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[Kirche von unten]

Gemeinsam - zärtlich - radikal

2. Kapitel

Die Grenze zwischen Ost und West

Diese Grenze ist schon Vergangenheit

Der Grenzverlauf

"Bachmitte ist die Grenze" konnten alle lesen, die am Bach hinter dem Dorf spazierengingen. Das war die Wirbke, die von Sommerschenburg herunterkam, in Hohnsleben den Mühlenbach bildete, dann in den abgesoffenen Tagebau "Anna Süd" mündete und den See durchkreuzte. Die Grenze war normalerweise mit einem Metallzaun markiert und dahinter mit einem betonierten Weg für Geländewagen, dem sogenannten Kolonnenweg. Auf dem großen See wurde sie von der Natur verschlungen, teilte ihn aber unsichtbar und mündete wieder in den Mühlenbach, dessen Wasser am Schütt in den Kupferbach abgelenkt wurde.

Der "Grenzgraben" ging geradeaus unter der Eisenbahnunterführung durch den Pfarrgarten. Er verlief entlang der alten, historischen Grenze zwischen Preußisch- und Braunschweigisch-Offleben. Die Zonengrenze aber machte vor der Bahnbrücke einen Bogen knapp an den letzten Häusern Offlebens vorbei, verlief über den Hopfenberg ostwärts des Sportplatzes und kreuzte die Dorfstraße nach Barneberg. Daß die Hauptstraße durch das Dorf nach Barneberg abrupt in einem verunkrauteten Grenzgelände endete, war eine gewisse Attraktion.

Von dort verlief die Grenze weiter südwärts, vorbei an dem Grundstück des Bauunternehmers Kote und den Schrebergärten des Österling. Dort steht noch heute verlassen ein von Souvenirjägern vergessener schwarz/rot/gold angestrichener Grenzpfahl. Hart an der Grenze führte auch ein Spazierweg am Ackerrand zum sogenannten "Phenolsee", eine gute Gelegenheit zum verbotenen Baden im Sommer und Schlittschuhlaufen im Winter.

Wer auf der Straße von Offleben nach Reinsdorf an der Grenze entlang fuhr, kam nicht auf die Idee, daß da eine militärisch scharf bewachte Grenze aufgebaut war. Das friedliche Landschaftsbild deckte die Grenze gänzlich zu. Ein Zaun, ein Weg, weiter nichts. Aber das täuschte.

Die Grenze war scharf bewacht. Zur Grenzbewachung gehörten mehrere Wachtürme: der eine stand am höchsten Punkt am Tusculum, von wo die Soldaten einen hervorragenden Überblick über das Gelände bis zum Elm hatten. Dieser Turm war ständig besetzt und nur gut hundert Meter Fluglinie vom Pfarrgarten entfernt. So konnte man sich ständig beobachtet fühlen. Die Grenze war auch mit zahlreichen Lichtmasten versehen, die sie nachts in orangefarbenes Licht tauchten. Ich betrachtete das als ziemliche Stromverschwendung. Außerdem leuchtete ein Lampe genau ins Schlafzimmer und zwar in den Spiegel des Schlafzimmerschrankes.

Die Grenze war präsent, Tag und Nacht.

Zur Grenzbefestigung gehörten Zäune, Gräben und Minen. Die vergrabenen Minen wurden später durch andere Minen ersetzt. Wenn diese mal ein Tier berührte, gab es einen dumpfen Knall. Als die Grenze geöffnet wurde, galt es als ziemlich gefährlich, den Grenzstreifen eben wegen dieser Minen zu betreten.

Das Loch in der Grenze

Die Grenzsoldaten drüben stellten sich stur an. Früher, in den 50iger Jahren, als der Übergang noch längst nicht derart militärisch abgesichert war, kam es vor, daß die Soldaten von "drüben" mal im benachbarten westlichen Schrebergartengelände oder in der Kneipe bei Ahrenholz ein Glas Bier tranken. Unmittelbar nach dem Krieg konnten die Dorfbewohner mit einem Passierschein noch ihre Schrebergärten im Osten bewirtschaften. Immer wieder hatte der Vorstand des Gartenvereins "Österling" unter seinem Vorsitzenden Ernst Roehse mit der Grenzbesatzung, die sich in der Ziegelei einquartiert hatte, erfolgreich verhandelt. In der Jubiläumschronik des Österling heißt es für die Jahre 1948-1950: "Beginnende Verhandlungen mit der russischen Kommandantur in Haldensleben. Nach schwierigen Gesprächen wurden Pässe ausgestellt und so konnte man leichter die Grenze überschreiten." 1951 wurde dann mit den "ostzonalen Behörden" in Hötensleben verhandelt. Auch der TSV spielte mal in Hötensleben und die BKB-Kapelle war dort aufgetreten.

Achim Walther, der Verfasser des Grenzbuches "Heringsbahn", berichtet sogar von einer gewissen "Grenzromantik". Seine Geschichten sind eine wichtige Ergänzung zu den martialischen Schilderungen vom "Eisernen Vorhang", die die Helmstedter Regionalpresse seinerzeit beherrschten und die gelegentlich sogar religiös überhöht wurden In der Weihnachtsnummer der Braunschweiger Zeitung im Jahr 1948 wurde in der Weihnachtsgeschichte "Sterne über der Grenze" die Flucht von Menschen aus der Ostzone in das "herrliche, herrliche Leben" im Westen mit dem Weg der Hirten zur Krippe verglichen, "an dessen Ende sie Heil und Freiheit, Barmherzigkeit und Menschlichkeit erwarteten." Helmstedt gleicht dem erlösenden Stall von Bethlehem.

Am 28.12.1948 schrieb die Braunschweiger Zeitung einen größeren Artikel über Offleben, in dem es einleitend heißt: "Der Name des Dorfes Offleben ist in den letzten Jahren weit über die engen Grenzen hinaus bekannt geworden. Zwei Ursachen gibt es dafür: das "Loch im Osten" und das Schwelwerk, das sich bemüht, ein Loch in einer stark zerschlissenen Güterdecke zu schließen."

Endgültig dicht wurde die Grenze erst im Mai 1952 gemacht. Vorbei mit der Romantik. Die Grenzschließung führte zum beschleunigten Bau des Kraftwerkes am Ortsausgang nach Büddenstedt, weil der Zugang zum Harbker Kraftwerk gesperrt wurde. "Es gibt nur einen Willen: Beseitigung des Eisernen Vorhanges" betitelte das Helmstedter Kreisblatt am 2.12.1952 den Bericht über die Grundsteinlegung des Kraftwerkes, wobei der Festredner Jakob Kaiser immerhin zugab, "daß bereits vorher aus betriebswirtschaftlichen Gründen schon ein neues Kraftwerk geplant war."

Die Art der Grenze war also ein Ergebnis der Nachkriegspolitik und nicht zwangsläufig. Das war mir ein Hinweis, daß man den Charakter der Grenze politisch ändern könnte. Wohl kaum die Grenze selber: Propst Hobom zeigte mir, als er noch in der Pfarre Hoiersdorf saß, vom Ortseingang nach Schöningen die weite Sicht in die DDR hinein und sagte mir: "Bruder Kuessner, hier war immer eine Grenze." Im Dorf bestätigten sie mir diese Meinung: wenn die Hötensleber Fußballer gegen die Offleber antraten, gab es regelmäßig eine Prügelei. Man mochte sich nicht. Drüben war eben Preußen und nicht mehr Braunschweig. Dort hatten sie andere Schulbücher, auch einen anderen Sprachfall, sie waren anders.

Als dann der "Eiserne Vorhang" endlich hochging, und man sich treffen und besuchen konnte, wurde rasch diese uralte, unsichtbare Grenze wieder spürbar. Nachdem der erste Wiedervereinigungsrausch verflogen war, war da auch ohne Wachtürme und ohne Grenzsoldaten doch eine Grenze.

Und immer noch steht die ehemalige Kneipe, "Grenzblick", die in den 60iger Jahren Willi Smuda betrieben hatte und erinnert an die 1945 gezogene Grenze.

Die Grenze als "Attraktion"

Diese Grenze war eine gewisse Attraktion. Tatsächlich stießen hier ja nicht nur zwei Länder aufeinander, sondern zwei Blöcke: der Ostblock auf den Westblock. Und der eine endete in Amerika und der andere in Sibirien. Hier war die Schnittstelle. Dahinter war im Osten die "Sperrzone". Davor ging der "Eiserne Vorhang" runter. Eine kleine weltpolitische Sensation. Wer historisch dachte, bekam einen leicht zu erregenden Kitzel.

1963 war ein gut erreichbarer Kellerraum im Dorfgemeinschaftshaus an der Grenze zu einem Informationsraum umgebaut worden. Dort waren Grenzmodelle ausgestellt, an denen man mittels Druckknopf leuchtende Signale auslösen konnte und auf denen der Zuschauer den Grenzverlauf und die Art der Befestigung studieren konnte. An der Weser oder am Rhein hatte man kaum eine Vorstellung von diesem häßlichen Riß durch Deutschland. Das Kuratorium Unteilbares Deutschland hatte es sich zur Aufgabe gemacht, den politischen Charakter dieser Grenze und ihre Unnatürlichkeit im Bewußtsein wach zu halten.

Die Grenze wurde zum Anlaß hoher Besucher und Politiker: Willy Brandt besichtigte die Grenze, Erich Mende, Herbert Wehner, Generäle, Landes- und Bundespolitiker. Das war für die Dorfbewohner immer ein "großer" Tag. Die Erläuterungen im Informationsraum waren für ausländische Besucher sogar dreisprachig. Man wurde besichtigt und war dabei. Der Besucherstrom schwoll Mitte der 60iger Jahre auf 50.000 (im Jahr 1965) an.

Frau Waltraud Buchholtz, Konrektorin an der Offleber Grundschule, später Rektorin der Büddenstedter Hauptschule, war die unermüdliche und hochmotivierte Vorsitzende des Ortskuratoriums Unteilbares Deutschland und agile und erfolgreiche Vermittlerin solcher prominenter Besuche, da sie auch im Aufsichtrat des Zweiten Deutschen Fernsehens saß.

Nicht freundlich gesonnene Spötter, die Deutschland für gut teilbar hielten, frotzelten boshaft über das "Krematorium Unheilbares Deutschland".

Grenzproblematik im Ortskuratorium Unteilbares Deutschland

Ich meldete die Kirchengemeinde als Mitglied in diesem Ortskuratorium an, denn die Überwindung des Charakters der Grenze durch kleine praktische Schritte empfand ich lohnend und als ein gemeinsames Ziel. 1964 wurde z.B. über einen Zeitungsaustausch zwischen Westdeutschland und der "sowjetischen Besatzungszone" öffentlich diskutiert. So etwas fanden wir, weil grenzüberwindend, gut. Frau Konrektorin Buchholtz, Rektor Kasten und ich schrieben an den CDU-MdB Burgemeister. Es dauerte etwas, aber tatsächlich erhielt ich für einige Zeit das "Neue Deutschland", jedoch nur ausgeliehen.

Kreisheimatpfleger Owzarski hat kürzlich eine Abhandlung über den von Frau Buchholtz initiierten, überregional bekannt gewordenen Weihnachtsbazar des Ortskuratoriums vorgelegt. Der Erlös des Weihnachtsbazars wurde in unzähligen Päckchen an bedürftige ältere Leute in der "Ostzone" geschickt. An ihm beteiligte sich auch die Frauenhilfe. Ich war da etwas zurückhaltender, weil ich mir vorstellte, wie es wohl umgekehrt auf uns wirkte, wenn von der "Ostzone" erholungsbedürftige Kinder aus Westdeutschland in ein FDJ-Heim an die Ostsee eingeladen wurden, was ja wiederholt vorkam. Das wurde natürlich als Provokation des reichen Westens empfunden und beschäftigte den Verfassungsschutz.

Trotzdem war der Weihnachtsbazar verdienstvoll.

Ursache der Grenze

Wir gerieten über die Frage aneinander, wer an dieser Grenze eigentlich schuld sei. "Die Russen natürlich", war die gängige Meinung. Und das war dann das gefundene Fressen für satte antikommunistische Aktionen und Denkweisen, die mir doch zuwider waren. Der 17. Juni war der große Tag für Mahnfeuer an der Grenze, markige Reden über Freiheit hier und Unfreiheit drüben, freie Wahlen hier und dort Diktatur und Zwang. Mir waren diese Alternativen einfach zu billig.

Im Bücherschrank meines Vaters hatte ich das 1957 geschriebene Buch von Christine Bourbeck "Kommunismus - Frage an die Christen" gefunden. Dort las ich Überschriften wie "Materialismus in Ost und West, Konformismus in Ost und West, Das Phantom der Freiheit". "Der Osten bekennt den Materialismus; der Westen läßt sich von ihm im praktischen Leben bestimmen." Christine Bourbeck zeigt die grenzüberschreitenden Defizite und zugleich auch die Werte in beiden Systemen auf. Diese Gedankengänge lösten das schwarz-weiße Holzhammerdenken auf beiden Seiten auf. In dieser Gedankenschneise wollte ich weiterdenken.

In meiner Gemeinde erlebte ich 1964, nunmehr zum ersten Mal dort Pfarrer, zum "Tag der Einheit" etwas ganz anderes: das Programm der Feierstunde am 16. Juni 1964 abends am "Mahnstein vor dem DGH" war mir innerlich ganz fremd. Es sah so aus: Egmont-Ouvertüre von der BKB-Kapelle, Begrüßung durch Bürgermeister Willy Smuda, Chor: "Ganz Deutschland - Lied der Einheit", Gedicht: "Nur Freien bleibt ein freies Land", Ansprache und Andante von Mozart, "Schweigemarsch und Fackelzug zum Hopfenberg". Dort: "Flamme empor" durch die BKB-Kapelle, Chor: "Reicht euch die Hände", "Grußbotschaft für die Zone und für Berlin", Nationalhymne und Geläut der Freiheitsglocke, Mahnfeuer. "Eine Flamme unseres Mahnfeuers vom Hopfenberg wird wie in den Vorjahren nach Berlin getragen", las ich in der Einladung, die ich als Gemeindepfarrer neben den anderen, politischen, Ortsgrößen unterschreiben sollte, aber das als einziger nicht tat. Ich fand das Programm entsetzlich schwülstig, politisch reaktionär und überhaupt nicht weiterführend. Ich vertrat die Meinung, daß die Grenze eine Folge des 2. Weltkriegs und also Hitler der Urheber dieser Grenze sei. Damit stand ich jedoch ziemlich allein.

"Die Grenze funktioniert" - Diskussion mit Roloff und Stöckmann

Der Knoten platzte ein paar Stunden vor dem gesamtdeutschen Schmalz am Nachmittag jenes 16. Juni 1964 im Dorfgemeinschaftshaus bei einer spannenden Podiumsdiskussion mit Schülerinnen und Schülern der Braunschweiger Raabeschule und des Schöninger Anna Sophianeums und ihren Studienräten Ernst August Roloff, Braunschweig und Studienrat Hans Dieter Stöckmann, Schöningen. Neben den beiden Studienräten saßen auf dem Podium der Ortsvereinsvorsitzende der CDU, Horst Ponczek und als Diskussionsleiter Herr Becker vom Kreiskuratorium Unteilbares Deutschland in Helmstedt.

Ich sollte als Ortspfarrer die Diskussion mit einigen Thesen zu der Frage eröffnen: "Ist Deutschland unteilbar?" Ich antwortete entgegen der Erwartung.: "Ja, Deutschland ist teilbar" und verdeutlichte diese Antwort mit folgenden Thesen: "1. Die Teilung funktioniert. 2. Die Teilung funktioniert schlecht. 3. Die Teilung ist Schuld der Deutschen. 4. Die Anerkennung der Teilung ist die Voraussetzung für die Schaffung erträglicher und späterhin normaler Beziehungen zwischen beiden Teilen Deutschlands." Das wurde vom mitdiskutierenden CDU-Ortsvereinsvorsitzenden Horst Ponczek als eine heftige Provokation empfunden.

Vor dem Dorfgemeinschaftshaus stand ein riesiger Findling mit dem Satz "Deutschland ist unteilbar". Das war unrichtig. Deutschland war vor 1871 wunderschön geteilt. Nicht die Teilung, die Einheit des ausgerechnet in Versailles ausgerufenen Deutschen Reiches hatte sich in der Folgezeit als Bedrohung herausgestellt. Sebastian Haffner hat in seinem Preußenbuch später auf die höchst problematische Seite der von Bismarck dort geschaffenen Einheit Deutschlands hingewiesen. Nun war Deutschland wieder in zwei Staaten geteilt, Westdeutschland und die "Ostzone", wie man hier auch damals noch sagen mußte. Die "sogenannte DDR" - so eine andere Betitelung - hatte sich zu einem lebensfähigen Staat entwickelt, der aber von der Bonner Politik nicht anerkannt wurde. Die Teilung funktionierte wie eh und je, aber gewiß funktionierte sie schlecht. Es ging mir nicht darum, die Grenze zu beseitigen, sondern den Charakter der Grenze zu verändern, etwa einen Zustand wie vor 1952 zu erreichen.

Die Schüler sprangen auf meine unerwarteten Thesen an, Unterstützung fand ich bei Herrn Stöckmann, der in seiner Studienzeit den SDS in Göttingen geleitet hatte und sich bei der Auseinandersetzung gegen den Kultusminister und Naziverleger Schlüter in Göttingen einen Namen gemacht hatte. Auch Studienrat Roloff fand die Sache erfrischend, und seit jener Zeit verbindet uns bis heute ein freundschaftlicher, herzlicher Diskurs. Er ist Professor für Politologie in Göttingen geworden, hat wichtige Bücher über die Braunschweiger NS-Zeit geschrieben und emeritiert zur Zeit an der Jasperallee Herr Becker indes versuchte die Aussprache derart gegen meine Thesen zu lenken, daß er während der Diskussion vom Plenum als Diskussionsleiter abgesetzt wurde, es begann tumultuarisch zu werden, es war alles also ganz nach meinem Geschmack. Oberschulrat Mügel mußte mäßigend eingreifen.

"Mit der Teilung leben"

Für die politische Rechte indes war ich von diesem Augenblick an vollständig "gestorben" und wurde zum allgegenwärtigen Objekt ihrer Abneigung. Das fundamental unterschiedliche Verständnis der Grenze trennte uns für Jahrzehnte. Die Parteileute der CDU ließen auf die Dauer darüber nicht mit sich reden.

