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[Kirche von unten]

Gemeinsam - zärtlich - radikal

15. Kapitel

Auf der Grenze zwischen Pfarramt und Ortspolitik

Zu meiner Einführung als Ortspfarrer im März 1965 waren die Bürgermeister und Gemeindedirektoren eingeladen worden und auch erschienen. Gemeindedirektor Lambrecht aus Reinsdorf schenkte mir zum Einleben die Ortschronik von Karl Rose und von Gemeindedirektor Scheibe erhielt ich die aus Offleben.

Ich kam bald dahinter, daß Offleben eine sehr finanzstarke Gemeinde war, die einen kommunalen Kindergarten und eine kommunale Gemeindeschwesternstation unterhielt, die Schwester Helene Mennecke leitete, dazu kam die Schwester Hildegard Staßfurth, die von den BKB bezahlt wurde. Alte und Kinder wurden zur Erholung und Abwechslung auf Reisen geschickt. Das war in Schöningen z.B. anders gewesen. St. Vincenz unterhielt einen kirchlichen Kindergarten und früher auch eine eigene Schwesternstation, die von einer Marienstiftschwester besetzt war. Der soziale Dienst eröffnete hier also keinen direkten Einstieg zum Kontakt mit dem Dorf, dachte ich mir.

Die kommunalen Weihnachtsfeiern

Aber zur kommunalen Weihnachtsfeier für die älteren Dorfbewohner wurden der katholische und evangelische Pfarrer eingeladen und es wurde ihnen gestattet, ein kurzes Wort an alle zu richten, am Ende gingen sie durch die dicht besetzten Reihen und drückten jedem die Hand. Das war mir anfänglich eine fremde Art, Weihnachten zu feiern. Man sang "Hohe Nacht der klaren Sterne", das für mich gar keinen Weihnachtsbezug hatte, die Schule spielte Weihnachtsmärchen, irgendeine Verbindung zum Inhalt der Weihnachtsgeschichte hatte die kommunale Feier nicht. Das mußte auch nicht sein. Es war nicht die Veranstaltung der Kirchengemeinde, also sollten sie es ganz unter sich machen.

Ich fühlte mich jedoch als christliches Ausstellungsstück in einer dem Evangelium fremden Veranstaltung. Weihnachten ohne Krippe und Kind war bei mir bisher nicht vorgekommen. Die "Volkstümlichkeit", die bei solchen Anlässen manche Pfarrer entfalten, war mir von vorneherein verdächtig. Ich hatte also Schwierigkeiten, fügte mich aber in den ersten Jahren in die vorgefundene Tradition. Denn andererseits freuten sich die kirchlich Verbundenen unter den Alten, "ihren" Pfarrer dabei zu haben und schon aus Liebe zu ihnen mußte ich dabei sein und in Kauf nehmen, daß mich andere, die mit der Kirche gebrochen hatten, ihre Distanz deutlich spüren ließen.

Diese Außensicht von Kirche tat mir immerhin gut: sie steckte den engen Rahmen ab, den ich, jedenfalls in Offleben, für kirchliche Aktionen sah. Reinsdorf hatte anfangs ebenfalls eigene Weihnachtsfeiern im Krusekopfschen Saal veranstaltet. Später wurden die Weihnachtsfeiern beider Dörfer zusammengelegt.

Das Gefühl der Befremdlichkeit legte sich mit der Zeit des immer besseren Kennenlernens. Ich hielt in der Regel keine religiöse Ansprache, sondern trug, auswendig, die Weihnachtsgeschichte nach Lukas vor, sehr langsam, sehr deklamatorisch, ohne Mikrofon im großen Saal. Denn zu Weihnachten kamen die meisten der Festteilnehmer doch nicht in die Kirche. Hier konnte ich sie wenigstens mit dem Wortlaut der Gründungsurkunde des Festes "erreichen" und möglicherweise alte Erinnerungen wecken.

Seit Frau Hall an der Grundschule tätig war, wechselte auch der Inhalt der vorgeführten Weihnachtsstücke. Frau Hall war nicht nur eine hervorragende Sopranistin, sondern eine vom christlichen Glauben erfüllte Lehrerin, die ihn vor ihren Schülerinnen und Schülern nicht versteckte, sondern prägend weitergab.

Der Volkstrauertag

Eine besondere Anfechtung im Verhältnis von Staat und Kirche auf Ortsebene wurde mir die Gestaltung des Volkstrauertages. Der katholische und evangelische Pfarrer wechselten sich Jahr um Jahr bei der Ansprache ab.

Die Vereine des Ortes trafen sich an der Schule, um den kurzen Weg zum kommunalen Friedhof als Schweigemarsch zurückzulegen. Der Volkschor sang ein, zwei Lieder. Der Bürgermeister sprach die Gedenkworte. Zur Kranzniederlegung intonierte der Musikverein das Lied vom guten Kameraden.

Mir war die ganze Zeremonie zuwider. Das Lied vom Kameraden war für mich eine Art Brechreiz. Mein Bruder Wilfried war im Februar 1945 von einem Meldegang an der schlesischen Front nicht zurückgekehrt und seither "vermißt". Eine Wunde im Leben meiner Eltern, die sich zeitlebens nie geschlossen hatte. Meine Tante war in Königsberg verhungert. Mein Vater war 1943 kriegsverwundet zurückgekehrt und uk gestellt worden. Das alles kam im Lied vom Kameraden nicht vor. Und die gefallen waren, waren ja als Soldaten Hitlers, auf den sie persönlich ihren Eid geschworen hatten, für einen Mörder und Verbrecher gestorben.

Der tragende Gedanke der Feierstunde konnte nur sein, den Krieg als Verbrechen anzuprangern, die Schuld Deutschlands an diesem Krieg zu bekennen und ein Gelöbnis für den Frieden abzulegen. Davon jedoch war überhaupt nicht die Rede.

Der Volkschor sang Literatur aus dem 19. Jahrhundert. Da kam irgendwas von den Helden vor, die nun im Jenseits wären. Die Klage um die "Opfer des Krieges" beherrschte die Feierstunde. Ich konnte mit dem Opferbegriff in diesem Zusammenhang gar nichts anfangen. Das Wort Opfer war für mich noch positiv besetzt. Die sich da zwischen 1939 und 1945 in einem sinnlosen Krieg gegenseitig umgebracht hatten, waren doch nie und nimmer Opfer. Opfer für was denn? Was waren denn die Kriegsziele Hitlers gewesen: mehr Lebensraum für die Deutschen, die Deutschen reduziert auf den blonden Arier, ein braunes Europa? Igitt. Erst später wurden die anderen "Opfer", zum Beispiel die von den Deutschen ermordeten Juden in den Gedenkworten erwähnt.

Dann das hohle Ritual der Kranzniederlegung! Als ob da noch ein Grab sei, das nun geehrt werden müsse. Das verlegene Zupfen an der Schleife, damit auch jeder den Absender deutlich lesen konnte. Das ging alles in Richtung Heldenverehrung, und dazu sah ich keinen Anlaß.

Voller Entsetzen sah ich 1964 aus dem Fenster des Pfarrhauses, daß Bürgermeister Willi Smuda mit einigen anderen Herren auch vor dem scheußlichen Kriegerdenkmal vor der Offleber Kirche einen Kranz niederlegte. Das Denkmal war für die Gefallenen von 1914-1918 gedacht. Ich bat umgehend, davon im nächsten Jahr abzusehen. Oben auf dem kommunalen Friedhof würde ja aller Soldaten gedacht, meinetwegen zurück bis 1870/71.

Ich biß die Zähne zusammen und ging Jahr für Jahr hin, brachte aber in meiner Ansprache, wenn ich dran war, deutlich andere Akzente, die nun zur ganzen Zeremonie nicht paßten.

Schließlich trat ich die Flucht nach vorne an. Ich übernahm im Oktober 1969 von Rektor Kasten den Vorsitz der örtlichen Kriegsgräberfürsorge. Ich wollte das Ritual ändern. Völlig vergeblich. Aber ich konnte nun doch auf die Ansprache mehr Einfluß nehmen, meine eigene Zielvorstellung als Ortsvorsitzender rechtfertigen, und ich beteiligte die Konfirmanden an der Feierstunde. Die sagten Gedichte von Ingeborg Bachmann oder Bert Brecht oder Strophen aus dem Gesangbuch auf. Im Konfirmandenunterricht gingen wir die Arbeit der Kriegsgräberfürsorge, verbunden mit Vorhaben der "Aktion Sühnezeichen" durch.

Ansprache am Volkstrauertag 1969

Sehr geehrter Herr Bürgermeister, werte Mitbürger, wir gedenken und ehren heute alle die Offlebener, die ihr Leben im 1. und 2. Weltkrieg gelassen haben. Wir trauern um alle Toten unseres Volkes, ob sie umgekommen sind an der Front oder in der Heimat, mit der Waffe in der Hand oder schutzlos auf den brennenden Straßen oder in den getroffenen Bunkern unserer Städte.

Wir beklagen unsere Hilflosigkeit gegenüber der Idiotie dieser Kriege und sind beschämt, daß wir ihnen so wenig haben widerstehen können. Wir versuchen uns einzufühlen, daß alle an diesem Krieg beteiligten Nationen schwer getroffen wurden und bis heute diese Wunden wie die unsrigen nicht vernarbt sind.

Wir stehen hier als jene, die es nicht getroffen hat und die übrig geblieben sind. Aber warum gerade wir? Warum ist das Eis im Haff unter dem Treck eingebrochen und uns hat es getragen? Warum trafen die Torpedos die Gustloff und unsern flüchtlingsschweren Dampfer verfehlten sie? Der eine ist noch im Gefangenlager gestorben und ihr seid heimgekommen. Warum? Wir sind übrig geblieben.

Dieser Sachverhalt und diese Fragen legen auf unser Gewissen als brennende Aufgabe eine unauslöschbare Leidenschaft für den Frieden. Nicht aus politischer Rechthaberei, sondern aus dieser Leidenschaft für den Frieden verurteilen wir, daß an der innerdeutschen Grenze und an der Mauer in Berlin immer noch geschossen werden darf, und wir beklagen heute diese Opfer. Wir beklagen alle politischen Opfer des deutschen und internationalen Stalinismus. Aus dieser auf unser Gewissen gelegten Verantwortung verurteilen wir die ordinären Reden des amerikanischen Vizepräsidenten an diesem Wochenende und beklagen die französischen, amerikanischen und vietnamesischen Opfer.

Tragisch ist es, daß die seit 1945 ohne deutsche Mitschuld angezettelten Kriege uns Deutsche zu dem gefährlichen Satz verführen: "Da sieht man's ja. Die andern sind gleichermaßen kriegschuldig geworden." Diese Handbewegung des ausgestreckten Zeigefingers und der wachsende Wohlstand machen uns zunehmend unfähig zu trauern. Dann sind die Opfer der Kriege, die wir heute besonders beklagen, umsonst gewesen. Andere sagen: "Die Opfer sind umsonst gewesen, weil wir die Kriege verloren haben." Ich sage dagegen: die Millionen Opfer sind trotz der militärischen Niederlage nicht umsonst gewesen, wenn sie in uns wecken die Leidenschaft für den Frieden und durch sie die geistige Trägheit der kritischen Einsicht weicht, daß wir nur übriggeblieben sind, um Versöhnung zu stiften in unseren Häusern, Vereinen, parteipolitischen Gruppierungen, Schulen und Betrieben, eine Versöhnung, die nicht oberflächlich ist, weil sie aus der Tiefe eines trauernden Herzens kommt.

