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[Kirche von unten]

Gemeinsam - zärtlich - radikal

17. Kapitel

Im Kreis der Amtsbrüder und -schwestern
in der Propstei, in der Landeskirche und darüber hinaus,

theologisch und politisch

Gute Nachbarschaft sei so wichtig wie das tägliche Brot, sagt Luther.

Jede Kirchengemeinde hat ihre Nachbargemeinden und jede Pfarrerin, jeder Pfarrer ihren/seinen Nachbarn im Amt. Nachbarschaft im Pfarramt ergibt sich aus der räumlichen Verbindung oder durch gleiche theologische Wellenlänge oder durch zeitlich begrenzte gemeinsame Vorhaben. "Am Ende der Welt", durch die Grenze abgeschnitten und am Rande eines großen Tagebaugebietes waren die räumlichen Nachbarn für unsere Gemeinden sehr begrenzt und größtenteils auf Büddenstedt beschränkt. Organisatorisch sind unsere Kirchengemeinden in die Propstei Helmstedt eingebunden, die eine Gelegenheit für gute Nachbarschaft bieten kann.

Die Propstei Helmstedt um 1962

Die Propstei Helmstedt gehörte 1962 mit ihren 26 Pfarrämtern zu den größeren der insgesamt 15 Propsteien der Braunschweiger Landeskirche. Nur Braunschweig mit 40 Pfarrämtern, Goslar mit 29 und Lebenstedt mit 28 Pfarrämtern waren größer.

Die Übersicht mit abgerundeten Gemeindemitgliederzahlen nach den Pfarramtskalendern 1962/1966, aus der Volkszählung von 1950 und 1961 und den Namen der Pröpste ergibt in alphabetischer Reihenfolge für 1962 folgendes Bild:

Name der Propstei PfarrämterGemeindemitglieder 1950 1961Name des Propstes
Blankenburg Ost 18 Rennig Radkau
Blankenburg West 513.700 Albert Querfurth
Braunschweig40 148.900166.300 Otto Jürgens
Gandersheim16 31.40025.700 Wilhelm Bosse
Goslar29 61.40068.700 Wilhelm Rauls
Helmstedt26 58.50055.000 Wilhelm Hobom
Königslutter 1321.400 18.600Walter Blümel
Lebenstedt28 44.90050.900 Hans Harborth
Lehre18 24.70027.000 Otto Dietz
Salzgitter15 28.70029.900 Alfred Cieslar
Schöppenstedt 1820.200 16.500Kurt Geisler
Seesen21 47.50041.300 Hermann Bechler
Vechelde17 26.00025.000 Kurt Appold
Vienenburg21 50.000 Hans Reischauer
(Bad Harzburg21 43.500 Hans Reischauer)
Vorsfelde12 22.100 Rudolf Peinecke
Wolfenbüttel 2545.000 Karl Heinz Oelker

Die ganze Landeskirche war eine Grenzkirche. Die innerdeutsche Staatsgrenze berührte von Norden die Propsteien Vorsfelde, Helmstedt, Wolfenbüttel, Vienenburg und Goslar.

Sie teilte die Propstei Blankenburg sogar in zwei Territorien: Ost und West. Hier wurde unterschieden zwischen den "18 Pfarrämtern der sowjetischen Zone" und den "5 Pfarrämtern der britischen Zone", die damals alle zur Braunschweigischen Landeskirche gehörten. Aus der Sicht der 1990 vereinigten deutschen Staaten klingt das merkwürdig, aber tatsächlich waren beide Teile Deutschlands damals nicht völlig frei, sondern "Zonen" der Briten und Sowjets.

Die Propstei Helmstedt lag, gemessen an der Höhe der Gemeindemitglieder, nach Braunschweig und Goslar an der dritten Stelle. Deren Pröpste Otto Jürgens und Wilhelm Rauls galten als die einflußreichsten. Beide gehörten 1962 der Kirchenregierung an. Von der Lebenstedter Propstei gingen durch die dort abgehaltenen theologischen Wochen theologische Impulse in die Landeskirche. Walter Blümel, Alfred Cieslar, Wilhelm Hobom galten als konservative Pröpste, Wilhelm Bosse dagegen hatte später den Vorsitz im Gemeindeausschuß der Landessynode. Dort wurde damals erfolgreich das Pastorinnengesetz vorbereitet.

Ich stelle mich vor

Die Propstei Helmstedt war bekannt durch die großen Durchgangs- und Flüchtlingslager in Marienthal und Alversdorf und kleinere in Jerxheim und Schöningen. Viele waren auf der Strecke zwischen Grasleben und Jerxheim in der Nachkriegszeit über die "grüne Grenze" gekommen

Kirchenmusikalisch hatte sich der Kantor von St. Vincenz in Schöningen, Heinz Sölter, durch die Pflege der Kompositionen von Hans Micheelsen einen Namen gemacht.

Die Frauenhilfen gliederten sich in zwei Kreisverbände, einen nördlichen um Helmstedt und einen südlichen um Schöningen, die Heesebergdörfer und die Kohledörfer und spiegelten damit die früheren Kirchenkreisstrukturen wieder.

Die Propstei teilte sich in diese zwei Bezirke, deren Pfarrer auch untereinander mehr Kontakte hielten. Die im Südkreis blieben für sich, die in Helmstedt pflegten ihre "Sofa-Synode".

Neben der traditionellen Landwirtschaft mit Höfen zwischen 50 und 400 Hektar dominierten die Braunschweigischen Kohlenbergwerke (BKB) die Wirtschaft des Landkreises. 1962 hatten sie ca. 6.000 Belegschaftsmitglieder. Eine besondere Nähe zur Kirche hatten die BKB nicht entwickelt. Landwirte fanden sich dagegen in den Kirchenvorständen und 1958 waren allein 9 Landwirte auch in der Propsteisynode. Sie stammten fast alle aus dem Südkreis: aus Barnstorf Karl Franz Brammer, aus Esbeck Wilhelm Kinzel, aus Hoiersdorf Kurt Graneß, aus Ingeleben Heinrich Knoke, aus Jerxheim Adolf Evers, aus Offleben Benno Brandes, aus Söllingen Ernst Köhler, aus Twieflingen Alfred Siemann. Nur Herbert Pape war aus Barmke.

Politisch galten Helmstedt und der Norden als konservativ, Schöningen und die Kohledörfer als traditionell rot und der Heeseberg als traditionell schwarz/braun.

Man las eine der damals noch gängigen drei Tageszeitungen: Braunschweiger Zeitung (Mitte), Braunschweiger Presse (links), Schöninger Rundschau/Helmstedter Kreisblatt (rechts). Eine der ersten Notizen, die ich in Schöningen las, war die Ankündigung einer Jugendweihe. So etwas hatte ich bisher nur aus den Nachrichten über die DDR gekannt und ich fing an, mich mit der Arbeiterkultur dieser Gegend zu beschäftigen. Ich traf dabei auf den Schöninger Ulrich Wegener, der 1961 die Jugendweihe im Juleum erhalten hatte, woraus eine bis heute anhaltende, feste persönliche Bekanntschaft entstanden ist.

