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[Kirche von unten]

Gemeinsam - zärtlich - radikal

10. Kapitel

Die Kirchenvorstände

Die Kirchenvorstände vor 1945

Seit gut 150 Jahren gibt es in unserer Braunschweiger Landeskirche Kirchenvorstände. Das Gesetz, das die Bildung von Kirchenvorständen zur Pflicht machte, stammt aus dem Jahre 1851. Seit 1909 gab es die Einrichtung eines größeren Kirchengemeinderates und eines engeren Kirchenvorstandes. Die Kirchenvorstände bestimmten Zeit und Ort der Kirchengemeinderatswahlen, die im Januar liegen mußten und nicht auf einen Sonntag gelegt werden durften. Es gab also nicht einen zentralen Wahltermin wie heute.

Dem Kirchenvorstand im Jahre 1906 gehörten in Offleben Oberamtmann Brandes, Gutsbesitzer Wagenführ, Hofmeister Düfer, Stellmachermeister Dunker, Stellmacher Behrens und Rentner Springemann an. Der Kirchenvorstand war fest in den Händen der vermögenden Landwirte.

Zum Reinsdorfer Kirchenvorstand gehörten 1906: Rentner August Jakobs, Halbspänner Jakob Wietfeld, Gemeindevorsteher Hugo Duckstein, Gemeindevorsteher Lambrecht und der Rentner Franz. Drei Hohnsleber waren Mitglieder des Kirchenvorstandes sowie die zwei führenden Männer der Dorfpolitik aus Reinsdorf und Hohnsleben. Staat und Kirche waren eng verbunden.

Nach der neuen Kirchengemeindeordnung von 1922 durften auch die Frauen wählen und gewählt werden. Das aktive Wahlalter wurde auf 25 Jahre herabgesetzt, das passive blieb bei 30 Jahren. Ansonsten bestimmte der Kirchenvorstand nach wie vor einen Wahltag im Januar. Das war aber eher bedeutungslos, denn wenn nicht mehr Kandidaten aufgestellt wurden, als gewählt zu werden brauchten, entfiel eine Wahl.

Alle drei Jahre konnte die Hälfte des Kirchengemeinderates wechseln. So ergänzte der Kirchengemeinderat seine Mitglieder, wenn er wollte, alle drei Jahre selber. Es haben in der Weimarer Zeit in den Braunschweiger Kirchengemeinden keine Wahlen stattgefunden. Aus den Kirchengemeinderatsprotokollen von Offleben sind für das Jahr 1928 folgende Namen vermerkt: Amtsrat Brandes, Söchtig, Schmied Fr. Bühnemann, J. Ruhe, Fr. Dunker, Fricke, L. Kluge, O. Jacobs, Gärtner Fr. Götz, A. Graß, Grubenarbeiter Müller, Schachtmeister A. Hinze, und außerdem noch mal vier Mitglieder: O. Zieboll, Wiegemeister K. Mansfeld, A. Probst, Schachtmeister H. Hinze.

Vom Jahr 1933 schrieb Pfarrer Reiche in die Kirchenchronik:

"Die nationalsozialistische Revolution macht sich auch in den Gemeinden der Parochie bemerkbar. Waren sie bisher ein Hort des Marxismus und Kommunismus, so traten nun fast alle der Bewegung bei. Auch auf kirchlichem Gebiet hatte das seine Folgen. Sehr viele Leute, die in den Jahren 1922-1929 aus der Kirche ausgetreten waren, meldeten sich wieder zum Eintritt. Viele Eltern ließen ihre Kinder taufen. Mehrere, die nicht konfirmiert waren, ließen sich privatim konfirmieren. Die Übertritte waren aber nur äußerlich. Auf das kirchliche Leben übten sie keinen Einfluß. Auch die Glaubensbewegung Deutsche Christen fand hier viele Anhänger. Gott gebe, daß sie ihren Zweck erreiche: neues Leben in der Gemeinde zu wecken, daß die Gottesdienste, die bisher meist nur von 20-30 Frauen und wenigen Männern besucht werden, wieder eine volle Kirche zeigen."

Bei den Wahlen am 23. Juli 1933 wurden die Kirchenvorstände bis auf wenige Ausnahmen vollständig neu besetzt. In Offleben und Reinsdorf legten die Deutschen Christen Einheitslisten vor, sodaß eine Wahl entfiel.

In den Offleber Kirchenvorstand zogen ein: Amtsrat Brandes, Fr. Dunker sen., Fritz Dunker jun., Gustav Schulze, Gustav Isensee, Fritz Schuppe, Karl Ruhe, Otto Dietz, Ernst Matthias, Karl Meier, Adolf Quante sen., Emil Fischer, Heinrich Wächter sen., Rektor H. Bosse, Karl Mansfeld, Vorsteher Adolf Kempe.

Dem Reinsdorfer Kirchenvorstand gehörten an: Albert Jacobs, Bürgermeister Friedrich Voss, Hugo Duckstein, Grubenarbeiter Wilhelm Strese, Lokomotivführer Karl Tiefenbach, der auch die Kirchenkasse führte, Gastwirt und Bürgermeister Heinrich Ernst, Maurer Ferdinand Teichert und Berginspektor E. Blanke als stellvertretender Vorsitzender.

Die Kirchenvorstände hatten sich völlig verändert. Von den alten Mitgliedern standen in Offleben nur drei auf der Liste. Zahlreiche nationalsozialistische Parteigenossen, die auch in den neu gebildeten Gemeinderäten saßen, hatten nunmehr einen Sitz in den Kirchenvorständen.

Der von Pfarrer Reiche erhoffte kirchliche Aufbruch blieb aus. Während des 2. Weltkrieges schlief die Arbeit häufig ein. In Offleben fanden keine Sitzungen mehr statt.

Die Jahre 1945 - 1960

Nach Kriegsende war es im Sommer 1945 nicht einfach gewesen, einen neuen Kirchenvorstand zusammenzustellen. Friedrich Dunker, Adolf Kempe, Gustav Schulze, Wilhelm Sittel, Adolf

Die Jahre 1945 - 1960

Quante sen., Emil Fischer und Ernst Matthias hatten ihr Amt in Offleben aus politischen Gründen niedergelegt. Pfarrer Reiche, seit 1915 in der Gemeinde, war bereits 75 Jahre alt und hatte die Gemeindearbeit trotz großer Schwierigkeiten beim Konfirmandenunterricht in großer Treue über Wasser gehalten. Auf seinen Vorschlag wurden 1945 vom Landeskirchenamt folgende Gemeindemitglieder in den Offleber Kirchenvorstand berufen: Domänenpächter Benno Brandes, Mühlenbesitzer Otto Jacobs, Lehrer und Organist Karl Wöhler, Frau Luise Jäger, Rottenmeister Hermann Müller, Schuhmachermeister August Hinze. Dann trat Pfarrer Reiche im Herbst 1945 in den Ruhestand und am 8. Dezember 1945 wurde Pfarrer Hans Jürgen Müller, damals 32 Jahre alt, sein Nachfolger. Der Kirchenvorstand wurde noch durch Geschirrführer Wilhelm Schlüter und Stellwerkswärter Otto Zieboll ergänzt; in dieser Zusammensetzung tagte der Offleber Kirchenvorstand am 27. Mai 1946 zum ersten Male.

Auch im Reinsdorfer Kirchenvorstand hatte es einen erheblichen Wechsel gegeben: Bergwerksinspektor E. Blanke und Arbeiter Willi Strese traten aus. Es blieben Friedrich Voss, Friedrich Stern und Herman Hartmann. Bäckermeister Franz Hinz und Arbeiter Wilhelm Schetsche und aus Hohnsleben der Techniker Karl Meier und Paul Peukert wurden neu berufen.

Die Offleber und Reinsdorfer Kirchenvorstände bestanden ausschließlich aus Einheimischen, obwohl die Flüchtlinge und Vertriebenen kirchlicher eingestellt zu sein schienen.

Der plötzliche tragische Tod von Kantor Wöhler, der seit 1924 Organist war und 1947 vom Bahndamm herabstürzte, bewegte das Dorf. Er wurde in der Kirche aufgebahrt und die Bevölkerung stand von der Kirche bis zum Friedhof hin Spalier.

1947 hatte die Landessynode über ein Gesetz zu Kirchenvorstandswahlen debattiert. Man durfte wie bisher erst mit 25 Jahren wählen und mit 30 Jahren gewählt werden. Das bedeutete eine erhebliche Abweichung vom allgemeinen politischen Wahlrecht. Die Wahlhandlung war in jeder Beziehung als kirchliche Handlung durchzuführen und mit einem Gottesdienst zu verbinden. Vor allem aber enthielt das Wahlgesetz den schädlichen Paragraphen 10: "Enthält die Wahlliste nicht mehr Namen als Kirchenverordnete zu wählen sind, so gelten die Genannten als gewählt". Dieser Paragraph bedeutete, daß auch nach dem Kriege überhaupt keine Wahlen stattzufinden brauchten. Die Kirchenregierung bestimmte als zentralen Wahltag den Sonntag Rogate, den 2. Mai 1948 und als Einführungstermin den Sonntag Trinitatis, den 23. Mai 1948. In Offleben und Reinsdorf-Hohnsleben gab es wie in allen anderen Gemeinde überhaupt keine Wahlen. Der alte Kirchenvorstand wollte in seiner aktiven Besetzung zusammenbleiben.

Es ist erstaunlich, daß die Flüchtlinge von ihrem Recht, eigene Kandidaten aufzustellen, keinen Gebrauch gemacht haben. Ein anderer Paragraph indes erlaubte, daß beim Ausscheiden eines Kirchenvorstandsmitgliedes der Kirchenvorstand nicht etwa neu zu wählen war, sondern hinzuberufen konnte. Eine Reserveliste, auf die man hätte zurückgreifen können, durfte ja im Falle einer Nichtwahl nicht bestehen. Auf diese Weise rückten nun doch die Flüchtlinge langsam in den Offleber Kirchenvorstand nach: 1950 Arthur Krafft aus Pommern, 1951 Max Bieneck aus Oberschlesien, 1952 Rudi Chmilewski aus Posen.

Zum 7. März 1954 hatte das Landeskirchenamt Neuwahlen angesetzt. Es galt immer noch das alte Wahlgesetz von 1947. Da wieder keine Wahlvorschläge eingereicht wurden, blieben die Kirchenvorstände in der inzwischen veränderten Zusammensetzung im Amt; in Offleben: Krafft, Bieneck, Brandes, Chmilewski, Götz, Lohmann, Isensee, Zieboll. Von der Zusammensetzung acht Jahre zuvor aus dem Jahr 1946 waren nur noch zwei Namen übrig geblieben: Brandes und Zieboll. Der junge Pfarrer Schuseil schrieb in die Kirchenchronik: "Aus der Gemeinde wurde kein Wahlvorschlag gemacht. Überhaupt zeigte die Gemeinde wenig Interesse. Somit blieb der alte Kirchenvorstand in seiner bisherigen Zusammensetzung."

Der Kirchenvorstand 1960-1966

In der jungen Pfarrersfamilie Schuseil waren inzwischen drei Kinder angekommen. Das Pfarrhaus war nachkriegsbedingt völlig überfüllt Am 22. April 1956 hatte Pfarrer Eberhard Schuseil seine Abschiedpredigt gehalten, und die Familie war nach Sehlde gezogen. So lag die nächste Kirchenvorstandswahl 1960 in den Händen von Pfarrer Detlef Löhr, der noch als Vikar 1956 in die Gemeinde geschickt worden war.

Die Kirchenvorstandswahl am 6. März 1960 stellte einen großen Einschnitt in der Geschichte unserer Kirchenvorstände dar, denn in Offleben wurde erstmals gewählt, richtig mit Stimmzetteln und Wahlurne im Vorraum der Kirche nach dem Gottesdienst. Wer das Gotteshaus verließ, mußte also an der Wahlurne vorbei. Pfarrer Löhr gehörte der theologisch konservativen Richtung unserer Landeskirche an, aber es ist bezeichnend, daß Löhr die Wahlen als missionarische Gelegenheit verstand. Trotz eines autoritären Amtsverständnisses und einer strenggläubigen Gemeindeführung legte er auf Mitarbeiter im nichttheologischen Bereich großen Wert. In seinem Gemeindebrief warb der damals 29jährige Pfarrer Löhr auf eine für heutige Ohren rührend altfränkische Weise für eine Beteiligung an der Wahl.

Aus dem Gemeindebrief von Pastor Löhr Januar 1960:

Vom Kirchenvorstand

Am 6. März ist die Neuwahl der Kirchenvorstände angesetzt. Bis zum 7. Februar können Vorschläge für diese Wahl eingereicht werden. Wir haben beim Rückblick auf 1959 gesehen, wie schlimm es um das Leben unserer Gemeinde bestellt ist. Der Pfarrer allein ist zu wenig, um hier wirksam zu helfen. Darum stehen ihm die Männer und Frauen des Kirchenvorstandes zur Seite. Es müssen also Menschen sein, deren Herz brennt vor solcher geistlichen Not unseres Volkes, und die keine Mühe und Eifer scheuen werden, sich für eine Besserung einzusetzen. Es ist deshalb auch selbstverständlich, daß sie selber zu den treuesten gehören, die sich um die Kirche scharen. Weil sie ihr Amt vor den Augen der Gemeinde führen, muß auch ihr Lebenswandel untadelig sein. So ist es ein großes und schweres Amt, das den Männern und Frauen des Kirchenvorstandes auferlegt wird. Aber es ist auch ein herrliches und schönes Amt, weil es im Dienst des höchsten Herrn geschieht.

Ich kann nicht besser von diesem Amt reden, als es unsere Gottesdienstordnung mit ihrer Formel für Verpflichtung und Gelübde der Kirchenvorsteher ausgesprochen hat:

Ihr sollt als Mithelfer eures Pfarrers an der Leitung dieser Kirchengemeinde teilhaben und euch mit dafür verantwortlich wissen, daß die Gemeinde im geistlichen Glauben wachse. Ihr sollt das Opfer der Liebe im Gottesdienst in Empfang nehmen (Klingelbeutel) und helfen, daß Fürsorge geübt werde an den Armen und Kranken, den Bedrängten und Verirrten und allen Gliedern der Gemeinde, die in Not sind. Ihr sollt acht haben auf den Kirchgang der Gemeinde und die Feier des Sonntags, sollt wachen über den Gottesdienst und eintreten für die Ordnung unserer Kirche, für die Taufe und die christliche Erziehung der Jugend, für die Konfirmation, für die Einsegnung der Ehen und die kirchliche Bestattung unserer Toten und das alles ohne Menschenfurcht und Menschengefälligkeit. Der falschen Lehre, der Unordnung und dem Ärgernis in der Gemeinde sollt ihr wehren, das Gut der Kirche wohl verwalten, das Gotteshaus pflegen und gewissenhaft ausführen, was eures Amtes sonst obliegt. Vor allem aber sehet zu, daß ihr selbst treue Glieder der Kirche und Vorbilder der Gemeinde seid...

Im Laufe des Januar liegen die Wählerlisten aus, aus denen zu ersehen ist, wer zur Wahl berechtigt ist. Wählen kann, wer 21 Jahre alt ist. Gewählt werden kann, wer 25 Jahre alt ist, seit mindestens einem Jahr in der Gemeinde wohnt, sich an Gottesdienst und Abendmahl fleißig beteiligt, zur Übernahme der Pflichten bereit ist und mit seinem Wandel und Leben keinen Anstoß gibt. In Offleben werden acht, in Reinsdorf-Hohnsleben vier Kirchenvorsteher in geheimer Mehrheitswahl gewählt. Am 13. März werden dann die neuen Kirchenverordneten verpflichtet und eingeführt. Dabei wird der Gemeinde gesagt: "Du aber, liebe Gemeinde, achte deine Vorsteher aller Ehren wert um des Amtes willen, zu dem sie unter uns gesetzt sind, damit sie es mit Freuden ausrichten."

Acht Kirchenvorstandsmitglieder waren zu wählen. Es wurden auf vier Vorschlagslisten insgesamt 16 Gemeindemitglieder zur Wahl vorgeschlagen, davon 4 Frauen. So scharf die hochkirchliche Richtung, der Pfarrer Löhr angehörte, Frauen im Pfarramt ablehnte, so frühzeitig warb sie für eine Mitarbeit von Frauen im Kirchenvorstand. Es herrschte also Konkurrenz und ein Hauch von "Wahlkampf". Der Gottesdienst in Offleben war am Wahltag mit 91 Erwachsenen und 25 Kindern sehr gut besucht. 88 Gemeindemitglieder gingen zur Wahl. Am Nachmittag wurde nicht mehr gewählt.

Ergebnis der Kirchenvorstandswahlen vom 6. März 1960 in Offleben

Max Bieneck 69 Stimmen
Benno Brandes 65 Stimmen
Rudi Chmilewski 76 Stimmen
Cläre Cranz 49 Stimmen
Fritz Döhlecke 24 Stimmen

Der Kirchenvorstand, den ich 1963 vorfand

Franz Gorny 56 Stimmen
Friedrich Götz 43 Stimmen
Martha Grunau 24 Stimmen
Georg Habenicht 33 Stimmen
Artur Krafft 81 Stimmen
Erich Lohmann 41 Stimmen
Emma Lotz 40 Stimmen
Hermann Russe 24 Stimmen
Paul Schmiegel 16 Stimmen
Cläre Schwarz 16 Stimmen
Otto Zieboll 46 Stimmen

Es waren 8 Personen anzukreuzen. Die Gemeindemitglieder hatten keineswegs "stur von oben" die Liste herunter gewählt, sondern hatten ausgewählt und dabei die Mehrheit des bisherigen Kirchenvorstandes bestätigt, nämlich die Herren Krafft, Chmilewski, Bieneck, Brandes, Zieboll. Allerdings war nun "als Neue" Clara Cranz mit 49 Stimmen an den bisherigen "Alten" Otto Zieboll (46 Stimmen), Friedrich Götz (43 Stimmen) und Erich Lohmann (41 Stimmen) vorbeigezogen, was Götz und Lohmann prompt veranlaßte, auf ihren Sitz zu verzichten. Für sie zog ebenfalls "als Neue" Frau Emma Lotz in den Kirchenvorstand, dem damit erstmals zwei Frauen angehörten. Die Wahl hatte 1960 in Offleben die Verhältnisse verändert, denn die acht Männer des alten Kirchenvorstandes wären wohl kaum auf die Idee gekommen, die beiden Frauen in ihren Kreis aufzunehmen.

Dem Kirchenvorstand gehörten demnach an: Krafft, Chmilewski, Bieneck, Brandes, Gorny, Cranz, Zieboll, Lotz. Stellvertretender Vorsitzender wurde Artur Krafft.

Herr Zieboll starb 74jährig im Jahr 1961. Pfarrer Löhr schreibt von ihm in der Kirchenchronik, Otto Zieboll sei mehr als 30 Jahre Kirchenvorsteher gewesen. Für ihn rückte Herrmann Russe in den Kirchenvorstand nach.

In Reinsdorf war es wie bisher. Man setzte sich im Kirchenvorstand im Februar 1960 zusammen und überlegte: wer macht weiter, wer will aufhören. Hermann Hartmann und Georg Bittner wollten aufhören, Friedrich Stern und Friedrich Voss wollten weitermachen. Mit Marga Wietfeld und Henning Zimmermann wurden zwei Nachfolger gefunden. Diese vier präsentierten sich als gemeinsam aufgestellter Wahlvorschlag und galten damit nach dem Wahlgesetz von 1947 als gewählt.

Pfarrer Löhr führte bereits am nächsten Sonntag, dem 13. März 1960 die Kirchenvorsteher und Kirchenvorsteherinnen in ihr Amt ein, wogegen das Landeskirchenamtes scharf protestierte, weil die Amtszeit des alten Kirchenvorstandes noch bis zum 31. März dauerte. Es ist aber richtig, die Zeit zwischen Wahl und Einführung möglichst zu verkürzen. Die heutige zweimonatige Spanne ist zu lange.

Diesen Kirchenvorstand fand ich vor, als ich mit dem 1. Advent 1963 von Schöningen aus die Vakanzvertretung für beide Gemeinden übertragen bekam.

Der Kirchenvorstand, den ich 1963 vorfand

So habe ich meinen ersten Kirchenvorstand in Offleben in Erinnerung: alte, ehrwürdige, honorige Männer und ich mit 29 Jahren der Jüngste.

Der stellvertretende Vorsitzende Arthur Kraft war 65 Jahre alt, ein Flüchtling aus Deutsch Krone in Westpreußen, der sich in Offleben rechtschaffen eine neue Existenz mit einer gut gehenden Schlachterei aufgebaut hatte. Er war seit 1950 im Kirchenvorstand.

Benno Brandes, 61 Jahre alt, war Pächter vom Klostergut. Seine Familie hatte praktisch einen Stammsitz im Kirchenvorstand. Schon sein Vater, der Oberamtmann, war bis zu seinem Todesjahr 1933 viele Jahre im Kirchenvorstand gewesen. Er gehörte zu denen, mit denen 1945 ein neuer Kirchenvorstand zusammengestellt worden war.

Franz Gorny, 71 Jahre alt, lange Zeit Verwalter auf dem Klostergut, hatte sich nach 1945 ein Fuhrunternehmen aufgebaut. Er stellte das Pferdefuhrwerk mit dem Leichenwagen, hinter dem ich noch durch das ganze Dorf zum Friedhof hinterherging.

Rudi Chmilewski und Clara Cranz waren mit 49 Jahren die Jüngsten. Chmilewski war bereits seit 1952 im Kirchenvorstand und hielt als Lektor selbständige Gottesdienste in Offleben, daher wohl auch die zweithöchste Stimmenanzahl bei der Wahl. Clärchen Cranz, die später die Frauenhilfe leitete, und Frau Emma Lotz, 56 Jahre alt, gehörten zu den Einheimischen. Max Bieneck, seit 1951 im Kirchenvorstand und Hermann Russe (51 Jahre alt) waren wie Krafft und Chmilewski Flüchtlinge. Die Hälfte des Offleber Kirchenvorstandes stellten die Vertriebenen. Zwei Flüchtlinge hatten die höchste Stimmenzahl erhalten.

Reinsdorf dagegen war und blieb etwas für sich. Auch was den Kirchenvorstand betraf. Dort war die Jüngste von allen im Kirchenvorstand die 42jährige Marga Wietfeld, eine zarte, gebildete Frau, deren Mann in Hohnsleben einen großen Hof bewirtschaftete.

Den stellvertretenden Vorsitz hatte der Landwirt Henning Zimmermann, 57 Jahre alt. Er hatte seinen Betrieb in der DDR verloren, war in den 50iger Jahren "rüber"gekommen und arbeitete nun bei den BKB.

Friedrich Voss hatte ein kleines Geschäft von seinen Schwiegereltern geerbt und war vor 1945 Bürgermeister gewesen. Er führte schon länger das Protokollbuch des Kirchenvorstandes.

Friedrich Stern, 65 Jahre alt, gehörte dem Gemeinderat des Ortes an. Sein Herz schlug für die alten Kameraden und die Feuerwehr.

Unvergeßlich ist mir die erste Sitzung im Januar 1964, weil ich bei ihr einen Autoritätsschock erlitt. Der Kirchenvorstand tagte in Schöningen, von dort aus verwaltete ich vertretungsweise Offleben und Reinsdorf mit. Ich war der Jüngste und gewohnt, auf die Älteren zu hören. Auf der Tagesordnung stand ein Grundstücksverkauf. Der Sportplatz in Offleben sollte erweitert werden und dazu wurde "Opfereiland" von der Kirche benötigt. Ich erwartete eine Debatte mit abwägenden Gründen und Gegengründen, aber die honorigen Herren sagten: "Herr Pastor, machen Sie mal, wie Sie es für richtig halten." Ich war sprachlos und entschied mich für Verkaufen.

Zum ersten Geburtstag in neuen Pfarramt schenkte mir der Kirchenvorstand eine Aktentasche und ein Bild mit dem röhrenden Hirschen im Walde fürs Wohnzimmer. Das war mir anfangs doch eine fremde Welt, diese Honoratiorengesellschaft, aber ich habe sie durchaus geachtet und auch persönlich geschätzt.

In die Rolle des Pastors und ersten Vorsitzenden des Kirchenvorstandes als unbestrittene Autoritätsperson mußte ich mich als 29jähriger erst hineinfinden. Ich habe später für die längste Zeit den Vorsitz in beiden Kirchenvorständen abgegeben und in der letzten Zeit auch den stellvertretenden Vorsitz. Die Phase des Kirchenvorstandes als Honoratiorengruppe wurde schon bei der nächsten Kirchenvorstandswahl schrittweise abgelöst.

Der Kirchenvorstand 1966 - 1972

Einige wichtige Ereignisse in Politik und Kirche

Im Oktober 1963 waren Konrad Adenauer als Bundeskanzler und Hans Globke als sein Staatssekretär zurückgetreten. Die "Kanzlerdemokratie" Adenauers wurde abgelöst durch das Kabinett Erhard/Mende, das im November 1965 durch den Rücktritt der FDP-Minister frühzeitig in eine Große Koalition CDU/SPD Kiesinger/Brandt mündete. 1965 wurde nach einer dramatischen Bundestagsdebatte die Verjährung von NS-Verbrechen aufgehoben und es begannen die Euthanasie-, Auschwitz- und Treblinka-Prozesse, die in der Ära Globke/Adenauer unvorstellbar gewesen waren. Die Große Koalition führte zur Bildung der außerparlamentarischen Opposition (APO) und zum Erstarken der NPD. Anhaltende Studentenproteste gegen die Vietnampolitik der USA und der Tod des Studenten Benno Ohnesorge bei einer Demo in Berlin am 2.7.1967 sowie der Widerstand gegen die im Mai 1968 verabschiedeten Notstandgesetze schufen das Klima für einen völligen Kurswechsel der Politik, der mit der Wahl Gustav Heinemanns im März 1969 und der Bildung der SPD/FDP Regierung Brandt/Scheel im September 1969 in Gang gesetzt wurde.

Die evangelischen Kirchen in der DDR lösten im Juni 1969 ihre organisatorischen Bindungen zur EKD und gründeten den Bund evangelischer Kirchen in der DDR. 1970 ratifizierte die Brandt/Scheel-Regierung den Moskauer und Warschauer Vertrag - der unfreiwillige Wechsel von Ulbricht zu Honnecker 1971 signalisierte einen Wandel auch in der DDR - verlor aber durch Überläufer die Mehrheit im Bundestag. Der Moskauer und der Warschauer Vertrag wurden im Mai 1972 auch vom Bundestag angenommen. Ein Mißtrauensvotum der CDU-Fraktion unter der Leitung von Rainer Barzel scheiterte überraschend an Stimmen von Überläufern. Die vorgezogenen Bundestagswahlen im November 1972, die ganz im Zeichen der verabschiedeten Ostverträge standen, brachten der SPD/FDP Regierung bei eine Wahlbeteiligung von 91% eine sichere Mehrheit.

Es ist aus heutiger Sicht eine ungewöhnlich aufgeregte und aufregende Zeit, die auch die Kirchen berührten.

Die "Politisierung der Kirche" war ein zeittypisches Thema. Die Wahl von Dr. Gerhard Heintze zum 5. Landesbischof der Braunschweigischen Landeskirche 1965 war ein Signal, aus der konservativen Erstarrung unter der Kirchenleitung von Bischof Erdmann und den Oberlandeskirchenräten Breust und Röpke in ein kirchenreformerisches Stadium aufzubrechen. Heintze leitete 1968 zügig die Verabschiedung des sogenannten Pastorinnengesetzes ein, der Zulassung von Frauen zum geistlichen Amt und brachte die Verfassung, die Propsteiordnung und die Kirchengemeindeordnung auf einen zeitgemäßen Stand. Nach langer Zeit fand in der Landeskirche 1968 wieder ein Landeskirchentag in der Stadt Braunschweig statt.

Die Kirchenvorstandswahl am 20. März 1966

Ich hatte in der Offleber Kirchengemeinde bereits wahlgeübte Kirchengemeindemitglieder vorgefunden. Es war mir auch ganz selbstverständlich, Kirchenvorstandswahlen nun in beiden Kirchengemeinden gründlich vorzubereiten und durchzuführen, was in der Propstei Helmstedt durchaus nicht gang und gäbe war. Kirchenvorstandswahlen waren 1966 in der Propstei Helmstedt noch die Ausnahme. Gewählt wurde nur noch in den Schöninger Gemeinden, in Hoiersdorf, Beierstedt, Neu-Büddenstedt und Grasleben. In den anderen 20 Kirchengemeinden der Propstei, darunter in der Stadt Helmstedt, verzichtete man auf eine Wahl, indem man eine Wahlliste aufstellte, die nicht mehr Namen enthielt, als für die Besetzung eines Kirchenvorstandes notwendig waren. Es gab sogar Propsteien, in denen überhaupt keine Gemeinde wählte. Man blieb im alten Trott.

Welche große Chance sich die Kirche durch diese wahlumgehende Regelung aus dem antiquierten Kirchenwahlgesetz von 1947 entgehen ließ, zeigte sich bei den Kirchenvorstandswahlen am 20. März 1966. Die Beteiligung betrug in Reinsdorf mit 114 abgegebenen Stimmen fast 50%, in Offleben mit 171 abgegebenen Stimmen immerhin 17 Prozent. Das lag auch daran, daß wir die Wahlzeit nicht auf den Vormittag nach den Gottesdiensten beschränkt, sondern auch auf den Nachmittag ausgedehnt hatten. Auch die Zahl der Gottesdienstbesucher profitierte vom Wahlvorgang. In Offleben besuchten 108 Erwachsene und in Reinsdorf 46 Erwachsene die Gottesdienste. Auch der erst seit einem Jahr im Amt befindliche Landesbischof Heintze förderte die Durchführung von Kirchenvorstandswahlen energisch. In der Festschrift für Erich Ruppel 1968 verfaßte er einen Aufsatz über die Wahlen in der Braunschweigischen Landeskirche.