(Gemeindebrief Oktober/November/Dezember 1969)

Der Stil der Ansprache und die Direktheit wurde mit der Zeit deutlicher und auch schonungsloser. Ich hatte keine Lust mehr, auf die Unverbesserlichen Rücksicht zu nehmen in der Hoffnung, daß sich bei ihnen irgendwann die Bereitschaft zum Frieden und der Wille zu einer spürbaren Abrüstung zeigte. So passierte es, daß die Ratsherren der CDU 1984 überhaupt nicht mehr zur Feierstunde erschienen. Das bemerkte ich, und fügte es in meine Ansprache am Schluß ein. Die Ansprache hatte folgenden Wortlaut:

"Liebe Offleber Mitbürgerinnen und Mitbürger. Wir haben eben zwei Texte aus ganz verschiedenen Zeiten gehört. Der eine beschreibt, wie das jüdische Volk sich danach sehnt, daß seine Gefangenen aus Babylon zurückkommen. Der andere ist anläßlich der Beendigung des 30jährigen Krieges entstanden: "Gottlob nun ist erschollen das edle Fried- und Freudenwort, daß nunmehr ruhen sollen die Spieß und Schwerter und ihr Mord". Die Menschen können beides machen: Krieg und Frieden. Sind wir zum Frieden gerüstet? Die US-Regierung hat 900 Milliarden Dollar für die Rüstung der kommenden Jahre geplant und ist in Grenada einmarschiert. Die Deutsche Bundesrepublik sieht 150 Milliarden DM an Rüstungsausgaben für die kommende Zeit vor. Die Kriegsstärke der Bundeswehr soll ab 1987 von 1,25 Millionen auf 1,34 Millionen steigen. Die Bundesrepublik steht bereits hinter den USA, Rußland und Frankreich an vierter Stelle derer, die konventionelle Großwaffen exportieren. Und unser Dorf ist voll von Reservisten zur Verhinderung eines Kriegsausbruches. Aber was werden sie sagen, wenn sie einberufen werden sollten? Werden sie dann "nein" sagen? Wir gedenken heute der Opfer der beiden Welkriege. In dieses Gedenken sollten wir einschließen jene 2.404 Soldaten, die in den Jahren 1980 - 1984 bei der Bundeswehr zu Tode gekommen sind, davon nach Auskunft des zuständigen Staatssekretärs 336 Selbstmorde. Das stellt große Fragen an uns, auch an diesem Tag.

Die sowjetische Regierung hat die Entspannungspolitik der 80iger Jahre nicht dazu benutzt, um diese Entspannung nach innen weiterzugeben und ihre inneren Verhältnisse zu stabilisieren, sondern sie hat weitergerüstet und ist in Afghanistan einmarschiert. Die Großmächte sind zum Krieg hochgerüstet und haben ihre Verbündeten in ihre Kriegsvorbereitungen eng einbezogen. Zu gleicher Zeit wird bei uns die von Bundespräsident Heinemann angeregte Gesellschaft für Frieden und Konfliktforschung geschlossen. Dafür sind keine Mittel da.

Sind wir für den Frieden gerüstet? Es gibt kleine Anzeichen dazu. Ein hoffnungsvolles Zeichen war der Händedruck des französischen und deutschen Regierungschefs kürzlich an den Kriegsgräbern in Frankreich. Ein hoffnungsvolles Zeichen ist auch die Verbindung von Büddenstedt zu Mondeville, denn nun werden die beiden nicht mehr aufeinander und hoffentlich nicht auch gemeinsam gegen einen Dritten schießen. Ein hoffnungsvolles Zeichen ist es, daß im Jahre 1983 59.000 junge Leute in der Bundesrepublik einen Antrag auf Kriegsdienstverweigerung gestellt haben. 1979 und 1980 stellten insgesamt 55 Offiziere von Bundeswehrhochschulen einen solchen Antrag, also Leute, denen man nicht vorwerfen kann, sie seien Drückeberger, sondern die eine Uniform anhaben, über den Krieg nachgedacht haben und nun "nein" sagen. Unter den anerkannten Kriegsdienstverweigerern waren 1979 und 1980 insgesamt 21 Offiziere, 8 Unteroffiziere und über 1.600 Soldaten. Das sind hoffnungsvolle Zeichen der Friedenswilligkeit in unserer Bundesrepublik. Die Kirchen in der DDR haben erklärt, daß die Kriegsdienstverweigerung das deutlichere Zeichen des Friedens in unserer Zeit sei als der Wehrdienst.

Sind wir für den Frieden gerüstet? Ich bin dankbar, daß sich zu dieser Gedenkfeier immer noch die Feuerwehr, der Volkschor und der Musikverein zusammenfinden. Ich bin beschämt, daß die Offleber Mitglieder der CDU-Fraktion bei dieser Feier fehlen, und ich kann nur hoffen, nicht deshalb, weil es für die Teilnahme kein Sitzungsgeld gibt.

Sind wir für den Krieg gerüstet oder für den Frieden? Diese Feier hat nur einen Sinn, wenn wir bei uns die Absicht vertiefen, uns für den Frieden zu rüsten."

Ich veröffentlichte diese Ansprache in der Gemeinde und CDU-Ratsherr Hans Germer strebte irgendeine gerichtliche Auseinandersetzung an, die dann aber im Sande verlief.

Ganz unauffällig wurde ich die Verantwortung für die Gestaltung des Volkstrauertages los. Bürgermeister Lickfett (CDU) übernahm nach meinem Ausscheiden aus dem Gemeinderat als Ortsvorsitzender der Kriegsgräberfürsorge von Büddenstedt auch die Geschäfte und die Gestaltung in Offleben und Reinsdorf. Ich ließ ihn gewähren. Er hatte ganz andere, unüberbrückbare Vorstellungen. Nun sollte auch noch die Nationalhymne gesungen werden und ein meist gequetscht trompetetes Halali komplettierte die Kranzniederlegung. Ich weiß nicht, was Bürgermeister Lickfett damit verband. Mich erinnerte dieser Jägergruß an einen erlegten Bock.

Eines Tages wurde mir bedeutet, die Konfirmanden brauchten keine Gedichte mehr aufzusagen.

In Reinsdorf konnte ich mich der Zeremonie nicht entziehen, weil sie immer im Anschluß an den Gottesdienst direkt an der Kirchenmauer stattfand, wo die Ehrentafeln angebracht waren. Also blieb ich. In Offleben ging ich die letzten Jahre nicht mehr hin. Im Gemeinderat aber warb ich sehr für eine Zusammenlegung der Feiern und für eine ruhige Gedenkstunde in den jeweiligen Friedhofskapellen. Das wurde 1998 zum ersten Mal in Büddenstedt probiert.

Auf die Dauer wird der Volkstrauertag wohl nur noch bei den Predigten am vorletzten Sonntag im Kirchenjahr gestreift werden. Er fällt ja in die Zeit der Friedensdekade.

Friedhofsverwaltung

Einen direkten Berührungspunkt zwischen Ortspolitik und Kirchengemeinde bot die Arbeit auf den Friedhöfen. Es waren zwei Friedhöfe zu unterhalten, für die die Kommunalgemeinde auch mit unterhaltungspflichtig ist. Die Reparatur von Zäunen und Wegen ist Pflicht der Kommunalgemeinde.

Die Offleber Friedhofskapelle stand erfreulicherweise auf Grund und Boden der Kommune und war von dieser vollständig zu unterhalten. In Reinsdorf bezahlten die Müllabfuhr Kirchengemeinde und Kommunalverwaltung abwechselnd. Bei der Friedhofsmauer in Reinsdorf zierte sich die Gemeindeverwaltung sehr lange, erkannte schließlich aber ihre Verpflichtung an.

Aber auch wenn an der Kirche irgendwas zu reparieren war, hatten meine Vorgänger beim Gemeindedirektor ein offenes Ohr gefunden. Ansonsten ging der verhängnisvolle Eindruck um, die Kirche sei reich und habe Geld und solle für sich selber sorgen. Es war auch gelegentlich spürbar, daß hier jahrzehntelang eine SPD regierte, für die die Kirche nur aus weltfremder Dogmatik bestand und in ihren Augen von Natur aus rechtslastig orientiert war.

Die Ortsdurchfahrt Reinsdorf (1970-72)

Volle zweieinhalb Jahre bewegte den Reinsdorfer Kirchenvorstand ab 1970 die Frage der Ortsdurchfahrt Reinsdorf. Es war ein Lehrstück für den Umgang mit Behörden und Gemeinderat. Damals gab es noch einen selbständigen Gemeinderat Reinsdorf und einen Reinsdorfer Bürgermeister, Max Pflugrad.

Dieser Gemeinderat beschäftigte sich im Sommer 1968 mit dem stark angestiegenen Durchgangsverkehr, der vor allem zum Para-Gummiwerk führte, sah aber keinen Anlaß, die Hauptverkehrsstraße durch den Ort zur Vorfahrtsstraße zu erklären. Aber im Sommer sickerte durch, daß die Ortsdurchfahrt erheblich verbreitert würde und dazu eine Reihe der alten Dorflinden und das Kriegerdenkmal in der Dorfmitte beseitigt werden sollten. Der Reinsdorfer Kirchenvorstand wandte sich an den Gemeinderat mit der Bitte um Information und mit der Anregung, das Para-Gummiwerk möge sich eine Zufahrt von der Rückseite des Werkes, von der Ziegeleistraße aus, einrichten.

Der Brief wurde auch als Lesermeinung in der BZ vom 20.6.1970 veröffentlicht, die der Bürgermeister mit einer ziemlich polemischen Gegenäußerung erwiderte. Er befürwortete einen verkehrstechnisch großen Durchgangsverkehr im Ort und versprach sich davon vermehrte Gewerbesteuereinnahmen und sprach vom andernfalls "dahinsiechenden Reinsdorf, das von allem Verkehr umgangen und nur von den Gewerbesteuerpfennigen der Landwirte erhalten wird."

Der Kirchenvorstand hingegen sah den Weg zur Dorfkirche durch eine erheblich verbreiterte Verkehrsstraße gefährdet, wollte vor allem die Dorfidylle erhalten und schlug dem Gemeinderat eine Gemeindeversammlung vor. Der zahlreiche, durch die Industrie erzeugte LKW-Strom sollte um das Dorf herum direkt ins Werk geleitet werden.

Das Straßenbauamt Wolfenbüttel wiegelte ab und der Verwaltungsausschuß entschied sich für eine radikale Lösung: Abriß der ehemaligen Gemeindebäckerei, dem heutigen Heimatmuseum, und der alten Schmiede auf dem Krusekopfschen Grundstück. Er wiederholte die absehbar illusionäre Hoffnung auf vermehrte Gewerbesteuereinnahmen durch den Einkauf in den Reinsdorfer Geschäften durch anhaltende LKW-Fahrer.

Erst im September erhielt der Kirchenvorstand vom Straßenbauamt Wolfenbüttel einen Plan, wonach für die Straßenverbreiterung eine Fläche auf dem Friedhof benötigt würde. Der Straßenverbreiterung sollten nun nicht die Grundstücke zum Opfer fallen, sondern sie sollte zur Dorfmitte hin erfolgen. Das war für die Verhandlungsposition des Kirchenvorstandes günstig, denn nun mußte er wegen des Verkaufs der Friedhofsfläche eingeschaltet werden. Das Landeskirchenamt bestätigte im November, daß beim Kirchenvorstand die Entscheidung eines Verkaufes liege.

Gleichwohl beschloß der Gemeinderat ohne Rücksprache mit dem Kirchenvorstand eine Straßenverbreiterung. Aus der Zeitung vom 11. November erfuhren wir, daß die Friedhofsmauer etwa drei Meter zurückversetzt, die Eiche an der Kirche gefällt und das Kriegerdenkmal versetzt werden sollte. Erst im Sommer 1971 legte das Straßenbauamt Wolfenbüttel dem Landeskirchenamt einen genauen Plan mit allerlei unsachlichen Beschuldigungen gegenüber dem Reinsdorfer Kirchenvorstand vor und wollte offenbar auf diese Weise den Kirchenvorstand umgehen. Der Reinsdorfer Bürgermeister erklärte, daß der Bauabschnitt vor der Friedhofsmauer enden werde, wenn man sich mit dem Kirchenvorstand nicht einigen werde.

Im August 1971 wurde die Schwere des Eingriffes in das Dorfbild bekannt: die Straße sollte auf sieben Meter Breite erweitert und die Linden in der Dorfmitte gefällt werden. Mit dem Straßenbau sollte im selben Monat begonnen werden. Als Privatmensch, nicht als Pastor, rief ich eine Bürgerinitiative zusammen, in der sich 130 Reinsdorfer schriftlich gegen das Fällen der Linden und eine derart aufwendige Verbreiterung aussprachen. Bürgermeister Pflugrad klagte vor Gericht, weil ich ihn als Sandmännchen bezeichnet hatte, der den Bürgern Sand in die Augen streut. Das Verfahren wurde jedoch eingestellt.

Im Oktober lud der Landkreis endlich zu einem Gespräch mit allen Beteiligten ein, jedoch gezielt so kurzfristig, daß vom Kirchenvorstand keiner teilnehmen konnte und daher das Landeskirchenamt auch keinen Vertreter schickte. Es kam zu einem neuen Termin im November, an dem jedoch vom Gemeinderat keiner teilnahm. Der Kirchenvorstand erreichte, daß am Eingang zum Friedhof eine Grünfläche geschaffen wurde, sodaß die Kirchgänger nicht sofort linksabbiegend auf der unübersichtlichen Straße landeten. Außerdem wurde die Ortsdurchfahrt nicht mehr 7 Meter breit, sondern 5 1/2 oder sechs Meter. Das Straßenbauamt fing jedoch, ohne ein Ende der Verhandlungen abzuwarten, mit den Arbeiten an, die ich, was den Friedhof und die Mauer betraf, stoppte und die Arbeiter nach Hause schickte. Sie konnten keine Baugenehmigung vorzeigen. Erst im Januar 1972 erteilten Kirchenvorstand und Landeskirchenamt eine abgeänderte Bauerlaubnis.