Ich hingegen fühlte mich bestätigt vom Leiter der Berliner Evangelischen Akademie, Erich Müller-Gangloff, auch Mitbegründer der Aktion Sühnezeichen, der 1965 unter den List-Taschenbüchern eine deutschlandpolitische Skizze veröffentlicht hatte unter dem Titel "Mit der Teilung leben - eine gemeindeutsche Aufgabe". Er gliederte seine Skizze in sieben Thesen, von denen die ersten zwei hießen: "1. Die Wiedervereinigung ist verspielt. 2. Wir müssen mit der Teilung leben". Die Thesen sind auch heute durch die Ereignisse von 1989/90 keineswegs überholt. Allein die Tatsache, daß es nicht zu einer "Neuvereinigung" gekommen ist, wie Müller-Gangloff in Anlehnung an einem Vorschlag von Golo Mann skizzierte, sondern zu einer "Wieder"-Vereinigung, ausgerechnet noch mit "Anschluß"-Charakter, hat die innere Teilung vertieft und zeigt die Aktualität dieser Thesen. 1965 war für mich entscheidend: aus dem kalten Krieg entsteht nie ein geordnetes Verhältnis in Mitteleuropa. Egon Bahr hatte bereits 1963 in der Evangelischen Akademie Tutzing die weitreichende Parole ausgegeben: "Wandel durch Annäherung".

Solche Thesen wurden auf akademischer Ebene bei den Universitätstagen in Helmstedt im Oktober 1965 von Prof. Dr. Froese, dem Direktor des Erziehungswissenschaftlichen Seminars in Marburg vorgetragen. Es war für das gängige Helmstedter Diskussionsniveau schon "starker Tobak", wenn Prof. Froese die Hallsteindoktrin (keine diplomatischen Beziehungen zu Staaten, die die DDR als Staat anerkannten) als Hemmschuh für die Wiedervereinigung bezeichnete, und ausführte, die Wiedervereinigung setze ein Arrangement mit der DDR voraus.

Ausstellung "Schuld und Versöhnung in Deutschland" im Informationsraum

Es gab im Ortskuratorium Unteilbares Deutschland weiterhin fruchtbare Zusammenarbeit. Im Sommer 1970 veranstaltete die Ortskirchengemeinde, das Ortskuratorium (Otto Piper) und das Volksmissionarische Amt in Wolfenbüttel zwei Monate lang in den Räumen des Informationsraumes die Ausstellung "Schuld und Sühne in Deutschland", die vom Evangelischen Forum in Berlin stammte. Auf großformatigen Tafeln wurden die Verbrechen des Nationalsozialismus und die versöhnenden christlichen Friedensdienste in den Nachbarstaaten dargestellt. Propst Hobom eröffnete die Ausstellung und empfahl: "Hingehen und ansehen." Die Ausstellung solle einen bescheidenen Beitrag zur deutschen Geschichte leisten. Man könne der Geschichte nicht entfliehen, in die wir eingebettet seien und jeder müsse an seinem Platz dafür arbeiten, daß diese "barbarischen Scheußlichkeiten" nicht wieder in Deutschland passierten. An die Jugendlichen gewandt: die Dokumentation solle den Blick öffnen zu neuen Ufern.

Im Kleinen Saal des Dorfgemeinschaftshauses gab es eine ziemlich heftige Diskussion zwischen Pfarrer Warmers, dem Leiter des Volksmissionarischen Amtes und Horst Ponczek, außerdem beteiligten sich Frau Pastorin Böttger, Pfarrer Haferburg und Pfarrer Wiese (Esbeck), Herr Rünger vom Kuratorium in Schöningen und Herr Friedrich Lickfett.

Es meldeten sich im Pfarramt Gruppen an, die ich dann durch die Ausstellung führte. Die Ausstellung sollte auch eine Antwort auf die Frage nach der Herkunft der Grenze sein.

Mit Neugier über die Grenze: 1. Moskaureise 1964/65

Über die Grenze zu gucken und über die Grenze zu reisen, jedenfalls Grenzen zu überschreiten, ist eine ständige Versuchung, die der Grenze selbst innewohnt. Moskau war das andere Ende der Grenze. Das lockte mich, zumal meine Schwester Erika ein Jahr vorher dort gewesen war und viel Spannendes erzählt hatte.

Eine Moskaureise war Ende 1964 noch etwas Exotisches. Ich fuhr Silvester 1964/65mit Studienrat Stöckmann dorthin, kam auf Empfehlung des Kirchlichen Außenamtes in Frankfurt, dessen Leiter Pfarrer Adolf Wischmann mit unserer Familie verbunden gewesen war, mit Bischof Juvenali zusammen, hatte einige schlichte Fragen über die orthodoxe Kirche gestellt und war mit dicken Bilderalben entlassen worden. Im Kloster Sagorsk hatte der Abt mit uns getafelt. Wir waren ohne Abmeldung im Hotel einfach mit der Taxe, einer sechssitzigen Sim, nach Sagorsk gefahren, hatten im Kloster vor lauter Besichtigung, Neugier und Gesprächen nicht den Absprung zur Rückfahrt gefunden und mußten dann Hals über Kopf zum Zug auf den Belorussischen Bahnhof eilen. Der Kreml, die Tretjakow-Galerie mit den wundervollen russischen Impressionisten, das Puppentheater, die gefühlige baptistische Gemeinde, die berauschenden orthodoxen Gottesdienste zu Weihnachten in der Nacht vom 5./6. Januar, die Kremlkirchen - das alles war eine völlig neue Welt. Den einbalsamierten Lenin und die allrussische Ausstellung hatte ich mir erspart.

Da ich ein paar russische Brocken und das kyrillische Alphabet bei Frau Pastor Rothermel gelernt hatte - die Rothermels waren noch nach 1917 in den Diakonischen Anstalten in Moskau tätig gewesen und waren dann nach Deutschland geflüchtet, wo Alexander Rothermel das Pfarramt in Hoiersdorf verwaltete - konnte ich mich in Moskau selbständig bewegen. Ich fuhr viel mit der U-Bahn herum und lernte in der Wohnung des Dolmetschers Konjkow etwas vom sowjetischen Alltag kennen. Mit ein paar westlichen Utensilien waren die nötigen Rubel zu erwerben, die dann wieder in Schallplatten umgesetzt wurden. Beim letzten schwarzen Umtauschen wurde ich von einem jungen Russen in einem Hauseingang herzerfrischend abgeknutscht. Eine Reise in den Osten um diese Zeit mitten im Kalten Krieg ohne Aussicht auf politisches Tauwetter war ein Abenteuer.

Ich hatte hinzugelernt, daß mit Zwang und Unfreiheit und Diktatur die Situation auch in der Sowjetunion nicht vollständig beschrieben worden war. Ein gewaltiges Alphabetisierungs-, Schul- und Bildungsprogramm war seit 1917 eindrucksvoll umgesetzt worden. Der innerstädtische Transport war billig, schnell und sauber. Vor allem brachte mich die große kulturelle Dichte und Tiefe ins Erstaunen. Wann hatte ich etwas vom russischen Impressionismus gehört?

Wir bewegten uns selbständig abseits des offiziellen Programms, was uns überraschte. Meine Reiseeindrücke veröffentlichte ich im "Braunschweiger SONNTAG", dem Vorgänger der "Evangelischen Zeitung". Was heute eine Selbstverständlichkeit ist, wurde damals, weil es eben noch unüblich war, gedruckt und gelesen. Der Blick weit über die Grenze hatte sich für mich gelohnt.

Der Ernst der Grenze: der angeschossene Flüchtling Dezember 1964

Während ich in Moskau war, kam es an der Offleber Grenze zu einem blutigen Zwischenfall. Ein Flüchtling war am 28. Dezember 1964 morgens von Soldaten unterhalb des hölzernen Wachtturms, wenige Meter vor Erreichen des westlichen Gebietes, niedergeschossen worden.

Ein Birkenkreuz wurde an der Grenze errichtet und mit der Aufschrift "Dem unbekannten Flüchtling" versehen. Die Offleber strömten am Abend zu einer Gedenkstunde, auf der der katholische Pfarrer Latka sprach. In der Zeitung wurden Vermutungen über die Täter angestellt. "Zonenschützen von Offleben aus der Einheit von Barneberg" berichtete die Braunschweiger Zeitung. Seit dem 29. Oktober seien bereits drei uniformierte Angehörige aus dieser Einheit in den Westen geflüchtet, darunter zwei Unteroffiziere. Mit der Grenze war also wirklich nicht zu spaßen. Die DDR-Bewohner hatten in diesem Grenzbereich kaum eine Chance zur Flucht.

Aber die Art und Weise, wie dieses Ereignis ausgeschlachtet wurde, triefte von Propaganda:

Pilgerweg zum Kreuz am Stacheldraht

Quer über den tiefverschneiten Sturzacker am Ostrand von Offleben im Helmstedter Südkreis ist ein breiter Pilgerweg getreten. Bis unmittelbar an den Stacheldrahtzaun der Zonengrenze. Dunkel hebt er sich von dem schneeigen Weiß seiner Umgebung ab, so dunkel fast, wie das Pfahlgewirr der vielfachen Stacheldrahtzäune sich gleich einem düsteren Band im tiefverschneiten Land um Offleben legt. Dieses Band der Trennung ist noch düsterer geworden, seit im Morgengrauen des Montags die Menschen in Offleben von vielsalvigen Schüssen aufschreckten, die einen einzigen Mann niederstreckten, der auf dem Weg in die Freiheit, auf dem Weg nach Offleben war. Kaum vierzig Meter vor dem letzten Zaunstück, dessen Überwindung für ihn die Freiheit bedeutet hätte, trafen ihn die Feuerstöße aus den Maschinenpistolen der Zonenbewacher unter dem dräuenden Wachtturm auf der Höhe zwischen Ort und Ziegelei Offleben. Aus nur kaum dreißig Meter Entfernung trafen sie dicht. Niemand in Offleben kennt den Mann, der um sein Leben lief und dabei abgeknallt wurde wie ein Hase auf der Treibjagd. Ähnlich wurde er wenig später auf eine Lastwagen "geworfen", sagen die Offleber, die Augenzeugen jenes grausigen Spuks waren, der wenige Minuten vor 7 Uhr begann und kaum eine Viertelstunde später schon nichts als nur Wagenspuren im Schnee zurückgelassen, bei den Menschen in Offleben aber eine große Erregung hervorgerufen hatten. Spontan wurde nahe dieser Stelle unmittelbar am Stacheldrahtzaun und auf dichteste Sichtweite und Hörweite unter dem Wachtturm, von dem aus die Todessalven abgefeuert wurden, im Laufe des Tages ein schlichtes Birkenkreuz mit der Inschrift "Dem unbekannten Toten" aufgestellt. Dieses Kreuz war Ziel des Offlebener Pilgerweges durch den Schnee des hartgefrorenen Sturzackers den ganzen Tag über. Hier versammelte sich am Montagnachmittag auch eine nach vielen Hunderten zählende Menschenmenge zu einer Gedenkstunde der Trauer und Anklage.

Ich teilte den Abscheu über diese militante Art der Grenzsicherung, aber ich fand die propagandistische Ausschlachtung gleichfalls abstoßend. Es paßte zur damaligen Zeit des heiß gelaufenen "kalten Krieges", daß der katholische Pfarrer Latka in seiner Ansprache den Zwischenfall mit Auschwitz verglich. "Wir klagen noch um Auschwitz und schon wieder geschieht ähnliches." Schauerlich, und ich war froh, daß ich damals nicht in Offleben gewesen war. Aus dem geplanten "Pilgerweg", der sogar betoniert werden sollte, wurde erfreulicherweise nichts.

Einen vergleichbaren Grenzzwischenfall hat es m. W. an diesem Grenzpunkt nur noch im September 1966 gegeben. Ein 17jähriger Flüchtling war bei der Flucht auf eine Mine getreten und kurz vor dem Grenzzaun verwundet liegengeblieben. Er wurde von der Grenzpolizei zurückgeholt.

Bewaffnete Grenze: Diskussion um Atomminen an der Zonengrenze 1965

Die militärische Absicherung der Grenze wurde auch vom Westen betrieben.

Gerade aus Moskau voller neuer Eindrücke zurückgekehrt, las ich ziemlich abartige Überlegungen, ob und wie die Zonengrenze militärisch zu sichern und zu bewachen sei. Die Schöninger Rundschau berichtete am 11. Januar 1965, der CDU-Bundestagsabgeordnete Alfred Burgemeister habe vor der Schöninger Ortsgruppe des "Verbandes deutscher Soldaten" und der "Kyffhäuser-Kameradschaft" erklärt: "Wer das Zonengrenzland in die Verteidigung Westeuropas einbeziehen will, der darf gegen taktische Atomwaffenmittel in diesem Gebiet keinen Einspruch erheben. Durch unsere Proteste haben wir eine Waffe stumpf und unwirksam gemacht. Ich habe noch keinen Menschen getroffen, der gegen eine Verteidigung des Zonenrandgebietes gewesen wäre."

Mag sein, daß das militaristische Kyffhäuserumfeld den MdB zu solchen markigen Überlegungen verführt hatte, ich sah das anders. Es war gerade unsere Stärke, daß wir ganz dicht an die Grenze herangehen konnten und gewissermaßen dem Augenschein nach schutzlos waren. Die DDR-Regierung hingegen hatte sich abgeriegelt und ihre Bevölkerung abgeschirmt.

Am 13. Januar 1965 hatten wir Pfarrer des Südkreises und von Schöningen wieder unseren exegetischen Mittwochsklüngel zur Vorbereitung auf die Sonntagspredigt. Es waren da: mein Nachbarpfarrer Karl Bruno Haferburg aus Neu-Büddenstedt, Pfarrer Heinz Eggersglüß aus Jerxheim, Pfarrer Walter Menzel, Schöningen, Pfarrer Ernst Wolter, Söllingen und Pfarrer Klaus Rauterberg, Watenstedt. Nach der wissenschaftlichen Arbeit besprachen wir Angelegenheiten aus der Gemeinde oder Politisches. Dieser Zeitungsbericht stieß uns sauer auf.

Wir protestierten dagegen, daß Atomminen im Zonenrandgebiet angebracht und der Gedanke des atomaren Krieges zum Mittel der Politik gemacht werden sollte. "Wir fordern dagegen, immer wieder neue Schritte zu einem friedlichen Ausgleich mit den Staaten des Ostblockes zu unternehmen und im Rahmen dieser Schritte das Zonenrandgebiet nicht zum Gebiet strategischer, sondern wirtschaftlich förderlicher Überlegungen zu machen." Auch mein Mitfahrer Studienrat Stöckmann und fünf andere Kolleg/Innen vom Anna Sophianeum, von der Sonderschule Rektor Gulbinski und W. Wesche, außerdem die Frauen E. Falke, Ilse Gulbinski, Ilse Menzel und "Lieschen Pastor", nämlich: Frau Pastor Luise Hintze, unterzeichneten diese schlichte Meinungsäußerung.

Burgemeister schwächte in einem längeren, streckenweise ziemlich herablassenden Antwortbrief seine Äußerungen ab. Er wolle gar keinen Sperrgürtel aus atomaren Sprengkörpern im Zonenrandgebiet, sondern diese Überlegungen seien eine Art psychologischer Kampfführung. Es handle sich also nur um eine Androhung. "Ohne Androhung entsprechender Gegenmaßnahmen und ohne das Vorhandensein der entsprechenden Waffen und Kampfmittel wären nach meiner Ansicht heute längst vollendete Tatsachen seitens der Sowjets geschaffen." Das war die Sprache des kalten Krieges, mit der jede Verständigung gegenüber den Völkern des Ostens verhindert wurde.

Als ich in Moskau zum Dolmetscher Konjkow in die Privatwohnung in einen großen Mietsblock eingeladen wurde und im Laufe des Abends auf Frieden und Freundschaft zwischen Westdeutschland und Sowjetrußland anstoßen wollte, stellte die Frau ihr Glas wieder hin. Sie unterscheide zwischen Volk und Regierung und unsere Regierung wolle den Krieg. Was konnten wir an der Grenze dazu tun, daß Volk und Regierung glaubwürdig würden? Derartige Reden über eine Politik der Abschreckung waren ganz sicher dazu nicht geeignet.

Burgemeister hatte die Sache aber nicht aus der Luft gegriffen. Ende November 1965 wurde die Nachricht verbreitet, daß die USA 5000 Atomsprengköpfe in Europa gelagert hätten und dieses Kriegspotential noch um 20% gesteigert werden sollte.

An welcher Grenze leben wir?

An welcher Grenze leben wir? Demarkationslinie, Zonengrenze? Staatsgrenze? Es kommt in unserm Leben viel darauf an, daß wir die Menschen und Dinge um uns herum richtig benennen. Der Name soll den Menschen oder den Gegenstand so umschreiben, wie er wirklich ist. Unsere Kirche z. B. heißt St. Georg und wir müssen wissen, wer dieser Georg war und welche besonderen Eigenschaften unsere Kirchengemeinde nun entwickeln soll, damit sie diesen Namen auch zu Recht trägt.

Ähnliches gilt auch für den Namen der Grenze, an der wir leben. Kürzlich las ich in einer Zeitung den Namen "Demarkationslinie". 1945 war unsere Grenze eine Demarkationslinie, die von den Siegermächten gezogen und von den einrückenden Truppen schließlich eingehalten wurde. Demarkationslinie dürfen wir sie m.E. nicht mehr nennen. Das ist ein veralteter Begriff aus den vierziger Jahren. - Viele sagen bei uns "Zonengrenze". Dieses Wort setzt voraus, daß die Bundesrepublik und die Volksdemokratie noch von den Siegermächten besetzte Zonengebiete sind, die keinerlei formale und materielle Souveränität besitzen. Eine Zonengrenze gibt es nur zwischen zwei Zonen. Unser Staatsgebilde ist keine Zone und das da drüben auch nicht. Deswegen ist das Wort "Zonengrenze" ein veralteter Begriff der fünfziger Jahre. - Andere sagen "innerdeutsche Staatsgrenze". Dieses Wort kommt der augenblicklichen Wirklichkeit sicher am nächsten. Problematisch wird dieser Begriff dadurch, daß die DDR als Staat von unserer Regierung nicht anerkannt ist. Außerdem klingt das umständlich. - Sollten wir einfach nur "Grenze" sagen? Ich meine, wir müssen darüber nachdenken!

(aus Gemeindebrief Januar 1966)

Die Folgen einer Grenzüberschreitung: die Polizei ermittelt

Seit dieser siebentägigen Moskaureise galt ich bei den rechten Provinzpolitikern in und um Helmstedt als "Kommunist" und als sehr verdächtig, leider auch für die Staatsanwaltschaft.