Ergebnisse der Kirchenvorstandswahlen vom 20. März 1966 in Offleben

Rudi Chmilewski 150 Stimmen
Cläre Cranz 147 Stimmen
Franz Gorny 140 Stimmen
Benno Brandes 135 Stimmen
Max Bieneck 126 Stimmen
Karl Heinz Isensee 117 Stimmen
Hermann Russe 98 Stimmen
Hans Wawerczin 94 Stimmen
Emma Lotz 90 Stimmen
Lisa Radusch 71 Stimmen
Erich Luhn 51 Stimmen
Paul Schmiegel 40 Stimmen

Wahlberechtigte: 1032
abgegebene Stimmen 171
Wahlbeteiligung: 17%

Zusammensetzung des Kirchenvorstandes in Offleben

Dem Kirchenvorstand gehörten an: Rudi Chmilewski, Cläre Cranz, Franz Gorny, Benno Brandes, Max Bieneck, Karl Heinz Isensee, Hermann Russe und Hans Wawerczin.

1968 verzog Max Bieneck nach Helmstedt. Für ihn rückte Frau Lisa Radusch in den Kirchenvorstand. Am 14. Juli 1969 verzog Benno Brandes nach Schöningen. Für ihn rückte der 27jährige Rüdiger Schwarz in den Kirchenvorstand. Mit dem Ausscheiden von Herrn Krafft 1966, Herrn Bieneck 1968 und Herrn Brandes 1969 waren sozusagen die "Patriarchen" aus dem Kirchenvorstand verschwunden.

1971 traten Chmilewski, Isensee, Wawerczin, Gorny und Russe demonstrativ aus politischen Gründen aus dem Kirchenvorstand aus. Die verbleibenden Mitglieder Cranz, Radusch und Schwarz bildeten unter dem eingesetzten Pfarrer Karl Bruno Haferburg aus Neu-Büddenstedt als Beauftragten des Propsteivorstandes einen geschäftsführenden Kirchenvorstand.

Vorsitzender: Kuessner; ab 1970 Haferburg; stellvertretender Vorsitz: Chmilewski, ab 1971: Schwarz.

Ergebnis der Kirchenvorstandswahl am 20. März 1966 in Reinsdorf-Hohnsleben

Marga Wietfeld 91 Stimmen
Friedrich Stern 78 Stimmen
Henning Zimmermann 74 Stimmen
Lisi Lambrecht 56 Stimmen
Fritz Kröning 50 Stimmen
Lisa Pfeiffer 47 Stimmen
Heinz Freytag 26 Stimmen

Wahlberechtigte: 248
abgegebene Stimmen: 115
Wahlbeteiligung: 48%

Zusammensetzung des Kirchenvorstandes in Reinsdorf

Dem Kirchenvorstand gehörten nach einigen Rücktritten schließlich an: Margot Wietfeld, Lisi Lambrecht, Henning Zimmermann, Friedrich Stern.

Da Herr Zimmermann Ende 1969 aus Reinsdorf verzog, rückte Frau Lisa Pfeiffer im Januar 1970 für ihn nach. Ende 1971 rückte für Herrn Stern Frau Ruth Jacobs in den Kirchenvorstand ein, der damit am Ende seiner Amtszeit nur aus Frauen bestand. Das war in der Landeskirche einzig.

Vorsitzender: Kuessner; stellvertretender Vorsitzender: Henning Zimmermann, ab 1969 Lisi Lambrecht.

Die neuen Mitglieder

Die große Mehrheit des bisherigen Offleber Kirchenvorstandes wurde bestätigt, der 34jährige Karl Heinz Isensee sowie der 41jährige Hans Wawerczin kamen neu in den Kirchenvorstand. Schon der Vater von Karl Heinz Isensee, der in der Jacobsschen Mühle gearbeitet hatte, war lange Jahre in der Kirchengemeinde als Rechnungsführer tätig gewesen. Isensee war nach seiner Statur und Veranlagung ein Landwirt. Diesem Beruf war er auch für einige Zeit nachgegangen, dann aber ging er zur BKB, wurde dort Lokomotivführer und später für lange Jahre Betriebsrat. Hans Wawerczin, der aus Pommern stammte und dem Ortsverein des BDV vorstand, war Polizist, "Ortssheriff", wie die Jüngeren sagten, Spitzname "Hans Waffenschein". Während Isensee keine Arbeit und keinen Konflikt scheute, liebte Wawerczin die Gemütlichkeit und die Geselligkeit und setzte auf Kompromisse. Beide kannten sich aus dem Gemeinderat Offleben, wo Karl Heinz Isensee der CDU-Fraktion und Hans Wawerczin der SPD-Fraktion angehörte. Da zunächst auch Herr Chmilewski für die UWG im Gemeinderat tätig war, gehörten dem Kirchenvorstand nunmehr drei aktive Ratsherren an. Es entstand ein empfindlicherer Sinn für Tagespolitisches und Parteipolitisches im Kirchenvorstand und in der Kirchengemeinde. Ich empfand das als Gewinn.

In Reinsdorf bestand zunächst die Hälfte des Kirchenvorstandes aus Frauen. Als Frau Lisa Pfeiffer für Herrn Zimmermann und Frau Jacobs für Herrn Stern nachrückte, setzte sich der Reinsdorfer Kirchenvorstand nur aus Frauen zusammen. Mit Frau Wietfeld und Frau Jacobs waren die beiden großen Höfe des Dorfes im Kirchenvorstand vertreten. Dazu gehörte auch Frau Lambrecht, die zwar ihren Grundbesitz in der Ostzone verloren hatte, aber die Lambrechts gehörten seit Generationen ins Dorf und ein Vorfahre war ein knurriges Original in der Landessynode um die Jahrhundertwende gewesen. Neben ihnen vertrat die 37jährige Lisa Pfeiffer als Jüngste tapfer sozusagen den "Arbeiterstand". Ihr Mann arbeitete bei den BKB, sie selber war im Kindergarten von St. Lorenz in der Küche tätig. Inzwischen gehört sie nach über 30jähriger Zugehörigkeit im Kirchenvorstand zu dem festen Kern in Gottesdienst und Gemeindearbeit.

Stürmische kirchenpolitische Zeiten

und die Frage nach dem gesellschaftspolitischen Auftrag der Kirche

Bald nach der Wahl folgte die Zeit der "wilden 68iger", die sich auch in der Landeskirche und Kirchengemeinde artikulierte. Ich selber fand die Ablösung der autoritären Hierarchien in Europa auf allen Ebenen längst überfällig. Einer von der CDU 33 Jahre später angezettelten öffentlichen Debatte über "die 68er" fehlte vollständig die zwingende Selbstkritik über die Versäumnisse der Adenauerära, die ja in der Bundesrepublik eine wesentliche Voraussetzung für die 68iger-Bewegung gewesen war.

Stürmische kirchenpolitische Zeiten

In den Gemeinderäumen des Pfarrhauses hingen Wandzeitungen. Im Lesekreis, einer Gruppe von politisch interessierten Erwachsenen, zu denen die Ehepaare Schneider, Lübbecke und Radusch gehörten, wurden Texte der Evangelischen Studentengemeinde über den Vietnamkrieg und die Notstandsgesetze gelesen und in den Kirchenvorstandsitzungen sogar von Carl Friedrich v. Weizsäcker "Bedingungen des Friedens". Die Frage einer politischen Stellungnahme der Kirchengemeinde zum Vietnamkrieg wurde in Offleber Kirchenvorstand sehr kontrovers diskutiert. Der Kirchenvorstand in Offleben spaltete sich über dieser Frage, wobei die drei Ratsherren Chmilewski, Isensee und Wawerczin auf Gegenkurs gingen. Sie wurden vom ziemlich doktrinären CDU-Ortsvereinsvorsitzenden Horst Ponczek lebhaft unterstützt. Ponczek und ich waren in Leserbriefen bereits öffentlich aneinandergeraten.

Horst Ponczek versuchte mit fünf Briefen in Folge an den Landesbischof, mich in der Kirchengemeinde unmöglich zu machen. Der Bischof bat ihn jedoch in seinen Antworten, sich zunächst einmal mit mir zusammenzusetzen und zu versuchen, die Angelegenheit vor Ort zu bereinigen und schickte dazu mir auch die Briefe von Herrn Ponczek. Da aber Horst Ponczek ein aktiver und praktizierender Katholik war (der eine frühere aktive Kindergottesdiensthelferin, Ruth Kiefer, geheiratet hatte), konnte er nicht für die Kirchengemeinde sprechen. Dafür fand er aber Mithelfer im Offleber Kirchenvorstand, die auch zum Gemeinderat gehörten. Der Offleber Kirchenvorstand tagte im Sommer 1968 auch schon mal ohne den Pfarrer. Im Haus von Dr. Lambrecht in Reinsdorf (CDU-Mitglied), dessen Frau im Kirchenvorstand war, erhielt ich Besuchsverbot.

Der Vietnamkrieg war jedoch nur der Vordergrund für die grundsätzliche Frage, ob sich die Kirche überhaupt und nun gar die örtliche Kirchengemeinde zu gesellschaftspolitischen und tagespolitischen Fragen äußern sollte. Für mich hatte ich die Frage längst mit einem uneingeschränkten Ja beantwortet. Ich begründete dies mit dem Sinn der Himmelfahrtsgeschichte, daß Jesus Christus uneingeschränkt alle Macht im Himmel und eben auch auf der Erde habe und beanspruche und die Kirche ihm darin nachzufolgen habe. Ich stimmte dem Barmer Bekenntnis zu, in dem es in der These 2 hieß: "Wir verwerfen die falsche Lehre, als gebe es Bereiche unseres Lebens, in denen wir nicht Jesus Christus, sondern anderen Herren zu eigen wären".

Ich hatte diese Position schon als Vikar anläßlich der Spiegelaffäre im November 1962 in der Schöninger St. Vincenzkirche bezogen und eine klare Predigt gehalten, in der ich u.a. das Kästner-Gedicht: "Kennst du das Land, wo die Kanonen blühn" zitiert hatte. Der Vincenz-Kirchenvorstand sah sich zu einer Sondersitzung veranlaßt, auf der mir Rechtsanwalt Müller erklärte, ich hätte Glück, daß kürzlich der sogenannte "Kanzelparagraph" im Strafrecht abgeschafft wäre, sonst wäre ich wohl über diesen gestolpert. Der Kanzelparagraph besagte, daß man schön artig gegenüber der staatlichen Obrigkeit zu sein habe, besonders auf der Kanzel. Ein Unding: kritische Predigt war strafbar. Dieser Strafrechtstatbestand war endlich abgeschafft.

Verständnis für meine Einstellung konnte ich nun keineswegs von allen Offleber Kirchenvorstandsmitgliedern erwarten, aber ich wollte mir auch nicht den Mund verbieten und mich auf m.E. überholte theologische Positionen zurückbiegen lassen. Der Kirchenvorstand bat um eine nichtöffentliche Sitzung mit dem Landesbischof, wohl in der Hoffnung auf Unterstützung "von oben". Nun hatten aber die lutherischen Bischöfe zu dieser Frage gerade eine Stellungnahme abgegeben, auf die ich mich gut beziehen konnte.

Die Vermittlung durch die Aussprache mit Landesbischof Dr. Heintze am 26. Oktober 1968 im Offleber Pfarrhaus hielt einige Zeit. 1971 kam es aber zum Bruch. Zunächst versuchte der Kirchenvorstand, Glaubensfragen in den Vordergrund zu schieben. Sie brachten vor: ich glaubte nicht an die Auferstehung und wollte die Zehn Gebote abschaffen. Das war etwas abwegig. Ich ließ damals die Konfirmanden noch die sogenannte lutherische Erklärung zu den 10 Geboten "Was ist das?" auswendig lernen. Eine Abordnung des Kirchenvorstandes wurde von OLKR Rudolf Brinckmeier in Helmstedt gehört, aber die Sache wurde vom Landeskirchenamt nicht weiter verfolgt, so wie es sich ein Teil des Kirchenvorstandes offenbar wünschte. Daraufhin trat Rudi Chmilewski vom stellvertretenden Vorsitz zurück.

An seiner Stelle kam der für Benno Brandes 1969 nachgerückte 28jährige Rüdiger Schwarz. Wir hatten uns in der Altherrenliga der Fußballer beim Offleber TSV, der sogenannten Montagsrunde, auf dem Fußballfeld kennengelernt, wir kamen auch über persönliche und familiäre Fragen ins Gespräch und so hatte ich ihn für die kirchliche Arbeit gewonnen.

Im Mai 1971 traten Chmilewski, Wawerczin, Isensee, Russe und Gorny endgültig und ohne Vorwarnung aus dem Kirchenvorstand aus. Das war als "Palastrevolution" geplant. Sie hatten im Landeskirchenamt vorgesprochen und im Schrebergarten die nötigen personellen Absprachen getroffen. Aber Frau Radusch, die für Max Bieneck in den Kirchenvorstand nachgerückt war und sich sehr in der damals blühenden Kindergottesdienstarbeit engagierte, Frau Cranz und Herr Schwarz weigerten sich, dabei mitzumachen. Rüdiger Schwarz war noch bei einem internen Treffen bekniet worden, aber standhaft geblieben. Das Landeskirchenamt blieb kühl und setzte die drei übriggebliebenen Kirchenvorstandsmitglieder unter dem Vorsitz von Pfarrer Haferburg aus Neu Büddenstedt, mit dem ich mich gut verstand, als Beauftragte des Propsteivorstandes ein. Ich selber führte die Bürogeschäfte; Gottesdienste und Konfirmandenunterricht gingen wie bisher weiter, und in der Gemeinde selber gab es keine lautstarke Unterstützung für die fünf Zurückgetretenen. Ich selber sorgte dafür, daß in der Zeitung nur eine klitzekleine Meldung erschien. Der Stoß war ins Leere gegangen. Entscheidend jedoch war die Haltung des Landeskirchenamtes: Bischof Heintze und Oberlandeskirchenrat Brinckmeier wollten mich in Offleben halten. An eine vorläufige Dienstenthebung dachten sie nicht, weil sie meine Arbeit und mich persönlich kannten.

Die Amtsperiode 1966-1972 hatte folgende Schwerpunkte:

Visitation

Im Frühjahr 1967 wurden beide Gemeinden von Propst Wilhelm Hobom visitiert. Der Propst besuchte einen Sonntagsgottesdienst, danach war Kirchenvorstandssitzung, ein Gemeindenachmittag schloß mit der Vesper in der Kirche. Im März besuchte der Propst eine Konfirmandenstunde und richtete eine Ansprache an die Konfirmanden.

Ich hatte einen 38 Seiten langen Bericht zu den Visitationsfragebögen geschrieben: die Bevölkerungszahl Offlebens war von 2.827 (1950) auf 2.101 (1966) gesunken und die Zahl der evangelischen Gemeindemitglieder von 1.850 (1950) auf 1.517 (1961/62). Seit 1952 hatten zwei Höfe, die Mühle, die Schmiede und eine Gärtnerei ihren Betrieb eingestellt. Die Ursache lag in der Abwanderung infolge des Grenzgebietes. Die sinkende Bedeutung der Landwirtschaft wurde an den Gottesdienstbesucherzahlen am Erntedankfest anschaulich: 1954: 250; 1959: 116; 1966: 80. Die steigende Bedeutung des Abendmahles hingegen belegen folgende Zahlen: 1952: 324 Abendmahlsgäste; 1958: 637; 1966: 881.

Die Lektorenarbeit gehörte zum Gemeindeprofil. "Wir würden es sehr begrüßen, wenn bei Lektoren-Freizeiten auch die Mitverwaltung der Sakramente durch den Laien diskutiert würde." Schon damals erstrebte der Kirchenvorstand mehr Verantwortung in Finanzfragen. "Bedauerlich bleibt, daß die echte Verantwortung des Kirchenvorstandes nicht ausgelastet ist. Ein Etat von 16.000 DM, dessen Gelder praktisch festliegen und ein Abwägen verschiedener Möglichkeiten praktisch gar nicht zuläßt, ist nicht dazu angetan, die Verantwortung des Kirchenvorstandes wie in anderen Landeskirchen zu stärken. Es wäre sicher gut, wenn die Kirchengemeinden schrittweise finanzautonomer würden."

Bischof Heintze kam, wie er es vor Abfassung einer Beurteilung für den jeweiligen Propst zu tun pflegte, zu einem persönlichen Gespräch zum Pfarrer, diesmal also in den Offleber Pfarrgarten. Das war ein neuer brüderlicher Stil. Bischof Heintze kannte bald seine Landeskirche aus eigener Anschauung. Eigentümlicherweise gab es keinen Bescheid, weder für den Pfarrer noch für den Kirchenvorstand. Die Visitationsbescheid war ein Vorgang zwischen dem Landesbischof und dem Propst. Bischof Heintze änderte dann die Visitationsordnung Anfang der 80iger Jahre.

Kirchenrenovierung

Die Innenräume der Reinsdorfer und der Offleber Kirche wurden grundlegend renoviert. Die umfassenden Kirchenrenovierungsarbeiten 1967 in der Reinsdorfer Kirche, bei der ein neuer Fußboden gelegt wurde, der Altarraum verändert und auf der Orgelempore ein kleiner Gemeinderaum entstanden war, entstanden ohne Beteiligung des Landeskirchenamtes. Auch die sehr umfassende Renovierung des Innenraumes der Offleber Kirche im Jahre 1970, bei der der ganze Fußboden in Eigenarbeit unter tatkräftiger Hilfe der Kirchenvorstandsmitglieder isoliert und die Orgelempore zurückversetzt worden war, erfolgte in der entscheidenden Phase ohne weitere Abstimmung mit der Bauabteilung des Landeskirchenamtes. Propst Hobom lobte die Eigeninitiative, das Landeskirchenamt drohte mit einem Verweis, der mir noch dreißig Jahre später vorgehalten wurde.

Vorschläge zur Kirchenreform

Pröpste sollen demokratisch gewählt werden

Die Zeitungen berichteten teilweise in großer Aufmachung vom Beschluß des Reinsdorfer Kirchenvorstandes, der der Synode unserer Landeskirche vorschlug, daß Pröpste nicht mehr von der Kirchenregierung auf Lebenszeit eingesetzt, sondern von der Propsteisynode für sechs Jahre gewählt werden sollen. Der Herr Landesbischof hat mit sehr viel Verständnis und Sympathie bereits geantwortet.

Gemeindebrief Januar/Februar/März 1969

Kirchenaustrittswelle

1970 gab es in der Landeskirche die erste größere Kirchenaustrittswelle. Es traten im Bereich der Landeskirche aus: 1966: 1.118; 1967: 1.430; 1969: 2.990; 1970: 5.265; 1971: 4.274; 1972: 3.978 Personen. Die Angaben aus dem Landeskirchenamt schwanken, geben aber die Tendenz zutreffend wieder. Die Propstei Helmstedt lag einer anderen Statistik zufolge nach Braunschweig (2.421) und Lebenstedt (341) mit 308 Austritten an dritter Stelle in der Landeskirche.

Auch in Offleben machte sich diese Mode bemerkbar. 1970 beendeten 9 Personen ihre Mitgliedschaft in der Kirche. Verglichen mit anderen Jahren war die Zahl noch gering. In Offleben traten aus: 1922: 87 Personen; 1926: 10; 1930: 47; 1932: 13; 1939: 11; 1949: 10 Gemeindemitglieder. Um der Sache auf den Grund zu gehen und auch den Ausgetretenen Gelegenheit zur Aussprache zu bieten, hielten Frau Pastorin Böttger und ich in der Volkshochschule Schöningen ein Seminar mit vier Abenden zum Thema "Kirchenaustrittsbewegung". Frau Böttger referierte am ersten Abend über die Gründe des Kirchenaustritts, ich machte einen historischen Rückblick über die Kirchenaustrittsbewegung im 20. Jahrhundert, meine Schwester Erika Kuessner, Lehrerin in Hamburg in den Fächern Deutsch und Religion, hielt ein "Plädoyer eines Christen für den Kirchenaustritt" und zum Schluß diskutierten die Referenten mit Landesbischof Heintze. Die Abende waren sehr gut besucht und die kritische Arbeit mit Erwachsenen wieder ein Stückchen gefördert. Das Seminar wurde im Januar 1971 auf Einladung des Stadtdirektors Gremmels, der damals auch Präsident der Landessynode war, in der Volkshochschule Königslutter wiederholt.

Warum ich nicht Kirchenvorsteher geworden bin

von Oberstudienrätin Erika Kuessner

Vieles in unserer Kirche macht mich unzufrieden: Die Pastoren reden zu viel, die Gemeinden zu wenig; die Formen des Gottesdienstes sind veraltet, die Sprache der Theologen ist oft unverständlich oder weltfremd, der Konfirmandenunterricht ist eine problematische Sache, die Kirchensteuern sind es noch mehr. - Man lud mich ein, mich zur Wahl eines Kirchenvorstehers zu stellen. Ich überlegte mir, was es heißt, Kirchenvorsteher zu sein: die Gemeinde in allen kirchlichen Angelegenheiten zu vertreten, regelmäßig am Gottesdienst teilnehmen, gute Zusammenarbeit mit dem Pastor pflegen, offene Kritik üben, neue Ideen einbringen, neue Stützpunkte und soziale Aktivitäten innerhalb der Gemeinde bilden, mich regelmäßig mit andersdenkenden Kirchenvorstehern austauschen, Verbindungen zu den andern Kirchengemeinschaften finden u.a.m.

Das kostet viel Zeit, Kraft und Arbeit, Einsatz und Mühe. Wenn man in einer Gruppe von Gleichgesinnten arbeitet, wenn der Pastor die Arbeit nicht blockiert, wenn ein Landeskirchenamt etwas mehr wäre als eine bloße Verwaltung - dann würde sich die Mühe lohnen. Aber da diese Bedingungen nicht gegeben sind, halte ich es für ehrlicher, auf das Amt eines Kirchenvorstehers zu verzichten.

(aus dem Gemeindebrief August/September/Oktober 1970)

Der Kirchenvorstand 1972-1978

Einige wichtige Ereignisse in Politik und Kirche 1972-1978

Für uns an der Grenze war der Abschluß des Grundlagenvertrages zwischen der Bundesrepublik und der DDR, den der Bundestag im Mai 1973 gegen die Stimmen der CDU beschloß, besonders wichtig. Über neun Grenzübergänge in der Bundesrepublik, bei uns: Helmstedt/Marienborn, lief nun ein sogenannter kleiner Grenzverkehr zwischen grenznahen Kreisen. Außerdem konnten sich die Berliner innerhalb ihrer Stadt mit Passierscheinen besuchen, der Transit nach Berlin wurde flüssiger. Am 31. Januar begann eine gemeinsame Grenzkommission ihre Arbeit.

Als Antwort auf den israelisch-ägyptischen Krieg erhöhten die arabischen Staaten 1973 den Ölpreis und lösten in ganz Europa einen Ölschock aus. Wir sollten Strom sparen, aber die BKB wollte ihren Strom absetzen, den wir erst mal verbrauchen mußten. Eine verquere Lage.

Die Zahl der Arbeitslosen stieg in der Bundesrepublik von 1,2% (1973) auf 4,7% (1975). Wegen der Enttarnung eines Spions in seiner unmittelbaren Umgebung trat Willy Brandt im Mai 1974 dummerweise als Kanzler zurück. Helmut Schmidt wurde Bundeskanzler und bildete nach der Bundestagswahl am Erntedankfest 1976, die die CDU unter das unsinnige Motto "Freiheit oder Sozialismus" gestellt hatte, trotz Stimmenverlusten die neue Regierung.

Der Tod des RAF-Mitgliedes Ulrike Meinhoff im Mai 1976 im Gefängnis, die Ermordung von Generalstaatsanwalt Buback, des Bankiers Jürgen Ponto und des Arbeitsgeberpräsidenten Hans Martin Schleyer von April bis Oktober 1977 durch die RAF, die Entführung einer Lufthansamaschine, die Ermordung ihres Flugkapitäns Jürgen Schumann und die gewaltsame Befreiung der Maschine durch GSG 9-Beamte, der Tod der RAF-Häftlinge Andreas Baader, Gudrun Ensslin und Jan-Carl Raspe im Oktober 1977 verhärteten das innenpolitische Klima vollständig. Es begann unter Anführung der CDU und ihres Generalsekretärs Heiner Geißler eine scheußliche Kampagne gegen die gesamte intellektuelle Linke in der BRD. Bei den Demonstrationen gegen die Errichtung eines Atomkraftwerkes in Brockdorf und in Grohnde und einer Wiederaufbereitungsanlage in Gorleben ging die Polizei gegen die Demonstranten völlig unverhältnismäßig vor.

1976 wurde mitten in der Regierungsperiode völlig überraschend Ernst Albrecht (CDU) zum Ministerpräsidenten von Niedersachsen gewählt, bildete mit der FDP eine Koalitionsregierung und erreichte bei der Landtagswahl im Juni 1978 die absolute Mehrheit.

Als Propst der Propstei Helmstedt wurde am 1. Advent 1976 der Goslarer Pfarrer Dieter Jungmann in St. Marienberg eingeführt. Propst Hobom versah noch für viele Jahre weiterhin den Seelsorgedienst im Kreiskrankenhaus.

Die Kirchenvorstandswahl am 12. März 1972

Das Landeskirchenamt förderte das Instrument von Kirchenvorstandswahlen. Um die Wahlbeteiligung zu heben und mehr Gemeindemitglieder an die Gemeinde heranzuführen senkte die Landessynode das aktive Wahlalter auf 18 Jahre und das passive auf 21 Jahre. Vor allem drängte Bischof Heintze darauf, daß nun in allen Gemeinden ohne Ausnahme gewählt werden sollte.

Im besonderen Fall Offleben und Reinsdorf-Hohnsleben war es erstaunlich, daß sich nach dem spektakulären Rücktritt der fünf Männer im Jahr 1971 überhaupt noch Kirchengemeindemitglieder für die Mitarbeit in den Kirchenvorständen zur Verfügung stellten. Das war nach den heftigen gesellschaftspolitischen Kontroversen nicht selbstverständlich.

Die Wahlbeteiligung lag mit 35,2% in Offleben und 39,5% in Reinsdorf weit über dem landeskirchlichen Durchschnitt, der ungefähr 23% betrug. Es hatte der Arbeit also nicht geschadet, daß die Kirchengemeinde deutliches gesellschaftspolitisches Profil gezeigt hatte.

Indes lag die gute Wahlbeteiligung vor allem wohl an der gründlichen Vorbereitung. Am 8. und 9. Januar 1972 wurden in Reinsdorf und Offleben sogenannte Informationsgottesdienste über die Aufgaben und Rechte eines Kirchenvorstandes durchgeführt. Es gab wiederholt spezielle Rundschreiben und vor der Wahl das Muster eines Stimmzettels mit Namen, Beruf und dem Alter der Kandidaten ins Haus.

Am Wahltag wurde die Ausstellung "Aus der Geschichte von Offleben" mit zahlreichen Fotos und Zeitungsausschnitten wieder gezeigt. Ein zusätzlicher Anziehungspunkt, zur Wahl zu gehen, war die Tatsache, daß sich auch der Ortspfarrer selber in beiden Gemeinden mit zur Wahl stellte.

Das Ergebnis der Kirchenvorstandswahlen vom 12. März 1972 in Offleben

Jochen Brandes 250 Stimmen
Rüdiger Schwarz 248 Stimmen
Hans Pethke 223 Stimmen
Hermann Fricke 211 Stimmen
Lisa Radusch 209 Stimmen
Rudi Heine 209 Stimmen
Rosemarie Röber 167 Stimmen
Klaus Dieter Feindt 163 Stimmen
Gabriele Werner 149 Stimmen

Wahlberechtigte Mitglieder: 963 (1966: 1032).
Abgegebene Stimmen: 339
Wahlbeteiligung: 35,2% (1966: 172 = 17%)
davon Briefwahl: 59

Zusammensetzung des Offleber Kirchenvorstandes

Dem Kirchenvorstand gehörten an: die Männer Jochen Brandes, Rüdiger Schwarz, Hans Georg Pethke, Hermann Fricke, Rudi Heine, Klaus Dieter Feindt und die Frauen Lisa Radusch und Rosemarie Röber. Gabriele Werner gehörte als ständiges stellvertretendes Mitglied und als Protokollführerin zum Kirchenvorstand.

Vorsitzender: Rüdiger Schwarz; ab 1973: Hans Georg Pethke; ab 1975: Rüdiger Schwarz.

Das Ergebnis der Kirchenvorstandswahlen vom 12. März 1972 in Reinsdorf

Ruth Jacobs 80 Stimmen
Lisa Pfeiffer 75 Stimmen

Zusammensetzung des Reinsdorfer Kirchenvorstandes

Marga Wietfeld 72 Stimmen
Lisi Lambrecht 59 Stimmen
Regine v. Geibler 42 Stimmen
Lotte Sander 32 Stimmen

Wahlberechtigte Mitglieder: 257 (1966: 248).
Abgegebene Stimmen: 101
Wahlbeteiligung: 39,5% (1966: 115 = 48%)
davon Briefwahl: 15

Zusammensetzung des Reinsdorfer Kirchenvorstandes

Dem Kirchenvorstand gehörten an: die Frauen Ruth Jacobs, Lisa Pfeiffer, Margot Wietfeld, Lisi Lambrecht und Regine v. Geibler. Lotte Sander war ständiges stellvertretendes Mitglied. "Sie ist stimmberechtigt, wenn ein Kirchenvorstandsmitglied nicht anwesend ist."

Vorsitzender: Kuessner; stellvertretende Vorsitzende: Frau Lambrecht.

Am 6. 8. 1977 traten Frau Lambrecht, Frau Wietfeld und Frau Jacobs aus dem Kirchenvorstand aus. "Wir sehen keine Möglichkeit mehr, mit Ihnen, Herr Pastor, weiterhin zusammenzuarbeiten." An ihre Stelle traten Walter Bauermeister und Elke Schiller in den Kirchenvorstand. Regine v. Geibler übernahm den stellvertretenden Vorsitz.

Pfarrerwahl 1972

Ich wünschte nach den Auseinandersetzungen im Offleber Kirchenvorstand eine Legitimation für meine Weiterarbeit in den Kirchengemeinden und stellte mich anläßlich der Kirchenvorstandswahl am 12. März 1972 selber zur Wahl.