Es war wenigstens einiges erreicht worden, wenn auch wenig. Aber man kann konnte nicht sagen: dagegen können wir nichts machen. Die Beteiligung der Reinsdorfer Einwohnerschaft an dieser Veränderung der Dorfmitte bedeutete ein kleines Stück unmittelbarer Demokratie. Die Behörden spürten, daß sich die Bürger nicht alles widerspruchslos gefallen ließen. Die Kirchengemeinde wurde zum Sprachrohr der Bevölkerung.

Die Hoffnungen des Gemeinderates auf Belebung des Geschäftslebens stellten sich als falsch heraus. Das Denkmal wurde ersatzlos entfernt. Wer den alten Dorfplatz noch in Erinnerung hat, bedauert die ersatzlose Beseitigung der Linden und die Zerstörung des Platzes, auf dem viele Volksfeste nach dem Kriege gefeiert wurden. Ganz besonders geärgert habe ich mich, daß für die Herrichtung der abgetragenen Friedhofsmauer nicht, wie ich selbstverständlich angenommen hatte, die alten großen Steine verwendet wurden, sondern scheußliche kleine Ziegel. Man muß eben jede, auch die kleinste Einzelheit schriftlich regeln. Vertrauen ist völlig fehl am Platze.

Der Gemeinderat Reinsdorf löste sich wie auch der Gemeinderat Offleben zwei Jahre später zugunsten einer Einheitsgemeinde Büddenstedt auf.

Die Auseinandersetzung mit den BKB

Eine Sonderrolle spielte das Verhältnis der Kirchengemeinde zu den BKB. Der Vorstand hat kürzlich eine Betriebschronik erarbeiten lassen, deren Lektüre wohl zu empfehlen ist, die aber die Sicht des Vorstandes bevorzugt. Sie bedarf daher der Ergänzung durch die Sicht aus der Bevölkerung, die naturgemäß eine andere ist.

Als pastoraler Anfänger in einer Industriegemeinde machte ich bei den BKB bald nach Dienstantritt meine Aufwartung und bat um Gelegenheit, das große Industriegelände am Dorfeingang besichtigen zu dürfen und erklärt zu bekommen. Ich bekam einen Termin und einen Schutzhelm und ein leitender Herr führte mich durch die imposante Industrieanlage. Ich verstand nichts und staunte nur. Chemie und Physik waren schon in der Schule nicht meine Lieblingsfächer, aber beim Rundgang war ich schwer beeindruckt.

Ich genoß die Vorzüge: die kostenlose großzügige Schwimmhalle in Alversdorf, mit dem Rad leicht zu erreichen und das sogenannte "Schwelgeld", eine Entschädigung des Betriebes für erlittene Nachteile in Form einer für mich damals beträchtlichen Geldsumme am Jahresende. Wer das Dorf nicht kannte, wie ich, mußte sich an die braune, fette, schmierenden Staubschicht erst gewöhnen. Hemden trocknen konnte ein Reinfall werden. Bäume und Gemüse bekamen etwas ab,

Rekultivierung des Wulfersdorfer Tagebaus

wenn der Wind ungünstig, nämlich nordwestlich, wehte und nachts womöglich die Filter ausfielen. Das hatte etwas mit dem "Schieber" im Schornstein zu tun.

Das ganze Dorf arbeitete entweder bei VW und scheute die lange Anfahrt nicht, oder bei den BKB und das oft schon in der zweiten Generation, manchmal sogar in der dritten. Mitte der 60iger Jahre machten die BKB noch den Eindruck eines patriarchalisch geführten Betriebes. "Der Vorstand wird es schon richten", hieß es.

Es gab Deputate, Vergünstigungen in Form von Brikett. Und wenn jemand sonst etwas brauchte, dann konnte man sich legal, illegal - da wurde ein Auge zugedrückt - dieses und jenes Material besorgen. Man erzählte sich: wenn alles von der den BKB beschaffte Material aus den selbst errichteten Häusern in Offleben herauskommen würde, würden die Häuser einfallen. Wenn einer einmal, zweimal nicht zur Arbeit erschien, weil er blau gemacht hatte, half oft genug ein verständnisvoller Betriebsrat aus, eben wie zu Hause. Man lebte zusammen, steckte manche Nachteile stillschweigend ein, hielt die Klappe und kassierte dafür andere Vorteile. Dieser familiäre Bezug untereinander verflüchtigte sich mit der Zeit, als die Konzernspitze in andere Hände kam und man "Leistung" sehen und Profit erwirtschaften wollte. Dieser neue Stil verband sich furchterregend mit dem Namen des Vorstandsmitgliedes Dr. Wahl.

Vier Dorfkirchen sind dem Tagebau zum Opfer gefallen: Karfreitag 1943 die Dorfkirche in Büddenstedt, 1944 die Dorfkirche in Wulfersdorf, 1964 die Dorfkirche in Runstedt, 1972 die Dorfkirche von Alversdorf. In den BKB-Mitteilungen 3/1966 lesen wir, daß es "die Vorsehung wollte, daß sie dem gleichen Untergang geweiht werden sollten."

Vermutlich war es wohl doch mehr die wirtschaftliche Interessenlage.

Rekultivierung des Wulfersdorfer Tagebaus (ab 1976)

Die erste kräftige öffentliche Auseinandersetzung ergab sich aus den Rekultivierungsarbeiten am Wulfersdorfer Tagebau. Der Tagebau war nach seiner Auskohlung wunderbar wild bewachsen, es war auf dem unebenen Gelände eine vielfältige Vegetation entstanden, und wer die Schilder, die das Betreten eigentlich verboten, übersah, konnte auf den sandigen Wegen, die sich gebildet hatten, herrliche Spaziergänge machen. Der Sanddorn, den das Vorstandsmitglied Hagen hatte anpflanzen lassen und der nun überall wuchs, beglückte mich im Spätherbst.

Plötzlich sollte alles anders werden: rationeller und profitabler und für das Jagen von Schwarzwild bequemer. Ab Pfingsten 1976 wurden durch das Gelände breite, befahrbare Wege geschoben, breite Schneisen wurden nun nutzbringend mit in Reih und Glied stehenden Bäumen bepflanzt. Es wurde nach meinem unmaßgeblichen Empfinden eine schöne, gewachsene Landschaft zerstört. Das machte ich publik.

Der bei den BKB zu Recht angesehene, für die Landschaftspflege zuständige und von mir geschätzte Dr. Homoth bekam Druck von oben. Ich bekam Unterstützung vom hochengagierten und unermüdlichen Karl Friedrich Weber, Förster in Rennau und Kreisvorsitzendem des BUND.

Pfarrer Adrian und ich veranstalteten mit Pfarrer Stammberger von der Evangelischen Erwachsenenbildung (Braunschweig) auf Grund der durchgreifenden Veränderungen im Tagebau ein mehrteiliges Umweltschutzseminar in Büddenstedt. Beim zweiten Abend am 8. September wurde ein Film gezeigt, der auch im ZDF gelaufen war und einen Vergleich der Umweltschutzbemühungen in Ost und West anstellte. Beim dritten Abend am 15. September diskutierten Parteien und Betriebsrat mit den Zuhörern. Es war das erste Umweltschutzseminar in unserer Gegend überhaupt. Es war gut besucht und schloß mit einem ökumenischen Gottesdienst in der Martin-Luther Kirche am 29. September ab. Er stand unter dem Thema "Freiheit gibt es nur durch Veränderung". Zum Vorbereitungskreis gehörten: Frau Golus, Frau Wasner, Frau Wyrembeck, Frau Schmerbach, Herr Nebel, Herr Kurtz und Pater Daniel Maas sowie wir beiden evangelischen Ortspfarrer. Es war überhaupt das erste Mal, daß die Konzernpolitik der BKB öffentlich kritisiert und ihre Umweltpolitik auf den Prüfstand gestellt wurde.

In dem Informationsblatt "Treibende Veilchen" wurden populäre Sprüche und Witze über den unbeliebten Werkschutz verbreitet. "Was ist grün, steht hinter dem Baum und hat 'ne Pulle in der Hand? Antwort: der Werkschutz."

Das ließ die SPD nicht so stehen. Horst Smuda schrieb zweimal an den Bischof, einmal als Bürgermeister, ein andres Mal als Betriebsrat, sogar der Betriebsratsvorsitzende Banse leistete mit einem Brief an Bischof Heintze Schützenhilfe. Der Werkschutz würde auf das übelste diffamiert, die guten Beziehungen zwischen der Landeskirche und den BKB erheblich gestört, man erwarte "geeignete Schritte" gegen Herrn Pastor Kuessner. Die blieben bei diesem Landesbischof aus, weil er genau zwischen geistlichem und politischem Amt unterschied, so wie auch die Gemeindemitglieder.

Konfliktpunkt Salzkohlekraftwerk Buschhaus ( 1978-1985)

Heute ist jedermann ganz selbstverständlich: die Kirche habe sich um die Bewahrung der Schöpfung zu kümmern. Vor 25 Jahren war das in unsern Kohledörfern und auch in der Propstei etwas Neues.

"Die Kirche soll sich nicht einmischen", "die Kirche soll sich um das Seelenheil kümmern und nicht um Politik". Das war eine gängige Meinung im Landkreis Helmstedt. So dachten viele Einwohner in unseren Dörfern, weil sie nichts anderes kannten. Wir haben uns trotzdem eingemischt, einige Pastoren und Kirchenvorstände.

Im Novemberheft 1977 der BKB-Mitteilungen stellten die Braunschweigischen Kohle-Bergwerke (BKB) ein neues Projekt vor. Die Kohle aus dem Alversdorfer Tagebau ging zu Ende, ein neues Abraumfeld mußte her, aber die Kohle um Esbeck war schlecht. Sie war zu schwefelhaltig und ihre Lage war ungünstig. Es mußte sehr viel Abraum bewegt werden, um an sie heranzukommen. Zu ihrer Verstromung sollte ein neues Kraftwerk gebaut werden, denn die Kessel des Kraftwerkes Offleben II waren für diese schwefelhaltige Salzkohle nicht geeignet. Unter diesen ungünstigen Voraussetzungen wurde die Wirtschaftlichkeit von vielen bezweifelt. Strom gab es in der Bundesrepublik genug. Rein volkswirtschaftlich gesehen, brauchte man dieses Kohlekraftwerk nicht mehr. "Aber es schafft Arbeitsplätze in unserer Region", argumentierten die BKB. "Jedoch auf Kosten der Umwelt", argumentierten andere, denn das Salzkohlekraftwerk sollte ohne Entschwefelungsanlage gebaut werden.

Ich war der Meinung, es wäre vor allem eine Rationalisierungsmaßnahme: viel Strom mit wenigen Arbeitsplätzen. 20 Jahre später wurde dies durch den Betriebsratsvorsitzende Rolf Eyermann bestätigt: dreimal weniger Arbeitsplätze, dreifach hohe Leistung.

Da ich in jener Zeit zusammen mit Gisela Adrian im Büddenstedter Gemeinderat war, verfügte ich als Ratsherr über alle genehmigungspflichtigen Unterlagen zum Salzkohlekraftwerk, denn das geplante Kohlekraftwerk stand zum großen Teil auf Büddenstedter Grund und Boden.

Im April 1978 fand eine Anhörung der Träger öffentlicher Belange in Schöningen statt, an der vom Kirchenvorstand der Landwirt Jochen Brandes und ich teilnahmen. Im Landeskirchenamt interessierte sich Dipl. Ing. Benecken für das Projekt, der mit der Stadt Schöningen korrespondierte.

Der Kirchenvorstand Offleben formulierte im Mai 1978 einen Brief an die Gemeinde Büddenstedt mit einem Katalog von acht Fragen. Darin wurde u.a. nach der Insgesamtbelastung der Region mit Schwefeldioxyd gefragt. Die BKB rechneten nämlich mit der Schließung des benachbarten Kraftwerkes Harbke auf dem Gebiet der DDR. Aber es wäre möglich gewesen, dieses Kraftwerk mit anderswoher beschaffter Kohle, z.B. aus Senftenberg, weiterzubetreiben. Tatsächlich wurde das Kraftwerk Harbke nicht 1985 geschlossen, als Buschhaus ans Netz ging. Der Kirchenvorstand fragte weiterhin nach der Einwirkung des Regens auf die gasförmigen Fluorwasserstoffverbindungen, nach Problemen bei der Ablagerung der Asche, nach der Nutzbarmachung der aus den Kühltürmen entweichenden Energie, nach den Folgen der Wasserentnahme auf den Grundwasserspiegel, nach Plänen für einen See in der Nähe von Schöningen nach der Auskohlung. Für den Kirchenvorstand unterschrieb der 1. Vorsitzende Rüdiger Schwarz.