Ich hatte aus Moskau kleine Abzeichen mitgebracht, die das Erlösertor (Spasskij-Tor) des Kreml mit einem Bild von Marx abbildeten. Ich fand dabei die Vermischung eines religiös benannten Motivs mit einem politischen interessant und schenkte ein paar Abzeichen den Konfirmanden. Die hatten nichts besseres zu tun, als mit diesen Abzeichen ihre Nebenschüler in der Schule zu pieksen. Das fiel auf. Die Abzeichen wurden kassiert und der Polizei übergeben. Nun schritt die Staatsanwaltschaft ein und befragte im Dorf die Jugendlichen. Ich wurde verdächtigt, den § 96 des Strafgesetzbuches verletzt zu haben, nämlich die Verbreitung verfassungswidriger Abzeichen. Das Landeskirchenamt wartete im Gegensatz zur Kirchenleitung von heute gelassen das Ergebnis der Ermittlungen ab, die dann irgendwann eingestellt wurden

Grenzüberschreitung nach innen: Ostermarsch

Der Verdacht gesetzwidriger "Grenzüberschreitung" verstärkte sich, weil ich mich von Anfang an in der Ostermarschbewegung engagierte. Diese aus christlichen, pazifistischen und sozialistischen Gruppen gebildete und nur locker organisierte Protestbewegung hatte bundesweit stark zugenommen. Die Teilnehmerzahl war bundesweit von 1000 Teilnehmern (1960) auf 100.000 (1965) und 150.000 im Jahr 1967 angestiegen. Auch in Braunschweig hatte sich eine kleine Gruppe gebildet, die Informationsmaterial verschickte, das ich für meine Ansprachen auf dem Schöninger Marktplatz um die Osterzeit 1964 und 1965 benutzte. Ich marschierte auch bei den heute auf mich rührend wirkenden Protestmärschen von Braunschweig nach Wolfenbüttel mit, wobei wir auch am Landeskirchenamt vorbeistapften und uns ziemlich tapfer vorkamen.

Der Inhalt war klar: gegen Atomwaffen, "Kampagne für Abrüstung", wie der offizielle Name lautete, für Stärkung der Kriegsdienstverweigerung, gegen das Parteienverbot der KPD, gegen die Militarisierung auf beiden Seiten, für praktische, kleine, die Fronten auflockernde Schritte im Verhältnis zur "Ostzone". Wir sangen: "Marschieren wir gegen den Osten? - Nein! Marschieren wir gegen den Westen? - Nein! Wir marschieren für die Welt, die von Waffen nichts mehr hält, denn das ist für uns am besten!" Damals ging das noch ohne Lautsprecherwagen, mehr mit eigenem Stimmaufwand.

Das konnte ich alles mit gutem Gewissen auch auf dem Schöninger Marktplatz vertreten und hatte dort ein bescheidenes Echo, besonders dann, wenn sich der SPD-Ratsherr und verdiente Trompeter im Posaunenchor von St. Lorenz, Karl Weigel, auf die Gegenseite postierte und kräftig dagegen hielt. Ein Hauch von Hydepark-Corner in unserer Provinz. Die Regierungsparteien CDU/FDP und auch SPD und DGB lehnten die Ostermarschbewegung damals als kommunistisch gesteuert und unterwandert ab. Dagegen fühlte ich mich völlig immun.

Ich hatte allerdings auch nie Berührungsängste bei Gesprächen mit Kommunisten und erinnere mich gerne der Genossen Karl Zunft und Baumgart in Helmstedt und in Wolfenbüttel an Seeboth. Die holten mich auch mal zu Gedenkreden am Grabe von 1933 ermordeten Kommunisten in dieser Gegend. Da hatte die Kirche meinem Gefühl nach eine Bringeschuld.

"Wir Pastoren an der Grenze"

Protest des Mittwochkreises gegen Verteidigungsminister v. Hassel 1965

Der Ärger in Bonn über diese Art von Kirchenaktivität war groß, und der Vorsitzende des Evangelischen Arbeitskreises der CDU/CSU, der zugleich Verteidigungsminister war, Kai Uwe v. Hassel - wir spotteten privat "schwarz/braun ist die Hasselnuß" - zog bei einer Tagung in Bonn Ende Mai 1965 kräftig vom Leder: "Es ist erstaunlich festzustellen, mit welch unglaublicher Ignoranz Kräfte in unserm Volk am Werke sind, die in einer trägen Konsumgesellschaft gefährliche geistige Verwirrung stiften." Unter diesen Kräften seien auch Männer der Kirche, die nicht merkten, daß sie mit den Zungen der Gegner redeten. Sie wollten nicht wahrhaben, "daß sie mit ihrem selbstmörderischem politischem Treiben einem Totalitarismus dienen, der Freiheit, Würde und Recht des Menschen zerstört und ihr Gotteshaus in eine Traktorenstation verwandelt." Wenn eine solche Entwicklung hingenommen werde, brauche man sich nicht zu wundern, wenn in der Jugend eine nihilistische Saat aufgehe. "Wenn es in unsern Reihen Pfarrer und Laien, Professoren und sogar Kirchenpräsidenten gibt, die im Chor mit der kommunistischen Propaganda zum Boykott der freien, rechtsstaatlichen Demokratie aufrufen, dann müssen wir das Unsre tun, damit unserem Volk die mit so viel Fleiß und Opfer errungene Freiheit erhalten bleibt." Das der CDU nahestehende Helmstedter Kreisblatt vom 31. Mai 1965 berichtete ausführlich von dieser Tagung.

Im Mittwochskreis waren diesmal die Pfarrer Karl Bruno Haferburg, Heinz Eggersglüß, Klaus Rauterberg, Martin Schlak, Walter Menzel und ich versammelt. Wir brachten eine geharnischte Antwort zu Papier. "Wir Pastoren an der Grenze zwischen der Bundesrepublik und der DDR sind tief betroffen über die Rede des Verteidigungsministers v. Hassel", beginnt unser Brief an den "hochwürdigen Herrn Landesbischof", das war Martin Erdmann, ein treuer volkstümlicher Hirte kurz vor seiner Pensionierung, der sich gerne mit "Hochwürden" anreden ließ, aber für unsern politischen Protest überhaupt keinen Sinn hatte. Daß wir uns als Pfarrer an der Grenze zur DDR verstanden, DDR ohne Gänsefüßchen, galt schon als Anerkennung von Unrecht und Unfreiheit, und war für rechte Ohren damals eine auffällige Frechheit. Die Äußerung v. Hassels sei eine böse Beleidigung aller Kirchenmitglieder, "die von brennender Sorge um die unmenschliche Grenze und die Zerteilung dessen, was geschichtlich und natürlich zusammengehört, erfüllt sind und nach Wegen suchen, den unmenschlichen Charakter der Grenze zu verändern". Tatsächlich ging es uns nicht um die Beseitigung der Grenze, sondern um die Veränderung des trennenden Charakters dieser Grenze. "Wir sehen die Christen und Kirchen in der DDR schwer beleidigt, denn es ist kein Fall bekannt, daß selbst bei der unerträglichen Zwangkollektivierung der Landwirtschaft nur eine einzige Kirche in eine Traktorenstation verwandelt worden ist. Wir sehen die Arbeit an den jungen Gliedern unserer Kirche diffamiert, wenn man ihnen vom Evangelium her auch politische Wegweisung glaubt geben zu müssen, diese Wegweisung aber als nihilistisch bezeichnet wird, nur weil sie regierungsamtlich gegenteilige Ansichten vertritt. Wir fürchten schließlich für die Freiheit der Verkündigung, wenn der Verteidigungsminister damit droht, eine solche Entwicklung nicht mehr hinzunehmen und Schritte zu unternehmen, um die errungene Freiheit zu erhalten. Wir sind der Überzeugung, daß solche Entgleisungen nicht vorgekommen wären, wenn H. Ehlers noch leben würde." Wir baten, der Bischof möge dem Bevollmächtigten der EKD bei der Bundesregierung die Sorgen der Grenzpfarrer mitteilen.

Hermann Ehlers, den wir erwähnten, hatte den Evangelischen Arbeitskreises der CDU als Gegengewicht zum politischen Einfluß der katholischen Kirche in der CDU gegründet. Ehlers war nach dem Kriege zunächst juristischer Oberkirchenrat in Oldenburg gewesen und Bundestags-Präsident geworden. Er war 50jährig 1954 einem Herzversagen erlegen.

Theologische Deutung der Grenze zum 17. Juni 1965

Der 17. Juni 1965 war überschattet durch eine scharfe innenpolitische Auseinandersetzung über die Notstandgesetze. Die CDU wollte sie mit aller Macht durchsetzen, aber die Gewerkschaften übten Druck auf die SPD aus, so daß die Verabschiedung verschoben wurde. "Tumulte im Bundestag" leitartikelte die BZ am 17. Juni 1965. Am Abend dieses 17. Juni sprach Bundespräsident Lübke aus Anlaß des "Tages der Einheit" auf dem Holzberg in Helmstedt und verhaspelte sich mehrfach, was die Pardon-Redaktion zur Herausgabe eines satirischen Verschnittes von Lübkereden veranlaßte. Immerhin wies Lübke in seiner Rede auch auf die "wahren Schuldigen der Spaltung Deutschlands hin", nämlich: "als die Nationalsozialisten durch einen Krieg der Sowjetunion das Tor zum Westen öffneten."

Wichtiger war für uns, daß an diesem Tag die katholische Kirche Fronleichnam feierte und die evangelische und katholische Kirche ein bemerkenswertes "Gebet für Volk und Vaterland" veröffentlichte. Darin wird die Spaltung als ein Kreuz bezeichnet, das es als Sühne zu tragen gälte. "Herr Jesus Christus, du hast unserem Volke das Kreuz der Spaltung auferlegt. Wir bitten Dich, laß uns dieses Kreuz tragen im Geiste der Sühne für alles Unrecht, das von Menschen unsres Volkes begangen wurde und noch immer begangen wird. Verleihe uns Mut, freiwillige Entbehrungen auf uns zu nehmen für jene, die dem Zwang ausgeliefert sind." Mit diesem Gebet hatte die Spaltung eine deutliche theologische Wertung erfahren, die dem öffentlichen Bewußtsein völlig fremd war. Ich kann mich auch nicht besinnen, daß es in den Folgejahren an diesem Tag der Einheit wiederholt worden ist.

Eine neugierige Pfarrergruppe über die Grenze

Die zweite Moskaureise zum Jahreswechsel 1965/66

Den Sommer über plante ich eine weitere Moskaureise zum Jahreswechsel, dieses Mal aber mit Sympathisanten aus Pfarrerschaft und Gemeinde. Es kam eine stattliche, interessierte Gruppe unter Leitung des Braunschweiger Propstes Stange zusammen, die Moskau und Sagorsk bereiste: Pastor Christoph Brinckmeier aus der Propstei Vorsfelde, Pastorin Gertrud Böttger vom Sozialwerk, Pfarrer Klaus Pieper aus Salzgitter-Lebenstedt, der Student Friedemann Thoss aus Schöningen und die Schülerin Christine Reck, die russische Sprachkenntnisse hatte.

Wir wurden im Moskauer Patriarchat offiziell empfangen und absolvierten das Programm, das ich schon vom vergangenen Jahr kannte. Wir tauschten uns theologisch aus, besuchten die ausladenden orthodoxen Gottesdienste in der Dreifaltigkeitskathedrale und die gefühlvollen in der baptistischen Gemeinde, für die wir zahlreiche Bibeln durch den Zoll geschmuggelt hatten. Da wir mehrstimmige Choralsätze einstudiert hatten, sangen wir sogar im Kloster Sagorsk eine deutsche Vesper und Stange hielt trotz zahlreicher Wodkas eine flammende Predigt auf die Ökumene.

Nach der Rückkehr lud uns Bischof Heintze, der russisch konnte, zu einem Erzählabend ein. Es war ein spannender Schritt über die Grenze mit wichtigen Einsichten über die orthodoxen Nachbarn jenseits der Grenze. "Die Stimme der Orthodoxie", das Infoblatt der westeuropäischen orthodoxen Kirche, wurde meine ständige Lektüre.

Empörung oder stilles Gedenken an der Grenze?

Die Gestaltung des 17. Juni veränderte sich langsam.

Es blieben zwar Anlässe zum Empören: als die DDR-Grenzpolizisten im Mai 1966 mit kleinen Patronen Propagandamaterial über die Grenze schossen, die bis zum Schwelwerk flogen, empörte sich die Bevölkerung "spontan", über 100 Einwohner sammelten sich nach einem Bericht des Kreisblattes vom 16. Mai 1966 an der Grenze und verbrannten an fünf Stellen die Flugblätter.

Am 17. Juni wurde angesichts einer größeren Menschenmenge ein Mahnfeuer beim Dorfgemeinschaftshaus (DGH) abgebrannt. Es sollte die Deutschen "jenseits des Stacheldrahtes daran erinnern, daß sie noch nicht vergessen worden sind." Andrerseits war die propagandistische Gestaltung des 17. Juni bereits in Verruf geraten. "Tag der deutschen Einheit - Stilles Gedenken oder Urlaub" schrieb das Helmstedter Kreisblatt in der Wochenendausgabe und berichtete, daß die Offleber ihre Grün-, Sport- und Spielanlagen gesäubert hätten. Eine kirchliche Jugendgruppe arbeitete auf der Kirchstraße. Wir haben den Weg zur Kirche gepflastert.

Um die Grenze zu überwinden reichte die Politik der großen und meist als hohl empfundenen Gesten nicht aus. Im Juni 1966 hatten sich auf Vermittlung der Landeskirche ein Kreisschulrat aus Dresden, der stellvertretende Leiter der Magdeburger Pädagogischen Hochschule und ein Magdeburger Dipl.-Volkswirt mit Landrat Weiberg, Oberkreisdirektor Dr. Conrady und Kulturamtsleiter Becker in der Helmstedter Kreisverwaltung zu einem Gespräch getroffen. Solche Gespräche über die Grenze hinweg einzufädeln, lag damals in der Absicht derer, die die Grenze durchlässig machen wollten.

Im Oktober 1966 ergab sich eine andere Gelegenheit, Mitglieder der SED und NDPD nach ihren Vorstellungen von Wiedervereinigung zu befragen. Im kleinen Saal der Braunschweiger Stadthalle hatte die als kommunistisch verschrieene DFU den stellvertretenden Direktor des Pädagogischen Institutes Dr. Lutter aus Magdeburg, Oberstudienrätin Kellermann, Pfarrer Werner, den Bundesgeschäftsführer der DFU, den Düsseldorfer Journalisten Rossmann und mich auf ein Podium gebracht und wir tauschten unbefangen unsere Ansichten aus. Das Interesse an solchen Veranstaltungen war groß, auch wenn uns klar war, daß die Diskussionsteilnehmer aus der DDR nicht frei von der Leber reden konnten. Meine Hoffnung auf eine entsprechende Veranstaltung in Magdeburg hat sich nicht erfüllt.

Die Grenze auf dem Kopf des Gemeindebriefes

Die Grenze prägte das Dorf und deshalb auch den Gemeindebrief, der im Dorf an alle verteilt wurde. Ulrich Wegener entwarf einen Briefkopf, der eine Weltkugel zeigt, die durch den Stacheldraht geteilt wird. Aber die Grenze teilt nicht Ost von West, sondern den Norden vom Süden. Das sollte das Nachdenken anregen, daß es neben der Grenze am Dorfende, die wir so ungeheuer wichtig nahmen, noch eine andere, tödliche, dramatische Grenze gab. Sie teilte die reichen, satten Staaten im Norden der Halbkugel von den elenden und hungernden Massen auf der südlichen Erdhalbkugel.

In diese Situationsbeschreibung wurde ein Signal des Glaubens gesetzt: "Unser Glaube überwindet die Grenzen der Welt". Das ist kein wörtliches Bibelzitat. Im 1. Johannesbrief, Kapitel 5, Vers 4 ist zu lesen: "Unser Glaube ist der Sieg, der die Welt überwunden hat". Dieses Wort habe ich auf die Grenzsituation angewendet. Der Glaube mochte die Hoffnung auf eine friedliche Überwindung tödlicher Abgrenzung stärken.

Wir haben diesen Briefkopf zum ersten Mal im Januar 1966 benutzt, den Farbstreifen je nach der Zeit im Kirchenjahr mal grün oder rot oder violett oder weiß gehalten. Als nach Jahrzehnten das Papier aufgebraucht war, änderten wir auch den Kopf. Das war Mitte 1995. 30 Jahre lang veranschaulichte der Briefkopf des Gemeindebriefes Profil und Hoffnung unserer Grenzgemeinde.

Mit der Gemeindejugend über die Grenze nach Dresden im Sommer 1966

Die Kirchengemeinde veranstaltete für Jugendliche aus Offleben im Sommer 1966 eine Fahrt nach Dresden. Dort wohnte meine Cousine, deren Mann Gemeindepfarrer war. Unsere Offleber Kirchengemeinde hatte in Plauen eine - damals sagte man - Patengemeinde, später kam das bessere Wort "Partnergemeinde" dafür auf. Wir packten ein paar Koffer mit Sachen, die sich die dortige Gemeinde gewünscht hatte.

Der Westen wurde ziemlich bestaunt, man erwartete wohl ein demonstratives Eintreten für "westliche Werte", aber das lag uns völlig fern. Zu meiner Belustigung empfing uns am Bahnhof eine FDJ-Gruppe mit Blumenstrauß und irgendeine politische Verantwortliche wollte uns ein von ihr ausgedachtes Programm aufdrücken. Darauf ließen wir uns jedoch zu ihrem Erstaunen gar nicht ein. Wir wollten in die Kirchengemeinden und uns im übrigen Dresden ansehen. Wir erlebten eine trotz der deutlichen Bombenschäden schöne Stadt. Die sanfte mitteldeutsche Landschaft, das Grüne Gewölbe, ein Ausflug nach Pillnitz erfreuten unser Herz.

Ich selber war interessiert an Gesprächen über das Thema "Christen im Sozialismus". Das stieß zu meiner Verwunderung auf deutliche Ablehnung.

Beim unvermeidlichen Besuch der Gruppe beim Bürgermeister erhielt ich eine Medaille, das einzige Stück Meißner Porzellan, das ich in meinem Leben besessen habe. Irgendwie war so ein Besuch aus der Sicht der DDR etwas Besonderes. Zu Hause angekommen, mußten wir uns anhören: "Wenn es euch bei uns nicht gefällt, könnt ihr gleich drüben bleiben."

Gebet im Christnachtgottesdienst 1966 in Offleben

Lieber Vater im Himmel, wir gedenken heute nacht besonders der Bevölkerung in Ost- und Westberlin, die gerne dieses Weihnachtsfest gemeinsam gefeiert hätte. Herr, laß uns unermüdlich und unbeirrbar die Wege des Friedens suchen. Stärke in uns den Glauben, daß der Friede stärker ist als der Krieg.

Herr, wir gedenken unserer Patengemeinde und aller evangelischen Gemeinden in der Deutschen Demokratischen Republik. Wenn es wahr ist, daß uns nichts von der Liebe Gottes scheiden kann, weder Engel, noch Fürstentümer, noch Gewalten, dann laß diese Liebe unter uns groß sein. Dann kann uns nichts voneinander trennen.