In eine zweite Wahlurne konnten in beiden Gemeinden die Wählerinnen und Wähler einen Wahlzettel hineinwerfen, auf dem sie Ja oder Nein bei der Frage ankreuzen konnten: "Soll sich Pfarrer Kuessner von der Gemeinde trennen - ja - nein". Es mußte also mit "nein" stimmen, wer für mein Verbleiben in den Kirchengemeinden votieren wollte. Damit war völlig ausgeschlossen, daß mitläuferische Jasager ein sauberes Ergebnis verwässerten. Wer mit "nein" gestimmt hatte, hatte sich die Frage auch durchgelesen und eine klare Meinung geäußert.

Diese Pfarrerwahl entsprach einer grundsätzlichen Überlegung, daß die Kirchenvorstände zwar zu Beginn der Dienstzeit eines Pfarrers zustimmen oder ablehnen können, aber eben nicht während einer noch so langen Amtszeit eines Pfarrers. Kirchenvorstände dagegen müssen sich alle sechs Jahre zur Wahl stellen. "Ich fände es besser wenn die Gemeinde die Möglichkeit hätte, sich zu der Frage zu äußern, ob sie sich von ihrem Pfarrer in absehbarer Zeit zu trennen wünscht." In zwei Gemeindebriefen war diese Möglichkeit vorgestellt und diskutiert worden. Die Kirchengemeinden waren auf diese Frage und Möglichkeit ausreichend vorbereitet worden.

Das Ergebnis war nach politisch demokratischen Gesichtspunkten eindeutig. In Offleben stimmten 281 mit Nein für mein Verbleiben, 51 mit Ja dagegen und 7 waren ungültig. In Reinsdorf stimmten 67 mit Nein für mein Verbleiben, 26 mit Ja dagegen und 8 waren ungültig. Mit diesem Ergebnis wußte ich, daß ich in den Gemeinde weiterarbeiten konnte. Ich wußte aber auch, daß eine nicht unbeträchtliche Anzahl meine Weggang wünschte. Damit war das in der kirchlichen Öffentlichkeit gepflegte und auch amtlich geforderte Bild vom allseits beliebten Gemeindepfarrer, der es allen Recht zu machen habe und der alle "Schäfchen" unter einen Hut und in einen Stall unterzubringen habe, überholt. Die Pfarrerwahl zeigte das Ende vom unantastbaren, durch das steife Amtsverständnis geschützte Pfarrerbild. Der Pfarrer rückte durch seine Abwählbarkeit näher an die Kirchenvorstände heran, die sich ebenfalls dieser Möglichkeit aussetzen mußten. Also: ein weiterer Schritt weg von der Pastorenkirche zur Gemeindekirche.

Ich fand auch richtig, daß die Gemeindemitglieder eine faire Chance bekamen, in einer offenen Abstimmung einen Pfarrer abzuwählen. Heute muß sich ein Amtsstelleninhaber nach zehn Jahren einer Abstimmung im Kirchenvorstand stellen. Es ist eigentlich schade, daß die Kirchenleitung diesen in beiden Gemeinden erprobten Weg nicht wenigstens als eine zweite Möglichkeit gestattet hat.

Zur weiteren Arbeit den Kirchenvorständen:

Sie haben sich auch alle an der Pfarrerwahl beteiligt. Von Ihnen - gleichgültig, wie Sie sich entschieden haben - erhoffe ich für meine weitere Arbeit kritisches Geleit. Diejenigen, die mit "Nein" für meinen Verbleib in der Gemeinde gestimmt haben, haben damit ganz sicher nicht meiner Person im Ganzen (und dazu gehören ja auch unordentliche Haare, bunte Hemden, Hagebuttenschnaps, kräftige Ausdrucksweise, fehlendes Licht am Fahrrad u.a). und auch nicht meiner bisherigen neunjährigen Arbeit in allen Einzelheiten zugestimmt. Aber sie haben der Arbeit in der Tendenz zugestimmt. Daß diese Richtung weiter verfolgt werden soll, darüber haben sich alle, die in dieser Richtung arbeiten, sehr gefreut. Dazu gehören:

1. liturgische und musikalische Ausgestaltung der Gottesdienste mit mehr Information und Stille

2. frühzeitiges Hinführen der Konfirmanden zum Abendmahl und Vorverlegung des Konfirmandenalters als freiwillige Möglichkeit

3. Einrichtung von Hauskreisen, in denen wir uns gesellig und geistlich treffen. Diese Form könnte in sehr weiter Zukunft einmal den sonntäglichen Gottesdienst ablösen.

4. unbürokratische Kirchenrenovierung und praktische Arbeiten um die Kirche,

5. ein offenes Wort in politischen Fragen (Kindergarten, Schule in N.B., Ortsdurchfahrt, Unterschriftenaktion für die Freilassung von R. Heß, Ostdenkschrift, Ausstellung Schuld und Versöhnung in Deutschland ).

(aus dem Gemeindebrief vom 15.3.1972)

Der völlig veränderte Kirchenvorstand in Offleben

Kein Mitglied des Kirchenvorstandes von 1966 befand sich in diesem neu gewählten und berufenen Kirchenvorstand. Das Durchschnittsalter des neuen Kirchenvorstandes betrug nunmehr 36 Jahre. Das war geradezu sensationell und fiel völlig aus dem Rahmen des in der Landeskirche üblichen. Drei Mitglieder waren zwischen 20 und 30 Jahre alt (Röber, Werner, Brandes), drei waren zwischen 30 und 40 (Schwarz, Feindt, Heine), einer war zwischen 40 und 50 Jahre (Pethke) und einer zwischen 50 und 60 Jahre (Fricke). Frau Cläre Cranz hatte sich nicht mehr aufstellen lassen, leitete aber weiterhin die Frauenhilfe.

Der 30jährige Rüdiger Schwarz wurde zum Vorsitzenden gewählt. Das lag nahe, weil er neben Lisa Radusch zu dem verkleinerten, seit 1971 geschäftsführenden Kirchenvorstand gehört und den stellvertretenden Vorsitz eingenommen hatte.

Rüdiger Schwarz hatte politisch engagierte Vorfahren: Sein Großvater mütterlicherseits Alwin Graß war von 1919-1933 Gemeindevorsteher und Mitglied im Kirchengemeinderat in Offleben gewesen und war 1933 unter den üblichen fadenscheinigen Argumenten von den Nazis aus politischen Gründen entlassen worden. Vielleicht schlug beim Enkel das großväterliche Erbe durch. Rüdiger Schwarz war ein Glücksfall für die Kirchengemeinden, weil er seine Vorstandsarbeit mit einer eisernen, vorbildlichen Präsens im sonntäglichen Gottesdienst verband und zwar gegen den Trend bei seinen Altersgenossen und gegen das gesellschaftliche Ansehen, das der Sonntagsgottesdienst im Dorf hatte. In seinem Alter und mit seiner praktischen Begabung ging man eben nicht in die Kirche. Er ging und zwar unbeirrt. Wir waren also nicht bloß über Verwaltungsarbeiten im Gespräch und über das, was in der Kirchengemeinde anlag, sondern auch über die Themen und biblischen Texte im Gottesdienst. Er erinnerte mich beständig an die Aufgabe, daß das Wort Gottes nicht bei sich im Bibeltext bleiben dürfe, sondern in die Zeit hineinzurufen und dort hineinzuwirken habe. Rüdiger Schwarz blieb 20 Jahre im Kirchenvorstand, lange Zeit als dessen Vorsitzender.

Der neue Umgangsstil in Offleben

Im Offleber Kirchenvorstand änderte sich der Umgangsstil vollständig. Es wurde gründlich diskutiert, die Sitzungen liefen in einen zwanglosen, gemütlichen Teil aus. Wir versuchten, beim Vorsitz ein Rotationsprinzip einzuführen. Jeder sollte ein Jahr lang die Leitung innehaben. Das Landeskirchenamt verbot dieses Vorhaben. Immerhin wechselte der Vorsitz zweimal, von Schwarz zu Pethke und zurück von Pethke zu Schwarz.

Der ausgesprochen junge Zuschnitt des Offleber Kirchenvorstandes erlaubte nun auch, Kirchenvorsteherfreizeiten durchzuführen. Am 21. Oktober 1973 fuhren wir zum Gottesdienst nach Emmerstedt zu Pfarrer Beichler, der uns anschließend über die Schwerpunkte seiner Gemeindearbeit: Kinderarbeit, Diakonie und politische Betätigung berichtete. Im Anschluß daran aßen wir mit Propst Hobom zu Mittag und hörten von ihm ein Referat über die neue Kirchengemeindeordnung, die von der Landessynode beraten wurde. Im neuen Gemeindehaus von St. Thomas, Helmstedt kam es zu einer Begegnung mit Lektor Kunde und dem Vorsitzenden der Propsteisynode Ernst Christian Lerche. Am frühen Abend stießen im Offleber Pfarrhaus dann die Ehepartner zum Kreis dazu, zum gemütlichen Ausklang eines anstrengenden Sonntags.

Da die Offleber Kirche bunte Glasfenster erhalten sollte, fuhr der Kirchenvorstand viel in der Landeskirche herum und sah sich in Stadt- und Landkirchen Glasfenster verschiedener Künstler an. Ein besonderes Erlebnis wurde die Fahrt in die Werkstatt von Herrn E. J. Klonck nach Marburg.

Um den Kontakt zu den vorherigen Kirchenvorstehern zu behalten, wurde zum 6. Januar 1973 ein Ehemaligentreffen veranstaltet, das 1974 und 1975 wiederholt wurde.

Auch an den Kirchentagen in Frankfurt 1975 und Berlin 1977 nahmen Gemeinde- und Kirchenvorstandsmitglieder teil. Vom Kirchentag in Frankfurt im Juni 1975, zu dem sechs Personen fuhren, brachten wir vor allem Lieder von Peter Janssens mit.

Den Kirchentag in Berlin im Juni 1977 besuchten erstmals einige Kirchenvorstandsmitglieder. Rüdiger Schwarz, Jochen Brandes, Rosemarie Röber, die Küsterin Frau Heine, unsere Organistin Gerlinde Voigt und Michael Schetsche fuhren mit. Die Großstadt, das Sich-zurecht-finden, die Berliner Gastgeber in den Privatquartieren, das herrliche, gemeinsame Singen in den großen Messehallen, die prominenten Namen - das alles hinterließ gerade bei uns, die wir aus den kleinen kirchlichen Verhältnissen in Offleben kamen, doch eine bleibenden Eindruck. Mit Frau Heine war ich schon einige Tage vorher in Berlin, da auch das Erlebnis der Großstadt neben den kirchlichen Eindrücken nicht zu kurz kommen sollte.

Der Gemeindebrief August/September 1977 beginnt mit dem Kirchentagslied "Einer hat uns angesteckt mit der Flamme der Liebe". Wir haben es längere Zeit auch im Gottesdienst gesungen.

Rüdiger Schwarz über seine Eindrücke vom Berliner Kirchentag 1977

Ich möchte einige Eindrücke vom Kirchentag aus meiner Sicht schildern. Zunächst war ich überrascht über die vielen Besucher des Kirchentages, die in der Überzahl aus jungen Leuten bestand. Trotz der vielen Menschen wurden in kürzester Zeit die Messehallen gefüllt. War dann eine Halle wegen Überfüllung geschlossen, so suchten sich die nachdrängenden Menschen, ohne groß zu meutern, ein anderes Programm in einer noch nicht überfüllten Halle.

Für mich waren die Bibelarbeiten von Jörg Zink am eindrucksvollsten, ferner ein Abend in der Deutschlandhalle unter dem Moto "Der Kirchentag singt". Dabei wurde eine Menge neuer Lieder angesungen und in der Pause tanzten einige hundert Leute im Innenraum unter den Rhythmen der modernen Kirchenmusik, unser Pastor vorneweg. Auch das passierte dem Offleber Grüppchen: Frau Heine, Gerlinde Voigt, Jochen Brandes und ich saßen 1½ Stunden neben Herbert Wehner, der in der Pause ein angenehmer Gesprächspartner war.

Wenn ich also Bilanz über den Kirchentag ziehe, so kann ich nur jedem raten, beim nächsten Tag in Nürnberg dabei zu sein.

(aus: Gemeindebrief August/September 1977)

Der rein weibliche Kirchenvorstand in Reinsdorf

In Reinsdorf bestand der Kirchenvorstand bereits am Ende der abgelaufenen Amtszeit durch das Nachrücken von Frau Pfeiffer und Frau Jacobs nur aus Frauen. Da sich für die Wahl 1972 keine Männer aufstellen ließen, wurde der amtierende, rein weibliche Kirchenvorstand bestätigt. Das war innerhalb der Landeskirche wohl etwas Auffälliges.

Frau Jacobs und Frau Wietfeld repräsentierten die beiden großen Höfe in der Kirchengemeinde. Frau Lambrecht stammte von einem großen Hof in Sachsen Anhalt, war aber 1945 enteignet worden. Sie wohnte seitdem in Reinsdorf und war begreiflicherweise glühende Antikommunistin. Ich hatte Frau Lambrecht schon als Vikar in ihrem kleinen Schöninger Laden in der Büddenstedter Straße kennengelernt. An ihrer Haustür begrüßte sie mich, wenn gutgelaunt, mit "Heil Moskau". In ihrem Hause hörte ich zum ersten Mal die verächtliche Redeweise über die Männer des 20. Juli. Das waren für sie und ihresgleichen alles Vaterlandsverräter. Sie war stellvertretende Vorsitzende im Kirchenvorstand. Wir haben oft in ihrem Hause getagt.

Der gegenseitig frotzelnde Ton schlug plötzlich in eine jahrelange Gehässigkeit um, die drei Landwirtsfrauen erklärten unvermittelt, nicht mehr mit mir zusammenarbeiten zu können und gaben 1977, ein Jahr vor den Neuwahlen ihren Sitz im Kirchenvorstand auf. Es waren rein parteipolitische Fragen, die für alle drei plötzlich wichtiger wurden als die kirchlichen. Diese hatten sie vorher reformfreudig mitgetragen: die Beteiligung von Lektoren an den Sakramentsgottesdiensten und die moderne Ausgestaltung der Reinsdorfer Kirche, oft gegen die Vorstellungen des Landeskirchenamtes. Nun wurden die parteipolitischen Bindungen an die CDU vorrangiger. Sie unterstützten nämlich den mit CDU-Mehrheit auf Probe angestellten Gemeindedirektor Lück in der Gemeindeverwaltung, den Frau Adrian und ich als Ratsmitglieder abgelehnt und für dessen erfolglose Beendigung der Probezeit wir beide die nötige Mehrheit im Gemeinderat besorgt hatten. Alle drei hatten patronatsähnliche Vorstellungen von ihrem Kirchenamt gehabt und waren im Grunde daran gescheitert. Als eine auf Kirchenreformen und Verlebendigung drängende, treibende Kraft erwies sich Regine v. Geibler, die dann statt Frau Lambrecht auch den stellvertretende Vorsitz im Kirchenvorstand einnahm.

Die Amtsperiode 1972-1978 hatte folgende Schwerpunkte

Die Umgebung der Kirche in Offleben

Die Umgebung der durch die beiden Ställe (Kuhstall und Schafstall) ziemlich eingeengten Kirche veränderte sich stark. 1972 wurde der Kuhstall abgerissen, der Schafstall zum Zwecke des Abrisses gekauft und danach die Umgebung der Kirche großzügig mit Rasen, Büschen, Bäumen und Blumen grün gestaltet. 1974 fiel auch die lange Scheune an der Kirchstraße. Die Kirche war nunmehr von der Lindenstraße aus einzusehen. 1975 wurden die Scheunen des Wagenführschen Hofes abgerissen.

Neugestaltung der Offleber Kirche

Durch den Abriß des großen Schafstalles des Klostergutes am 8. Oktober 1973 an der Nordseite der Kirche wurde der Innenraum sehr viel heller.

Der gewonnene freie Platz an der Kirche wurde von Kindern zum Spielen benutzt. Als dabei die Schornsteinreinigungsklappe mutwillig zerstört wurde, hatte das eine totale Verrußung des Innenraumes zur Folge. So mußte sich auch dieser Kirchenvorstand intensiv mit grundlegenden Raumgestaltungsfragen befassen.

Die Kirche von Offleben wurde von außen und innen völlig neu gestaltet Darüber kam es mit dem Landeskirchenamt zu einem ernsten Zerwürfnis. Es schloß die Kirche als Baustelle. Der Kirchenvorstand verlegte die Gottesdienste monatelang ins Pfarrhaus. Um so wichtiger war es für uns, daß Landesbischof Heintze und seine Frau am 13. Dezember 1973 zu einem Gottesdienst und Rundgespräch mit den kirchlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern über alle uns bewegenden Themen ins Pfarrhaus kamen.

Die entscheidende Veränderung in der Kirche war, daß anstelle des beliebten Mittelganges die Anzahl der Bänke in der Kirche reduziert und als Mittelblock zusammengerückt wurde. Bei Grabungen im Altarraum im Sommer 1974 stieß Oberstudienrat Freist auf alte Brandschichten und rote Ziegel. 1974 wurde die vier Jonafenster von E. J. Klonck eingesetzt. Der Kirchenvorstand hatte sich zahlreiche Kirchenfenster in der Landeskirche angesehen und in der Werkstatt von E .J. Klonck noch Einbesserungen an den Entwürfen vorgenommen.

Im Sommer 1975 wurde die Kirche nach einem Kompromiß mit dem Landeskirchenamt ohne große Feierlichkeiten wieder in Gebrauch genommen. Im ersten Gottesdienst hielt ich eine Dialogpredigt mit Pfarrer Peter Meffert von der Schöninger Vincenzkirche. Die Renovierung verschlang insgesamt 124.000 DM.

Zugleich wurde erstmals unsere Gottesdienstordnung gedruckt. Die Beteiligung der Gemeinde an der Gestaltung der Gottesdienste war durch die engere Räumlichkeit im Gemeinderaum des Pfarrhauses gewachsen.

Im Sommer und Herbst 1976 diskutierte der Kirchenvorstand ausführlich über mehrere Entwürfe zur Gestaltung der nunmehr durch die Entfernung der Glasfenster geschlossenen Altarwand. Hans Lopatta aus Gaggenau im Schwarzwald hatte auf Empfehlung von Rüdiger Schwarz Entwürfe für fünf Holzplastiken vorgelegt. In der Karwoche 1977 wurden sie an der Altarwand angebracht und bildeten einen ungewöhnlichen Blickfang, einen meditativer Ruhepunkt für die Gemeinde. Damit hatte dieser Kirchenvorstand finanziell und künstlerisch weitreichende Entscheidungen für lange Zeit getroffen.

Renovierung der Reinsdorfer Kirche

1976 und 1977 wurde auch der Reinsdorfer Kirchenraum unter aktiver Mitwirkung der Kirchengemeindemitglieder grundlegend erneuert, die alte Orgel durch eine neue ersetzt, die Orgelempore zurückgesetzt und Platz für die künstlerischen Glasfenster von E. J. Klonck gemacht. Sie veränderten den Kirchenraum vollständig.

Das waren vom Kirchenvorstand tapfere, langfristige Entscheidungen gewesen. Leider blieb auch hierbei eine fruchtbare Zusammenarbeit mit dem Landeskirchenamt aus. Ich zog mir die unausrottbare Abneigung des leitenden Kirchenbaurates Renner zu, dessen fachliche Qualität ich schätzte, dessen spätere, fundamentalistische Anschauungen, besonders in der Schwulenfrage, jedoch eine sachliche Verbindung für ihn mir gegenüber schwierig machten.

Am 6. Januar 1978 wurde die renovierte Reinsdorfer Kirche mit einem festlichen Gottesdienst wieder in Gebrauch genommen. Es waren die Nachbarpfarrer Wille (Clus), Beyer (St. Vincenz),

Kommunalpolitisches Projekt

Deuter (Hoiersdorf) und die katholischen Pfarrer Wyczik und Pfarrer Jurek (Hl. Geist, Braunschweig) gekommen.

Kommunalpolitisches Projekt

Neben der Kirchenvorstandsarbeit starteten wir ein kommunalpolitisches Projekt: 1974 kandidierten Joachim Brandes, Rüdiger Schwarz und ich für den Gemeinderat Büddenstedt. Wir erreichten einen Sitz. 1976 kandierten wir erneut für den Gemeinderat mit weiteren Kandidaten. Wir erreichten zwei Sitze, die Frau Adrian, die Frau eines Nachbarpfarrers, und ich einnahmen. Mehr dazu unter den Kapitel "Auf der Grenze zwischen Gemeindearbeit und Kommunalpolitik".

1976 zerstörten die BKB mit umstrittenen "Rekultivierungsmaßnahmen" die gewachsene Brachflur des Wulfersdorfer Tagebaus und erschloß das Gelände für die Jagd. Mit Pfarrer Adrian führte der Kirchenvorstand in Büddenstedt 1976 ein dreiteiliges sehr gut besuchtes Umweltseminar durch.

Die dramatische Sitzung am 13. Februar 1978 kurz vor Ende der Sitzungsperiode

Beide Kirchenvorstände gewannen eine immer größere Selbständigkeit, die sich in der Sitzung am 13. Februar 1978 bewährte. Aus den Reihen der CDU waren Beschuldigungen gegen mich erhoben worden. Diese Beschuldigungen wurden im Landeskirchenamt von OLKR Wandersleb, OLKR Kaulitz und OLKR Bluhm dazu benutzt, um mich in einem monatelangen Disziplinarverfahren möglichst aus der Kirchengemeinde zu entfernen.

In einer Anhörung des Reinsdorfer Kirchenvorstandes am 13. Februar zu den Beschuldigungen lernten die Oberlandeskirchenräte Kaulitz und Wandersleb die Selbständigkeit des Reinsdorfer Kirchenvorstandes kennen. Der Kirchenvorstand überließ die Sitzungsleitung nicht etwa den Oberlandeskirchenräten, sondern die stellvertretende Vorsitzende Frau v. Geibler behielt diese selbstverständlich und souverän, und der Kirchenvorstand faßte in Anwesenheit der Oberlandeskirchenräte einstimmig den Beschluß, daß man Parteipolitik in der Reinsdorfer Kirchengemeinde ablehne und es sich bei den Beschwerdeführern wohl ausschließlich um verärgerte CDU-Leute handele. Ganz offen stellte sich der Kirchenvorstand hinter mich und gegen die Absichten des Landeskirchenamtes. Am selben Tage stießen wenig später die Absichten des Landeskirchenamtes auch beim Offleber Kirchenvorstand auf Granit.

Dieses gewonnene Selbstvertrauen war ein weiterer Schritt von der Pastorenkirche zur Gemeindekirche.

Die geplante Entfernung aus dem Pfarramt in Offleben scheiterte vor allem daran, daß Bischof Heintze die parteipolitischen Absichten seiner "Kollegen" Oberlandeskirchenräte im Kollegium durchschaute und vor allem die geistliche Arbeit in den Gemeinden sah. Er hatte der Seelsorge den klaren Vorrang vor der Parteipolitik gegeben.

Der Kirchenvorstand 1978-1984

Einige wichtige Ereignisse in Politik und Kirche

Da die Sowjets Ende 1979 in Afghanistan einmarschierten und SS 20-Raketen in Europa stationierten, faßte die Nato den sogenannten Nato-Doppelbeschluß, in der BRD ebenfalls weitreichende Raketen zu stationieren und zugleich den Sowjets Verhandlungen zur Abrüstung vorzuschlagen. Im Januar 1981 wurde Ronald Reagan Präsident der USA und leitete eine enorme Aufrüstungspolitik ein. Gegen diese Rüstungsspirale bildete sich die Friedensbewegung. Die Regierung Schmidt/Genscher konnte bei der Bundestagswahl wiederum am Erntedankfest 1980 ihre Bundestagsmehrheit ausbauen, wurde aber Oktober 1982 durch den absehbaren Koalitionswechsel der FDP von einer CDU/FDP Koalitionsregierung unter Helmut Kohl abgelöst, der eine "geistig-moralische Wende" ankündigte.

Der Ausbau der Startbahn West auf dem Frankfurter Flughafen wurde zum Symbol des Widerstandes gegen unbegrenztes Wachstum. Die vorgezogene Bundestagswahl am 6. März 1983 gewann die CDU/FDP-Koalition hoch. Aber die Grünen zogen erstmals in den Bundestag ein. Die von Bundestag 1982 beschlossene Volkszählung wurde im Dezember 1983 für verfassungswidrig erklärt und verschoben.

Die sogenannte "Kohl-Ära" war von Anfang bis Ende mit Schmiergeldaffären belastet. Wegen der Flickaffäre mußten schon 1984 Wirtschaftsminister Lambsdorf und Bundestagspräsident Barzel von ihren Ämtern zurücktreten.

Am 13. Juni 1981 scheiterte die Wahl eines neuen Landesbischof unserer Landeskirche, weil keiner der drei Kandidaten die erforderliche Mehrheit in der Landessynode erhielt. Dabei spielte der Helmstedter Synodale Adolf Nebel eine entscheidende Rolle, weil er fehlte, jedoch angekündigt hatte, den Kandidaten Propst Hauschildt wählen zu wollen. So fehlte Hauschildt eine Stimme zur Mehrheit. Bischof Heintze beendete nach 17jähriger bischöflicher Tätigkeit am 31. März 1982 seinen Dienst.

Im Juni 1982 fand seit langer Zeit in Braunschweig wieder ein Landeskirchentag unter dem Thema "Zum Glauben ermutigen" statt. Zu gleicher Zeit wurde ein "Gegenkirchentag" unter dem Motto "Zum Frieden ermutigen" organisiert.

Landesbischof Prof. Dr. Müller wurde am 30. September als sechster Landesbischof eingeführt.

1983 wurde in Ost und West der 400. Geburtstag Martin Luthers gefeiert.

Die Kirchenvorstandswahlen am 5. März 1978

Die Wahlen zum Kirchenvorstand am 5. März 1978 wurden vom Landeskirchenamt mit einer erheblichen Wahlwerbung begleitet. Was früher zu wenig war, erschien jetzt zu viel. Die Pfarrämter erhielten sechs Wahlinformationen.

Die Gesamtwahlbeteiligung von 28% in der Landeskirche war, gemessen am mageren Gottesdienstbesuch, zwar ein großer Erfolg, und auch eine Steigerung gegenüber der Beteiligung von 23% im Jahre 1972, jedoch gemessen an dem Anspruch, das ganze evangelische Volk zu vertreten, erbärmlich niedrig. Fast Dreiviertel der volkskirchlichen Massen zeigte sich desinteressiert.

Verglichen mit dem landeskirchlichen Mittelwert schnitten die beiden Kirchengemeinden wiederum überdurchschnittlich ab: in Offleben gingen 33,9% zur Wahl, und in Reinsdorf 43,8%.

Die größere Wahlbeteiligung mag auch daran gelegen haben, daß die Wahl mit einer Befragung der Gemeinde über ihre Einschätzung der Arbeit des Kirchenvorstandes, zu Baumaßnahmen an den Kirchen, aber auch zu anderen Ansichten wie zur Todesstrafe, oder mit Fragen zu anderen religiösen Gewohnheiten wie zum Hören von Radiogottesdiensten verbunden war. Das machte offenbar Spaß. Unter der Überschrift "Ein Blick in das Gemeindeleben" wurde das Ergebnis im Gemeindebrief März/April 1978 veröffentlicht:

Ein Blick in das Offleber und Reinsdorfer Gemeindeleben von 1978

101 Kirchenvorstandswähler haben sich an einer Befragung beteiligt. Unter den Befragten waren 24 Männer, 72 Frauen, 57 aus Offleben und 41 aus Reinsdorf-Hohnsleben, 8 waren unter 40 Jahre und 41 über 60 Jahre. Nur sieben der Befragten besuchen die Kirche nie und nur 14 regelmäßig. Gelegentlich aber wird die Kirche von 73 Befragten besucht. Wir brauchen also noch unsere Kirchen. Gut, daß wir beide renoviert haben. Überwältigend ist die Zustimmung zu den Renovierungen in Offleben und Reinsdorf. 93 stimmen zu, 2 lehnen ab. Diese Zustimmung sollte die Kirchenbürokratie in Wolfenbüttel zur Kenntnis nehmen, die ja an unserer Renovierungen immer nur herumzumäkeln hat.

Fernsehen und Radio spielen eine Rolle. 16 nehmen an Radiogottesdiensten und 10 an Fernsehgottesdiensten regelmäßig teil. Gelegentlich hören 52 zu und sehen 56 fern. Das finde ich eigentlich sehr viel.

Die Gemeinden werden mobil. Gottesdienste werden auch in anderen Gemeinden besucht von 39 der Befragten, vermutlich anläßlich einer Konfirmation oder Taufe, im Urlaub, und einige sicher auch, weil sie einen andern Pastor hören wollen.

Die Kirche im allgemeinen kann so bleiben wie sie ist, meinen 81 der Befragten, 10 finden sie altmodisch und nur einer zu modern.

Das Landeskirchenamt hatte die Kirchenvorstände gedrängt, daß P. Kuessner sich nicht, wie bereits 1972 schon einmal, wieder zur Wahl stellen sollte. Die Gemeindebasis ist da ganz anderer Ansicht: 56 sagen ja zur Wahl und 38 nein, übrigens mehr in Reinsdorf als in Offleben. In Reinsdorf 27 Jastimmen und 13 Neinstimmen.

Der Kirchenvorstand hat einen guten Ruf. 44 meinen, er habe viel zu sagen und nur zehn, er habe wenig zu sagen. Auch dieses Meinungsbild gehört in die Köpfe derer geschrieben, die gern behaupten, hier gehe im Kirchenvorstand sowieso alles nach der Nase des Herrn Pastor. Weit gefehlt! Daher halten auch 74 der Befragten die Kirchenvorstandswahlen für wichtig.