Ich stelle mich vor

Am Freitag, dem 13. April 1962 kam ich auf dem Schöninger Bahnhof an, ich war Vikar, hatte ein halbes Jahr Praxis in Melverode bei Pfarrer Wilhelm Ziegeler und ein Jahr Predigerseminar unter der Seminarleitung von Pfarrer Rudolf Brinckmeier hinter mir. Nun sollte noch vor dem zweiten Examen ein halbes Jahr Vikariat in Schöningen bei Pastor Hans Ludwig Althaus folgen. Ich stand mit meinem Köfferchen auf dem Bahnhofsvorplatz, erblickte eine backsteinrote Kirchturmspitze - nein, das war eine katholische Kirche - und fragte mich nach St.Vincenz durch. Ein knappes Gespräch am Vormittag mit dem nicht viel älteren "Vikarsvater", wie man damals sagte, das Zimmer, in dem ich bei Gatzemeiers wohnen sollte, mußte erst noch ausgebaut werden, es war kein Raum in der Herberge.

Ich aß in der leicht berüchtigten "Berlinklause" auf der Niedernstraße, die dann später meine Stammkneipe wurde, Bratkartoffeln und Rührei und sollte abends um 20.30 Uhr an einem "Konvertitenunterricht" teilnehmen. Irgend jemand wollte noch rasch zur evangelischen Kirche übertreten. In der Sakristei fand dann später die sogenannte Aufnahmehandlung statt, bei der wir gemeinsam das Glaubensbekenntnis zu sprechen hatten. Ich riet immer, solche Texte abzulesen. Mein Konvertit wollte es jedoch besonders eifrig machen, sprach auswendig seinen mühsam erlernten Text und tönte: "... von dannen er kommen wird, zu richten die Ledigen und die Toten." Die ungewollte Zusammenstellung von ledig und tot war selbst den meist zölibatär lebenden Verfassern des apostolischen Glaubensbekenntnisses doch fremd gewesen. Ich mußte schmunzeln.

In der folgenden Karwoche hielt ich meine erste Passionsandacht über Psalm 34 "Du stellst meine Füße auf weiten Raum". Ich legte sie als ein Wort Jesu am Kreuz aus: das Kreuz als der weite Raum für die auf das Kreuz genagelten Füße Jesu.

Im Mai zwei, im Juni drei Gottesdienste in der Stadtkirche - es ging gleich straff zur Sache und das war mir lieb, daneben liefen die Arbeiten für das zweite Examen, zu dem ich eine Abhandlung über Schelling und Tillich vorlegte.

Ich wurde in die Amtskonferenz mitgenommen. Alles ehrwürdige Gestalten. Es wurde "Lobe den Herren" gesungen und zwar entsetzlich laut. Jeder hatte das Gefühl, er müßte eine leere Dorfkirche alleine füllen. "Hier wird wenig aufeinander gehört", war mein erster Eindruck, der sich später vertiefen sollte. Als bis zum Ende der Amtskonferenz immer noch keiner der Teilnehmer meine Anwesenheit entdeckt hatte, erhob ich mich am Schluß und stellte mich vor. Ich sei der neue Vikar. "Ach ja, richtig, Bruder Kuessner", fiel mir nun Propst Hobom ins Wort, aber es blieb nichts mehr zu sagen. Ich fand das alles typisch braunschweigisch: wenig gastfreundlich, wenig offen, wenig neugierig, ziemlich festgefahren, wenig einladend.

Nachbar Haferburg

So war ich denn glücklich, daß ich einen geradezu väterlichen Nachbarpfarrer in Neu-Büddenstedt fand: Pfarrer Karl Bruno Haferburg.

Haferburg war damals, im Jahr 1962, 55 Jahre alt, stellvertretender Propst und Landessynodaler. Er führte mich später, 1965, auch ins Offleber Pfarramt ein.

Haferburg hatte an der Kirchlichen Hochschule Bethel angefangen, Theologie zu studieren und bei meinem Vater, der dort seit 1925 Dozent für griechisch und Kirchengeschichte gewesen war, gelernt und gehört. Vater war damals selber erst 29 Jahre jung und bei den Studenten beliebt. So fiel nun ein kleiner Abglanz auf mich, der mir gut tat. Es gab noch eine Reihe anderer Pfarrer im Braunschweigischen, die meinen Vater aus der Zeit seiner Betheler Dozentur, die bis 1931 dauerte, kannten. Haferburg war von seinem Elternhaus in Eichenbarleben bei Magdeburg aus in Helmstedt zur Schule gegangen, war 1933-1940 Pfarrer in Schwachenwalde gewesen, das zur Superintendentur Arnswalde gehörte, und gehörte der Bekennenden Kirche (BK) an. Haferburg schreibt in einem Rückblick:

"Ich hatte dort sehr schwere Kämpfe mit einigen Funktionären der Hitlerpartei und darum auch mit der Geheimen Staatspolizei zu bestehen, weil ich mich gegen die Deutschen Christen zur Wehr setzte, die nationalsozialistisches Gedankengut in die kirchliche Verkündigung einbringen wollten. Ich war wegen dieser Kämpfe zeitweise abgesetzt aus dem Pfarramt und von der Geheimen Staatspolizei aus meinen Gemeinde ausgewiesen. Kurze Zeit habe ich deswegen auch hinter Schloß und Riegel im Gerichtsgefängnis einsitzen müssen. Aber die fanatische Feindschaft der Hitler-Leute hatte schließlich doch keinen Erfolg, weil die drei Gemeinden beinahe geschlossen zu mir standen."

Haferburg wurde ab 1940 in den Krieg eingezogen und 1945 am Auge schwer kriegsverwundet. Nach seiner Entlassung 1945 aus dem Gefangenenlager Munster konnte er in seine alte Gemeinde nicht mehr zurück und wurde von der Inneren Mission in Braunschweig als Lagerpfarrer des Flüchtlingslagers Alversdorf eingesetzt. Ab 1946 war er als Pfarrer der Alversdorfer Dorfkirche und der Neu-Büddenstedter Kirchengemeinde tätig, deren alte Kirche in Büddenstedt am Karfreitag 1943 gesprengt worden war. Eine neue war noch nicht errichtet worden. Die vielköpfige Familie, sie hatten fünf Kinder, war in den Gemeindeaufbau eingespannt und schuf auf allen Generationsebenen viele Verbindungen in die Gemeinde hinein. Haferburg hatte später die bittere Aufgabe, in der 800jährigen Alversdorfer Kirche am 11. Juni 1972 die letzte Predigt vor ihrem Abriß durch die BKB zu halten.

Er kam gemeindemäßig im weitesten Sinne wie ich aus dem preußischen Osten, was meine Sympathien weckte. Ich müsse, so empfahl er mir, zur Predigtvorbereitung die "Junge Kirche", eben das Blatt der BK, und, man staune, den SPIEGEL lesen, was ich dann auch tat. Ich abonnierte beides. Die Junge Kirche lese ich heute noch.

Haferburg gehörte dem sogenannten "Bereler Kreis" an, in dem sich die Pfarrer der Braunschweiger Landeskirche trafen, die das Erbe der BK pflegten. Der Kreis wurde damals von Pfarrer Hartmut Padel geleitet, löste sich aber Mitte der 60iger Jahre auf.

1974 ging Haferburg nach 28 Jahren Gemeindeaufbau von Büddenstedt aus in den Ruhestand. Er hat historisch wertvolle Erinnerungen aus den Anfangsjahren seiner Gemeindearbeit aufgeschrieben, die von seinem Nachfolger Ulrich Adrian anläßlich des 25-jährigen Bestehens der Kirchengemeinde Martin Luther im Gemeindebrief veröffentlicht worden sind.

