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[Kirche von unten]

Gemeinsam - zärtlich - radikal

5. Kapitel

Das Pfarramt und das Küsteramt auf dem Dorfe

Jeder Pfarrer hat sein Bild von Kirche und Gemeinde, das er in der ihm anvertrauten Kirchengemeinde zu verwirklichen sucht, soweit es in dieser Gemeinde möglich ist. Insofern fängt mit jedem Pfarrer oder jeder Pfarrerin ein neues Bauen am traditionellen Gehäuse der Kirche an. Das alte steht noch, ein neues wird begonnen. Ich habe Kirche und Glauben so gelebt, wie ich es vermochte, dazu eingeladen und dabei eine Gemeinschaft gefunden. Einige Leute, die sich vorher zur Gemeinde gehalten hatten, blieben weg, neue kamen hinzu.

Andrerseits: kein Pfarrer fängt von vorne an. Er erntet, wo er nicht gesät hat. Und er gerät in gewachsene Traditionen.

Also will ich im folgenden meiner vier Vorgänger im Amt gedenken. Zwei von ihnen sind im Dienst und zwei nach der Pensionierung verstorben. Auf die Spuren ihrer Wirksamkeit bin ich ständig gestoßen.

Die Vorgänger im Amt

Pfarrer Oskar Reiche und seine Frau Emma (1915-1945)

30 Jahre lang hat Pfarrer Oskar Reiche die Gemeinde betreut. Als er 1915 nach Offleben kam, war er 46 Jahre alt.

Anfang im Krieg

Es war Krieg und der furchtbare Rübenwinter. 1916 mußte für den Krieg die große Glocke der Offleber Kirche abgegeben werden. 1922 wurde sie wieder ersetzt. Die drückenden Inflationsjahre 1922/23 überstand Pastor Reiche durch zusätzliche Arbeit bei den BKB. 1929 wurde die Offleber Kirche vollständig renoviert. Bei fast allen Goldenen Konfirmationen, die ich gehalten habe, war nur von Pastor Reiche die Rede; es waren die Goldenen Konfirmanden von 1965 bis 1995. Ich kann nicht sagen, daß sie sehr respektvoll von ihrem Pfarrer gesprochen haben. Da war vermutlich auch viel Imponiergehabe im Spiel bei den Geschichten vom Klauen der Pflaumen und Weintrauben "aus Pastor seinen Garten", der Eier und Hühner, der Schabernack im Unterricht. Er war ein Pfarrer alten Schlages, der alle vierzehn Tage mit der Kutsche zum Gottesdienst nach Reinsdorf fuhr und in der Freizeit Spaziergänge zum Gasthaus "Deutscher Hof" nach Schöningen unternahm. Man erzählt sich, daß er die Kutsche auf halbem Wege an der Scheune wenden ließ, wenn im Turm der Reinsdorfer Kirche die weiße Fahne gehißt wurde, weil keiner zum Gottesdienst erschienen war. Seine Frau, Tochter eines Landwirtes aus Derental, bewältigte das große Pfarrhaus.

Unter den Nazis

Vom Schicksalsjahr 1933 gibt es ein Foto der Kirche, auf dem die Kanzel bei einer Trauung im August mit einem Hakenkreuz aus Tannengrün geschmückt ist. Das war bestimmt nicht seine Idee, sondern die Trauleute fanden das so schön und er hatte nichts dagegen zu setzen.

Der Rausch des Nationalsozialismus machte natürlich auch vor unseren Dörfern nicht Halt. Überzeugte Sozialdemokraten und Kommunisten gingen auf Tauchstation, um zu überleben, andere hängten überraschend für die Nachbarn eine lange Hakenkreuzfahne aus dem Fenster und schwammen mit. Die sogenannten "Deutschen Christen", also die Nazis in der evangelischen Kirche, eroberten bei den Kirchenvorstandswahlen im Sommer 1933 alle Sitze in den Kirchenvorständen und so auch in Offleben und Reinsdorf-Hohnsleben.

Den Aufschwung erlebten die Offleber bei dreitägigen Volksfesten zwischen dem Schützenhaus und der Badeanstalt und vor allem durch die Errichtung des Schwelwerkes mit seinem furchtbaren Schweldreck, der zu hartnäckigen, erfolgreichen Protesten der Offleber Bevölkerung führte.

Es hat nicht lange gedauert, dann stand auch in Offleben am Ortsausgang nach Reinsdorf ein Schild "Juden sind hier unerwünscht".

Die Ernüchterung kam in der Kirche wohl am ehesten. Bitter beklagt sich Pfarrer Reiche, daß ihn der Kirchenvorstand bei der Visitation am 23. Mai 1937 völlig im Stich gelassen habe. Die Kirchenvorstandsmitglieder hatten es vorgezogen, zu einem Parteifest nach Helmstedt zu fahren. Pfarrer Reiche schrieb in der Kirchenchronik:

"Am Trinitatisfeste, dem 23. Mai wurde hier wieder eine Kirchenvisitation durch Propst Bosse gehalten. Dabei zeigte sich, wie wenig ernst es die Mitglieder des K.G.R. (Kirchengemeinderates, D.K). mit ihren Amtspflichten nehmen. An jeden einzelnen war eine Einladung ergangen. Trotzdem war nur ein Mitglied, Herr Dunker sen., erschienen. An dem Tage war in Helmstedt ein Fest der Partei, das denen, die nicht durch Arbeit verhindert waren, wichtiger erschien als die Pflicht als Mitglied des K.G.R. Man hatte es nicht einmal für nötig befunden, sich zu entschuldigen. Infolgedessen konnte die Besprechung des Propstes mit dem K.G.Rat nicht stattfinden. Durch ein Rundschreiben mußte der Propst die Leute an ihre Pflichten erinnern. Obwohl die wenigsten Interesse für die Kirche und ihre Angelegenheiten zeigen, zieht niemand die Folgerung, das Amt niederzu-

Pfarrer Oskar Reiche

legen, und es wäre doch sehr wünschenswert, weil dann Männer in den K.G.R. kämen, die wirklich Interesse für die Kirche zeigen."

Es muß schon sehr weit kommen, wenn ein im Grunde unpolitischer und konfliktscheuer Pfarrer wie Oskar Reiche am Ende des Jahres seine Enttäuschung in dieser Weise seiner Kirchenchronik anvertraut und den Rücktritt seiner kirchlichen Mitarbeiter wünscht. Es spiegelt etwas von der Einsamkeit des Pfarrers nach den möglicherweise großen Hoffnungen und hohen Erwartungen am Anfang des sogenannten "Dritten Reiches".

Ein eindrucksvolles Beispiel für die völlige Abwesenheit der Kirche im persönlichen Alltag bietet der Bericht des Lehrers Rolf Söchtig. Er wurde1940 konfirmiert und war zu jener Zeit HJ-Führer im Dorf. Er nahm an der Goldenen Konfirmation 1991 teil und ich bat ihn, seine Erinnerungen aufzuschreiben. Er war dazu bereit und trug sie am Vorabend des Konfirmationstages im Juni 1991 im Pfarrhaus vor vielen damaligen Mitjugendlichen vor. Im Pfarramt liegt sein interessantes, 40 Seiten langes Manuskript. Er wohnte in seiner Jugend in der Schulstraße, der heutigen Poststraße, neben der Mühle. Die Kirche, die um die Ecke lag, wird in diesem Bericht nicht mit einem Sterbenswörtchen erwähnt. Sie spielte überhaupt keine Rolle. Das ist sehr bezeichnend, und zwar, wie ich vermute, nicht nur für die nationalsozialistische Zeit.

Man kann man sich das Elend in den heraufkommenden sechs Kriegsjahren kaum vorstellen, wenn es in Friedenszeiten schon für Pfarrer Reiche schwierig wurde und selbst der engste Mitarbeiterkreis auf die Küsterin Marie Benroth und den Organisten zusammenschrumpfte.

Im 2. Weltkrieg

1939 war Pfarrer Reiche 70 Jahre alt geworden. Er hätte sich pensionieren lassen können. Trotzdem nahm er es auf sich, die immer unruhiger und aufsässiger werdende Dorfjugend zu unterrichten. Der Kirchenvorstand war praktisch auseinandergefallen.

Ganz schwierig wurde es für ihn, als ihm 1940, wie in vielen anderen Braunschweiger Kirchengemeinden auch, die Verwaltung der Kirchenkassen für Offleben und Reinsdorf weggenommen und als Finanzbevollmächtigter Lehrer Bernhard Schulze vor die Nase gesetzt wurde. Reiche schreibt über ihn in der Kirchenchronik: "Mit dem Mann läßt sich wohl arbeiten, wenn er auch ganz unkirchlich, wohl gar kirchenfeindlich ist. Als Standesbeamter sagt er z. B. den Leuten, sie brauchten bei Taufen und Trauungen nicht mehr zur Kirche. Das erste, was er tat, war, daß er dem tüchtigen Rechnungsführer, Herrn Götz, die Kassenführung nahm und die Führung der 3 Kassen Offleben, Reinsdorf und Büddenstedt an die Gemeindesekretärin Gisela Boog übertrug." Aber schon ein Jahr später bekam Herr Götz die Kirchenkasse zur Verwaltung wieder zurück und Bernhard Schulze wurde am 1. April 1942 seines Amtes enthoben. Pastor Schröder aus Esbeck, der damals im Kriege Büddenstedt mit verwaltete, hatte sich wiederholt erfolgreich über ihn beschwert. Die geplante finanzielle Ausplünderung der Landeskirche hatte sich auf diesem Wege, auch anderswo, doch nicht durchsetzen können.

Am 18. März 1942 wurde die einzige Reinsdorfer Glocke "für den Endsieg" abgenommen. Auch die Kirchen im ganzen Land mußten ihre Glocken abgeben. Vergeblich hatte sich Pfarrer Reiche dagegen beim Landeskirchenamt gewehrt, weil es ja die einzige Glocke war. Auch im Landeskirchenamt regierten damals die Nationalsozialisten.

Die Vorstellungen von "Kantor" Schulze, dem ersten politischen Beamten im Dorfe nach Bürgermeister Wahnschaffe, die Offleber mögen sich doch lieber "unter der Fahne" taufen und trauen lassen, hatten erste Erfolge. Natürlich hatten diese Feierlichkeiten mit "Taufe" nichts zu tun. Man nannte es eben so.

Am 30. Juni 1944 fiel der einzige Sohn Günter von Ehepaar Reiche im Kriege.

Nach dem Krieg

Große Ängste waren dann 1945 nach der totalen militärischen Niederlage auszustehen, als der Grenzverlauf zwischen den feindlichen Fronten unklar war. Die historische Grenze zwischen dem preußischen und braunschweigischen Teil Offlebens verlief mitten durch den Pfarrgarten. Würden die sowjetischen Truppen bis an diese Grenze heranrücken? Die Offleber aus dem gegenüberliegenden Haus Nr. 6, dem alten Pfarrhaus, das einmal 1907 abgerissen und dort als "Armenhaus" wiederaufgebaut worden war, hatten ihre Wohnungen bereits verlassen.

Pfarrer Reiche veränderte den Kirchenvorstand von Grund auf.

Wegen der großen Wohnungsnot mußte das Ehepaar Reiche die erste Etage und den Boden räumen und für Flüchtlinge freimachen.

Pfarrer Reiche ist am 22. April 1946 im Pfarrhaus verstorben und liegt auf unserm Friedhof begraben. Manche Goldenen Konfirmanden haben das Jubiläum benutzt und sein Grab aufgesucht. Auf seinem Grab ist das Christuswort Joh.12, 26 verzeichnet. Es lautet: "Wer mir dienen will, der folge mir nach und wo ich bin, da soll mein Diener auch sein. Und wer mir dienen wird, den wird mein Vater ehren".

Seine Frau, die im Pfarrhaus wohnen blieb, folgte ihm 1951 nach. Ihr aufopferungsvolles Pfarrfrauenleben ist unter das Wort von Jeremia 31 ,3 gestellt worden: "Ich habe dich je und je geliebt. Darum habe ich dich zu mir gezogen aus lauter Güte".

Pfarrer Hans Jürgen Müller und seine Frau Hildegard (1945-1951)

Pfarrer Reiche wurde von seinem Nachfolger Pfarrer Hans Jürgen Müller begraben, der seit dem 8. Dezember 1945 in Offleben Dienst tat und am 3.1.1947 fest vom Kirchenvorstand gewählt wurde. Pfarrer Müller war Helmstedter, 1913 geboren, Kriegsteilnehmer, 1942 Stadtadjunkt in Braunschweig, ab 1943 in Wienrode und 1945 nach Offleben entsandt worden.

Es war die heute unvorstellbare Nachkriegszeit mit überfülltem Pfarrhaus, in dem mehrere Familien wohnten. Der siebenköpfigen Familie Bode aus Frankfurt/Oder war das Pfarrhaus zugewiesen worden. Der Schulrektor Sandvoß hatte als belasteter Nationalsozialist seine Wohnung räumen müssen und war im Pfarrhaus untergekommen. Auf dem Boden war zunächst das Ehepaar Schonsch und dann lange Zeit Frau Schwotzer einquartiert. Außerdem wohnte das Ehepaar Reiche in der unteren Wohnung. Müllers fanden also bereits 13 Personen im Pfarrhaus vor. So sah es aber im ganzen Dorf aus. Es herrschte große Wohnungsnot. Dazu kam 1946 der sehr strenge Winter.

Unter Pfarrer Müller "normalisierte" sich das kirchliche Leben. Herr Lohmann kam aus amerikanischer Gefangenschaft zurück und dirigierte wieder den nunmehr etwa 30köpfigen Kirchenchor. Die Frauenhilfe sammelte sich wie vor dem Kriege und es fand sich dazu ein Kreis junger Mütter zusammen. Die Bibel war nun wieder gefragt. Im Frühjahr 1947 fand in der geheizten Kirche - das war nicht selbstverständlich - eine sehr gut besuchte Bibelwoche statt und im Oktober eine "Gebetswoche für unsere Gefangenen", die bis 1949 wiederholt wurde.

Die Gemeinde leistete sich sogar eine im Burckhardthaus ausgebildete Gemeindehelferin, Frau Annegret Horenburg, die bald von Frau Christa Klietsch abgelöst wurde. Sie blieb bis Ende 1949. Das war das Signal für eine nach HJ- und BDM-Zwang lebhaft werdende kirchliche Jugendarbeit. Dann konnte die Gemeinde die Besoldung nicht mehr aufbringen.

Für das Evangelische Hilfswerk sammelten die Frauen in der Bevölkerung. Es konnten Spenden aus Amerika aus der mennonitischen Gemeinde verteilt werden. Wie immer, wenn etwas verteilt wird, blieb auch hier der Klatsch über Ungerechtigkeit nicht aus.

Als neu registrierte Pfarrer Müller die konfessionsverschiedenen Ehen, die es früher in Offleben nicht gegeben hatte. Die Zahl der Beerdigungen war mit 34 verhältnismäßig hoch. "Unter den Beerdigten waren einige, die infolge der Aufregungen beim Grenzübertritt einen Herzschlag bekommen hatten", schreibt Pfarrer Müller in die Kirchenchronik. Aber der große kirchliche Aufschwung, möglicherweise erhofft, blieb aus. Am Volkstrauertag 1948 befanden sich in der Reinsdorfer Kirche zwei Frauen, eine aus Reinsdorf, eine aus Hohnsleben. "Wer Augen hat zu sehen, der sehe", fügt Pfarrer Müller dieser Nachricht an.

Am 22. Mai 1948 wurde der von der Brücke gefallene, langjährige Organist Karl Wöhler von der Kirche aus begraben. Die Bevölkerung bildete von der Kirche bis zum Friedhof ein dichtes Spalier. Sein Nachfolger im Kirchenvorstand wurde der Gärtner Götz.

Die Währungsreform am 21. Juni 1948 machte die Rentner und Witwen noch ärmer und die pachtfreien Landwirte reich. Ab 1949 schlug auch wieder die Kirchenuhr und Rottenmeister Müller richtete den Friedhof an der Reinsdorfer Straße her, da ja der Friedhof auf dem preußischen Teil nicht mehr zugänglich war. Am 24. Februar 1950 kamen die Frauen zum ersten Weltgebetstag der Frauen im Konfirmandensaal zusammen und im nächsten Jahr wieder.

Die Reinsdorfer Kirche erhielt wieder eine Glocke. Sie wurde am 4. März 1951 feierlich aufgehängt. Es war ein ökumenisches Ereignis. Auch der katholische Pfarrer Zwingmann war bei der Einholung und feierlichen Übergabe der Glocke dabei.