Seit Jahren beschäftigen wir uns mit der Frage, ob ein Lektor eine Taufe halten darf. Die ehemalige Landessynode hat diese Frage einmal unpassend kurz, beiläufig am Ende einer Tagesordnung abweisend behandelt. Zwar sagen 71 der Befragten: nein. Wichtiger erscheint mir, daß in 27 Familien ein Lektor eine Taufe halten könnte.

Überwältigend ist die Zustimmung zur evangelisch-katholischen Zusammenarbeit: 82 Stimmen. Die 13 ablehnenden kommen alle aus Offleben, acht davon gehören der Generation der über 60jährigen an.

Ganz erstaunlich und hoffentlich von Parteien, dem Bürgermeister und dem Landeskirchenamt zur Kenntnis zu nehmen ist, daß 69 Befragte bejahen, daß die Kirche sich an der Politik beteiligen solle, 51 davon mit der erfreulichen Einschränkung, daß die Gläubigen nicht bevormundet werden dürfen. 30 sagen nein. Wieder ist der Abstand in Reinsdorf anders als in Offleben. In Reinsdorf 32:7; in Offleben 37:23.

Daß 52 die Todesstrafe für richtig halten und nur 39 für falsch, entspricht wohl dem Bundesdurchschnitt. Ich persönlich finde so ein Votum aus der Mitte der Gemeinde nicht sehr gut."

(aus: Gemeindebrief März/April 1978)

Ergebnis der Kirchenvorstandswahlen vom 5. März 1978 in Offleben

Joachim Brandes 248 Stimmen
Rüdiger Schwarz 234 Stimmen
Gabriele Werner 206 Stimmen
Gerda Rauch 191 Stimmen
Vera Jadziewski 183 Stimmen
Hermann Fricke 182 Stimmen
Hans Georg Pethke 181 Stimmen
Joachim Wolter 89 Stimmen
Gertrud Kluge 60 Stimmen

Zahl der Wahlberechtigten: 847 (1972: 963)
abgegebene Stimme: 287; davon Briefwahl: 44
Wahlbeteiligung: 33,9% (1972: 35,2%)

Das Ergebnis der Offleber Wahl war erstaunlich: Rüdiger Schwarz und Joachim Brandes erhielten die höchsten Stimmenanzahl, obwohl sie sich an zwei Kommunalwahlen als Kandidaten beteiligt hatten. Die Kirchengemeindemitglieder unterschieden offenbar sehr genau zwischen kirchlichem und kommunalpolitischem Mandat.

Dem Offleber Kirchenvorstand gehörten an: die Männer Joachim Brandes, Rüdiger Schwarz, Hermann Fricke, Hans-Georg Pethke, Jochen Wolter und die Frauen Gabriele Werner, Gerda Rauch, Vera Jadziewski und als ständiges stellvertretendes Mitglied Gertrud Kluge.

Da Herr Fricke sein Amt nicht antrat, berief der Kirchenvorstand Frau Irmgard Gröger in den Kirchenvorstand. Im April 1980 schied H. G. Pethke wegen Arbeitsüberlastung aus dem Kirchenvorstand. Sein Elektrobetrieb hatte es im kleinen Dorf und bei der Konkurrenz immer schwerer. An die Stelle von H. G. Pethke rückte Frau Bärbel Mock. 1982 schied Frau Mock aus familiären Gründen aus dem Kirchenvorstand aus. Für sie trat Anneliese Lübbecke ein.

Vorsitzender: Rüdiger Schwarz, stellvertretender Vorsitzender: Kuessner.

Ergebnis der Kirchenvorstandswahlen am 5. März 1978 in Reinsdorf

Lisa Pfeiffer 76 Stimmen
Regine v. Geibler 69 Stimmen
Walter Bauermeister 57 Stimmen
Elke Schiller 47 Stimmen
Erika Hass 32 Stimmen
Erika Voigt 30 Stimmen

Zahl der Wahlberechtigten:
194 Stimmen = 43,8%
(1972: 258 Stimmen = 39,5% )

Zusammensetzung des Reinsdorfer Kirchenvorstandes

Dem Reinsdorfer Kirchenvorstand gehörten an: Lisa Pfeiffer, Regine v. Geibler, Elke Schiller, Ruth Hass und Walter Bauermeister, als nachrückendes, ständig stellvertretendes Mitglied: Erika Voigt.

Vorsitzende: Frau v. Geibler; stellvertretender Vorsitzender: Kuessner.

Die personelle Zusammensetzung

Die Wahl brachte mehrere neue Gesichter in den Offleber Kirchenvorstand. Frau Radusch, die sich sehr um die Kinderarbeit gekümmert hatte, war nun selber Großmutter geworden und setzte neue persönliche Prioritäten. Aber auch Frau Röber, Herr Feindt und Herr Heine schieden aus der Kirchenvorstandsarbeit aus. Das war schade, weil alle drei zum jüngeren Stamm des Kirchenvorstandes gehörten. Frau Röber verzog nach Helmstedt. Herr Feindt und Herr Heine fanden in der kirchlichen Arbeit doch nicht den nötigen Ausgleich und die erwünschte Rolle, die sie sich wohl persönlich erhofft hatten. Trotzdem ist der Kirchenvorstand ihnen für ihre Mitarbeit auch bei einer nur 6jährigen Amtszeit zu Dank verpflichtet.

Die Kirchengemeinden schöpfen in aller Regel eben nicht aus einem großen aktiven Bestand, aus dem sie sich einen geeigneten Kirchenvorstand aussuchen können. Vielmehr müssen oftmals Kirchengemeindemitglieder zur Kandidatur heftig überredet werden und eine der ersten Befürchtungen ist dann, daß man von ihnen verlangt, daß sie nun sonntäglich zur Kirche gehen müssen, was die wenigsten auf sich nehmen wollen. So ist jede erste Amtszeit auch eine Art Schnupperkurs, bei dem die Neuen sich umsehen und sich überlegen, ob sie bei der Arbeit bleiben wollen. Wenn sie sich dann gegen eine Weiterarbeit entscheiden, ist der Gewinn, daß einige Kirchengemeindemitglieder die kirchliche Arbeit vor Ort einmal von innen kennengelernt haben, doch sehr viel größer, als daß Kritik an ihrer Entscheidung, nicht mehr weiter zu arbeiten, berechtigt wäre. Trotzdem bleibt ein solches Ausscheiden auch immer Anlaß zur kritischen Rückfragen, was man selber hätte unternehmen und unterlassen sollen, um sie zu einer Weiterarbeit zu bewegen. Wenn die kirchlichen Bindungen dann gänzlich gekappt werden, bleibt das für die Aktiven schmerzlich.

Für die drei Ausscheidenden rückten nun Frau Rauch, Frau Jadziewski und Herr Wolter nach. Die beiden Frauen wurden auf Anhieb mit hohem Stimmanteil gewählt. Frau Rauch stammte aus Pommern, ihre drei Kinder waren schon in der Offleber Kirche getraut, die älteste Tochter verwaltete die Kirchenkasse. Dadurch hatte sich eine gewisse Verbindung zur Kirche hergestellt.

Frau Jadziewski, aus Gevensleben stammend, hatte ganz überraschend 1973 ihren 48jährigen Mann verloren, einen Monat später konfirmierte ich ihren einzigen Sohn, so ergab sich aus einer seelsorgerlichen Begleitung die Kandidatur.

Jochen Wolter stammte aus dem Mecklenburgischen und war in den 50iger Jahren in den Westen gekommen. Als seine Eltern Anfang der 60iger Jahre nachkommen wollten, wurden sie zurückgeschickt und kamen für einige Wochen ins Gefängnis. Grenzgeschichten. Jochen Wolter gehörte zum sportlichen Freundeskreis von Rüdiger Schwarz. So waren es ganz unterschiedliche Beweggründe, sich im Kirchenvorstand zu engagieren.

In Reinsdorf waren erstmals von den zwei großen Höfen des Dorfes (Wietfeld und Jacobs) keine Familienmitglieder im Kirchenvorstand. Zusammen mit dem Ehepaar Lambrecht bildeten sie in diesem und den folgenden Jahren eine unerfreuliche, die kirchliche Arbeit störende Gegenströmung. Das tat bei den kleinen Verhältnissen im Dorfe, wo man sich nicht aus dem Wege gehen konnte, nicht gut. Immerhin waren bei der Kirchenvorstandsarbeit auch gewisse Maßstäbe gewachsen, an denen sich ihre Mitglieder messen lassen mußten. Es reichte nicht mehr, im Dorf zu der wirtschaftlich gehobenen Klasse zu gehören, um einen Platz im Kirchenvorstand ausfüllen zu können.

Den Vorsitz übernahm die 39jährige Regine v. Geibler. Als dreiköpfige Familie waren v. Geiblers 1968 nach Hohnsleben gezogen. Herr v. Geibler arbeitete als Geschäftsführer des wirtschaftlichen Beratungsringes in Schöningen, Frau v. Geibler war von Beruf Zahnärztin und übte ihn im Landkreis Helmstedt bei den schulärztlichen Pflichtuntersuchungen aus. Über die beiden Ältesten im Konfirmandenalter ergab sich eine Verbindung zur nächsten Generation. Wie Rüdiger Schwarz war auch Regine v. Geibler ein Glücksfall, denn sie rückte Gottesdienst und kirchliche Mitarbeit ganz oben auf die persönliche Prioritätenliste. Das war bei Familie und Beruf und Haus wahrlich keine Selbstverständlichkeit, aber sie betrachtete nun den Vorsitz als Aufgabe und stellte dafür viel Zeit zur Verfügung. "Ich kann, ich habe Zeit", antwortete sie, wenn ich mal wieder fragte und etwas wollte. Mit ihr und mit Rüdiger Schwarz aus Offleben rückten beide Kirchengemeinden kirchenreformerisch und kirchenpolitisch stark zusammen.

Kirchentag in Nürnberg 1979

Das bewährte und vertiefte sich in der Teilnahme an den Kirchentagen in Nürnberg 1979 und Hamburg 1981.

Der Berliner Kirchentag hatte angesteckt. Zum Kirchentag im Juni 1979 fuhr eine siebenköpfige Besuchergruppe nach Nürnberg, darunter Herr Schwarz und Herr Brandes, die auch schon beim Berliner Kirchentag mit dabei waren und als Neue Frau v. Geibler und Frau Mock als Mitglieder der Kirchenvorstände. Da wir mit zwei Autos fuhren, waren wir auf Quartiere in der Stadt nicht angewiesen. Wir wohnten gemeinsam etwas außerhalb in einem Gasthof und konnten am späten Abend auf den Zimmern die gewonnenen Eindrücke vom Tage austauschen und verarbeiten. Wir machten uns schon zwei Tage eher auf den Weg, um den Kirchentag nicht gehetzt zu beginnen. Von der Gruppe der Großen getrennt begleiteten uns auch Michael Schetsche und Udo Lieske. Sie machten den Kirchentag unter den Gleichaltrigen mit.

"Wenn ich von meiner Absicht, nach Nürnberg zum Kirchentag zu fahren, erzählte, wurde ich von vielen mitleidig belächelt: "Was willst du denn da?" fragten die meisten. Trotzdem freute ich mich auf den Kirchentag und auf Nürnberg, denn beides war neu für mich. Viele interessante Themen gibt es beim Kirchentag zu hören. Da ist für jeden etwas dabei! Zum Beispiel: Bibelarbeiten, Umweltfragen, Politik, oft von prominenten Leuten vorgetragen. Dabei fällt mir ein Satz von Pastor Albertz ein. Er antwortete auf die Frage von Fernsehleuten, ob die Kirche wohl wieder "im Kommen" sei: "Hier sehen Sie die Kirche. Das ist die Kirche" und zeigte dabei auf uns sechstausend Zuhörer. Erstaunlich viele junge Menschen nahmen am Vortrag von Prof. Jungk teil, in dem es um Zukunftsfragen ging. Er sagte: "Wir müssen die Advokaten der Ungeborenen sein. Das heißt, wir dürfen nicht nur daran denken, sondern jeder muß heute schon damit anfangen, etwas zu tun, um unsere Umwelt und Nachwelt zu erhalten." Dazu gab es auf dem Markt der Möglichkeiten praktische Anregungen..." (Bärbel Mock)

"...Das ist für mich Kirchentag... Bereit, still zu sein. Erwartungsvoll sitzen Tausende auf ihren Stühlen, Pappkartons oder auf der Erde. Ich bin andächtig, begeistert, beeindruckt, enttäuscht, je nachdem. Und ich fühle mich immer wieder beunruhigt. In einem Vortrag von Ernst Käsemann über das Abendmahl überlege ich, wie ich Solidarität übe mit den Schwachen, den Arbeitslosen, den Andersfarbigen, den Andersdenkenden... In der Bibelarbeit von Jörg Zink frage ich mich: sehe ich das "Schiff Kirche" nicht auch als eine sichere Unterkunft (was eine Gefahr bedeutet)? Wage ich den "Schritt aufs Wasser"? Trete ich in der Gesellschaft, in der ich lebe, offen tatkräftig für meinen Standpunkt ein? Ist es für die Glieder eines Kirchenvorstandes damit getan, daß sie sonntags zur Kirche gehen und einmal im Monat ihre Sitzungen abhalten? Diese und viele andere Fragen gehen mir durch den Kopf herum und machen mir zu schaffen. Da helfen unsere allabendlich stattfindenden Gespräche bei Käse, Brot und Frankenwein - und wenn es manchmal nur so ist, daß ich merke, daß es den andern ähnlich ergeht wie mir. Am letzten Abend - daran denke ich oft - sagt Dorothee Sölle (so ungefähr): wenn wir nur das eigene Wohlergehen vor Augen haben, wenn wir abgestumpft sind gegenüber dem eigenen Leiden und dem Leiden anderer, dann haben wir keinen Anteil am Leben." (Regine v. Geibler)

(aus: Gemeindebrief Juli/August 1979)

Wir brachten vom Nürnberger Kirchentag das Lied "Ich werfe meine Fragen hinüber, wie ein Tau von einem Schiff ans Land". Wir haben es öfters auch im Gottesdienst gesungen, es ist dann leider verklungen.

Der Kirchentag in Hamburg 1981

Beim Kirchentag im Hamburg vom 17.- 21. Juni 1981 unter dem Motto "Fürchtet euch nicht" dominierte die Friedensfrage.

Regine v. Geibler, Bärbel Mock, Gerlinde Rademacher, Jochen Brandes, Rüdiger Schwarz, Jochen Wolter und ich hatten in der Nähe des Tagungsgeländes "Planten un Blomen" ein paar Zimmer gemietet, sodaß wir uns abends, wie schon beim Kirchentag in Nürnberg, über die Vorträge und die Tagesereignisse austauschen konnten. Norbert Herde, Udo Lieske, Michael Schetsche und Kai Tobias waren mit der Jugendgruppe von Pfarrer Adrian mitgefahren.

Es wurde ein durch und durch politischer Kirchentag. Die Studentengemeinden veranstalteten ein Parallel-Forum unter dem Titel "Fürchtet euch - der Atomtod droht uns allen". Verteidigungsminister Apel und Kanzler Schmidt hatten bei den Diskussionen einen schweren Stand. Apels Verhältnis zur evangelischen Kirche erhielt einen bleibenden Riß.

Wir marschierten am Untersuchungs-Gefängnis vorbei und winkten den Inhaftierten zu. Diese illegale Friedensdemonstration vom Hamburger Dammtor über die Lombardsbrücke zum Gewerkschaftshaus endete mit einer Kundgebung, auf der ein holländischer Redner bereits zur Großdemonstration für Frieden, gegen Weiterrüstung, in Bonn einlud.

In Offleben und Reinsdorf-Hohnsleben angekommen, berichteten wir in den folgenden Gottesdiensten und Regine v. Geibler, Rüdiger Schwarz und Gerlinde Rademacher schrieben über den Kirchentag in den Gemeindebriefen Juni, Juli/August und September/Oktober 1981. Wir brachten die Lieder "Freunde, daß der Mandelzweig" und "Wenn ein Mensch Vertrauen gibt" mit und sangen sie seither in den Gottesdiensten. Beide stehen heute im Evangelischen Gesangbuch.

Der Kirchentag in Hamburg

von Regine v. Geibler

Die Veranstaltungen zum Thema "Frieden schaffen" haben mich in Hamburg auf dem Kirchentag am meisten beeindruckt. Ich habe Schmidt, Stoltenberg, Albertz, Eppler und Sölle dazu gehört. Am Sonnabend nach dem Vortrag von Frau Sölle bin ich mit dem guten Gefühl, das Richtige zu tun, bei der Demonstration mitgegangen. Schon diese Entscheidung an sich war für mich eine neue Erfahrung. Richtig war meiner Meinung nach, daß ich als Kirchentagsbesucher auch zu politischen Fragen offen Stellung bezog. Ich kann nicht in der Kirche die Bergpredigt hören und den 10 Geboten als Richtschnur für einen Christen zustimmen und dann, wenn es um Tatsachen des äußeren Lebens geht, sagen, das gilt jetzt nicht mehr für mich. Eine schweigende Kirche ist eine zustimmende Kirche, diesen Satz in negativem Sinn haben wir zu Recht oft gehört. Und meine Kinder sollen mir später nicht einmal den Vorwurf machen, ich hätte der derzeitigen Rüstungspolitik schweigend zugestimmt. Was also konnte ich konkret tun? Mitmachen bei der Friedensdemonstration, an der 80.000 Menschen teilgenommen haben.

Während ich vom Dammtor über die Lombardsbrücke in Richtung Bahnhof marschierte, mußte ich an das denken, was einen Tag vorher Pastor Albertz zu Schmidt und Stoltenberg gesagt hatte: "Setzt euch doch dafür ein, daß die ständig anwachsende Rüstungsspirale in Ost und West wenigstens aufgehalten wird!" Und er hatte um Vertrauen für die Friedensbewegung geworben: "... der deutsche Bundeskanzler sollte die breite Bewegung von Christen und anderen Mitbürgern aufnehmen und nicht als seine Feinde betrachten..."

Und ich dachte an einen Satz von Dorothee Sölle (den hatte ich mir in mein Notizheft geschrieben): "Wir sind alle in Geld und Gewalt verstrickt und sei es nur durch unsere geheimen und uneingestandenen Wünsche." Für mich die Antwort auf einige meiner vielen Fragen!

Mir haben in Hamburg die jungen Kirchentagsteilnehmer imponiert, die so ein von Gewalt und Geld abhängiges Leben offensichtlich nicht mitmachen wollen. Sie gaben ein Beispiel dafür, daß man auch in schwierigen Situationen gewaltlos miteinander umgehen kann. Das zeigten Disziplin, Geduld und Freundlichkeit selbst dann, wenn man vor wegen Überfüllung verschlossenen Türen stand. Oder, wenn man in überfüllten Veranstaltungen keinen Platz mehr bekam, obwohl man schon eine oder zwei Stunden vor Beginn der Veranstaltung da war.

Kirchentag in Hamburg - da gab es für mich noch mehr als Friedensdiskussionen und Friedensgedanken: ich könnte vom Abendmahl nach Art der Herrnhuter Brüdergemeinde erzählen, von einem Abendgebet mit Frére Roger aus Taizé, von der Bibelarbeit mit Jörg Zink, vom Markt der Möglichkeiten (wo ich mich vor allem mit Prospektmaterial fürs Bibellesen mit Kindern eingedeckt habe), von Hamburgs schönen Kirchen. Aber das wird zu lang und, wie gesagt, das Thema Abrüstung beschäftigte mich am meisten. Ich bin sicher, daß der Kirchentag für mich in dieser Richtung nur ein Anstoß gewesen ist.

(Gemeindebrief Juli/August 1981)

Keine erneute Pfarrerwahl 1978

Ich selber wollte mich erneut, wie schon 1972, zur Wiederwahl stellen.

Dazu bestand Anlaß: ich war im Herbst 1974 in den Büddenstedter Gemeinderat gewählt worden. Da ich dort zwischen SPD und CDU als einziges Mitglied einer unabhängigen Gruppe - wir nannten uns "die treibenden Veilchen" - saß, war die Einflußmöglichkeit sehr gering und der Widerstand der beiden großen Parteien in den Ratssitzungen ausgesprochen heftig. Bei den Kommunalwahlen 1976 wurde meine Wiederwahl jedoch bestätigt. Die Frau meines Kollegen in Büddenstedt, Frau Gisela Adrian, wurde ebenfalls in den Gemeinderat gewählt, wir bildeten nunmehr eine eigene Fraktion, mit der CDU eine Gruppe und hatten für den sehr überraschenden Wechsel der angestammten sozialdemokratischen Mehrheiten gesorgt. Das hatte zum Kirchenaustritt des damals amtierenden SPD-Bürgermeisters und seiner Familie und des SPD-Gemeindedirektors geführt. Offenbar hatten einige den Eindruck, daß durch mein kommunalpolitisches Mandat die Grenzen zwischen kirchlichem und politischem Amt verwischt würden.

Dies eben wollte ich mit zur Abstimmung stellen. Ich hatte meine Kandidatur im Gemeindebrief veröffentlicht, aber einige Reinsdorfer drohten, die ganze Wahl anzufechten. Das Landeskirchenamt schrieb am 24.1.1978 an die Kirchenvorstände: "Wir empfehlen dringend, daß die Kirchenvorstände und Herr Kuessner von dem angekündigten Vorhaben Abstand nehmen." Ich war zu dieser Zeit weit weg: in Amerika auf Urlaub in San Francisco. Aber ich bestand auf der Durchführung einer Wahl wie 1972, also Kirchenvorstandswahl und Pfarrerwahl. Was hätte passieren sollen? Das Landeskirchenamt hatte 1972 das Verfahren mit der Pfarrerwahl nicht beanstandet und war in einer kirchenrechtlich aussichtslosen Position, zumal beide Wahlen ja getrennt in zwei

Schwerpunkte der Amtsperiode 1978-1984

Wahlurnen vorgenommen worden waren. Leider beschlossen dann beide Kirchenvorstände in meiner Urlaubszeit, sich der Empfehlung des Landeskirchenamtes anzuschließen. Die Pfarrerwahl unterblieb also.

Die Amtsperiode 1978 - 1984 hatte folgende Schwerpunkte

Die Kirchengebäude

Der Innenraum der Reinsdorfer Kirche wurde Ende 1980 durch eine ärgerliche Verpuffung entsetzlich verrußt. Gottesdienste fanden bis zum Herbst 1981 in der Schule statt. Die Renovierung lag ganz in den Händen des Landeskirchenamtes und dauerte daher so lange. 1982 erhielt Reinsdorf eine neue Orgel.

Die Offleber Kirche wurde routinemäßig von der Firma Stolpe, Helmstedt gestrichen.

Das innere Leben beider Gemeinden wuchs: der Traugottesdienst fand ab 1978 im Kreis statt, in Reinsdorf bürgerten sich Tischgottesdienste ein, der Altar verlor seine zentrale Bedeutung.

1981 erschien die zweite gedruckte Auflage unserer Gottesdienstordnung, die um Psalmen und Gebete erheblich erweitert wurde. Erfreulicherweise schickte das Landeskirchenamt jeder Gemeinde in der Landeskirche ein Exemplar als Anregung zu.

Im Kindergottesdienst wurde sonntäglich von Frau Heine und mir das Abendmahl ausgeteilt. Die Reinsdorfer Gemeinde kaufte 1980 ein Abendmahlsgeschirr aus Ton Die Offleber Empore erhielt Weihnachtsbilder von Hans Lopatta, die Firma Stuhlmüller, Hamburg, fertigte eine Taufkanne mit Bernstein an. Die Gottesdienste lagen immer stärker in der Verantwortung der Kirchenvorstände. Der Zusammenhalt im Kirchenvorstand wurde durch gelegentliche Ausflüge in den Elm (1980) und nach Sambleben (1982) gestärkt.

Umweltprobleme

Es gab nicht nur die "wilden 68er" Jahre. Die Umweltproblematik bedeutete für die Kirchenvorstände eine große Herausforderung. 1978 begann die Diskussion um das Kraftwerk Buschhaus. Dazu fand in Büddenstedt ein Umweltseminar statt. Ab 1980 wuchs die Belästigung durch das aus dem Alversdorfer Tagebau herausströmende Phenol, über die ich an anderer Stelle berichte (siehe Kapitel 15 - Auf der Grenze zwischen Pfarramt und Ortspolitik).

Neben der Umweltfrage waren es vor allem aber die außen- und rüstungspolitischen Fragen, die in das Leben der Kirche einbrachen.

Ohne Rüstung leben

Vom Hamburger Kirchentag brachten wir auch Flugblätter aus anderen Landeskirchen in unsere Kirchengemeinden mit. In der Württembergischen Landeskirche hatte sich 1978 die Initiative "Ohne Rüstung leben" gebildet, die die Erklärung der Weltkirchenkonferenz von Nairobi 1975 ernst nahm, in der es hieß: "Die Kirche sollte ihre Bereitschaft betonen, ohne den Schutz von Waffen zu leben und bedeutsame Initiativen ergreifen, um auf eine wirksame Abrüstung zu drängen."

Der Siebenstern-Verlag dokumentierte 1981die Geschichte dieser bedeutenden süddeutschen Abrüstungsinitiative, einer Friedensbewegung innerhalb der Kirche, mit einigen Predigten von Jürgen Moltmann, Heinrich Albertz, Dorothee Sölle, Helmut Gollwitzer und einem Vorwort von Kurt Scharf sowie einer Reihe von Kontaktadressen. Die persönliche Verpflichtungsformel "Ich bin bereit, ohne den Schutz militärischer Rüstung zu leben. Ich will in unserm Staat dafür eintreten, daß Frieden ohne Waffen politisch entwickelt wird" hatten bis zum Sommer 1981 bereits 18.000 Menschen unterzeichnet.

Diese Friedensbewegung innerhalb der Kirche provozierte bald die Aktion "Sicherung des Friedens", die unter dieser Devise den Regierungskurs von Kanzler Schmidt rechtfertigen wollte.

Im Gemeindebrief druckte ich das Flugblatt mit folgendem Kommentar als Anregung für die Arbeit im Herbst und Winter ab (Gemeindebrief Juni 1981):

"Können wir ohne Rüstung leben? Einige sagen: dann müßt ihr euch entscheiden zwischen rot oder tot! Aber das ist Unsinn. Das schwätzen uns die auf, die bei uns an der Aufrüstung verdienen. Wenn mir einer sagt, ich soll mich entscheiden, ob ich ein Esel oder ein Schwein sein soll, dann sage ich ihm: bitte schön, weder noch. So möchte ich auch weder rot noch tot sein. Die Frage ist vielmehr: willst Du Dich weiter am Kriegszug der Industrienationen gegen die Dritte Welt beteiligen? Wer Waffen schon produziert, soll sie wenigstens bei sich lagern und nicht auch noch exportieren. Warum verdammen wir die Diktaturen im Osten und nicht auch die Diktaturen im Westen? Warum finden wir Demonstrationen in Polen gut, aber in Hamburg oder in Bonn schlecht? Wir sollten nicht über unsere Verhältnisse leben. Dürfen wir über unsere Verhältnisse rüsten?"

Der Aufruf des Nationalen Kirchenrates der Kirchen Christi in USA

Große Unterstützung kam von den nordamerikanischen Christen. Der Leitungsausschuß des Nationalen Rates der Kirchen Christi in den USA hatte sich im Frühjahr 1981 in einer Studie unter dem Titel "Zurück zum alten Amerika?" von der Rüstungspolitik ihres neuen Präsidenten Reagan abgewandt. Das Evangelische Missionswerk in Hamburg druckte den Text ab, der im Nu vergriffen war. Die Studie war auch in der Oktobernummer der "Jungen Kirche" abgedruckt und damit allgemein zugänglich. Im Vorraum der Offleber Kirche wurden Aufrufe und Plakate ausgehängt, darunter der Aufruf der amerikanischen Lutheraner zur Kriegssteuerverweigerung.

In einer gemeinsamen Sitzung der Kirchenvorstände Offleben und Reinsdorf-Hohnsleben am 2. Oktober 1981 wurde beschlossen, den Gemeindemitgliedern zu empfehlen, an der Bonner Demonstration teilzunehmen oder die Nachrichten und Berichte über diese Kundgebung sorgfältig und ohne Vorurteile zu verfolgen.

"Wir unterstützen den zu dieser Kundgebung verfaßten Aufruf der niederländischen und deutschen Friedensorganisationen.

Mit dieser Teilnahme an der Bonner Kundgebung aus der Nähe und Ferne stimmen wir besonders dem Wort amerikanischer Christen zu, die sich entschieden gegen die Wende in der amerikanischen Politik aussprechen. Sie sagen: die neue amerikanische Regierung Reagan will auf Kosten der Armen und Alten, Alleinstehenden und der Minderheiten ihre Steuerkraft in die Rüstung stecken und ihre "Fähigkeit, tödliche Schläge auszuteilen, vergrößern". Sie will, daß Amerika als Weltmacht Nummer eins seine Macht und seinen Handel über die ganze Welt ausstreckt.

Viele amerikanische Christen sagen dazu: das "steht in krassem Gegensatz zu den tiefsten Einsichten des christlichen Glaubens".

Auch die Politik der Bundesrepublik gerät in den Sog dieser amerikanischen Politik. Das macht uns besorgt."

Propsteisynodale und Landessynode, Kirchenvorstände und Kirchenregierung sollten sich mit diesem Aufruf beschäftigen. Es unterzeichneten die Kirchenvorstandsvorsitzenden Schwarz und v. Geibler, die Pfarrer Ulrich Adrian, Michael Künne und die Studierenden Marion Schmerbach und Erhard Milch.

Zur Demo nach Bonn fuhren Sybille Madry, Udo Lieske, Regine v. Geibler und ich. Für eine solche kleine Gemeinde eine beachtliche Zahl. Für den Gemeindebrief November/Dezember 1981 schrieb Sybille Madry ihre Eindrücke auf.

