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[Kirche von unten]

Gemeinsam - zärtlich - radikal

12. Kapitel

Die Frauenhilfe - Ole Offlesche - Hausgottesdienste

Besuchsdienst - "Gehkirche" - Lesekreis

Neben dem Kirchenvorstand ist die Frauenhilfe die stabilste und historisch älteste Organisation einer Kirchengemeinde. Jeder Pfarrer ist gut beraten, es mit der Frauenhilfe nicht zu verderben. Die Arbeit der Frauenhilfe ist einem zeitgemäßen Wandel und ihre Geschichte unterschiedlichen Zeitabschnitten unterworfen.

Die Geschichte der Frauenhilfe

Aus der Gründungsgeschichte

Wie fast alle Frauenhilfsgruppen in der Landeskirche ist auch die Offleber eine Gründung aus herzoglicher Zeit. Es gab eine Gründungsurkunde mit der Unterschrift der Kaiserin Victoria, die wir sehr in Ehren gehalten haben. Sie ist leider verschwunden. Die Offleber Frauenhilfe ist im Jahre 1915 gegründet worden und hat im Laufe der Zeit vier Mal einen neuen Gründungsanlauf genommen.

Pastor Reiche schreibt in der Kirchenchronik: "Für jeden Gefallenen der Gemeinde wurde vom Frauenverein ein Kranz an der Kanzelwand aufgehängt." Das war 1915. Wir erfahren auch, wie dann die Frauen aus den Kriegsgebetsstunden im Laufe des Kriegsjahres 1916 wegblieben, "weil man gegen Gott murrte, da er ihre Gebete nicht erhört hat", fährt Pastor Reiche fort.

Da die Frauenhilfe, wie im ganzen Lande, eine Gründung "von oben" war, verschwand sie mit der Absetzung des Herzogs nach 1918 von der Bildfläche. Im Landesverband ging es erst 1924 mit der neuen Landesvorsitzenden Frau Agnes v. Grone aufwärts.

In Offleben hingegen wurde als Frauenverein des "Stahlhelm" der Königin-Luise-Bund gegründet, der von den kirchlich gesinnten Frauen Frau Jacobs und Frau Brandes geleitet wurde und die Bildung einer Frauenhilfe scheinbar überflüssig machte. Die Frauen des Königin-Luise-Bundes trugen eine blaue Tracht und daher den Spitznamen "Kornblümchen". Sie beteiligten sich am kirchlichen Leben, besonders wenn eine kirchliche Trauung in ihren Familien bevorstand. Es gibt ein Bild vom Innenraum der Offleber Kirche, wo die "Kornblümchen" bei einer Trauung im Sommer 1933 Spalier im engen Mittelgang der Kirche stehen.

1933 wurde die NS-Frauenschaft als Frauengruppe der NSDAP gebildet, die von der beliebten Hebamme Alma Meyer geleitet wurde. Der Stahlhelm löste sich 1935 auf und ging größtenteils in die NSDAP über. So löste sich auch die Frauengruppe des Stahlhelm, der Königin-Luise-Bund, auf und trat teilweise der Frauenschaft bei.

Neugründung im Dritten Reich

Um so erstaunlicher ist es, daß sich 1937 im nationalsozialistisch völlig durchorganisierten Offleben eine kirchliche Frauenhilfe bildete. Pastor Reiche schreibt in der Kirchenchronik: "Am 10. Dezember wurde eine kirchliche Frauenhilfe gegründet. Von der Frauenschaft unter dem Ortsgruppenleiter Wahnschaffe wurde versucht, der Gründung Schwierigkeiten zu bereiten. Trotzdem gelang es. 19 Frauen traten bei, meist aus landwirtschaftlichen Arbeiterkreisen. Gott gebe, daß die Schar sich vergrößert, und daß die Frauenhilfe ein Segen für die Gemeinde und das kirchliche Leben werde. Fräulein v. Sengbusch hatte schon im November über die Aufgaben der Frauenhilfe in der Kirche gesprochen und einen Film vorgeführt. Am Gründungstage sprach sie wieder und zeigte einen Film. Auch Propst Bosse war erschienen und richtete mahnende Worte an die Frauen."

Wer die Frauenhilfe damals leitete und wer ihr angehörte, ist nicht sicher überliefert. Frau Bertha Märtens war die einzige aus der damaligen Zeit, die zu meiner Amtszeit noch zur Frauenhilfe gehörte. Wir vermuten, daß zu den erwähnten 19 Frauen dazugehörten: Marie Benroth, Else Heine, Luise Brzezinski, Frieda Braun, Luise Herforth, Elisabeth Reiche. Vielleicht sind auch einige Mitglieder des Kirchenchores dabei gewesen. Im Laufe des Krieges ist dann die Frauenhilfe entweder verboten worden oder eingeschlafen, sodaß es nach dem Kriege zu einem dritten Anlauf gekommen ist.