Wir danken in dieser Nacht, daß die Waffen in Südostasien für 48 Stunden ruhen. Herr, siehe an den unendlichen Jammer in Nord- und Südvietnam. Daß doch die Regierungen in Ost und West diese Zeit der Ruhe nicht dazu nützen, daß es nachher um so erbitterter losgeht, sondern daß sie einen Weg fänden, der weniger zum Sieg und um so eher zum Frieden führt.

Wir bitten dich für alle notleidenden Nationen und hungernden Menschen, besonders in Südamerika, Afrika und Südasien. Herr, zum 8. Mal sammeln katholische und evangelische Christen zur Linderung der Not. Stärke in uns die Einsicht, daß es dein Wille ist, daß wir ihnen helfen aus Dankbarkeit für unseren Wohlstand und ohne Lohn. Öffne die Herzen und die Hände auch in unserer Gemeinde. Amen.

Anerkennung der Grenzen der DDR ?

In beiden deutschen Staaten weichten die Fronten auf.

Der Kirchentag im Juni 1967 in Hannover stand unter der Losung "Der Friede ist unter uns". Dieser Kirchentag wurde zum Anstoß für die Gründung eines Aktionskomitees "Friede mit der DDR" in Berlin, das ein Jahr später mit einem "Sendschreiben" an die Öffentlichkeit trat, in dem die Aufgabe des Alleinvertretungsanspruches der Bundesrepublik und die Anerkennung der bestehenden Grenzen in Europa, also auch der Oder-Neiße Linie, gefordert wurden. "Die Bundesregierung muß die DDR anerkennen, indem sie sofort und ohne Vorbehalte mit der DDR über den Frieden in Deutschland verhandelt und versucht, freundschaftliche Beziehungen mit der DDR auf wirtschaftlichem, politischem und kulturellem Gebiet herzustellen." Dieses Sendschreiben wurde unter vielen anderen auch von Pfarrer Günther Berndt, Wolfenbüttel, von Pfarrvikarin Mechthild Brauer, Braunschweig, Pfarrer Eberhard Fincke, Braunschweig, dem Theologiestudenten Andreas Hauptmann, Wolfenbüttel-Braunschweig, Pfarrer Bodo Sander, Kaierde, Diakon Christian Schröter, Wolfenbüttel, Studentenpfarrer Bodo Walter, Braunschweig, unterstützt.

Im November 1967 hatte der Geschäftsführer des Kuratoriums Unteilbares Deutschland, Wilhelm Wolfgang Schütz, den Bundestagsabgeordneten eine Denkanregung zugesandt unter der Überschrift "Was ist Deutschland", in der er einen Alleinvertretungsanspruch der Bundesrepublik, Deutschland zu repräsentieren, bestritt. "Beide Teilstaaten haben sich als Übergang zu behandeln. Keiner ist Deutschland. Keiner kann sich aus der Verantwortung für Deutschland lösen. Keiner kann ohne den anderen Teil die Einheit erreichen. Gegenseitige Kenntnisnahme und Rücksichtnahme sind erforderlich, um die Nation auch in ihrer vorläufigen staatlichen Entzweiung zu sichern."

Schütz war in Offleben kein Unbekannter. Im September 1964 hatte im DGH eine Tagung mit Bundesminister Ernst Lemmer, Herbert Wehner und Schütz mit großer Beteiligung anderer Kuratoriumsmitglieder stattgefunden. Die Zeitung berichtete unter der Überschrift "Kontaktgespräch zwischen SPD und Kuratorium". Schütz sprach schon damals offenherzig davon, daß "die politische Vollziehbarkeit der Einheit in der nächsten Zeit nicht durchzusetzen sei." Diesen Gedankengang hatte er weiterentwickelt und löste einen Sturm der Entrüstung aus auf der politischen Rechten: Bundeskanzler Kiesinger distanzierte sich postwendend von den Thesen, der Vorsitzende der CSU-Landesgruppe Richard Stücklen nannte die Thesen "erschreckend", Rücktrittsforderungen kamen von den Vertriebenenverbänden. Die linke politische Presse dagegen begrüßte die Thesen und Schütz selber verteidigte sie auf einer in der Berliner Kongreßhalle groß aufgezogenen Jahrestagung, zu der Frau Buchholtz auch einige Delegierte von Offleben mitnahm und ich erstmals die größere politische Luft schnupperte. Unter dem Titel "Deutschlandmemorandum" veröffentlichte der Fischerverlag im Februar 1968 die Thesen und die Beiträge in der Kongreßhalle. Ich fand die Diskussion längst fällig.

1968 gab Peter Bender im selben Verlag sein die Thesen weiterführendes Buch heraus, mit dem Titel "Zehn Gründe für die Anerkennung der DDR". Im Sommer 1968 schlugen H. Albertz, D. Leopold, G. Grass, H. Ristock und P. Bender die Anerkennung der DDR und der Oder-Neiße-Linie vor. Der CSU-Abgeordnete Dr. Klaus Bloemer ließ im Oktober 1968 verlauten, ein anerkannter zweiter deutscher Staat hätte die Einmarschpläne der Sowjets in die Tschechoslowakei wohl verhindern können.

Plakat zur Anerkennung der Grenzen der DDR

Solche Gedanken fielen im Offleber Pfarrhaus auf fruchtbaren Boden. Eine Gruppe von Schülern (Jürgen Brzoska, Georg Liebke, Albert Pape) verfaßte mit Pfarrer Michael Künne und mir ein Flugblatt zu diesem Thema und ein Plakat mit dem Tenor: Anerkennung der Grenzen der DDR. Eine solche Anerkennung bedeute keine Billigung stalinistischer Praktiken, hieß es eingangs einschränkend, aber sie mache die Politik der Aussöhnung mit der Sowjetunion glaubwürdiger, stärke den demokratischen Sozialismus im Ostblock, verringere die Bedrohung der Lebensfähigkeit Westberlins und beende innenpolitische Illusionen, die nur dem Rechtsextremismus dienten. Hartmut Albath, damals Pfarrer in Watenstedt und der Helmstedter Lehrer Ernst Christian Lerche hatten mitunterzeichnet. Das Plakat umrandeten wir frech mit schwarz/weiß/roten Farben und benutzten die anläßlich der Kommunalwahl aufgestellten Plakatwände in Schöningen und Vorsfelde, was nicht überall auf Gegenliebe stieß. Stelltafeln plazierten wir, nichts Böses ahnend, mitten in die Landschaft.

Dialog über die Grenze hinweg

Inhaltlich war das Plakat ziemlich zurückhaltend. Es sprach ja nicht von der Anerkennung des Staates, sondern nur von der Anerkennung seiner Grenzen. Wir waren froh, daß sich noch andere unseren Thesen anschlossen, wie z.B.: Prof. Herbert Reich aus Braunschweig, Pfarrer Joh. Heinrich Wicke, Pfarrer Bodo Sander, Pfarrer Eberhard Fincke und verschiedene Studenten aus dem Schöninger Umfeld wie Roswitha Backhaus, Friedemann Thoss und Bernd Ristau.

Es war mein erstes Plakat (dem andere folgen sollten), die Postanschrift war drauf, aber kein ordentliches "verantwortlich im Sinne des Pressegesetzes", also ein formaler Fehler. Den nahm der Regierungspräsident zum Anlaß, allen Unterzeichnern einen groben Brief mit der Androhung eines hohen Bußgeldes im Wiederholungsfalle zuzuschicken. Ich fand das kleinkariert, denn die kirchlichen Plakate, die ich haufenweise zugeschickt bekam, hatten alle kein "v.i.S.d.P.". Die Stelltafeln wurden einkassiert und Amtsgerichtsrat Fincke vom Schöninger Amtsgericht senkte freundlicherweise den Streitwert. Ich hatte den Eindruck, es war wohl mehr der Inhalt, der in dieser schwarz-braunen Mitte Deutschlands sauer aufgestoßen war.

Dialog über die Grenze hinweg: Prager Frühling 1968

Die Grenze zwischen Offleben und Barneberg, zwischen Hohnsleben und Sommersdorf trennte nicht nur die Dörfer, sondern teilte vor allem die Köpfe und Denkweisen: für viele herrschte drüben der orthodoxe, stalinistische Kommunismus, hier die liberale, in Freiheit und Freizügigkeit im Reisen, Lesen und Publizieren schwelgende Demokratie.

Aber die offizielle Sicht bekam einen schweren Riß durch zahlreiche neue Denkansätze im Kommunismus. Zwei Monate nach dem 22. Parteitag der KPdSU wurde im Dezember 1961 die grundlegende Schrift Stalins "Über den dialektischen und historischen Materialismus" auf die Verbotsliste gesetzt. Nun wurde die alte Weisheit von Rosa Luxemburg entdeckt, daß Sozialismus und Demokratie Geschwister und Marxismus mit Unterdrückung der Arbeiter und Bürger unvereinbar sei. Die Rolle der Persönlichkeit innerhalb eines sozialistischen Gesellschaftssystems wurde neu entdeckt und die Bedeutung der Soziologie für die sozialistischen Wissenschaften. Die Banalität von nach Naturgesetzen vorhersehbar ablaufenden historischen Prozessen wurde in ihrer Peinlichkeit durchschaut. Die offizielle kommunistische Ideologie bekam gewaltige Löcher.

Roger Garaudy

Das hatte auch erhebliche Auswirkungen auf die bisherige, ziemlich primitive Religionskritik des Kommunismus. Der beispielhafte Dialog zu einer veränderten marxistischen Religionskritik war im Westen vom Franzosen Roger Garaudy eröffnet worden. Vom "Bannfluch zum Dialog" lautete seine Devise im Gespräch mit Karl Rahner und J. B. Metz. 1966 war das Taschenbuch bei rororo unter dem Titel "Ändert sich das Verhältnis zwischen Katholizismus und Marxismus?" erschienen. Darin wurde viel Schutt aus der Primitivapologetik beiseite geräumt. Garaudy öffnete den Marxismus für einen interessanten Transzendenzbegriff. Seinen autobiographischen Bericht aus dem Jahr 1975, deutsch unter dem Titel "Menschenwort" erschienen, beendet er mit folgender, für die damalige Zeit kennzeichnenden Passage: "Der Sozialismus und der Kommunismus wurden entstellt und abgewertet durch die Erfahrung mit dem Stalinismus und seiner Gefolgsleute. Der Sozialismus und der Kommunismus, von Thomas Münzer zu Karl Marx und von Che Guevara zu Mao Tse Tung, haben der Hoffnung der Menschen Gestalt gegeben. Meine Aufgabe als Kommunist ist es, ihm dieses Gesicht wiederzugeben. Das Gesicht der menschlichen Fülle in allen ihren Dimensionen. Leben nach dem Grundsatz des Seins: der Liebe. Das Kreuz hat mich ihre Entsagungen gelehrt. Die Auferstehung die Überwindungen. Ich bin Christ." Garaudy kandidierte später für die Grünen bei der Präsidentenwahl und wurde schließlich katholisch.

Kardinal König in Wien wurde zu einem weithin geachteten Gesprächspartner einer sich diesem Dialog öffnenden katholischen Kirche. Die in Wien erscheinende Zeitschrift "Neues Forum - Internationale Zeitschrift für den Dialog", herausgegeben und redigiert von Günther Nenning, wurde zur publizistischen Plattform, die ich umgehend abonnierte und deren Hefte ich heute noch geradezu andachtsvoll betrachte.

Neue marxistische Religionskritik in Prag

In Prag entdeckte der marxistische Philosoph Milan Machovec die ertragreiche Lektüre von Karl Barth und Dietrich Bonhoeffer und eröffnet das Gespräch eines Atheisten mit einem religiösen Menschen. Die offizielle, oberflächliche, polemische, marxistische Religionskritik wurde abgelöst durch einen völlig neuen Geist der gegenseitigen Anerkennung und Wertschätzung. Unter dem Titel "Marxismus und dialektische Theologie" veröffentlicht der EVZ-Verlag Zürich 1965 diese Arbeiten von Machovec. Jürgen Moltmann leitete die 1968 unter dem aufreizenden Titel "Gott ist nicht ganz tot" vom tschechischen Philosophen Vitezslav Gardavsky veröffentlichte "Betrachtungen eines Marxisten über Bibel, Religion und Atheismus" u.a. mit folgenden bemerkenswerten Sätzen ein: "Der Dialog mit Marxisten und Atheisten vollzieht sich damit nicht mehr nur am Rande, im Vorfeld oder der äußersten Peripherie, sondern wird mitten ins Herz des christlichen Glaubens hineingetragen. Der Dialog ist nicht mehr nur eine Frage der Apologetik und der Fundamentaltheologie. Er findet in der Auslegung der Bibel und in der Christologie statt. Umgekehrt findet der Marxist den Christen nicht mehr in der Ecke der "Religion" und des "Opiums des Volkes", wo ihn die atheistische Religionskritik früherer Jahre erreichen konnte, sondern mitten in seinem eigenen Zentrum, präsent in den revolutionären Bewegungen; solidarisch, aber auch kritisch. In dieser Vermischung der Interessen und Verkehrung der Fronten kann natürlich mancher sein Gesicht verlieren. Es kann aber auch etwas Neues daraus hervorgehen. Positive Anzeichen dafür sind m.E. in dem neuen Stil des Dialogs zu sehen. Man kritisiert sich gegenseitig nicht mehr nach den schlimmsten Fehlern, sondern würdigt sich gegenseitig in seinen besten Positionen. Man durchdringt sich gegenseitig, um zu verstehen und zu lernen, nicht aber, um zu verurteilen, sich selbst zu behaupten und den andern zu vereinnahmen". Das war mir alles sehr aus dem Herzen gesprochen.

So wie der Marxismus die Dimension des Transzendenten entdeckte, wurden für die evangelische Theologie die bisher vom Marxismus besetzten Begriffe der Revolution und des Atheismus fruchtbar durchdacht. "Atheistisch an Gott glauben" hieß eine Aufsatzsammlung von Dorothee Sölle von 1968. "Der paradoxe Ausdruck will sagen, daß Glauben hier als eine Art Leben verstanden wird, das ohne die supranaturale, überweltliche Vorstellung eines himmlischen Wesens auskommt, ohne die Beruhigung und den Trost, den eine solche Vorstellung schenken kann: eine Art Leben also ohne metaphysischen Vorteil vor dem Nicht-Christen, in dem trotzdem an der Sache Jesu in der Welt festgehalten wird." Mir waren solche Gedanken durch die Theologie von Paul Tillich, dessen Vorlesungen ich 1956/57 in Hamburg besucht hatte, vertraut.

Prager Frühling und das Ende des Dialoges: der Einmarsch in Prag

Symbol für diesen "Sozialismus mit menschlichem Gesicht" wurde die Stadt Prag, verwirklicht wurde er im "Prager Frühling". Alexander Dubcek war im Januar 1968 kommunistischer Parteiführer geworden und führte in der Tschechoslowakei zusammen mit Otto Sik und J. Smrkowsky aufregende liberale Reformen durch. Sozialismus und Demokratie sollten miteinander versöhnt werden.

Um so furchtbarer traf alle an diesem Dialog Beteiligten der Einmarsch der Truppen des Warschauer Paktes in Prag am 20./21. August 1968 und die folgende Beseitigung der Prager Reformen unter besonderer Anstiftung von Walter Ulbricht. In der evangelischen Kirche hätten die Ereignisse in der Tschechoslowakei "Bestürzung und Erschütterung" ausgelöst, las ich. Diese Art von Erschütterung war nicht allseits frei von Häme. Der Hamburger Bischof Wölber zeigte sich in einem Rundbrief an seine Pfarrer beschämt und bedrückt, "daß nun wieder Deutsche zum Zweck der Besetzung marschieren." Das war eine billige "Bedrückung", waren davon doch nicht die westdeutschen Truppen, sondern die Volksarmee der DDR betroffen, die dann mit außerordentlicher Verwirrung bald wieder zurück in ihre Kasernen zurückkommandiert werden mußte.

Landesbischof Heintze gab in seinem Bischofsbrief vom 29. August 1968 den Aufruf des Synodalrates der Evangelischen Kirche der Böhmischen Brüder weiter, den Bischof Scharf, zur Zeit des Einmarsches gerade in der Tschechoslowakei, von dort mitgebracht hatte. Darin hieß es: "Im Namen unserer ganzen Kirche protestieren wir gegen die Bedrohung dieses Regenerationsprozesses, gegen die Verletzung unserer Staatssouveränität und gegen die Okkupation unseres Landes durch ausländische Armeen und verlangen ihre Abberufung." Heintze äußerte seine Hochachtung vor dieser mutigen Stellungnahme und warnte vor "bedenklichen Gegenreaktionen" im Westen, nämlich einer Wiederaufnahme des Kalten Krieges.

Rundbrief zum Einmarsch

Ich war entsetzt und verfaßte einen Rundbrief an die Bewohner und bat sie darin, diesen Einmarsch als eine "ungeheure Variante des Stalinismus" zu unterscheiden von dem "demokratischen Sozialismus, so wie ihn Dubcek in Prag, Havemann in Ostberlin, Kolakowski in Warschau und Sacharow in Moskau verwirklichen wollen". Es sei lebensnotwendig, sich nach wie vor zu einem Gespräch mit dem demokratischen Sozialismus bereit zu halten, Hindernisse für dieses Gespräch abbauen zu helfen, z.B. durch die Anerkennung der Oder-Neiße-Linie und eines zweiten sozialistischen deutschen Staates und nicht jede Form des Kommunismus als unmenschlich zu verurteilen. Meine große Befürchtung war eine Bestärkung der Kalten Krieger und Scharfmacher im Westen und natürlich auch besonders im Landkreis Helmstedt. "Wir unterstützen mit ganzen Herzen die Reformer in Prag und verachten und verurteilen jede Form des Stalinismus genauso wie jene, die bei uns aus gedankenlosem Antikommunismus den Weg zum Frieden zwischen den Völkern blockieren."

Die Reaktion auf dieses Flugblatt im Dorf war ruhig, nur in der CDU äußerte sich die übliche Aversion, die von dem stalinistischen Kommunismusbegriff beherrscht war. Was jedoch auch möglich war, veranschaulichte eine in Reinsdorf eingesteckte offene Postkarte, in der man mich unflätig beschimpfte.

Mir war der Dialog zwischen Marxismus und Christentum zu wichtig und zu grundsätzlich, um ihn tagespolitischen Ereignissen zu opfern und ich bot im Frühjahr 1969 in der Volkshochschule Schöningen eine vierteilige Vortragsreihe über "Das Gespräch zwischen Christentum und marxistischem Atheismus" an. Ich referierte am ersten Abend über "Der demokratische Sozialismus als Überwindung des Stalinismus", am zweiten Abend über "Die Säkularisierung als Überwindung der Orthodoxie", am dritten Abend über "Die Theologie der Revolution" und an einem vierten zusammenfassenden Abend über den Stand des bisherigen Dialoges. Das waren in vieler Hinsicht fruchtbare, grenzüberschreitende Vorgänge, die ich eigentlich zunächst nur der Tatsache zu verdanken habe, daß ich spürbar an der Grenze wohnte und arbeitete.