Karl Bruno Haferburg ist am 24. Januar 1990 mit 82 Jahren in Gleichen verstorben. Anstelle von Kränzen bat die Familie um Spenden für Amnesty international.

Mit den Pfarrern des Südkreises im Mittwochsklüngel

Haferburg brachte mich in Verbindung mit den Pfarrern des Südkreises, die sich jeden Mittwoch in wechselnden Pfarrhäusern zur Predigtvorbereitung trafen, den Bibeltext aus der Ursprache übersetzten und gründlich erarbeiteten. Dann blieb immer noch ein Stündchen Zeit für den Austausch über Fragen der Gemeinde oder auch über persönliche Angelegenheiten. Das war eine ausgesprochen förderliche Einrichtung, besonders für mich als völlig Fremdem. Ich lernte die Pfarrhäuser der Umgebung und die theologische Denkungsart der Kollegen kennen: den 57jährigen bescheidenen Martin Schlak (Dobbeln), den 58jährigen volksnahen Heinrich Eggersglüß (Jerxheim), den 52jährigen, jedoch schon leicht resignierten Ernst Wolter (Söllingen), der bereits seit 1936 auf seiner ersten und einzigen Pfarrstelle saß und die elende Vertretungszeit im Kriege mitgemacht hatte, den 58jährigen Otto Apitz (Beiersdorf), der bald darauf, 1966, im Dienst verstarb und den Propst Wilhelm Hobom, 41 Jahre alt, der in Hoiersdorf noch seinen Ententeich vor dem Pfarrhaus pflegte, 1962 aber nach Marienberg umzog. Dort konnte er in der großen romanischen Kirche seine unglückliche Liebe zur Liturgie pflegen. Wer ihm begegnete, hatte die starke Statur eines gemütvollen, gelegentlich durchtriebenen Landwirtes vor sich. Nach seiner Pensionierung betrieb er noch 10 Jahre lang aus Liebe zur Kirche im Helmstedter Kreiskrankenhaus die Krankenhausseelsorge, zusammen mit seiner treuen Sekretärin, Frau Rieger. Bevor er am 21. Juli 1988 in Königsfeld im Schwarzwald starb, gestand er, es sei schwer, unter den Belastungen der schweren Erkrankung am Ende Glauben zu halten.

Zu den jüngeren Pfarrern gehörte der 35jährige gesetzestreue Gebhardt Wille aus Twieflingen, der wie ein Landmann seine Gemeinde beackerte, 1963 in die Clus nach Schöningen ging und die St. Vincenzgemeinde entlastete. Politisch und theologisch hingezogen fühlte ich mich zum 32jährigen Klaus Rauterberg in Watenstedt, schon damals ein aktiver, in der friedenspolitischen Arbeit profilierter Kollege, der das ziemlich rechtslastige Watenstedt leider 1967 verließ und später in der Kirchengemeinde Sievershausen im Hannoverschen ein großartiges Friedenszentrum geschaffen hat. Die Helmstedter Pfarrer blieben mir, zumal ich ohne fahrbaren Untersatz war, ziemlich fern.

Volksmissionar Menzel

Ebenfalls aus dem Osten, nämlich aus dem schlesischen Baumgarten, und auch aus der BK und mir daher sympathisch, etwas älter als Haferburg, Jahrgang 1903, war Pfarrer Dr. Dr. Menzel. Menzel war Studienrat für Religion und Sport an der Oberschule in Löwenberg/Schlesien gewesen, hatte in Philosophie und Theologie promoviert, war wie Haferburg verwundet aus dem Krieg gekommen und hatte sich nun dem Pfarramt zugewandt. Er wurde im beträchtlichen Alter von 44 Jahren noch mal Vikar an der St. Lorenzkirche in Schöningen und dann, nachdem ihm statt des 2. theologischen Examens in Wolfenbüttel ein Kolloquium abgenötigt worden war, Pfarrer an St. Lorenz, seiner ersten und einzigen Pfarrstelle. Menzel war trotz seiner doppelten Promotion kein versponnener Intellektueller, sondern ein gewandter Redner, war in den 50iger Jahren in die Landessynode gewählt worden und hat dort kräftige Reden gehalten, weswegen Bischof Erdmann einmal sogar den Sitzungsraum verlassen und erklärt hatte, er werde nie wieder zurückkehren. Menzel wurde Vorsitzender des synodalen Gemeindeausschusses.

Im Arbeiterwerk von Pastor Menzel

Menzel hatte einen ausgesprochenen volksmissionarischen Drang. In Schöningen veranstaltete er in den fünfziger Jahren theologische Wochen und gründete vor allem das Arbeiterwerk St. Lorenz als Diskussionsforum für die der Kirche meist distanziert gegenüberstehenden Männer, besonders aus der Arbeiterschaft. Das Arbeiterwerk bewährte sich als die kirchliche Plattform für Diskussionen vor allem über politische und theologische Fragen. Menzel war im "roten Schöningen" genau der richtige Repräsentant für die evangelische Kirche, der die "heißen Eisen" anfaßte.

Das Arbeiterwerk florierte, als ich in die Propstei kam, und ich beteiligte mich zu Beginn an den dort heiß geführten Diskussionen. Es war eine Vortragsreihe über das Verhältnis der evangelischen Kirche zu den großen Bundesparteien gelaufen und ein Vortrag eines Hildesheimer Bundestagsabgeordneten der CDU im April 1964 über "Wie fühle ich mich als evangelischer Christ in der CDU" provozierte die meist "linken" Zuhörerinnen und Zuhörer. Menzel überließ mir die Erwiderung. Ich hielt am nächsten Abend ein saftiges Gegenreferat über "Die CDU als Hilfe und Belastung der evangelischen Kirche".

Es blieb nicht bei den Diskussionen, sondern den Politikern wurde in schriftlichen Resolutionen die durchdiskutierte Meinung zur Stellungnahme vorgelegt. Bei den Bundestagswahlen im Herbst 1965 wurde die bevorstehende Notstandsgesetzgebung aus der offiziellen Wahlkampfdiskussion herausgehalten. 24 Versammlungsteilnehmer äußerten nach einer Diskussion im Arbeiterwerk ihre Beunruhigung:

"Das Evangelische Arbeiterwerk St. Lorenz in Schöningen hat in seiner Versammlung am 7.9.65 folgende Resolution beschlossen:

Die Unterzeichneten sind tief beunruhigt darüber, daß die Notstandsgesetzgebung aus der Wahlkampfdiskussion bewußt herausgehalten wird. Wir sehen darin eine Täuschung des Wählers und befürchten, daß nach der Wahl die restlichen Notstandsgesetze ohne Zustimmung des Wählers verabschiedet werden. Wir bitten die Herren Bundestagsabgeordneten unseres Wahlkreises dringend, öffentlich darzulegen, wie sie sich zu dieser Frage im Bundestag stellen würden."

Dr. Dr. Menzel E. Chr. Lerche Kuessner

Wolfgang Eßbach W. Wesche Herrmann

Siegfried Köhler M. Künne H. Ch. Buchholtz

Willi Lange Gulbinski H. Otto

Dr. Notdurft Michalke W. Tönnies

Gertrud Lerche Bauer G. Hartung

Dr. E. Koch I. Koch Wilfried Baudorf

L. Hintze Luise Kamer Wilhelm Herbig

Die Unterschriftenliste zeigt, daß das "Arbeiterwerk" als beliebtes Diskussionsforum auch Lehrer vom Gymnasium (Dr. Notdurft, Baudorf) und der Sonderschule (Gulbinski, Michalke, Wesche) in Schöningen anzog, dazu junge Leute mit Freude an der tagespolitischen Diskussion, die sie ansonsten vermißten. Zum Vorstand des Arbeiterwerkes gehörten die BKB-Arbeiter Siegfried Köhler und Erich Cauers, die auch lange im Kirchenvorstand St. Lorenz tätig waren.