Neugründung nach dem Kriege: 1946

"Im Februar des Jahres (1946) wurde die Arbeit der Frauenhilfe neu begonnen", schreibt Pastor Müller in die Kirchenchronik. Es kam zur Bildung von zwei Gruppen. Die Älteren trafen sich am Nachmittag und die Jüngeren, darunter auch die Mütter der Konfirmanden, am Abend. Die Hauptaufgabe der Frauenhilfe nach dem Kriege war die Bildung des Evangelischen Hilfswerkes. Sie sammelten Geld und verteilten Gaben an die Hilfsbedürftigen des hoffnungslos überlaufenen Dorfes. Es kamen auch Gaben von den christlichen Gemeinden in den USA. Zum ersten Mal wurde am 24.2.1950 von der Frauenhilfe der Weltgebetstag der Frauen in Offleben gefeiert.

Die Leitung der Frauenhilfe lag in den Händen von Frau Pastor Hildegard Müller. Nachdem das Ehepaar Müller nach Emmerstedt verzogen war, übernahm die junge Frau Pastor Schuseil die Frauenhilfe. "Ihre Mitgliederzahl ist im Steigen begriffen", schrieb ihr Mann in die Kirchenchronik.

Zum 75. Jubiläum 1990 schrieb Pfarrer Schuseil einen kleinen Bericht von der Bedeutung der Frauenhilfe für seine Arbeit.

Die Frauenhilfe zur Zeit von Pastor Schuseil

Für meine Frau und mich gab es eine erste Begegnung mit Offleben vor 39 Jahren. Wir fuhren Ende September 1951 mit dem Fahrrad vom Wohnsitz meiner Schwiegereltern, Vorsfelde, nach Offleben. Ein strahlender Herbsttag bei Ostwind. Als wir ins Dorf hinunterfuhren, stellten wir bei uns fest, daß wir von oben bis unten braun besprenkelt waren.

Das Schwelwerk war die erste Begrüßung in Offleben. Vor der Kirche raschelte Kastanienlaub, Kinder und Hühner bevölkerten den Platz. Kein Torweg grenzte den Pfarrhof ab. Wir hörten Geigenspiel im Pfarrhaus und nach längerer Zeit öffnete uns Herr Übel, ein Pfarrdiakon, die Haustür.

Im Oktober des Jahres kam unser Umzug. Ich begann am 1. Oktober meinen Dienst als Vikar. Am 6. Oktober heirateten wir in Thiede. In meiner Heimatkirche wurden wir getraut. Noch an unserm Hochzeitstag am Abend spät zogen wir ins Offleber Pfarrhaus ein. Am nächsten Morgen in der Frühe wurden wir von Hammerschlägen an die Haustür geweckt. Als wir vor die Haustür traten, schmückte eine wunderschöne Girlande die Haustür zu unserem Empfang. So waren wir dem Empfang zuvorgekommen. Dennoch haben wir uns riesig gefreut. Es war das erste Zeichen dafür, daß wir herzlich aufgenommen wurden. In den 5 Jahren, die wir in Offleben waren, sollten noch unzählige Zeichen der Freundlichkeit und Zuneigung folgen. Wir waren von Anfang an in Offleben und Reinsdorf angenommen. Vor allem aber war es die Frauenhilfe, in der wir sehr bald zu Hause waren mit unserer Familie. Andreas, Martin, Johannes wurden in Helmstedt geboren, während Dorothee nach unserer Umsiedlung nach Sehlde in Salzgitter-Bad geboren wurde. Die Kinder schufen schnelle Bindungen. So manche Dose Wurst und Gemüse kam von stillen Spendern auf den Familientisch. Denn es blieb nicht verborgen, wie gering damals das Gehalt eines angehenden Pastors war (ca. 150 DM). So manches Stück Braunkohle wanderte von Spendern im Winter in den Ofen. Die BKB lag ja den Offleben nicht fern. Immer wieder fanden sich Konfirmandinnen, die unserer Kinder betreuten, wenn wir in der Gemeinde zu wichtigen Besuchen unterwegs waren. Dankbar denke ich an alle zurück, die uns geholfen haben.