Die Sicherung der Grenze

Das Peinliche dieser Grenze war, daß sie vorgab, die DDR vor eindringenden Feinden zu schützen. Es hatte tatsächlich unter dem amerikanischen Außenminister Dulles mal eine Politik gegeben, die im Osten so verstanden werden konnte, daß der Westen den Osten überrollen würde. Aber seit der Zündung einer sowjetischen Atombombe (1949) und einer sowjetischen Wasserstoffbombe (1953) hätte eine militärische Auseinandersetzung den Atomkrieg auf deutschem Boden bedeutet. Das war unvorstellbar.

Es war also in Wirklichkeit eine nach innen gerichtete, auf die Abwehr der Fluchtbewegung der DDR-Bevölkerung zielende Grenze. Dafür war die Grenze dicht genug geworden. Nur wenige sind in unserer Gegend nach 1961 unversehrt über diese Grenze gekommen. In Hohnsleben waren in der Nacht vom 12. zum 13. August 1969 sieben Personen auf einmal über die Grenze getürmt. Andere wurden, hier angekommen, nicht immer ganz zu Recht als Helden der Freiheit und ihre Flucht als die unversiegbare Sehnsucht der Menschen in der DDR nach dem Westen gedeutet und pressemäßig ausgeschlachtet. Ich war mir da nicht immer so sicher. Man hörte später, daß es auch sehr persönliche, familiäre und keinesfalls politische Gründe waren, die die ganz Verwegenen zum Grenzübertritt bewogen; wie z.B. jenen Frank Weißgerber, der am 2. Januar 1983 bei Anna-Süd über die Grenze kam, sich verletzte und Jahre später wegen irgendwelcher Delikte in der DDR im Westen zu lebenslanger Haft verurteilt wurde. Es wurden noch vier bis sechs weitere geglückte Fluchtversuche in unserer Gegend in den letzten 25 Jahren bekannt. Ich verhielt mich da reserviert, wie auch gegenüber den Ausreisen von Pfarrern und Ärzten, die natürlich in der DDR schwer zu schließende Lücken hinterließen.

Die Grenze bot Ernstes und Groteskes: der Gärtner Schmidt, ein liebenswerter Sachse, den es nach Offleben verschlagen hatte, legte sich direkt an der Grenze eine Gärtnerei an. Auf der Leipziger Messe kaufte er sich jeweils billige Pflanzen und Samen. Eines Sommers verletzte er bewußt den unproduktiven, verunkrauteten, hier und da verminten Grenzstreifen und pflanzte Tomatenbüsche ein paar Meter ins DDR-Gelände hinein. Prompt erschienen einige Grenzer mit Hubschraubern und korrigierten diese "unerhörte Grenzprovokation". Humor war nicht die Stärke dieser Truppe.

Die Grenze wurde im Laufe der Zeit immer dichter. Die DDR setzte zeitweise Hunde ein, die an einer langen Leine an der Grenze entlangen laufen mußten und offenbar mögliche illegale Grenzüberschreiter aufstöbern und durch Verbellen melden sollten. Es wurden auch die Minen ausgewechselt. Dann wurden automatische Schußanlagen erfunden, die am vorderen Zaun montiert waren. Das alles diente nur zur Beruhigung der pathologischen Angst vor der eigenen Unsicherheit.

Die Grenze verlor mit der Zeit ihre "Attraktivität" und wurde Normalität. Die anschwellenden Besuche in den 60iger Jahren lebten von der Illusion einer baldigen Überwindung der Grenze, sozusagen von dem Sieg der westlichen Freiheit und Stärke. Diese Melodie klang infolge der durch Willy Brandt durchgeführten neuen Ostpolitik aus. Der Informationsraum im Offleber DGH wurde überflüssig und zum 31.12.1975 geschlossen.

20 Jahre Offleben - zwischen Fährturm und Tagebau Anna - Süd

Erinnerungen aus dem Leben eines Zollbeamten

von Dieter Prehn

Meine erste Begegnung mit Offleben hatte ich 1965 im Rahmen einer Einweisungsfahrt durch die Zollschule Bad Gandersheim. Zu dem Zeitpunkt ahnte ich noch nicht, daß ich dort 20 Berufsjahre verbringen würde. Nach meiner Ausbildung in Bad Gandersheim, Gartow an der Elbe und in Glücksburg an der Ostsee kam ich Ende 1966 nach Schöningen, 1969 wurde ich nach Offleben versetzt und war zunächst Vertreter des aufsichtführenden Beamten. Ab 1970 bekleidete ich selbst dieses Amt.

Im gleichen Jahr nach meiner Hochzeit bezog ich mit meiner Ehefrau eine Wohnung im Dienstgebäude in der Zuckerfabrik 6a, welches auch die Grenzaufsichtsstelle beherbergte. Diese gehörte zu jenen Zeitpunkt zum Zollkommissariat Schöningen. Ab 1971 gehörte sie dann zum Zollkommissariat Helmstedt, da diese in Schöningen aufgelöst wurde.

Zu dieser Zeit war Offleben eine unmotorisierte Dienststelle und der Grenzbereich erstreckte sich vom Fährturm bis zum Tagebau Anna Süd. Damals waren in Offleben 5 - 7 Beamte, davon zwei mit Diensthund, stationiert. Man war in der Lage, seine dienstliche Tätigkeit zu Fuß und per Fahrrad wahrzunehmen. Dabei handelte es sich überwiegend um grenzpolizeiliche Aufgaben (Verhütung von Störungen, welche die allgemeine öffentliche Sicherheit und Ordnung an der Grenze gefährden). Vorwiegend wurde von den Beamten Postierungs- und Streifendienst verrichtet, wobei sie mit dem Bundesgrenzschutz und der örtlichen Polizei zusammenarbeiteten.

Um auf dem Laufenden zu sein, erhielten die Beamten Fachunterricht und wurden in waffenloser Selbstverteidigung und in der Handhabung ihrer Waffen geschult (Pistole und Maschinenpistole). Die Waffen waren zur Eigensicherung und Selbstverteidigung erforderlich. In meiner 25jährigen Dienstzeit an der Grenze ist mir kein Fall bekannt, in dem ein Kollege seine Schußwaffe gegen Personen eingesetzt hätte.

1972 wurde der Bereich der Grenzaufsichtsstelle bis nach Hohnsleben erweitert, da die Grenzaufsichtsstelle Reinsdorf aufgelöst wurde. Nun erhielt Offleben sein erstes Dienstfahrzeug, einen VW-Käfer, später einen VW-Bus. Im Anschluß daran wurden die Offleber Beamten im gesamten Bereich des Zollkommissariats Helmstedt eingesetzt, welcher sich von Grasleben bis Jerxheim erstreckte.

Im Zeitraum von 1977 - 1988 wurde man auch für die Terrorismusfahndung an den Westgrenzen der Bundesrepublik Deutschland eingesetzt.

Während meiner Zeit in Offleben kamen und gingen etliche Beamte aus den unterschiedlichsten Regionen Niedersachsens.

1974 wurde mein Sohn Andreas geboren, 3 Jahre später 1977 meine Tochter Christine. 1980 zogen wir in den Wiesenweg 2 ein, von wo aus wir 1985 in die Alversdorferstrasse 30 zogen. Dort wohnten wir bis zum Januar 1991.

Mit dem Wegfall der innerdeutschen Grenze endete meine dienstliche Tätigkeit in Offleben und ich zog mit meiner Familie an meinen neuen Dienst- und Wohnort Cuxhaven. Die Öffnung und der spätere Wegfall der Grenze waren einschneidende Ereignisse für meine Familie und mich, denn das gesamte dienstliche und private Leben mußte neu geordnet werden.

Friedensgruppen im Pfarrhaus wollen die Grenze überwinden (1981)

Ins Offleber Pfarrhaus strömten in den 80iger Jahren eine ganze Reihe von Friedensgruppen zur Übernachtung. Die Kirchengemeinde war offenbar in einem Verteiler gelandet, der billige Übernachtungsmöglichkeiten benannte.

Als ein Beispiel unter vielen anderen Gästen nenne ich die Gruppe "The walk of Moscow", die sich vorgenommen hatte, die Grenze zu überwinden und das Verhältnis zwischen den beiden Blöcken zu entkrampfen. Die Gruppe war international zusammengesetzt und bestand aus etwa 20 Personen. Im März 1981 hatte "der Marsch nach Moskau" in Kalifornien begonnen. Von dieser ersten Gruppe war noch die 27jährige Sarah aus Seattle dabei. Die Jüngste war die 17jährige Beth aus Maryland, der Älteste Kenth mit 64 Jahren. Das Durchschnittsalter der Gruppe betrug 25 Jahre. Sieben Teilnehmer waren Quäker, 4 katholisch, einer Jude, der aber nicht in Offleben dabei war. Die religiösen Unterschiede machten keine Schwierigkeiten. Morgens und abends fanden sogenannte Zirkel statt, Treffen, in denen sich die Gruppe sammelte. Sie saßen am Brunnen. Die Absicht war, still zu werden, Ruhe zu bekommen in der Erwartung, daß dann Gott redet. Die Gruppe hatte gemeinsam, daß sie sich auf diese Weise eins fühlte mit Gott und der Natur, und daß die Gemeinschaft gestärkt wurde.

Die meisten gehörten keiner Amtskirche an, aber sie waren religiös motiviert. Vor dem Essen bildeten sie einen Kreis, faßten sich an den Händen, schlossen die Augen und verharrten in dieser Haltung sehr lange. Dann richteten sie sich auf, erhoben die Arme und beugten sich tief herab. Die Quäker pflegen das schweigende Gebet. Von dort war diese Gebetshaltung in die Gruppe gekommen.

David, 20 Jahre, stammte aus Connecticut, hatte Bäcker gelernt und hatte sich der Gruppe angeschlossen, um auf diese Weise den Wehrdienst zu verweigern. Viele Teilnehmer waren Studenten, die in den zahlreichen Friedensclubs in den USA mitarbeiteten. Kenth war 5 Jahre Pastor in New

York, der dortigen Quäkergemeinde und dann lange Sozialarbeiter. Peer stammte aus England und war Musiklehrer. Er hatte keine Stellung gefunden und hatte sich in England der Gruppe angeschlossen. Mit anderen aus der Gruppe musizierte er auf der Gitarre, einige spielten Querflöte, Geige, Blockflöte. Sie setzten sich ans Klavier und Spinett. Daniel, 28 Jahre alt, hatte Architektur studiert und war durch Berührung mit Friedensgruppen zu dieser Initiative "Walk of Moscow" gestoßen. Toby aus Kalifornien übergab mir eine mehrseitige Liste zahlreicher Peace-Clubs aus Kalifornien und bat um Adressen aus der BRD und dem Osten. Nico war Holländer und atheistischer Humanist. Diese arbeiteten in Holland mit den kirchlichen Friedensgruppen zusammen, und hatten sich zur sogenannten kritischen Gemeinde zusammengeschlossen. Er arbeitete an einem Buch über die Friedensbewegung. Alex war Belgier und hatte Chemie studiert. Er war in Konflikt geraten mit der Verwendung chemischer Forschung für militärische Zwecke und hatte sich daher für eine bestimmte Zeit dieser Gruppe angeschlossen.

Diese Gruppe hatte die Nuklear-Basen in Banger (USA) und Glasgow und in Holland besucht und dort demonstriert. Sie waren in allen Länder mit Gleichgesinnten ins Gespräch gekommen. Sie hatten in Wolfsburg mit Schülern gesprochen, von denen sich auch einige spontan für eine gewisse Zeit der Gruppe angeschlossen hatten und sie auf dem Weg nach Berlin begleiten wollten. Die Aufnahme in der BRD fanden sie überaus freundlich. Die Gruppe übernachtete in Offleben vom 23. bis 25. Juni 1982, nachdem sie im Freundschaftsheim in Bückeburg, bei den Grünen in Salzgitter, in der Studentengemeinde Braunschweig und im "Haus der helfenden Hände" in Beienrode gewesen waren, um sich auf den erhofften Durchmarsch durch die DDR vorzubereiten. Es waren insgesamt 25 Personen, die sich alle auf die Räume des Pfarrhauses verteilten.

Die Situation an der Grenze war ihnen völlig neu. Zwei Belgier gingen über die Demarkationslinie bis an den Gitterzaun mit den Selbstschußanlagen, da sie es nicht besser wußten, und wurden dort freundlich, aber bestimmt von den Grenzsoldaten aufgefordert, zurückzukehren. Ich mache mit ihnen einen informativen Spaziergang an der Grenze entlang bis nach Anna Süd, um ihnen die Gefährlichkeit solcher Ausflüge zu demonstrieren.

Da ein Weitermarsch von Berlin durch die DDR und Polen verwehrt war, kehrten sie vom 2.-5.Juli nach einem Aufenthalt in Berlin wieder in Offleben ein. Einige wenige hatten sich von der Gruppe getrennt, um private Besuche in der BRD zu machen, aber auch, weil sie Moskau auf diese Weise für unerreichbar hielten. In Offleben fiel dann die Entscheidung, Moskau über die Tschechoslowakei zu erreichen. Es war erstaunlich, wie rasch sich neue Gruppen fanden, die diese 25-köpfige Gemeinschaft aufnahmen, zunächst eine Wohngemeinschaft in Eilum. Die nächsten Stationen waren Goslar, Göttingen und Kassel. Die evangelische Kirchengemeinde Offleben, die mit einem erheblichen Kollektenbeitrag diese Arbeit unterstützt hatte, blieb für die nächsten Wochen die Kontaktadresse.

Im Gemeindegottesdienst am 4. Juli erzählten einige Mitglieder der Gruppe von ihren Absichten, von ihrer Herkunft und dem bisherigen Verlauf. Einige von ihnen hatten an einem Friedensfestival in einer Ostberliner Kirche teilgenommen und berichteten sehr begeistert von der Friedensbewegung in dieser Stadt. Sie brachten auch einen Kanon mit, den sie dort gelernt hatten und mit der Gemeinde einübten: "Herr, wenn dein Reich kommt, schmieden wir unsere Schwerter zu Pflugscharen. Deine Reich komme jetzt."

Zum Schmunzeln war mir, als eine andere Friedensgruppe von fastenden Buddhisten aus ganz Deutschland, die in den 80iger Jahren einige Tage im Pfarrhaus übernachtet hatte, ihren Altar mit Baldachin unmittelbar an der Grenze auf dem Bahndamm aufschlug und nun mit Gebeten und Geräuchere die Grenze überwinden und zu Fuß nach Berlin marschieren wollte. Berlinmärsche waren damals sehr beliebt. Die Grenzsoldaten ließen sich das nicht lange bieten, und die Reise nach Berlin endete auf dem Boden des Pfarrhauses.

Die festgeschriebene Grenze und "das Dorf an der Grenze" (1989)

Grenzpfähle

1989 feierten beide deutsche Staaten ihre 40jährigen Gründungsjubiläen mit jeweils viel Selbstbewußtsein und Perspektive für eine weitreichende Zukunft. Der Grenzverlauf wurde nun auch von der Westseite festgeschrieben. Eine Grenzkommission mit Vertretern aus beiden deutschen Staaten markierte 1989 jeden Meter, errichtete Grenzpfähle und verkartete den Verlauf. Auch in Offleben und Reinsdorf und Hohnsleben. Überall prangten die in Bundesfarben angestrichenen, meterhohen, weithin sichtbaren Grenzpfähle. Hier steckten zwei souveräne deutsche Staaten ihre Grenzen gegeneinander ab. Wer heute behauptet, er habe ja immer schon, spätestens aber im Sommer 1989 gewußt, daß die "Wiedervereinigung" bald kommt, der sei an diese Grenzpfähle erinnert.

Fernsehfilm: das Dorf an der Grenze (Sommer 1989)

Im Sommer 1989 erschien ein Fernsehteam und drehte einen Film "Das Dorf an der Grenze", der dann im Herbst 1989 im RIAS gesendet wurde. Da saß aufgereiht im Dorfrestaurant "Zum roten Ochsen" die Generation der 30-40jährigen Trinkfesten, die im Brustton der Überzeugung dem Reporter zum Besten gaben, daß die Grenze eigentlich hier keinen störe, sondern man sich im Grenzdorf ganz gemütlich eingerichtet habe. Höchstens die Perestroika Gorbatschows vom Jahre 1985 könne "drüben" was ändern, dozierte "Zille" Bartsch. Die Generation der 15jährigen moserte, am Kiosk verschämt rauchend aufgenommen, daß man in die DDR Päckchen schicke, aber die wollten immer mehr und an engeren Kontakten bestünde kein großes Interesse. Das Team kam auch in die Kirche und filmte etwas Gottesdienst. Ich hatte keinem vorher Bescheid gesagt. Ich gab dem Reporter zu Protokoll, daß die eigentlichen Probleme hier an der Grenze die Abwanderung der Bevölkerung und die enormen Umweltbelastungen wären, aber nicht die militärisch gesicherte und nunmehr kartographisch aufgenommenen Grenze.

Kirchentag in Berlin 1989

Von der bleibenden Voraussetzung einer fest kartierten Grenze gingen auch zahlreiche Vorträge beim Kirchentag in Berlin vom 7.-11. Juni 1989 aus. Er stand unter dem Motto "Unsere Zeit in Gottes Händen". Dazu gab es ein sehr schönes Lied, das sich bald in unserer Gemeinde einbürgerte. Unter dem Titel "Deutsche Einsichten" gab Pfarrer Gerhard Rein "Reden und Gespräche zwischen Deutschen aus beiden Staaten beim Evangelischen Kirchentag in Berlin" heraus und schrieb in der Einleitung: "Für eine Wiedervereinigung der beiden deutschen Staaten hat auf diesem Kirchentag niemand das Wort genommen."

Die Fluchtwelle hatte bereits begonnen und der im Ruhestand befindliche Bischof Werner Krusche mahnte eindringlich in seinem Referat "Aufgaben der deutschen Kirchen" zum Bleiben in der DDR. Er deutete mahnend auf die Folgen für die ärztliche Versorgung hin, wenn weitere Ärzte aus der DDR abwanderten. Man habe in den Kirchen der Bundesrepublik auf die Bemerkung von Bischof Forck von der relativen Mitverantwortung der Bundesrepublik an dieser Situation nur ärgerlich reagiert. Gerade die Kirchen könnten die Frage der Staatsbürgerschaft aufgreifen. "Müßten die Kirchen nicht erklären, daß es verlogen ist, von Wiedervereinigung zu sprechen, solange die beiden Militärbündnisse bestehen, wie sie jetzt sind?" Ich fand das - und finde das übrigens auch heute noch von damaligen Standpunkt aus - goldrichtig.