In der Büddenstedter Kirchengemeinde war Pfarrer Adrian tätig.. Pfarrer Adrian und ich versuchten ein Gespräch mit dem BKB-Vorstand bei Propst Jungmann zu arrangieren, aber der Vorstand lehnte ab. Die damalige Öffentlichkeitsarbeit der BKB wurde von vielen Seiten als hochnäsig und arrogant kritisiert.

Als der Kirchenvorstand seine Fragen in einem Leserbrief in der Braunschweiger Zeitung vom 10.6.1978 veröffentlichte, erhielt er heftige Reaktionen. Lothar Steinbach von der IG Bergbau ließ bei einer Versammlung am nächsten Tag in Offleben eine Entschließung formulieren und giftete, der Kirchenvorstand führte einen "Privatkrieg gegen die BKB".

Aber auch das Landeskirchenamt schrieb an die Stadt Schöningen und die Gemeinde Büddenstedt im Juni 1978: "Falls die bei einen Kohlekraftwerk in Wilhelmshaven im Versuch laufende Entschwefelungsanlage greifbare positive Ergebnisse bringt, sollte der Einbau im Kraftwerk Buschhaus erwogen werden." In einem späteren Schreiben an die Pröpste Daniel (Schöppenstedt), Blümel (Königslutter) und Jungmann (Helmstedt ) und die Pfarrer Köhler (Esbeck), Adrian und mich erläuterte Dipl. Ing. Benecken die Haltung des Landeskirchenamtes, worin er zwar die Anregungen des Offleber Kirchenvorstandes teilweise beantwortete, aber an die Gemeinde Büddenstedt noch eigene formulierte. Immerhin war mit dieser Sache nicht nur der Offleber Kirchenvorstand befaßt.

Es war eine große Überraschung, daß sich der Rat der Gemeinde Büddenstedt am 22. Juni 1978 den Bedenken und Anregungen des Landeskirchenamtes und der Offleber Kirchengemeinde einstimmig anschloß. Erst viel später merkten wir, daß solche Anregungen und Bedenken rechtlich völlig bedeutungslos sind und vermutlich bei den entscheidenden Leuten umgehend im Papierkorb landen. Das Gewerbeaufsichtsamt im Braunschweig verriet uns später, daß es von uns erwartet hätte, daß wir als Kirchengemeinde gegen die Errichtung des Salzkohlekraftwerkes ohne Entschwefelung klagen würden. Auf diese Idee waren wir damals nicht gekommen.

Was wir damals allerdings nicht wußten und erst 1984 erfuhren: auch das Gewerbeaufsichtsamt Braunschweig hielt den Einbau einer Entschwefelungsanlage für wünschenswert und hielt das in einem Vermerk vom 3. Juli 1978 fest. Der Präsident des Verwaltungsbezirkes Braunschweig äußerte sich in einem Schreiben vom 21. Juli 1978 ähnlich gegenüber der Landesregierung. Dort war Sozialminister Schnipkoweit (CDU) für Buschhaus zuständig. Aber er war zugleich Aufsichtsratmitglied im Vorstand der BKB und schrieb an diese, sie sollten klarmachen, daß eine Entschwefelungsanlage nicht dem Stand der Technik entspräche. So geschah es, und Buschhaus wurde gebaut. Vorsichtshalber allerdings ließen die BKB einen Platz für den Einbau einer Entschwefelungsanlage frei.

Im Herbst 1978 veranstalteten Pfarrer Adrian und ich im Büddenstedter Gemeindehaus ein außerordentlich gut besuchtes Gemeindeseminar mit vier Vortrags- und Diskussionsabenden. Es war nach 1976 das zweite Umweltschutzseminar, diesmal mit auswärtigen Referenten. Es referierte u.a. der Gewerbeoberrat Willecke vom Gewerbeaufsichtsamt Braunschweig, der viel Verständnis für unsere Positionen aufbrachte und später aus dem Gewerbeaufsichtsamt Braunschweig abgezogen wurde. Bei der Podiumsdiskussion am letzten Abend wurde mir die Teilnahme als FDP-Ratsherr verweigert, da die BKB jedes Gespräch mit mir ablehnten.

Auch der Propsteisynodalvorsitzende Landwirt Brammer (Barnstorf) weigerte sich, das Thema Umweltschutz auf die Tagesordnung einer Propsteisynode zu setzen.

Als Dipl. Ing. Hausmann von der den BKB auf einen Informationsabend in der Cluskirchengemeinde, Schöningen, redete, setzte er bei Pfarrer Wille durch, daß sich nur die Schöninger Gemeindemitglieder an der Diskussion beteiligen dürften. Adrian und ich sollten auf alle Fälle außen vor gehalten werden.

In seinem Umweltreport 82 machte Karl Friedrich Weber aus Rotenkamp die umweltzerstörenden Auswirkungen von Buschhaus ohne Entschwefelung zum Thema, und es gelang ihm, das öffentliche Bewußtsein erneut zu mobilisieren. Er rechnete exakt vor, daß durch das Kraftwerk Buschhaus 18,6 t Schwefeldioxyd in die Luft abgegeben würden, dazu käme die Belastung vom Kraftwerk Offleben II, die beide zusammen würden stündlich 40 t Schadstoffe produzierten.

Im Dezember 1982 richteten die GRÜNEN im niedersächsischen Landtag eine dringliche Anfrage wegen Buschhaus an die Landesregierung. Für Umweltfragen war seit Herbst 1982 in Hannover Landesminister Wilfried Hasselmann zuständig, dem die Kreisgruppe des BUND im Januar 1983 in Hannover symbolisch einen Sack mit Schadstoffen überreichte. Im Landtag beantwortete Hasselmann zur gleichen Zeit eine Anfrage des Abgeordneten Ernst Henning Jahn aus Watzum, es würde eine Entschwefelungsanlage nachträglich eingebaut, wenn sie technisch machbar und im übrigen bezahlbar sei. Man wolle das Ergebnis des von der Landesregierung bei Prof. Rentz, Karlsruhe, in Auftrag gegebenen Gutachtens abwarten. Damit war die Frage der Entschwefelung, wie sie der Kirchenvorstand gefordert hatte, ernsthaft im Gespräch.

Die Stimmen nach einer Entschwefelung wurden drängender: vor dem Rat in Königslutter erklärte der Chemiker Dr. Ulrich Dämmgen im Februar 1983, daß eine Rauchgasentschwefelung kein Problem sei. Ende April 1983 besetzten für einige Stunden vier Männer von Robin Wood und Ulenspiegel einen Kran auf dem Werksgelände von Buschhaus. Der Landesverband der Jungen Union forderte im Mai 1983 den Einbau einer Entschwefelungsanlage noch vor Inbetriebnahme des Kraftwerkes. Vor dem Gebäude der Hauptverwaltung der BKB kippten im Juni 1983 vier Bundestagsabgeordnete der GRÜNEN und andere Sympathisanten 18 Tonnen Sand entsprechend den 18 t Schwefeldioxyd ab und veranstalteten vor dem Eingang von Buschhaus eine kurze Sitzblockade.

Wie eine Bombe platzte ins Revier die Nachricht, die CDU-Landtagsfraktion habe Ende August 1983 bei einer Klausursitzung in Bad Bevensen beschlossen: für Buschhaus müsse eine völlig neue Lösung gefunden werden, da eine Entschwefelungsanlage weder technisch machbar noch finanzierbar sei. Als neue Möglichkeit wurde die Verfeuerung von Steinkohle oder von Hausmüll genannt. Diese Nachricht löste eine bis zum Jahresende anhaltende Diskussion im Landkreis aus. Nun waren es nicht die bösen Umweltschützer, die eine Diskussion losgetreten hatten, sondern die Regierungsfraktion im Niedersächsischen Landtag. Die Landtagsabgeordneten beider Fraktionen, Evers (CDU) und Backhaus (SPD) distanzierten sich von dem Beschluß. Der Geschäftsstellenleiter der IG Bergbau drohte auf einer Protestversammlung im Helmstedter Schützenhaus Ende September 1983 mit außerparlamentarischen Aktionen, denn die "Entscheidung über die Existenz des Kreises und des Werkes würde nicht einigen wenigen Politikern überlassen."

Es setzte sich indes auch bei den BKB inzwischen die Meinung durch, daß eine Entschwefelungsanlage gebaut werden müsse, was einen Fortschritt gegenüber der Absicht von 1978 bedeutete. "Entschwefelung mit hohem Reinigungsgrad möglich", erklärte das Vorstandsmitglied Dr. Winter bei einer Feier für ausscheidende Betriebsangehörige im überfüllten Büddenstedter Rathausgaststättensaal, aber Ausschreibung, Auftragsvergabe und Einbau dauerten etwa 4-5 Jahre, währenddessen müsse Buschhaus noch ohne Entschwefelung anlaufen. Diese Ankündigung kurz vor Weihnachten löste eine neue Welle von Diskussionen im Landkreis aus. Nun ging es nicht mehr für oder gegen Entschwefelung, sondern Inbetriebnahme von Buschhaus nur mit einer Entschwefelungsanlage oder ausnahmsweise für einige Jahre ohne Entschwefelungsanlage. "Buschhaus bleibt Dauerthema", überschrieb die Braunschweiger Zeitung die ersten heftigen, ablehnenden Leserbriefe am 15. Dezember 1983.

Erst im Frühjahr 1984 wurde das Gutachten von Prof. Rentz aus Karlsruhe veröffentlicht, wonach der Einbau einer Entschwefelungsanlage für möglich gehalten wurde. Mit einem neuen Trick, diesmal auf juristischer Ebene, eröffneten die BKB jedoch eine weitere Diskussionsrunde. Das noch gar nicht fertiggestellte Kraftwerk Buschhaus wurde als "Altanlage" definiert. Damit bestritt der BKB-Vorstand trotz erwiesener Machbarkeit einer Entschwefelungsanlage die juristische Notwendigkeit eines Einbaus und benutzte diese rechtlich zwar einwandfreie, aber der Öffentlichkeit nicht mehr zu vermittelnde Position dazu, um hohe staatliche Zuschüsse für den Einbau der Entschwefelungsanlage zu fordern. Wenn der Staat entgegen der Rechtslage eine Entschwefelungsanlage haben wolle, dann solle er auch zahlen. Am Ende hatten die BKB Erfolg: der Staat zahlte.

An dieser heftigen Diskussion 1983/84 beteiligte sich auch die kirchliche Öffentlichkeit. Das Allgemeine Deutsche Sonntagsblatt veröffentlichte am 27. November 1983 einen Bericht über den Stand des Verfahrens unter der Überschrift "Am neuen Kraftwerk nehmen nicht nur Umweltschützer Anstoß - Durch den Schornstein".

Im Offleber Pfarrhaus fand am 7. März 1984, Aschermittwoch, die Amtskonferenz statt, also das monatliche Treffen aller Pastorinnen und Pfarrer in der Propstei Helmstedt, bei der es zum ersten Mal zu einer ausgiebigen Begegnung zwischen Gewerkschaften und Kirchenleuten in unserer Region kam. Der Beauftragte für Umweltfragen der Konföderation evangelischer Kirchen in Niedersachsen, Prof. Paul Gerhard Jahn aus Hannover, hielt uns eine Andacht in der Offleber Kirche, und mit den Pfarrern diskutierten der Betriebsratsvorsitzende Banse, sein Stellvertreter Meyer und der für Buschhaus zuständige Betriebsrat Eyermann, vom BUND Karl Friedrich Weber, vom Landeskirchenamt Landeskirchenrat Kuhlmann als Umweltbeauftragter und Dipl. Ing. Benecken, sowie vom Gewerbeaufsichtsamt Gewerbeoberrat Willecke. Das Interesse der anwesenden Pfarrer war ziemlich reserviert, Pfarrer Greve und Pfarrer Büscher von der kirchlichen Rechten störten durch Verfahrensfragen wie "Dürfen an einer Amtskonferenz überhaupt Leute wie Gewerkschaftler teilnehmen?" und verließen das Treffen, was die Braunschweiger Zeitung zur Überschrift animierte: "Einige Pastoren gegen Öffentlichkeit". Am Abend gab es in der übervollen Dorfkirche Offleben eine spannende Diskussion zwischen Herrn Banse und Herrn Weber. Endlich konnte die Kirche in dieser angeheizten Lage trotz einer klaren Positionsbestimmung eine vermittelnde Rolle einnehmen.