Meine Eindrücke von der Friedensdemonstration in Bonn

von Sybille Madry

Die Friedensdemonstration am 10.10.1981 in Bonn war für mich die erste Demonstration, an der ich teilgenommen habe. Der Grund meiner Teilnahme war der, daß meines Erachtens gerade jetzt in den 80iger Jahren die Angst vor einem tausendfachen Hiroshima mehr als begründet ist. Trotz allem fuhr ich mit gemischten Gefühlen nach Bonn, denn ich hatte irgendwie auch Angst vor Unruhen und Krawallen und wußte nicht, wie ich mich bei Ausschreitungen hätte verhalten sollen. Wir fuhren mit dem Sonderzug ab Braunschweig und kamen bei Regen in Bonn an. Im Zug waren wir acht Leute im Abteil, von denen abwechselnd zwei auf dem Gang standen, sodaß die restlichen sechs schlafen konnten. In Bonn angekommen wanderten wir gemeinsam zu einer großen Wiese am Rhein, auf der die Auftaktveranstaltung stattfand. Spätestens hier lösten sich meine Angstgefühle in Luft auf, denn obwohl man sich nicht kannte, entstand ein Gefühl von Zusammengehörigkeit. Das waren alles Menschen, die nur Frieden wollten, und zwar nicht nur Menschen einer Altersgruppe, sondern vom Säugling bis zum Rentner war alles vertreten. Als wir auf der Wiese ankamen, hatte die Auftaktveranstaltung bereits begonnen. Es sprach gerade ein Vertreter der Grünen über den Kampf der Gegner der Startbahn West des Frankfurter Flughafens gegen den Baubeginn. Anschließend traten noch einige Kulturgruppen auf. Nach Abschluß dieser Veranstaltung traten wir den Sternmarsch zum Bonner Hofgarten an, wo die Hauptveranstaltung stattfinden sollte. Mir fiel besonders auf, daß jemand am Rande des Platzes stand und Milch verschenkte. Der Sternmarsch zum Hofgarten ging wegen der vielen Menschen nur langsam voran. Im Hofgarten angekommen hatten wir sogar das Glück, einen relativ guten Platz in Bühnennähe zu bekommen. Der Behauptung, die Demonstration wäre kommunistisch gesteuert und antiamerikanisch gewesen, kann ich nicht zustimmen, denn ich habe in unserer Nähe weder antiamerikanische Parolen gelesen, noch fielen mir Kommunisten auf. Begeistert war ich von der Rede, die Erhard Eppler gehalten hat, besonders die Begrüßung, bei der auch die Vertreter des Verfassungsschutzes willkommen geheißen wurden, hat mir sehr gefallen. Enttäuscht war ich ein wenig von Petra Kelly, die ich eigentlich vom Antikriegstag in Braunschweig in sehr guter Erinnerung hatte. Sie forderte in ihrer Rede den Rücktritt Helmut Schmidts als Bundeskanzler und schlug gleichzeitig Eppler als neues Staatsoberhaupt vor. Diesen Teil der Rede empfand ich als naiv und nicht auf eine Friedensdemonstration gehörig. Für allgemeine Aufregung, auch in unserer Gruppe, sorgte ein Flugzeug, das ein Transparent mit der Aufschrift "Und wer demonstriert in Moskau?" hinter sich herzog und das die Veranstaltung überflog. Als die Veranstalter erst die Zahl von 250.000 und dann von 300.000 Demonstranten bekannt gaben, waren auch wir begeistert, und selbst der strömende Regen konnte uns nicht mehr aus der Ruhe bringen. Nachdem die Abschlußveranstaltung beendet war, spendierte uns der Pfarrer in einem überfüllten Lokal noch eine heiße Suppe. Später trennte er sich von uns, da er noch einen Tag länger in Bonn bleiben wollte. Der Rest der Truppe war heilfroh, schließlich übermüdet in den Zug steigen und die Heimreise antreten zu können. Diese werde ich so schnell nicht vergessen, da die Abwärme der Lok nicht bis in die hinteren Abteile kam und wir deshalb erbärmlich froren. Trotz allem wurde ich jedenfalls von dieser Demonstration nur positiv beeindruckt und würde jederzeit wieder daran teilnehmen.

(Gemeindebrief November/Dezember 1981)

Nun galt es, zu Hause die Erkenntnisse und Eindrücke weiterzugeben und "unsere Füße auf den Weg des Friedens zu richten". Die Ansprachen von Albertz, Eppler, Gollwitzer und Sölle haben wir in einem Lesekreis an sechs Abenden im Offleber Pfarrhaus nachgelesen und diskutiert. Die Rede von Dorothee Sölle unter der Überschrift "Aufrüstung tötet auch ohne Krieg" wurde für alle im Gemeindebrief November/Dezember 1981 abgedruckt

In der Propsteisynode Helmstedt blockierte der Synodalvorsitzende Brammer eine Diskussion dieses Themas. Für einen Friedensgottesdienst in St. Marienberg bekam Pfarrer Künne kein grünes Licht, sondern erst während der ersten Friedensdekade in St. Vincenz, Schöningen. Es hieß dem Sinne nach: "Wenn Künne kommt, dann kommen die Chaoten". Im Helmstedter Gesprächskreis "Friedenspolitik" bereiteten Christoph Schwannecke, Jörg Carpus und Mechthild Knigge Vorträge während der Friedenswoche vom 10.-21.11.1981 vor, in der auch der Beauftragte für Wehrdienstverweigerer in der Landeskirche, Pfarrer Knackstedt, sprach. Bei einer für Helmstedt gut besuchten Friedensdemo verteilten die Pfarrer Büscher und Greve einerseits und die Kommunisten andererseits Flugblätter mit ihren Positionen.

Es entstand die Frage nach dem Widerstandsrecht. Das Pfarrhaus wurde Durchgangsstation für Friedensgruppen. Auf dem Weg von Bocholt nach Berlin kampierten im Mai 1981 fünf Belgier für mehrere Tage im Pfarrhaus. Eine andere, sogar 30köpfige Initiative, "Walk to Moscow", die in San Francisco gestartet war, blieb für fünf Tage in Offleben und berichtete im Gottesdienst von ihrem Vorhaben.

Rüdiger Schwarz, Jochen Brandes, Jutta Seidlich und Udo Lieske hatten den Brief an die kirchlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter unter dem Titel "Rüstung ist Gotteslästerung" vom Mai 1983 mitunterzeichnet. Rüdiger Schwarz und Jochen Brandes organisierten ein Gespräch mit Bischof Müller am 1. März 1984 über den "Offenen Brief an die kirchlichen Mitarbeiter" zur Friedensfrage.

Landeskirchengeschichte

1980 bis 1983 wurden unter meiner Beteiligung die Vortragsreihen über Braunschweig, Salzgitter und Helmstedt im Nationalsozialismus organisiert. Kirchenvorstandsmitglieder, allen voran Regine v. Geibler und Rüdiger Schwarz beteiligten sich an der im Offleber Pfarrhaus hergestellten Ausstellung "Die Braunschweiger Landeskirche und der Nationalsozialismus" im Braunschweiger Altstadtrathaus und in der St. Andreaskirche, Braunschweig.

Diese Umwelt, Frieden und Vergangenheit betreffenden Fragen wurden auch im Gottesdienst zur Sprache gebracht, was zu einer Auseinandersetzung über den Gottesdienst in den Kirchenvorständen führte.

Am Ende ihrer Amtszeit verfaßten die Kirchenvorstände einen Rechenschaftsbericht, der auf einer Gemeindeversammlung zur Diskussion gestellt wurde.

Ein Gedicht von R.O. Wiemer, das im Gemeindebrief August 1982 abgedruckt war, gibt die Stimmung Anfang der 80iger Jahre gut wieder:

Die Erde ist schön und es lebt sich
Leicht im Tal der Hoffnung
Gebete werden erhört. Gott wohnt
Hinterm Zaun.
Die Zeitung weiß keine Zeile vom
Turmbau. Das Messer
Findet den Mörder nicht. Er
Lacht mit Abel.
Das Gras ist unverwelklicher
Grün als der Lorbeer. Im
Rohr der Rakete
Nisten die Tauben.
Nicht surrt die Fliege an
Tödlicher Scheibe. Alle
Wege sind offen. Im Atlas
Fehlen die Grenzen.
Der Zorn brennt langsam. Die
Hand des Armen ist nie ohne
Brot. Geschosse werden im Flug
Gestoppt.
Der Engel steht abends am Tor.
Er hat gebräuchliche Namen und
Sagt, wenn ich sterbe:
Steh auf.

Der Kirchenvorstand 1984 -1988

Einige wichtige Ereignisse in Politik und Kirche

Am 23. Mai 1984 wurde Richard v. Weizsäcker zum Bundespräsidenten gewählt. Kohl und Honnecker trafen zum ersten Mal in Moskau am Rande der Trauerfeierlichkeiten für den verstorbenen Staatschefs Andropow zusammen. Für einen Großkredit von fast 1 Milliarde DM ermöglichte die DDR vermehrte Aufenthalte im Kleinen Grenzverkehr. Die Selbstschußanlagen an den Grenzzäunen wurden abgebaut. Bundespräsident v. Weizsäcker hielt am 23.5.1985 im Bundestag seine wegweisende Rede anläßlich der Kapitulation der deutschen Wehrmacht 1945 und würdigte diesen Tag als "Tag der Befreiung". Die Kirchen in der DDR und der BRD veröffentlichten ein gemeinsames "Wort zum Frieden". Die Lutherübersetzung der Bibel wurde revidiert.

In der BRD begann die Protestbewegung von Umweltgruppen gegen die Atomkraftwerke in Wackersdorf , Gorleben und Brockdorf. Sie erreichte auch das Gebiet von Salzgitter-Lebenstedt. Die Auseinandersetzung wurde von der Polizei mit unverhältnismäßiger Härte durchgeführt. 1986 wurde bekannt, daß eine Bombe in die Mauer des Celler Gefängnisses 1978 nicht etwa von linken Terroristen, sondern vom niedersächsischen Verfassungsschutz gezündet wurde. Das sprichwörtlich bekannt gewordene "Celler Loch" wurde ab 1987 von einem Parlamentarischen Untersuchungsausschuß durchleuchtet. Der Tod des in der Badewanne eines Schweizer Hotels tot aufgefundenen Ministerpräsidenten von Schleswig-Holstein, Uwe Barschel, beschäftigte 1987 monatelang die Öffentlichkeit. Im April 1987 besuchte Papst Paul II zum zweiten Mal die BRD. Bei der Bundestagswahl im Januar 1987 wurde die Regierung Kohl erneut bestätigt. Mit dem offiziellen Staatsbesuch von Erich Honnecker in Bonn vom 7. bis 11. September 1987 wurden BRD und DDR als zwei gleichberechtigte deutsche Staaten endgültig auch für die gesamtdeutsche Öffentlichkeit anerkannt. In der DDR wurden die Friedens- und Menschenrechtsgruppen unterdrückt und in Musterprozessen mit Gefängnisstrafen belegt. In den DDR-Kirchen wurden Gebetsgottesdienste um gesellschaftliche Erneuerungen abgehalten.

Die Kirchenvorstandswahl am 11. März 1984

Wie schon bei den Wahlen von 1978 betrieb die Landeskirche mit modernen Werbemethoden einen hohen Aufwand, um die Wahlbeteiligung zu steigern. Das gesteckte Ziel war es, die 30-Prozentmarke zu erreichen. Das Motto der Wahl lautete: "Ja zur Kirche". Die Pfarrämter wurden überschwemmt mit Streichholzschachteln, Notizblöckchen, Aufklebern u.a., die dieses Motto enthielten. Ich war mit Pfarrer Wolfgang Büscher, Helmstedt, einig, daß diese von den Parteien abgeguckten Methoden in der Kirche wenig ausrichten. Die Wahlbeteiligung im Landeskirchendurchschnitt betrug 26,5%. Das war eine klare Absage an die Volkskirche.

In Offleben sank die Wahlbeteiligung von 35% (1972) und 33% (1978) auf 28,9%. In Reinsdorf stieg dagegen die Wahlbeteiligung von 39% (1972) und 43% (1978) auf 54% (1984). Das ist nicht nur damit zu erklären, daß die Wahlbeteiligung in kleineren Gemeinde sowieso höher ausfällt als in den größeren Gemeinden.

Die geringere Wahlbeteiligung in Offleben im Verhältnis zu den vorangegangenen Wahlen war auffällig, denn keine Wahlvorbereitung verlief stürmischer als bei dieser Kirchenvorstandswahl. Der Offleber Kirchenvorstand wurde nämlich davon überrascht, daß Rudi Chmilewski, Detlef Braun und Hans-Georg Pethke für den Kirchenvorstand kandidieren wollten. Sie brachten dazu die nötigen Unterschriften bei.

Der Kirchenvorstand jedoch befürchtete nun eine Parteipolitisierung, da Detlef Braun der Jungen Union angehörte und sich schon im Gemeindebrief sehr heftig gegen mich ausgesprochen hatte. Außerdem war der Kirchenvorstand besorgt, daß durch die Kandidatur von Rudi Chmilewski ein Rückfall in die unausgetragenen gesellschaftspolitischen Konflikte aus der Zeit von 1971 erfolgen würde, als Chmilewski den Kirchenvorstand freiwillig mit vier anderen verlassen hatte. Auf einer CDU-Parteiversammlung im Reinsdorf hatten Braun und Chmilewski auch erstmals öffentlich angekündigt, daß sie für den Kirchenvorstand kandidieren würden. Es bedeutete aus meiner Sicht die klassische Parteipolitisierung eines Kirchenvorstandes.

Der Kirchenvorstand von Offleben wollte die Kandidatur verhindern und benutzte dazu einen Paragraphen, wonach die Wählbarkeit an bestimmte Voraussetzungen gebunden war. Der Paragraph 8b des Kirchenvorstandswahlgesetzes lautete: "Zum Kirchenvorsteher kann nur gewählt werden, von dem erwartet werden kann, daß er an der Erfüllung der Aufgaben des Kirchenvorstandes als tätiges Kirchenmitglied gewissenhaft mitwirken wird." Der Kirchenvorstand lehnte es einstimmig ab, die drei auf die Wahlliste zu setzen.

Dagegen erhoben Rudi Chmilewski und Detlef Braun Einspruch beim Propsteivorstand, der dem Widerspruch stattgab und den Kirchenvorstand zwang, beide auf die Kandidatenliste zu setzen. Natürlich wurde diese Sache genüßlich an die Presse weitergegeben, und CDU-Mitglied Hans Germer aus Reinsdorf hakte mit einem häßlichen Leserbrief am 10.3.1984 nach. Es sei erschreckend, wie wenig Demokratieverständnis von einem Theologen und seinem Kirchenvorstand gezeigt würde.

Braun und Chmilewski verteilten ein Flugblatt im Dorf. "Wir möchten, daß diese Kirche benutzt wird, Gottes Wort zu verkündigen, daß wieder Kindergottesdienst und Jugendarbeit stattfinden." Der Kirchenbrief sollte nur kirchlichen Zwecken dienen. Gottesdienste sollten in Zeit, Form und Inhalt gemeinschaftsfördernd gestaltet werden. Allerdings hatte Detlef Braun seit seiner Konfirmation, wie die meisten seiner Mitkonfirmanden, die Gottesdienste nicht mehr besucht. Das war irgendwie normal. Aber nun schob er die Gründe für diese Abstinenz ausschließlich mir und der Gottesdienstgestaltung in die Schuhe. So empfanden die Kirchenvorsteher dieses Flugblatt auch als einen Angriff auf ihre Arbeit.

Das ließen sich insbesondere die aktiven Frauen im Kirchenvorstand, Frau Gröger, Frau Rauch und Frau Jadziewski nicht bieten und betrieben eine intensive, von Haus zu Haus führende Wahlwerbung für die bisherige Zusammensetzung des Kirchenvorstandes. Der Anteil der Briefwahl bei dieser Kirchenvorstandswahl war daher auffällig hoch und ein Verdienst dieser Wahlwerbung. Chmilewski und Braun, die bis zur letzten Minute bei der Stimmauszählung anwesend waren, erreichten nicht die erforderliche Stimmzahl, um im Kirchenvorstand mitzuarbeiten. Erstaunlicherweise hat diese Aktion die Wahlbeteiligung nicht in die Höhe schnellen lassen.

Der Offleber Kirchenvorstand fühlte sich bestätigt und blieb ohne Veränderung bis zur Wahl 1988 zusammen.

Ergebnis der Kirchenvorstandswahlen am 11. März 1984 in Offleben

Joachim Brandes 162 Stimmen
Detlef Braun 59 Stimmen
Rudi Chmilewski 88 Stimmen
Irmgard Gröger 116 Stimmen
Gabriele Grotrian 130 Stimmen
Vera Jadziewski 92 Stimmen
Anneliese Lübbecke 115 Stimmen
Gerda Rauch 143 Stimmen
Rüdiger Schwarz 146 Stimmen
Jutta Seidlich 71 Stimmen
Joachim Wolter 67 Stimmen

Wahlberechtigt: 790 Gemeindemitglieder
abgegebene Stimmen: 229
davon Briefwahl: 93
Wahlbeteiligung: 28,9%

Zusammensetzung des Offleber Kirchenvorstandes

Dem Offleber Kirchenvorstand gehörten an: Rüdiger Schwarz, Joachim Brandes, Jochen Wolter, Gabriele Grotrian, Gerda Rauch, Irmgard Gröger, Vera Jadziewski, Anneliese Lübbecke; als nachrückendes Mitglied Jutta Seidlich.

Vorsitzender: Rüdiger Schwarz.

Ergebnis der Kirchenvorstandswahlen am 11. März 1984 in Reinsdorf

Lisa Pfeiffer 72 Stimmen
Henning Jacobs 68 Stimmen
Walter Bauermeister 67 Stimmen
Ruth Brandt 43 Stimmen
Ruth Hass 29 Stimmen

Wahlberechtigt waren: 182
abgegebene Stimmen: 99
davon Briefwahl: 9
Wahlbeteiligung 54,4%

Zusammensetzung des Reinsdorfer Kirchenvorstandes

Dem Reinsdorfer Kirchenvorstand gehörten an: Lisa Pfeiffer, Walter Bauermeister, Ruth Brandt, Henning Jacobs und Ruth Hass als nachrückendes, aber mitbestimmendes Mitglied.

Vorsitzender wurde Walter Bauermeister.

Personeller Wechsel in Reinsdorf

Während sich in der Besetzung des Offleber Kirchenvorstandes nichts änderte, bedeutete der Wegzug der Familie v. Geibler nach Ingeleben einen Einschnitt in der Arbeit im Reinsdorfer Kirchenvorstand. Das Landeskirchenamt hatte Respekt vor Herkommen, Auftreten und intellektueller Klarheit der Vorsitzenden und das war für die Kirchengemeinde sehr nützlich gewesen. Sehr viel wesentlicher war für die Arbeit nach innen ihre beständige Gesprächsbereitschaft und das kritische Nachfragen bei eingefahrenen Spuren in unserer kirchlichen Arbeit und der Wunsch nach Besserung der kirchlichen Verhältnisse.

Auch Elke Schiller war verzogen, sodaß der Reinsdorfer Kirchenvorstand mit seinem neuen Vorsitzenden Walter Bauermeister und den neuen Mitgliedern Ruth Brandt und Henning Jacobs ein neues Gesicht bekam.

Die vierjährige Amtszeit 1984-1988 hatte folgende Schwerpunkte:

Visitation

Im September 1986 wurden beide Kirchengemeinden von Propst Jungmann und dem Propsteivorstand visitiert. Es waren immerhin 19 Jahre seit der letzten Visitation vergangen.

Die Lage in Offleben hatte sich gründlich geändert. Die Zahl der Bevölkerung war von 2.133 (1961) auf 1.300 (1986) und der Anteil der evangelischen Gemeindemitglieder von 1.505 (1965) auf 976 (1986) gesunken. Zahlreiche kleinere Geschäfte hatten endgültig geschlossen, darunter zwei Fleischereien, drei Kolonialwarenläden, ein Milchladen, ein Schuhmacher, drei Gaststätten. Zwei Landwirte hatten das Dorf verlassen, der Bahnhof war abgerissen worden und die Verkehrsverbindungen nach Schöningen und Helmstedt teuer. Im Gegensatz zu 1967 wohnte inzwischen kein Lehrer mehr am Ort. Ich persönlich hatte durch die erheblichen Veränderungen im Dorf das Gefühl, die Gemeinde bereits einmal gewechselt zu haben.

Die Visitation bot auch sonst Gelegenheit zum historischen Vergleich. So wurde z. B. auf die Visitationsfrage: "Ist das Tischgebet üblich?" bei der Visitation 1931 geantwortet: "In vielen Familien", 1956: "...wird noch ganz selten gehalten", 1961: "...ist nicht bekannt." Heute ist die Frage ganz entfallen.

Aus dem Visitationsbericht 1986:

Pfarrhaus und Pfarrgarten sind Ziel von Wochenendgruppen (Studentengemeinde, Schulklassen "Gruppe Homosexuelle und Kirche"(HuK), Bibelkreise, Friedensgruppen), die sich als Belebung für die Gemeinde empfohlen haben. Die Beratung, Begleitung und Förderung von Minderheiten (Wehrdienstverweigerern, Lesben und Schwulen, Asylanten) wird am Rande der Gemeindearbeit vom Ortspfarrer gerne im Rahmen des von der Gesamtkirche gesetzten Rahmens wahrgenommen.

Ich habe den Eindruck, daß wir hier in Offleben bereits in einer Situation leben, wie sie für die Zukunft der Gesamtkirche vorhergesagt wird: ohne große öffentliche Einflußmöglichkeit, kleine, lebendige, gottesdienstliche Gemeinde, Zusammenrücken der schwindenden Zahl, wachsende Konzentration auf das biblische Wort, daraus erwachsene immer eindeutiger formulierte Einsichten gegenüber "der Welt".

Der Kirchenvorstand äußerte unter anderem folgende Wünsche:

1. "Wir wünschen häufigere Visitationen der Normalsituation der Gemeinde und Fortsetzung der Gemeindebesuche durch die theologischen Mitglieder des Kollegiums, wie sie in den vergangenen Jahren dankenswerter Weise regelmäßig stattgefunden haben.

2. Wir wünschen mehr Kooperation in Fragen der Kirchenfinanzen und einen größeren Spielraum im Umgang mit den der Kirchengemeinde anvertrauten Kirchensteuergeldern."

Propst Jungmann visitierte zügig an einem Tag: vormittags die Gottesdienste in beiden Gemeinden, anschließend Kirchenvorstandssitzung, nachmittags Gemeindenachmittag mit Gelegenheit zu persönlichen Gesprächen mit dem Propst, danach Schlußandacht. Nach der neuen Visitationsordnung kam Bischof Müller und sprach mit mir bei einem gemütlichen Plausch im Garten über die Gemeindesituation. Es war eine schöne Gelegenheit für ein persönliches Gespräch mit dem Bischof.

Einen schriftlichen Visitationsbescheid erhielt der Kirchenvorstand aber nicht. Diese Art der Beantwortung befriedigte uns nicht und stand in keinem Verhältnis zu den zeitaufwendigen und erheblichen Belastungen des Kirchenvorstandes durch die Visitation. Daher wandte sich der Kirchenvorstand im Dezember 1987 an die Propsteisynode mit folgendem Antrag. Das Visitationsgesetz von 1982 möge folgendermaßen geändert werden:

"Der Landesbischof erteilt innerhalb von 4 Monaten nach Eingang der Berichte über die erfolgte Visitation einen schriftlichen Visitationsbescheid. Dieser ist über den Visitator an den Kirchenvorstand zu richten. Der Kirchenvorstand unterrichtet die Mitarbeiter und berät den Bescheid."

Es war vorgekommen, daß die Kirchenvorstände und der Pfarrer noch 12 Monate nach der erfolgten Visitation nichts über dieses Gemeindeereignis hörten. Das sollte mit der zeitlichen Eingrenzung vermieden werden. Außerdem sollte in Zukunft der Visitationsbescheid schriftlich erfolgen und nicht nur die Form eines mündlichen Gespräches zwischen Bischof und Pfarrer haben. Der Adressat sollte deutlich der Kirchenvorstand und nicht der Pfarrer sein, denn die Kirchengemeinde wird visitiert und nicht das Privatleben des Pfarrers.

Schließlich bat der Kirchenvorstand um den Bericht des Propstes an den Landesbischof, denn der Kirchenvorstand wurde möglicherweise vom Bischof auf Dinge angesprochen, die in den Visitationspapieren des Kirchenvorstandes gar nicht vorkamen, aber im Bericht des Propstes erwähnt wurden.

Die Propsteisynode Helmstedt nahm diesen Antrag in ihrer Sitzung vom 12.1.1989 einstimmig an. Diese Initiative hatte Erfolg, wie wir bei der nächsten Visitation bemerkten.

Alles in allem aber war man offenkundig höheren Orts mit uns zufrieden.

Dorfjubiläum

Das Dorf Offleben feierte 1984 sein 1150jähriges Jubiläum, so wie Reinsdorf-Hohnsleben ein Jahr zuvor sein 1000jähriges Jubiläum. Die unter CDU-Mehrheit geführte Gemeinderatspolitik zielte spürbar auf eine Isolierung der Kirchengemeinden im öffentlichen Leben, denn wir hatten uns bei der Auseinandersetzung um den Einbau einer Entschwefelungsanlage im Kraftwerk Buschhaus scharf gegen den im Rat vorherrschenden Trend der Anpassung an die Konzernpolitik der BKB gestellt. Außerdem hatte der Gemeinderat im April 1984 den unseligen Zustimmungsbeschluß zum Abholzen der Lindenallee in Büddenstedt gefaßt, der in beiden Kirchenvorständen auch auf scharfen Protest gestoßen war. Ende desselben Monats fand die Buschhausdemo von Schöningen nach Helmstedt statt und für die Fahrraddemo durch Offleben hatte ich im Gemeindebrief geworben. Die Frauenhilfe sah sich bei einem Kurzausflug die am Buschhauszaun angebrachten Demoplakate an.

Doch wir ließen uns anläßlich des Jubiläums nicht beirren: schon zum Reinsdorfer Jahrtausendjubiläum im vergangenen Jahr hatte der Kirchenvorstand im September 1983 einen 28 Seiten langen Sonder-Gemeindebrief veröffentlicht, mit interessanten historischen Quellen und persönlichen Beiträgen von Margarete Schulze, Erika Voigt, Lotte Sander, Lisa Pfeiffer, Elke Schiller, Manuela Wisnewski, Doris Pfeiffer und Regine v. Geibler, er ist noch heute eine Fundgrube für die Ortsgeschichte.

So üppig waren wir beim Offleber Jubiläum nicht, aber auch hier ließen wir uns nicht ausbooten. In drei Gemeindebriefen boten wir Beiträge aus früheren Zeiten von Erich Weddemann, Else Heine, Margarete Schulze, Anna Ziegler, Elisabeth Liesegang und Kai Tobias. Der Kirchenvorstand veranstaltete eine reichhaltige Ausstellung von Gegenständen zur Ortsgeschichte in Glasvitrinen an den Seitenwänden in der Kirche, Herr Arno Siebert, der von 1923-1933 in Offleben Lehrer gewesen war, erzählte an einem Gemeindenachmittag aus der alten Schulzeit, der Offleber Volkschor gestaltete einen Gottesdienst mit Volksliedersingen und zum Festauftakt hielten wir einen ökumenischen Gottesdienst in der katholischen Kirche. Beim hervorragend ausgestalteten historischen Festumzug unter Beteiligung aller Vereine und vieler auswärtiger Musikgruppen zogen die Konfirmanden mit Fahne und Plakaten, die Frauenhilfe und der Kirchenvorstand unter Gesang mit und schwenkten die lila Tücher vom Hannoverschen Kirchentag. Vom Umzug und dem Festakt im Dorfgemeinschaftshaus mit der Ansprache von Manfred Pohl gibt es eine lange Videoaufzeichnung bei der Kommunalverwaltung.

Auch nach der Festwoche ging es in der Kirchengemeinde weiter: Frau Pastor Löhr kam mit ihrer Mutter Frau Kubik in die Frauenhilfe und berichtete angeregt aus ihrer Offleber Zeit und Rektor Kasten hielt einen Festvortrag im Rahmen eines Gottesdienstes. Der Kirchenvorstand hatte sich viel Mühe gegeben.

Das Echo aus dem Dorf war, gemessen an den erheblichen Anstrengungen, doch sehr gering. Das exponierte gesellschaftspolitische Engagement hatte seinen Preis. Der führende Mann bei der CDU-Fraktion und Betriebsrat Karl Heinz Isensee hatte in der Zeitung verlauten lassen: "Dieser Pastor hat für mich in alle Ewigkeit versch..." und das wurde damals leider auch auf die Kirchengemeindearbeit übertragen.

Politische Diskussionen in der Kirche

Bald danach aber sprengte eine hochpolitische Diskussionsreihe diese Isolierung. Der Kirchenvorstand hatte anläßlich des Dorfjubiläums den Fraktionsvorsitzenden der SPD-Landtagsopposition Gerhard Schröder zu einer Diskussionsveranstaltung in die Kirche eingeladen. Das Thema sollte sein: "Arbeit und Umwelt am Beispiel Buschhaus, SPD und Kirche und aktuelle Fragen der Deutschlandpolitik". Schröder sagte den Oktobertermin ab, kam aber Ende November. Er war wiederholt für den Einbau einer Entschwefelungsanlage im Kraftwerk Buschhaus eingetreten und deshalb von den hiesigen Gewerkschaften und der hiesigen SPD bekämpft worden. Die Einladung der Offleber Kirchengemeinde bot ihm die Gelegenheit, einen Fuß in das für ihn damals schwierige Helmstedter SPD-Parteigelände zu setzen.

Frau Grotrian eröffnete die überfüllte Veranstaltung in der Kirche mit der Herrnhuter Losung, danach sprach Schröder und stellte sich zahlreichen Fragen, zum Schluß sangen wir das Steigerlied "Glück auf, Glück auf..."

Auf den Bericht in der EZ hin bemängelte das Landeskirchenamt, daß Schröder mit dem Rücken zum Altar gesessen hätte. Ich wollte mit dieser Veranstaltung absichtlich nicht in das Dorfgemeinschaftshaus gehen, um jeden Anstrich von Parteipolitik zu verhindern, denn es standen die Landtagswahlen bevor. Im Kirchenraum verbot sich parteipolitisches Gezänk.