Die DDR-Bürgerrechtlerin Vera Wollenberger erklärte unumwunden, sie sähe für eine Wieder- oder Neuvereinigung gegenwärtig keine Voraussetzungen. Rita Süßmuth erwiderte auf die Frage, welche Bedeutung die Grenze habe, folgendes: "Die deutsche Grenze ist eine Realität. Sie ist eine besondere Grenze, aber zugleich ändert sie nichts an der besonderen Zusammengehörigkeit und der besonderen Verantwortung für Gegenwart und Zukunft." Die Bundestagspräsidentin sah also erhebliche Chancen verantwortlicher Zusammenarbeit über die innerdeutsche Grenze hinweg. Darauf antwortete Friedrich Schorlemmer: "Ich meine, daß das Ziel keine Grenzrevision sein kann, sondern eine Revision des Grenzreglements." Schorlemmer begrüßte ausdrücklich, daß die Grenze niedriger und durchlässiger geworden war, fügte aber hinzu: "So schrecklich ich diese Grenze finde, so sehr bin ich gegen eine vereinfachende Sofortabriß-Rhetorik."

Er spielte auf das Spektakel beim kurzen Berlinbesuch des US-Präsidenten Reagan an, der den bestellten Zuhörerinnen und Zuhörern pathetisch zugerufen hatte, Gorbatschow möge die Mauer einreißen. Das war mehr was für die Amerikaner, die um diese Zeit frühstückten und etwas Aufregendes von ihrem Präsidenten sehen wollten. Günter Gaus hatte bald danach eine informative Darstellung, im DDR-Verlag gedruckt, über diesen Besuch und den Berliner Kirchentag geschrieben.

Die Grenzöffnung im November 1989

Keiner rechnet mit dem Ende der Grenze

Mir war zwar bewußt, daß diese Grenze nicht ewig sein würde. Das habe ich auch gesagt. Sie war von Menschen gemacht, und das Menschliche vergeht eben. Das ließ sich gut demonstrieren. Der erste Zaun unmittelbar an der Grenzlinie war bereits verfallen, und die militärische Markierung etwa 30 Meter zurückversetzt worden.

Aber ich habe es nicht für möglich gehalten, daß ich selber noch die Aufhebung der Grenze erleben würde. Sie war ja von der Sowjetunion garantiert, hinter der Grenze stand ja die hochgerüstete Sowjetunion. Die hatte noch nie ein Stück Land ohne erhebliche Zugeständnisse hergegeben. Mit den Japanern feilschte sie um irgendwelche, wirtschaftlich ziemlich unergiebige Inseln und war zu keinem Zugeständnis bereit. Also, in der Mitte Europas eine Änderung: doch nie und nimmer! Das war eine allgemein verbreitete Meinung. Auch im November 1989.

Dazu kam: wir an der Grenze hatten uns längst an sie gewöhnt und mit ihr arrangiert. Daraus folgte, daß die Grenze mich persönlich eigentlich nicht mehr gestört hatte. Ich fand sie politisch dumm, aber sie gehörte nun mal zur politischen Situation, aus der man das Beste machen mußte

Kanzler Kohl hatte den SED-Parteisekretär Honecker im September 1987 in Bonn mit allen Ehren empfangen, und die von der Springerpresse als "Spalterflagge" bezeichnete Fahne der DDR mit Hammer und Sichel war in Bonn gehißt worden. Sogar die CDU unter Kohl hatte damit die DDR völkerrechtlich sichtbar anerkannt. Die heute so laut tönen, sie hätten immer daran geglaubt, daß es bald ein vereinigtes Deutschland geben könnte, lügen sich was in die Tasche. Eine Änderung der Grenze gab es nach allgemeiner Ansicht nur zum Preis eines Krieges mit der Sowjetunion.

Die Grenze geht von drüben auf

Aber die Grenze ging von "drüben" auf!

Erst die Demos in Leipzig und Magdeburg und in anderen Städten der DDR. Dann am 4. November die Riesenkundgebung auf dem Alexanderplatz in Berlin, die ich von Minute zu Minute live im Fernsehen mitverfolgte. Es brach etwas Urdemokratisches durch. Diese witzigen geistvollen Plakate. Eine Million war auf den Beinen. Doppelt so viel wie 1981 im Bonner Hofgarten. Nichts war aufeinander abgestimmt. 26 Redner - also eigentlich viel zu viel. Widersprüchliches auch. Diese Lawine öffnete dann fünf Tage später die Mauer und strömte zu uns. Wir waren nur Zuschauer.

Die Nachricht am Abend des 9. November im Fernsehen von der Maueröffnung habe ich wie einen Wasserfall erlebt. Vieles kam zusammen, der erste Gedanke: wenn ich das mit meinem Ostberliner, im Bautzener Gefängnis erschlagenen Freund Reimar erlebt hätte! Mit ihm von den Linden zum Tiergarten schlendern!

Nein, es war nicht zu fassen. Taumel, Schock, Panne, Irrtum, ein Triumph der Gewaltlosigkeit, das Bild von den Blumen im Gewehrlauf des Soldaten wurde wahr, ein Schimmer von Eschatologie, wo das Lamm neben dem Löwen lagert. Es war überwältigend.

Und sie kamen auch über die Autobahn nach Helmstedt. Helmstedt war durch Autobahn und Zugverkehr der große Kontrollpunkt. Er wurde wie die Berliner Mauer am 9. November geöffnet, Jubel, 100 DM "Begrüßungsgeld", das sofort umgesetzt wurde. In Helmstedt holten sich die auszahlenden Begrüßungsgeldstellen das Geld von den Geschäften wieder zurück, weil es ihnen ausgegangen war, so erzählte man es sich. In der Stadt Wolfenbüttel erhielten die DDR-Bürger sogar 120 DM. Am ersten Wochenende, so berichtete später der Stadtdirektor Werner Hühne, wurden 280.000 DM ausgezahlt und bis zum Silvestertag 7,152 Millionen DM. Der erste offene Tag und die Monate danach kurbelten die westdeutsche Wirtschaft im grenznahen Bereich unheimlich an und in Schöningen war die Luft vom Trabbigestank dick, dick, dick. Wolfenbüttel wurde bis zum 25. November von 54.694 DDR-Bürgern besucht.

Öffnung des Grenzüberganges Hötensleben

Nun begann ein Wettlauf der grenznahen Dörfer um die nächste Öffnung in ihrem Bezirk. In Hötensleben oder in Offleben - das war die Frage. Aber es war eigentlich klar: Hötensleben war der größere Ort, Schöningen lag näher und in Hötensleben war die Grenzsituation wegen der dicht an die Häuser des Dorfes gerückten Grenze noch brutaler. Von der Plattform auf westdeutscher Seite war es chic, mit Taschentüchern herüberzuwinken in der Hoffnung, daß Dorfbewohner "drüben" Gelegenheit hätten, wiederzuwinken, ohne von der Polizei gerüffelt zu werden.

Die Grenze wurde in Hötensleben, wie auch zwischen Weferlingen und Grasleben am 19. November geöffnet. Die Schöninger Kirchengemeinden veranstalteten Dankgottesdienste am Öffnungsabend. Es war wirklich eine historische Zäsur.

Die Grenzöffnung zwischen Oebisfelde und Beendorf erfolgte am 26. November.

Das 10-Punkte-Programm Kohls bestätigt das Bestehen der DDR

Zwei Tage später, am 28. November 1989 verkündete Kohl im Bundestag das interessante 10-Punkte-Programm, das ausdrücklich vom Bestehen der DDR ausging. Punkt 5 lautete: "Zwischen beiden deutschen Staaten in Deutschland sollen föderative Strukturen mit dem Ziel entwickelt

Mit Rüdiger Schwarz nach Blankenburg und Oschersleben werden, eine bundesstaatliche Ordnung (Föderation) zu schaffen. Voraussetzung ist eine demokratisch legitimierte Regierung in der DDR. Als Institutionen nach freien Wahlen sind denkbar: gemeinsamer Regierungsausschuß zur ständigen Konsultation und politischen Abstimmung, gemeinsame Fachausschüsse und ein gemeinsames parlamentarisches Gremium." Es konnte sich also etwas am Charakter der Grenze ändern, aber nicht an den zwei deutschen Staaten und am Bestehen einer nun gewiß viel humaneren Grenze zwischen diesen beiden deutschen Staaten, etwa wie zwischen der Bundesrepublik und Holland. Das war meine politische Zielvorstellung: eine humane Grenze zwischen zwei deutschen Staaten.

Mit Rüdiger Schwarz nach Blankenburg und zur Kreissynode in Oschersleben

Rüdiger Schwarz und ich nutzten den offenen Übergang in Hötensleben zu Fahrten in die DDR. Nach Blankenburg zum Neuen Forum, das unter anderem von Frau Minkner, der Frau des dortigen Pfarrers an St. Bartholomäus, geleitet wurde, schafften wir viel Papier und Schreibmaterial. Wir brachten die Ansprache mit zurück, die Frau Minkner am 27. Oktober 1989 vor fast 1.000 Menschen in und vor der Bartholomäuskirche gehalten hatte und veröffentlichten sie in KvU, Heft 41 vom November 1989, ein immer noch lesenswertes Dokument aus der damaligen Zeit.

Wir besuchten in Halberstadt die Martinikirche, besahen die dicht beschrifteten Plakatwände und die Kerzenflecken auf der Straße, die an den friedlichen Marsch der Bürgerinnen und Bürger von der Martinikirche zum Dom erinnerten. "Keine Gewalt" war die von den DDR-Kirchen ausgehende Devise. Immerhin erfuhren wir auch, daß die zwei Pfarrer und die Pastorin am Halberstädter Dom sich uneinig waren, ob man den Dom für die Demonstranten öffnen sollte. Und so blieb er für solche, eben als unkirchlich geltende Aktion, anders als die legendäre Nikolaikirche in Leipzig, geschlossen.

Am 2. Dezember 1989 besuchten Rüdiger Schwarz und ich die Kreissynode in Oschersleben. Pfarrer und kirchliche Mitarbeiter diskutierten über das Thema "Zukunftsbilder der Gemeinde". Es bestand Einigkeit darüber, daß auch in Zukunft Jesus Christus die Mitte aller zukünftigen Gemeindearbeit sein sollte und die Kirchen für Gruppen und Menschen mit ganz unterschiedlichen Denk- und Lebensweisen offen sein sollten. Aber die Stimmung war merkwürdig gedrückt. Das Thema war weit vor der Grenzöffnung bestimmt worden. Wir wurden kaum wahrgenommen, und hatten uns doch eigentlich riesig gefreut, dort sein zu können. Diese Freude blieb bei "der anderen Seite" ziemlich gedämpft.

Der Hötensleber Lektor Dr. Buchwald im Offleber Gottesdienst

Während der Kreissynode stellten wir fest, daß ihr Präses der Lektor Dr. Buchwald aus Hötensleben war. Wir luden ihn spontan zu einem Gottesdienst ein, er kam am 3. Advent über die Grenze in den Abendgottesdienst nach Offleben und berichtete von der für die Kirche schwierigen zurückliegenden Zeit. Auf eine naheliegende Gegeneinladung habe ich Monate vergeblich gewartet. Ich hätte mich gerne mit Hötensleber Gemeindemitgliedern über die Wurzeln der Unkirchlichkeit zwischen Schöppenstedt und Magdeburg unterhalten. Die lagen nämlich nicht nur im Stalinismus der DDR, auch nicht in den zwölf nationalsozialistischen Jahren, sondern reichten weiter zurück. Spätestens als die Einführung der Zuckerrübenwirtschaft Mitte des vorigen Jahrhunderts die Landwirte hier reich gemacht hatte, schien Gott für das Glück ihres Lebens entbehrlich.

Daran, daß die Kirche in Westdeutschland zwar finanziell besser gestellt, aber deswegen nicht etwa geistlich reicher war, haben sich manche DDR-Christen erst langsam gewöhnen müssen. Sie waren an unserer kirchlichen Biographie einfach nicht interessiert. Was mir schon länger aufgefallen war: sie hatten auch keine Fragen an uns.

Für zwei deutsche Staaten, November 1989

Im Dezember 1989 trat ich öffentlich für den Bestand zweier unterschiedlicher deutscher Staaten ein: einen demokratischen im Westen und einen sozialistischen im Osten. Demokratie und Sozialismus waren jeweils in beiden Staaten nicht Realität, sondern Zielvorstellungen. In der DDR war man vom Sozialismus ebenso weit entfernt wie im Westen von der Demokratie. Die Grundrechte waren längst nicht alle bei uns umgesetzt. Es gab in beiden Staaten dafür noch viel zu tun. Die DDR würde sich in Richtung Demokratie entwickeln, die BRD in Richtung sozialer Demokratie. Ein friedlicher Wettbewerb beider unterschiedlicher Systeme würde Deutschland gut tun. Einen rasch zusammengezimmerten gemeinsamen Staat hielt ich für falsch. Das friedliche Nebeneinander war wichtiger. Man konnte gemeinsame Organe schaffen, unter deren Dach dann eine langsame Annäherung zusammenwachsen konnte. Willy Brandt warb für eine solche politische Konstruktion. Dafür stand der Artikel 146 des Grundgesetzes zur Verfügung. Am Ende einer solchen

Initiativen in der DDR langsamen Annäherung sollte eine Verfassung für ganz Deutschland stehen. Die politischen Väter und Mütter von 1949 hatten mit Bedacht dem Westteil Deutschlands ja keine Verfassung, sondern nur ein Grundgesetz gegeben. Eben für diesen Fall, daß es doch einmal zu einem "Gesamtdeutschland", wie man damals in scheußlichem Deutsch sagte, kommen würde.

Ich hatte meine Befürchtungen und Hoffnungen am 10. November 1989 in einem Flugblatt zusammengefaßt und in der Landeskirche kursieren lassen.

Erklärung

Die Öffnung der Grenzen zwischen beiden deutschen Staaten ist für uns Anlaß zu großer Freude. Sie wirft aber auch Fragen auf. Die Unterzeichneten teilen die Sorgen vieler Menschen und Christen in der DDR, daß die DDR durch eine neue Politik von westdeutschem Boden aus verunsichert und sogar zerstört werden könnte.

Wir bitten die Verantwortlichen in der evangelischen und in der katholischen Kirche, die Bischöfe von Hannover, Hildesheim und Wolfenbüttel, die Verantwortlichen in Bonn und Hannover, darauf hinzuwirken,

Sie erklären,

Diese Erklärung fand in der Landeskirche ein ganz ungewöhnliches, breites Echo. Es unterzeichneten in kurzer Zeit ca. 70 Personen und im Verlauf der Friedensdekade im November wurde sie vielfach verwendet.

Initiativen in der DDR für zwei deutsche Staaten

In der DDR erschien am 26. November der Aufruf "Für unser Land", in dem für einen erneuerten sozialistischen Staat geworben wurde. "Entweder können wir auf der Eigenständigkeit der DDR bestehen und versuchen, mit allen unseren Kräften und in Zusammenarbeit mit denjenigen Staaten und Interessengruppen, die dazu bereit sind, in unserem Land eine solidarische Gesellschaft zu entwickeln, in der Frieden und soziale Gerechtigkeit, Freiheit des einzelnen, Freizügigkeit aller und die Bewahrung der Umwelt gewährleistet sind.

Oder wir müssen dulden, daß, veranlaßt durch starke ökonomische Zwänge und durch unzumutbare Bedingungen, an die einflußreiche Kreise aus Wirtschaft und Politik in der Bundesrepublik ihre Hilfe für die DDR knüpfen, ein Ausverkauf unserer materiellen und moralischen Werte beginnt und über kurz oder lang die Deutsche Demokratische Republik durch die Bundesrepublik vereinnahmt wird. Laßt uns den ersten Weg gehen..."

Der Aufruf war von Christa Wolf und Stefan Heym, vom Generalsuperintendenten Krusche und Konrad Weiß, auch vom provinzsächsischen Nachbarbischof Demke unterzeichnet worden. Wir konnten also mit unserer Erklärung nicht ganz so falsch liegen. Ich heftete einen Teil dieses Aufrufs als Unterstützung an unseren Text an.

Bald darauf gab es auch eine Initiative von Wissenschaftlern, Schriftstellern und Künstlern aus beiden deutschen Staaten. Darin hieß es u. a. "Das Volk der Deutschen Demokratischen Republik hat sich die Chance erstritten, sein Staatswesen umfassend zu demokratisieren.. Der Prozeß der gewaltfreien Revolution, die einer zur Gewalt bereitstehenden Macht ihre Sitze entzieht, ist in der deutschen Geschichte neu und einmalig... mit allen Kräften wehren wir uns dagegen, daß diese Bewegung fremdbestimmt und der Wiedererrichtung eines erloschenen Deutschen Reiches nutzbar gemacht werden soll. Wir fordern eine offene deutsche Zweistaatlichkeit und die Anerkennung der Staatsbürgerschaft zweier deutscher Staaten ohne den Wahn der Obhut oder Aufsichtspflicht des einen für den andern."

Am 26. November 1989 erschien in Rostock ein "Aufruf zu vereinigten Bürgerinitiativen für einen neuen Sozialismus", unterzeichnet vom Rostocker evangelischen Pfarrer Fred Mahlburg und Dr. Sybille Bachmann.

Es gab im November 1989 eine starke demokratische Alternative zu dem, was dann später die CDU und die westdeutsche Industrie aus der gewaltfreien Revolution gemacht haben. Die Befürchtungen der Unterzeichnerinnen und Unterzeichner des Aufrufs "Für unser Land" wurden nur allzu schnell bittere Realität.

10 Jahre später tut man so, als habe es zur Verschandelung dieser Demokratiebewegung keine Alternative gegeben. Das ist eine verhängnisvolle historische Lüge.

Diskussionen in Helmstedt über die Erklärung

Es lag auf der Hand, daß auch im Kreis Helmstedt der alte Konflikt mit der CDU, der ja vom unterschiedlichen Verständnis der Grenze herrührte, nun wieder aufbrach.

Die Braunschweiger Zeitung veröffentlichte auf der Helmstedtseite am 1. Dezember den Inhalt meiner Erklärung unter der Überschrift "Wirbel um Erklärung" und "Reinemann fordert Disziplinierungsmaßnahmen". Der CDU-Landtagsabgeordnete Reinemann hatte in Hannover eine Presseerklärung abgegeben, in der ich mal wieder als ein Verfassungsfeind bezeichnet wurde, da ich das Wiedervereinigungsgebot des Grundgesetzes nicht ernst nähme. In der Lokalredaktion häuften sich die Leserbriefe. Am 5. Dezember veröffentlichte die Redaktion einige, meist wohlwollende, unter der Überschrift: "Deutschlandpolitische Erklärung löst Sturm aus", wobei insbesondere die Forderung Reinemanns scharf zurückgewiesen wurde.