Am 28. April 1984 erlebte der Landkreis seine erste größere Demonstration gegen eine Inbetriebnahme von Buschhaus ohne Entschwefelungsanlage. Der Demonstrationszug ging vom Schöninger bis zum Helmstedter Marktplatz. Das mit viel Stacheldraht abgegrenzte Werksgelände bei Esbeck wurde von den friedlichen Demonstranten mit Plakaten und Parolen geschmückt. Die Unterstützung durch die Schöninger, Esbecker und Helmstedter Bevölkerung war gering. Dort ging eher die Angst vor Ausschreitungen um, Fenster und Läden blieben geschlossen. Der Hof des Gebäudes der Hauptverwaltung der BKB war vollgestopft mit Polizei. Auf dem Helmstedter Holzberg redeten unter anderen der Vorsitzende des Bundes Naturschutz, Hubert Weinzierl, und der Vorsitzende der Arbeitsgemeinschaft Deutscher Waldbesitzer, Philipp Freiherr von Boeselager. Statt der erwarteten 10.000 Demonstranten kamen zwischen 4.000 und 8.000. Durch Offleben fuhr eine große Gruppe von Demonstranten, die mit dem Fahrrad gekommen waren.

Das Deutsche Allgemeine Sonntagsblatt schmückte seinen Bericht mit einer Karikatur von rauchenden Bollwerken und schrieb dazu: "Die Proteste der Umweltschützer gegen die "größte Dreckschleuder der Nation", wie sie die Anlage nennen, sind berechtigt. In der Zulassung des Betriebes zeigt sich nicht nur ein krasses Vollzugsdefizit; auch erhebliche Schwachstellen im neuen Umweltrecht werden deutlich." (DAS 6.5.1984).

Die hochrangigen SPD-Politiker Gerhard Schröder als künftiger Spitzenkandidat der niedersächsischen Landtagswahl 1986 und Oppositionsführer im niedersächsischen Landtag, der Braunschweiger SPD-Landtagsabgeordnete Gerhard Glogowski und Hans Apel als Berliner SPD-Bürgermeisterkandidat verlangten eine drastische Senkung des Schwefeldioxydausstoßes. Auch die FDP in der neuen Bonner Regierungskoalition forderte vor der Betriebsgenehmigung den Einbau einer Entschwefelungsanlage, ließ es zur ersten Koalitionskrise der frischen CDU/FDP-Bundesregierung kommen und brachte das Thema vor den Bundestag. Eine sehr große Mehrheit faßte am 28. Juni 1984 den überraschenden Beschluß, die Inbetriebnahme von Buschhaus für zwei Jahre zu verschieben und in jedem Fall zunächst die Entschwefelungsanlage einzubauen. Die CDU-geführte Landesregierung unter Ministerpräsident Albrecht kündigte dagegen an, sie werde ihren Genehmigungsbescheid unabhängig von Regierung und Bundestag in Bonn erteilen. "Buschhaus vergiftet die Koalition", leitartikelte BILD am SONNTAG am 29. Juli 1984.

Die SPD beantragte eine erneute Sitzung des bereits in den Urlaub gegangenen Bundestages, und auf einer Sondersitzung am 31. Juli beschloß der Bundestag den Kompromiß, daß Buschhaus zwar ans Netz gehen solle, daß dazu aber nicht die schwefelhaltige Salzkohle verfeuert werden dürfe, sondern nur die Kohle aus dem Alversdorfer Tagebau. Außerdem solle auch der Block C des Kraftwerkes Offleben II mit einer Entschwefelungsanlage wie im Kraftwerk Buschhaus und die Blöcke A und B des Kraftwerkes Offleben II mit einer Entschwefelungsanlage nach einem anderen Verfahren mit Kalkzusatz versehen werden. Nun war die Helmstedter Region durch die Kommentierungen der beiden Sitzungen in Bonn in allen großen bundesdeutschen Zeitungen in ganz Westdeutschland bekannt. Das Ansehen der Region war dadurch nicht verbessert worden. "Regieren ohne Maß und Stil" und "Buschhaus oder wenn Selbstgefälligkeit zur Routine wird", lautete die Überschrift eines Dossiers der ZEIT.

Die Evangelische Zeitung informierte ihre kirchlichen Leser durch einen ganzseitigen Bericht. Die Braunschweiger Zeitung spitzte den Buschhauskonflikt auf Ortsebene auf Karl Heinz Isensee als Betriebsrat und mich zu, in einer Sonderseite am 15. August 1984 unter dem Gesangbuchvers "Wach auf, wach auf, du Helmstedter Land, du hast genug geschlafen..." "Dieser Prediger hat bei mir bis in alle Steinzeit versch..." gab Karl Heinz Isensee dem Journalisten zu Protokoll und schilderte im folgenden unsere gegenteiligen Standpunkte im Hinblick auf die Arbeitsplätze, die Notwendigkeit einer Entschwefelung und die Informationspolitik der BKB.

Noch in derselbenselben Woche des Bundestagsbeschlusses besetzten einige Greenpeace-Mitglieder in einer spektakulären Aktion für zwei Tage den Schornstein des Kraftwerkes und entfalteten ein Protesttransparent. Anstatt die Besetzer mit warmem Kaffee auf die Plattform des Schornsteins zu locken, ließen die BKB Stacheldraht von oben herab, um ihnen Hin- und Rückweg abzuschneiden.

Überraschend wurde die Inbetriebnahme noch über Monate hinausgeschoben, weil das Verwaltungsgericht Braunschweig einer Klage gegen die Betriebsgenehmigung stattgab und Rechtsanwalt Geulen ein Gutachten zu der Tatsache anforderte, daß nun die phenolhaltige Kohle aus dem Tagebau Alversdorf im Kraftwerk Buschhaus verfeuert werden sollte und daher ein Dioxingutachten notwendig wäre. Aber Anfang März 1985 gab das Oberverwaltungsgericht in Lüneburg endlich grünes Licht.

Wir vom Kirchenvorstand und einige aus der Kirchengemeinde konnten befriedigt sein, daß unsere Forderung von 1978, in das Kraftwerk Buschhaus eine Entschwefelungsanlage einzubauen, offensichtlich berechtigt gewesen war und schließlich gegen die ursprünglichen Absichten der BKB doch durchgesetzt worden war.

Statt Schwelstaub nun Phenole (1978-1983)

Die Stillegung des Schwelwerkes im Dezember 1967 bedeutete für uns in Offleben eine wesentliche Verbesserung der Luftqualität. Denn die niedrigen Schlote waren der Hauptverursacher für den fürchterlichen, jedem Besucher unvergeßlichen Schwelstaub - und für die erkleckliche Schwelentschädigung zum Jahresende. Im gleichen Jahr hatte das Kraftwerk Offleben II seinen Betrieb aufgenommen. Neue Kohle kam aus dem neu erschlossenen Tagebau Alversdorf.

Kaum aber waren die Bagger in die Tiefe gegangen, drohte eine neue, genauso schlimme Gefahr. Die ab 1937ff abgeleiteten Phenole, die in Offleben schon damals manchmal austraten und seinerzeit z.B. die Wasserstelle an der Schmiede völlig vergifteten und andere große Beschädigungen hervorgerufen hatten, wurden frei gelegt, traten unkontrolliert aus, bildeten Phenolwolken und verbreiteten bei den hier üblichen Nord-West-Winden einen fürchterlichen Gestank. Wenn sich so ein Phenolgas in der Wohnung festgesetzt hatte, nützte auch kein Lüften, denn das Gas war schwer und war nicht leicht zu vertreiben.

Die Empfindlichkeit bei der Bevölkerung war unterschiedlich. Ich konnte mit meiner empfindlichen Nase die Phenole überhaupt nicht vertragen. Frau Hasse dagegen roch gar nichts, während ich schon halb in Ohnmacht fiel. Es gab heftige Proteste aus der Bevölkerung, nicht nur aus Offleben, auch aus Helmstedt.

Unter der Leitung von Frau Christa Rauhut organisierten die Offleber Einwohner im Sommer 1979 Unterschriftenlisten, die ein Ende der aus dem Tagebau stammenden riesigen Staubwolken und der Phenolbelästigung forderten. Bei einer Bürgerversammlung Anfang September, die von 150 Einwohnern besucht war, stellten sich Dipl. Ing. Hausmann und Rechtsanwalt Winschewski den bohrenden Fragen der Teilnehmer. Die fehlende Information der Öffentlichkeit durch die BKB wurde auch vom stellvertretenden Landrat Jäger beklagt.

Im Sommer 1979 bat ich Prof. Ziechmann von der Universität Göttingen um eine Stellungnahme, der mir die Giftigkeit und Gefährlichkeit von Phenolen bündig bestätigte. Phenole wirkten als ein Zell- oder Protoplasmagift, "die - besonders Phenol - leicht von der Haut absorbiert werden. Einatmen der Dämpfe beeinträchtigt die Atemwege und führt zu Atemlähmung." Ich könnte "allen nicht sachgerechten Auskünften über die Harmlosigkeit des oder der Phenole entgegentreten." Es folgte ein Chemiechinesisch, das ich als Altsprachler sowieso nicht verstand, aber ich war fachmännisch gewappnet.

Nun schaltete sich auf Grund der Proteste aus der Bevölkerung auch das Bergamt in Goslar ein. Es wurden Meßstationen eingerichtet, das Gas sollte abgesaugt und im Kraftwerk verbrannt werden. Aber das Bergamt ließ im Dezember 1979 auch verlauten, die Phenolwerte wären keinesfalls gesundheitsschädlich. Wenn die Werte stiegen, würde die Arbeit im Tagebau unterbrochen. Geschäftsleute, Schulen, Hausfrauen hingegen konnten ihre Arbeit nicht unterbrechen, sondern mußten das Zeug einatmen. Immerhin gab das Bergamt mit dieser Erklärung die BKB als Verursacher zu.

Auch der SPD-Unterbezirksvorstand ließ sich vom Betriebsratsvorsitzenden Walter Banse über die Belästigung durch Phenole unterrichten. Karl Heinz Isensee führte als Betriebsrat die SPD-Mitglieder durch den Tagebau Alversdorf. Anschließend wurde die Informationspolitik der BKB heftig kritisiert. Der BKB-Vorstand scheue sich, so plauderte Banse, in der Öffentlichkeit über dieses Problem zu reden. Immerhin wollte auch die SPD nun von den Aufsichtbehörden eine Stellungnahme "über eine mögliche Gesundheitsgefährdung" einholen.

Die BKB jedoch unternahmen erste energische Schritte gegen Staub- und Geruchsbelästigung. Im Sommer 1980 wurde eine Anlage in Betrieb genommen, die die Gase absaugte, berichtete der Betriebsleiter Ober-Ing. Proff in den BKB-Mitteilungen. Die Staubwolken wurden in Zukunft ganz einfach dadurch vermieden, daß die ausgekohlten Flächen begrünt wurden.

Im März 1980 passierte im Tagebau ein mysteriöser Todesfall. Ein 38jähriger Arbeiter hatte am Vorabend erklärt, wenn es wieder so stinke, würde er nicht zur Arbeit gehen. Es blieb die Ungewißheit, ob es ein Unfalltod oder ein natürlicher Tod gewesen war. Nur die Witwe erhielt das Gutachten, das die BKB anfertigen ließen. Pfarrer Adrian sprach bei der Beerdigung über Befürchtungen in der Bevölkerung im Zusammenhang mit der Phenolbelästigung und der Todesursache.

Ich erklärte in der darauf folgenden Ratssitzung am 26. März 1980 in einer persönlichen Erklärung: "Uns erschreckt die Möglichkeit eines ersten Phenoltoten. Wir halten es für unsere Pflicht, lieber zu früh als zu spät von dieser Möglichkeit öffentlich zu reden." Die Erklärung druckte die BZ am 3.4.1980 im Wortlaut ab, der BKB-Werksarzt Dr. Hartwig Otte reagierte darauf mit einem Leserbrief unter der Überschrift "Panikmache mit dem Tod". Am Schluß seines Leserbriefes verglich Dr. Otte verharmlosend die Geruchsbelästigungen mit denen in der Landwirtschaft und an Klärteichen und schloß mit dem Satz: die Bevölkerung kenne die soziale Einstellung der BKB, "gleichwohl müssen leider im Interesse der Erhaltung der Arbeitsplätze der Bevölkerung gewisse Umweltbelastungen zugemutet werden." Dies veröffentlichte die BZ indes nicht mehr und bewahrte Dr. Otte vor einer größeren Blamage. Gehörte das Arbeitsplatzargument noch in seinen medizinischen Bereich?

