landeskirche, zum Vorsitzenden der Kirchenregierung in Wolfenbüttel berufen, ohne sein Hannoversches Amt aufzugeben. Sein Versuch, die Landeskirche nach 1945 aus dem Geist der Bekennenden Kirche neu zu gestalten, blieb vergeblich.

1957 erhielt Ottmar Palmer vom Landeskirchenamt den Auftrag, die Geschichte des Kirchenkampfes in der Braunschweiger Landeskirche zu schreiben. Da das Ergebnis jedoch keine Heldengeschichte war, verschwand das Manuskript in den Schubladen der Behörde, und nur durch einen Akt des Ungehorsams wurden doch 300 Exemplare hektographiert. Ein Druckerzeugnis gegen die Kirche und für die Kirche.

Warum Ottmar Palmer?

Weil sich in dieser Pfarrergestalt (1873-1964) die vier unterschiedlichen Epochen der ersten Hälfte des vorigen Jahrhunderts widerspiegeln: die herzogliche Zeit und der 1. Weltkrieg, die Landeskirche im Freistaat Braunschweig zur Zeit der Weimarer Republik, die Landeskirche im Nationalsozialismus und die Nachkriegszeit mit dem Wiederaufbau der landeskirchlichen Verfassungsorgane.

Weil es eine aufregende und erlebnisreiche Biographie darstellt und weil es dafür eine einzigartige Quelle gibt. Mit 80 Jahren schrieb Palmer für Kinder und Enkel dieses Leben, das ganz in der Kirche aufging, nieder. Es enthält auf 383 handgeschriebenen Seiten in 13 Kapiteln chronologisch die Lebensstationen Palmers.

Es ist die Perspektive des Großvaters. Das ist zunächst familiengeschichtlich interessant, aber nicht kirchengeschichtlich. Die folgende Abhandlung beschränkt die Auswahl auf die Vorgänge in der Braunschweiger Landeskirche. Daher sind zwei Kapitel, die Hauslehrerzeit in Hessen (1897-99) und der Aufenthalt in Rauschenwasser (1934) hier nicht wiedergegeben. Außerdem wurden für die Veröffentlichung mit Einverständnis der Kinder alle familiären und persönlich gehaltenen, internen Passagen entfernt. Daß trotzdem eine derart runde, anschauliche Lebensgeschichte übrig blieb, bestätigt den ersten Eindruck: ein Leben mit der Landeskirche. Hinzugefügt habe ich zur besseren Übersicht einige Zwischenüberschriften.

Immer noch: Warum Ottmar Palmer? Weil es neben diesen Lebenserinnerungen Palmers und dem hektographierten „Material zur Geschichte des Kirchenkampfes zur Geschichte der Bekennenden Kirche in der Braunschweiger Landeskirche“ noch weiteres Quellenmaterial gibt: die penibel geführten Pfarramtskalender, handschriftliche Predigten und die Privatkorrespondenz mit Braunschweiger Kollegen im Besitz der Familie Palmer, die bisher nicht ausgewertet wurden und die ein anderes Licht auf das bis heute in der Landeskirche wirkungsmächtig verbreitete legendäre Geschichtsbild der Nachkriegszeit werfen.

In Palmers Lebensgeschichte spiegeln sich Wurzeln, Ablauf und Wirkungsgeschichte der Bekennenden Kirche in der Braunschweiger Landeskirche. Leider gibt es keine zusammenhängende, kritische Monographie der Braunschweiger Bekennenden Kirche, die mehr war als der Braunschweiger Pfarrernotbund. Es gab auch kein ausreichendes Interesse dafür. Das hat seine Gründe in dem in kleinräumigen Verhältnissen besonders hartnäckig verbreiteten und festgezurrten Bild vom kirchlichen „Widerstand im Dritten Reich“.

Es werden zunächst die Erinnerungen in ihren wesentlichen Teilen, soweit sie das Leben der Landeskirche betreffen, wiedergegeben. In einem zweiten Teil werden bestimmte Schwerpunkte im Leben von Ottmar Palmer nachgezeichnet, die die Erinnerungen verdeutlichen und manche Lücken füllen. Sie sind auch ein Versuch der Annäherung, wo uns diese Lebensgeschichte fremd bleibt. Im Laufe der Arbeit hat sich dieser Teil zu einem Beitrag zur Geschichte der Bekennenden Kirche in unserer Landeskirche ausgeweitet.

In einem abschließenden Quellenteil werden weitere Texte vorgestellt, soweit sie nicht schon vollständig im zweiten Teil wiedergegeben sind. Einige Bilder aus dem jeweiligen Familienbesitz sind für diese Veröffentlichung zur Verfügung gestellt worden.

Ursprünglich hatte ich überhaupt keine Anmerkungen geplant. Da sich die Arbeit aber zu einem Beitrag zur Geschichte der Bekennenden Kirche in unserer Landeskirche ausweitete, erschien es zweckmäßig, in dem Text einige Anmerkungen zu belassen. Die Quellenverweise stammen zum allergrößten Teil aus dem Landeskirchlichen Archiv, das daher nicht besonders genannt wird.

Da die Auflage wegen des innerkirchlichen Themas sehr klein ist, ist die Form einer Studienausgabe gewählt. Außerdem ist der Text auch im Internet unter http:// bs.cyty.com/ kirche-von-unten/index htm nachzulesen.

Der von mir eigentlich geplante Titel „Das Leben - ein Garten“ stieß auf den Protest der Töchter. Der Vater wäre kein Gärtner und sein Leben keine Idylle gewesen. So ist von Michael Künne dieser neue Titel ausgesucht worden.

Ich danke Frau Elisabeth Palmer und Frau Ottilie Luise Hasseblatt, geb. Palmer für die vertrauensvolle Zusammenarbeit und die mühsame Entzifferung der Texte und Frau Elisabeth Palmer für die gründliche Korrektur des Manuskripts, Reemt Heijen für die technische Herstellung der Textgestalt und Erstellung des Inhaltsverzeichnisses und des Registers.


Dietrich Kuessner, Braunschweig 2005


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