Auf den Abend mit Gerhard Schröder folgte ein Abend im Januar mit hochrangigen CDU-Politikern. Aus dem Landtag war Herr Grill gekommen, ein Fachmann für Umweltfragen, daher kamen auch interessierte CDU-Mitglieder aus Helmstedt, Schöningen und endlich auch einige örtliche CDU-Ratsherren. Es wurde ein angeregter Abend im überfüllten Pfarrhaus. Besonders erfrischend war dabei das Gespräch mit Lena Rautenschlein, einer Kreistagsabgeordneten der CDU, die standhaft eine von ihrer Orts-CDU abweichende Meinung in den Umweltfragen vertrat. Wie auch sonst hatten wir auch hier die Sympathie von Minderheitengruppen.

Im Februar kam Helmut Lippelt, Landtagsabgeordneter der Grünen. Dazu hielt uns der damalige Stadtverordnete der Grünen im Lebenstedter Stadtrat, Pfarrer Dr. Kurt Dockhorn, mit Pfarrer Harry Köhler aus Esbeck einen einleitenden Gottesdienst.

Volkszählung

Die große Volkszählung 1987 warf die Frage auf, ob sich auch die Kirche daran beteiligen solle. Im zwei Gemeindebriefen April und Mai 1987 wurde die Art der Volkszählung problematisiert: die Politik schottete sich gegen den Bürger kraß ab, der Bürger dagegen sollte "gläsern" werden. Der Kirchenvorstand kritisierte: die Volkszählung wäre zu teuer, das Ergebnis von zweifelhaftem Wert und die Absichten der Regierung undurchsichtig. Ich hatte mich verweigert. Mein ehemaliger Konfirmand Udo Lieske, der die Volkszählung im Büddenstedter Rathaus abwickelte, füllte dann einen entsprechenden Schrieb aus.

Was wird aus dem Alversdorfer Tagebau?

Der Kirchenvorstand hatte das Bergamt Goslar gebeten, am Anhörungstermin am 25.9.1985 im Schöninger Rathaus teilnehmen zu dürfen. "Gipsberg in Offleben?" war ein Artikel im Gemeindebrief vom 22.9.1985 überschrieben. Jochen Brandes und ich hatten - offenbar als einzige - im Gemeindebüro Büddenstedt die Planungsunterlagen eingesehen und hatten Fragen: wenn die Entschwefelung mit einem Kalkverfahren erfolgt, wo werden die erhebliche Rückstände deponiert? Soll es im Westen des Dorfes einen Gipsberg geben? Das Ingenieurbüro Pickel hatte einen auffälligen SO4-Wert im Grundwasser festgestellt. Bleibt das Grundwasser sauber? Wie reagiert der Gipsberg auf sauren Regen? Der Anhörungstermin brachte für uns keine Klarheit.

Die BKB aber trennten sich von diesem Verfahren der Entschwefelung durch Kalkzugabe.

Routine, Umbruch, Ermüdung im Kirchenvorstand

1984 wurden beide Kirchen durch die Firma Stolpe routinemäßig frisch vermalt, um so ärgerlicher war die Verrußung der Reinsdorfer Kirche 1987, die jedoch in Eigenarbeit wieder beseitigt werden konnte. Für den Offleber Friedhof wurde 1986 ein sogenannter "Grüner Rasen" angelegt, wobei anonyme Bestattungen vermieden werden sollten. Die angebotene Bibelwoche vom 6.-8. Februar 1985 über Texte der Apostelgeschichte mit den Pfarrern Hinrichs (Helmstedt) und Horn (Schöningen) überstiegen das für die Kirche vorgesehene private Zeitbudget der Gemeindemitglieder.

Am Kirchentag in Düsseldorf 1985 beteiligten sich Regine v. Geibler, Kai Tobias, Sybille Madry, Klaus und Angelika Weihe samt drei Kindern und aus Büddenstedt Henning Evers mit seinen Kameraden vom Bundesgrenzschutz. Wir brachten das Lied "Herr, wir bitten, komm und segne uns" mit. Regine v. Geibler, Kai Tobias und Henning Evers berichteten im Gemeindebrief Juni/Juli 1985 von ihren Erlebnissen. Bei den Veranstaltungen des Kirchentages verzweigten wir uns.

Die Kirchenvorstände unternahmen 1985 Fahrten zu den Kirchenvorständen in Hahndorf und Hohegeiß, zur Bugenhagenausstellung in der Brüdernkirche und zur Bundesgartenschau nach Berlin. Die Reinsdorfer besuchten 1986 einen Gottesdienst mit Pfarrer Müller in Remlingen. Wir waren neugierig auf andere Gemeinden.

Die thematischen Gottesdienste, wie z.B. "Die Nähe Gottes", "Die Herrlichkeit des Herrn sehen", "Das Barmer Bekenntnis", "Dietrich Bonhoeffer", "Tersteegen", "Versöhnung mit den Völkern der Sowjetunion", nahmen zu. Zwei hatten die Form eines Bußgottesdienstes: anläßlich der 40. Wiederkehr der Kapitulation und der Stuttgarter Schulderklärung.

Das Pfarrhaus wurde für einen ein- oder mehrtägigen Aufenthalt das Ziel unterschiedlicher Gruppen. Die fünf Räume auf dem Boden des Pfarrhaus waren zum Übernachten primitiv ausgebaut und mit zwei Waschgelegenheiten versehen, im Keller waren zwei Duschen installiert worden. Es war einfach, aber praktisch und der Garten bot im Sommer Ausweichmöglichkeiten... Und so kamen sie: zum Jahresanfang eine Fastenzeit mit Helga Hansi, im April 1984 eine Jugendgruppe aus Hötzum, für drei Tage im September ein neunköpfiger Hausbibelkreis aus Berlin, für ein Fastenwochenende acht angehende Katechetinnen und Katecheten aus Berlin unter Leitung von Udo Kelch, die auch den Gottesdienst gestalteten. Wer einmal kam, kam im nächsten Jahr wieder: im März 1985 der Berliner Hausbibelkreis, im April 1985 der ESG-Frauen-Arbeitskreis (AK) Braunschweig und sechs Leutchen von der Berliner HuK, im Juli eine 17köpfige polnische Jugendgruppe auf ihrer Durchfahrt von Holland in die Heimat, im September eine ganze Woche lang eine 18köpfige Schulklasse aus Hamburg, im November ein gemischter Jugendkreis aus Berlin-Reinickendorf. Und im Sommer 1987 zum vierten Mal eine Hamburger Schulgruppe.

Verständlicherweise entstand die Frage, ob dieser fröhliche Betrieb denn noch zur Gemeindearbeit dazugehöre. Es kriselte im Offleber Kirchenvorstand.

Wie diese Besuche doch auf die Gemeinde einwirkten, macht folgender Bericht von Helga Hansi anschaulich:

Fasten in Offleben

von Helga Hansi

Zwischen Weihnachten und Sylvester machte ich hier in Braunschweig Urlaub. Beim Gang durch die Stadt beobachtete ich die freudlose Hektik von Menschen, die gerade das Fest der Besitzvermehrung hinter sich haben. Vorweggenommene Sylvesterknallerei spricht dafür, daß nicht nur Weihnachten wieder nicht das Fest des Teilens war, sondern nicht einmal das übriggebliebne Geld zum Almosengeben verwandt, sondern sinnlos vertan wird.

Was habe ich solchen bedrückenden Tatsachen entgegen zu setzten, wo sind Zeichen der Ermutigung?

Eine Erfahrung der Stärkung und der Hoffnung war unsere diesjährige Fastenaktion in Offleben.

Fasten war für mich nicht neu. Jeden Mittwoch faste ich mit vielen anderen, die sich der Friedensarbeit verpflichtet wissen. Außerdem hatte ich schon ein Fastenseminar durchgeführt und an einer mehrtägigen Fastenzeit aus Anlaß der Junisynode unserer Landeskirche mitgemacht. Wichtig war mir, daß in Offleben eine offene Gruppe zustande kam, bei der wir mal mehr, mal weniger Anwesende waren, es aber auch ferne Mitfastende gab.

Ermutigend waren für mich die Begegnungen und Gespräche mit Gemeindegliedern in Verbindung mit den Gottesdienst- und Gebetszeiten. Die Fragen von den praktischen Seiten des Fastens - wie man es macht und durchhält - über Anlaß, Bedeutung und Ziel, waren nicht selbstverständlich. Mir sind zuvor schon manche Mitchristen begegnet, die vor solcher Konsequenz gegen sich Angst hatten und deshalb eher Fastenden aus dem Weg gingen. Der Gedanke, beim Fasten Einkehr zu halten und sich zur Umkehr bereit zu machen, ist denen, die es mit dem Glauben nicht so ernst nehmen, offenbar fremd. Die Herausforderung, sich selbst zu widerstehen und Widerstand gegen Unrecht einzuüben, ist für viele ein noch wieder zu entdeckender Weg gegen die Gewalt.

Die in Offleben vorgefundene Gesprächsbereitschaft zeigt, daß hier Menschen bereits auf der Spur sind. Es macht mir Hoffnung, daß daraus die Bereitschaft, für Friede und Gerechtigkeit mit anderen einzustehen, wächst. Ich wünsche, es möge in unserer Landeskirche immer mehr Offleben werden.

Diese 80iger Jahre stellten den Kirchenvorstand, wie schon in den 60iger Jahren, vor die Frage: kann es in der Ortskirchengemeinde nicht doch ruhiger, "gemütlicher", "friedlicher", vor allem "unpolitischer" zugehen? Im Kirchenvorstand machte sich nun eine gewisse Erschöpfung bemerkbar.

Ich hatte den Gemeindebrief November/Dezember 1984 mit folgendem Zitat von Karl Barth eröffnet:

"Eine Kirche, die aus lauter Angst, nur ja nicht in den Schein zu kommen, Partei zu ergreifen, nie und nimmer Partei zu sein sich getraut, sehe wohl zu, ob sie sich nicht notwendig kompromittiere: mit dem Teufel nämlich, der keinen lieberen Bundesgenossen kennt als eine um ihren guten Ruf und sauberen Mantel ewig schweigende, ewig meditierende, ewig neutrale Kirche".

Die Kirche konnte nicht neutral bleiben, denn die politischen Ereignisse in den nächsten Jahren überschlugen sich.

Der Kirchenvorstand 1988-1994

Einige wichtige Ereignisse in Politik und Kirche

Das wichtigste Ereignis war die größte Demo in der DDR auf dem Berliner Alexanderplatz am 4. November 1989 und der darauf folgende Fall der Berliner Mauer am 9. November.

Auch in Helmstedt, in Hötensleben und Offleben wurden Grenzübergänge geschaffen. Da die vier Siegermächte überraschend in eine Vereinigung beider deutschen Staaten einwilligten, stimmten die Volkskammer der DDR und der Bundestag einem Anschluß der erst kurz vorher gebildeten DDR-Länder an die BRD zu. Im Sommer 1990 wurde die DM als einheitliche Währung eingeführt und am 3. Oktober die DDR aufgelöst. Es war keine annähernd gleichberechtigte Vereinigung

Die Kirchenvorstandswahl 1988

beider deutscher Staaten, sondern ein Überstülpen westdeutscher politischer und wirtschaftlicher Formen über die Bevölkerung der DDR.

Am 2.12.1990 gewann die Regierung Kohl/Genscher mit 54,8% der Stimmen überraschend hoch die Bundestagswahl, aber auch die PDS zog in den Bundestag ein. Die regierende CDU siegte am 13.5.1990 erneut bei den Landtagswahlen in Niedersachsen.

Im Januar 1991 führten die UNO-Staaten um die Ölquellen in Kuwait am persischen Golf einen sechs Wochen lang andauernden, schweren Krieg gegen den irakischen Diktator Saddam Hussein, der mit einer Niederlage des Iraks endete.

Der Bundestag beschloß den Umzug von Regierung und Parlament nach Berlin. Im Herbst 1991 begann eine Serie von rechtsradikalen Übergriffen. Ausländerfeindlichkeit und Asylfragen beschäftigten 1992 die Öffentlichkeit.

Der Kirchentag in Berlin im Sommer 1989 stand stark unter dem Eindruck eines besonders von der Kirche zu regelnden Nebeneinanders beider deutscher Staaten.

1992 wurde Maria Jepsen in Hamburg zur ersten lutherischen Bischöfin der Welt gewählt.

Die Kirchenvorstandswahl am 13. März 1988

Bereits nach vier Amtsjahren mußten die Kirchenvorstände neu gewählt werden, da nun einheitlich in allen evangelischen Kirchen Niedersachsens gewählt werden sollte.

Die Landeskirche eröffnete ihre Bemühungen um eine hohe Wahlbeteiligung mit einem umstrittenen Wahlplakat zum Thema "Zeit für Kirche". Es zeigte ein buntes Völkchen aus allen Altersgruppen vor einer neugotischen Kirche auf einem Kirchenhügel, tanzend, musizierend, Konfirmanden, Punks, einer schlürfte mit einem Strohhalm aus einem Pokal, der als Abendmahlskelch verstanden werden konnte, ein Pfarrer im Talar hieß eine Mutter mit Kind willkommen. Das Motto wirkte sprachlich holprig.

Mit einem großen Presseaufwand wurden die Pfarrämter bedacht. Das Ergebnis der vielfältigen Bemühungen war bescheiden. Die Wahlbeteiligung in der ganzen Landeskirche betrug 27,1 Prozent gegenüber 27,6 Prozent 1988. Das Wahlalter war erstmals auf 16 Jahre gesenkt worden, was in unseren Kirchengemeinden keine Bedeutung hatte. Aber auch landeskirchenweit war die jüngste Altersgruppe kaum für eine Wahlbeteiligung zu gewinnen. In Wolfenbüttel erschienen am Wahlabend Landesbischof Dr. Müller und OLKR Dr. Fischer zu einer vom Pressesprecher Pfarrer Hempel organisierten "Wahlparty". Was eigentlich gefeiert wurde, blieb mir verborgen.

Für die Wahlbeteiligung in den Kirchengemeinden waren ausgesprochen ortsbezogene Tatsachen entscheidend: Werbung in Gemeindebriefen und Schaukästen, der persönliche Kontakt der aktiven Kirchenvorstandsmitglieder zur Bevölkerung und zu Vereinen.

"Ich kann mir Jesus in diesem ganzen Wahl-Gewuse nicht vorstellen. Aber wenn der Kirche an seinem Wort wieder etwas liegen und sie ihn fragen würde, dann könnte ich mir von ihm folgenden Vorschlag vorstellen: ruft die Gemeinde zusammen, stellt die alten und neuen Mitglieder in eure Mitte, fragt, ob jemand etwas gegen sie vorzubringen hat, dann laßt sie niederknien, sprecht ein kräftiges Gebet, legt ihnen die Hände auf, dann singt ein fröhliches Danklied und dann geht an die Arbeit."

"Überlegungen zur Kirchenvorstandswahl" in Kirche von Unten, Heft 31, April 1988

Den Kirchenvorstandswahlen am 13. März 1988 in Offleben ging eine kleine weibliche "Palastrevolution" voraus. Vier aktive Frauen schieden aus dem Kirchenvorstand aus: die Frauen Rauch, Jadziewski, Gröger und Lübbecke. Obwohl wir stets gemütlich in der Küche des Pfarrhauses getagt hatten, obwohl aus meiner Sicht immer alles auf den Tisch kam und gründlich besprochen wurde, waren die Frauen der "Politisierung" müde. Sie hatten offenbar andere Vorstellungen von der Arbeit im Kirchenvorstand. Frau Lübbecke konnte ich dazu bewegen, doch zu kandidieren und erst später den Sitz niederzulegen.

Es sprach jedoch für das kirchliche Engagement der vier Ausscheidenden, daß sie weiterhin aktiv in der Kirchengemeinde mitarbeiteten. Frau Rauch behielt den Vorsitz im Diakonieausschuß und beteiligte sich vorrangig an den damit verbundenen Hausbesuchen. Frau Gröger, die auch auswärts Lektorendienste versah, wollte sich weiterhin um den Gottesdienst kümmern. Ihrer Anregung war die Anschaffung des Kerzenständers in der Offleber Kirche zu verdanken, dessen Benutzung sich auf Anhieb einbürgerte. Frau Lübbecke erklärte sich bereit, weiterhin das Kirchgeld einzusammeln. Diese Mitwirkung auch nach dem Ausscheiden aus dem Kirchenvorstand zeigte deutlich:. es ging wirklich um Gemeinde und nicht um den Pastor.

Ergebnis der Kirchenvorstandswahlen vom 13. März 1988 in Offleben

Joachim Brandes 172 Stimmen
Gabriele Grotrian 151 Stimmen
Gunhild Haase 159 Stimmen
Beate Heine 36 Stimmen
Karin Hillmer 79 Stimmen
Anneliese Lübbecke 149 Stimmen
Rüdiger Schwarz 190 Stimmen
Jutta Seidlich 117 Stimmen
Jochen Wolter 107 Stimmen

Wahlberechtigte: 717 Gemeindemitglieder,
abgegebene Stimmen: 223; davon Briefwahl: 48
Wahlbeteiligung: 31,1%

Zusammensetzung des Offleber Kirchenvorstandes

Dem Kirchenvorstand in Offleben gehörten an: Rüdiger Schwarz, Joachim Brandes, Jochen Wolter, Gabriele Grotrian, Anneliese Lübbecke, Gunhild Haase, Jutta Seidlich, Karin Hillmer und als nachrückendes Mitglied Beate Heine.

Vorsitzende wurde Gabriele Grotrian.

Frau Lübbecke verzog 1989 nach Helmstedt. Für sie rückte im Januar 1990 Ingrid Isensee in den Kirchenvorstand nach. Nun war ich der Älteste im Kirchenvorstand. Rüdiger Schwarz trat im Januar 1990 aus dem Kirchenvorstand aus, wegen der unterschiedlichen Bewertung der Vorgänge bei der Öffnung der Grenze am 2. Weihnachtstag 1989 in Offleben. Er hatte bei der Wahl die meisten Stimmen erhalten.

Ergebnis der Kirchenvorstandswahlen am 13. März 1988 in Reinsdorf

Lisa Pfeiffer 69 Stimmen
Walter Bauermeister 67 Stimmen
Henning Jacobs 57 Stimmen
Ruth Brandt 35 Stimmen
Ruth Hass 23 Stimmen

Wahlberechtigte: 195 Personen,
abgegebene Stimmen: 88 Stimmen,
davon Briefwahl: 32 Stimmen
Wahlbeteiligung: 45,1%

Zusammensetzung des Reinsdorfer Kirchenvorstandes

Dem Kirchenvorstand in Reinsdorf gehörten an: Lisa Pfeiffer, Ruth Brandt. Walter Bauermeister, Henning Jacobs und als nachrückendes Mitglied Ruth Hass. In Reinsdorf hatte sich also keine Veränderung ergeben.

Den Vorsitz nahm wiederum Walter Bauermeister ein.

Die neue Zusammensetzung des Kirchenvorstandes

Die ausgeschiedenen Frauen Vera Jadziewski, Irmgard Gröger und Gerda Rauch wurden durch neue Frauen ersetzt: Gunhild Haase, Jutta Seidlich und Karin Hillmer.

Frau Seidlich hatte schon 1988 für den Kirchenvorstand kandidiert und war seit 1981 im Gemeindebüro tätig. Wir hatten uns gut miteinander eingearbeitet, sie führte das Protokoll, Vorstandbeschlüsse konnten auf den Weg gebracht werden. Ihre Mitgliedschaft war vom Arbeitsablauf her praktisch und hatte sich bewährt. Rüdiger Schwarz war ihr Bruder, also eine der wenigen "Familiengeschichten", die sich mit der Ortsgemeinde verbanden. Daß sie durch den Propsteivorstand bei der Wahl 2000 von der Kandidatenliste eben mit der Begründung gestrichen wurde, sie sei ja im Gemeindebüro tätig, empfand ich als unvertretbare Schikane und einen eklatanten Widerspruch zum Verhalten des Propstes anläßlich seiner Visitation, wo sie als Kirchenvorstandsmitglied und Mitarbeiterin im Gemeindebüro lebhaft in Erscheinung getreten war.

Schwerpunkte der Amtsperiode 1988-1994

Gunhild Haase gehörte zu meinem Konfirmandenjahrgang 1964, hatte das ausscheidende Mitglied Gerda Rauch als Mutter und die Kirchenkassenrechnungsführerin Gerlinde Rademacher als Schwester. Wie bei Schwarz/Seidlich eine Familiengeschichte mit Kirchenbezug.

Auch Karin Hillmer gehörte zu meinen früheren Konfirmandinnen, allerdings aus der Zeit von St. Vincenz in Schöningen. Hillmers wohnten damals am anderen Ende der Wilhelmstraße, man kannte sich, nun war sie mit ihrer Familie nach Offleben gezogen und eine besondere Stütze im Gemeindegesang im Gottesdienst.

Daß Ingrid Isensee den Platz der wegziehenden Anneliese Lübbecke ab 1990 einnahm und die Frauengruppe verstärkte, erwies sich als erheblicher Gewinn. Es war nicht selbstverständlich, daß Frau Isensee in den Kirchenvorstand eintrat, denn die parteipolitischen Auseinandersetzungen mit ihrem Man als Bürgermeister waren keineswegs abgeklungen. Aber wie viele in der Kirchengemeinde konnte sie Ortspolitik und Kirchengemeindearbeit deutlich trennen. Das ermöglichte ihr später auch das klare Urteil, als das Landeskirchenamt beim Verfahren gegen mich Politik und Gemeindearbeit mit durchschaubaren Absichten vermischte.

Das Ausscheiden von Rüdiger Schwarz aus der Kirchenvorstandsarbeit hatte mit der Gemeindearbeit nichts zu tun. Er hielt auch an dem sonntäglichen Gottesdienstbesuch fest. Ihn hatten meine zwei scharfen, die Verursacher beim Namen nennenden Flugblätter anläßlich der tumultartigen Grenzöffnung am 2. Weihnachtstag derart gestört, daß er für sich Konsequenzen zog und den Sitz im Kirchenvorstand niederlegte. Er blieb konsequent, ich irgendwie auch, es war die Zeit, wo die Brücken über eine gemeinsame Arbeit im Kirchenvorstand abgebrochen schienen. Wie sich später herausstellte: keineswegs endgültig.

Die Amtsperiode 1988 - 1994 hatte folgende Schwerpunkte:

Neugestaltung der Kirchenräume

Der Innenraum der Reinsdorfer Kirche wurde ausgiebig umgestaltet. 1989 wurden ein neuer, vom Landeskirchenamt entworfener und von der Firma Daether angefertigter Altar und eine neue Kanzel aufgestellt, 1993 folgten neue Paramente für die Kanzel, von der Helmstedter Paramentenwerkstatt angefertigt, und 1994 wurden neue Bänke und ein passender Osterleuchter angeschafft. Der Reinsdorfer Kirchenvorstand hatte sich dazu jährlich auf Erkundungsfahrten begeben. 1993 wurde die Heizung der Reinsdorfer Kirche von Öl auf Gas umgestellt. Die Innenräume beider Kirchen wurden von der Firma Stolpe 1992 routinemäßig frisch vermalt.

Der Taufgottesdienst in Offleben wurde seit 1988 immer reichhaltiger weiterentwickelt. Kirchenvorstandsmitglieder beteiligten sich am Ende der Taufe an der Einsegnung der Eltern, Christus wurde als das Licht der Welt besungen, die Lesungen wurden erweitert. Bei den Osterfrühgottesdiensten in Offleben las ich ab 1993 die vollständige Jonanovelle mit Unterbrechungen durch knappe gesangliche Einwürfe der Gemeinde.

Wechsel kirchlicher Mitarbeiter

Es trat ein erheblicher Wechsel bei den kirchlichen Mitarbeitern ein: Frau Marianne Kienbaum wurde 1988 neue Küsterin in Offleben. Da ihr Mann beim Zoll beschäftigt war und 1991 aus beruflichen Gründen nach Bonn versetzt wurde - Zollbeamte wurden nicht mehr gebraucht, weil es keine Grenze mehr gab - wurde der Posten wieder frei. Frau Elvira Blank wurde Nachfolgerin im Küsteramt. Frau Cranz gab den Vorsitz in der Offleber Frauenhilfe an Frau Rademacher weiter. Frau Radke, die langjährige Reinsdorfer Kirchenkassenführerin, verzog mit ihrem Mann und übergab die Kasse an Frau Ingrid Gurkasch. Karl Mende, der den Friedhof in Reinsdorf jahrzehntelang vorbildlich gepflegt hatte, übertrug diese Aufgabe an Herrn Stiemerling, sie fiel später an Herrn Gustav Kramer.

Drogenproblematik

Der Tod eines jüngeren Drogenabhängigen im Juli 1990 in Offleben veranlaßte den Kirchenvorstand zu einem offenen Wort zur Drogenpolitik.

Er war wohl an verunreinigtem "Stoff" gestorben. Es wurde im Dorf auch hier und da gekifft.

Ich persönlich fand die Sauferei (die "Prolodroge") ebenso schädlich und sehr viel mehr verbreitet. Ich hielt es auch für sehr zweifelhaft, daß Leute kriminalisiert und strafrechrechtlich verfolgt wurden, die sich übers Wochenende zwar ihr "Tütchen" reinzogen, aber ansonsten wochentags ihrer Arbeit geregelt und unauffällig nachgingen. Man sollte schon genau hinsehen, ob die Abgabe von Stoff sozusagen auf Kumpelbasis erfolgte oder Riesengeschäfte damit gemacht wurden.

Der Tod war Dorfgespräch und wir setzten uns im Kirchenvorstand zusammen. Der Kirchenvorstand befürwortete, um den Drogenmarkt zu zerstören, die kontrollierte Abgabe von reinem Stoff über Apotheken und ließ im übrigen keinen Zweifel daran, daß die Droge süßes Gift ist. Die Stellungnahme des Kirchenvorstandes fand öffentliches Interesse und wurde in der EZ als Aufmacher auf Seite 1 veröffentlicht.

Wir halten eine Besserung dieser Lage nur für möglich, wenn wir in ein offenes, vertrauensvolles Gespräch miteinander kommen. Und zwar mit Eltern, Hausbewohnern und Freund/Innen. Aber zur Zeit fühlen sich die Eltern blamiert, die Hausbewohner eingeschüchtert und die Abhängigen wollen das süße Gift. Eine der Gründe für die Verbreitung dieses süßen Giftes ist die schauerliche Habsucht unserer Gesellschaft. Man will alles schnell haben: Geld, Besitz, Freiheit, Glück. Übrigens: auch die Art der Vereinigung beider deutscher Staaten ist ein Ausfluß dieser Habsucht. Aber das ist ein anderes Kapitel.

(Gemeindebrief August/September 1990)

Ein dreiviertel Jahr später verpaßte sich ein anderer junger Mann, 22 Jahre alt, ebenfalls ein ehemaliger Konfirmand, zu Hause den "Goldenen Schuß". Im engen Rahmen des Dorfes verdichtete sich die Verurteilung durch Außenstehende und das Gefühl der Solidarität bei Gleichgesinnten noch stärker als in der Anonymität einer Stadt.

Mir langte mein natürlicher Adrenalinausstoß. In San Francisco hatte mir mal ein Taxifahrer einen Joint angeboten. Er verpuffte bei mir als Nichtraucher wirkungslos, da ich ihn wohl auch verkehrt inhalierte. Aber ich verspürte stark die gesellschaftlichen Zwänge und Ursachen für diese Art von Sucht, die diese beiden jungen Leben vernichtet hatte.

Wir veranstalteten einen Seminarabend mit dem Drogenbeauftragte des Lukaswerkes, der jedoch eine kontrollierte Abgabe für falsch hielt.

Atommüllendlager Morsleben

Das Bewußtsein für die Gefährlichkeit des Atommüllendlagers Morsleben bei Helmstedt wurde immer stärker.

An der Spitze der Helmstedter Anti-Atommüllendlagerung Morsleben stand Frau Pöhlmann-Jansen. Sie berichtete in der Propsteisynode am 16. Oktober 1992 von den Gefahren, die von der Endlagerung ausgingen, insbesondere von der unsicheren Decke, den Lecks und den unwiederbringlich abgekippten Mülltonnen. Herr Kügler von Endlager schilderte die Position der Unternehmensseite. Die Propsteisynode faßte den Beschluß, die Lagerstätte möge solange geschlossen bleiben, bis ein rechtsstaatliches Genehmigungsverfahren durchgeführt und die rechtlichen Bedenken ausgeräumt sein würden. Außerdem sollten die Kirchengemeinden der Propstei sich mit dieser Thematik befassen.

Daraufhin hielten wir im November und Dezember 1992 ein Morsleben-Seminar. An allen drei Abenden stand uns Herr Kügler als Fachmann zur Verfügung. Am 20. Januar 1993 besichtigten die Seminarteilnehmer das Endlager, wobei wir von seiner Harmlosigkeit und Ungefährlichkeit überzeugt werden sollten. In den Gemeindebriefen Januar-März 1993 und April-Mai 1993 wurde die Thematik ausführlich beschrieben. Ich hatte außerdem in Kirche von Unten, Heft 61/62, August/September 1992 einen ausführlichen Artikel unter dem Titel "Das Atomklo Europas vor dem Hochaltar von Stephani - Das Atommüllendlager Morsleben" veröffentlicht. Die Brisanz des Endlagers ist bis heute aktuell. Kürzlich erschien eine Nachricht, wonach die Gefahr eines Deckeneinsturzes bestünde.

Asylfrage

Die hereinströmenden Asylbewerber veränderten im Laufe des Jahres 1992 auch in Offleben das Zusammenleben. Im Asylbewerberheim waren zeitweise 70 Personen untergebracht. Das waren keineswegs aus Kriegsgebieten geflüchtete Alte, Mütter und Kinder, sondern kräftige junge Männer über 20 Jahre. Ich vermutete, daß viele von ihnen jene Arbeitslosen von Ost- und Südeuropa waren, die nach der Zerstörung ihres Marktes durch die Öffnung der Grenzen und die westliche Expansionspolitik nun legal, illegal in die Bundesrepublik gekommen waren.