Der BKB-Vorstand schickte den ungekürzten Leserbrief Dr. Ottes mit einer geharnischten Beschwerde am 9. April an das Landeskirchenamt. Meine Stellungnahme vor dem Gemeinderat wäre Stimmungsmache gegen das Unternehmen und mein Verhalten "nach unserer Meinung mit dem Auftrag der Kirche und ihrer Amtsträger nicht vereinbar." Dr. Otte ließ einen Tag später einen fünfseitigen Offenen Brief an den Landesbischof folgen. Er sah in meiner Bemerkung als Ratsherr "Stimmung gegen die Geschäftsleitung", wobei die auf politische Systemveränderung zielenden Intentionen unverkennbar wären.

OLKR Becker, dem Bischof Heintze die Erledigung dieses Vorgang überlassen hatte, kringelte an den Rand ein Fragezeichen. Kuessner hätte die Verantwortungsethik der Unternehmensleitung in seine öffentlichen Äußerungen mit einbeziehen müssen. Auch diesen Satz versah OLKR Becker mit einem Fragezeichen. Dr. Otte, zugleich Kirchenvorstandsmitglied von St. Stephani, Helmstedt, bedauerte im Namen anderer konservativer Christen in Helmstedt, "daß immer mehr Pfarrstellen durch junge, von politisch-missionarischem Eifer besessene und artikulationsfreudige Pastoren besetzt würden, die in der Zeit der APO und der Studentenbewegung ihre geistige und politische Ausprägung erfahren haben und denen sich eine schweigende konservative Mehrheit des Kirchenvolkes ausgeliefert sehen muß." Damit formulierte Dr. Otte eine im Helmstedter Milieu gern verbreitete Angst vor einem gewissen Machtverlust und schwindendem Einfluß konservativer Meinungsträgerschaft. Es sei eine Unruhe und Verbitterung vieler entbrannt, die sich zunehmend fragten, ob die verfaßte evangelische Kirche weiterhin eine geistliche Heimat sein könne. Er zückte die Drohrute des Kirchenaustritts.

Tatsächlich galt die Ära von Bischof Heintze zusammen mit OLKR Becker im Gemeindereferat konservativen Gemeindemitgliedern als "linkslastig". Das konnte sich aus der Sicht der Kreise von Dr. Otte bereits auf die Unterstützung der Brandtschen Ostpolitik beziehen. Natürlich waren danach die Pfarrer Künne, Adrian, Köhler und besonders ich bereits "linkslastig".

Der Leserbrief Ottes löste weitere Leserbriefreaktionen u.a. von Pfarrer Adrian aus, woraufhin Dr. Otte einen weiteren Brief an OLKR Dr. Bluhm schrieb und damit der Aktion der BKB eine juristische Note gab. Es stünde die Glaubwürdigkeit der christlichen Verkündigung auf dem Spiel, diese würde "durch Amtspersonen der Kirche schwerwiegend kompromittiert", er erwarte eine offizielle Distanzierung der Kirche.

Auf der turnusmäßigen Belegschaftsversammlung im Kraftwerk aber fanden abfällige Äußerungen von Banse und Isensee kein richtiges Echo bei der Belegschaft, zumal die Beschwerden über Phenolwolken sogar aus Twieflingen kamen. Am 30. April 1980 kam es zu einem Gespräch zwischen den Oberlandeskirchenräten Wandersleb und Becker mit Pfarrer Adrian und mir. Der darüber angefertigte Vermerk ist ein Muster kirchenpolitischer Entschärfung, das die Klärung unserer Motive, die Feststellung des Wächteramts der Kirche auch in Umweltfragen, die Bedenken seitens des Landeskirchenamtes, daß die emotionale Seite eine Problemlösung eher erschwere und die Gesprächsbereitschaft unsererseits gegenüber den BKB zusammenfaßt. Einem solchen Gespräch aber wollten die BKB und wollte auch Dr. Otte gerade ausweichen. Sie erstrebten die Disziplinierung, für die sich das Landeskirchenamt in seiner damaligen Besetzung aus diesem Anlaß nicht hergab.

Die BKB bekamen aber die Phenolbelästigung nicht in den Griff.

Als eine Wolfsburger Schülergruppe des Albert-Schweitzer-Gymnasiums im September 1982 eine Projektwoche zur Situation der "Lebensqualität an der Zonengrenze" in Schöningen und Offleben durchführte, stellte sie bei einer Befragung der Bevölkerung fest, daß die Mehrheit die BKB schlimmer fand als die Zonengrenze. Auf die Frage "Fühlen Sie sich durch den Bergbau in Bezug auf Luft- und Wasserverschmutzung belästigt", antworteten 67,7% mit Ja und begründeten es mit Phenolgeruch, gesundheitlichen Schäden, z.B. Übelkeit, Erbrechen, Magenschmerzen, Staub, Dreck, Aschenregen. 32,3% gaben als Gründe für ihr Nein mit an: Abhängigkeit vom Bergbau, keine Beziehung zum Bergbau, Gleichgültigkeit, Geruch wirke nicht belästigend, Vermeiden von Konfrontation mit BKB, sonst Arbeitsplatzverlust, von Kindheit an gewohnt.

In einem anonymen Brief beschwerte sich ein Schreiber, der sich als BKB-Arbeiter im Tagebau ausgab, darüber, daß die Spezialisten aus der Chemie zwar alle Tage mal vorkämen und messen würden und berieten, aber auf Fragen keine Antworten gäben. Er sprach von "neuerdings aufgetretenen Belastungen durch Schwefelwasserstoff", von häufigen Arbeitsunterbrechungen, Übelkeit, Kopfschmerzen und Fragen nach den gesundheitlichen Folgen. "Wegen der Gefährlichkeit dieses Gases wäre es an der Zeit, über Ausmaß und Gefährdung der Belastungen zu unterrichten." Ich veröffentlichte das Ergebnis der Schülergruppe und den Brief im Gemeindebrief Januar/März 1983, denn über Weihnachten 1982 war der Phenolgestank derart penetrant ins Pfarrhaus eingedrungen, daß mir schlecht wurde. Auf wiederholte Proteste beim Betriebsrat, im Landeskirchenamt und bei der Braunschweiger Zeitung gab für die BKB Dipl. Ing. Hausmann zu, daß die Bagger im Tagebau Alversdorf ins Zentrum der Phenolkohle vorgedrungen wären. Nun kam es auch zu einem Gespräch zwischen dem Landeskirchenamt und den BKB, das allerdings nach 20 Minuten wieder beendet war.

Phenol ist bekanntermaßen krebserregend. Mein persönlicher Eindruck war, daß die vielen Todesfälle infolge Krebserkrankung u.a. von der regionalen Belastung stammten.

Die Lindenallee (1984)

Am Büddenstedter Tagebaurand stand eine wunderschöne Lindenallee. Der Abstand zu den Grundstücken war weit genug. Gewiß: im Herbst war Laub zu fegen, für manche ein Ärgernis. Neben den Linden befanden sich Hochstrommasten, die möglicherweise später dort aufgestellt worden waren. Nun wurde festgestellt, daß die Linden im Weg waren.

Die einfachste Lösung war das Beschneiden. Kein Baum läßt sich leichter beschneiden als eine Linde. Der Verwaltungsausschuß der Gemeinde beschloß daher, einen Baumchirurgen mit Baumschnitt und eventuellem Baumentfernen zu beauftragen.

Aber in Anwesenheit und nach einem Vortrag von Dipl. Ing. Dr. Nille von den BKB entschied sich der Gemeinderat am 12. April 1984 mit großer Mehrheit, die gesamte Lindenallee, über 150 Prachtexemplare, fällen zu lassen. Tatsächlich wurden dann später 154 Linden gefällt. Nur die Ratsherren Lickfett, Holste und Sander von der CDU stimmten gegen diesen Antrag.

Vom Gemeinderatsbeschluß berichtete die Braunschweiger Zeitung am Kardienstag mit einem Bild der Lindenallee. Mitten in der Karwoche, am Gründonnerstag, sollte dieser staatliche sanktionierte Baumfrevel vollzogen werden. Ich war außer mir: so eine Abholzaktion in der Stillen Woche vor vier hohen christlichen Feiertagen, in denen Protest nicht zu erwarten war.

Ich nutzte die Gründonnerstagspredigt zu einer deutlichen Stellungnahme unter Namensnennung des BKB-Verantwortlichen Dr. Nille und den zehn Seiten langen Gemeindebrief April/Mai 1984 zu einem drastischen Protest. Ich verfertigte eine Fotoserie, verfaßte ein bebildertes Flugblatt und verteilte es in den drei Gemeinden. Tatsächlich bildete sich eine heftige Protestfront aus allen Bevölkerungskreisen. Frau Buchholtz äußerte sich öffentlich kritisch zum Gemeinderatsbeschluß und zur BKB-Abholzaktion, der SPD-Ortsverein distanzierte sich umgehend beschämt in einem Flugblatt von den SPD-Ratsherren, der frühere Neu-Büddenstedter Gemeindedirektor Franz Müller machte in einem Leserbrief seiner Empörung Luft.

Im folgenden Gemeindebrief Juni/Juli/August 1984 war eine Stellungnahme des Bundes für Umwelt und Naturschutz aus der Feder von Karl Friedrich Weber zu lesen, der die von den BKB herangezogene Begründung "skandalös" nannte. "Die Maßnahme war weder fachlich noch technisch erforderlich", der Gemeinderat möge sich in Zukunft von "qualifizierten und vor allem unabgängigen Fachleuten beraten lassen, damit sich derartige irreparable Fehlentscheidungen nicht wiederholen." In der Kreistagssitzung am 29. Juni sah sich die Kreisverwaltung einigen bohrenden Fragen von Frau Weihe von den GRÜNEN ausgesetzt. Aber auch Herr Ponczek und Herr Isensee von der CDU beteiligten sich an dem Fragespiel. Immerhin kam dabei heraus, daß "nach den Vorstellungen der Unteren Naturschutzbehörde weniger als 10 Linden gefällt und durch Neuanpflanzungen ersetzt werden sollten."

Nur der Büddenstedter Kirchenvorstand, in dessen Gemeindebezirk die ganze Sache ablief, verhielt sich stille. Dort hatte inzwischen auch der Pfarrer gewechselt.

Die Sache hatte ein gerichtliches Nachspiel. Ich wurde von Dr. Nille wegen meiner deutlichen Sprache verklagt, die 4. Zivilkammer des Landgerichtes gab ihm nach einer Verhandlung im September 1984 Recht, ich ging in Revision, die Richter beim 2. Zivilsenat des Oberlandesgerichtes waren mir wesentlich freundlicher gesonnen und boten einen großzügigen Vergleich an. Viele Sympathisanten füllten zu meiner Überraschung den Gerichtssaal. Ich mußte zwei Drittel der Kosten bezahlen, weil ein paar Tage vorher der nächste Gemeindebrief April/Mai 1985 mit einem Grußwort an den Nachfolger von Dr. Nille erschienen war. Aber diesmal kam auch Dr. Nille nicht ungeschoren davon.

Seine Dienstaufsichtsbeschwerde beim Landeskirchenamt dagegen und andere Anträge bei der Staatsanwaltschaft verliefen im Sande. Dr. Nille hatte den Ruf der BKB als umweltfreundliches Unternehmen nicht gefördert. Er verließ den Betrieb bald.

Die treibenden Veilchen (1974-1982)

Es war schon eine verrückte Idee, daß drei Kirchenvorstandsmitglieder, nach der Zusammenlegung der Dörfer Neu-Büddenstedt, Reinsdorf-Hohnsleben und Offleben im März 1974 zu einer Einheitsgemeinde, zur ersten Kommunalwahl am 9. Juni 1974 unter dem phantasievollen Namen "Die treibenden Veilchen" für einen Sitz im neuen 15köpfigen Gemeinderat kandidierten. Wir waren sozusagen die ersten GRÜNEN im Dorf, allerdings auf der Liste der FDP. Die GRÜNEN

Ein Sitz im Rat

gab es in den Kommunalgemeinden erst später. Bei der Wahl zur Bremer Bürgerschaft 1979 erhielten sie 5,14% und bei der Landtagswahl in Niedersachsen 1982 6,5%.

Die Dörfer Offleben und Reinsdorf waren seit Kriegsende von der SPD bestimmt worden.