Menzel verließ am 30. Juni 1969 St. Lorenz, um in den Ruhestand zu gehen und zog nach Freiburg. Er besuchte immer mal wieder seine alte Gemeinde. Er starb, 88 Jahre alt, am 27.8.1991.

Ein brüderlicher Gast: Martin Niemöller im Juni 1965 in Schöningen

Pfarrer Menzel und ich luden im Herbst 1965 den Kirchenpräsidenten Martin Niemöller nach Schöningen ein. Ich hatte im Kirchenarchiv in Darmstadt gearbeitet und dort die Prozeßakten gegen den braunen Braunschweiger Bischof Wilhelm Beye entdeckt und mit Hilfe von Niemöller als Kirchenpräsidenten der Hessen-Nassauischen Landeskirche alles fotokopieren dürfen. Mein Vater und Niemöller kannten sich gut aus dem Kirchenkampf von den Bekenntnissynoden in Dahlem (1934) und Augsburg (1935) und vom Reichsbruderrat her, obwohl sich ihre Wege dann trennten, weil Vater den Kompromißweg der Reichskirchenausschüsse verantwortlich mitvertrat und dort Mitglied wurde, was Niemöller nur mit Verachtung strafen konnte.

Niemöller umgab die Faszination seiner sperrigen Biographie: Pfarrersohn, U-Boot-Kapitän im 1. Weltkrieg, Wähler der demokratiefeindlichen Deutschnationalen Volkspartei, Begründer der Bekennenden Kirche im Dritten Reich, KZ-Häftling seit 1938 bis 1945, Mitverfasser des unpopulären Stuttgarter Schuldbekenntnisses der Evangelischen Kirche im Jahr 1945, Kirchenpräsident der Hessen-Nassauischen Kirche, die er wie ein U-Boot leitete, überzeugter Pazifist und radikaler Gegner der von Adenauer gegen den Willen der Bevölkerung betriebenen Wiederaufrüstung. Von Niemöller stammte das Bonmot über die CDU: "in Rom gezeugt, in Washington geboren." Er war einer der ersten prominenten Moskaureisenden und Träger des Lenin-Ordens und als "nützlicher Idiot Moskaus" verunglimpft

Begreiflicherweise war Niemöller für die CDU ein rotes Tuch. Sie hatte sich früh auf ihn eingeschossen. Der erste Bundesparteitag der CDU fand am 20. Oktober 1950 im Bereich der Braunschweiger Landeskirche in Goslar statt. Damals äußerte Konrad Adenauer: "Nun hat Herr Kirchenpräsident Pfarrer Niemöller schriftlich und mündlich die heftigsten Angriffe gegen den Bundeskanzler gerichtet. Er versteigt sich zu der Behauptung, daß die Schaffung der Bundesrepublik Deutschland die Herablassung des Eisernen Vorhangs und die Schaffung eines ostdeutschen Staates verursacht habe. Er spricht von einem Volksbetrug, wenn der gegenwärtige Bundestag über diese Frage entscheide... Ich kann nur sagen, daß Herr Pfarrer Niemöller in geradezu unverantwortlicher Weise sich gegen die Ehre und das Ansehen seiner Mitmenschen versündigt und dem deutschen Volk im Inland und im Auslande schwersten Schaden zufügt..."

Adenauer fühlte sich ertappt. Niemöller hatte öffentlich behauptet, es gäbe schon Planungsarbeiten von ehemaligen Wehrmachtsoffizieren für die Wiederaufrüstung. Der früherer General v. Manteuffel war 1949 mit einem Gutachten beauftragt worden. Trotzdem hatte Adenauer die Öffentlichkeit mehrfach belogen, er dächte überhaupt nicht an eine Wiederaufrüstung. Auf dem Goslarer Parteitag bestritt Adenauer die Behauptung Niemöllers leidenschaftlich und log wieder. Einen Monat nach dem Goslarer Bundesparteitag trat der Innenminister Gustav Heinemann aus dem Kabinett Adenauer aus, als Protest wegen Nichtinformierung des Kabinetts in dieser entscheidenden Frage.

Das Verhältnis zwischen Niemöller und der CDU wurde immer gereizter. Wegen einer Äußerung über die Bundeswehr verklagte F. J. Strauss den Kirchenpräsidenten. Es war nicht anzunehmen, daß ausgerechnet die CDU im Landkreis Helmstedt ihn schonen würde.

Ich hatte mir schon Jahre früher die zwei Bände der Reden Niemöllers aus den Jahren 1955-1957 und 1958-1961 besorgt und war erstaunt, daß er ein glühender Anhänger der Wiedervereinigung war. In einem Vortrag "Können wir noch etwas für die Wiedervereinigung tun?" warnte er davor, daß sich Westdeutschland einem der großen Militärblöcke anschließt, "daß wir uns gegeneinander bewaffnen lassen" und beantwortete die Frage des Vortrages so, "daß wir uns an die oft verlästerte Aufgabe des Brückenschlags machen und uns waffenlos als Unterhändler zwischen die Fronten begeben, wo wir so oder so zu leben oder unterzugehen haben."

Ein Jahr später, 1956 mahnte Niemöller in einem Vortrag "Wie sieht es mit der Wiedervereinigung aus?" die Dringlichkeit der Wiedervereinigung Deutschlands an, damit ein wiedervereinigtes Deutschland seinen vermittelnden Beitrag in der viel größeren Nord-Süd Spaltung der Welt leisten könnte. Einen Vortrag in Goslar am 17. September 1959 mit dem Thema "Die Spaltung Deutschland und der kalte Krieg" schloß er mit "Die Liebe hofft alles"; sie hofft auch die "Wiedervereinigung".

Als Niemöller am 10. Juni 1965 nach Schöningen kam, wurde er von der Lokalpresse vorgestellt als "schillerndste Persönlichkeit der Kirche nach dem 2. Weltkrieg" und "umstrittenster Kirchenpolitiker". Der damals 73jährige absolvierte in Schöningen ein dichtes Programm. Niemöller diskutierte mit zahlreichen Schülern und einigen Lehrern, die trotz der Pfingstferien in die Aula der Realschule gekommen waren, über die Ökumene - Niemöller war einer der Präsidenten des Weltkirchenrates - , diskutierte am Nachmittag im Pfarrkonvent, wo nur mäßiges Interesse herrschte, fiel durch eine bibel- und textgetreue Predigt in St. Lorenz am Spätnachmittag angenehm auf und enttäuschte hier alle, die eine parteipolitisch gefärbte Predigt erwartet hatten.

Bei der anschließendem Kundgebung im Schützenhaus sprach er ungeschminkt über "Unsere Sorgen um Deutschland". "Hier bemängelte Niemöller so ziemlich alles, was in der Nachkriegszeit das politische Leben der Bundesrepublik bestimmt hat. Der Regierung warf er vor, daß sie bewußt die politische Bildungsarbeit vernachlässige, ihr genüge es, wenn die Bundesbürger keinen Anteil an den wahren politischen Belangen nehmen und sich statt dessen am erfolgreichen Wirtschaftsgeschehen ergötzten. Das Reden um die Oder-Neiße-Grenze bezeichnete er als ein Streiten um des Kaisers Bart, da die Würfel bereits im Jalta gefallen seien. Für die Vereinigung der beiden deutschen Staaten verlangte er Initiativen von Seiten Bonns." In der Diskussion ging es dann mit Hilfe polemischer Angriffe der Orts-CDU hoch her.