Anstatt für sie ein ortsbezogenes Arbeitsprogramm zu entwickeln, z.B. die Instandsetzung der kaputten Straßenführung nach Barneberg, überließ die Verwaltung sie sich selbst, sie langweilten sich, wenige machten beim Fußball mit, andere suchten sich illegale Nebeneinkünfte.

Im Sommer flüchtete Salu Sonjamba aus Angola wegen der unerträglichen Verhältnisse im Asylbewerberheim ins Pfarrhaus und der Kirchenvorstand beschloß, ihn zeitweise im Pfarrhaus übernachten zu lassen. Als es im Herbst in Oschersleben zu Ausschreitungen Rechtsradikaler gegen Ausländer kam, war das Pfarrhaus auch für einen von dort kommenden farbigen Freund von Salu offen. Später fand Alexandru aus Rumänien Arbeit und Unterkunft. Auch einige Tamilen erhielten eine Zeitlang Beschäftigung im Garten.

In der Bonner Politik wurde lebhaft gestritten, ob das Asylrecht geändert werden müßte. Der Kirchenvorstand faßte und veröffentlichte einen von der Vorsitzenden Gabi Grotrian unterzeichneten Beschluß, wonach am Asylrecht nicht gerüttelt werden dürfte und versuchte durch eine differenzierte Sicht, Verständnis bei den Einwohnern zu wecken.

Andere Besucher im Pfarrhaus

Das Pfarrhaus blieb auch für Besuchergruppen weit geöffnet. Hier ein zufällige Auswahl aus dem Gästebuch: im Sommer 1988 fand eine Gruppe von HIV-Positiven gastliche Aufnahme, im Sommer 1990 eine 13köpfige Gruppe christlicher Pfadfinder, im September des gleiches Jahres eine 13köpfige Konfirmandengruppe aus dem Berliner Johannesstift, im September 1991 eine 20köpfige Klasse 11 der Peter-Petersen-Schule in Hamburg. Auf Empfehlung von Studentenpfarrer Heckmann kamen im Juli 1992 sechs Mitglieder und im Oktober neun Leutchen der Fahrrad-AG der TU Braunschweig, im Januar 1993 eine weitere ESG-Umwelt-Gruppe. Erstmals im Juni 1993 und dann alle Jahre wieder: der Singkreis der ESG, außerdem im Mai 1994 drei Tage lang 17 Leutchen von der Fahrrad- und Verkehrs AG der TU Braunschweig und im Juli 1994 die HuK zum Sommerfest.

100 Jahre TSV

Der Offleber Sportverein feierte 1993 sein 100jähriges Jubiläum. Der aus Offleben gebürtige Mittelschullehrer und Heimatpfleger Heinz Söchtig nahm sich einer Chronik an und verband sie mit einem beachtlichen Rückblick auch auf die Dorfgeschichte. "100 Jahre Sport- und Ortsgeschichte" lautet daher zu Recht die umfangreiche Chronik. Ich hatte 20 Bände alter Zeitungen im Archiv liegen, außerdem den "Heimatboten" von B. Schulze und die Gemeinderatsprotokolle, die bisher noch nicht ausgewertet worden waren. So ist in kollegialer Zusammenarbeit die Chronik entstanden.

Ich selber war noch mit 34 Jahren Mitglied des TSV geworden und beteiligte mich fußballspielend bei den Alten Herren in der legendären sogenannten "Montagsrunde". Es war die Idee des 1. Vorsitzenden Holger Rauch, dem jüngsten Sohn der Diakonieausschußvorsitzenden Gerda Rauch und Bruder des Kirchenvorstandsmitgliedes G. Haase, aus Anlaß des Jubiläums einen thematischen Gottesdienst in der Dorfkirche zu feiern. Das war ganz nach meinem Geschmack. Vor allem: kein Trubelgottesdienst in einem Festzelt, wie das andernorts üblich war. Mitglieder des Vereins übernahmen einen Psalm, Lesungen und Fürbittgebete und so hatte alles seinen Ort: der Sport auf dem Platz und der Dank in der Kirche. Wir waren als Kirche wieder ein Stückchen in das Dorfgeschehen integriert.

Am Ende der Amtsperiode stellten sich die Kirchenvorstände den Gemeinden mit einem in den Gottesdiensten verlesenen Rechenschaftsbericht vor.

Ein Blick in das Gemeindeleben 1994

Auch bei der Kirchenvorstandswahl 1994 wurde ein Fragebogen ausgegeben, auf dem sich Wählerinnen und Wähler mit einigen kirchlichen Fragen beschäftigen und den Fragebogen dann bei der Wahl abgeben konnten.

Es wurden in Offleben 66 Fragebogen zurückgegeben, von 16 Männern und 46 Frauen und in Reinsdorf 17, von 2 Männern und 15 Frauen.

Die Altersgruppen: über 90 Jahre: 1; über 80 Jahre: 12; über 70 Jahre: 21; über 60 Jahre: 18; über 50 Jahre: 11; über 40 Jahre: 7; über 30 Jahre: 8; über 20 Jahre: 11.

Von den 83 Kirchenmitgliedern aus Offleben und Reinsdorf-Hohnsleben fühlten sich 48 eng, 29 lose und drei gar nicht mit der Kirchengemeinde am Ort verbunden. Es ist nicht zu erwarten, daß diejenigen, die kein Interesse an der Kirche haben, überhaupt einen solchen Fragebogen ausfüllen. Immerhin ist bemerkenswert, daß selbst sie zur Wahl kommen. In irgendeiner Beziehung zur Ortskirchengemeinde stehen durch alle Altersgruppen hindurch 77 der Befragten. Das ist ein sehr hoher Anteil. Kirchengemeinde weckt irgendwie doch Interesse.

Das wird anschaulich an den Antworten auf die Bedeutung des in 750 Exemplaren verteilten Gemeindebriefes. Frage: "Ich bekomme den Gemeindebrief. Was dann? Interessiert mich nicht (-), lese ich ausführlich (78), überfliege ich (3), bewahre ich auf (15)." Daß von 83 Befragten 78 den Gemeindebrief ausführlich lesen, zeigt jene enge oder lose Beziehung zur Ortskirchengemeinde. Durch den Gemeindebrief macht sich die Ortskirchengemeinde im Dorfe präsent. Der drastische und deutliche Stil des Gemeindebriefes hat der Verbindung zur Kirchengemeinde gerade bei den Treuen offenbar nicht geschadet.

Die Verbindung hat auch etwas mit dem Erlebniswert des Konfirmandenunterrichtes zu tun. 57 der Befragten erinnern sich gerne an den Konfirmandenunterricht, 8 nicht so gern, 12 haben wenig Erinnerungen. Ob sich die Antworten auf den Unterricht am Ort beziehen, ist offen. Immerhin hinterläßt der Unterricht doch Spuren, die nicht danach bemessen werden dürfen, ob die Jugendlichen unmittelbar nach der Konfirmation sich noch zur Kirche halten. Die Spuren reichen weiter.

Daß der Glaube auch ganz privat, ohne Bindung an die Kirche, gelebt werden könnte, halten nur 27 für richtig. "Zum Christsein braucht man nicht die Kirche". Ich halte diese Ansicht für richtig (27); falsch (26), darüber müßte man mal nachdenken (22)"

Bei der Hälfte der Befragten verbindet sich der persönliche Glauben mit der Vorstellung von "Kirche". "Sie hören das Wort "Kirche". Woran denken Sie im ersten Augenblick? An den Pastor (67), an Leute, die in der Kirche arbeiten (35), an die Masse der Kirchensteuerzahler (11), an die Amtskirche und Kirchenbürokratie (8)." Die Kirche wird im Dorfe immer noch mit dem Ortspfarrer identifiziert. Dort, wo der Pfarrer nicht wohnt, wie z. B. in Reinsdorf, sind Kirchenvorstand oder Küsterin ebenso wichtig wie der Pfarrer.

Nur ein verschwindend kleiner Teil denkt bei "Kirche" an "Amtskirche" oder "Kirchenbürokratie". Es ist für das Verständnis von Kirche für die Dorfbewohner wesentlich, daß sie auf Menschen treffen, die als Küsterin, als Kirchenkassenrechnungsführerin, als Friedhofswärter oder auch als Pastorin oder Pfarrer Ortskirche erlebbar verantwortlich gestalten. Wo, wie es heute seitens des Landeskirchenamtes erstrebt wird, Funktionen aus der Ortskirchengemeinde abgezogen oder Stellen geteilt werden, wird das, was man mit "Kirche" verbindet, verflüchtigt. Daß "Amtskirche", "Kirchenleitung" oder "Bischof" so wenig bei "Kirche" in den Blick kommen, ist ein Defizit. Die normalen Visitationen, in denen auch die "Gesamtkirche" vor Ort anschaulich wird, sind in der letzten Zeit zum Schaden der Landeskirche vernachlässigt worden.

"Der Pastor macht bei Ihnen einen Hausbesuch. Wie reagieren Sie? Ich kriege ein Schreck, weil ich denke, es ist etwas passiert (5), ich freue mich unbefangen (61), ich denke, er sollte sich anmelden und sagen, warum er kommt (12)." Zur Präsenz der Kirche gehört der Besuch. Das kann offenbar auch eine Stippvisite sein, das muß keineswegs ein tiefschürfendes geistliches Gespräch sein, das benötigt keinen besonderen Anlaß. Immerhin: wenn ein runder Geburtstag der Anlaß wäre, so fänden es insgesamt 66 in Ordnung - richtig (45) oder möglich: "warum nicht?"(21) -, wenn sich auch bereits zu den runden Geburtstagen vor dem 70. jemand vom Besuchsdienst oder Kirchenvorstand bemerkbar machen würde.

Bezeichnend für das Gemeindeprofil sind die Antworten auf die Frage: "Soll sich der Kirchenvorstand oder der Pastor zu politischen Fragen wie Drogenprobleme, Gewalt im Fernsehen, Atommüll-Lager Morsleben u.a. äußern? Ja: (44); nein: (14), ja, aber nicht zu oft: (25)." Die Kirche vor Ort hat ein politisches Wächteramt. 69 der Befragten erwarten das geradezu. Das ist bei dem hohen Anteil der Altersgruppe über 60 nicht selbstverständlich. Die Ortskirchengemeinde soll ein klares politisches Profil zeigen, das sich gewiß unterschiedlich darstellen kann. Schon 1978 antwortete die große Mehrheit der Befragten, daß sich die Ortskirche in die Politik einmischen sollte, und zwar mit der erfreulichen Einschränkung, daß die Gläubigen nicht bevormundet werden dürften.

(Gemeindebrief Februar-März-April 1994)

Der Kirchenvorstand 1994 - 2000

Einige wichtige Ereignisse in Politik und Kirche:

Die Regierungszeit von Helmut Kohl ging nach 16 Jahren sichtlich zuende und mit ihm die CDU/FDP. Gerhard Schröder gewann am 27.9.1998 deutlich die Bundestagswahl und bildete mit den Grünen die erste rot/grüne Koalitionsregierung. Bei den Kommunalwahlen 1996 holte der CDU-Bürgermeister Karl Heinz Isensee zwar überlegen die meisten Stimmen, aber mit Hilfe der neu angetretenen UWG, zu der Jochen Wolter und ich gehörten, stellte die SPD erstmals in Büddenstedt mit Rosi Werner eine Bürgermeisterin.

Am 8.8.1993 hatte sich Propst Jungmann mit einem Gottesdienst in der Marienberger Kirche verabschiedet. Sein Nachfolger wurde der Goslarer Pfarrer Heinz Fischer. Einige Pfarrer hatten sich im Offleber Pfarrgarten getroffen und waren einige Kandidaten durchgegangen. Bei Heinz Fischer fiel uns auf, daß er einige Semester Kirchenrecht studiert hatte.

Der Generalsekretär des Evangelischen Kirchentages, Christian Krause wurde am 3. Juni 1994 als 7. Landesbischof unserer Landeskirche in sein Amt eingeführt. Es war ein bunter ökumenischer Gottesdienst im Dom.

Die Kirchenvorstandswahl am 6. Februar 1994

Noch nie fand eine Kirchenvorstandswahl so früh statt. Der Monat Februar, zwischen Weihnachten und der Karwoche, ist die sogenannte "Sauregurkenzeit", in der große Aktivitäten kaum zu entwickeln sind. Schwierig war es auch, daß Wahlbekanntmachungen nun gerade in die unmittelbare Weihnachtszeit fielen.

Das Landeskirchenamt hatte die Wahl unter das Motto "Leben in der Kirche" gestellt. Es wirkte auf mich zu insiderhaft. Gerade die Außenstehenden, die sich ansonsten nie wieder in der Kirche sehen ließen, aber zur Wahl mal kamen, müßten mit einem zügigen Satz angesprochen werden. Sie wollten gerade nicht "in der Kirche leben". Die Organisatoren haben sich bis heute nicht eingestanden, daß die bisher erreichten 23-29% Wahlbeteiligung eine völlige Absage an das volkskirchliche Modell sind. Will man einige der 70% Nichtwähler erreichen, die sich zurückziehen und sich nur bei Taufen, Hochzeiten und Beerdigungen an ihren Pfarrer wenden, dann müßte das Motto Distanz und Annäherung ausdrücken.

Wieder entwickelte ein Vorbereitungsausschuß im Landeskirchenamt allerhand wahltaktische Ideen, um die Wahlbeteiligung in die Höhe zu puschen. Das kümmerliche Traumziel war die 30%-Marke. Es wurde wieder nicht erreicht. Im Durchschnitt gingen in der Landeskirche 26,34% zur Wahl, fast so viel wie 1984, als die Wahlbeteiligung 26,5% betrug. Absolut war die Wahlbeteiligung deutlich gesunken, weil die Zahl der Wahlberechtigten in den vergangenen 10 Jahren um rund 25.000 von 438.677 auf 413.795 gesunken war.

Die Wahl wurde in beiden Kirchengemeinden wieder sorgfältig vorbereitet: im Gemeindebrief Januar - März 1994 erschien je ein Stimmzettel für die Offleber und Reinsdorfer Gemeinde. Wie schon im Jahre 1978 wurde die Wahl wieder mit einer Befragung über die kirchlichen Gewohnheiten verbunden. Der Fragebogen wurde im selben Gemeindebrief veröffentlicht und konnte am Wahlsonntag mitgebracht werden. Aber er fand diesmal nicht das erhoffte Echo.

Die Kirchenvorstände wünschten keine durchgreifenden personellen Veränderungen. So stellten sich die "alten" Kirchenvorstände geschlossen wieder zur Wahl, einige neue Kandidaten konnten hinzugewonnen werden. Der Stimmzettel in Offleben mußte ja wenigstens neun Namen enthalten und der in Reinsdorf fünf Namen. Das gelang auch.

Aber es wurde immer schwieriger, Kandidaten aufzutreiben. Nicht die Wahl und die Höhe der Wahlbeteiligung, sondern das Finden der Kandidaten ist das eigentliche Kunststück der Kirchenvorstandswahlen. Dabei spielte die allgemeine Demokratiemüdigkeit eine Rolle. "Regierung und Industrie machen ja sowieso, was sie wollen", war die gängige Meinung. Daher wurde die Wahlbeteilung bei den Wahlen zu den politischen Körperschaften auch immer geringer. Die Lust an demokratischer Mitbestimmung hatte erheblich nachgelassen. Das wirkte sich auch auf Kirchenvorstandswahlen aus.

Trotzdem wurde in Offleben mit 37% die höchste Wahlbeteiligung seit 1966 erreicht, die den Landesdurchschnitt und den Propsteidurchschnitt bei weitem überstieg. Das war eine schöne Bestätigung der bisherigen Kirchenvorstandsarbeit. Es gingen 1994 mehr Gemeindemitglieder zur Wahl als 1988 (223 Wähler) und 1984 (229 Wähler).

Die erfreulich hohe Wahlbeteiligung profitierte jedoch auch von dem ständigen Absinken der Zahl der Wahlberechtigten. Sie sank von 1032 im Jahre 1966 auf 666 im Jahre 1994.

Und auch in Reinsdorf war die Wahlbeteiligung mit 49% ganz erstaunlich.

1999 kursierte in der Kirchenregierung die häßliche Bemerkung, Offleben sei eine "tote Gemeinde". Gewiß muß die Höhe der Wahlbeteiligung kein überzeugendes Beispiel für eine sprudelnde Gemeindearbeit sein. Aber der landeskirchliche Durchschnitt wurde in beiden Kirchengemeinden bei den meisten Wahlen um ein Vielfaches überboten.

Das Ergebnis der Kirchenvorstandswahlen am 6. Februar 1994 in Offleben

Joachim Brandes 196 Stimmen
Ingrid Isensee 193 Stimmen
Gunhild Haase 183 Stimmen
Jutta Seidlich 159 Stimmen
Joachim Wolter 155 Stimmen
Karin Hillmer 153 Stimmen
Irene Roslau 109 Stimmen
Detlef Schrader 77 Stimmen
Thomas Lex 57 Stimmen

Wahlberechtigte: 666 Gemeindemitglieder,
abgegebene Stimmen: 248,
Wahlbeteiligung: 37,2%

Zusammensetzung des Offleber Kirchenvorstandes

Dem Kirchenvorstand von Offleben gehörten seit der Wahl vom 6. Februar 1994 an: Joachim Brandes, Ingrid Isensee, Gunhild Haase, Jutta Seidlich, Joachim Wolter, Karin Hillmer, Irene Roslau und Detlef Schrader. Da dieser sich jedoch noch im selben Jahr für eine engere Arbeit bei der Freiwilligen Feuerwehr entschied, rückte Thomas Lex für ihn in den Kirchenvorstand nach. Den Vorsitz übernahm Jochen Brandes, der jedoch 1996 alle kirchlichen Ämter niederlegte. An seine Stelle wurde 1996 Ingrid Isensee als Vorsitzende gewählt.

Für Jochen Brandes wurde 1999 Carsten Bohn in den Kirchenvorstand berufen. Unter dem Eindruck der Vakanzvertretung, für die Propst Fischer verantwortlich war, schieden Carsten Bohn, Karin Hillmer, Irene Roslau und Thomas Lex im Frühjahr 2000 aus dem Kirchenvorstand wieder aus, nachdem der schäbige Versuch, Ingrid Isensee als Vorsitzende abzuwählen, gescheitert war. Aber das bekam ich nur noch aus der Entfernung mit.

Das Ergebnis der Kirchenvorstandswahlen am 6. Februar 1994 in Reinsdorf

Lisa Pfeiffer 77 Stimmen
Ruth Brandt 53 Stimmen
Werner Glaubitz 52 Stimmen
Walter Bauermeister 43 Stimmen
Henning Jacobs 37 Stimmen.

Zahl der Wahlberechtigten: 184,
abgegebene Stimmen: 91, davon Briefwahl: 16
Wahlbeteiligung: 49%

Zusammensetzung des Reinsdorfer Kirchenvorstandes

Dem Kirchenvorstand von Reinsdorf gehörten an: Lisa Pfeiffer, Ruth Brandt, Werner Glaubitz, Walter Bauermeister. Den Vorsitz übernahm Walter Bauermeister.

Die Wahl von Werner Glaubitz war auffällig, da er bisher keine großen kirchlichen Bindungen zu erkennen gegeben hatte. Er konnte für sich die Stimmen der Feuerwehr mobilisieren. Glaubitz wechselte aus persönlichen Gründen noch im Laufe desselben Jahren überraschend den Wohnsitz. Für ihn rückte Henning Jacobs nach. Henning Jacobs trat aus dem Kirchenvorstand aus Protest gegen die Haltung des Reinsdorfer Kirchenvorstandes im Falle des Disziplinarverfahrens gegen mich im Oktober 1998 aus. Für ihn rückte Frau Gebensleben 1999 in den Kirchenvorstand nach.

Wechsel im Kirchenvorstandes

Gabi Grotrian, seit 1972 Protokollführerin im Offleber Kirchenvorstand, seit 1978 gewähltes Mitglied in diesem Gremium und seit 1988 Vorsitzende, zog sich aus familiären Gründen aus der Kirchenvorstandsarbeit zurück. Sie war erneut Großmutter geworden. Sie hatte 22 Jahre lang dem Kirchenvorstand angehört, alle Höhe und Tiefen mitgemacht und nun war es genug.

Brandes, Haase, Hillmer, Seidlich, Isensee und Wolter waren vom alten Stamm geblieben. Drei neue Kandidaten mußten für die Wahl gefunden werden. Das erwies sich nicht als einfach. So waren wir froh, daß sich Frau Roslau aufstellen ließ. Detlef Schrader und Thomas Lex gehörten zur jüngeren Generation. Ich hatte sie vor einiger Zeit konfirmiert. Wir konnten zufrieden sein: der alter Stamm bekam Zuwachs und alle, die sich aufstellen ließen, durften auch dann in den Sitzungen mitmachen und, wenn jemand fehlte, mit abstimmen, auch wenn sie nicht die erforderliche Stimmenzahl erreicht hatten. Das entsprach zwar nicht dem Gesetz auf Millimetergröße, aber es entsprach dem Geist des Evangeliums, daß alle, die im Weinberg Gottes mitarbeiten wollen, auch mitarbeiten können. Auch hier hat der Buchstabe des Gesetzes andernorts manches getötet, was im evangelischen Geist eine Belebung hätte darstellen können.

Daß Jochen Brandes 1996 alle kirchlichen Ämter niederlegte - er gehörte auch dem Propsteivorstand an - hatte überwiegend berufliche und familiäre Gründe. Er wollte Abstand zur Arbeit im Kirchenvorstand gewinnen, hielt aber den Kontakt zu Gottesdienst und Pfarrhaus. Er war 22 Jahre lang im Kirchenvorstand tätig gewesen und hatte die meisten Stimmen erhalten. Mit dem Ausscheiden von Rüdiger Schwarz, Gabi Grotrian und Jochen Brandes waren jene, die 1972 als ganz junge Leute angefangen hatten und die damalige Aufbruchstimmung mitverursacht und dann auch mit den Kirchentagsbesuchen profiliert hatten, nicht mehr an den unmittelbaren Entscheidungsprozessen beteiligt. Es war für mich auch ein heilsamer Wink, daß man Mitarbeit eben nicht selbstverständlich unbegrenzt erwarten kann. Der Kirchenvorstand ließ den Sitz von Jochen Brandes zunächst ruhen und wählte 1999 Carsten Bohn in den Vorstand nach.

Die Amtsperiode 1994 - 2000 hatte folgende Schwerpunkte

Dies also würde mein letzter Kirchenvorstand sein, und ich war ganz froh, daß sich keine sehr großen Veränderungen durch die Wahl ergeben hatten. Die bewährte Zusammenarbeit konnte weitergehen. Wir tagten in einem unregelmäßigen Rhythmus. Das hing auch damit zusammen, daß man sich ansonsten im Dorf, beim Einkaufen, bei Geburtstagen, im Gottesdienst traf und austauschte. Die "Sitzungen" waren in Offleben nach wie vor in der Küche, in Reinsdorf wechselten wir zwischen der Kirche und der Wohnstube von Bauermeisters. Die Reinsdorfer Haushaltssitzung fand bei Frau Gurkasch statt und endete mit einem gemütlichen Essen.

Der Reinsdorfer Kirchenvorstand führte jährlich eine Mitarbeiterfahrt durch.

Einführung des neuen Gesangbuches

Ein Schwerpunkt dieser Amtszeit war die Einführung des neuen evangelischen Gesangbuches im Advent 1994.

Am 29.8.1988 hatte OLKR Becker die Kirchenvorstände aufgefordert, Vorschläge zum Vorentwurf eines neuen Gesangbuches zu machen. Die Beteiligung der Gemeinden war ausgesprochen lebhaft. Alle Vorschläge wurden in der Agendenkommission der Landeskirche, die sich um einige Kirchenmusiker erweitert hatte, bearbeitet und wir brüteten in zahlreichen Sitzungen nun Vorschläge für die EKD aus. Die Agendenkommission tagte damals unter dem Vorsitz der Kantorin der Braunschweiger Pauligemeinde, Frau Bianca Riese. Dazu gehörten die Pfarrer Beyer, Borrmann, Blümel, Fischer, Kalberlah und ich und die Kirchenmusiker Bosse, Göttsche und Mellin. Es war eine wirklich fruchtbare Arbeit, auch wenn wir die Frage, ob wir dieses oder jenes Lied vorschlagen oder weglassen sollten, einem schäbigen, weil ungeistlichen Abstimmungsverhalten unterwerfen mußten.

Ich führte mit Hilfe von Frau Seidlich das Protokoll und war mit der Materie bestens vertraut. Schon ein Jahr später konnten wir am 8. September 1989 unser Ergebnis dem Gemeindeausschuß in einer gemeinsamen Sitzung vorlegen und zu meinem Entsetzen gab es nun in der Landessynode nicht etwa eine fulminante Debatte, sondern eine Vorlage mit zahlreichen Vorschlägen an die EKD, die mehr oder minder abgenickt wurde.

Derselbe Vorgang wiederholte sich, als der Regionalanhang für Niedersachsen erstellt werden sollte. Einige Lieder wie "Danke", "Bewahre uns Gott", "Ich möchte, daß einer mit mir geht", der Kanon "Sende dein Licht" waren aus dem Anhang in letzter Minute doch noch in den Stammteil übernommen worden, andere, wie "Herr, wir stehen Hand in Hand", waren aus dem Stammteil gestrichen worden und sollten nun wenigstens in den Regionalanhang gerettet werden. Wir bildeten sogar in der Propsteisynode einen Gesangbuchausschuß. Leider ist mein Vorschlag, wenigstens den Anhang mit Bildern von Braunschweiger Kirchen zu versehen, so wie ich es vom ostpreußischen Gesangbuch her kannte, im Referat Hampel trotz andersartiger Beteuerungen vor der Landessynode versickert.

Nach dieser langen Anlaufzeit wurde das Evangelische Gesangbuch förmlich zum 1. Advent 1994 in den niedersächsischen Kirchen eingeführt. Viele neu ins Gesangbuch aufgenommene Lieder wie "Danke" und "Ein Schiff, das sich Gemeinde nennt" waren für uns in Offleben und Reinsdorf-Hohnsleben schon wieder so alte Hüte, daß wir uns auf die wirklich ganz neuen mit unbekannten und nicht immer einfachen Melodien stürzten. "Das Volk, das noch im Finstern wandelt" wurde trotz seiner schwierigen Melodie ein sehr beliebtes Adventslied, "Komm in unsre stolze Welt", das Lied des ostpreußischen Arztes Hans von Lehndorff hatten wir uns schon früher angeeignet, "Wir wolln es gerne wagen", "Es mag sein, daß alles fällt", "Herr gib mir Mut zum Brückenbauen", "Er ist das Brot" gehörten bald zum Liederstamm. "Schmückt das Fest mit Maien" sangen wir schon länger auf die neue Melodie.

Wir reservierten uns auch einige beliebte, nicht mehr ins Gesangbuch aufgenommene Lieder, wie das schöne Herbstlied "Des Jahres schönster Schmuck entweicht", nach der Melodie "Geh aus mein Herz" und die letzten drei Strophen des Adventsliedes "Gott sei Dank durch alle Welt" "Tritt der Schlange Kopf entzwei, daß ich aller Ängste frei..." und fügten die Texte auf einem Zettel dem Gesangbuch hinzu. Mir selber fehlten einige Verse, die ich sogar den Konfirmanden zum Lernen empfohlen hatte, z.B. die Zeilen: "Ein jeder Bissen, den wir essen, soll deines Namens Denkmal sein, und Herz und Mund soll lebenslang für unsere Nahrung sagen Dank." Altmodisch, gewiß, aber sprachlich doch einprägsam. Oder: "Du kannst alles allerorten nun erfüll'n und nahesein". Diese Himmelfahrtsstrophe haben wir oft als Lied vor der Predigt gebraucht.

Das neue Gesangbuch hat sich sehr schnell eingebürgert. Bei Kirchenvorstandssitzungen und bei der Frauenhilfe wurde es ständig benutzt. In diesem Jahr machte unsere Organistin Ines Lüttge Abitur und fing in Süddeutschland mit dem Studium an. Nun sangen wir fortan ohne Orgelbegleitung, was gerade dem Erlernen der neuen Lieder sehr bekömmlich war.

Gottesdienst

Die Gottesdienstordnungen reichten bei besonderen Anlässen nicht mehr aus. In sehr mühseliger Arbeit haben Frau Anke v. Kowalski und ich eine neue, reich bebilderte, nunmehr vierte, veränderte Auflage unserer Gottesdienstordnung hergestellt, die im Advent 1998 in Gebrauch genommen wurde. Sie diente auch als Geschenk für besondere Anlässe. Da auch die Tauf-, Trau- und Konfirmationsordnung aufgenommen wurde, bot sie einen guten Querschnitt durch das gottesdienstliche Profil unserer Gemeinden.

Lektor Kunde taufte am 27. April 1997 das Enkelkind unserer Reinsdorfer Küsterin und im September fand zum zweiten Mal eine gottesdienstliche Segnung einer schwulen Partnerschaft statt.

Das offene Pfarrhaus war auch ein Gewinn für den Gottesdienst. Im Frühjahr 1996, 1997 und 1998 trafen sich die Studierenden der Evangelischen Studentengemeinde Braunschweig zum gemeinsamen Musizieren, Proben, Quatschen, Feiern und Beten zu einem Wochenende im Pfarrhaus und gestalteten die Gottesdienste mit aus.

Beide Gemeinden tätigten große Anschaffungen: die Reinsdorfer Kirche erhielt 1994 von Tischlermeister Schliephake in Watenstedt angefertigte Kirchenbänke, die Offleber Kirchengemeinde kaufte einen von Tischlermeister Daether angefertigten neuen Altar und ein neues Lesepult, dazu Paramente von der Helmstedter Paramentenwerkstatt in allen vier Kirchenfarben.

Die dritte Visitation

Im Sommer 1996 fand eine ausgedehnte Visitation, nunmehr die dritte während meiner Amtszeit, durch Propst Fischer statt, bei der ihm der Kirchenvorstand sehr behilflich war, denn für ihn war es eine seiner ersten.