Aber war Offleben deshalb ein "rotes Dorf"? Die Flüchtlinge hatten sich in einer UWG gesammelt, dann hatte Horst Ponczek eine Orts-CDU gegründet, UWG und CDU vereinigten sich, und so stand bis 1974 eine SPD-Mehrheit einer CDU Minderheit gegenüber. Die Orts-SPD erschien uns politisch verbraucht und verfilzt. Also kandidierten wir drei frech für den Gemeinderat: Jochen Brandes, Rüdiger Schwarz und ich. Der unmittelbare Anlaß war die Reduzierung von Kindergartenplätzen und die elende Umweltverschmutzung. Dagegen wollten wir uns hochmachen.

Daß Jochen Brandes und Rüdiger Schwarz mitmachten, kam nicht von ungefähr. Der Großvater von Jochen Brandes war schon Gemeindevorsteher um die Jahrhundertwende gewesen und der Großvater von Rüdiger Schwarz war von 1919-1933 so etwas wie Gemeindedirektor (das nannte sich bloß anders) gewesen, also: das Verantwortungsgefühl über den eigenen Garten hinaus für die Allgemeinheit hatte Familientradition. Der Dritte im Bunde war ich. Wir entwarfen eigene Plakate, liefen mit Klebeeimern durchs Dorf, wir verwendeten sogar Plakate von Klaus Staeck, weil wir die so lustig fanden. Es machte irgendwie Spaß.

Ein Sitz im Rat

Trotz dieser kümmerlichen Ausgangslage erhielten wir drei 204 Stimmen und damit einen Sitz im Gemeinderat, den ich einnahm. An den Mehrheitsverhältnissen änderte sich nichts. Die SPD hatte 8 Sitze, die CDU 6, zum Bürgermeister wurde Horst Smuda gewählt, und damit die Smuda-Tradition im Dorfe weitergeführt. Horst trat das Erbe von Willi an. Beide waren Betriebsräte und ziemlich konzernkonform.

In einem waren sich alle die 14 Mitglieder der etablierten Parteien einig: gegen den einen andersfarbigen. Ich war mit 41 Jahren einer der Jüngsten am Ratstisch, ein Beispiel für die Überalterung der Ratsmitglieder. Dem Rat gehörten 1974 an: von der SPD: Ilse Piper, die Herren Horst Smuda, Karl Magnus, Max Pflugrad, Willi Schröder, Fred Thiemann, Hans Wawerczin, Walter Weber und von der CDU: Friedrich Lickfett, Dr. Lambrecht, Karl Heinz Isensee, Rüdiger Kaiser, Ernst Sander.

Die Geschäftsordnung bot nicht viel Spielraum, da ich mich keiner Fraktion anschloß. Ich erhielt keinen Sitz in einem Ausschuß, erreichte aber in der erste Sitzung, daß ich Aktenvorgänge in der Verwaltung einsehen könnte, was bisher nur den Fraktionsvorsitzenden gestattet war.

Immerhin konnten wir die Einwohner durch regelmäßige "Veilchenbriefe", die sich einer gewissen Beliebtheit erfreuten, aus dem Gemeinderat informieren. Wir prangerten die öffentliche Verschwendung an, berichteten von den Positionen des Haushaltsplanes und von den sinkenden Einwohnerzahlen, die im Gegensatz zu den steigenden Verwaltungsstellen standen. Wir lobten die tolerante und großzügige Sitzungsleitung von Bürgermeister Horst Smuda, aber wir frotzelten auch kräftig. Bis zum Herbst 1976 brachten wir es immerhin auf 8 Informationsblättchen, die fast noch lieber abgenommen wurden als unsere Gemeindebriefe.

Zwei Sitze im Rat und zusammen mit der CDU

Schon nach zwei Jahren gab es am 3. Oktober 1976 neue Kommunalwahlen, zusammen mit der Kreistagswahl und der Bundestagswahl. Wir hatten uns erheblich vermehrt und stellten insgesamt 10 Kandidaten auf. Die Wahl war günstig ausgefallen. Wir erhielten doppelt soviel Stimmen wie vor zwei Jahren, nämlich 424 und damit zwei Sitze, die Gisela Adrian, die Frau meines Büddenstedter geistlichen Kollegen, und ich einnahmen.

Damit wurden wir das scheußliche "Zünglein an der Waage": Die CDU hatte 6 Sitze, die SPD 7. und Horst Smuda rechnete fest mit seiner Wiederwahl.

Ich hatte die Wahnsinnsidee, eine rechtslastige SPD mit Hilfe einer politisch unbeschriebenen CDU links zu überholen Mit der FDP hatten wir im Grunde nichts am Hut. Es gab auf dem Dorfe auch nicht die typische bürgerliche FDP-Wählerschicht. Ich war zwar Mitglied, aber mehr aus Dankbarkeit, daß wir unter ihr Dach kriechen konnten. Wir hatten sie dazu benutzt, um nicht für eine neue politische Gruppierung Unterschriften sammeln zu müssen. Wir blieben "die treibenden Veilchen". In der Presse jedoch waren wir "die FDP-Fraktion".

In vielen Einzelgesprächen hatten wir eine Mehrheit mit der CDU zusammengebastelt und eine CDU/FDP-Gruppe gebildet. Ich bekam einen Sitz im wichtigen Verwaltungsausschuß und Friedrich Lickfett wurde Bürgermeister. Damit war eine 30jährige SPD-Mehrheit in den Kohledörfern zur großen Überraschung vieler beendet.

Gisela Adrian war mit ihren 28 Jahren das jüngste Gemeinderatsmitglied, dann kamen Henning Jacobs und Peter Dursinsky, und dann ich bereits mit meinen 42 Jahren.

Die Affäre Lück

Bei der Bildung der Einheitsgemeinde im Frühjahr 1974 hatte es ein heftiges Tauziehen um den Posten des Gemeindedirektors gegeben. In Büddenstedt stand dafür der versierte Franz Müller zur Verfügung, der auch im Büddenstedter Kirchenvorstand eine große Rolle spielte und in Offleben Willi Scheibe, der seit Dezember 1954 Offleber Gemeindedirektor war. Franz Müller war im Dezember 1911 geboren und 1974 bereits 63 Jahre alt. So wurde Willy Scheibe, als der um drei Jahre jüngere, der erste Gemeindedirektor der Einheitsgemeinde. Er ging am 31.3.1977 mit 63 Jahren in den verdienten Ruhestand. Danach begann ein neues Tauziehen um einen Nachfolger.

Nachrücker wäre der bisherige stellvertretende Gemeindedirektor Otto Pieper gewesen, zu dem ich politisch und persönlich ein gutes Verhältnis hatte und den ich als gestandenen Sozialdemokraten sehr schätzte.

Aber die CDU wollte den Posten mit einem der Ihren besetzen und schlug dafür einen Standesbeamten aus Eutin, Erwin Lück, vor. Lück war zwei Jahre vorher in die CDU eingetreten. Wir Veilchen, Gisela Adrian und ich, hatten von Anfang an schwere Bedenken und teilten das der CDU in einem Schreiben am 30. März auch mit. Doch die CDU bestand auf ihrem Kandidaten, der am 2. Mai 1977 seinen Dienst mit einer Probezeit von 6 Monaten antrat.

Wie erwartet, erwies sich Lück aus unserer Sicht als ungeeignet, und wir stellten den Antrag, die Stelle neu auszuschreiben. Aber auch der CDU-Fraktionschef Karl Heinz Isensee hatte Bedenken gegen Lück, etwa bei der Gestaltung eines neuen Rathausplatzes, den Lück für 250.000 DM plante und für den Isensee höchstens 100.000 DM ausgeben wollte. Differenzen bestanden auch bei der Schließung der Wäscherei in Offleben, die Lück gegen Isensee betrieb.

Am 28. September 1977 kam es im großen Saal der Rathausgaststätte in Büddenstedt zu einer dramatischen Sitzung, zu der die CDU Hunderte von Zuhörern mobilisiert hatte und zur Abstimmung über den Antrag der SPD, Lück zu entlassen und die Stelle neu auszuschreiben. Der Antrag wurde in namentlicher Abstimmung unter einem fürchterlichen psychologischen Druck mit 9:6 Stimmen (also SPD plus Veilchen gegen CDU) angenommen.

Frau Lück störte einen Tag später, am 29. September, in Reinsdorf einen ökumenischen Gottesdienst und Frau Adrian bekam unanständige Telefonanrufe. In der Folgezeit versuchte die CDU, mich mit Hilfe einer Reihe falscher Anschuldigungen als Pfarrer der Gemeinde loszuwerden. Das angezettelte Disziplinarverfahren verlief nicht nach Wunsch und ich blieb Gemeindepfarrer.

Aber das Verhältnis zur CDU wurde nach der Abwahl von Lück immer kritischer. Ratsherr Sander liebte eine drastische Sprache und provozierte mich bei einer Verwaltungsausschußsitzung so heftig, daß ich meine Kaffeetasse gezielt an die Wand schmiß und den Abbruch der Sitzung erzwang. Dieser - aus meiner Sicht harmlose, wenn auch ungewöhnliche und nicht alltägliche Tassenwurf - machte bald die Runde.

Als neuer Gemeindedirektor wurde an Stelle von Lück im Frühjahr 1980 Wolfgang Walter gewählt. Zum zweiten Mal hatte es Otto Piper nicht geschafft, der seit 1977 aufopferungsvoll den Posten des Stellvertreters eingenommen und seine bereits in der Kriegsgefangenschaft angeschlagene Gesundheit aufs Spiel gesetzt hatte. Dieses Mal aber lag es daran, daß sich die Offleber und die Büddenstedter SPD nicht auf Otto Piper einigen konnten.

Ungewohnte Themen der Kommunalpolitik

In der Kommunalarbeit bekam ich es mit Dingen zu tun, die meiner pfarramtlichen Tätigkeit völlig fremd waren, die mich aber interessierten, beispielsweise: wie funktionieren Kläranlagen, welche biologischen Klärwege gibt es, wie sieht der 20 Millionen-Haushalt einer Kommunalgemeinde aus, Fragen der Dorfgestaltung, Vermietungen... Ein Ratsherr wird in der Gemeinde von vielen Bürgern auf persönliche Wünsche angesprochen: die Pflasterung vor dem eigenen Haus, notwendige Reparaturen bei den kommunalen Wohnungen, Mietgesuche, Zuschüsse für Vereine, Anschaffungen bei der Feuerwehr - mir war das alles von Hause aus ganz ungewohnt, aber es machte mir Freude, mich auch mit solchen Dingen zu beschäftigen und dafür Zeit aufzuwenden. Es war ja fürs Dorf.

Übrigens waren Ratsherren auch begehrte Objekte jener Firmen, die nach günstigen Aufträgen schielten. Zum ersten Weihnachten als Ratsherr 1976 standen vor der Pfarrhaustür allerlei teure alkoholische Sachen einer Baufirma. Als ich am Rande einer Ratssitzung nachfragte, erhielt ich den Bescheid, das hätte seine Richtigkeit und das wäre so üblich. Ich bat, von derlei Geschenken, die ich auch schlecht weiterverschenken konnte, doch abzusehen, was dann auch geschah.

Gesprächspartner von Rat und Verwaltung in vielen Angelegenheiten waren die Braunschweigischen Kohlenbergwerke. Ich gehörte zu den wenigen, die von ihnen nicht abhängig waren. Oftmals mußten eine Reihe von Ratsherren an den Abstimmung in Sachen BKB auf ihr Stimmrecht verzichten, weil sie als nicht unabhängig galten.

Das Verhältnis der BKB zu mir war in den 70iger Jahren wegen der scharfen Kritik an den Rekultivierungsmaßnahmen im Wulfersdorfer Tagebau und der ablehnenden Stellungnahme in Sachen unentschwefeltes Buschhaus so gespannt, daß sich der Vorstand der BKB weigerte, mit dem Verwaltungsausschuß zu verhandeln, wenn ich dabei wäre. Öffentliche Kritik war er offenbar gar nicht gewohnt. Das gespannte Verhältnis legte sich dann, als Dipl. Ing. Klaus Friedrich in den Vorstand eintrat und sich vorbildlich um eine vermittelnde Position bemühte. Zum Abschluß meiner Zeit in der Region wünschte ich mir eine Fahrt mit ihm in seinem Geländejeep zu all den Betriebsstellen, zu denen ein normaler Bürger keinen Zutritt hat, und wir schaukelten fast vier Stunden durch das Betriebsgelände. Es war eine hochinteressante Infofahrt. Das Vorstandmitglied Dr. Henrich Wilckens besuchte mich sogar zu Beginn seiner Tätigkeit und wir hatten einen so angenehmen, sachlichen Austausch im Pfarrgarten, daß Dr. Wilckens zu einer Diskussionsveranstaltung zum Thema "Was wird aus unserm Dorf?" in die Kirche kam und glasklar die Alternative des Dorfes mit oder ohne Industrie aufzeigte.