Frau Hildegard Müller, die energische Pfarrfrau, spielte die Orgel und rückte im Hause manches zurecht. Sie hat in einem Gemeindebrief von ihrer Zeit einen kleinen Bericht geschrieben

Erinnerungen an das Pfarrhaus Offleben 1946-1950

(von Hildegard Müller)

Als wir an einem regnerischen Freitagabend im Januar 1946 mit unserm Möbelwagen vor dem Pfarrhaus in Offleben vorfuhren, waren wir voller Vorsätze, dort unser Bestes zu geben. Aus den Fenstern über der Haustüre schauten die Töchter der Familie Bode beim Ausladen zu und zu meiner großen Freude half eine von ihnen wegen des zunehmenden Regens und der Dunkelheit Koffer und Körbe mit ins Haus zu tragen. Dafür gab ich ihr einen Schal und staunte nicht schlecht, als Mutter Bode mir bedeutete, daß bei fünf Töchtern ein einziger Schal nur Anlaß zu Streitereien bedeute. Auch schenken will gelernt sein, diese Erkenntnis war meine erste Lektion als Hausfrau.

Gern hätte ich damals etwas Warmes zum Abend gekocht, aber wir hatten weder Tauchsieder noch Elektroplatte, von Holz und Kohle ganz zu schweigen. Entschlossen griff ich zum Beil und schlug die Füße am Küchenschrank ab. Die prasselten im ersten Feuer am "eigenen Herd". Zwei Treppen höher saß inzwischen mein Mann weltvergessen auf seinen Bücherkisten und genoß das Wiedersehen mit seinen Lieblingen, die er während der sechs Jahre Kriegsdienst empfindlich vermißt hatte. Mir wäre es entschieden lieber gewesen, wenn er sich am Bettenaufstellen beteiligt hätte. Die zweite Lektion hieß also: nicht jeder Pfarrer ist ein "all-round-man".

Am nächsten Tag holte dann mein Mann 1 Zentner Kohlen und ich die Wochenration der Lebensmittelkarten. Was da meine schwäbischen Ohren im Laden zu hören bekamen, war so fremd, daß ich dachte: wir hätten ruhig nach China gehen können, viel schwieriger wäre dort die Sprache wohl auch nicht. (Gottlob, diese Klippe wurde bald überwunden). Wer Deputat gewöhnt ist, kann sich kaum vorstellen, wie groß oder klein ein Zentner Briketts im Keller aussieht... 52 Stück, das heißt 5x10 Stück und zwei in Reserve, das gab für ein Zimmer Heizung für 5 Tage. Wenn wir Chor oder Frauenkreis hatten, brachten manche einen Beitrag zur Heizung mit. Weil auch im Gemeindesaal die Kohle knapp war, saßen wir ja dicht bei dicht im Amtszimmer, Kohlenklau war damals gang und gäbe, aber natürlich nicht im Pfarrhaus. Trotzdem freute ich mich wie ein Kind, als eines Abends am hinteren Hauseingang ein Sack Briketts abgegeben wurde mit der Bemerkung: "Heute haben wir für Sie geklaut!". Lektion: Der Hehler ist wie der Stehler.

Alles, alles war damals knapp. Irgendwann begann ich mein Hochzeitskleid gegen eine Wurst oder Sirup zu verborgen. Es fanden viele Trauungen statt, und so war mein Kleid auch gut ausgebucht. Im Winter übten wir ein Krippenspiel ein und stellten fest, daß die Maria dringend ein blaues Kleid nötig hatte. Sofort wurde das Hochzeitskleid eingefärbt, und wie bildschön sahen die Marien der folgenden Jahre darin aus. So hat mein Brautkleid viel gute Dienste tun können.

Leider hatte ich vor meiner Offleber Zeit nie gehört oder gelesen, daß die Äpfel aus dem Pfarrgarten am besten schmecken. Jetzt mußte ich zusehen, wie ganze Rudel von Kindern den Gartenzaun demontierten und mit den Latten das Obst von den Bäumen schlugen. Einmal fehlten 128 Latten, und als wir sie mit Herrn Dunkers Hilfe ersetzen konnten, gab es keine Nägel. So blieb es also beim Selbstbedienungsladen. Es entstand sogar ein kleiner Handel, denn eines Tages kam aus der Siedlung Süd eine Frau und fragte, ob wir noch mal von den guten Birnen zu verkaufen hätten, die sie neulich aus unserm Garten angeboten bekommen habe. Wir waren platt wegen dieser Art von Nachbarschaftshilfe.

Wie naiv standen wir auch den Pfingstgebräuchen gegenüber. Als unsere Hühnerleiter am Pfingstsonntag fehlte, waren wir entzückt, einen Helfer in der Not zu finden, der uns gegen entsprechendes Trinkgeld wieder zu unserer Leiter verhalf. Erst im nächsten Jahr, als er dieselbe Tour wieder ritt, merkten wir, daß der kleine Bursche Verstecker und Wiederbringer in eins war. Was diese Art Scherze mit Pfingsten zu tun hatte, konnten wir nie so recht begreifen.

In der ersten Zeit hatten wir nur einen Raum für Amtsgeschäfte und Wohnen. Wenn Besucher für meinen Mann kamen, ging ich in die Küche im Keller, war er allein, setzte ich mich möglichst still aufs Sofa und stopfte. (Die älteren Hausfrauen wissen ja noch, wie viel Zeit man damals damit zubrachte). An einem Sonnabend hatte ich ein ziemliches Problem, weil ich kein Stäubchen Mehl mehr zum Kochen hatte. Es klopfte, und herein kam der junge Herr Jacobs, den wir damals noch nicht kannten, und brachte uns eine Tüte Mehl. Sicher sind unter den Lesern dieser Zeilen viele, die damals still und heimlich von Tante Jacobs eine ähnliche Hilfe bekommen haben. Wie überrascht war ich an jenem Abend, daß uns so aus der Not geholfen worden war, aber wie staunte ich, als am andern Morgen in der Kirche der Text verlesen wurde, an dem mein Mann, ehe der Besuch gekommen war, gearbeitet hatte. Lesen Sie bitte einmal 1. Kön. 17, 9-14: "Das Mehl im Kad soll nicht ausgehen".

Überhaupt Tante Jacobs! Als ich zum ersten Mal den überfüllten Gemeindesaal beim Kindergottesdienst erlebte, war ich überwältigt. In großer Treue und mit viel guten Gedanken hatte Frau Jacobs diese Arbeit aufgebaut. Viele hundert Zeitschriften und biblische Bilder wurden verteilt, in Alben geklebt und als Schatz aufgehoben. Sorgfältig wurden Jahresprogramme ausgesucht und Lernsprüche gemeinsam gelernt.. Noch heute kann ich in keinen Gottesdienst gehen, ohne ihre Bitte nachzusprechen: "Lieber Gott, gib doch deinen Segen, und lieber Herr Jesus, sei bei uns." Ich nehme an, daß ganze Jahrgänge Offleber Kinder in Dankbarkeit an diese Kindergottesdienste denken werden. Ein strenger Liturgiker hätte wahrscheinlich seine Bedenken gehabt, wenn er auf dem Altar Tante Jacobs' Pelzcape und ihren großen Küchenwecker erblickt hätte. Aber wir alle, ob groß oder klein, wußten, daß da ein Mensch Gott an den Kindern dienen wollte und alle Gaben einbrachte, seien es materielle oder geistliche. Frau Jacobs war ein Glücksfall für die Gemeinde.

Die Jahre 1946-50, die wir in Offleben verbrachten, ließen uns an einem Stück Elend teilhaben, wie man es so eben nur an der Grenze erleben konnte. Im Rückblick überwiegen aber die guten Erinnerungen an viele freundliche Menschen und den allmählichen Wiederaufbau. Aus dankbaren Herzen wünsche ich der Gemeinde und ihren Gliedern eine gute Zukunft.

(aus dem Gemeindebrief Januar/Februar/März 1984)

Nach einem gut besuchten Abschiedsgottesdienst am 3. Juni 1951 wechselte das Pfarrerehepaar Müller nach Emmerstedt und von dort 1961 an die Michaeliskirche in Braunschweig. Dort starb Hans Jürgen Müller mit 55 Jahren am 3. Mai 1968 im Dienst.

Pfarrer Hans Eberhard Schuseil und seine Frau Helene (1951-1956)

Bereits am 1. Oktober 1951 bezog das Ehepaar Ernst Eberhard und Helene Schuseil das Pfarrhaus und der junge Vikar hielt am 7. Oktober seinen ersten Gottesdienst in Offleben. Im selben Monat, am 28. Oktober, beging die Offleber Kirche ihre 700-Jahrfeier in der Dorfkirche und im Gasthaus Grüne. Auch wenn Propst Hobom die Festpredigt hielt, so war die Feierlichkeit für den Vikar doch eine enorme Herausforderung.

Für Schuseil, im März 1920 in Braunschweig geboren, war Offleben die erste Stelle und hier wurde er am 6. Juli 1952 von Oberlandeskirchenrat Röpke zum Pfarrer ordiniert. Das hatte es hier in Offleben noch nicht gegeben. 200 Leute strömten zum Gottesdienst. Ein Jahr später, am 26. Juli 1953, wurde Schuseil von Propst Hobom als Pfarrer von Offleben in sein Amt eingeführt.

Offleben bekam im Laufe der Zeit eine junge Pfarrfamilie mit drei Jungens, zu dem später noch ein Mädchen hinzukam.

Die Jugendarbeit blühte auf. Es bildete sich ein Jungmädchenkreis und eine Jungschar für Mädchen. Schuseil, ein auf Freundlichkeit und viel Entgegenkommen bedachter Pfarrer, gestaltete 1953 den Offleber Kirchplatz und renovierte die Reinsdorfer Kirche energisch und grundlegend, die am 26. September 1954 in einem Festgottesdienst wieder in Gebrauch genommen wurde. Unter Pastor Schuseil fand die erste Goldene Konfirmation nach dem Kriege in Offleben statt, die er zusammen mit OLKR Röpke feierte. 110 Goldene Konfirmanden waren zusammengekommen.

Schuseil war ein durch und durch volksmissionarisch eingestellter Pfarrer, der einladend auf die Leute zuging. Im Februar 1953 veranstaltete er eine sogenannte Volksmissionswoche, bei der Pastor Hans Heinrich Ulrich von der Inneren Mission aus Braunschweig sprach und der Prediger Schwidurski. Die Kirche war eine Woche lang mit 100 bis 200 Personen gefüllt. Zur Abschlußveranstaltung am Sonntag nachmittag sprach Landesbischof Erdmann. Und doch klagt Schuseil in der Kirchenchronik über den normalen Gottesdienstbesuch: "Wie wenige aus der großen Gemeinde sind in Wirklichkeit im sonntäglichen Gottesdienst. Und sind wir dankbar, wenn sich 50 bis 60 Erwachsene durchschnittlich im sonntäglichen Gottesdienst versammeln." Offleben hatte damals 1.800 evangelische Einwohner.

Auf dem Friedhof an der Reinsdorfer Straße errichtete die politische Gemeinde 1953 nach den Plänen von Oberlandeskirchenbaurat Dr. Berndt eine Friedhofskapelle. Das war ein tiefer Einschnitt in die Beerdigungssitte, weil nun die Toten nicht mehr zu Hause aufgebahrt zu werden brauchten. Am Totensonntag 1953 hielt Pastor Schuseil in der Kapelle am Nachmittag eine Andacht.

Die Erneuerung von Kirchendach und Dachreiter durch das Staatshochbauamt war ein Zeichen des allgemeinen Aufschwunges. 1954 wurde die Offleber Kirche von innen grundlegend renoviert, die Emporen gekürzt, der Altarraum vergrößert und der Altar von der Wand gerückt, die ursprünglich mit viel Ornamenten versehene Decke neu schlicht vermalt und die Fenster abgedichtet. "Das war besonders notwendig durch den Kohlenstaub des Schwelwerkes, der ja durch die feinsten Ritzen dringt", schrieb Schuseil in der Kirchenchronik. Die grünen Vorhänge hinter der Altarwand an dem für den Patron reservierten Platz verschwanden, ebenso wie die Ehrentafel für die Gefallenen, aus dem Altarraum. Ganz schön revolutionär für den jungen Mann. Die beiden alten Eisenöfen wurden durch eine Heißluftheizung ersetzt. Propst Hobom hielt am 26. September 1954 in der erneuerten Offleber Kirche die Festpredigt.

Schuseil hat in der kurzen Zeit beide Kirchengebäude gründlich und nachhaltig umgestaltet.

Die Spuren der Nachkriegszeit blieben unübersehbar. Auch Pastor Schuseil hielt, wie in allen Braunschweiger Kirchen auf Empfehlung des Landeskirchenamtes, 1953 und 1954 Gebetsstunden für die Kriegsgefangenen.

Am 26. Februar 1956 wurde die Gemeinde erstmals nach dem Kriege von Propst Hobom visitiert. Es spricht für die hohen Erwartungen des jungen Pastors Schuseil an seine Gemeinde, wenn er einen Gottesdienstbesuch von sonntäglich 85 Personen bei insgesamt 1.800 Gemeindemitgliedern als "im allgemeinen nicht sehr gut" bezeichnet. Die Sonntagsheiligung werde durch die "Sonntagsschichten in den Braunkohlefabriken und Gruben erschwert".

Es waren die beengten Verhältnisse im Pfarrhaus, in dem auch noch die Familien Kluge, das Ehepaar Sandvoss und Frau Schwotzer wohnten, die die Familie Schuseil im April 1956 zum Wechsel in die Kirchengemeinde Sehlde bewogen. Am 22. April 1956 hielt Schuseil seinen Abschiedsgottesdienst über 1. Petr. 2, 11-17.

Die kirchlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter haben Schuseils wiederholt besucht, zum Schluß saßen wir mit ihm und OLKR Grefe unter den Bäumen seiner Wolfenbüttler Johanniskirche. Von dort ist er in den Ruhestand gegangen und nach dem Tod seiner Frau im Jahre 1988 am 10.6.1994 verstorben.

Eine Predigt von Pfarrer Schuseil

Am 15. Juli 1955 hielt der junge Pfarrer Schuseil eine Beerdigungsansprache für einen mit 16 Jahren ertrunkenen Jungen aus Neu Büddenstedt.

"Ich elender Mensch! Wer wird mich erlösen von dem Leibe dieses Todes? Ich danke Gott durch Jesum Christum, unsern Herrn".

Liebe Leidtragende! Liebe Trauergemeinde!

Wir haben in dieser Stunde alle Fragen, die uns innerlich bewegen! Und die meisten unserer Fragen beginnen mit dem Wort warum? Warum mußte dieses furchtbare Unglück geschehen? Warum mußte gerade dieser Junge sterben? Warum mußte er gerade an dieser Fahrt teilnehmen? Warum mußte solch ein harter Schlag gerade euch, liebe Eltern, treffen? Fragen über Fragen! Und das so Schmerzliche und Quälende an diesen Fragen ist, daß wir sie ja nicht beantwortet bekommen.

Es gibt so viele Fragen, die wir nicht beantwortet bekommen, weil wir nicht die Herren unseres Lebens sind, sondern Gott über unser Leben verfügt. Aber vielleicht ist das gerade für diesen oder jenen unter uns die quälendste Frage? Die Frage, die im Blick auf Gott aufbricht? Warum konnte Gott dieses Unglück zulassen? Warum hinderte er es nicht? Warum hat er es gerade so gefügt?

Und wir setzen wohl vor die Frage warum die Worte: Wenn es wirklich einen Gott gibt: wie kann er es zulassen?

Aber Gott gibt uns keine Antwort auf unser warum. Gott handelt nach seinem Ermessen. Gottes Wege sind nicht unsere Wege. Gottes Gedanken sind nicht unsere Gedanken. Für viele ist es Gott, der so dunkel erscheint. Viele nehmen Gott nicht mehr ernst. Viele haben in den Dunkelheiten ihres Lebens Gott verloren. Gehören auch wir dazu? Es wäre menschlich gesehen nur allzu verständlich.

Aber andere, liebe Trauergemeinde, haben in den Gewittern des Krieges und unter schmerzlichsten Schlägen Gott wiedergefunden. Nicht irgendeinen erdachten Gott, nicht den lieben Gott, der ist zerbrochen in den Stürmen des Lebens, sondern sie haben den lebendigen, den heiligen Gott durch sein Wort, wie es uns die Bibel bezeugt, gefunden. Und es erfahren, daß der heilige Gott ein Gott der Liebe ist. Oft ist es so, daß Menschen Gott verloren haben, die im Ernst nie dem Gott der Bibel begegnet sind.