Aber am wichtigsten war doch, daß die Frauenhilfe die entscheidende Stütze im Leben der Gemeinde gewesen ist. Sie trug das Gemeindeleben. Sie war unsere Stütze in unserem Dienst als Pfarrersleute. Meiner Frau war es selbstverständlich, mit mir zusammen Dienst zu tun. Sie war mir eine große Hilfe. In ihrer fröhlich auf die Gemeinde zukommenden Art schuf sie schnell Kontakte. Sie war immer dabei. Sie organisierte unserer Fahrten, spielte zeitweilig Orgel. Der Garten mußte auch bewirtschaftet werden. Mein Pfarrdienst war ohne meine Frau nicht denkbar. Aber vor allem war er nicht denkbar ohne die Frauenhilfe. Ich begann meinen Dienst in Offleben. Wieviel Geduld, Nachsicht, Verständnis und auch Vergebung fand ich in der Frauenhilfe. Sie stand für ihren Pastor ein. Sie war die Stütze im Gottesdienst, in der Bibelstunde, in der Seelsorge, wenn es z.B. galt in Notfällen Handreichung zu tun. Während meiner Dienstzeit habe ich es überall, wo ich Dienst tat, erfahren, in Offleben, in Sehlde und hier in Wolfenbüttel: "...daß ich die Liebe, von der ich leb', liebend an andere weitergeb' ". Diese Losung der Frauenhilfe galt doch am Anfang des Bestehens der Frauenhilfe bis heute und solange es die Frauenhilfe geben wird.

Sie dürfen ein wichtiges Jubiläum feiern. Im ersten Weltkrieg, in schwerster Zeit unseres Vaterlandes wurde die Frauenhilfe Offlebens gegründet. Was ist alles bis heute geschehen im persönlichen Leben und im Leben unserer Kirche und unseres Vaterlandes, Höhen und dunkelste Tiefen. Sie feiern im Dorfgemeinschaftshaus. Es liegt nicht mehr an der schrecklichen Grenze, sondern wieder mitten in Deutschland. Der Verkehr führt wieder über die Grenze, als wäre nichts gewesen. Aber die Offleber und Reinsdorfer haben die Grenze Jahrzehnte durchlitten, hautnah. Und nun, welch eine Wende, die auch zu Ihrem Jubiläum gehört. Das ist auch ein Grund, das Jubiläum in Dankbarkeit zu begehen. Ich wünsche Ihnen, daß sie voller Dank und Lob im Aufblick auf unsern Herrn Jesus Christus das Jubiläum begehen können.

(Gemeindebrief August/September 1990)

Der Nachfolger von Pfarrer Schuseil, Pfarrer Löhr, meldete die Frauenhilfe vom Landesverband ab. Es waren keine sehr grundsätzlichen Gründe, sondern eher seine Sparsamkeit, die die eingezahlten Beträge für die eigene Arbeit verwenden wollte. Es bestand also nunmehr kein Frauenhilfe, sondern eine kirchliche Frauengruppe.

Rückblick auf die Frauenhilfe von 1950-1964

von Frau Clara Cranz, die der Frauenhilfe seit 1950 angehörte.

1950: Damals gab es zwei Gruppen: die Älteren gingen von 15.00-17.00 Uhr, die Jüngeren von 20.00-22.00 Uhr. Zu der letzteren Gruppe gehörten auch Frau Cranz, Frau Jacobs, Frau Pastor Müller, die beide Kreise leitete, Frau Isensee, Frau Else Müller, Frau Alwine Kluge, Martha Meyer, geb. Probst, Anna Cortekar, Hermine Bagusat, Frau Wahl, Else Heine, Frau Huber, die die Kindergruppe leitete, Berta Märtens, Frau Lindau, Frau Hobohm, Frau Peters, geb. Lieske, Frau Trautmann, E. Liesegang, Thea und Anneliese Eicke, Frau Bockmann, Cläre Schwarz, die die Kasse führte, Frau Schulz, Frau Benroth. 1951 ging Pastor Müller nach Emmerstedt. 1951 bekamen wir den frisch vermählten Pastor Schuseil mit Gattin in unsere Kirchengemeinde. Mit Hilfe von Cläre Schwarz übernahm Frau Schuseil das Amt als Leiterin. An den Hauptversammlungen des Landesverbandes in Braunschweig nahm ich teil, da Frau Schwarz aus Gesundheitsgründen und Frau Schuseil als werdende Mutter sich schonen mußten. Da sich die junge Pastorenfamilie zusehends vergrößerte, stellte sie den Antrag auf mehr Wohnraum im Pfarrhaus, welches leider abgelehnt wurde. Daher entschied sich Herr Pastor Schuseil für eine neue Pfarrstelle, was wir sehr bedauerten.

Anschließend übernahm Herr Pastor Löhr das Amt des Gemeindepfarrers auf sieben Jahre. Frau Tobias war damals Leiterin der Frauenhilfe. Herr Pastor Löhr meldete die Frauenhilfe vom Landesverband ab, weil er den Beitrag an den Landesverband nicht mehr abführen wollte. Das fand jedoch nicht die Billigung aller Frauenhilfsschwestern. 1963 baten mich nach dem Wechsel von Herrn Pastor Löhr nach Goslar Frieda Schulz, Frau Heine und Frau Tobias die Leitung der Frauenhilfe zu übernehmen. So bin ich als Leiterin eingesetzt worden.