Die Abwahl von SPD-Bürgermeister Horst Smuda und die Wahl von Gemeindedirektor Walter waren die Langzeitentscheidungen dieser sechs Jahre. Kaum jemand hatte angenommen, daß die "Veilchen" auf eine weitere Arbeit im Gemeinderat freiwillig verzichten würden. Ein Ratsherr, weil einflußreicher in den alltäglichen Dingen, galt bei vielen Einwohnern mehr als ein Pastor. Also warum verzichten? Aber es langte. Ich war in diese Arbeit nun auch nicht verliebt, außerdem ließ Gisela Adrian mich wissen, daß sie nicht ein zweites Mal mitmachen würde. Also ließen wir es. Die CDU gewann bei der Kommunalwahl erstmals in der Dorfgeschichte die absolute Mehrheit und hielt sie fest. Sie hatte bald vergessen, daß unsere Initiative von 1976 es war, mit deren Hilfe sie die SPD abgelöst hatte.

Noch mal im Rat bei der UWG (1996-99)

Nach 20 Jahren stellten sich bei der CDU dieselben Ermüdungserscheinungen ein wie damals bei der SPD nach 30 Jahren.

BIO

Außerdem hatten sich in der Zwischenzeit die Umweltprobleme so sehr verschärft, daß in der Wohnung von Jochen Wolter am 26.2.1994 die "Bürgerinitiative Ost Elm", kurz: BIO, gegründet wurde. Die treibende Kräfte waren Jörg Gödecke und Jochen Wolter aus Offleben, Lothar Bosse und Jürgen Mostert aus Büddenstedt und Susanne Proetzel aus Esbeck. Im Dorfgemeinschaftshaus Offleben gab es am 11. März 1994 eine für dörfliche Verhältnisse überwältigend besuchte erste Gründungsversammlung mit ca. 280 Besucherinnen und Besuchern. Ein ermutigender Auftakt.

BIO tagte in der folgenden Zeit meistens im Pfarrhaus, die Kirchengemeinde war auch korporatives Mitglied geworden. Einige blickten abschätzig auf diese Verbindung.

Es waren auch besonders die Umweltfragen, die einige Engagierte zur Neuauflage einer Kandidatur für den Gemeinderat ermutigten, vor allem die Probleme mit der in Esbeck entstehenden Müllverbrennungsanlage. Bei mir spielte auch die politische Großwetterlage eine Rolle: ich hatte die Kohlregierung in Bonn einfach satt. Diese Art von "Käuflicher Republik", wie ein Buchtitel lautete, widerte mich an.

Wieder zwei Sitze - und zusammen mit der SPD

Es fanden sich 5 Kandidaten aus Offleben, (Wolfgang und Jörg Gödecke, Wilfried Reppin, Jochen Wolter und ich), kein Kandidat aus Büddenstedt und keiner aus Reinsdorf, also eine ganz kümmerliche Ausgangsbasis. Wir kandidierten auf der Liste der UWG und erhielten 730 Stimmen und zwei Sitze, die Jochen Wolter und ich einnahmen. In Offleben ergatterte ich nach Karl Heinz Isensee (579 Stimmen) und vor Karl Berg (126 Stimmen) mit 234 Stimmen den zweiten Platz. Das konnte man so deuten: die Offleber wollten, daß ich noch mal mitmachen sollte.

Da die CDU sieben und die SPD sechs Sitze hatte, konnten UWG und SPD die CDU ablösen. Es war dieselbe Konstellation wie 1976, nur mit umgekehrten Fronten. Die Sache hatte allerdings einen Schönheitsfehler: der bisherige Bürgermeister Karl Heinz Isensee hatte mit 1.180 Stimmen den weitaus höchsten Stimmenanteil erhalten. In sehr großem Abstand folgte auf ihn in der Liste der CDU Ernst Holste mit 184 Stimmen. Isensee hatte durch sein Abschneiden andere Kandidaten mit sehr schwachem Ergebnis mit in den Gemeinderat gehievt. Unsere neue Gruppenbildung mit der SPD richtete sich gegen dieses eindeutige Wählervotum.

Die Schwierigkeit wäre nur dadurch zu beheben gewesen, daß sich aus allen drei Ratsgruppen die tüchtigsten zu einem einvernehmlichen Vorgehen entschlossen hätten. Aber die CDU hoffte bei der entscheidenden Bürgermeisterwahl auf Abweichler aus unserer Gruppe. Ich fand es jedoch für unsere Dorfgeschichte wichtig, daß erstmals ein Frau Kandidatin für den Bürgermeisterposten würde: Rosemarie Werner (862 Stimmen).

Da ich nach Karl Heinz Isensee das älteste Mitglied des Gemeinderates war, kam mir in der ersten Ratssitzung die unerfreuliche Aufgabe zu, die Abwahl von K.H. Isensee zu leiten.

Ich kannte die Familie Isensee gut. Karl Heinz Isensee war von 1966-1971 Mitglied unseres Kirchenvorstandes gewesen und hatte sich aktiv in die Kirchenrenovierungsarbeiten eingeschaltet. Ich hatte das Ehepaar getraut, ich war immer wieder mal im Hause gewesen. Bei den BKB war er lange Zeit Betriebsrat, das war für ihn als CDU-Mann in einem SPD-dominierten Betrieb kein Zuckerschlecken gewesen. Er hatte vielleicht auch daher seine poltrige Art, und bei tagespolitischen Absprachen oft eine keineswegs zuverlässige Umgangweise, womit ich meine Schwierigkeiten hatte. Die Mutter Isensee war während einer Beerdigung auf dem Friedhof urplötzlich tot umgefallen, wir betteten sie auf eine der Bänke in der Friedhofskapelle und ich spielte auf dem Harmonium solange Choräle, bis ein Beerdigungsunternehmen eintraf und die Tote einsargte. Karl Heinz Isensee war damals auf einer Gewerkschaftstagung gewesen und wurde vom Tod seiner Mutter überrascht.

Im Laufe der Jahre waren durchaus persönliche Beziehungen zur Familie Isensee gewachsen. Es war mir daher nicht sehr schön, daß ausgerechnet ich nunmehr die Abwahl von K.H. Isensee als Bürgermeister leiten mußte. Es war auch nicht klar, ob die Gruppe zusammenhalten würde, denn Isensee hatte Verdienste und gute Kontakte auch in die SPD hinein.

Aber die SPD/UWG Gruppe hielt zusammen, er wurde abgewählt. Die CDU-Fraktion benutzte die Sitzung noch zu heftigen Ausfällen, wählte indes überraschend K.H. Isensee nicht als Fraktionsvorsitzenden - ein offensichtlicher Ausfluß der Spannungen zwischen Büddenstedter und Offleber CDU - wollte auch keinen Kandidaten für den stellvertretenden Bürgermeisterposten stellen, sodaß ich nun auch noch 2. Stellvertretender wurde. Das war eine reine Formsache.

Zentrale Kläranlage - Müllverbrennungsanlage - Kompostieranlage

Es standen auch in dieser Periode wichtige kommunalpolitische Probleme an: die teuerste und wichtigste war die Schaffung einer zentralen Kläranlage der Samtgemeinde zwischen Reinsdorf und Offleben. Ich fand die geplante Anlage viel zu groß und war auch bei diesem Problem für Dezentralisierung: also drei biologische Kläranlagen für jeden Ortsteil. Barneberg hatte sich eine solche Anlage gebaut, die sich Jochen Wolter und ich ansahen. Aber die Widerstände in den eingespielten Planungsbüros, die seit langem vorliegenden Vorarbeiten, schließlich die Vorentscheidung der SPD für eine Zentralisierung verhinderten die Durchsetzung einer dezentralisierten Anlage, die ich nach wie vor für gut machbar, leichter kontrollierbar und billiger halte. Spätestens bei der Erhöhung der Gebühren werden die Einwohner die Veränderung merken.

Die BKB planten neben dem Kraftwerk Buschhaus eine Müllverbrennungsanlage. Buschhaus lag teilweise auf Büddenstedter Gebiet, also war der Gemeinderat Büddenstedt mit der Genehmigung befaßt. Dazu gab es zahlreiche Anhörungen, fachlich sehr unterschiedliche, interessengeleitete Gutachten. Wir knieten uns, so gut es ging, in diesen Stoff hinein, zum Beispiel in die Fragen eines möglicherweise veränderten Straßenverkehrs und der giftigen Emissionen. Die Bürgerinitiative klagte sogar gegen die Anlage, dann aber ging ihr das Geld aus. Sie konnte einen Rechtsanwalt nicht mehr bezahlen. Wer in diesem Rechtstaat Recht bekommen will, muß zunächst mal Geld haben. Justiz im Kapitalismus - dieses Kapitel muß erst noch geschrieben werden.

Ein anderes, das Dorf lange beeinträchtigendes Projekt war die von einer BKB-Tochter betriebene Kompostieranlage am Dorfrand. Sie lag jedoch auf Schöninger Grund und Boden. Wer mit dem Auto vorbeifuhr, mußte sich immer wieder die Nase zuhalten. Es war ein ekliger Gestank. Der Rat war mit der Anlage befaßt, als die Betreiber eine Vergrößerung planten. Es sollten zu den bestehenden vier Rotteboxen noch einmal vier weitere installiert werden. Der Rat wurde zu einer Besichtigung eingeladen, es sah alles wie geleckt aus, kritische Anfragen wurden abgebügelt, es gab ein paar Werbegeschenke. Noch weitere Fragen? Na also. Ich hatte in diese durch Vergasung produzierte Erde hineingefaßt: tot. Kein Leben, kein Wurm, keine Keime - nichts Lebendiges fand sich in dieser "Erde". Da lobte ich mir doch meine Komposthaufen im Garten: fetter, fruchtbarer Boden.

Die Kompostieranlage war nur eine von weiteren geplanten Müllanlagen: eine Massenabfalldeponie und eine Sondermülldeponie waren im Gespräch. Wenn es der Kirche ernst war mit dem viel gebrauchten Schlagwort von der "Bewahrung der Schöpfung" - hier hatte sie reichlich Gelegenheit, sich zu handfesten praktischen Tatsachen im Alltag zu äußern und Flagge zu zeigen. Wir taten das, so gut wir konnten.

Interessenausgleich

Da der Verwaltungsausschuß alle drei Wochen tagte und ich mich selten vertreten ließ, hatte ich zu tun. Die Zusammenarbeit im nicht öffentlichen Verwaltungsausschuß und auch im Finanzausschuß fand ich, im seltsamen Kontrast zu den öffentlichen Ratssitzungen, erfreulich sachlich und kollegial. Man kannte die gegenseitigen Vorlieben, Schwächen und Macken und ging damit ziemlich friedlich um, wie es in kleinräumigen Verhältnissen zugehen kann. Mir lag vor allem an einem verträglichen Interessenausgleich. Das hochtrabende "Zum Wohle der Gemeinde" mochte ich nicht sehr. Es ging ja um handfeste Interessen, und zwar einzelner Bürger, der Betriebe vor Ort und auch der Allgemeinheit. Diese Interessen mußten in eine einsichtige Balance gebracht werden und darin waren wir uns im Verwaltungsausschuß eigentlich einig, unabhängig davon, wer nun gerade wessen Interessen vortrug.

Ende 1999 wurde ich aus der Arbeit von Bürgermeisterin Werner vor einer öffentlichen Ratssitzung verabschiedet.

Zusammenfassung

Ich war insgesamt, alles zusammengezählt, zehn Jahre im Gemeinderat, hatte zweimal einen parteipolitischen Kurswechsel mit eingeleitet und zwei Bürgermeister gekürt, einen geplanten Gemeindedirektor wieder mit nach Hause geschickt und einen anderen für lange Zeit mitgewählt. Eine dritte Kraft neben SPD und CDU wirkte auf das Demokratieverständnis im Dorf belebend, die Lust mitzureden und mitzumachen wuchs sichtlich, die zusätzliche Informationsdichte wurde begrüßt. Es war alles in allem ein fruchtbares Projekt, das durchaus kein rein persönliches war.

Die Gemeindemitglieder konnten erstaunlich klar zwischen Kirche und Kommunalpolitik unterscheiden. Keine und keiner riet mir dringlich, doch endlich mit der Ortspolitik aufzuhören. So ist diese Verbindung von Gemeindearbeit und Ortspolitik doch wieder typisch für das Gemeindeprofil jener Jahre. Ich stand damit nicht alleine in der Propstei: Pfarrer Eckhard Beichler war lange Zeit SPD-Mitglied und sogar Bürgermeister im Ortsrat der Gemeinde Emmerstedt und 20 Jahre Mitglied des Helmstedter Kreistages.


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