Vom Landeskirchenamt ließ sich keiner sehen. Solche Gäste und Grenzgänger waren im Braunschweigischen eher unerwünscht und die Pfarrer, die solche Gastgeber waren, eben auch. Die Presse veröffentlichte ein Foto mit einem strahlenden Pfarrer Menzel, dem reservierten Vincenzpfarrer Althaus und den ausgesprochenen Niemöller-Gegnern Propst Hobom und Pfarrer Scheide.

Monarchist Scheide

Menzel schroff entgegengesetzt waren die scharfen rechtsextremen Konturen von Pfarrer Helmut Scheide, Braunschweiger, und wie Menzel eigentlich aus dem pädagogischen Fach. Er war in Uthmöden, das nun in der Ostzone/DDR lag, von 1947 bis 1956 Pfarrer gewesen und von dort dann in den Westen "rübergekommen". Seit 1965 war er Pfarrer an der Helmstedter St. Stephanikirche, neben Pfarrer Rudolf Kleinert, der dort schon seit 1951 amtierte und ab 1964 dann in St. Christophorus, Helmstedt wirkte. Scheide galt in jeder Hinsicht, theologisch wie politisch, als Rechtsaußen unserer Amtskonferenz.

Er trat ungeniert bei NPD-Versammlungen als Redner auf. Das war mehr als eine Randerscheinung. Die NPD war zwischen 1966 und 1968 enorm im Kommen und eroberte sich zahlreiche Sitze in den Landtagen. Im Landkreis Helmstedt gehörte die NPD bei der Landtagswahl am 4.6.1967 einem Kommentar des Helmstedter Kreisblattes zufolge "zweifellos zu den Siegern". Sie war - wenn auch sehr weit von SPD und CDU entfernt - doch zur drittstärksten Kraft geworden.

Scheide war streng monarchistisch, veranstaltete Fahrten nach Doorn, an den letzten Wohnort von Kaiser Wilhelm II., und er kämpfte verbissen von der Kanzel für die Wiedererlangung der deutschen Ostgebiete. Mit seiner mächtigen Stimme füllte er spielend die Stephani-Hallenkirche und hatte im Helmstedter Bürgertum viele Anhänger. Er starb überraschend mit 59 Jahren im März 1971 im Dienst.

Haferburg, Menzel und Scheide waren für mich die drei profiliertesten Gegensätze, als ich in der Propstei Helmstedt anfing.

Im Streit - mal ergiebig, mal unergiebig

Es gab immer wieder Konfliktpunkte, die in der Propstei besonders kontrovers diskutiert wurden und ihr den Ruf einer dauernd in unfruchtbarem Streit verbissenen Propstei gaben.

Ich empfand das eigentlich nicht so. Es waren theologische Themen, aber auch politische, die wir vom Evangelium her unterschiedlich beurteilten. Dann gab es andere, in der Evangelischen Kirche in Deutschland heftig diskutierte Fragen, die auch vor unserer Landeskirche nicht Halt machten. Ich will schildern, wie solche Fragen aufgegriffen und bearbeitet wurden.

Streitpunkt: Ostdenkschrift (1965)

Die Denkschrift

Im Oktober 1965 veröffentlichte die Kammer für Öffentlichkeit der Evangelischen Kirche in Deutschland die Denkschrift über "Die Lage der Vertriebenen und das Verhältnis des deutschen Volkes zu seinen östlichen Nachbarn", kurz Ostdenkschrift genannt. Ohne direkt politische Ziele zu benennen, wurde die Denkschrift doch richtig so verstanden, die Oder-Neiße-Linie als deutsche Ostgrenze anzuerkennen und eine Rückkehr der Vertriebenen damit auszuschließen, weil sie ihrerseits eine Vertreibung der seit 1945 dort geborenen Polen verursachen würde. Dem Recht auf Heimat, das von den Vertriebenen immer wieder heftig gefordert wurde, wurde ihr absoluter Wert genommen. Die Vertreibung solle als ein Gericht Gottes über das deutsche Volk anerkannt werden.

Diese Denkschrift schlug wie eine Bombe in die westdeutsche Politik ein und wurde zunächst einhellig von allen Parteien abgelehnt. Herbert Wehner (SPD) erlaubte sich damals den häßlichen Vergleich, die Kirche werfe einen Wurstzipfel über die Grenze. Der stellvertretende Ratsvorsitzende der EKD, der Hannoversche Landesbischof Hanns Lilje besann sich in seinen 1973 erschienenen Erinnerungen an Körbe von Protestpost als an "Ausbrüche eines pathologischen Hasses".

Erste Reaktionen im Landkreis Helmstedt

1965 war nach Auskunft des Flüchtlingsministers Gradl ein Drittel der niedersächsischen Bevölkerung, insgesamt 1,6 Millionen, einschließlich der Flüchtlinge aus der "Sowjetzone", Vertriebene aus dem Osten. Braunschweig war nach 1945 von Flüchtlingen überschwemmt worden, die sich hier auch teilweise fest niedergelassen hatten. Der Anteil der Flüchtlinge lag auch im Kreis Helmstedt mit seinen beiden früheren Flüchtlingslagern Alversdorf und Marienthal besonders hoch. Die Flüchtlinge stellten einen tragenden Teil bei den Kirchenvorständen.

Der Flüchtlingsverband BdV und die CDU schäumten. Das bekamen die Kirchengemeinden und Pfarrer zu spüren, die sich möglichst von der Denkschrift distanzieren sollten. Das Helmstedter Kreisblatt vom 23. Oktober 1965 veröffentlichte einen offenen Brief des BdV-Kreisverbandes an die Pröpste im Kreisgebiet: es herrsche auch in den jetzt ansässigen Flüchtlingsfamilien größte Bestürzung und helle Empörung über die in der Denkschrift zum Ausdruck kommende Gesinnung, die sowohl Recht als auch Gefühl eines jeden heimat- und volksbewußten Vertriebenen verletze. Der Raub der Heimat sei kein Gottesurteil oder gar eine Gottesstrafe. Auf das Recht auf Heimat dürfe nicht verzichtet werden und "...bitten wir Sie um Ihre geschätzte Stellungnahme, ob Sie den in der Denkschrift eingenommenen Standpunkt zum Verzicht unserer Heimat teilen oder ob Sie und Ihre Herren Pastoren wie wir der Auffassung sind, daß es...Sache sowohl des Staates als auch jedes Bürgers, insbesondere des dem Christentum verhafteten sein müsse, stets und überall für die Rückgewinnung der deutschen Ostgebiete mutig und entschlossen einzutreten."

Dieser Offene Brief, der vom BdV-Kreisvorsitzenden Karl Grau unterschrieben war, schuf Klarheit über die Position der dort organisierten Flüchtlinge und Vertriebenen. Grau, zugleich Bürgermeister von Schöningen, stammte aus dem Sudetenland.