Am 6. Dezember tagten der Helmstedter und der Haldensleber Pfarrkonvent gemeinsam in Helmstedt und bei dieser Gelegenheit wies der Helmstedter Pfarrkonvent den Angriff von Reinemann deutlich zurück. Die BZ veröffentlichte diese Äußerung am 7.12. unter der schmeichelhaften Überschrift "Pfarrkonvent verabschiedet Ehrenerklärung für Kuessner". Ganz so drastisch war das nun auch wieder nicht gemeint. Am 8.12. veröffentlichte die BZ weitere, mehr CDU-freundliche Leserbriefe. "Täglich erreichen mehrere Leserbriefe die BZ", schrieb die Redaktion und druckte am 13. Dezember erneut eine halbe Seite Leserbriefe mit der Bemerkung: "Kein Thema hat die Leser der BZ in den vergangenen Jahren so beschäftigt, wie die deutschlandpolitische Erklärung von Dietrich Kuessner." Ein Pfarrer aus der DDR erwiderte auf die Forderung Reinemanns: "Wenn eine solche Reaktion der Intoleranz in der Bundesrepublik Schule macht, dann bleiben wir lieber in unseren DDR-Grenzen." Schließlich setzten sich die Pfarrer Rosin, Nebel, Jungmann, Propsteisynodalpräses Buttler, MdL Reinemann und ich auf Einladung des Propstes an einen Tisch und begruben den Konflikt.

Zur Versachlichung des Themas veranstaltete die Evangelische Erwachsenenbildung am 14. Dezember einen Diskussionsabend in Helmstedt unter der gemeinsamen Leitung von Helga Hansi und Antje Sommer, bei dem die anwesenden Volker Braun (CDU), Franz Groth (Grüne), Ulrich Dirksen (FDP), Jürgen Allers und Gehrke (SPD) und ich ihre deutschlandpolitischen Vorstellungen vortrugen. Die eigentliche Spannung bekam der Abend durch zwei gegensätzliche Äußerungen aus der DDR. Dr. Klein aus Halberstadt wünschte eine Vereinigung, wobei keiner der Leidtragende sein dürfe. Der Quedlinburger Physiker Brecht hingegen bedauerte die Teilung der Demokraten bei der Leipziger Montagsdemo. Für ihn gehe es um die Umgestaltung der DDR. Von einer Weiterentwicklung eines sozialistischen Modells in Deutschland hatten sie allerdings die Nase voll.

Ich verstand unter Sozialismus etwas anderes als sie. Für sie war Sozialismus identisch mit der Vergangenheit der DDR. Ich unterschied zwischen Stalinismus und Sozialismus. Ich bekam also gerade von ihnen kräftige verbale Prügel, als ich sie warnte, sie würden vom westdeutschen Kapitalismus bis auf die Gräten ausgenommen. So ist es dann später auch in zahlreichen Betrieben der DDR gekommen. Die BZ veröffentlichte am Sonnabend, den 16.12., einen Bericht über diesen Abend unter der Überschrift "DDR-Bürger brauchen ihre Würde". Im "Wort zum Sonntag" an diesem Sonnabend brachte ich noch einmal meine Befürchtungen und Wünsche vor.

Wie sich die CDU die Vereinigung tatsächlich vorstellte, wurde mir bei den Fernsehbildern am 19. Dezember vom Auftritt Kohls in Dresden deutlich. Offenbar war Kohl von keiner politisch verantwortlichen, zuständigen Stelle eingeladen worden. Er wurde auch von keinem begrüßt und willkommen geheißen, sondern er plapperte los, umringt von westdeutschen Bundesfahnen, die vermutlich aus der Spendenkasse der hessischen CDU bezahlt und eingeschleust worden waren. Ich fand es abstoßend und würdelos und gegenüber den Dresdnern taktlos. Aber schlechte Beispiele verderben gute Sitten. Das erlebte ich zu Weihnachten in meiner Gemeinde.

Der zweite Weihnachtstag 1989 in Offleben

Der 26. Dezember 1989 bleibt als ein besonderer Weihnachtstag in der Erinnerung vieler Bewohner: für die einen bis heute eine Heldentat, für andere eine drastische Grenzverletzung, wieder für andere Landfriedensbruch, für mich ein Ärgernis.

Am Heiligen Abend war in einer Kneipe die Idee entstanden: wir stürmen die Grenze. Ich weiß nicht warum. Aus Eifersucht, weil Hötensleben zuerst geöffnet worden war, oder aus Westernlust, oder um "denen da drüben" mal zu zeigen, wo die eigentliche Macht lag. Vielleicht auch ein Protest gegen den Gemeinderat, "der es noch nicht geschafft hatte", eine Grenzöffnung durchzusetzen, was nun wirklich nicht in seiner Kompetenz lag. Per Lautsprecher rief Gastwirt und CDU-Ratsherr Zeranski am 2. Weihnachtstag vormittags die Bevölkerung zu einer Demonstration an der Grenze auf. Zwischen 200 und 300 Einwohner kamen zusammen. Für unsere Dorfverhältnisse eine sehr große Zahl. Voran wurde ein Spruchband geführt: "Was der Gemeinderat nicht kann, das fassen die Bürger von Offleben an". Und tatsächlich beseitigten die ganz Tapferen vorne unter Hallo und Gejohle den Balken, der die Grenze markierte, schnitten den Zaun mit Zangen auf und drangen bis zum Grenzturm vor, den einige auch bestiegen. Mit über die Grenze gegangen waren auch Bürgermeister Isensee und die Ratsherren Wawerczin (SPD) und Zeranski (CDU).

Dann wurden sie ein paar hundert Meter weiter am zweiten Grenzzaun von den Grenzoffizieren aufgehalten und zum Rückzug aufgefordert. Die Grenzsoldaten schlossen den Zaun wieder, zur Bewachung wurde nun auch Grenzschutz von westlicher Seite aus eingesetzt. Beim Polizeidirektor der Grenzschutzabteilung, Kommandeur Kahnert, lief eine Anzeige der DDR-Stellen ein. Es würde wegen Landfriedensbruch ermittelt, teilte Uwe Prill (CDU) bei der telefonisch einberufenen Ratssitzung mit.

Kahnert gab einen Tag später eine Warnung aus, die Grenze nicht eigenmächtig zu überschreiten, und ich, der ich in dieser Zeit meinen normalen Gottesdienst am 2. Weihnachtstag hielt, war wütend, daß die unauslöschliche Devise der DDR-Kirchen "Keine Gewalt" hier unter der Vorreiterrolle der Orts-CDU unterlaufen worden war. Ich schrieb ein verärgertes, drastisches Flugblatt, das mich etliche Sympathien gekostet hat und zum Rücktritt von Rüdiger Schwarz aus dem Kirchenvorstand führte. Sehr schmerzlich, die Art der Vereinigung schlug Wunden.

Acht Tage später war es dann offiziell so weit: zum Silvestertag wurde die Grenze für einen Tag amtlich geöffnet. Es herrschte Volksfeststimmung, die mir verleidet war. Zu meiner Schadenfreude reichten sich Bürgermeister Karl Heinz Isensee (CDU) und Gemeindedirektor Walter und von östlicher Seite aus Barneberg der dortige Bürgermeister und - o weh - der "Stasigastwirt" als erste die Hand. Da war sie wieder beisammen: die Connection der Falken auf beiden Seiten. Diese für unwahrscheinlich gehaltene Verbindung zwischen CDU und Stasi hat sich in denselben Tagen zwischen Schäuble und Schalck-Golodkowski auf Jahre hinaus etabliert. Hier erlebten wir es im kleinen, und ich fühlte mich abgrundtief bestätigt. Was wurde hier wirklich "vereinigt"?

Ich hielt wie immer meinen Silvestergottesdienste mit Abendmahl und ging dann um Mitternacht über die Grenze zum Silvestergottesdienst des Barneberger Pfarrers Dieter Barner: in einem kleinen, zum Kirchenraum umgebauten Wohnzimmer mit wenigen älteren Leuten. Hier fühlte ich mich mehr zu Hause als im bierseligen Wiedervereinigungstaumel, der im großen Saal des Dorfgemeinschaftshauses ablief.

Auch die EKD lockert die Bremsen

Der Ruf nach Zweistaatlichkeit wurde dringlicher durch die Loccumer Erklärung. Dort trafen sich vom 15.-17. Januar 1990 die Kirchenspitzen aus der EKD in der BRD und vom BEK der DDR und formulierten eine Erklärung, die bald als Wunsch nach einer "kirchliche Wiedervereinigung" interpretiert wurde. Man wolle der besonderen Gemeinschaft zwischen den Kirchen in der DDR und BRD "auch organisatorisch angemessene Gestalt in einer Kirche geben". Zurückhaltend wird auf die verschiedene Geschichte hingewiesen. "Unsere Interessen und Überzeugungen stimmen nicht immer überein. Das muß berücksichtigt werden." "Wir wollen, daß die beiden deutschen Staaten zusammenwachsen. Das wird in mehreren Schritten im Rahmen eines gesamteuropäischen Verständigungsprozesses geschehen." Die Kirchenvertreter des Kirchenbundes, die Bischöfe Hempel, Demke, Schönherr und Konsistorialpräsident Kramer, Präses Gaebler und Oberkirchenrat Ziegler mußten in ihren Heimatkirchen den Eindruck zerstreuen, als ob sie in Loccum "über den Tisch gezogen worden seien". Das Ostberliner Kirchenblatt "Die Kirche" nannte die Erklärung eine "Wiedervereinigungs-Trunkenheit".

Bereits einen Monat später erschien als Gegenposition die sogenannte Berliner Erklärung, die von den Theologieprofessoren Duchrow und Raiser, von Propst Falcke und dem Referenten des Kirchenbundes Garstecki formuliert war. Die Loccumer Erklärung habe Befremden, Irritation und Protest ausgelöst. Es gehe von Loccum ein völlig falsches Signal aus. Die politische Trennung müsse noch eine Weile ausgehalten werden. Darin müsse sich die bisherige besondere Gemeinschaft zwischen den Kirchen in der BRD und DDR bewähren. Durch die Loccumer Erklärung würde die Vereinigungsdynamik eher verstärkt. Scharf beanstandeten die Verfasser den Satz, daß das Bewußtsein der Zusammengehörigkeit der Deutschen in beiden deutschen Staaten für die Kirche eine wichtige Grundlage ihres gemeinsamen Wirkens gewesen sei. "Sind sich die Verfasser darüber im klaren, daß sie damit wieder einmal eine nationale Größe zu einer "wichtigen Grundlage" kirchlichen Wirkens machen? Was das Wirken unserer Kirchen in Wahrheit bestimmen muß, ist das Bewußtsein der Zusammengehörigkeit in der weltweiten ökumenischen Gemeinschaft des einen Volkes Gottes."

Schon in dieser Berliner Erklärung wird der für die Folgezeit ganz heikle Punkt der Verdrängung der Geschichte der DDR angesprochen. Die rasche Vereinigung lasse keinen Raum für die notwendige Trauerarbeit. "Um so weniger dürfen die Kinder, die nach dem Krieg die Ansätze einer bekennenden Kirche in nationalsozialistischer Zeit schon einmal weitgehend vergessen hatten, jetzt die Lernerfahrung der "Kirche in der sozialistischen Gemeinschaft" verleugnen, um zur vermeintlichen "Normalität" zurückzukehren." Beide Kirchen müßten für sich erst einmal klären, was sie in einen kirchlichen Vereinigungsprozeß einzubringen haben. Beide Kirchen müssen sich verändern wollen. Aber wären die Kirchen in der BRD bereit, "sich durch die eigenständigen Erfahrungen ihrer Partnerkirchen in der DDR verändern zu lassen?" Dem Überwiegen wirtschaftlicher Gesichtpunkte im Vereinigungsprozeß habe die Kirche als Einengung und perspektivischer Verzerrung zu widersprechen. Die Verfasser wagen sogar den 1990 wirklich riskanten Satz: "Die Bibel und marxistische Gesellschaftskritik schärfen uns gleichermaßen ein: ein politisch-ökonomisches System ist aus der Perspektive seiner Opfer zu beurteilen."

Ich konnte der Berliner Erklärung Satz für Satz zustimmen. Wer ihr zustimmte, konnte auch unsere Novembererklärung unterzeichnen. Bald waren es 237 Sympathisanten aus dem Braunschweiger Bereich und Bekannte auch von außerhalb, vor allem kirchliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, darunter 26 Pfarrerinnen und Pfarrer aus der Braunschweiger Landeskirche und sechs weitere von auswärts, die die Erklärung vom November 1989 mittrugen.

Das war keine Braunschweiger Besonderheit: in Württemberg hatten im gleichen Zeitraum 200 kirchliche MitarbeiterInnen sich "Für eine eigenständige, sozialistische Entwicklung in der Deutschen Demokratischen Republik" ausgesprochen. Sie forderten die völkerrechtliche Anerkennung der DDR durch die Bundesrepublik und bis auf weiteres die Aussetzung des Wiedervereinigungsauftrages des Grundgesetzes. "Wir als ProtestantInnen verbinden damit die Hoffnung auf Verwirklichung von demokratischem Sozialismus, auf die Sicherung des Friedens in Europa, auf zukunftsträchtige Beziehungen zwischen evangelischen ChristInnen und sozialistischer Bewegung."

So weit waren wir gar nicht gegangen. Immerhin: der Ratsvorsitzende und Berliner Bischof Kruse bedankte sich für unsere Erklärung und er werde die Anregungen bei seinen weiteren Äußerungen bedenken. Aus der Kirchenleitung der eigenen Landeskirche kam keine Antwort.

Wenn man diese Erklärung elf Jahre später liest, werden sich einige womöglich an den Kopf fassen. Besser ist es, sie mit dem oben zitierten Punkt 5 aus dem 10-Punkte-Programm des Bundeskanzlers vom 28. November 1989 vor dem Bundestag zu vergleichen und festzustellen, daß sie ohne Frage in dessen Linie der behaupteten Zweistaatlichkeit liegt.

Die folgende Entwicklung zeigte nicht etwa die zwingende Notwendigkeit rasanter Veränderung, sondern vielmehr, in welch unanständigem Ausmaß die Formulierung der Richtlinien von der Politik an die Wirtschaft abgetreten wurde. Die Wirtschaft hat sich unter dem Motto, "jetzt oder nie" genommen, was sie kriegen konnte. Dazu erhielt sie die Hilfe der sogenannten "Treuhand". Ein Wirtschaftsfachmann urteilte zehn Jahre später. "Die Treuhand hat höchstens 30 Prozent der Betriebe gerettet, die sanierungsfähig gewesen wären." Die anderen wurden regelrecht in die Pleite geschickt, um den Westbetrieben unangenehme Konkurrenz vom Halse zu schaffen. Im Grenzgebiet gab es einen merkwürdigen Wettlauf der Landwirte über die Grenze nach mehr Ackerfläche.

Ich halte auch heute noch den Verlust eines reformierten sozialistischen Staates mit Runden Tischen, mit neuen politischen Formen breiter Bürgerbeteiligung, breitem Bildungsangebot, mit einem gestützten Markt auf dem Gebiet der DDR für die politische Kultur in Deutschland für ein großes Manko. Die Deutsche Luftwaffe wäre 1998 nicht so forsch über Serbien eingeflogen, wenn es Absprachen mit einem zweiten deutschen Staat hätte geben müssen. Der Raubtierkapitalismus hätte nicht in dieser blutigen Weise zugebissen. Es gibt keinen Anlaß, sich dieser Erklärung vom Dezember 1989 zu schämen.

Gespräche im Pfarrhaus über die Vereinigung und Grenzöffnung in Hohnsleben

Ich lud im Frühjahr 1990 einige Politiker zu Gesprächsabenden im Pfarrhaus ein. Am 10. Januar referierte die deutschlandpolitische Sprecherin der Grünen im niedersächsischen Landtag, Frau Roisch, über "Wiedervereinigung - warum eigentlich?" Sie lehnte eine Vereinigung zu einem Großreich ab, schlug praktische Abrüstungsmaßnahmen vor und forderte, daß die schweren ökologischen Fehler, die beim Aufbau der BRD gemacht worden seien, sich nun in der DDR nicht wiederholen dürften. Die Gemeinderäume waren brechend voll durch eine große Anzahl von DDR-Bürgern aus Dingelstedt. Der dortige Pfarrer Triemer und ich leiteten die Diskussion gemeinsam. Einer, der regelmäßig an den Leipziger Montagsdemonstrationen teilgenommen hatte, bedauerte den Zehnpunkteplan Kohls, der die hohe Demonstrationskultur in Leipzig schwer beeinträchtigt hätte. Er habe den Menschen den Floh der Wiedervereinigung ins Ohr gesetzt und nun liefen die Demos mit unerfreulichen Untertönen ab. Ich hatte den Verdacht, daß die Veränderung des ursprünglichen Demo-Mottos "Wir sind das Volk" - und eben nicht Honecker und Stasi - in "Wir sind ein Volk" auf Infiltration von CDU und westdeutschen Geheimdiensten zurückgegangen ist. Andere DDR-Teilnehmer meinten dagegen, die Deutschen brauchten wieder einen kräftigen Nationalstolz.

Anfang Februar fuhren wir zu einem Gegenbesuch nach Dingelstedt. Die Versammlung fand in einem größeren Saal statt und wir hatten den Eindruck, daß inzwischen dort alles fest in der Hand der CDU war. Von einer gemeinsamen Leitung des Abends wie in Offleben war nicht mehr die Rede. Die SPD hatte einen Referenten zugesagt, der jedoch in letzter Minute absagte und auch keinen Ersatz schickte.

Zu einem interessanten Abend wurde das Gespräch am 20. März 1990 mit dem CDU-Bundestagsabgeordneten Volkmar Köhler, eine der erfreulichen Erscheinungen innerhalb der regionalen CDU. Er referierte sehr differenziert über das Thema "Vergessen wir über der Deutschlandfrage die Dritte Welt?"

In der ersten Aprilhälfte wurde dann auch die Grenze zwischen Hohnsleben und Sommerschenburg geöffnet.

Aber wieder empfand ich keine reine Freude. Ostersonntag oder Ostermontag wäre ein schöner Termin gewesen. Es mußte statt dessen am 12. April, Gründonnerstag sein. Abends sollte in der Sommerschenburger Kirche ein Dankgottesdienst mit dem dortigen Pfarrer Mendel stattfinden. Frau Mendel war eine sehr engagierte Kreiskirchenkatechetin und hatte im Offleber Pfarrhaus über die Christenlehre in der DDR berichtet, die mir vorbildlich erschien. Ich hatte den starken Verdacht, daß der Gründonnerstag nur deshalb gewählt worden war, damit man sich am Karfreitag, Karsamstag und an den Osterfeiertagen ausgiebig betrinken konnte.