Anders als die beiden vorhergehenden ein- oder zweitägigen Visitationen aber zog sich diese Visitation über Wochen hin. Das erweckte bei manchem den Eindruck einer gewissen Unbeholfenheit, aber auch der Schnüffelei.

Beide Kirchenvorstände benutzten die Gelegenheit, um einige wichtige Reformschritte vorzuschlagen:

1. Zur Feier des Abendmahls sollten alle zugelassen werden, die sich am Tisch des Herrn einfinden, unabhängig von der konfessionellen Zugehörigkeit.

2. Die Trennung von standesamtlicher und kirchlicher Trauung in der Weise, daß die standesamtliche Trauung nicht unbedingt der kirchlichen vorausgehen müßte.

3. Eine lockere Form des Kirchenbeitritts mit Unterschrift, die dann zur Taufe hinführen könnte; also einen abgestuften Kirchenbeitritt.

4. Ein Segensgottesdienst für schwule Partner.

Alle vier Vorschläge wurden vom Propst nicht mit dem Visitationsbericht an das Landeskirchenamt weitergegeben.

Daß dann der Landesbischof ganz im Gegensatz zu seinen Vorgängern eine Beurteilung der Visitation abgab, ohne einen Schritt in die Kirchengemeinde hinein getan zu haben, ohne Fühlung mit Räumen und Personen, war für die kirchlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter eine völlig neue Erfahrung. Ihr lag eine später immer deutlicher zu Tage tretende Neudefinition des Bischofsamtes durch Bischof Krause zu Grunde, die m.E. nicht im Einklang mit der Verfassung stand.

Reformvorschlag des Offleber Kirchenvorstandes

Diskussion über die gezwungene Verbindung von kirchlicher und standesamtlicher Trauung

So kennen wir es: Fritz will Renate heiraten. Sie gehen zum Standesamt, dann in die Kirche zur Trauung. Nun ist es heute aber immer häufiger so: Fritz liebt Renate, Renate liebt Fritz. Sie wollen zusammenbleiben. Sie wollen auch Kinder. Aber zum Standesamt? Warum eigentlich, fragen sie sich. Und so leben sie zusammen, bekommen vielleicht auch Kinder, wie Verheiratete ohne Trauschein. Ich treffe Fritz und frage ihn: würdet ihr nicht gerne in die Kirche? Trauung? Doch das würde Fritz gerne, Renate auch. Aber der Pastor darf es nicht. Aus alter Zeit, als Staat und Kirche noch Arm in Arm eingehakt gingen, gilt die Vereinbarung: erst der Staat mit dem Standesamt, dann die Kirche. Aber es ist eben nicht mehr so wie früher, daß man auch erst ins Bett ging, wenn man beim Standesamt war. So genau wurde das zwar auch früher nicht genommen, aber man tat wenigstens so. Heute tut man nicht mehr so: Fritz und Renate leben zusammen wie Verheiratete.

Die Synode der Nordelbischen Kirche hat darüber Ende Februar heiß diskutiert, ob in der Kirche auch Leute getraut, richtiger: gesegnet werden können, die ohne Trauschein zusammenleben. Sie sind mehrheitlich zum Beschluß gekommen: Fritz und Renate können in Kiel, Lübeck oder Hamburg auch gesegnet werden, ohne zum Standesamt gezwungen zu werden. Der Offleber Kirchenvorstand ist der Meinung, daß das auch in Offleben möglich sein sollte. Nur noch ein bißchen schärfer als in der Nordelbischen Kirche: wir sind für eine vollständige Entzerrung von standesamtlicher Trauung und kirchlicher Trauung. Die beiden jungen Leute sollen selber entscheiden, ob sie beides und in welcher Reihenfolge sie es wollen. Es ist schon ein bißchen ulkig, daß die Kirche sich heute noch so stark vom Staat abhängig macht.

(aus Gemeindebrief Januar - März 1997)

Alle Reformvorschläge wurden von Bischof Krause abschlägig beschieden. Die Kirchenvorstände wurden sogar gewarnt, nicht falsche Hoffnungen zu wecken.

Vor allem die Ablehnung eines unkomplizierteren Eintritts in die Kirche befremdete den Kirchenvorstand. Es war die Idee des Bischofs selber gewesen, über eine Art "Schnuppermitgliedschaft" nachzudenken. Warum war ein erster Schritt in die Kirchengemeinschaft nicht durch eine einfache Eintrittserklärung beim Pfarramt und die Änderung des Konfessionssignals bei der Kommunalverwaltung möglich? Wie viele Leute hatten sich ihren Kircheneintritt dadurch erworben, daß sie umgezogen und eine andere Konfession angegeben hatten? Die sogenannten Umzugschristen gab es ja tatsächlich.

Aber auch die Trennung von standesamtlicher und kirchlicher Trauung, wenigstens eine Änderung der Reihenfolge, möglicherweise sogar eine kirchliche Handlung ohne eine standesamtliche Trauung war bereits in der Privatwohnung von OLKR Niemann anläßlich der Reformsynode vorbedacht worden. Bischof Krause zeigte sich unseren Reformschlägen gegenüber völlig unzugänglich.

Müllstandort Offleben?

Die BKB hatte als neues Betätigungsfeld die Müllentsorgung gefunden. Die Bevölkerung und auch die Kirchengemeinde beschäftigte die Tatsache, daß die Region durch die Müllverbrennungsanlage in Esbeck und durch mehrere Deponien am Rande des Alversdorfer Tagebaues, sowie durch die Kompostieranlage dicht am westlichen Dorfrand den Charakter eines Müllstandortes erhalten würde. Das war keine Empfehlung für die Landwirtschaft und die landwirtschaftlichen Produkte.

Was bedeuteten die Anlagen für den Verkehr, von dem wir im Ort auch so schon genervt waren? War eine biologische Abfallverwertung nicht eine für die Zukunft viel bessere Form der Entsorgung? Manche sahen schon große Abfallberge im Westen des Dorfes aufsteigen, und das war nicht ganz unbegründet. Als die Entschwefelung der Kohle durch Beimengung von Kalk diskutiert wurde, war ein riesiger Gipsberg im Alversdorfer Tagebau vorgesehen. Wie wurde die Kirchengemeinde dem Grundsatz der "Bewahrung der Schöpfung" gerecht?

Am Rosenmontag, dem 14. Februar 1994, veranstaltete der Büddenstedter Gemeinderat im Großen Saal des Dorfgemeinschaftshauses eine überdurchschnittlich gut besuchte Bürgerfragestunde. Vorweg hatte der Gemeinderat in öffentlicher Sitzung seine voreilige Zustimmung zum "Entsorgungspark Offleben - Schöningen" gegeben. Hinter diesem harmlosen Namen verbarg sich die Problematik eines Müllstandortes Offleben. Die Erbitterung der Zuhörerinnen und Zuhörer entlud sich in scharfen Fragen zu diesem Tagesordnungspunkt, insbesondere von jungen Familienvätern, an die Mitglieder des Gemeinderates. Dem Rat hatte keine vollständige Planung vorgelegen, die gesundheitlichen Risiken waren nicht benannt worden, gab es eine Wertminderung für die Hauseigentümer? Bürgermeister Isensee brach schließlich die Bürgerfragestunde ab.

Daraufhin veranstaltete der Kirchenvorstand am 1. März 1994 in der überfüllten Offleber Kirche einen Informationsabend zur "Situation der Abfallwirtschaft in Offleben und Schöningen". Es diskutierten miteinander Dipl. Ing. Dr. Rahm von den BKB und Karl Friedrich Weber vom BUND. Die Kirchengemeinde bewährte sich als Plattform zum Austausch völlig gegensätzlicher Standpunkte wie schon bei der Buschhausdiskussion. Dabei ging es zunächst einmal um eine gründliche Information, was überhaupt von den BKB geplant war und welche ökologischen Folgen die Verbrennungsanlage und die Deponien haben würden.

Es blieb aber der bittere Eindruck: "Der einzige Störfaktor bei diesem Unternehmen sind die Menschen. Die BKB interessieren nur die Bilanzen, nicht die Bürger." (Gemeindebrief Mai/Juni 1994).

Seit vielen Jahrzehnten wird unsere Heimat von Landschaftszerstörungen durch Braunkohleabbau und extreme Luftbelastungen gepeinigt, die ganz wesentlich zum wirtschaftlichen Erfolg der BKB beigetragen haben. Wir haben nicht vergessen, daß auch das KW Buschhaus zunächst ohne Entschwefelung gebaut werden sollte, weil das nach den damaligen rechtlichen Bestimmungen nicht notwendig gewesen wäre. Heute will man uns wieder für dumm verkaufen und noch viel schädlichere Technologien für die Verbrennung von Abfällen jeglicher Art (Autoreifen, Restmüll, Klärschlamm) vor die Tür stellen. Auch wenn die dadurch in die Umwelt freigesetzten und von uns und den Kindern eingeatmeten Dioxine die Grenzwerte nicht überschreiten sollten, gehen von diesem Ultragift, das die Gene schädigt, Krebs erzeugt und ungeborene Kinder im Mutterleib gefährdet, nicht abschätzbare Gefahren aus. Ganz besonders, wenn "Experten" etwas anderes behaupten. Die dürfen das Dioxin natürlich gern einatmen, wenn sie wollen. Uns reichen Schwefeldioxid und Phenol.

(Kai Tobias in Gemeindebrief Mai/Juni 1994)

Kai Tobias ist heute Professor im Fachbereich Landschaftsarchitektur in Kaiserslautern.

Zum 1. September 1994 lud mich Pfarrer Köhler zu einem Vortrag über Fragen der Abfallentsorgung in die Esbecker Gemeinde ein. Jochen Brandes und die Pfarrer Beichler, Köhler und ich erarbeiteten eine Vorlage für die Propsteisynode am 7. Oktober 1994 über die ökologischen Belastungen im Südkreis.

Der Umweltpfarrer Krüger kam am 7. Februar 1995 ins Pfarrhaus zu einer Diskussion über die Umweltverträglichkeitsstudie. In dieser Studie wurden auch die Auswirkungen der Müllverbrennungsanlage in Esbeck auf "Kirchen und Kulturgüter" behandelt. Der TÜV, der diese Studie im Auftrag der BKB erstellt hatte, behauptete, es gäbe überhaupt keine schädlichen Auswirkungen. Immerhin hatte die Kirche im Zusammenhang mit dieser Umweltverträglichkeitsstudie einen Grund, sich zu Worte zu melden. Davon wurde andernorts praktisch kein Gebrauch gemacht.

Die Kirchengemeinden waren als Träger öffentlicher Belange in das Anhörungsverfahren eingeschaltet. Jochen Brandes und ich nahmen daher an der mehrtägigen Anhörung in Helmstedt im März 1996 teil und wir beide waren platt über die offizielle Verharmlosung der damit verbundenen Risiken. Die völlig inhaltliche Übereinstimmung des TÜV mit den Wünschen der BKB war offenkundig und peinlich. Was bedeutete diese Neuanlage für die außerordentliche hohe Anzahl der Krebserkrankungen und Krebstoten? Ein Wissenschaftler aus Hannover versuchte mit veralteten Statistiken zu demonstrieren, daß Krebserkrankung keinesfalls durch Industrieeinflüsse, sondern nur durch Rauchen und ungesunde Lebensweise erzeugt würde. Da platzte selbst mir in der Anhörung der Kragen.

Ursprünglich war nur ein Tag für die Anhörung geplant. Durch die sorgfältige Vorbereitung der Einwender, insbesondere des BUND mit Karl Friedrich Weber und der Offleber Bürgerinitiative Ost-Elm unter Jörg Gödecke und Susanne Proetzel wurden es immerhin drei.

Der Kirchenvorstand beteiligte sich später an der Anzeigenkampagne gegen den Müllstandort Helmstedt.

Was wird aus unserem Dorf?

Das Dorf Offleben hatte sich durch die Beseitigung der Grenze zu einem Durchgangsdorf entwickelt, mit einer beträchtlichen Verkehrsbelastung der Dorfstrasse durch Autos und besonders viele LKWs, die vor allem nachts durch das Dorf rasten.

Die kurz bevorstehende Stillegung des Kraftwerkes Offleben bedeutete u.a. den Verlust von 600 Arbeitsplätzen und einen enormen Schwund an Gewerbesteuereinnahmen.

Diese Veränderungen im Dorf veranlaßten den Kirchenvorstand, eine Veranstaltungsreihe "Was wird aus unserm Dorf?" durchzuführen. Als Gast wurde das BKB-Vorstandsmitglied Wilckens gewonnen, der mit Bürgermeister Isensee, Siegfried Sarrach und Holger Rauch in einer dicht gefüllten Kirche am 3. Dezember 1997 über dieses Thema diskutierte und den Teilnehmern sehr deutlich vor Augen führte, daß nur eine gemeinsame Anstrengung den Landkreis noch vor einem wirtschaftlichen Niedergang bewahren könnte.

Außerdem werden in Zukunft die Fragen aktuell: können wir auf die Dauer eine Einheitsgemeinde bleiben, bedeutet die Großkläranlage nicht eine zu hohe Belastung, brauchen wir drei evangelische Kirchen in der Samtgemeinde?

Am 21. März 1998 veranstalteten die Kirchenvorstände unter der seltenen Beteiligung von Vertretern des Gemeinderates und des Gemeindedirektors am Tag des Wassers zusammen mit dem Umweltbeauftragten der Landeskirche, Pfarrer Krüger, eine Gemeindeversammlung in der Reinsdorfer Kirche zum Thema der Dezentralisierung von Kläranlagen.

Dietrich Fürst, Generalbevollmächtigter der Nord LB und Vorsitzender des Finanzausschusses der Landesynode war am 7. Juni 1998 zu Gottesdienst und anschließender Diskussion in unserer Kirche und setzte aus seiner Sicht das Thema "Was wird aus unserm Dorf?" fort. Ich hatte nicht den Eindruck, daß die Kirchengemeinde und die Bevölkerung den Ernst der zukünftigen Situation bemerkt haben.

Auseinandersetzungen

Es gab auch Auseinandersetzungen innerhalb und mit dem Kirchenvorstand. Eine für den Advent 1996 vorgesehene Konfirmation wollte ich, wie an anderer Stelle beschrieben, aus pädagogischen und seelsorgerlichen Gründen vom 2. Advent auf Epiphanias verschieben, was durch die Landeskirche verhindert wurde. Auch der Kirchenvorstand fand meine Maßnahme übertrieben.

Meine PDS-Bundestagskandidatur im September 1999 verursachte erhebliche Verärgerung. Die Kirchenvorstände lehnten die Kandidatur ab, faßten aber zugleich den Beschluß: "Wir lassen uns nicht los." Außerdem wurde eine Ausnahmeregelung getroffen, sodaß doch Amtshandlungen während der Wahlkampfzeit vorgenommen werden konnten, wenn die Familien, Kirchenvorstand und Pfarrer einverstanden waren. So nahm ich also auch während der Kandidatur im September 1998 die lange vorgesehene Taufe des Enkelkindes von Frau Seidlich vor, ohne daß das Landeskirchenamt dagegen eingeschritten wäre und schrieb davon auch in Kirche von Unten.

750jähriges Kirchenjubiläum im Frühjahr 1999

Ich fand unter den Fotos im Gemeindearchiv ein großes Bild vor mit einer Riesenanzahl von schwarz gekleideten Goldenen Konfirmanden, mit OLKR Röpke in der Mitte, Untertitel: "700-Jahrfeier der Kirche Offleben 1949". Danach stand 1999 die 750 Jahrfeier an.

Es war die Frage, ob wir diesen Tag mit einer eintägigen Großveranstaltung etwa im Dorfgemeinschaftshaus feiern oder die üblichen Gemeindeveranstaltungen in der ersten Jahreshälfte jeweils unter diesen besonderen Aspekt stellen sollten. In sorgfältigen Vorbereitungen entschied sich der Kirchenvorstand für das letztere Modell unter Einbeziehung der Reinsdorfer Gemeinde.

Das erwies auch deshalb als günstig, weil die Kirchenleitung mich ausgerechnet in dieser Zeit durch eine vorläufige Dienstenthebung aus der Gemeindearbeit heraushalten wollte, was in unseren Kirchenvorständen und Gemeinden auf Unverständnis und Widerstand gestoßen war. Ich mußte mich also bei diesen Jubiläumsveranstaltungen öffentlich etwas zurücknehmen und das ging bei mehreren Veranstaltungen, die über einige Monate verteilt waren, besser als bei einer eintägigen Großveranstaltung.

Zum Auftakt hielt Pfarrer Hinrichs als Festprediger am Epiphaniastag einen Eröffnungsgottesdienst in Reinsdorf. Wir waren über das Echo sehr überrascht. Zum Gottesdienst standen die Besucher bis vor die Außentür. Beim anschließenden Gemeindeabend in der Reinsdorfer Schule gab der Historiker Joachim Schmid, der an einer Dorfschronik für alle drei Gemeinden sitzt, einen Bericht über seine Forschungen über die beiden Kirchen, der auch im Gemeindebrief erschien. Schmid räumte gründlich mit den falschen Vorstellungen von den goldenen kirchlichen Zeiten in der Vergangenheit auf und fand darauf ein erfreuliches Echo.

Die Vereine hatten sich eingestellt, die Bürgermeisterin sprach Grußworte, wir fühlten uns im Dorfleben gut aufgehoben.

Als Festprediger kamen in der folgenden Zeit außerdem zu uns: Propst i.R. Hans Jürgen Kalberlah, Pfarrer Jürgen Naumann, Frau Pfarrerin Dorothea Biersack, Pfarrer Herbert Erchinger und Pfarrer Udo Kelch.

Irgendein ermunterndes Schreiben seitens der Kirchenleitung anläßlich der 750-Jahr-Feier blieb aus. OLKR Kollmar zeigte sich zwar interessiert, die Festpredigt zum Epiphaniastag zu halten, das fand jedoch bei den Kirchenvorständen keinen Widerhall.

In den folgenden Monaten fanden Veranstaltungen mit verschiedenen Themen statt.

Frau Kaufmann-Pieper besuchte den Frauenhilfsnachmittag im Februar und führte in die Welt der Märchen ein., den ökumenischen Weltgebetstag im März und die ökumenische Maiandacht feierten wir in der evangelischen Kirche. Zur Maiandacht saßen wir drei Pfarrer im weißen Ornat, Hinrichs hielt eine Marienpredigt, der katholische Kollege die Lesungen und den Flursegen durch den Pfarrgarten und ich machte als Gastgeber die Begrüßung.

Die Chorgemeinschaft gestaltete am 11. April einen Gottesdienst mit Liedern, einen Sonntag später der Chor der evangelisch-katholischen Studentengemeinde in Braunschweig.

Der Künstler Hans Lopatta, der die Holzplastiken an der Altarwand und die Passionsblätter darüber und die Weihnachtsblätter an der Westempore geschaffen hatte, kam aus Süddeutschland zu einem Sonntagsgottesdienst am 16. Mai. Am Vorabend hatte er "Goethes künstlerische Spuren in der modernen Malerei" an Hand von Dias im Pfarrhaus nachgezeichnet.

Zu einer besonderen Begegnung kam es am 2. Juni im Pfarrgarten mit dem Lehrer Kurt Meier, dessen Vater, "Panzer-Meyer", als Ritterkreuzträger im Dorf immer noch eine gewisse Rolle spielte. Seine eigene Rolle, die des Sohnes, hat er in dem Buch "Geweint wird, wenn der Kopf ab ist" verarbeitet. Es fand sich ein großer, interessierter, nachdenklich werdender Gesprächskreis im blühenden Garten zusammen.

Er war ein inhaltlich gefülltes halbes Jahr.

Die nächste Kirchenvorstandswahl fand am 2. April 2000 statt. Sie stand unter dem ungeschickten Motto: "Aus gutem Grund evangelisch". Auch mit diesem Motto sprach man die Distanzierten nur wenig an.

Zusammenfassung der Kirchenvorstandsarbeit im Rückblick

Im Rückblick erstaunt es mich, wie wenig ich auf die Zusammenarbeit mit dem Kirchenvorstand vorbereitet worden bin. Während meiner Zeit im Predigerseminar 1961 kamen Themen wie: praktische Fragen der Zusammenarbeit zwischen Pfarramt und Kirchenvorstand, Mitarbeiterpflege, geistliche und fachliche Kompetenz, Abgrenzung zur Kirchenbehörde, Überforderung eines Kirchenvorstandes, lohnende und schädliche Konflikte u.a. nicht vor.

Die Kirchenvorstandsarbeit in Offleben und Reinsdorf war geprägt durch die lange Mitarbeit vom Gemeindemitgliedern, die bereits in jungen Jahren im Kirchenvorstand mitgewirkt haben. Rüdiger Schwarz hat mit 27 Jahren angefangen und war von 1969-1989 20 Jahre im Kirchenvorstand. Gabriele Werner/Grotrian hat mit 25 Jahren angefangen und war von 1972-1994 22 Jahre im Kirchenvorstand, Jochen Brandes war zu Beginn 28 Jahre alt und von 1972-1996 24 Jahre im Kirchenvorstand. Ein für die kirchliche Mitarbeit untypisches und daher auffälliges Alter sind die 30iger. Mit 34 Jahren hat Jochen Wolter 1978 angefangen. Als Rudi Chmilewski 1952 für 19 Jahre bis 1971 in die Kirchenvorstandsarbeit einstieg, war er 38 Jahre alt. Ihre dritte Amtszeit hat auch Jutta Seidlich, die 1984 ihre Mitarbeit begann.

Auf die längste Zeit der Mitarbeit im Reinsdorfer Kirchenvorstand, nämlich auf 30 Jahre im Januar 2000, sieht Lisa Pfeiffer zurück. Als sie 1970 anfing, war sie 39 Jahre alt. Walter Bauermeister gehört bereits 22 Jahre lang dem Kirchenvorstand an und ist zum dritten Mal Kirchenvorstandsvorsitzender. Marga Wietfeld gehörte 17 Jahre zum Reinsdorfer Kirchenvorstand.

Die Quelle der Kirchenvorstandsarbeit war für uns das Gemeindeverständnis. Weil das Urbild der Gemeinde die Gemeinschaft im Gottesdienst ist und diese geistliche Gemeinschaft auch in den Alltag einfließen soll, ist das gleichberechtigte Nebeneinander im Kirchenvorstand das A und O jeder Kirchengemeindearbeit. Das ist vor allem ein emotionales, psychologisches Element. Gibt sich der Pfarrer als herablassender "Studierter" oder als theologischer Fachmann, der neben sich andere Fachleute etwa in Bau- oder Finanzfragen gelten lassen kann? Dieses Nebeneinander wird am schönsten beschrieben durch das Wort "Dienstgemeinschaft", das ein Lieblingswort von Bischof Heintze war und in der Verfassung von 1970 verwurzelt ist.

Von der Verantwortung für "Zeugnis und Dienst", die alle Kirchenmitglieder tragen, ist schon in Artikel 1 der Verfassung die Rede. Dienstgemeinschaft heißt: alle haben etwas Wichtiges einzubringen, alle haben mitzureden und mitzutragen. Die Gemeinde ruht auf vielen Schultern. Und vor allem auch auf den Schultern eines Kirchenvorstandes. Weil sie alle schultern, dienen sie alle und keiner herrscht.

Von außen entsteht dann ein geradezu belustigendes Mißverständnis. So schrieb mir jemand aus unserem Konvent, der den Vorsitz im Kirchenvorstand nie abgegeben hatte, am Ende meiner Dienstzeit von den hiesigen Kirchenvorständen, diese machten wohl alles, was ich ihnen diktierte. So kann die nach außen stromlinienförmig wirkende Zusammenarbeit in den Kirchenvorständen mißverstanden werden.

Dem scheint allerdings folgende Beobachtung zu widersprechen: im Umgang mit dem Kirchenvorstand habe ich erst - übrigens ziemlich mühsam - lernen müssen, daß auch der Kirchenvorstand ein Spiegelbild der Kirchengemeinde im Hinblick auf das unterschiedliche persönliche Engagement bei der Mitarbeit ist. Darin unterscheidet sich die Arbeit im Kirchenvorstand nicht von der Vorstandsarbeit in den dörflichen Vereinen, wo sich einige abrackern und andere sich ständig überfordert fühlen.

Die Mitglieder der Kirchenvorstände müssen sich ihre Zeit für die Kirchenvorstandsarbeit zu Hause abringen. Die Termine für Sitzungen, Besprechungen, Gottesdienste konkurrieren mit häuslichen und familiären Vorhaben und Terminen. Das macht die Mitarbeit nicht leichter.

Der Stellenwert "kirchliche Arbeit" rangiert in der Regel an fünfter Stelle: an erster Stelle steht die tägliche Arbeit. An zweiter Stelle die Familie. An dritter Stelle die persönlich gestaltete Freizeit zu Hause, um für Familie und Arbeit aufzutanken. An vierter Stelle die Pflege von Bekanntschaft, Freundschaft, Vereinstätigkeit. Danach folgt in den meisten Fällen erst das kirchliche Engagement. Jeder Pfarrer, der das kritisiert oder zu ändern versucht, sollte sich selber überlegen, ob nicht auch für ihn genau dieselbe Reihenfolge gilt. Nur weil die Kirche gerade sein hauptberufliches Arbeitsfeld ist, rangiert "Kirche" an erster Stelle. Das wird sich bereits dort ändern, wo eine Pfarrstelle halbiert ist.

Dieser niedrige Stellenwert engt den Spielraum für eine ausgedehnte, anspruchsvolle Mitarbeitermitwirkung in der Kirchengemeinde ein. Ein Pfarrer, der die Kirchenvorstände in dieser persönlichen Stellenbewertung stört oder höhere Ansprüche stellt, muß damit rechnen, daß die kirchliche Mitarbeit ganz eingestellt wird.

Ich glaube, daß diese Beobachtung generell für die Kirchenvorstandsarbeit im Braunschweigischen gilt.

Es gibt wenig direkten, persönlichen Kontakt zu Mitgliedern der Kirchenbehörde. Auch der Propst kam nur auf Anforderung. Es gibt wenig geschwisterliche Wahrnehmung der normalen Arbeit vor Ort.

Dazu erschwert es die Arbeit im Kirchenvorstand, daß sich die Kirchenbehörde über die Rolle eines Kirchenvorstandes nicht im klaren ist und in der Beurteilung von Aufgabe, Mitwirkung und Grenzen schwankt.

Dafür einige Beispiele. Ich war erstaunt, wie wenig die Kirchenvorstände bei der Verarbeitung von Kirchenvisitationen beteiligt worden sind. Davon habe ich oben bereits erzählt.

Die Handhabe des Anhörungsrechtes ist durch die Kirchenbehörde unzureichend und oft nur formalistisch. Kirchenvorstände sollen in verschiedenen Angelegenheit "gehört" werden, z. B. bei dem gravierenden Umstand, wenn Kirchengemeinden zusammengelegt werden sollen. Eine solche Zusammenlegung ist manchmal das Ende jahrhundertealter historischer Zusammenhänge. In Bereich der Kohledörfer Büddenstedt, Offleben und Reinsdorf-Hohnsleben war es 1999 passiert, daß den betroffenen Kirchenvorständen im Mai 1999 zur Anhörung eine Frist von 14 Tagen gesetzt worden war und die gründliche Antwort der Kirchenvorstände mit verschiedenen praktischen Vorschlägen in der Antwort des Landeskirchenamtes mit keiner einzigen Silbe gewürdigt, sondern übergangen wurde. Eine solche oberflächliche Wahrnehmung des Anhörungsrechtes ruiniert das Verhältnis der Kirchenvorstände zur Kirchenbehörde und verursacht Schäden, die nicht leicht zu heilen sind.

Wie schwankend sich das Landeskirchenamt gegenüber den Kirchenvorständen verhält, zeigt ein drittes Beispiel. Die Übergabe der pfarramtlichen Dienstgeschäfte am Ende einer Dienstzeit findet in der Regel im Beisein des Propstes oder seines Stellvertreters von einem Pfarrer bzw. einer Pfarrerin zu dem Nachfolger oder der Nachfolgerin statt. Die Pfarrer wechseln, die Kirchenvorstände bleiben, aber bei der Amtsübergabe bleiben die Kirchenvorstände unbeteiligt, "außen vor". Das ist ein unhaltbarere Zustand, besonders in den Kirchengemeinden, in denen der Pfarrer weder den ersten noch den zweiten Vorsitzenden stellt. Aber auch dort, wo der Pfarrer noch den Vorsitz innehat, müßte eine Amtsübergabe im Beisein von Kirchenvorstandsmitgliedern vollzogen werden. Sie leiten ja gemeinsam mit dem Pfarrer die Kirchengemeinde. Bei einem Leitungswechsel können sie also nicht unbeteiligt bleiben.

In den letzten zehn Jahren sind die Stunden der kirchlichen Mitarbeiter/Innen in einer Weise entgegen den Vorstellungen der Kirchenvorstände gekürzt, daß die Kirchenbehörde nicht mehr als Servicestelle für die Kirchengemeinden verstanden werden kann.

Andrerseits sind die Anforderungen der Kirchenbehörde unmäßig. So sind z.B. die Formulare für die Aufstellung eines Haushaltsplanes wie auch für die Visitation viel zu unpraktisch und umfangreich.

Um so schöner war es mir, zu erleben, wie auch gegen die ausdrücklichen Widerstände der Kirchenbehörden die geistliche Mitarbeit der beiden Kirchenvorstände beständig wuchs: in der Beteiligung an Segenshandlungen im Taufgottesdienst, bei der Einsegnung der Konfirmanden, bei der selbständigen Abhaltung von Abendmahlsgottesdiensten, bei denen ich "nur Gast" war, bei den Predigtgottesdiensten, bei denen ich "nur Hörer" war, schließlich bei dem "Abschiedsgottesdienst" am 30. Mai 1999, bei dem ich dann, umgeben von den Mitgliedern der Kirchenvorstände und weiteren kirchlichen Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen "nur der Gesegnete" war. Dieser Reichtum bleibt.


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