Zwei Tage später tagte der Bundesvorstand der Landsmannschaft Ostpreußen im Helmstedter Schützenhaus. Es waren 220 Delegierte aus ganz Niedersachsen erschienen. Egbert Otto vom Bundesvorstand erklärte: "Das Widerlichste, was wir in Deutschland heute erleben, ist das Natterngezücht der Verzichterklärer." Das Helmstedter Kreisblatt veröffentlichte ein Bild mit dem breiten Schriftband an der Stirnseite des Saales: "In Treue zu Ostpreußen". Diese eigentlich harmlose Parole hieß in die BdV-Politik übersetzt: "Zurück nach Ostpreußen". Beim "Tag der Heimat" in Braunschweig Ende Oktober wurde der sogenannte ostdeutsche Glockenspruch vorgetragen, der mit dem Satz endet: "Gebt uns unsre Heimat frei".

Die Antwort der Pröpste

Gegen eine solche "Zurück-Politik" richtete sich die Denkschrift. Diese Flüchtlingspolitik war das entscheidende Hindernis für eine Aussöhnung mit den östlichen Nachbarn. Die Pröpste Walter Blümel (Königslutter), Wilhelm Hobom (Helmstedt) und Gotthold Lutschewitz (Vorsfelde) erwiderten in einem Offenen Brief, der am 3. November veröffentlicht wurde: sie bedauerten, daß Grau seinen Brief ohne gründliche Kenntnis der Denkschrift geschrieben habe. Eine Denkschrift sei keine verbindliche Weisung der Kirche, sondern Denkanstoß und Klärung eines Sachverhaltes. "Seien Sie versichert, daß wir all diesen Fragen mit Ernst nachgehen. Denn ein hoher Prozentsatz unserer Gemeindeglieder sind Heimatvertriebene und Flüchtlinge. Zu ihnen gehören auch mehr als ein Viertel unserer Pastoren im Kreise Helmstedt. Aus alledem wollen Sie bitte ersehen, daß die Anliegen der Heimatvertriebenen uns ständig bewegen."

Ein Viertel der Pastoren im Landkreis Helmstedt waren Flüchtlinge. Ich gehörte zu ihnen.

Persönliche Erinnerungen an Heimat und Vertreibung

Ich habe bis heute lebhafte Erinnerungen an meine ostpreußische Heimat, wo ich in dem Städtchen Lötzen, heute Giczycko, aufgewachsen bin und mein Vater seit 1931 das Diakonissenmutterhaus Bethanien leitete. Die Oberin Ruth Erdmann, von Herrnhuter Frömmigkeit geprägt, wurde meine geliebte Patentante. Ich wurde in der Martin-Lutherschule 1939 eingeschult und wechselte 1944 auf das Gymnasium.

Impressionen aus Ostpreußen: der Löwentinsee, der Wald, Anemonen und Himmelschlüsselchen, Rudern auf dem Wasser und Baden in Biestern, die Konfirmation meines Bruders Wilfried in der Königsberger Schloßkirche. In Königsberg an der Altroßgärtnerkirche war mein Großvater Pfarrer gewesen, das Bernsteinzimmer, das geplünderte, habe ich auf Filzpuschen durchlaufen. Bernsteinsammeln an der Ostseeküste in Neukuhren, wo meine Tante Hilde Lehrerin war, "Land der dunklen Wälder" ist mir geläufig.

Später führte mir Frau Martha Wachsmuth in unverfälschtem ostpreußischen Dialekt den Haushalt in Offleben. Da fühlte ich mich wieder in die Heimat versetzt.

Die Flucht im Januar 1945 hat mich landschaftlich und heimatlich entwurzelt. Es war aus der Sicht des Elfjährigen eine vergleichsweise gelinde Flucht. Mit dem letzten Zug verließen die Eltern, meine beiden älteren Schwestern und ich Lötzen in einem Auto, auf einem offenen Eisenbahnwagen verstaut, der schon bei Gr. Stürlack verunglückte und sich gefährlich auf die Seite neigte. Dann fanden wir Unterschlupf in einem großen Viehwaggon bei vielen anderen Schwestern und Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern des Diakonissenmutterhauses Bethanien, das bis zuletzt im Lötzener Lazarett geblieben war. Nach mehreren Tagen erreichte der Zug Pillau, wo wir auf ein Schiff kamen und nach Gotenhafen gebracht wurden. Von dort ging es auf einem U-Boot-Begleitschiff nach Lübeck und weiter nach Hamburg. Dort wurden wir in einer fliegerfreien Nacht im Mutterhaus "Bethlehem" mitten in der zerstörten Stadt untergebracht, wo ich dann im Februar 1945 die Luftangriffe auf Hamburg noch miterlebte.

Meine Wurzeln liegen nach wie vor in Ostpreußen. Das ostpreußische Erbe wurde zu Hause liebevoll, gelegentlich etwas unkritisch gepflegt, aber die Weihnachtsfeiern der Flüchtlingsverbände waren zu Hause wegen ihres martialischen Tones verpönt. Trotzdem gehört der 23. Januar neben den Geburtstagen als Fluchttag zu den "Erinnerungstagen" unserer Familiengeschichte.

Flucht und Führung

Mein Vater war bald nach 1945 der Meinung gewesen, daß die Flucht der Weg Gottes mit uns gewesen sei. In der Chronik "70 Jahre Ev.-luth. Diakonissen-Mutterhaus Bethanien-Lötzen" hatte er den Bericht von der Flucht unter die Überschrift "Flucht und Führung" gestellt.

In der Schwesternschaft und auch in der Familie sind viele Geschichten von Gebetserhörungen aus den Fluchtmonaten lebendig und schriftlich bezeugt. Wo die Flucht als Bewahrung erlebt wurde, konnte sie der fromme Glaube als Führung Gottes verstehen.

Die Flucht als Führung Gottes aus der Heimat zu verstehen, war aber für die meisten unakzeptabel. Trotzdem hat mein Vater auf dem 1. Lötzener Heimattreffen schon am 6.9.1948 unter dem Thema "Die Vertreibung aus der Heimat im Licht des Wortes Gottes" anhand des Bibelwortes Zephanja 3, 6ff der Flüchtlingsgemeinde unmißverständlich gepredigt, nichts werde wieder so, wie es gewesen sei, die Vertreibung sei ein Gericht für die Gottentfremdung und zugleich die Heimholung der Menschen in die Gemeinde Christi mit den neuen Aufgaben in der Fremde. "Wir wollen jetzt und hier unseren Mann stehen, so schwer es sein mag. Wir geben uns auch nicht der falschen Hoffnung hin, es müsse so werden, wie es einst war. So wird es nie wieder. Jede Zeit hat ihre besonderen Aufgaben. Darum ist es im Licht der Bibel falsch, zurückzutrauern um das, was gewesen ist oder sich an Zukunftsbildern zu berauschen, die auf Sand gebaut sind. Richtig ist es, auf die biblische Mahnung zu hören: »Laß deine Hände nicht laß werden, denn der Herr, dein Gott ist bei dir, ein starker Heiland«." Vater verwies auf das Brunokreuz, das am Löwentinsee stand und beendete seine Predigt mit dem Bodelschwingh-Zitat: "Es ist das Kreuz von Golgatha Heimat für Heimatlose". "Hier im Kreuz finden wir Frieden über dem, was gewesen ist, Hoffnung im Blick auf die Zukunft." Ich kann mich nicht besinnen, daß Vater noch oft zur Predigt bei Heimattreffen gebeten wurde. Es gab ja auch andere ostpreußische Amtsbrüder, die gerne auf dem Recht auf Heimat herumtrommelten.