Ja, liebe Gemeinde, der Gott der Bibel ist ein heiliger Gott.. Und wenn wir heute das Wort des Apostels hören: das aus einem geplagten Menschenherzen kommt: Ich elender Mensch! So darum, weil der Apostel angesichts des heiligen Gottes erkannt hat, wie es um ihn stand.! Alle, die dem Gott der Bibel begegnet sind, haben nicht auf die Frage des warum eine Antwort bekommen. Gott blieb auch für sie der oft so verborgene Gott. Aber sie haben erfahren, daß sie in einer Welt leben, in der die Menschen im Aufruhr gegen den lebendigen Gott im Unglauben oder in der Gleichgültigkeit verharren. Sie haben erfahren, daß Gott einer Menschheit seinen heiligen Willen in seinen heiligen Geboten zu einem gesegneten Leben gegeben hat. Aber daß sich die Menschen dagegen aufbäumen, daß es die fruchtbare Macht der Sünde gibt, die die Menschen von Gott losreißt und sie ins Verderben stürzt. Paulus weiß, daß die Macht der Sünde ihn versklavt hatte, als er Christus noch nicht kannte. Ich elender Mensch bin verkauft unter die Macht des Todes. Der Tod, liebe Gemeinde, ist die andere Macht, die uns alle knechtet. Das machet Gottes Zorn. Denn wer unter die Sünde verkauft ist, bleibt unter dem Zorn Gottes, wird verworfen von den heiligen Gott. - Ich elender Mensch? Sagst auch Du so in dieser Stunde? Ich lebe im Zweifel, im Unglauben, in der Sonderung von Gott? Ich lebe in der geheimen Angst vor dem Tod? Junge Menschen fahren durch den Sommer! Und dann bricht der Tod herein. O ich elender Mensch. Wie schnell packt der Tod zu. Ich elender Mensch.

Gibt es für dich und für mich einen Ausweg, eine Hilfe, eine Errettung vor dem Zorngericht des Gottes, eine Errettung aus dem Tod?

Fragst du auch und klagst du? O daß du es tätest! O daß unsere Herzen erfaßt wären! Wer wird mich erlösen von dem Leibe dieses Todes? Wer löst uns?

Liebe Leidtragende! Gott selber hat einer Welt die Antwort gegeben, der Heilige Gott, der Gott der Liebe. Aus der Erfahrung seines Lebens sagt der Apostel: und es ist wie ein Aufatmen. Ich danke Gott durch Jesum Christum unsern Herrn.

Er ist der Erlöser, der deine Sünde nimmt, der dich erlöst vom ewigen Verderben, der dich mit Gott versöhnt. Durften auch wir schon so sprechen? Wenn nicht, dann bietet Gott dir doch heute noch seine Hand! Du brauchst Jesus Christus. Verachte ihn doch nicht. Du brauchst ihn heute, damit du in Ewigkeit nicht verloren gehst. Noch ist es nicht zu spät, die Hand Gottes zu ergreifen. Ihr lieben Jungen, denkt nicht, es hat noch Zeit. Du weißt nicht, ob es nicht bald zu spät ist.

Der Herr Christus lehrt uns danken auch im Leid. Das Leben des Apostels lehrt es uns. Liebe Eltern, sucht den Herrn Christus. Bei ihm wird man ruhig. Gott hat euch dennoch lieb. Bei dem Herrn Christus wissen wir, kein Tod kann uns scheiden von ihm. Er ist unser Leben.

Ich elender Mensch! Wer wird mich erlösen von dem Leibe dieses Todes? Ich danke Gott durch Jesum Christum unsern Herrn. Amen.

Zum Verständnis der Predigt

Pfarrer Schuseil nimmt diese schwierige seelsorgerliche Aufgabe so wahr, daß er von seinem persönlichen Glauben redet. Die Trauergemeinde spürt, daß sie einen frommen Pfarrer vor sich hat, der das Leid der Eltern wie eine an ihn selber gestellte Frage aufnimmt. Er greift eingangs die "Warum"-Frage auf, spitzt sie als eine Frage an Gott zu und läßt sie mutig als eine von Gott unbeantwortete Frage. Schuseil redet also nicht vom dunklen Schicksal, dem die Menschen sich zu beugen hätten, sondern von einem Gott, der um der Sünde willen die Menschen sterben läßt. Das ist das menschliche Elend, von dem Paulus redet.

Der Prediger könnte sich auch in das Leid der Eltern mit hineinstellen und es dabei zunächst bewenden lassen. Aber Schuseil stellt unaufhörlich die Gottesfrage und damit die Frage nach Glauben und Unglauben des Menschen, jedoch nicht so, daß der Glaubende zum Ungläubigen predigt, sondern auch der Prediger steht mit der Trauergemeinde in Unglauben, Sünde und Verderben. Die Predigt endet mit dem Zeugnis von Jesus Christus als Erlöser vom Tode. Es geht Schuseil darum, daß die trauernden Eltern das Angebot der ausgestreckten Hand Gottes annehmen. Hier wird Schuseil missionarisch drängend und auch mahnend. Es könnte bald zu spät sein. Der seelsorgerliche Zuspruch mündet in ein schlichtes: "Sucht den Herrn Christus. Bei ihm wird man ruhig".

Bei der Lektüre dieser mit Schreibmaschine wörtlich aufgeschriebenen und zahlreich mit Rotstift unterstrichenen Predigt wurde mir auch etwas von der Bewegtheit und Einsamkeit anschaulich, in die das Glaubenszeugnis den Frommen hineinstellt. Schuseil legt ein schlichtes Zeugnis von der Liebe Gottes gerade bei einem solchen brutalen Unglücksfall ab - ich frage mich: kommen wir als Seelsorger damit zu früh? Ist es der richtige Zeitpunkt, von der Sünde der Menschen zu reden? Sünde und Gnade, in die Pfarrer Schuseil diesen Todesfall hineinstellt, wird als Lebenserfahrung des Paulus der Gemeinde nahegebracht. Das missionarische ermahnende Werben "Du brauchst ihn heute, damit du in Ewigkeit nicht verloren gehst" war eine zeitgemäße Form der Volksmission, von der ich mich aber frage, ob sie in dieser Situation angebracht ist. Sie wird aber glaubwürdig durch die fromme Haltung des Predigers, der jedes Urteilen vermeidet.

So macht diese einfühlsame, engagierte Predigt das Bild von Pfarrer Schuseil lebendig, wie ihn die Gemeinde erlebt hat: fromm, menschenzugewandt, verständnisvoll, zupackend, ein Zeuge seines HERRN.

Pfarrer Detlef Löhr und seine Frau Gerda (1956-1963)

Bereits im Abschiedsgottesdienst von Pfarrer Schuseil wurde der Gemeinde als Nachfolger der Vikar Detlef Löhr vorgestellt. Löhr war damals 25 Jahre alt, 1930 in Braunschweig geboren. Da er noch nicht verheiratet war, durfte sein Frau Gerda nicht im selben Monat mit ihm ins Pfarrhaus einziehen, sondern erst nach der Hochzeit im Mai 1956. Strenge Sitten! Einen Monat später, am 27. Juni 1956, wurde er, nachdem er im Mai/Juni sein 2. theologisches Examen abgelegt hatte, in Offleben von Landesbischof Erdmann und im Beisein von Propst Hobom und Pastor Haferburg zum Pfarrer ordiniert.

Die Liebe zur Liturgie

Löhr gehörte der strenggläubigen Richtung der Braunschweiger Brüderngemeinde an. Er hat große Verdienste um die liturgische Bildung der gottesdienstlichen Gemeinde. Zu seiner Zeit trennte sich die Braunschweiger Landeskirche von der alten Braunschweiger Liturgie, die mit dem Psalm "Lobe den Herren meine Seele", begann. Die neue Liturgie galt vielen als "katholisch". Tatsächlich nahm sie viele Elemente der Liturgie aus der Zeit Luthers auf. Auch die Sprache der Gebete wirkte altertümlich. Löhr ging unerbittlich im Mittelgang der Kirche auf und ab und übte mit der Gemeinde die neuen Weisen. "Herr Pastor, wir sind hier nicht in der Schule", mußte er sich mahnen lassen. Aber die Spuren dieser strengen Schule sind heute noch erkennbar und ich habe sie gerne weiter gepflegt. Es gibt nur wenige Gemeinden, in denen z.B. die Litanei noch geläufig ist. Wir haben sie Jahr für Jahr in der Passionszeit gesungen. Die "neue Agende I", wie man die neue Gottesdienstordnung nannte, war in Offleben und Reinsdorf bereits gang und gäbe, als sie dann offiziell 1963 eingeführt wurde.

Löhr nahm es mit dem Evangelium sehr ernst. Daher führte er auch wieder die Anmeldung zum Abendmahl am Sonnabendabend ein und trug die Angemeldeten in das alte Bekenntnisregister, das sogenannte Konfitentenbuch ein. Danach zählte er sogar die Oblaten für die Abendmahlsfeier ab, weil nur die Angemeldeten sich ernsthaft auf den Abendmahlsgang vorbereitet hätten.

Pastor Löhr wagte sogar die Einführung eines Wochengottesdienstes, mittwochs abends in Offleben und donnerstags abends in Reinsdorf. Für das Jahr 1956 verzeichnete er in Offleben 45 Nebengottesdienste mit insgesamt 1.528 Besuchern und in Reinsdorf 36 Nebengottesdienste mit 609 Besuchern. In Hohnsleben führte Pastor Löhr Hausgottesdienste bei Familie Wietfeld ein.

Nach den grundlegenden Bauarbeiten durch Pastor Schuseil ließ Pastor Löhr an der Westseite der Offleber Kirche einen Vorraum anbauen und schmückte ihn mit einem farbigen Fenster, das für sein theologisches Denken bezeichnend ist. Er erklärte das Fenster im Gemeindebrief folgendermaßen: "Die acht Felder stellen die vier Gaben Gottes an den Menschen dar: das Wort der Bibel, die Taube der Taufe, Brot und Wein als Leben und Sterben Jesu und die Schlüssel der Vergebung der Sünden und die vier Zeichen für das Christenleben: die Lampe des Glaubens, das Rauchfaß des Gebetes, die Nächstenliebe im Bild des sich aufopfernden Pelikans und die Krone des Leides."

Der Gemeindebrief wird begründet

Während Schuseil sich den Menschen volksmissionarisch und werbend zuwandte, ging Pastor Löhr stark auf das Evangelium und das lutherische Bekenntnis ein und erwartete, daß die Gemeinde ihm auf diesem Weg folgte. Pastor Löhr war daher ein mehr nach innen gekehrter Mensch und man erzählt von ihm, er habe bei Besuchen oft schweigsam dem Besuchten gegenübergesessen.

Trotzdem wirkte Löhr auch missionarisch in die Gemeinde hinein: im Februar 1957 erschien die Nummer 1 des monatlichen Gemeindebriefes. Jährlich hielt er in Reinsdorf und Hohnsleben Bibelwochen ab. Mit jährlich stattfindenden Filmwochen versuchte er, die Außenseiter anzusprechen.

Visitation

Der Wohnungsmangel im Dorf wurde langsam behoben, das Pfarrhaus leerte sich und wurde gründlich überholt.

1961 wurde die Offleber Gemeinde von Propst Hobom visitiert. In der Beantwortung der Visitationsfragen wird noch einmal die strenge Glaubensauffassung von Pastor Löhr deutlich. Die herkömmliche Kirchenzucht werde "sehr erwünscht", eine Taufe versagt, wenn die Eltern sich nicht trauen lassen wollen und die Trauung Geschiedener abgelehnt. Den Kirchenbesuch bezeichnete Löhr als schlecht, obwohl er eine durchschnittliche Besucherzahl von 40 Gemeindemitgliedern an Sonntagen angibt. Damals hatte Offleben 1.600 Gemeindemitglieder. Pastor Löhr geißelt die sittlichen Zustände im Dorf im Jahre 1961 folgendermaßen: "Offleben ist ein Arbeiterdorf, das viele Asoziale aufgenommen hat. Trunksucht und Ehezerwürfnisse sind häufig, auch Verwahrlosung der Kinder, Sonntagsarbeit in den Fabriken und Vereinsveranstaltungen, auch Sport der Jugend am Sonntag. Proteste bisher erfolglos. Die Kirchenverordneten geben zum Teil kein gutes Beispiel dazu."

Dieses harte Urteil spiegelt die hohen Erwartungen von Pfarrer Löhr. Er geht noch von dem Urbild eines christlichen Dorfes aus, obwohl die Gegend zwischen Schöppenstedt und Magdeburg bereits seit Jahrhunderten ein kirchlich ausgesprochen karger Boden gewesen ist.

Ein Predigtbeispiel von Pfarrer Löhr

Anläßlich der Visitation am 5. November 1961 predigte Pastor Löhr über das berühmte Wort: "Gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist, und Gott, was Gottes ist" aus dem Matthäusevangelium Kap. 22, 15-22. Dabei kam Löhr auch auf die Situation von Staat und Kirche in der "Ostzone" und im Westen zu sprechen, nachdem er ein Widerstandsrecht der Kirche glatt abgelehnt hatte.

"Denn wir müssen immer den Unterschied sehen, der zwischen dem Staat und der Kirche besteht. Darum sagt Jesus, daß eines dem Kaiser und das andere Gott gehört. Luther hat uns dies in seiner Lehre von den zwei Reichen verdeutlicht: Gott hat einmal die Kirche gestiftet, damit sie die Menschen in den Himmel bringe, zum andern hat er den Staat, die Könige und Regierungen gegeben, damit sie auf Erden für Ordnung und gutes Leben für die Menschen sorgen sollen. Beides darf man nicht vermischen, sonst verdirbt man Gottes Pläne. Die Kirche soll nicht zur Polizei werden, der Staat aber soll nicht meinen, daß er den Menschen den Glauben an Gott ersetzen kann.

Deshalb ist es die große Not der Menschen in der Ostzone, daß ihr Staat den Glauben fordert und sich auf Gottes Thron gesetzt hat. Sie sollen den Staat dulden, wo er die weltlichen Geschäfte und die Ordnung im Lande regelt, aber das andere müssen sie ihm verweigern; denn diese Ehre gebührt allein Gott. Wir im Westen haben solchen Staat nicht, und wir sollten nicht vergessen, Gott dafür zu danken und ihn zu bitten, daß er uns auch ferner davor bewahre. Ist das aber genug? Wir haben uns so sehr daran gewöhnt, daß wir kaum noch Gott danken für alles, was er uns mit Hilfe des Staates gewährt. Auch für uns ist der Staat zum Gottesersatz geworden, auf dem wir in aller Sicherheit liegen und in den Tag hineinleben, als könnte uns nichts Schlechtes geschehen. Wir müßten jetzt viele Sprüche der Propheten des Alten Testamentes hören, die Gottes Volk vor diesem Fehler gewarnt haben. Sie haben etwas gesagt, was auch uns gilt: Dein Vertrauen, dein Herz gehört Gott, nicht dem Staat und seiner Politik! - Das will auch der Herr Jesus uns sagen, wenn er unterscheidet zwischen dem, was dem Staat und dem, was Gott gebührt. Sein Apostel Sankt Petrus hat's in seinem ersten Brief deutlich ausgesprochen: "Fürchtet Gott, ehret den König"!"

Erinnerung von Gerda Löhr an das Pfarrhaus 1956-1963

Der 24. März 1956 besiegelt das Schicksal der Verlobten: sie kommen nach Offleben! Dreckig, ungesund, abgelegen sei das Nest, direkt an der Zonengrenze, sagt man ihnen. Das Schwelwerk lasse das blanke Silber in den Schüben in kurzer Zeit schwarz werden, und das Wäschetrocknen an der Luft sei schier unmöglich! Nach eigner Anschauung finden sie es halb so schlimm. Die alte Dorfkirche mit dem Kirchplatz, das geräumige Pfarrhaus mit dem großen Garten empfinden sie sogar als Dorfidylle. Schnell vergessen sind die rauchenden Schlote des gefürchteten Schwelwerkes, die sich ihnen als erster Eindruck darboten. Der Umzugstag ist ein sonniger Tag, der 27. April. Offleben zeigt sich von seiner besten Seite. Die jüngsten Offleber telegrafieren den Verwandten und Freunden, daß alles gut ging mit dem Umzug von Salzgitter bis ans "Ende der Welt". Nun gibt es viel Arbeit mit dem häuslichen Einrichten und dem Bestellen des Pfarrgartens. Darum ist man "Tante Jacobs", der guten Seele der Gemeinde, unendlich dankbar, daß sie ein Gastbett für die zukünftige Pfarrfrau hat. Unvorstellbar auch nur der Gedanke, daß man unvermählt unter einem Dach wohnen dürfe. Am 7. Mai hält Offleben Braut und Bräutigam nicht mehr in seinen Mauern, und es geht zur Hochzeit nach Braunschweig in die Brüdernkirche. Der offizielle Einzug ins Offleber Pfarrhaus wird begleitet von vielen Glückwünschen und Geschenken durch den Kirchenvorstand beider Gemeinden, und wir lernen alle Verantwortlichen wie Herrn Krafft, Frau Heine und Frau Schulze, sowie Frau Kamieth und Frau Huber kennen. Am Abend bringt der Kirchenchor unter Leitung von Herrn Lohmann dem frischvermählten Paar ein Ständchen und gewinnt die Pfarrfrau als neues Mitglied. Nach der 1. Chorprobe sitzen wir zu einem Umtrunk im großen Kreis im Wohnzimmer zusammen und lernen viele, viele neue Namen.