Dafür wollte ich das Anliegen des Gründonnerstags und die beiden Abendmahlsgottesdienste in Reinsdorf und Offleben nun doch nicht opfern. Der Reinsdorfer Kirchenvorstand bat mich jedoch, in Reinsdorf den Abendmahlsgottesdienst ausfallen zu lassen, dem ich mich knurrend fügte. Es war für mich trotz der historischen Dimension kein Grund, auf die Stille Woche zu verzichten und ich blieb deshalb in Offleben.

Die Unkirchlichkeit in der DDR und in der BRD reichten sich die Hand.

Die Grenze bleibt im Frühjahr und Sommer 1990 und verschwindet im Oktober 1990

Die Grenze existierte bis zum Herbst 1990. An der Grenze in Offleben stand ein Häuschen, in dem man seinen Ausweis vorzeigen mußte. Die DDR achtete auf die Integrität ihrer Souveränität, und mit Spannung verfolgte ich die über Rundfunk und Fernsehen übertragenen Debatten aus der Volkskammer. Da hatte ich das Gefühl sprudelnder und spontaner Diskussion und Demokratie, die unserem Bundestag längst abhanden gekommen war.

Natürlich wollte ich das Pfarrhaus endlich einmal aus dem Blickwinkel der beobachtenden Grenzsoldaten sehen und fuhr im Februar 1990 den betonierten Kolonnenstreifen hoch. Auf der höchsten Stelle stand der Betonbeobachtungsturm auf einem verlassenen Erdbunker. Ich erstieg ihn und hatte eine herrliche Aussicht über das Dorf und auf das Pfarrhaus. Ich hatte meinen Fotoapparat mitgenommen und gerade ein paar Bilder geschossen, als ein Jeep mit Volkspolizisten den Kolonnenweg patrouillierend herauffuhr. Sie fragten mich, was ich da machte, fotografieren wäre verboten. Ich stellte mich vor und erklärte ihnen meine Neugier, nun einmal die Optik einzunehmen, die sie jahrelang hatten einnehmen müssen und wie ich mir wohl manches Mal Gedanken gemacht hätte, was "die da drüben" auf dem Beobachtungsturm wohl dachten. Man konnte vom Pfarrgarten aus gut sehen, ob sich jemand auf dem Turm befand oder nicht. "Sie haben ja auch einen Parkplatz", tönte es plötzlich aus dem Jeep, und ich war erstaunt, offenbar jemanden vor mir zu haben, der hier seine Beobachtungskünste auf das Pfarrhaus gerichtet hatte. Ich lud sie freundlich ins Pfarrhaus zu einem Tee ein, was sie aus Zeitgründen ablehnten.

In dieser Monaten wurde auch entschieden, wie die DDR einverleibt werden sollte. Die CDU-Regierung wünschte einen Anschluß unter einer m.E. verfälschenden Auslegung des Artikels 23 des Grundgesetzes. Dort heißt es: "Dieses Grundgesetz gilt zunächst im Gebiet der Länder Baden, Bayern, Bremen, Groß-Berlin, Hamburg, Hessen, Niedersachsen, Nordrhein-Westfalen, Rheinland-Pfalz, Schleswig-Holstein, Baden-Württemberg und Württemberg-Hohenzollern. In anderen Teilen Deutschlands ist es nach deren Beitritt in Kraft zu setzen."

Aus diesem letzten Satz eine Beitrittsmöglichkeit der DDR abzuleiten, sie also mit Ländern wie Baden und Bayern zu vergleichen, fand ich verfassungsrechtlich sehr kühn. Aber wer las schon den Artikel 23? Wer hatte überhaupt ein Grundgesetz zu Hause? Auch hier bestimmte die praktische Politik und die Kraft des Faktischen das Recht.

"Kein Anschluß unter dieser Nummer", hieß die Parole für alle, die ein langsames Zusammenwachsen befürworteten. Im Gemeindebrief März 1990 veröffentlichte ich die Warnung von Generalsuperintendent Günter Krusche vor einem Beitritt nach Artikel 23.

Die andere Möglichkeit zu einer sehr viel langsameren Annäherung beider deutschen Staaten bot der Artikel 146 der Verfassung. Dieser Artikel, der letzte des Grundgesetzes, sprach davon, daß das Grundgesetz seine Gültigkeit an dem Tage verlieren würde, "an dem eine Verfassung in Kraft tritt, die von dem deutschen Volk in freier Entscheidung beschlossen worden ist." Daraus ergab sich die Möglichkeit, in gemeinsamen Kommissionen zunächst eine Verfassung auszuarbeiten. Das war der CDU unter ihrem Kanzler Kohl viel zu langweilig. So ist Helmut Kohl statt des "Kanzlers der Einheit" der "Kanzler des Anschlusses" geworden. Er hat dem vereinigten Deutschland eine Verfassung vorenthalten, die offenbar nur wenige vermissen und hat es verpaßt, die in der DDR neu entwickelten Formen der politischen Willensbildung, z. B. die Runden Tische, als Alternative zu dem abgehalfterten und maroden westdeutschen Parteiensystem zuzulassen. Statt dessen überzog die CDU die SPD mit dem häßlichen, völlig ungerechtfertigten Vorwurf, eine Vereinigung überhaupt nicht gewollt zu haben. Natürlich wollte sie eine Vereinigung, aber nicht auf diese schnelle, überhastete Tour. Es war die Zeit der verhunzten Vereinigung.

Zur Diskussion an Stammtischen, zu Hause und in der Gemeinde schrieb ich im Gemeindebrief März 1990 den folgenden Beitrag "Mast und Kohl".

Mast und Kohl

Der Likörfabrikant aus Wolfenbüttel Mast will dem Fußballverein 1. FC Magdeburg mit Geld gewaltig unter die Arme greifen. Dafür sollen die Spieler für den Jägermeisterlikör werben und auch für das "Humanitäre" wolle Mast was tun " natürlich auf geschäftlicher Interessenbasis". Wozu das alles? Mast: "Die Mannschaft soll stark genug sein, um am Tag X, wenn einmal die besten DDR_ Klubs in die Bundesliga eingegliedert werden, dabei sein können." (nach BZ 12.3.1990)

Also um Eingliederung geht es. Da gibt es bei uns eine Bundesliga und die Besten in der DDR können sich eingliedern. Die andern fallen heraus. Es könnte auch bei zwei Bundesligen bleiben, jedenfalls vorerst.

So wie Mast stellt sich auch Kohl die Eingliederung der DDR in die BRD vor, und zwar in zwei lockeren Schritten: erst Währungsunion. Da gibt es eine DM. Die Ostmark wird abgeschafft und eingegliedert. Damit kann die DDR praktisch keine eigene Wirtschaftspolitik machen. Die gibt ihr "Taschengeld" bei Pappi Kohl ab. 2. Schritt: § 23: Die DDR-Länder erklären ihren sogenannten Beitritt zur BRD, der Bundestag wird um einige Abgeordnete aus der DDR ergänzt. Damit kann die DDR praktisch keine eigene Staatspolitik machen. Sie hat effektiv aufgehört zu bestehen. Danach, so Innenminister Schäuble, wollte man mit der DDR alles Nähere aushandeln. Tatsächlich aber gibt es dann gar keine DDR mehr.

Was Schäuble vorschlägt, macht kein normaler Fußballer. Keiner würde den Verein wechseln und hinterher(!) die Ablösesumme aushandeln. Erst Verhandlungen, dann die Entscheidung. Zu gern möchte es Kohl andersherum haben: erst rin in die BRD, dann wird man alles weitere sehen.

Es gibt genug Wissenschaftler in der BRD und in der DDR und genug besonnene Leute in der Bevölkerung, die den Weg des organischen Wachstums vorschlagen, nämlich: keine Währungsunion in Form von rascher Einführung der D-Mark. Auch das wäre schon eine Währungsunion, wenn beide Währungen in ein faires, beiden Wirtschaften entsprechendes Verhältnis gesetzt würden und langsam gleichen sich beide Systeme an, und wenn der Kurs 1:1 steht, dann können wir auch eine gemeinsame Geldmünze einführen. Und genauso müßte es mit den neu gebildeten Ländern Mecklenburg, Sachsen, Thüringen, Brandenburg, Sachsen-Anhalt gehen: organisch.

Was geht das überhaupt die Kirche an? Sehr viel! Wenn Kohl weiterhin als Dampflokomotive an den Grenzen zur DDR steht und nur auf den Tag X wartet, daß er, wie er meint, das Beste stehen läßt und alles andere platt macht und niederwalzt, dann kommen sehr, sehr viele unter die Räder; und bei uns in der BRD gibt es einen furchtbaren sozialen Neid und Streit über die, die an dieser Politik faustdick verdienen und die vielen anderen, die nichts verdienen, statt dessen mit ihren Steuergeldern diese teure Politik abstützen sollen. Und dann heißt es ja üblicherweise: nun, liebe Kirche kümmere dich mal um die Schwächeren. Vielleicht ist es doch christlicher, daß es zu solchen explosiven Situationen bei uns und in der DDR erst gar nicht kommt.

(Gemeindebrief März 1990)

Noch heute wird von einem Beitritt der DDR zur BRD gesprochen. Das ist mehr als ungenau. Es mußten nun nämlich erst die Länder im Gebiet der DDR gebildet werden und dort Landtagswahlen durchgeführt werden. Am 3. Oktober traten dann diese neu gebildeten Länder dem Gebiet der Bundesrepublik bei. Das ist seiner verfassungsrechtlichen Form die ganze "Wiedervereinigung".

Mit der Grenze verschwanden auch die Grenztürme. Aber warum eigentlich? Ich hätte es für viel sinnvoller gehalten, wenn die Unterhändler, die Minister Schäuble und Krause, bei ihren Verhandlungen aus dem Grenzgebiet von der Ostsee bis zum bayrischen Wald einen Fahrradweg quer durch Deutschland mit primitiven Übernachtungsmöglichkeiten in den Grenztürmen und daraus einen historischen Lehrpfad gemacht hätten. Aber sie sollten rasch weg.

Nichts sollte mehr an die vergangene Existenz einer DDR erinnern.

Dankgottesdienst oder Bußgottesdienst?

Im Zusammenhang mit der Feier zur "Wiedervereinigung" entstand eine große Debatte, wie die Kirchen sich an diesem Fest beteiligen sollten. Dankgottesdienste oder wenigstens nur Festgeläut um Mitternacht? In der kirchlichen Presse wogte die Diskussion hin und her. Kohl bezeichnete die Weigerung der evangelischen Kirchen, die deutsche Einheit in der Nacht zum 3. Oktober mit Glockengeläut zu begleiten, als "Dämlichkeit, Torheit und Hinterfotzigkeit." Ich preßte in die Mitte der fast schon druckfertigen neuesten Nummer 47 von Kirche von Unten (KvU) einen vierseitigen Artikel "Nein und abermals Nein!"

Da hatte irgendein volksmissionarischer Verein sogar ein Plakat mit dem geöffneten Brandenburger Tor und der Choralstrophe "Nun danket alle Gott" herausgebracht. Das widerte mich theologisch geradezu an: wurde Gott also nun zum Urheber dieser Art der Vereinigung gemacht? War er denn auch der Urheber der vorangegangenen Geschichte mit dem Gefängnis Bautzen und Ulbricht und der Zwangskollektivierung? Suchte sich die mit der CDU jubelnde Kirche nicht mal wieder die Rosinen aus dem Geschichtskuchen heraus? Das war mir theologisch so geschmacklos und abgestanden, daß ich auf dieser Ebene überhaupt keinen Gottesdienst halten konnte.

Ich wollte in meinen Gemeinden auf keinen Fall einen Dankgottesdienst abhalten, nachdem meiner Ansicht nach - um mit Willy Brandt zu sprechen - in den vorausgehenden Monaten wenig zusammengewachsen und viel zusammengewuchert war.

Da ich zu der damaligen Zeit die Vertretung für die vakante Pfarrstelle Büddenstedt hatte, ließ ich mich von Bürgermeister Karl Heinz Isensee überreden, in der Martin-Luther-Kirche in Büddenstedt einen Gottesdienst zu veranstalten, an dem sich dann auch mehrere Ortspolitiker bei der Fürbitte beteiligten. Ohne ein Wort der Buße für die Gewalttat am 2. Weihnachtstag in Offleben war mir der Dankgottesdienst doch schwer.

Wie es in der ganzen Landeskirche aussah, habe ich in einem ausführlichen fast zehn Seiten langen Beitrag "Der Tag des Beitritts im Spiegel der Gottesdienste in der Braunschweigischen Landeskirche" in KvU, Heft 48, November 1990, zusammengefaßt. Das Heft wird eingeleitet mit einer Ansprache von Helmut Liersch, damals Pfarrer von Groß- und Klein-Elbe, bei einem Gottesdienst am Vorabend des Staatstages in Baddeckenstedt. Es ist eine ausgesprochen nachfragende, jedes Triumphgeschrei vermeidende Predigt über den für diesen Tag auffälligen Bibeltext: "Ich ermahne euch nun, liebe Brüder, durch die Barmherzigkeit Gottes, daß ihr eure Leiber gebet zum Opfer, das da sei lebendig, heilig und Gott wohlgefällig." Auch von Propst Klaus Jürgens liegt eine gedruckte Predigt zu diesem Tag vor.

Inzwischen sind 129 eingesandte Predigten aus westdeutschen Kirchen zu diesem Anlaß im Kirchenamt in Hannover-Herrenhausen eingereicht und analysiert worden. Dabei sind häufiger die widersprüchlichen Gefühle an diesem Tag geäußert und sogar zu einer Klage zusammengefaßt worden. Aber alle Prediger preisen die Wiedervereinigung als große Tat Gottes. Wie weiland in Sedan: "Welche Wendung durch Gottes Fügung!"

Vor Ort sah das mit der sogenannten "Fügung Gottes" allerdings etwas seltsam aus. Die Grenzöffnung führte zu grotesken Problemen bei der hiesigen Wirtschaft. Man konnte nun bis zur Währungsumstellung im Sommer 1990 sehr billig in der DDR einkaufen und hier billig weiterverkaufen. Es entstanden allerlei Gerüchte von billigem Aufkauf dort und teurem Weiterverkauf hier. Der Lebensmittelladen Huke sah sich genötigt, mit einer Anzeige darauf aufmerksam zu machen, daß der von ihm verkaufte Zucker nicht aus der DDR stamme.

Andrerseits galten die in Schöningen in den Auslagen auf der Straße ausgestellten Waren bald nicht mehr als sicher. Sie wurden nicht selten von DDR-Besuchern stibitzt, was ja wohl entschuldbar und erklärlich war.

Die wirtschaftliche Situation am Zonenrand jedenfalls boomte auf westlicher Seite, und als 1993 und 1994 die Wirtschaft jammerte, es ginge ihr im Vergleich zu den Vorjahren erheblich schlechter, mußte sie daran erinnert werden, daß sich durch die Grenzöffnung der Umsatz auf eine untypische Weise erhöht hatte und sich nunmehr langsam wieder normalisierte.

In Hötensleben eröffneten die großen Westketten ihre Verkaufshallen, wo die Waren in der ersten Zeit für Westbesucher zu erheblich billigeren Preisen zu erstehen waren als in Schöningen oder Helmstedt. Ich selber mußte mich erst etwas überwinden, "im Osten" einzukaufen, weil ich mir dachte, das sei eigentlich zu diesen vergleichsweise günstigen Preisen nur für die DDR-Bewohner gedacht. Ein typisch pastoraler Denkfehler. Es war Aldi nun wirklich egal, wer bei ihnen einkaufte. Sie hatten ja genug Westsubventionen zum Errichten ihrer Kaufhalle bekommen.

Ärger gab es später, als bei hiesigen Betrieben die Einstellung von Arbeitern aus Sachsen-Anhalt billiger wurde als die Weiterbeschäftigung von Westleuten. Es kam vor, daß junge Arbeiter aus dem Dorf entlassen und dafür andere "aus dem Osten" eingestellt wurden. "Baut die Mauer wieder auf, aber höher", stand eines Tages an der Bushaltestelle geschrieben. Das war häßlich und dumm, aber es spiegelte doch die Enttäuschung über die Art der Vereinigung wieder. Ziemlich doofe "Ossi-Witze" machten ihre Runde.

Die früher von Propst Jungmann viel gepflegten Begegnungen mit Pfarrern und Gemeindegliedern aus den Grenzgebieten versandeten. Von der Propstei hatten wir vor 1989 noch die Kollegen aus Haldensleben besucht: sie waren einmal bei uns, wir waren einmal bei ihnen. Das schlief ein. "Wir haben genug mit uns selbst zu tun", sagten sie.

Mehrfach war ich mit Besuchern in der schönen Rokokokirche in Hötensleben und in der wunderbaren romanischen Klosterkirche in Hamersleben gewesen. Das Interesse und eine Neugier von "drüben" an unserer Kirche war gleich Null. Kirche im Westen interessierte sie nicht. Auch die anfängliche Beziehung zu den Schöninger Kirchengemeinden schlief mit der Zeit ein. Es war fast schwieriger, bei offener Grenze Verbindung zu halten als bei geschlossener. Das war auch die Beobachtung mancher Bewohner, die in Offleben vor 1989 "Päckchen nach drüben" geschickt hatten; ab 1990 blieben die gegenseitigen Besuche eher aus.

Ich mußte ein neues Wort lernen: Deutschland. Es erschien rasch auf den Briefmarken. Es war in meinem politischen Sprachschatz bisher nicht vorgekommen. Ich kannte dafür die Worte: Deutsches Reich, Großdeutschland, Bundesrepublik Deutschland.

Deutsches Reich, das war die Landkarte der Weimarer Republik, Ostpreußen, rechts gelegen, war abgeteilt. Großdeutschland, das war der Stolz des Pimpfes Dietrich K., so sahen meine Schulbücher in den ersten fünf Jahren aus. Da wurden Fähnchen draufgesteckt. Bundesrepublik oder - man sollte es ja nicht sagen - die BRD war eben eine vergleichsweise politische Rumpffigur, aber sie hatte ihren Sinn und ihre Geschichte.

Jetzt sollte ich über Nacht Deutschland sagen und mochte es nicht. Sollte das wieder losgehen: Deutsche und Ausländer, deutsche Waren, deutsche Parteien, deutsche Kirche, deutsche Leitkultur. Ich fand das schlicht zum Kotzen. Ich fand Ausländer wunderbar, zog internationale Parteien urdeutschen gerne vor, fand Ökumene spannender als deutschen Kirchenmief, aber Deutschland? - wenn es nicht sein mußte, dann doch lieber etwas anderes. Die Grenze hatte mich vor Deutschland bewahrt. So furchtbar und dämlich sie war, die Grenze - das war an ihr eigentlich ganz gut gewesen

Die Grenze hat uns geprägt. Sie ist ein Produkt des 20. Jahrhunderts. Inzwischen erlebt eine neue Generation ein neues Jahrhundert. Ohne diese Grenze.


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