Indes waren diese gewonnenen theologischen Einsichten keine leichten gewesen. In der Predigt anläßlich der Beerdigung der Oberin des Mutterhauses, Ruth Erdmann, meiner Patentante, bezeichnete Vater als "das Grundproblem unseres menschlichen Lebens, daß unser Wille sich Gottes Willen beugt." Das ging nicht einfach, sondern hatte Kampfcharakter. Es sei ein "Ringen, dem Heiland das letzte Wort zu lassen." So ist die Einsicht, daß nichts mehr wird, wie es war und daß die Aufgabe der Flüchtlinge nicht darin bestünde, auf den gepackten Koffern sitzen zu bleiben und auf den Augenblick der Rückkehr zu warten, wozu die CDU in Goslar 1949 im Hinblick auf Wählerschichten noch geraten hatte, eine im Glauben abgerungene Einsicht, "alles in unserm Leben immer mehr dem Heiland hinzulegen."

In diesem Gedankenkreis war ich aufgewachsen, was nicht bedeutete, daß nun Ostpreußen irgendwie ausgelöscht worden wäre. Die Wurzeln der Familie väterlicherseits lagen ja für viele Generationen in Königsberg und Umgebung und mütterlicherseits in Posen. Wie rasch die Zeiten sich wenden, wenn solche Traditionen nicht gepflegt werden, erlebte ich, als jemand aus der dritten Familiengeneration beiläufig meinte, wir seien ja in Polen aufgewachsen. Gewiß nicht. Andererseits war ich ziemlich erschrocken, als ich in der Walpurgiskirche in Helmstedt das Ostpreußenwappen entdeckte. Was sollte das hier? Vom Walpurgispfarrer wurde die andere Linie, die der Flüchtlingsfunktionäre mit ihrem falschen Zungenschlag, vertreten.

Die Tendenz der Ostdenkschrift wurde daher in unserer Familie begrüßt und mir war sie durchaus sympathisch. Meiner Liebe zu Ostpreußen tat das keinen Abbruch.

Menzel antwortet den Denkschriftgegnern

Der Text der Denkschrift wurde über das Landeskirchenamt in Wolfenbüttel an die Pfarrämter verteilt und Pfarrer Menzel griff 1965 in der Novembersitzung des Schöninger Arbeiterwerkes diese Thematik sofort mit einer Vortragsreihe auf.

Im vollbesetzten Gemeindehaus verteidigte Menzel, der ja selber Flüchtling aus Breslau war, die Absicht der Denkschrift, daß man das festgefahrene Verhältnis zu den östlichen Nachbarn nur lösen könne, wenn "man sich bemühe, die Erfahrungen und die Gedanken der anderen Völker zu verstehen und aufeinander abzustimmen." Offen sprach Menzel auch die nationalsozialistischen Verbrechen am polnischen Volk an. Also kein außenpolitisch gefährliches und mißverständliches Pochen auf das Recht auf Heimat, sondern Kontakte suchen und vom andern her denken.

Es ist bezeichnend für den parteipolitischen Charakter des Kreises Helmstedt, daß vor allem in dieser Propstei die Diskussion so unerhört scharf geführt wurde. So war z. B. Martin Niemöller am 1. November 1965 zu einem Vortrag in der Goslarer Frankenberger Kirche und referierte über das Verhältnis von Evangelium und Kommunismus. Von der Denkschrift war in der Aussprache überhaupt keine Rede. Das wäre hier nicht passiert.

Menzel nahm noch einmal sehr ausführlich in einem dreispaltigen Leserbrief vom 17. November in der Braunschweiger Zeitung Stellung, und zwar, was typisch für ihn war, "um der in der Öffentlichkeit durch irreführende Unterstellungen angetasteten Ehre der Evangelischen Kirche willen." Es würde kein Verzicht ausgesprochen, es würden keine polnischen Interessen einseitig vertreten, das Bekenntnis zum Christentum und zur Kirche habe zu den besten Traditionen der östlichen Heimat gehört. Ob diese Tradition von den Flüchtlingen schon aufgegeben wäre? Schließlich bestritt er den BdV-Verbandsfunktionären, für alle Flüchtlinge zu sprechen. Sie verträten eine Verbandsminderheit. "Negative Urteile sind private Ansichten einiger Vertriebener" lautete die Überschrift in der Zeitung.

Dagegen wehrten sich die Ortsverbände der Landsmannschaften, die im Kreisverband Helmstedt zusammengefaßt waren, als sie sich am 4. Dezember zu einer Arbeitstagung in Helmstedt trafen. "Die öffentliche Behauptung des Herrn Pfarrer Dr. Dr. Menzel aus Schöningen, daß der BdV nur fünf Prozent der Vertriebenen vertrete und die Vorsitzenden der Ortsverbände und Landsmannschaften nicht befugt seien, für ihre Mitglieder zu sprechen, müssen wir energisch zurückweisen."

Sondertagung der Propsteisynode

Daß die Diskussion in der Propstei Helmstedt so heftig wurde, lag auch an den Pfarrern selber, denn Pastor Scheide von der Stephani-Gemeinde referierte ausgerechnet auf einer NPD-Kreisversammlung in Helmstedt im Gasthaus "Zum Engel" über die Denkschrift. Es sei grotesk, daß hier der nazistischen Theorie von "Volk ohne Raum" - vom polnischen Standpunkt aus - das Wort geredet werde. Niemals dürfe die Vertreibung als ein Gericht Gottes verstanden werden. Die Geschichte fange ja nicht erst 1933 an. Die polnischen Gewaltakte und das Unrecht des Versailler Vertrages würden mit keinem Wort erwähnt. Die EKD vertrete "die Interessen eines fremden Staates gegen das eigene Volk und sogar gegen die Gebote Gottes."

Propst Hobom griff die Thematik auf und lud zu einer erweiterten Propsteisynode am Mittwoch, dem 24. November nach Helmstedt ins das Gemeindehaus St. Marienberg ein.

Aus diesem Anlaß hatte die Ortsgruppe der Pommerschen Landsmannschaft am 12.11.1965 an die Helmstedter Pfarrer und Kirchenvorstände und an die Propsteisynode einen Brief gerichtet. Die Vertreibung sei "nach Auffassung der Vertriebenen eher ein Werk des Teufels als ein Gericht Gottes", schrieben sie. Das "Denken vom andern her" habe seine Grenze, "wo die uns immer noch feindliche Welt in Ost und West unser Volk in der Frage der Wiedervereinigung in den Grenzen von 1937 so hart bedrängt." Die EKD vertrete "einseitig polnisch-kommunistische Interessen." Die Landsmannschaft forderte eher eine Revision des Versailler Vertrages und erinnerte an die "vor Hitler erfolgte Zerstückelung unseres Ostlandes und Entdeutschung Posens und Westpreußens nach dem Versailler Vertrag von 1919." Damit waren nun ganz unverhohlen die außenpolitischen Ziele der Deutsch-Nationalen in der Weimarer Republik, die von Hitler aufgenommen worden waren, formuliert worden. Statt Denkschriften "erwarten wir von unsern Pfarrern, daß sie Bittgottesdienste für den deutschen Osten abhalten."