In Rektor Sandvoß, Familie Bode und Frau Schwotzer haben wir sehr wohlmeinende Mitbewohner. Neben Familie Brandes wird uns auch Gärtner Götz ein lieber Nachbar. Er interessiert sich besonders für unser "Forschungsprojekt", den Erdbeeranbau. Unter schwarzer Folie. Alle Gartenweisheit haben wir uns aus Büchern zusammengelesen, nachdem uns Propst Hobom bei seinem ersten Besuch sagte, daß der Pastor auf dem Lande so viel taugt wie sein Garten. Ich befasse mich noch zusätzlich mit der Aufzucht von Geflügel. Leider liegen eines Morgens zwei Hennen tot im Stall, und mir fällt das Wort eines Neiders von Pastors Hühnern ein, das einer unserer Vorgänger in seinem leeren Hühnerstall vorfand: "Der liebe Gott ist überall, nur nicht in Pastors Hühnerstall".

Noch eine schmerzliche Erfahrung muß ich am 1. Muttertag in Offleben machen: als ich die ersten selbstgesteckten Tulpen zu einem Strauß schneiden will, sind sie bereits alle geköpft. Als die Schwiegereltern zu Besuch kommen, sagen sie: "Ein Hund muß her", und finden diesen im Braunschweiger Tierasyl. Ich nenne ihn Terry, da er in etwa einem Terrier gleicht und alle unliebsamen Eigenschaften dieser Rasse in sich vereinigt: er jagt unsere Hühner und springt über Mauern und Zäune, um Radfahrern hinterher zu jagen, eine gräßliche Eigenschaft. Wir bringen das "Findelkind" ins Tierheim zurück.

Neben dem Dienst und vielen Besuchen in der Gemeinde investieren wir viel Zeit und Kraft für den Garten, der uns immer mehr ans Herz wächst. Es ärgert uns nur, daß es im ganzen Pfarrhaus kein Bad gibt. Denn oft sehen wir nach der Gartenarbeit aus wie die Schornsteinfeger, weil sich der Schwelwerkdreck bei ungünstiger Windrichtung auf jedes Blatt niederließ. Auch das tägliche Heizen von manchmal vier Öfen ist unbequem. Wir haben schon unsere liebe Not mit der kleinen Propangasflasche, die immer dann zu Ende geht, wenn ich mitten im Einkochen oder Backen bin.

Mit dem Wunsch nach Erleichterung der Arbeit ziehen die Handwerker bei uns ein und werden uns auch die ganze Zeit unseres Bleibens im schönen Offleben nicht wieder verlassen. Wir hausen z. B. ein halbes Jahr ohne Küche, weil diese gut austrocknen soll. Ein neues Fenster wird eingebaut und die Decke niedriger gezogen. Aber endlich sind auch wir stolze Besitzer eines Bades und einer modernen Küche, und die Koksheizung ist auch nicht zu verachten.

Die Geburtstage sind immer willkommener Anlaß, die hauptamtlichen Leute wie die beiden Küsterinnen, die Organistin Frl. Herrmann und die gute Frau Lange, die es nicht müde wird, das leidige Geld für die Kirche zu sammeln, bei uns zu Gast zu haben. Auch das gemeinsame Frühstück am Ostermorgen vereint uns um den Tisch in der Sitzecke des Pfarrhauses.

Weihnachten 1958 zieht Pucki als neuer Hausgenosse bei uns ein. Er ist ein so hilfloses kleines Wesen, das man ab sofort liebhaben muß. Als dieser Dackel jedoch ein ausgewachsener Hund ist, liebt auch er Alleingänge ins Dorf, und die Kinder flüchten, wenn "Pastors Pucki" durch die Straßen fegt. Aber sie lieben es, wenn er bei den Jungscharen dabei ist, nur unsere Flötentöne gehen ihm scheinbar auf die Nerven. Ilschen Heine, die uns im großen Haus hilft, liebt er ganz besonders und verschleppt ihre Handfeger und Bohnerlappen, um sie zum Spielen zu animieren. Ein Kind fragt die Mutti am Gartenzaun: "Nicht wahr, du bist doch Puckis Oma?"

Als wir einmal hohen Besuch des Landesbischofs Erdmann erhalten, sperren wir Pucki ins Zimmer ein, wo er aus Langeweile eine Sessellehne verspeist. Opa Stiemerling als gelernter Sattlermeister behebt den Schaden. Irreparabel aber ist der Schaden an Pastor Müllers Talar. Pucki begrüßt den Gast derart stürmisch, als dieser aus der Kirche kam, daß ein langer Riß entstand. Pastor Müller muß ein großer Hundefreund gewesen sein. Er erlaubte nicht, den Hund zu strafen. Sein einziger Kommentar zu der uns peinlichen Angelegenheit: "Der Talar wurde mal in Offleben eingeweiht, und es ist ganz in Ordnung, daß er hier auch das Zeitliche segnet."

Im Sommer 1963 wird unser Pucki sehr krank, und wir begraben ihn im Hühnerhof an der Mauer zum Klostergut. Uns ist klar, daß er mit zu den liebgewordenen Erinnerungen an Offleben gehören wird. Wir wissen bereits seit geraumer Zeit, daß bald ein Möbelwagen im Hof des Pfarrhauses stehen wird, um uns nach dem schönen Goslar zu bringen. Trotzdem fällt uns der Abschied von der treuen Gemeinde sehr schwer, denn sie ist uns nach siebeneinhalb Jahren ans Herz gewachsen. Opa Stiemerling winkt uns noch lange hinterher, und Frau Heine gibt uns das Geleit bis Goslar. Dort wird uns bald klar, daß Offleben unsere erste Liebe war. Ich weiß nicht, ob das jeder Pfarrer von seiner ersten Gemeinde sagt. Vielleicht ist das wie mit den Sorgenkindern, die einem besonders ans Herz wachsen.

(aus dem Gemeindebrief April/Mai 1984)

Nach siebeneinhalbjähriger Tätigkeit verabschiedete sich das Ehepaar Löhr im November 1963 von Offleben. Pastor Müller und Pastor Schuseil waren je fünf Jahre geblieben, Löhr immerhin siebeneinhalb. Es galt die alte Regel, daß man die erste Pfarrstelle nach 5 bis 7 Jahren wechseln sollte. Insofern lag der Wechsel von Pastor Löhr in der Tradition der kirchlichen Praxis. Er ging von der Dorfkirche an die große St. Stephanikirche nach Goslar. Von dort aus war er nebenamtlich für das Verhältnis der Kirche zu Israel zuständig und veröffentlichte seine 1971 erschienene Abhandlung "Christen heute im Heiligen Land" und einen "Bibelreiseführer Israel heute".

Löhr ist ganz überraschend Silvester 1973, erst 43jährig, in Goslar verstorben. In seiner letzten Weihnachtspredigt scheint etwas von der Freude dessen auf, der sich vor den Toren der Ewigkeit glaubt.

Gedanken in der Heiligen Nacht 1973 von Pfarrer Detlef Löhr

Paulus im Brief an Titus 2, 11-14:

"Gott hat gezeigt, daß er alle Menschen liebt und sie retten will. Das hält uns dazu an, das gottlose Leben und die weltlichen Leidenschaften aufzugeben und in dieser Welt ein beherrschtes und gerechtes Leben zu führen und Gott zu ehren. Vor uns liegt doch die ewige Freude; denn wir warten darauf, daß die Herrlichkeit unseres mächtigen Gottes und Retters Jesus Christus sichtbar wird. Er hat sein Leben für uns geopfert. Dadurch hat er uns von der ganzen Verkehrtheit unseres Lebens befreit und uns zu einem reinen Volk gemacht, das nur ihm gehört und sich mit aller Kraft bemüht, das Gute zu tun".

Seit etwa einem Jahr lesen wir in unseren Gottesdiensten die Episteltexte nicht mehr nach dem Luthertext, sondern nach der neuen Übersetzung in "Die Gute Nachricht. Das Neue Testament im heutigen Deutsch", die auch für den obigen Test verwendet wurde. Wir müssen ehrlich sagen, daß wir an manchem Sonn- und Festtag die vertrauten Formulierungen Luthers vermissen, daß uns aber oft auch der bekannte Text in ganz neuem Licht erscheint. Er zeigt auf einmal Seiten, die wir bisher nicht beachtet haben, und es ist, als ob er uns das erste Mal begegnet.

Beim ersten Lesen des Textes für die Heilige Nacht ist es mir nicht anders ergangen. Beinahe aufregend war die Feststellung, wie viel und wie nachdrücklich hier der Apostel vom Tun und Leben der Christen spricht. "Sich mit aller Kraft bemühen, das Gute zu tun", heißt es am Schluß. Das klingt fast wie der Allerweltsruf "Edel sei der Mensch, hilfreich und gut" oder wie andere Parolen vieler Morallehrer. Haben wir denn beim Kommen Jesu Christi in der Heiligen Nacht nichts andres zu sagen als das, was jede Religion oder Weltanschauung zu bieten hat?! Geht es nicht an diesem Fest allein darum, daß wir beschenkt werden und unser Tun vergessen, um auf Gottes Werk zu achten?!

Doch noch ehe wir mit dieser Frager zuende kommen, müssen wir auf etwas anderes achten, zu dem uns vielleicht auch die neue Textform auf die Sprünge hilft: Paulus redet hier eigentlich gar nicht von Jesu Geburt, sondern von seinem Sterben am Kreuz, von seiner Auferstehung und von seinem Kommen am Ende der Erdenzeit. Er spricht von dem Retter, wie das auch unsere Weihnachtslieder tun, aber von seinem Opfer und von der großen Erscheinung seiner Herrlichkeit. Die richtige Weihnachtsfreude, die haben wir noch gar nicht, wenn wir an Bethlehem denken, an den Stall mit Ochs und Esel und der Krippe, an Maria und Joseph und das Jesuskind, sondern sie liegt noch vor uns im Warten auf Jesu Wiederkunft an dem großen Tag Gottes.

Ich habe dies Blatt mit "Gedanken in der Heiligen Nacht" überschrieben, weil mich diese Gedanken zu unserem Weihnachtstext an manche Nachtgedanken erinnern. Wir alle kennen doch das leidige Wachliegen, wenn wir schlafen sollten, und das, was dann durch unseren Kopf zieht. Wir denken dann nicht an die Nacht, sondern an den Tag. Vielleicht an den vergangenen Tag und an die Sorgen, die er uns gelassen hat; und solche Gedanken können uns so schwer quälen, daß wir überhaupt keine Ruhe mehr finden. Auch in der Heiligen Nacht fehlen uns solche quälenden Überlegungen nicht: "Welt ging verloren", so drücken das unsere Weihnachtslieder aus. Wenn uns das in den Sinn kommt, dann ist es wahrlich um unseren Schlaf geschehen; denn wir leiden zutiefst unter der Verlorenheit unserer Welt und unseres Lebens. Dunkler kann keine Nacht sein als die, in der wir singen und sagen müssen, daß unsere Welt verlorengeht.

Nachtgedanken wenden sich aber nicht nur an die Vergangenheit, sondern können uns ebenso stark mit der Zukunft beschäftigen. Wer kennt nicht die innere Unruhe vor einem großen Tag! Und selbst die Vorfreude kann uns am Schlafen hindern. Gerade aber das will uns der Apostel sagen für diese Heilige Nacht: "Vor uns liegt doch die ewige Freude", daß Gott im Wiederkommen Jesu Christi, dessen Retterkraft und unsere Rettung sichtbar macht. Wie das Dunkel dieser längsten Nacht des Jahres gleichsam die Finsternis, die Sorgen und die Ängste aller Nächte in sich vereint, so sind das Licht und die Freude dieser "hochheiligen Nacht" schon der Vorgeschmack und die Ahnung der Gotteszeit, die keine Nacht und kein Trauern mehr kennen wird. Martin Luther hat das so gesagt: " Das ewig Licht geht da herein, gibt der Welt einen neuen Schein. Es leucht wohl mitten in der Nacht und uns des Lichtes Kinder macht".

In dieser Nacht läßt uns die Freude nicht schlafen; aber es ist eine andere Freude als die an Geschenken, an Feststimmung und an menschlichem Zusammensein. Darum kann sie auch dort sich einfinden, wo es an diesen äußeren Dingen fehlt, oder wo einem Menschen gar nicht "weihnachtlich zumute" ist. Es kann sogar so sein, daß wir vor allem Feiern des Weihnachtsfestes diese Freude versäumen, während sie dort einzieht, wo man nichts zu feiern hat.

Ich glaube, daß wir jetzt an der Stelle sind, wo ihre Gedanken zu ihrem Ausgangspunkt zurückfinden können: mit seinem Text für die heilige Nacht will uns der Apostel Paulus sagen: wir feiern Weihnachten, indem wir gerade über Weihnachten hinausgehen. Wir freuen uns der Geburt unseres Heilandes, weil wir an alles denken, was er zu unserer Befreiung tun wird. Vor der Krippe denken wir an das Kreuz von Golgatha und freuen uns seiner Auferstehung und erwarten die letzte große Freude seiner Wiederkunft. Wir begrüßen das neugeborene Kind und sehen in ihm schon den Mann unseres Glaubens und seine jetzt noch verborgene Herrlichkeit.

Und genauso sehen wir uns: Jesus kommt zu uns, damit wir ihm gehören und nun aus seiner Kraft göttlich leben. Durch das Kind dieser Nacht werden wir Kinder des Lichtes. Unser Leben kommt in Ordnung, es wird frei von Schuld und Verfehlung. Wir dürfen es neu beginnen, als wären wir eben erst auf die Welt gekommen - in eine Welt, die Raum hat für das Gute, für die Ehre Gottes und für das, was dem Nächsten zum Besten dient.

So wird die Nacht der Geburt des Jesuskindes zu unserem Geburtstag für das bleibende Leben als Kinder Gottes. Wenn wir das alles in dieser Nacht bedenken dürfen, dann soll sie uns getrost den Schlaf rauben; denn geschlafen haben wir genug - in Unwissenheit und Ferne von Gott. Nun aber liegt vor uns die ewige Freude, die uns frei macht, unser Leben Gott zu schenken, wie er uns das Leben seines Sohnes geschenkt hat. Auf dessen Seite treten wir heute und vertrauen seinem Beistand in Kreuz und Leid und seiner Kraft zu allem Guten. Wo er ist, da ist unsere Freude!

Das hat er alles uns getan/sein groß Lieb zu zeigen an/des freu sich alle Christenheit/und dank ihm des in Ewigkeit.

Von Pfarrer Löhr wurden mir die Amtsgeschäfte übergeben. Das Ehepaar Löhr hat die Verbindung zu Offleben nie verloren. Ab und zu predigte Pastor Löhr noch in Offleben, später haben wir bei einem Gemeindeausflug Frau Löhr in Goslar besucht oder sie kam zu uns ins wiederum umgebaute Offleber Pfarrhaus

Das Küsteramt

Keines ist für den Pfarrer auf dem Dorfe wichtiger als dieses Amt. Der Küster, meist sind es ja Frauen, also die Küsterin, hat den intensivsten Kontakt mit den Leuten. Sie bekommt Bescheid, wenn jemand gestorben ist. Sie muß dann am nächsten Tag um 9.00 Uhr morgens läuten und wird auf dem Nachhauseweg gefragt: "Wer ist denn gestorben?" Trotz der geringen Stundenzahl wird sie von der Bevölkerung vollständig mit der Kirche gleichgesetzt, identifiziert wie man heute mit einem scheußlichen Wort sagt. Küsterin und Kirche - das ist eins. Sie bekommt dann auch als erste die Kritik zu hören, wenn etwas daneben gegangen ist. Sie wird sogar dafür verantwortlich gemacht, wie der Pastor im Dorf herumläuft. Sie ist am Sonntag weit vor dem Pastor in der Kirche und verläßt sie als letzte. Wer es nicht aus Liebe macht, braucht gar nicht erst anzufangen. Wer Stunden zählt, wird sich verzählen. Sie kennt sich im Pfarrhaus aus. Sie muß die Eigenheiten des Pfarrers ertragen. Wenn es zwischen Küsterin und Pfarrer knirscht, hat die Gemeinde nichts zu lachen.

Ich bin sehr dankbar, daß ich die 35 Jahre hindurch mit geradezu hingebungsvollen, hoch motivierten und überaus verantwortungsvollen Küsterinnen zusammenarbeiten konnte. Allen voran Else Heine in Offleben und Margarete Schulze in Reinsdorf. Beide fand ich in diesem Amte vor, als ich Advent 1963 meine ersten Gottesdienste in Offleben und Reinsdorf hielt. Beide waren schon unter meinen Vorgängern Küsterinnen gewesen und mußten mit diesen ganz verschiedenen Pfarrern auskommen und sich auf sie einstellen. Sie haben das mit viel diplomatisch-fraulichem Geschick getan.