(Gemeindebrief Ostern 1992)

Die Frauenhilfe 1964

Ich habe die Frauenhilfe 1964 wieder beim Landesverband angemeldet. Das war der vierte und nunmehr letzte Anlauf. 1964 hatte sie 32 Mitglieder, geleitet wurde sie von Cläre Cranz.

Frau Cranz gehörte schon unter Pastor Löhr dem Kirchenvorstand an. Ihre Familie stammte aus dem Sächsischen, der Vater war, um Arbeit zu finden, nach Barneberg verzogen, und als in Offleben in den 20iger Jahren die Arbeitersiedlungen gebaut wurden, siedelte die Familie Bode nach Offleben über. Frau Cranz ist fest in der Arbeiterschaft verwurzelt und hat zugleich kirchliche Bindungen. Diese Mischung ist in der Braunschweiger Gegend selten, weil hierzulande die Sozialdemokraten, früher jedenfalls, doch einen eher kirchenfremden, um nicht zu sagen kirchenfeindlichen Anstrich hatten. Zu diesen evangelischen älteren Frauen mit sozialdemokratischer Einfärbung gehörten für mich unter anderen noch Frau Anna Ziegeler und Frau Anni Wieczorek. Aber schon Pastor Reiche bemerkte in der Kirchenchronik, daß die Frauenhilfe 1937 vor allem aus "landwirtschaftlichen Arbeiterkreisen" gebildet worden war.

Zum Vorstand der Frauenhilfe gehörten außerdem Frau Lisa Radusch, Frau Martha Grunau, Frau Martha Tobias, Frau Krause, Frau Irmgard Gröger, Frau Bandermann.

Anfangs gestaltete ich die Frauenhilfsnachmittage mit bürgerlichem Bildungsprogramm. Die Frauen sollten etwas "geboten" bekommen, was Wertvolles, wie man sagt. Also zeigte ich Dias von Werken alter oder moderner Kunst, zeichnete das Porträt von Kirchenleuten, berichtete von Reisen nach Amerika und Rußland.

Eines Tages sagte mir Frau Asche im Gespräch mehr nebenbei: "Herr Pastor, ich bin heute noch kein Wort losgeworden." Da begriff ich, daß die vorrangige Aufgabe der Frauenhilfe sein müsse, die Frauen miteinander ins Gespräch zu bringen und nicht ihnen dies oder das, was man selber für "gebildet" hielt, zu vermitteln. Fortan suchte ich Themen, zu denen sich die Frauen auch spontan äußern konnten. Das waren Themen ihres eigenes Lebens: Wie war früher Erntedankfest? Was haben die Frauen früher verdient? Was hatte der Mann mir zu sagen? Daraus ergab sich "im Vergleich zu heute" sehr rasch auch ein Meinungsbild zu gegenwärtigen Fragen.

Wir unternahmen zahlreiche Jahresfahrten, früher ganztägig, später mehr halbtägig in die weitere oder nähere Umgebung. Dabei war es mir wichtig, möglichst in eine andere Frauenhilfe oder Kirchengemeinde hineinzusehen, damit es nicht nur eine Vergnügungsfahrt war, sondern eine Begegnung mit anderen kirchlich engagierten Leuten. Wir besuchten die Frauenhilfe von Pastor Schuseil, die dann sogar einen Gegenbesuch machte, oder Herrn Pfarrer Warmers in Salzgitter-Bad.

Mit der Frauenhilfe zum Kirchentag nach Hannover

Der Kirchentag vom 21.-25. Juni 1967 in Hannover lag so nahe, daß mehrere erwachsene Gemeindemitglieder mit dem Bus am Donnerstag und Sonnabend erstmals einen Kirchentag besuchten. Meinem Vorgänger waren Kirchentage von ihrer theologischen Ausrichtung her nicht empfehlenswert.

Vor allem Mitglieder der Frauenhilfe nahmen an den beiden Fahrten teil. Sie erlebten einen großen, von viel jungen Menschen geprägten, musikalischen, aktuellen und den Fragen der Zeit sehr aufgeschlossenen Kirchentag. Der Kirchentag stand unter dem Thema "Der Friede ist unter uns". Wir hörten Referate von Wehner, Gollwitzer, Stoltenberg. Häfele, Zahrnt, v. Weizsäcker. Die Vietnampolitik Amerikas wurde scharf angegriffen, der Alleinvertretungsanspruch in der Deutschlandpolitik hinterfragt, der Entwicklungsdienst sollte als Ersatzdienst angerechnet werden.