Die Küsterin zur Zeit von Pfarrer Reiche und Pfarrer Müller war Frau Marie Benroth. Sie feierte am 30. Juni 1946 ihr 25jähriges Küsterinnenjubiläum und hat das Amt am 1. Oktober 1949 an Frau Else Heine übergeben.

Die Küsterinnen hatten es mit jeweils drei jungen Pfarrern zu tun: für Schuseil und Löhr war es die erste Pfarrstelle überhaupt, Schuseil war 31 Jahre, Löhr 25 Jahre alt. Ich hatte gerade eine ausgiebige Vertretung in Salzgitter-Bad vom Januar 1963 an hinter mir und war Ende Dezember 1962 eigentlich als Pfarrer an der Schöninger St. Vincenzkirche eingeführt, sollte aber von Schöningen aus in Offleben und Reinsdorf aushelfen. Ich war damals 29 Jahre alt. Natürlich hatten bei so blutjungen Anfängern die altgedienten Küsterinnen einen besonderen Stand und waren ihnen auch eine gern angenommene Hilfe.

Die Küsterin Else Heine

Frau Else Heine stammte aus Wenden bei Braunschweig und hatte 1933 nach Offleben geheiratet. Ihr Mann war auf Montage und beruflich viel außer Haus. Er erkrankte früh, 17 Jahre lang hat sie ihn gepflegt und daneben die drei Söhne großgezogen. 1959 starb er und sie blieb 51jährig mit einer geringen Rente zurück. Sie stammte aus einer Arbeiterfamilie, hat im 3. Reich ihren Arm nie zum Hitlergruß erhoben, sprach Braunschweigisch Platt und schrieb auch so. Nach langem Bedenken und Zögern schrieb sie einen Beitrag für den Gemeindebrief auf, den ich nun in lesbares Hochdeutsch umschreiben mußte. Dabei erzählte sie mir, wie sinnlos in der alten Braunschweiger Landschule der Deutschunterricht gewesen war. Zu Hause hatten sie in Wenden natürlich nur platt gesprochen. Als sie nun in die "Schaule" kam, schrieb sie so, wie sie sprach, und das war dann alles fehlerhaft. Mühsam hatte sie sich dieses und jenes beigebracht, aber es blieb eigentlich immer platt. Als sie dann aus der "Schaule" in Stellung kam, wie man hier sagt, fing sie beim Schlachter des Dorfes an, und da wurde dann wieder platt gesprochen. Anschaulich erzählt Frau Heine, wie sie als Küsterin ihren Dienst in der Offleber Kirche angefangen hatte.

Wie ich als Küsterin anfing (von Else Heine)

Der 1. 10.1949. Es war ein Sonnabend, ein Tag vor Erntedankfest. Wir trafen uns am Morgen vor der Kirche. Frau Benroth überreichte mir die Schlüssel im Beisein von Pastor Müller. Sie sagte zu mir: "Hier hast du den Schlüssel. Sieh dau, wie du fertig wirst damidde." Mittags hatte ich die erste Hochzeit von W. Lauenroth und G. Pfeiffer. Danach wurde die Kirche geschmückt zum Erntedankfest. Anders als heute! Eine Erntekrone wurde aufgehängt. Auf beiden Seiten vom Altar standen Garben und Kartoffelsäcke. Auf dem Altar zwei Blumenvasen mit Hafersträußen. Zusammen mit Albert Bode wurden Kohlen als Pyramiden im Altarraum aufgebaut.

Dann kam der zweite Gottesdienst. Zwei Jungens zum Läuten hatte ich ja, denn es mußte ja auch einer die Bälge treten. Oder es mußte einer in drei bis vier Sprüngen runter die Treppe, rauf auf die Bälge, denn der Organist mußte ja Luft haben, sonst gab es keine Musik. Dann sollte ich aber auch noch die Abendmahlsgäste zählen, und das war gar nicht so einfach, denn die Jungens haben mich oftmals alleine gelassen. Das Vaterunserläuten war manchmal eine Katastrophe. Einer ging hoch, und einer mußte Licht machen. Dann fing der oben an mit Läuten. Wenn er aufhören sollte, wurde das Licht wieder ausgemacht. Es kam auch vor, daß ich das Licht ein paar Mal an- und ausmachen mußte, denn das Vaterunser war schon vorbei, und es läutete immer noch. Der oben guckte aus dem kleinen Guckloch, anstatt an das Licht zu denken.

Schwer war es auch im Winter. Wir mußten die Kohlen aus dem Pfarrhauskeller rübertragen. Sonntag morgen um vier Uhr gingen mein Mann und ich rüber zum Heizen. Mein Mann hat mir viel in der Kirche geholfen, beim Fegen und Schrubben. Es kam auch vor, wenn ich rüberkam zum Gottesdienst, daß die Kirche verräuchert war. Dann aber schnell alle Fenster und Türen auf! Wir hatten zwei große eiserne Öfen und ein langes Rohr linksseitig. Wer da saß, der saß schön warm. Viermal im Jahr wurde die Kirche gründlich saubergemacht: zu Weihnachten, Konfirmation, zu Pfingsten und zu Erntedankfest. Da mußten wir uns das Wasser zum Scheuern aus der Waschküche vom Pfarrhaus rüberholen. Aber dabei hatten wir Hilfe von der Frauenhilfe.

Dann mußten wir zweimal die Woche die Turmuhr aufziehen. Auch das war nicht so leicht,. denn die Gewichte daran waren sehr schwere Steinbrocken. Das alles hat sich Gott-sei-Dank verändert, uns allen zum Vorteil. Es ist alles leichter.

Die Taufen wurden nur am Sonntagnachmittag um 14 Uhr gehalten. Bei der Taufe kam die Hebamme die meiste Zeit mit. Frau Meier war das. Es ist auch vorgekommen, daß ich kurz vor der Taufe ins Pfarrhaus kam und wollte Taufwasser holen und Pastor Müller fragte mich ganz erstaunt: " Was wollen Sie denn?" Ich sagte: "Wir haben doch jetzt eine Taufe." Und das war die Tochter von Günter Hadamla. Bei der Taufe von unehelichen Kindern durfte nicht geläutet werden, und das tat mir sehr leid. Da habe ich mich an Herrn Zieboll gewandt: "Warum nicht?" Und dann durfte ich auch bei diesen Kindern läuten.

Bei Beerdigungen war es noch schwieriger. Da brauchte ich immer 3-4 Helfer: einen zum Läuten, zwei zum Zeichen geben, denn zu der Zeit waren noch viele Beerdigungen vom Hause aus oder von der Leichenhalle. Einer stand am Friedhof, der nächste an der Brücke, einer guckte aus dem Turm und der bekam ein Zeichen, daß wir anfangen konnten. Aufgehört wurde nach Gutdünken, und es hat meistens hingehauen.

Sonnabend nach Erntedankfest hatte ich die erste Hochzeit. Es heiratete die Tochter von Otto Pfeiffer, der hier Gemeindedirektor war. Es war furchtbar. Otto Pfeiffer hatte nur ein Bein. Früher haben sie bei der Hochzeit am Altar nur gestanden. Da habe ich den Stuhl von Tante Benroth genommen und ihm den Stuhl hingestellt. Mir hat das leid getan, daß er stehen mußte. Tante Benroth hat mich bald aufgefressen. Ich sollte keine neue Moden anfangen.

Wenn die Leute zum Abendmahl gingen - die haben sich vorher alle angemeldet. Man konnte schon am schwarzen Zeug erkennen, wer zum Abendmahl ging: Tante Schulze, Anne Cortekar, Hermine Babelsack, Tante Wahl, die ging meist im schwarz. Beim Abendmahl gingen die Leute um den Altar, ein Teil ging dann gleich durch die Tür hinten raus. Einige Frauen knicksten noch vor dem Empfang des Abendmahls. Ach, es war doch schön."

(aus: Gemeindebrief Dezember 1983 und September/Oktober 1987)

Ich fand es keineswegs selbstverständlich, daß sich Frau Heine auf den neuen Gottesdienststil eingestellt hatte. Sie hätte ja auch, wie manche andere, sagen können: "Herr Pastor, das machen Sie mal alleine." Sie fand vielmehr Freude an einem "Gottesdienst auf vielen Schultern", und sie hat sich daran mit großer Selbstverständlichkeit beteiligt, zuerst das Eingangsgebet im Wechsel mit der Gemeinde gesprochen und dann beim Abendmahl das sogenannte Präfationsgebet "Wahrhaft, würdig und recht ist es, daß wir dir, Gott, allezeit und für alles danksagen..." Das wurde schließlich bei uns Tradition. Normalerweise singt der Pfarrer diese Stelle, aber wie viel mehr habe ich mich mit der Gemeinde gefreut, wenn Frau Heine, sozusagen an "Pasters Stelle" dieses Gebet gesprochen hat. Geistliche Mitverantwortung der ganzen Gemeinde wird hier erkennbar. Uns war dieser geistliche Reichtum selbstverständlich geworden.

Erst als andere Pfarrer in der gewohnten Weise alleine die Abendmahlsfeier gestalteten, merkten wir, daß wir uns in unseren Abendmahlsgebräuchen schon geändert hatten. Es waren gerade nicht Studierte und Lektüregewohnte, die dieses Amt übernommen hatten, sondern eben Menschen wie Frau Heine. Schließlich war sie mit Recht stolz, als sie, während einer längeren Studienabwesenheit von mir, den Gottesdienst ohne Pastor vorbereiten konnte.

Ohne Pastor

von Else Heine

Ja, ich glaube, das war eine Leistung. 14 Sonntage Gottesdienste ohne den Herrn Pastor. Aber es ging alles seinen Gang weiter. Es hat sich immer jemand gefunden, der unsern Pastor vertreten hat. Es waren Lektoren, die zu uns gekommen sind und auch Pastoren a.D. Und sie sind alle gern gekommen. Auch kam es mal vor, daß die Propstei anrief: "Was machen wir denn bloß diesen Sonntag. Wir können euch nicht versorgen."

Na und was hab ich gemacht: schnell zu unserm Kirchenvorstand. "Das machen wir schon mal." Und die Gemeinde hat auch mitgemacht; eben so, als wäre Herr Pastor dabei. Auch wenn ich am Wochenende durchs Dorf ging, rief man mir zu: "Else, wer kemmt denn desen Sonntag nach uns und well uns wat vorprädigen?" "Kommt nur, et es alles in Ordnung, einer wird schon da sien."

Herr Pastor Kleinert erzählte uns, als er sich vorstellte, daß er 30 Jahre in Helmstedt Pfarrer war, aber nicht einmal in Offleben gepredigt hätte. Unsere Kirche fand er sehr schön. Aber den Tisch zwischen den Bänken fand er nicht schön. Ganz erstaunt war er, als wir beim Singen aufstanden. Da meinte er, das wäre nicht richtig; wir sollten lieber beim Beten aufstehen. Aber Schwester Irmgard sagte darauf, daß man im Stehen beim Singen besser Luft holen könnte. Aber sonst hat er sich gefreut, daß unsere Gemeinde so rege sich am Gottesdienst beteiligen tut. Auch die Lektoren haben gerne den Gottesdienst gemacht. Beim Verabschieden sagten sie: "Wenn Sie uns brauchen - wir kommen gerne wieder." Und so sind die Sonntage an uns vorübergegangen ohne Schwierigkeiten mit dem Gottesdienst.

(aus dem Gemeindebrief September/Oktober 1981)

Frau Heine war, wie man zu sagen pflegt, eine einfache Frau, aber durch und durch gebildet. Nicht durch deutsche Grammatik und den flotten Umgang mit Fremdwörtern, sondern durch ein sehr natürliches Bewußtsein ihres Könnens und ihrer Stellung und zugleich ihrer Grenzen. Ich habe sie vom ersten Tag an geschätzt, persönlich und beruflich. Das hat sie offenbar gemerkt und als unausgesprochene Anerkennung angenommen. Und so sind wir uns im Laufe der Jahre auch näher gekommen. Ihr durchaus angebrachtes, natürliches Selbstbewußtsein wuchs mit der Zeit. Sie bewirtete im freizügigen Pfarrhaus Bischöfe und Oberlandeskirchenräte, hohe und kleine Besucher, Deutsche, Franzosen und Engländer, alle in ihrem Arbeitsbereich, der geräumigen Küche des Pfarrhauses.

Da Frau Heine in der Nachbarschaft, nämlich im ehemaligen Pfarrhaus Gerhardt-Hauptmann-Straße Nr. 6 wohnte, blieb sie den ganzen Tag über im Pfarrhaus, wir teilten bis zum Nachmittagskaffee die Tischzeiten, das Haus war ständig besetzt, sie gab auch Patenscheine aus, also auch die Gemeinde profitierte davon in ganz erheblichem Maße.

Sie hat dann auch die Eigenarten dieses Pfarrhauses mit einem natürlichen Respekt und Umsicht getragen, und wenn ich morgens zu ihr sagte, es komme noch ein Dritter zum Frühstück runter, dann trug sie das alles mit Fassung und Geduld.

Als für fast 10 Monate der Dachboden des Pfarrhauses an einen polnischen Oberingenieur und seinen Fahrer vermietet war, der bei dem neu zu erbauenden Kraftwerk für die Holzarbeiten bei den Kühltürmen zuständig war, hat sie ganz selbstverständlich monatelang nun für drei gekocht. Später haben wir Herrn Dlugosch, so hieß der Ingenieur, in seiner polnischen Heimat gemeinsam mit Dieter Herde und Peter Rickmeier besucht. Und groß war die Aufregung, als die polnische Geheimpolizei in meiner Abwesenheit auftauchte, denn Dlugosch, der aus damals Hindenburg, heute Zabrze stammte, war in seiner Jugend noch Pimpf gewesen. Sein Vater, ein überzeugter Kommunist, erhoffte sich 1945 von den damaligen Siegern eine Besserung seiner Lage. Aber als sein Sohn als Ingenieur nach Offleben und ins Pfarrhaus kam, zeigte er seinen Ausweis als Hitlerpimpf und einen deutschen Paß. Das machte ihn fluchtverdächtig und das wiederum brachte die polnische Geheimpolizei ins Pfarrhaus, der Frau Heine die Tür aufgemacht hatte, wie jedem Fremden. Sie hätten oben in Dlugosch Wohnung auf dem Boden des Pfarrhauses ganz schön gefeiert, erzählte Frau Heine später.

Als Pfarrhaus und Kirche mit zunehmenden Alter für Frau Heine zu viel wurden, teilte sie sich mit der 15 Jahre jüngeren Frau Hertha Hasse die Arbeit. Frau Hasse übernahm das Haus, Frau Heine behielt die Kirche. Frau Hasse wurde ab 1977 für lange Jahre nun die andere Stütze für Pfarrhaus und Gemeinde. So waren wir im Pfarrhaus täglich zu dritt beim gemütlichen Morgenanfang. Jede/jeder hatte ihren/seinen eigenen Kopf und das war gut so. Frau Hasse stammt aus Offleben, ist gelernte Schneiderin und gehörte wie Frau Heine zur Arbeiterkultur des Dorfes. Ihr Vater Rudolf Meier versteckte zur Nazizeit die Fahne des sozialdemokratischen Reichsbanners und das Haus wurde nach der Parteikasse durchsucht, die im Bett der kranken, bettlägerigen Tante verborgen war. 1945 heiratete sie im Brautkleid aus Fallschirmseide in der Kirche. Sie erinnerte mich an die Filmschauspielerin Grete Weiser und entsprechend locker waren unsere Gespräche. "Frau Heine fürs Feine, Frau Hasse fürs Nasse, der Paster fürs Laster" hatte sie eines Morgens gedichtet und an diese Arbeitsteilung haben wir uns gehalten. Es war eine erfrischende gemeinsame Zeit. Nach fast dreizehn verdienstvollen Jahren hörte auch Frau Hasse im Pfarrhaus auf.

Als die Gemeinde Frau Heine am 14. Oktober 1987 nach 38jähriger Dienstzeit feierlich verabschieden wollte, wollte sie gar nicht kommen. Wir mußten sie von zu Hause abholen.

OLKR Becker schrieb ihr am 12.10.1987: "Den Pastoren, die sie erlebt haben, sind Sie eine gute und treue Gesprächspartnerin gewesen. Gewiß haben Sie hier unbemerkt und manchmal auch bemerkt vielen geholfen. In den letzten 15 Jahren haben Sie sich auch oft an der Gottesdienstliturgie beteiligt. Und sie haben nicht nur die Kirchen gereinigt, sondern oft auch das heilige Abendmahl mit ausgeteilt. Und was genauso wichtig ist, Sie sind eine treue Gottesdienstbesucherin und ein treues Gemeindeglied gewesen.

Dies alles hat Sie viel Zeit und Kraft gekostet. Aber Sie haben Menschen geholfen und Sie haben unserem Gott gedient, dessen Zeugin Sie geworden sind. Für dies alles und noch viel mehr möchte ich Ihnen im Namen unserer Landeskirche und Ihres Landesbischofs wie auch in meinem eigenen Namen einen ganz herzlichen Dank sagen..."

Sie hat dann die küsterlose Zeit nur wenige Jahre überlebt und ist am 26.1.1989 gestorben. Die Kirchenvorsteher haben sie zu Grabe getragen, der Posaunenchor von Helmstedt hat den letzten Weg gesäumt. Sie hat sich und ihren Beruf in die Erzählungen und Erinnerungen vieler Menschen eingezeichnet.

Ansprache beim Trauergottesdienst anläßlich der Beerdigung von Frau Else Heine

"So spricht der Herr: Ein Weiser rühme sich nicht seiner Weisheit, ein Starker rühme sich nicht seiner Stärke, ein Reicher rühme sich nicht seines Reichtums. Sondern wer sich rühmen will, der rühme sich dessen, daß er klug sei und mich kenne, daß ich der Herr bin, der Barmherzigkeit, Recht und Gerechtigkeit übt auf Erden; denn solches gefällt mir, spricht der Herr" (Jeremia 9, alttestamentarische Lesung am 22.1.1989).

Liebe Familie Heine, liebe Trauergemeinde, an der Wand des Schlafzimmers von Frau Heine hing der Spruch: "Er erquicket meine Seele", und wenn sie sich abends schlafen legte, fiel ihr Blick auf dieses Bibelwort. Wie Gott eine Seele erquickt, das gehörte offenbar zu den Lebenserfahrungen von Frau Heine und blieb ihre Hoffnung bis zum Tod.

In diesem Frühjahr wäre Frau Heine 81 Jahre alt geworden. Am 10. März 1908 ist sie in Wenden bei Braunschweig geboren und am 20. April desselben Jahres getauft worden. Sie wuchs in einer sechsköpfigen Kinderschar auf, besuchte in Wenden die Dorfschule und wurde am 2. April 1922 dort konfirmiert. Kindheit und Jugend waren geprägt von der unentwegten Arbeit ihres Vaters und ihrer Mutter, zu der sie, wie damals auf dem Lande üblich, gleich mit herangezogen wurde und die sie früh selbständig machte. Frau Heine war für mich ein treffendes Beispiel aufrechter Arbeiterkultur, die im Unterschied zu manchen Bischöfen und Kirchenfürsten später ihre Hand zum Heil -Hitler- Gruß nicht erhoben hat. Am 4. März 1933 heiratete sie in Wenden und zog in das Heimatdorf ihres Mannes nach Offleben, wo sie zuerst in der Siedlung Nord und dann "Hinterm Dorfe" mit ihrer wachsenden Familie und in eine fröhliche und zusammenhaltende Hausgemeinschaft hineinwuchs.

Weil ihr Mann krankheitshalber schon frühzeitig in Rente gehen mußte, suchte und fand sie eine neue Arbeit als Küsterin unserer Kirchengemeinde, die sie fast 40 Jahre ausübte. Im Nachlaß von Frau Heine befindet sich wohl ein kleines Oktavheft, in das sie seit 1949 alle Taufen, Trauungen und Beerdigungen eintrug: "Ihre Taufe" - wie sie sagte, und natürlich war sie besonders stolz, wenn es eine Taufe oder Konfirmation ihrer eigenen Kinder, Enkel oder Urenkel war und schmerzlich berührt, wenn es eine Beerdigung ihres Enkelkindes war. Wie viele Menschen hat sie mit der Glocke dieser Friedhofskapelle zum Grabe begleitet und ihren Tod mit dem Morgengeläut der Kirchenglocken der Gemeinde bekannt gemacht, und dann war sie in der Kirche alleine und ganz für sich. Sie stand in ihrer Eigenständigkeit der Kirche auch kritisch gegenüber und besserte, wo sie etwas falsch fand. Als sie bald nach Antritt ihres Dienstes erfuhr, daß zur Taufe eines unehelichen Kindes nicht geläutet werden sollte, änderte sie das und läutete natürlich. Sie tat ihren Dienst in der klaren Einsicht der Grenzen, die Gott unserem Leben setzt und erlebte das Geheimnis: wer seine Grenzen kennt, wirkt über seine Grenzen hinaus. So wirkte sie über die Grenzen ihres Küsterdienstes hinaus, teilte das Abendmahl mit aus, trug mit ihrem Gebet den Gottesdienst unserer Gemeinde und war in vielen Gesprächen und Begegnungen im Pfarrhaus mit ihr zunächst auch ganz fremden Menschen, sogar Sprachen und Religionen eine selbstbewußte, liebevolle Frau, die das Haus offenhielt.

1959 starb ihr Mann, und manche in der Familie sind ihr unerwartet vorausgegangen. - Die Worte des Propheten Jeremia entsprachen ganz ihrer persönlichen Lebens- und Glaubenseinstellung: keiner soll sich hervorheben, keiner soll sich rühmen. Keiner soll sich hervorheben mit seinem Reichtum, keiner soll sich hervorheben mit seiner Weisheit. So drängte sie sich mit ihrer Lebenserfahrung keinem auf - in der Familie nicht und in der Gemeinde nicht, auch wenn die Entscheidungen anders fielen, als sie es erwartet hatte, sondern sie sagte: "Das muß jeder selbst wissen." Aber wir bezeugen ihre Klugheit, daß sie den Herrn kannte, der Barmherzigkeit, Recht und Gerechtigkeit übt auf Erden; denn solches gefällt mir, spricht der Herr. Amen.

Wir sangen "Nun bitten wir den Heilgen Geist", wie früher zu Beginn jedes Gottesdienstes, "Was Gott tut, das ist wohlgetan" und am Grab "Christ ist erstanden" und "Harre meine Seele". Ein Posaunenchor mit Kirchenmusikdirektor Peter Isenbürger unter Leitung von Herrn Domin spielte die Choräle "Jesus meine Zuversicht" und "Großer Gott, wir loben dich". Zur Beerdigung war der frühere Pfarrer Eberhard Schuseil und der Vorsitzende des Braunschweiger Küsterverbandes, Herr Kunde gekommen. Mitglieder des früheren und des zur Zeit amtierenden Kirchenvorstandes sowie gute Bekannte trugen den Sarg von der Friedhofskapelle zum Grab.

(Gemeindebrief Januar/Februar 1989)

Noch viele Jahre nach ihrem Tod fragten mich Freunde, Bekannte und Gäste des Pfarrhauses nach dem Ergehen von Frau Heine. Für sie gehörten das Offleber Pfarrhaus und Frau Heine fest zusammen.

Marianne Kienbaum und Elvira Blank

Nachfolgerin von Frau Heine wurde in Offleben am 1.10.1988 die damals 42jährige Marianne Kienbaum. Ihr Mann arbeitete beim Zoll und das war unser Unglück. Denn er wurde bald nach der Wende nach Bonn versetzt, weil für Zollangelegenheiten in Offleben keine Arbeit mehr zu verrichten war. So blieb es bei den knapp zwei Jahren, in denen sich aber bald ein herzliches Verhältnis einstellte.

Nach einigem Suchen meldete sich als Nachfolgerin Elvira Blank, aus Offleben gebürtig, die zu der damaligen Zeit hier ihre Mutter pflegte. Sie wurde am 10.2.1991 in ihr Amt eingeführt. Sie war 1964 in Offleben konfirmiert worden und kannte daher den kirchenreformerischen Stil in der Kirchengemeinde, den sie mit unterstützte. Sie hat weit über ihren Küsterdienst hinaus zusammen mit Frau Mock selbständige Predigt- und Abendmahlsgottesdienste gehalten. Als sie nach fast achtjähriger Küstertätigkeit Großmutter geworden war, zog es sie in die Nähe der Tochter nach Hordorf. Sie wurde am Reformationsfest 1999 im Gottesdienst verabschiedet.

Die Küsterin Margarete Schulze in Reinsdorf

Seit 1952 war Frau Margarete Schulze Küsterin der Reinsdorfer Kirche. Als ich von der Augustastraße in Schöningen aus 18 Monate lang die Vertretung in den Kirchengemeinden Offleben und Reinsdorf machte, führte sie mir den Haushalt in der ehemaligen großen Arztvilla des Dr. Piper in Schöningen, die als zweites Pfarrhaus gemietet worden war, mit einer Gründlichkeit und Putzfreudigkeit, daß ich ganz sprachlos war.

Frau Schulze, geborene Mischuda, stammte aus Oberschlesien und hatte am 10. März 1930 in Hohnsleben geheiratet, aber ihr Mann war nicht aus dem Krieg zurückgekommen. Sie war früh mit ihren vier Kindern alleine und hat sich durchs Leben durchgebissen. Es ist ihr nicht viel erspart geblieben. So hat sie es selber in ihren Erinnerungen wiedergegeben.

T COLOR=#000000 FACE="Arial">Frau Schulze war von Haus aus katholisch und hat diese katholische Prägung nie abgelegt. Die Hingabe an ihren Beruf, die verschwenderische Liebe, mit der sie die Antependien für die Reinsdorfer Kirche gestickt hat, mit der sie unter widrigen Verhältnissen wie Frau Heine die Kirche geheizt und dann geputzt und Sonntag für Sonntag mit ihrem führenden Gesang den Gottesdienst geprägt hat, das stammte aus ihrer Liebe zur Kirche, die ihr in ihrer katholischen Jugendzeit anerzogen worden war.

Sie war zum evangelischen Glauben übergetreten, als Pfarrer Detlef Löhr sie für das Küsteramt in der evangelischen Reinsdorfer Kirche gewonnen hatte. Für Pfarrer Löhr war klar, daß dieses Amt nicht von einer katholischen Frau ausgeübt werden konnte.

Heute sind wir weiter. Mit Freude erinnere ich mich daran, daß Hans Peter Mnich, unser begabtester Organist in beiden Gemeinden, katholisch war und von seinem Glauben eine vorbildliche liturgische Haltung an der Orgel mitbrachte. Nie wäre ich auf die Idee gekommen, Hans Peter Mnich zu fragen, ob er denn evangelisch werden wollte. Dazu sind die Schätze in beiden Kirchen wohl zu groß, als daß wir noch konvertieren müßten.

Frau Schulze führte auch zeitweilig meinen Haushalt im Offleber Pfarrhaus. Aus Altersgründen verzog sie nach Helmstedt zu ihrem Sohn. Am 26.9.1998 starb sie im Alter von 90 Jahren und wurde an der Südseite der Reinsdorfer Kirche begraben.

Ich hatte Frau Schulze gebeten, einmal einen Lebenslauf für die Kirchenchronik aufzuschreiben. Es ist ein mehrseitiger Bericht, den ich hier in voller Länge wiedergebe. Er ist ein eindrucksvolles Dokument aus unserem Hohnsleber und Reinsdorfer Dorfleben.

Bericht über meinen Kirchendienst in Reinsdorf

von Margarete Schulze - Reinsdorf den 1.4.1972

Zwanzig Jahre sind nun vergangen, seitdem ich dort meinen Dienst angefangen. Wenn ich zurückschaue, sind sie viel zu schnell enteilt. Fast wie vom Winde verweht.

Ja, es war einmal, das klingt wie im Märchen. Als eines Morgens, ganz früh, die Oma Schetsche ganz aufgeregt mich aufsuchte und flehend mir einen großen Schlüssel in die Hand legte... Ich war natürlich erst mal ganz schockiert. Bis sie dann endlich mit ihrer Sprache herauskam. Ja, auf so was war ich wirklich nicht gefaßt.. Meine Frage war, warum sie mir ausgerechnet den Schlüssel bringt, und damit so ein verantwortliches Amt. Sie konnte doch nicht wissen, ob ich dafür geeignet war.

Na, kurz und gut, ich glaube, und bin auch ganz gewiß, daß damit alles in Ordnung ist. Ich darf nur nicht zurückdenken. Denn in was für einem kläglichen Zustand diese Kirche sich befand. Innen und außen, das Dach, der Turm, die Orgel, eine Renovierung folgte nach der andern. Ich habe zum Beispiel während der zwanzig Jahre drei Pastoren gedient. Angefangen habe ich bei Herrn Pastor Schuseil. Schon nach kurzer Zeit hat er die erste Renovierung vorgenommen. Er fackelte nicht lange und hatte alles, was morsch und schäbig war, entfernen lassen. Zum Beispiel die nach dem Barockstil nachgeahmte Kanzel über dem Altar und darunter die Sakristei. Dazu die Empore kürzen lassen, und das Fenster, welches über dem Altar ein paar Jahrzehnte zugemauert war, wieder aufbrechen lassen. Nachher wurde das Fenster mit kleinen bunten Scheiben versehen. So konnte die Sonne ihre Strahlen wieder hineinwerfen. Und das Innere wurde dadurch viel freundlicher. Gern erinnere ich mich nicht an diese Renovierung. Als die guten Leute alles heruntergerissen hatten, war das ein Anblick, als hätte dort eine Bombe reingeschlagen. Ich stand nun ratlos da, doch ehe ich mich versah, kamen zwei Helfer. Frau Pfeiffer und Frau Schiller, sie erbarmten sich und packten tüchtig zu.

Nun komme ich weiter zu den Paramenten, die zu der damaligen Zeit Altar, Kanzel und Pult kleideten. Sie bestanden aus einem blauen Leinentuch. Das Antependium trug das Symbol, in Gold gestickt und von Frau Rattey gearbeitet: "Sei getreu bis in den Tod". Ich nehme stark an, daß die Paramente vom Luisenbund gestiftet waren, der ja einmal in Hohnsleben und Reinsdorf sehr aktiv wirkte. Als ich hier im Jahre 1929 einmal eingezogen bin, da konnte ich die Frauen vom Luisenbund in ihren blauen Kleidern beobachten.

Nun kurz und gut. Die Teppiche und Läufer waren auch durchlöchert, und so wurden neue rote Läufer angeschafft. Dazu kam dann der große eiserne Ofen weg und wurde ebenfalls durch einen neuen Kohleofen ersetzt. Als nun die Kirche fertig war, dauerte es nur noch eine kurze Zeit, da verließ uns Herr Pastor Schuseil.

Da ihm das damalige Schwelwerk mit dem fetten braunen Ruß viel Kummer bereitete, dazu kam noch, daß er unter dem Wohnungsmangel auch schwer gelitten hat. Denn inzwischen haben vier gesunde Buben das Licht der Welt dort erblickt. (Hier irrt sich Frau Schulze: Es waren insgesamt drei Jungens und ein Mädchen und davon wuchsen drei Kinder in Offleben auf. D.K.).

Danach stellte sich bald Herr Pastor Löhr ein. Wie man sagt, andere Herren, andere Sitten. Er hatte ganz andere Manieren und andere Probleme. Aber sie waren für uns alle vom gutem Vorteil. Da störte ihn erst mal der Kohleofen, und ersetzte ihn durch einen Ölofen. Das war eine feine Sache. Da fiel mir der erste Klotz vom Bein. Denn durch dieses Heizen ging viel Zeit verloren, zum Beispiel das frühe Aufstehn und durch den Friedhof die Kohle schleppen und Holz hacken, wenn überhaupt was da war. Und damit die Luft pumpen. Ach was war das für eine gute Sache.

Nun das zweite gute Werk war die elektrische Anlage fürs Läuten und die Orgel. Ich brauchte nicht mehr in den Turm steigen, dann den Strick zum Läuten ziehen und für die Orgel den Hebel bedienen. Dann war nämlich erst für mich die Tür offen und ich konnte mich am Gottesdienst mit beteiligen. Übrigens können wir stolz darauf sein, daß uns Herr Pastor Löhr sämtliche liturgische Gesänge beigebracht hat. Es macht sich immer wieder bemerkbar, wenn ich in einer Kirche mit einer großen Menschenmenge bin. Dann vermisse ich die Gemeinde mit dem Singen. Ja, als Herr Pastor Löhr uns nach einer fast achtjährigen Amtszeit verlassen hat, waren wir bitter enttäuscht, es war eine ungünstige Zeit. Erster Advent.