Im Gemeindebrief forderte ich auf, es möchten sich möglichst viele als Berater von Wehrdienstverweigerern melden. Der Gemeindebrief Juli 1967 wurde eingeleitet mit dem Kirchentagslied: "Einige Leute loben den Frieden, der in Jenseitstresoren lagert und später an Seelen verteilt wird. Was hilft uns ein Friede reserviert nur für Tote? Herr, mache uns zu Boten deines Friedens". Dieses Lied hat sich aber in unserer Gemeinde nicht eingebürgert.

Die Frauenhilfe - die verläßliche Gruppe der Gemeinde

Die Frauenhilfe ist die beständigste Gruppe der Kirchengemeinde. Sie traf sich keineswegs, wie Außenstehende meinten, nur zu einem Kaffeestündchen, sondern hat viele Aufgaben in der Kirchengemeinde übernommen. Dazu gehörte alle zwei Jahre regelmäßig die Ausgestaltung der Goldenen Konfirmationen. Der Termin für die Goldene Konfirmation mußte zuerst mit der Frauenhilfe abgesprochen werden. Das Kuchenbacken, den Saal des Dorfgemeinschaftshauses schmücken, die Tische eindecken, das Bewirten, Geschirr aus- und einräumen - es war sehr viel zu tun, was ohne die Frauenhilfe nicht zustande gekommen wäre.

Seit einiger Zeit fand ein Osterfrühstück nach dem Osterfrühgottesdienst statt. Der Konfirmandensaal war frühlingshaft geschmückt, Eier wurden vorher gefärbt, hier haben sich Frau Rauch und Frau Krause immer wieder kräftig eingeschaltet. Die ganzen Vorbereitungen bedeuteten einen erheblichen Aufwand.

Wenn der Weltgebetstag in der eigenen Gemeinde stattfand, wurde für das ökumenische Beisammensein nach dem Gottesdienst der Tisch gedeckt.

Aber die Frauenhilfe war auch bei den zahlreichen Kirchenrenovierungen zur Stelle: die völlig verräucherte Kirche ist wiederholt von Grund auf gesäubert worden. Nachdem ein neuer Fußboden in der Kirche gelegt war, mußte die Kirche völlig neu eingeräumt werden. Als die großen Scheunen um die Kirche verschwanden, waren es die Frauen, die mit Hacke und Harke das große Gelände rasenfertig machten. Es gibt darüber einen hübschen Film.

Zwei Gottesdienste im Jahr gehörten eigentlich ganz der Frauenhilfe und wurden auch von ihr durchgeführt: der Weltgebetstag der Frauen am ersten Freitag im März und die ökumenische Maiandacht, meist in der katholischen Kirche.

Vorsitzende Gerlinde Rademacher

Am 8. Januar 1992 gab Frau Cranz, 78jährig, den Vorsitz an die 1947 geborene Frau Gerlinde Rademacher ab. Sie verabschiedete sich im Gemeindebrief Ostern 1992 von der Arbeit mit einem Wort vom katholischen Pater Alfred Delp: "Laßt uns dem Leben trauen, weil wir es nicht alleine zu leben haben, weil Gott es mit uns lebt."

Frau Rademacher hatte seit August 1971 die Kirchenkasse geführt und kannte die Arbeit der Kirchengemeinde von innen. Ihre Schwester Gunhild Haase war seit 1988 im Kirchenvorstand und hatte ihre Mutter, Frau Gerda Rauch, in diesem Amt abgelöst. Mit Frau Rademacher nahm die Frauenhilfe einen Aufschwung. Es versammelten sich zu den monatlichen Treffen zwischen 20 und 30 Frauen, nun auch wieder mittleren Alters. Die Gestaltung des Nachmittags mit der Auswahl eines Themas und Vorlesegeschichten, der Andacht und dem Schlußsegen lag ganz in der Hand von Frau Rademacher.

Sehr großen Anklang findet die Januarfreizeit des Landesverbandes in Bad Harzburg, wo der Weltgebetstag vorbereitet wird und der von Offleber und Reinsdorfer Frauen mit großem inneren Gewinn besucht wird. Es ist aber vor allem der Austausch zu den unterschiedlichen Anlässen, der den Frauen so gut gefällt.

De Olen Offlesche

Neben der Frauenhilfe entstand ein Kreis älterer Offleber Einwohner: die "Olen Offlesche". Er bestand etwa zwanzig Jahre lang. Anfangs gehörten ihm auch Männer an. Das war ein Altentreff mit speziellen Offleber Dorfthemen: wie war es früher in der Offleber Schule? Wer war Kantor Wöhler? Wie sah es im Winkel aus, der kinderreichsten Ecke im Offleben der zwanziger Jahre, und daher Krewelwinkel genannt. Manche Geschichten wurden dann im Gemeindebrief veröffentlicht.