Aber wir hatten großes Glück. Denn Herr Pastor Kuessner sprang ein und versorgte uns von Schöningen aus. Oft schwang er sich auf sein eisernes Ross bei Wind und Wetter und scheute vor nichts zurück und ist bis zum heutigen Tage und auch am längsten bei uns. Über seine Manieren und Probleme möchte ich mich nicht äußern. Erstens liebt er keine Lorbeeren und zweitens ist er jedem in der Gemeinde bekannt. Soll ihn jeder schätzen auf seine Art. Eins wissen wir, daß er viel an unserer Kirche getan hat und uns viel Freude schon bereitet hat. Wir können stolz sein und vor allen Dingen dankbar sein, für die vielen netten Stunden die wir in der Schule beim Frauenkreis mit ihm verlebt haben. Wir wollen bitten und beten, daß er uns noch lange erhalten bleibt.

Ich möchte zum Schluß eines nicht vergessen, daß die Natur während meiner zwanzigjährigen Dienstzeit eine große Rolle spielte. Ob Frühling, Sommer, Herbst oder Winter. Es steckt viel Freude und auch Leid dahinter. Ich komme auf den Kohleofen zurück. Wenn ich frühmorgens im Winter, wenn noch alles schlief in der Gemeinde, durch den tiefen, tiefen Schnee, den Dorfplatz stampfen mußte und den Blick nach oben warf, über die weiße schwere Pracht auf den Bäumen, da vergaß ich alles Leid. Und dennoch sehnte ich mich nach dem Frühling. Er war denn auch bald soweit, die Vögel mit ihrem Zwitschern und Flattern machten sich bemerkbar und ich fühlte mich nicht mehr einsam auf dem Wege über dem grünenden Dorfplatz. Die Sonne kam immer mehr zum Vorschein und dann dufteten bald die Lindenbäume. Doch auch das: es war einmal. Leider ist diese Pracht der modernen Wirtschaft zum Opfer gefallen. Wenn nun der Sommer seinen Einzug halten wird, bleibt eine große Lücke ohne den herrlichen Duft der gefallenen Lindenbäume.

Hoffen wir nur stark, daß uns wenigstens im Herbst der so rotgoldene wilde Wein am Turm erhalten bleibt. Denn diese vier Jahreszeiten waren ein Ausgleich zwischen Freud und Leid.

Ich könnte Stunden brauchen, um alles aufzudecken, aber es könnte dies oder jenes falsch aufgefaßt werden.

Ich allein weiß, was mir die Oma Schetsche in die Hand gelegt hat. Es war bis zum heutigen Tage und Stunde eine wunderbare Aufgabe. Meinem Herrn zu dienen in Freude und Leid.

Es ging nicht immer alles so blendend an mir vorüber. Wenn mich oft in den Abendstunden eine Ungewißheit geplagt hat, dann holte ich mir das Gesangbuch hervor und schlug die Nr. 295 von Paul Gerhardt auf. "Gib dich zufrieden". Und am andern Morgen, fiel mir von Eichendorff ein: "Ich fühl mich echt wie neu geschaffen/. Wo ist die Sorge nun und Not/Was mich gestern wollt erschlaffen/Ich schäm mich des im Morgenrot".

Wenn es oft auch schwer war, dann dachte ich:

"Wer nie sein Brot mit Tränen aß/Wer nie die kummervollen Nächte/Auf seinem Bette weinend saß/Der kennt euch nicht, ihr himmlischen Mächte.

Ihr führt ins Leben uns hinein/Ihr laßt den Armen schuldig werden/Dann überlaßt ihr ihn der Pein/Denn alle Schuld rächt sich auf Erden".

"Es ist wieder Frühling, die schöne Zeit. Es glänzen die Wolken/es teilt sich der Flor/Da scheint uns ein Bildchen/ein Göttliches vor" (Goethe).

Familie Bauermeister

Nach einer Übergangszeit mit Frau Miklis, der Tochter von Frau Schulze, übernahm Frau Elke Bauermeister das Küsteramt in Reinsdorf. Die Familie Bauermeister war 1972 von Schöningen nach Hohnsleben gezogen und wohnte auf dem Ducksteinschen Hof. 1976 begann Frau Bauermeister den Küsterdienst, damals 36 Jahre alt. 1976 zog die Familie nach Reinsdorf, in das Haus, das früher Frau Schulze bewohnt hatte. Herr Bauermeister kandidierte für den Kirchenvorstand und hat zur Zeit zum dritten Male den Vorsitz inne. Viele Kirchenvorstandssitzungen haben wir in der Wohnung von Familie Bauermeister abgehalten und die gute Atmosphäre trug viel zum Klima der Sitzungen bei. Die ganze Familie beteiligte sich am Kirchendienst. Die Tochter vertrat die Mutter im Urlaub, die Söhne machten sich in praktischen Dingen nützlich, besonders zu Weihnachten beim Aufstellen und Dekorieren des Baumes, oder wenn an der Kirche irgendwelche Arbeiten zu verrichten waren. Im Garten wurden die Blumen für den Sonntagsschmuck angepflanzt und mit der zum Erntedank geschmückten Kirche konnten sich nur wenige messen. Frau Bauermeister übernahm auch ziemlich unerbittlich das Einsammeln des Kirchgeldes und den Besuchsdienst an den Geburtstagen.

Langsam wuchs Frau Bauermeister auch in die geistlichen Aufgaben hinein und übernahm Teile der Liturgie. Wie alle Küsterinnen sprach sie auch das Eingangsgebet beim Abendmahl und reichte dem Pfarrer Brot und Wein. Sie hat ihr Küsteramt im besten Sinne als ein Ehrenamt verstanden. Es ist tief zu bedauern, daß ihre Arbeit durch das Landeskirchenamt infolge ständiger Stundenkürzung wenig geachtet worden ist

Die Familie Bauermeister wurde für mehr als zwei Jahrzehnte die unumstrittene Adresse für alle kirchlichen Angelegenheiten des Dorfes, wofür ihr die kleine Gemeinde sehr dankbar ist.

Wie ich Haus und Garten erlebte

So kam ich 1963 in ein vielfach bewohntes, mit viel Erinnerungen behangenes Gehäuse. Wenn die Pfarrhäuser doch selber erzählen könnten, dann müßte wohl so manche Geschichte umgeschrieben werden. Aber sie sind verschwiegen.

Offleben hat zwei Pfarrhäuser: das ältere befindet sich heute noch in der Gerhardt-Hauptmann-Straße Nr. 6. Es stand bis 1907 im Pfarrgarten, dort, wo der uralte Baum heute noch wächst. Dann wurde es verkauft und komplett als Armenhaus in der damaligen Hinteren Dorfstraße wiederaufgebaut. In den 20iger Jahren wohnte dort die vielköpfige, im Dorf bekannte Familie Kohlrausch, heute gehört es Dieter Lücke.

Dort, wo heute die Garage steht, befand sich einmal der sogenannte Hartmannsche Hof. Nach dem Abriß des Hofes wurde 1907 das große Pfarrhaus errichtet und das Pfarrgrundstück erweitert. Pfarrer Schwartz war sein erster Bewohner.

Schwartz hatte viele Kinder, zog 1915 nach Groß-Denkte und wurde im September 1929 erhängt im Glockenstuhl seiner Kirche aufgefunden.

Sein Nachfolger, Pfarrer Reiche, hatte nur zwei Kinder.

In der unteren Etage des Pfarrhauses war links ein Konfirmandenraum eingerichtet. In ihm befand sich ein großer eiserner Kohleofen, der jahrzehntelang seinen Dienst tat und Anlaß für viele Konfirmandenstreiche bot, die bei den Goldenen Konfirmandenjubiläen wieder aufgewärmt wurden. Er wurde von Pfarrer Löhr durch einem Ölofen und danach durch eine zentrale Warmwasserheizung ersetzt. Der Konfirmandenraum war für die vielen Kinder und Konfirmanden im Dorfe zu klein.

Die beiden anderen größeren Räume, mit einer Schiebtür verbunden, waren als Wohn- und Eßzimmer gedacht und entsprachen den Vorstellungen von einem gewissen repräsentativen Bedürfnis eines "Pfarrherrn auf dem Lande um 1900". Die zwei kleineren waren wohl als Amtszimmer vorgesehen. Pfarrer Reiche indes hatte sich sein Amtszimmer im ersten Stock oberhalb der Eingangstür eingerichtet. Die Räume oben waren als Privatbereich des Pfarrers mit Schlafzimmer, Kinderzimmer und Gästezimmer geplant.

Das Pfarrhaus ist vollständig unterkellert, hat dort eine große Waschküche, mehrere Vorratsräume und einen Kohlenkeller und verfügt über einen großen Wäscheboden.

Umgeben ist das Pfarrhaus von einem riesigen Pfarrgarten, der von der Wirbke durchflossen wurde. Zwei alte abgewetzte Grabplatten, deren Inschriften unleserlich waren, dienten als Brücken über den Bach. Sie sind heute noch erhalten. Der Pfarrgarten hatte hinten, nach Osten zu, einen preußischen Teil und um das Pfarrhaus herum einen braunschweigischen Teil. Die Größe des

Wie ich Haus und Garten erlebte

Pfarrgartens war ursprünglich wohl danach bemessen, daß eine große Pfarrfamilie sich daraus durch Anpflanzen von Kartoffeln und Gemüse, Obstbäumen und Sträuchern selbst ernähren konnte. Ich selber kannte es nicht anders. Auch in meiner Kindheit gehörte zu unserem Pfarrhaus in Lötzen, wo ich bis zum 11. Lebensjahr aufgewachsen war, ein großer, von einem Bachlauf durchzogener Pfarrgarten mit Gemüseteil, Obstteil, Wiese und Blumenbeeten. Im Garten zu arbeiten gehörte zum pädagogischen Programm der Eltern, die Kinder bekamen ein "eigenes Beet" und das Gießen am Abend wurde oft von Stöhnen begleitet.

So war mir der große Pfarrgarten in Offleben eine durchaus heimatliche Erinnerung und ich genoß die Weite. Mein haushälterischer und sparsamer Vorgänger hatte den hinteren Teil teilweise verpachtet und verkaufte von seinen angebauten Bohnen und Gemüse durch das Küchenfenster an Interessenten aus der Gemeinde.

Das Pfarrhaus war Gemeindehaus und Pfarrhaus in einem. So richtete ich es dann ein: unten Räume für die Gemeinde, oben Privaträume, auf dem Boden und auch im Keller Gruppenräume. Das wurde dadurch erleichtert, daß die große freie Treppe, die ursprünglich von unten gerade in den ersten Stock führte, umgelegt wurde. Dadurch wurde das leicht herrschaftliche Treppenhaus zwar im unteren Teil verkürzt, blieb aber noch in seiner großzügigen, altmodischen Struktur erhalten.

Als ich 1965 das Haus bezog, wohnte für einige Jahre noch die dreiköpfige Familie Lucht im Hause, verzog aber dann nach Schöningen. Nach dem Auszug hatte ich mir die freiwerdenden Wohnung als Schwesternwohnung gedacht. Der Plan zerschlug sich: Offleben hatte bereits zwei Schwestern, eine von den BKB bezahlte, die andere von der Kommunalgemeinde. So richtete ich dort für Besucher noch ein blaues Gästezimmer mit blauem Bad neben den Betten sowie zwei Archivräume ein.

Es war schon ein tolles Ding, daß ich in diesem herrschaftlichen Hause nun allein wohnen würde. Ich belegte die insgesamt 12 Zimmer mit Vergnügen: unten die fünf Räume für die Kirchengemeinde samt der gemeinsam genutzten Küche, oben neben Gästezimmer und Archivräumen die drei privaten, auf dem Boden richteten wir für Gruppenbesuche noch vier Zimmer mit Waschgelegenheit ein und im Keller wurde eine Gruppendusche eingebaut. Eine strenge Trennung von Privatem und Dienstlichen stand mehr auf dem Papier.

Die Wirtschaft war nur mit Hilfe zu bewerkstelligen. Zunächst half mir Frau Schulze aus Reinsdorf, die schon den Haushalt in Schöningen geführt hatte, wo ich ebenfalls eine sehr geräumige frühere Arztvilla als Dienstwohnung in der Augustastraße zugewiesen bekommen hatte. Frau Schulze stürzte sich mit einer ungeheuren Putzlust auf die Räume und versorgte mich auch mit Essen. Das gemeinsame Frühstück in der Pfarrhausküche wurde für lange Zeit ein privilegierter Tagesanfang. Die Leute in VW und bei BKB hatten dann meist schon zwei Stunden Schicht hinter sich.

In der Nachbarschaft Kirchstraße Nr. 1, in der früheren Wagenführschen Villa, die dann in viele Wohnungen aufgeteilt wurde, wohnte Frau Martha Wachsmuth. Sie stammte aus der Gegend von Tilsit, der Grenze von Nordostpreußen zum Litauischen, hatte das von starken Backenknochen geprägte ostelbische Gesicht, sprach den breiten Dialekt ihrer Heimat, hatte dort eine Mühle bewirtschaftet und war mit ihren Kindern nach Offleben verschlagen worden. Hier zog sie noch ihr Enkelkind Heinz groß. Einmal war sie Zuhause unter einen Wagen geraten, sodaß sie beim Gehen humpelte.

Sie löste Frau Schulze im Wirtschaften ab und ich hatte großen Respekt vor ihrer umfassenden Arbeit. Den vielen Gästen im Hause begegnete sie mit selbstverständlichem östlichen Stolz. Da sie in der Nachbarschaft wohnte, blieb sie den ganzen Tag über im Pfarrhaus, sodaß das Pfarrhaus auch "besetzt" war, wenn ich weg war. Jeder, der zu ihrer Zeit ins Haus kam, erinnert sich an die unverfälschte ostpreußische Sprache, die Gastfreundschaft und ihre Herzensgüte.

Besonders eindrucksvoll kehrte die Heimat wieder ins Pfarrhaus zurück, als sich auch der in ostpreußischen Pfarrhäusern bekannte Borkowski in Offleben sehen ließ. Borkowski hatte bis zur Untertertia ein Gymnasium besucht, war dann aber enterbt worden und besuchte reihum die Pfarrhäuser und schnorrte. Meiner Mutter war er ein Greuel, da er die ihm von ihr angebotene Arbeit ablehnte. Vater hatte eine Schwäche für ihn und bot ihm eine Zigarre an und steckte ihm nach einer Bleibe von ein paar Tagen Geld zu. Während der stürmischen Nachkriegszeit war er das begehrte erste Nachrichtenorgan, weil er von dem Ergehen der im Westen verstreuten, ehemals ostpreußischen Pfarrfamilien erzählen konnte. Ich befand mich auf seiner Liste. Eines Tages stand er auch in Offleben vor der Tür, blieb ein paar Tage und wetteiferte mit Frau Wachsmuth, wer nun den Herrn Pfarrer besser kannte. Als Borkowski mit ein paar lateinischen Brocken angeben wollte, ließ sich Frau Wachsmuth nicht lumpen und fragte ihn, ob er denn wisse, was eine Exegese wäre. Es war damals gerade Bibelwoche im Offleber Pfarrhaus, mehrere Pfarrer tummelten sich tagsüber, wir lasen den Urtext und sprachen über ihn (also: machten Exegese), zur weiteren Arbeit verteilten wir uns auf alle Räume.

"Exejese", so belehrte nun Frau Wachsmuth den Borkowski, das ist, "wenn Pfarrer Kissner mit Frau Pastor Böttjer nach oben jeht und sie lechelt."

Frau Wachsmuth hat ihre letzten schweren Wochen im Altersheim Marienthal verbracht hat und diese für sie fremde Zeit mit hörbarem, leisen, überlegenen Spott ertragen. Sie wurde im Dezember 1975 im 75. Lebensjahr in Helmstedt begraben. Über der Trauerannonce stand der Spruch: "Fern der Heimat muß ich sterben/die ich einst so sehr geliebt/ doch ich bin dorthin gegangen/wo es keine Schmerzen gibt".

Der Garten war für mich ein Jungbrunnen. Ich bewirtschaftete ihn mit Hilfe von Konfirmanden, legte zwei Brunnen an, eine Erinnerung an die masurischen Seen, ein paar Tannen markierten die heimatlichen Wälder, Balken aus der Kirche sind laienhaft hinten zu einer kleinen Laube verarbeitet, weil ich auch bei Regen im Garten irgendwie am Tisch arbeiten wollte. Der Garten hatte über 20 ausgewachsene Bäume, die teilweise ersetzt wurden, die meisten aber haben mich bis zum Ende erfreut. Der Garten war offen. Wer wollte, konnte sich zum eigenen Bedarf bedienen. Aus dem Gemüseteil im ersten Teil des Gartens legte ich eine Wiese an und durch die große Fläche wirkte sie auf mich parkähnlich. Die Fontänen der beiden Springbrunnen verstärkten den Eindruck. Der eine Brunnen wurde durch Baumwurzeln wieder porös und diente dann als Grillviereck.

Im Garten tafelte im Sommer die Frauenhilfe, grillten die Jugendlichen, die Gruppen, die auf dem Boden nächtigten, verteilten sich im Grünen, therapeutische Gruppen umarmten die Bäume und stöhnten ihre Verkrampfungen heraus, was auf uns schlichte Hausbewohner wiederum eigenartig wirkte, bei Gartenfesten verteilten wir Hunderte von Teelichtern, die die Bäume von unten festlich beleuchteten. Vor allem aber genoß ich selber die Jahreszeiten in dem großen Gelände, die Narzissenflut im Frühjahr, die hohen Rosenstöcke an der Hauswand im Sommer, die Zinnien im Herbst. Der Garten hat mich für manche Annehmlichkeit, die die Stadt geboten hätte, doch kräftig entschädigt.

Das Konfitentenregister

oder: die Abendmahlssitten im 20. Jahrhundert

meinem Nachfolger-Ehepaar Frau Pfarrerin Kerstin Pustoslemšek und Herrn Pfarrer Dr. Stefan Pustoslemšek gewidmet

Handschriftliche Eintragungen der hier kurz skizzierten Pfarrer Schwartz, Reiche, Müller und Löhr finden sich in dem sogenannten Konfitentenregister. Es gab früher die Sitte der Abendmahlsanmeldung. Wer am Sonntag am Abendmahl teilnehmen wollte, ging am Sonnabend zum Pfarrer und meldete sich an. Dieser schrieb die Namen in ein Buch, das man Konfitentenbuch nannte. Solche Konfitentenbücher gibt es auch unter den Offleber Kirchenbüchern. Das letzte wurde 1904 angefangen und von den Pfarrern Schwartz, Reiche und Müller geführt. Pfarrer Schuseil setzte diese Tradition nicht fort und Pastor Löhr nahm sie als letzter wieder auf. Die Eintragungen ins Konfitentenbuch enden mit der Handschrift von Pastor Löhr am Epiphaniastag 1964 und von der Reinsdorfer Küsterin Frau Schulze am Karfreitag 1964.

Mit der Anmeldung am Vorabend war die Abendmahlszulassung verbunden. Nicht jeder durfte einfach zum Abendmahl kommen. Wenn sich einer mit einem andern öffentlich und ernsthaft gestritten hatte, sollte der Pfarrer die beiden erst zusammenführen und den Streit geschlichtet haben, bevor sie zum Abendmahl kamen. Mir ist nicht bekannt, ob das jemals vorgekommen ist.

Der Pfarrer konnte auf diese Weise auch abzählen, wie viele Oblaten er brauchte. Es galt als anstößig, wenn zu viele Oblaten beim Abendmahl übrig blieben. Es sollten nur so viele Oblaten "geweiht" werden, wie auch gebraucht wurden. So mußte die Küsterin Frau Heine bei Pastor Löhr die Oblaten abgezählt auf den Oblatenteller legen, eben so viele, wie sich angemeldet hatten.

Und schließlich war ganz früher mit der Anmeldung auch eine Kollekte verbunden. Die Gemeindemitglieder entrichteten eine Geldspende bei der Anmeldung.

Das Konfitentenbuch gibt Auskunft, wie oft und zu welchem Anlaß im Jahr das Abendmahl gehalten wurde.

Pastor Schwartz war von 1898 an 17 Jahre Pfarrer in Offleben bis 1915.

Abendmahlsgottesdienste an den Sonntagen
(Anzahl der teilnehmenden Personen im Jahr)

 

1907

1908

1909

1910

1913

           

2. Passionssonntag

2

13

17

12

-

4. Passionssonntag

29

44

71

51

59

6. Passionssonntag

48

37

25

71

35

Karfreitag

78

81

70

93

59

Konfirmation

32

21

26

47

51

Jubilate

24

10

27

13

12

Rogate

17

32

24

9

-

Himmelfahrt

15

11

20

13

27

Trinitatis

13

-

-

-

4

23. Sonntag n. Tr.

12

-

-

5

-

Bußtag

6

5

8

5

12

Totensonntag

12

12

10

11

4

Wochenabendmahl im Advent

-

6

7

14

-

Sonntag nach Weihnachten

-

5

-

-

-

Wenn man heutzutage gerne sagt, daß früher vor allem der Karfreitag und der Bußtag die best besuchten Abendmahlsgottesdienste waren, dann trifft das für Offleben jedenfalls nicht zu.

Die geprägten Abendmahlssonntage waren Lätare (4. Passionssonntag), Palmsonntag (6. Passionssonntag), mit dem die Karwoche begann und der Karfreitag.

Außerdem die Osterzeit. Die Konfirmation wurde in der Regel am 1. Sonntag nach Ostern gehalten, dem sogenannten Weißen Sonntag. Die beiden österlichen Sonntage (2. und 4. Sonntag nach Ostern) und erstaunlicherweise Himmelfahrt waren Abendmahlsgottesdienste.

Es fällt auf: anders als heute ist kein Abendmahl zu Ostern und Pfingsten und auch nicht zu Weihnachten gefeiert worden. Dafür ist der Besuch in der Passionszeit außergewöhnlich hoch. Man kann sich gar nicht vorstellen, daß sich so viele Gemeindemitglieder persönlich bei Pfarrer Schwartz angemeldet haben sollen. Offleben (Braunschweigisch- und Preußisch-Offleben) hatte 1910 rund 1.300 Einwohner. Wenn in knapp drei Wochen 215 Einwohner zum Abendmahl gekommen waren, ist das ein sehr hoher Prozentsatz.

Es fällt weiter auf: anders als heute kamen sie z.B. am Karfreitag zusammen als Eheleute. 1907: 31 Ehepaare, 1908: 30 Ehepaare, 1909: 28 Ehepaare; 1910: 33 Ehepaare.

Die Aufzählung im Register spiegelt auch eine gewisse Rangordnung. Zuerst werden die Eheleute genannt, am Ende die Witwen. Ich nehme an, daß die Eintragungen nicht unmittelbar bei der Anmeldung erfolgten, sondern nachgetragen worden sind. Nur so ist die Anordnung zu erklären.

Auffällig ist der geringe Besuch am Bußtag. Das scheint eine braunschweigische Eigenart zu sein. Am Bußtag wurde geschlachtet. Mir fiel das auf, als eine Familie kürzlich heftig darüber klagte, daß der Bußtag nicht mehr staatlich geschützter Feiertag wäre. Da habe man so schön schlachten können. Vielleicht war das am Anfang des Jahrhunderts auch so.

Es scheint auch nicht durchweg üblich gewesen zu sein, daß die Eltern der Konfirmandinnen und Konfirmanden mit ihren Kindern zusammen zum Abendmahl gegangen sind. Das erste Abendmahl stand für sie weniger unter dem Gedanken der Gemeinschaft, sondern: der Pfarrer entließ die Jugendlichen in die Erwachsenenwelt. Die Eltern blieben dabei mehr Zuschauer. Aber es gab durchaus auch Eltern, die bei der Konfirmation ihrer Kinder mit zum Abendmahl gingen.

Die Advent und Weihnachtszeit war offenbar gottesdienstlich nicht so geprägt, wie es heute der Fall ist. Aber ein Abendmahlsgottesdienst an einem Wochentag im Advent scheint mir den Bußcharakter des Advent zu betonen. Das Abendmahl stand, anders als heute, einseitig unter dem Gedanken der Sündenvergebung. Daher wurde zum Beispiel auch am Erntedankfest kein Abendmahl gefeiert, was in einer ländlichen Gegend eigentlich nahegelegen hätte. Das erste Abendmahl an einem Erntedankfest wurde in Offleben am 2. August 1948 begangen, dann wieder am 2.10.1949 und die folgenden Jahre.

Penibel wurden im Konfitentenregister alle Teilnehmer erfaßt, auch jene, die sich nicht angemeldet hatten, was immer wieder vorkam. "Nicht angemeldet männlich" wird notiert, oder: "1 männlich, 5 weiblich" oder: "ein unbekannter Mann". Außer den Abendmahlsfeiern in der Kirche wurden auch die seltenen Krankenabendmahlsfeiern vermerkt, oder solche auf dem Sterbebett. Das war aber die Ausnahme. Das Krankenabendmahl oder das Abendmahl vor dem Tode war in Offleben nicht üblich.

Es tauchen immer wieder jene alten Offleber Familiennamen auf, die wir heute noch kennen. So ist das Konfitentenregister eine kleine Familiengeschichte des Dorfes.

Abendmahl in Kriegszeiten

Man hört immer wieder und sieht es auf Bildern, wie vor Beginn des 1. Weltkrieges die jungen eingezogenen Soldaten vor der Abfahrt an die Front noch in die Kirche geeilt seien, um sich mit dem Abendmahl zur großen Schlacht zu rüsten, vielleicht auch in der Hoffnung, dadurch vor dem Tod bewahrt zu werden.

Vielleicht ist die Eintragung vom 6. September, dem 13. Sonntag nach Trinitatis, dafür bezeichnend. In der Regel haben zwischen Himmelfahrt und November keine Abendmahlsgottesdienste stattgefunden. Insofern ist dieser Sonntag auffällig. Es besuchen den Gottesdienst die Eheleute Feuerriegel, Düfer, Krull, Döring, Emersleben und Geuke, außerdem die Frauen Döring, Lieske und Wahnschaffe und Herr Döring, insgesamt 16 Personen. Es sind also nicht junge Leute, die einberufen worden sind. Es wäre zu prüfen, ob das Bild des Abendmahls vor der Einberufung nicht mehr eine militaristische Propaganda war.

Von 1915-1945 amtierte Pfarrer Oscar Reiche in Offleben und Reinsdorf-Hohnsleben. Die Anzahl der Abendmahlsgottesdienste reduziert sich in seiner Zeit im Vergleich zu denen seines Vorgängers um die Hälfte. Nur noch viermal fand in der Regel im Jahr Abendmahl statt, und zwar: einmal in der Passionszeit, am Karfreitag, zur Konfirmation, und am Bußtag oder Totensonntag. Die Konfirmation wurde meist an einem Passionssonntag, also vor Karfreitag, oder am 2. Ostertag gefeiert. Die Abendmahlsbeteiligung am Karfreitag war nach wie vor enorm hoch: 1922: 85 Personen; 1923: 84; 1924: 83; 1925: 96; 1926: 81; 1927: 79; 1928: 72; 1930: 70 Personen.

An Bedeutung gewann ab 1925 der Totensonntag: dafür entfiel das Abendmahl am Bußtag. Die Teilnehmerzahlen am Totensonntag ab 1925 sind folgende: 1925: 35 Personen; 1926: 30; 1927: 33; 1929: 15; 1930: 12. 1928 entfiel das Abendmahl am Totensonntag, dafür wurde erstmals am 1. Advent Abendmahl angeboten. Es kamen 12 Gemeindemitglieder. 1930 am 3. Advent: 13 Personen.

Wie waren die Abendmahlsgottesdienste im Dritten Reich? Wir machen drei erstaunliche Feststellungen:

1933, also im Jahr der sogenannten "Machtergreifung Hitlers", fanden insgesamt 10 Abendmahlsgottesdienste statt, so viele, wie lange nicht zuvor, und zwar: (in Klammern die Teilnehmerzahlen) 16. März (22), 30. März (17), Konfirmation (44), Karfreitag (77), 20. September (8), 26. September (8), 5. November (12), 12. November (8), Bußtag (17), 1. Advent (12). Die Hoffnung, daß Nationalsozialismus und evangelische Kirche geordnet nebeneinander leben können, war sehr groß.

Die andere erstaunliche Feststellung ist, daß sich der Karfreitag trotz gegenteiliger Propaganda von HJ und NSDAP am Ort, trotz der schwierigen Kriegszeiten und trotz des hohen Alters von Pastor Reiche, der 1939 bereits 70 Jahre alt wurde, als weit überdurchschnittlich besuchter Abendmahlsgottesdienst gehalten hat. Die Besucherzahlen waren zwar nicht so hoch wie vor 1933 und nahmen im Laufe der Zeit etwa um die Hälfte ab, aber es sammelte sich offenbar auch in der nationalsozialistischen Zeit in Offleben eine treue Gemeinde um das Sakrament. Die Besucherzahlen für Karfreitag: 1934: 73; 1935: 55; 1936: 62; 1937: 52; 1938: 45; 1939: 38; 1940: 31; 1941: 30; 1942: 41; 1943: 45; 1944: 33; 1945: 42 Personen. Die Namen der Treuen sind alle im Konfitentenregister erhalten. Karfreitag 1944 sind es die Ehepaare Jacobs, Müller, Fröhlich, Fricke, Fr. und W. Schlüter und Strohmeier, dazu vier Männer: K. Mahlfeld, Fr. Dunker, K. Prik, Aug. Hinze und 15 Frauen: Krusekopf, Janze, Reiche, Heinz, Ilse Heinz, Kowalski, Pethke, Schubert, Wackermann, Hackethal, Wittkowski, Camrath, Hobohm, Napieralla, Schneidereiter.

Die dritte erstaunliche Feststellung ist, daß sich trotz ganz schwieriger pädagogischer Verhältnisse die Konfirmation in Offleben erhalten hat. Es waren sehr geburtenstarke Jahrgänge Es mag sein, daß die Konfirmation auf die Dauer das Schicksal erlitten hätte, wie später in der DDR, wo sie von der Jugendweihe fast abgelöst worden ist. Aber an der Konfirmation nahmen in Offleben eben auch die HJ-Führer teil und zwar ohne Uniform. Das ist in anderen Gemeinden schwieriger gewesen.

Die Nachkriegszeit

Von 1945 bis 1951 war Pfarrer Müller für die beiden Gemeinden zuständig. Es war die prägende Nachkriegszeit. Offleben war überfüllt von Flüchtlingen. Erstaunlicherweise schlägt sich die explodierende Einwohnerzahl des Dorfes nicht in den Abendmahlszahlen nieder. Die Teilnehmerzahlen für Karfreitag erreichen den Stand der Vorkriegszeit: 1947: 35; 1948: 70; 1949: 82; 1950: 61; 1951: 53.

Als neue Gottesdiensttage bürgerten sich bleibend ab 1947 der Silvester und ab 1948 der Erntedanktag ein, die ebenfalls mit dem Abendmahl verbunden werden. Das Kirchenjahr schließt ebenfalls regelmäßig mit zwei Abendmahlsgottesdiensten ab: Bußtag und Totensonntag.

Einen besonderen Abendmahlsgottesdienste feierte die neu gegründete Frauenhilfe am 28. Juli 1947, an dem 50 Frauenhilfsmitglieder teilnahmen.

Neu sind für die Nachkriegszeit die regelmäßigen Eintragungen für die Reinsdorfer Kirchengemeinde, die Pfarrer Müller eingeführt und Pfarrer Löhr fortgesetzt hat. Sie bestätigen den geringen, jedoch ansteigenden Gottesdienst- und Abendmahlsbesuch etwa am Karfreitag. 1947: 7; 1948: 8; 1949: 11; 1950: 13; 1951: 14. Auch die Zahlen für den Totensonntag sind gering. Die großen Bauernhöfe haben für die Gottesdienste keine tragende Bedeutung. Dagegen erlebt Reinsdorf infolge hoher Konfirmandenzahlen außerordentlich gut besuchte Konfirmationen, verbunden mit dem Abendmahl. 1947: 12; 1948: 60; 1949: 40; 1950: 67; 1951: 22 Abendmahlsgäste.

Das Konfitentenbuch schließt mit den Eintragungen von Pfarrer Löhr.

Sechs Jahre lang, von 1951 bis 1957 wurde in der Kirchengemeinde auf die Abendmahlsanmeldung verzichtet. Zum Bußtag, dem 20.11.1957, führte sie jedoch der junge Pfarrer Löhr wieder ein und tatsächlich kamen auch die Leute zur Anmeldung wieder. Löhr vermehrte die Abendmahlsgottesdienste enorm. Er bot das Abendmahl erstmals zu Gründonnerstag und Ostersonntag früh und an beiden Pfingstfesttagen und schließlich ab Mitte 1958 jeden Sonntag an. Das war eine radikale Neuerung aus dem spezifischen Gottesdienstverständnis von Pfarrer Löhr, der den Gottesdienst wie noch Martin Luther als Messe verstand. 1958 erlebte Offleben 30 Abendmahlsfeiern und Reinsdorf 19; 1959 Offleben 29 Abendmahlsfeiern und Reinsdorf 30. 1960 waren es in Offleben 28 und in Reinsdorf: 26. Den Gemeinden wurden bisher unbekannte Tage des Kirchenjahres wie Epiphanias, Michaelis, St. Stephanus und sogar Allerheiligen, verbunden mit dem Abendmahl, bekannt gemacht. Dazu übte Pfarrer Löhr mit der Gemeinde eisern auch die neue Abendmahlsliturgie.

Das Konfitentenregister ist somit ein Spiegel für Lebendigkeit und Eigenart der Gottesdienste in der Offleber und Reinsdorfer Kirchengemeinde in der ersten Hälfte des vergangenen 20. Jahrhunderts.


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