Eine andere Geschichte, über die "christliche Schule" in Offleben lasse ich hier im Erzählton folgen:

De Olen erzählen von der Schule

Gehauen wurde in der Schule dolle, Lehrer Bergholz hat einem ein linkes Ohr abgerissen.

Schulze war auch nicht besser. Bei mir hat das Ohr geblutet. Da ist meine Mutter mit mir zum Arzt gegangen. Der hat dann Salbe gegeben. Die Salbe habe ich dick hinters Ohr geschmiert. Beim nächsten Mal hat er die ganze Salbe an den Fingern gehabt.

Doch, es wurde viel geschlagen. Auf die Schultern bei den Jungens. Lehrer Bergholz stellte sich auf die Bänke und schlug mit dem Rohrstock von oben.

Mein Vater setzte sich beim Gesangverein neben den Lehrer und sagte ihm: "Du, das Mädchen läßte mir in Ruhe. Bei den Jungens ist es was anderes."

Schulze war auch gräßlich. Das weiß ich noch wie heute. Wenn der angefangen hat, hat er nicht wieder aufgehört.

Wir haben einen großen Bogen gemacht, wenn wir die Lehrer sahen.

Wer hat doch immer so gekniffen? Ja, das war Schulze.

Es wurden große Unterschiede gemacht. Wen sie leiden konnten und wen nicht.

Die Bauernkinder hatten es am besten. "Der hat ihn wohl gestern wieder inneladen", und das war auch so. Wir Arbeiterkinder wurden gar nicht geachtet.

Weil unsre Eltern Arbeiter waren, haben die uns gar nicht angesehen.

Lehrer Wöhler war in Ordnung.

Lehrer Kohlhase hat auch gemöbelt. Wenn der im karierten Anzug kam, dann wußten wir schon, der hat schlechte Laune.

Schön war es, wenn wir Naturkunde hatten. Dann gingen wir raus oder wir machten einen Ausflug in den Elm und haben Bucheckern gesucht. Jedenfalls war das immer schön.

Für den Elternabend haben wir Theaterstücke aufgeführt. Das war einmal im Jahr bei Traupe im Saal.

Gesungen haben wir viel. Turnspiele und Handarbeit war nachmittags.

In unserer Schule gab es zwei Klassenräume. Wir hatten drei Abteilungen. In der Mitte war ein großer Gang, die Jungens saßen rechts und die Mädchen links. Wir waren viel Kinder in der Klasse. Die Lehrer wohnten oben in der Schule.

Paster war einmal in der Woche, Montag, erste Stunde. Der hat dann gefragt, was am Sonntag gepredigt wurde. Zur Kirche mußten wir. Jeden Sonntag. Und dann zur Kinderlehre. Und wenn Taufe war, mußten wir extra singen. Bei Hochzeiten auch.

War das nur hier so? Das werden sie wohl von überall hören. Und früher auch schon. Die Mutter hat mir erzählt: paß auf, daß der Lehrer dir nicht auf die Hände haut.

Die wollten Gehorsam erzwingen.

Das wurde anders, als 1924 Rektor Bierfreund kam. Wir bekamen eine neue Schule und da stand drüber: "Freude ist alles". Und so hat der Rektor das auch gewollt in der Schule.

(aus: Kirche von Unten, Heft 17, Oktober 1986, S. 10f)

Hausgottesdienste

Über 20 Jahre lang gab es monatliche Gottesdienste und Treffen bei Frauen, denen der Weg zur Kirche und zu den Frauenhilfsnachmittagen zu beschwerlich geworden war und die ihre gewachsenen Verbindungen zur Gemeinde weiter pflegen wollten. Frau Marie Burzlaff aus Pommern lud seit 1970 ihre Nachbarn zu Abendmahlsgottesdiensten in ihr Haus und später, als sie nach dem Tod ihres Mannes umgezogen war, ins Altenwohnhaus. Das war manchmal eine große Schar bis zu 10 Personen.

Einen weiteren Standort für solche Gottesdienste bot in ihrem Wohnzimmer Frau Martha Grunau aus Schlesien. Wir wechselten mit Erzählnachmittagen und Gottesdiensten ab. Frau Grunau sammelte zu diesen Hausgottesdiensten einen festen Stamm aus dem Altenwohnhaus und aus der Nachbarschaft. Diese Form des Gottesdienstes bot noch mehr ungezwungene geistliche Kommunikation.

Auch Frau Helene Mennecke, die frühere Gemeindeschwester des Dorfes, lud gelegentlich zu solchen Gottesdiensten in ihre Wohnstube ins Haus an der Alversdorfer Straße ein.

Der Diakonieausschuß - Besuchsdienst

Die Besuche anläßlich einer Taufe, einer Trauung und eines Trauerfalles waren die selbstverständliche Aufgabe des Pfarrers.

Aus den Mitgliedern der Frauenhilfe heraus bildete sich der Diakonieausschuß, dessen Hauptaufgabe der Besuchsdienst war. Da gab es die Jubilare, die älteren Gemeindemitglieder, die zum 70., 75. und 80. Geburtstag besucht wurden. Wenn es Mitglieder der Frauenhilfe waren, bürgerte sich für eine längere Zeit ein, daß wir dem Geburtstagkind ein Ständchen brachten und ein oder zwei Choräle sangen. Diese schöne Sitte schlief mangels Beteiligung wieder ein.

Frau Rauch und Frau Krause besuchten dann in treuer Regelmäßigkeit diese Gemeindemitglieder, wobei die Aufnahme unterschiedlich war. Sie brachten eine Kerze mit dem Datum des Jahres, die Kachel mit der Jahreslosung und etwas zum Lesen. In der Regel wurden sie freundlich aufgenommen, es gab aber auch Wohnungen, wo sie an der Wohnungstür "abgefertigt" wurden, und solche, wo sie das Geschenk der Kirchengemeinde nur abgaben. Oft aber sah ich die Kacheln mit der Jahreslosung doch in den Wohnungen im Flur angebracht. Mit diesem Besuchsdienst erwiderte die Kirchengemeinde die Tatsache, daß alle evangelischen Kirchenmitglieder im Jahr ein kleines Kirchgeld von 10 DM pro Person entrichteten und damit den Wunsch nach Verbindung zur Kirchengemeinde sichtbar bekundet hatten.

Ich muß gestehen, daß ich sehr dankbar war, daß die Mitglieder des Diakonieausschusses diesen Dienst übernommen haben. Wenn ich selber das "Geburtstagskind" besuchte, vermißte ich meist die Möglichkeit zu einem wirklichen Gespräch. Dazu war dieser Tag nicht gemacht. Ich bin gelegentlich lieber vor oder nach dem Trubeltag hingegangen. Dann allerdings war der festliche Anlaß nicht mehr gegeben. Es kam auch vor, daß Kirchenvorsteher und Pfarrer sich bei einem Landwirt zum Gratulationsbesuch einfanden, und dann bald hinauskomplimentiert wurden, weil ein Essen im Familienkreis oder für die geladenen Gäste angesagt war.

Dieses geistlich ziemlich unverbindliche Auftauchen der Kirche im Alltagsrhythmus ist für die Erinnerung der Kirchenmitgliedschaft durchaus wichtig. Es kam auch vor, was aber selten war, daß ausdrücklich "nach dem Pastor" verlangt wurde.

Die Frauen haben sich als kompetente Repräsentanten der Kirchengemeinde und des Kirchenvorstandes durchaus behauptet und wurden als solche auch anerkannt. Kirchlicher Dienst also auf vielen Schultern wie auch schon im Gottesdienst - so war diese Arbeit gedacht.

In Reinsdorf hat diesen Besuchsdienst in ausdauernder Treue Frau Bauermeister gemacht.

Der Pfarrer: die "seelische Berufsfeuerwehr"

Dienst auf Abruf - der erreichbare Pfarrer

Ein Landpfarrer im Braunschweigischen muß sich darauf gefaßt machen, daß er einen Dienst auf Abruf innehat. Wenn der Pfarrer gebraucht wird, holt man ihn. Für das Dorf ist die Gewißheit wichtig, daß er "immer erreichbar" ist, auch wenn man ihn jahrelang nicht holt und braucht. Wenn man sich seiner Erreichbarkeit beim Einkaufen am Vormittag, am Sonntag auf dem Fußballplatz, beim Spaziergang zwischen den Schrebergärten versichern kann, reicht das vielen aus. Es ermöglicht den gottesdienstfremden Kirchenmitgliedern auch den erwünschten Abstand zu Glauben, Kirche, "Paster". Das muß vom Ortspfarrer respektiert werden.

Der "Herr Pastor" ist für den Notfall da. Der Pfarrer als eine Art Feuerwehr, wenn es "brennt". Urlaubszeiten und Abwesenheiten stören dieses Gefühl der Erreichbarkeit und sind schwer zu erklären. Es könnte

ja "brennen" und die "Seelenfeuerwehr" ist nicht da. Das ist dann schlimm. "Der ist ja nie da", heißt: er war diesmal nicht sofort erreichbar. Dies gilt für die große Mehrheit, etwa 85% der evangelischen Dorfbevölkerung. Dese Einstellung ist bei den engeren kirchlichen Mitarbeitern natürlich anders.

Es war mir sehr die Frage, ob dieser Zustand veränderbar sei. Ich wollte anfangen, mich hier und da einzustellen, beispielsweise auch zum 60. Geburtstag, und erzeugte bei einem der ersten Versuche zuerst nur ein großes Erschrecken.. Als ich den Tag nach dem 60. Geburtstag einer Frau zu einem Besuch benutzte, fragte sie nach dem Öffnen der Wohnungstür, ob ihrem Sohn etwas zugestoßen sei. Wir hatten dann trotzdem ein gutes Gespräch in der Küche. Gewiß läßt sich solch eine Reaktion durch eine Mitteilung im Gemeindebrief auf die Dauer vermeiden.

Und warum nicht bei den 30- und 40jährigen "Mitgliederpflege" betreiben, insbesondere dann, wenn man sie getauft und konfirmiert hatte? Das gab es auch in seltenen Einzelfällen, wo ein persönliches Verhältnis entstanden war. Vorherrschendes Maß für die meisten Gemeindemitglieder jedoch war jene Erreichbarkeit.

Die besonders von kirchenoffiziellen Verlautbarungen viel beschworene "Geh-Kirche", nämlich als zu den Menschen hingehende, besuchende, missionierende Kirche - im Gegensatz zur "Komm-Kirche" - hat ihre Tücken. Sie geht von der falschen Hoffnung aus, daß die Pfarrerin/der Pfarrer zu jeder Tages- und Nachtzeit ein gern gesehener Gast ist. Die Familien haben ihre Beschäftigung in Garten, Haus und im geregelten, ausgefüllten Alltag. Da ist für ein Gespräch um Leben und Glauben nicht viel Platz.

Es gab in Braunschweig einmal das Projekt eines massiven Besuchsdienstes mit dem Ziel der Bildung von Hauskreisen unter dem Namen "Neu anfangen". Das Projekt ist bald wieder eingeschlafen.

Der Lesekreis

In den unruhigen 60iger Jahren entstand der Lesekreis. Er entwickelte sich aus dem Kirchenvorstand. Dort hatte ich 1967 angefangen, in den Sitzungen jeweils einen Abschnitt aus Carl Friedrich v. Weizsäckers "Bedingungen des Friedens" kursorisch zu lesen und zu diskutieren. Daraus entstand der Wunsch, so etwas regelmäßig zu machen und es bildete sich ein Kreis aus für die kirchliche Arbeit untypischen, mittelalterlichen Vierzigjährigen. Untypisch für die kirchliche Arbeit, jedenfalls bei uns, war auch, daß sich zu diesem Lesekreis Ehepaare einfanden, sodaß sich die Frage, "wann ist Schluß des Abends?" gar nicht stellte. Man ging gemeinsam nach Hause.

Gründungsmitglieder und fester Stamm des Kreises waren die Ehepaare Lisa und Erich Radusch, Anneliese und Hans-Dieter Lübbecke, Reni und Wolfgang Schneider.

Lesekreis zwei Jahre alt

"In diesem Jahr haben wir das zweijährige Bestehen mit einem mehrstündigen Bericht von Herrn Thoss (Schöningen), der zwei Jahre als ausgebildeter Maschinenschlosser in Indien Entwicklungsdienst geleistet hat, gefeiert. Herr Thoss zeigte sehr instruktive Bilder aus Indien und aus Japan und verdeutlichte nicht nur die Notwendigkeit, sondern auch die erhebliche Problematik des Entwicklungsdienstes.

Zu den von uns bisher gründlich durchgearbeiteten Texten gehören u.a. die Ostdenkschrift der EKD, die Friedensdenkschrift der EKD, der Vietnamreport der evangelischen und katholischen Studentengemeinden, die Notstandsgesetze mit Kommentar, ein Aufsatz von Prof. Kluge über die Vorbeugehaft, ein Kapitel aus "Religionen der Erde" über den Islam, eine Einführung in die Quellengeschichte der Bibel (abgebrochen), ein Aufsatz von Prof. Braun "Vom Verstehen des Neuen Testamentes", der Bericht der Sektion VI der Weltkirchenkonferenz von Uppsala "Über einen neuen Lebensstil".

Mit verschiedenen Studenten haben wir die Lage an den deutschen Universitäten diskutiert und zwischendurch Dias von verschiedenen Reisen gesehen. Der Lesekreis trifft sich regelmäßig freitags im Abstand von drei Wochen. Er ist für alle offen, die in gegenseitiger Achtung die Meinung Andersdenkender ertragen und ihre Meinungen offen zur Diskussion stellen können."

(Gemeindebrief Januar/Februar/März 1969)

Der Lesekreis war also im strengen Sinn kein kirchlicher Kreis, dem es um dogmatische oder biblische Themen ging. Aber er weckte die Neugier, was die Kirche zur aktuellen Lage zu sagen hatte. Im Vordergrund stand die Information von Äußerungen aus dem Raum der Kirche.


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