Dieser Bitte kam Pastor Scheide umgehend nach und lud zu einem Bittgottesdienst am Bußtag für den deutschen Osten in die Stephanikirche ein. Es sollte gebetet werden "für die Heimkehr des deutschen Ostens, für die Wiedererstehung Preußens und des Deutschen Reiches, für die Vertriebenen und die noch bestehenden Kirchengemeinden des deutschen Ostens, für die Kriegsgefangenen und die politischen Gefangenen in der Zone." Der Einfluß von Pastor Scheide auf die Helmstedter Öffentlichkeit und das Echo auf die Wirksamkeit dieser hochpolitischen Predigttätigkeit zu Gunsten der radikalen politischen Rechten war in Helmstedt beträchtlich.

Am Tag der Propsteisynode erschien ein Leserbrief von ihm in der Braunschweiger Zeitung, in dem er seine radikale Ansicht in Frageform kleidete.

Bei der Propsteisynode am Abend führte Oberstudienrat Hasse sachlich und mit erkennbarer Sympathie für die Denkschrift in den Inhalt ein. Danach wogten die Meinungen hin und her. Jede noch so gegensätzliche Position kam zur Sprache. Ich kreuzte mit Pastor Büscher, damals noch Pfarrer an St. Marienberg, wie die Zeitung schrieb, nüchtern und angemessen die Klingen. Es war wieder Pastor Scheide, der den Bogen weit überspannte. Noch gelte das Recht, das 1939 garantiert worden sei und er warf den Verfassern der Denkschrift Landesverrat vor. Aus der Mitte der Zuhörer kamen Zwischenrufe wie "Raiser ist Nazi" und "Oberkirchenrat Wilkens ist Kommunist". Prof. Raiser war der Vorsitzende der Kammer für Öffentlichkeitsarbeit der EKD und galt zu Recht als Urheber der Denkschrift.

Pfarrer Scheide wiederholte den Vorwurf in einer Zusammenfassung eines längeren Leserbriefes, den die Braunschweiger Zeitung am 24. November 1965 abdruckte: "Ich frage alle Leser, ob diese Sätze, die den Verzicht auf uraltes deutsches Gebiet vorbereiten, nicht schon einen theoretischen oder versuchten Landesverrat enthalten?" Leider veröffentlichte auch der SONNTAG in einem ganzseitigen fiktiven "Gespräch" diesen ungeheuerlichen Vorwurf, der mich an die Veranstaltung der SRP in Braunschweig erinnerte, als der frühere Major Remer den Widerständlern des 20. Juli Landesverrat vorgeworfen hatte und ihm dafür vom Generalstaatsanwalt Bauer der bekannte Prozeß gemacht wurde.

Die "Ostpfarrer" äußern sich

Nun rückten die Pfarrer, die aus dem ehemaligen deutschen Osten kamen, zusammen und rangen Pastor Scheide eine Erklärung ab, die als Rücknahme des Vorwurfes des Landesverrates mißverstanden werden konnte. Wer Scheide kannte, wußte, daß er so etwas gegen seine politische Einsicht nie getan hätte.

Immerhin veröffentlichte Pfarrer Haferburg am 9.12.65 als stellvertretender Propst und im Namen der anderen Pfarrer eine Stellungnahme in der Braunschweiger Zeitung, in der sie die Denkschrift ausdrücklich begrüßten. "Wir selbst begrüßen diese Denkschrift als ein Wort, das in seelsorgerlicher Verantwortung die Probleme der Vertreibung aus der Heimat sachlich und nüchtern darstellt. Da wir als heimatvertriebene Pfarrer diese Probleme durch die Flüchtlingsseelsorge besser kennen als andere Glieder unseres Volkes, fühlen wir uns verpflichtet, unsere Gemeinden mit dem Inhalt der Denkschrift in ehrlicher und wahrhaftiger Diskussion vertraut zu machen. Ihre auf Frieden und Versöhnung ausgerichtete Tendenz entspricht dem uns im Ordinationsgelübde anbefohlenen Verkündigungsauftrag." Diese Stellungnahme war eingebettet in eine ganze Seite von anderen Leserbriefen. Sogar der Redakteur Klaus Stephan meldete sich in einem Leserbrief zu Wort. Die Denkschrift sei notwendig gewesen.

Ich hatte ins Offleber Pfarrhaus den Bundestagsabgeordneten Rudi Hauck (SPD), Karl Grau und Manfred Bischoff, einen engagierten Mitdiskutanten im Arbeiterwerk und "Heimatverbliebenen", wie er sich selber nannte, eingeladen, um mit einer gemeinsamen Erklärung von den Vorurteilen wegzukommen und eine sachlichere Diskussionsbasis zu finden. Dabei beriefen wir uns auf eine Erklärung des BdV aus Gandersheim, der die Denkschrift als wichtigen, aber auch gefährlichen Diskussionsbeitrag anerkannte. Die gemeinsame Erklärung erschien am 24. November in der Braunschweiger Zeitung.

Einen Tag später referierte ich über den Heimatbegriff im Schöninger Arbeiterwerk.

Am 4. Dezember gab es dann im Offleber Dorfgemeinschaftshaus auf Einladung des CDU- und BdV-Ortsverbandes nach Referaten von Pastor Menzel und vom CDU-Ortsvereinsvorsitzenden Horst Ponczek eine Aussprache, an der sich Friedrich Lickfett und Rudi Chmilewski mit längeren vorbereiteten Stellungnahmen beteiligten. Chmilewski begrüßte die von Vertriebenenminister Gradl verwendete Formel von der "Versöhnungsgrenze", bedauerte das enge Verhältnis von Thron und Altar in Polen und zitierte einen polnischen Bekannten: "Wir tragen ein gemeinsames Schicksal". Das Helmstedter Kreisblatt berichtete am 9.12.1965 ausführlich.

Mit einem Bericht über die letzte Veranstaltung im Arbeiterwerk über "Die Vertreibung als Gericht Gottes" klang die Diskussion zunächst aus und kochte im neuen Jahr gelegentlich wieder einmal hoch.

Pfarrer Rudolf Kleinert, selbst Heimatvertriebener aus Schlesien und mit Pastor Scheide gemeinsam an der Stephanikirche in Helmstedt, veröffentlichte als Antwort auf seinen Kollegen eine dreiteilige Artikelserie im SONNTAG unter dem Titel "Die Geschichte vor Gott".

Unüberbrückbare Gegensätze

Die Ansichten blieben unüberbrückbar gegensätzlich. Es war der tagespolitische Fortgang, der die Diskussion abebben ließ, bis sie anläßlich der Ratifizierung der Ostverträge 1972 erneut aufflammte. Viele Heimatvertriebene beharrten auch in der folgenden Zeit auf ihrem Recht auf Heimat. Für das Deutschlandtreffen der Schlesier 1985 wurde das Motto gewählt "40 Jahre Vertreibung - Schlesien bleibt unser". Damit war die viel zitierte Charta der Vertriebenen auf den Kopf gestellt. Sogar Kanzler Kohl weigerte sich, auf diesem Treffen zu reden. Die eigentlichen Absichten wurden mit dem neuen Motto "40 Jahre Vertreibung - Schlesien bleibt unsere Zukunft - im Europa freier Völker" nur verschleiert.

Die sich für die Ostdenkschrift eingesetzt haben, leiteten die Politik ein, die zum Einlenken der Sowjetunion in der Deutschlandfrage im Sommer 1990 führte.

Aber es ist bezeichnend für die BdV-Politik im Kreis Helmstedt, daß im Frühjahr 1990 der BdV davor warnte, mit dem Einigungsvertrag auch die polnische Westgrenze festzulegen. Er forderte die Regierung zum "Rechtsgehorsam" auf. "Würde die Grenze von Oder und Neiße anerkannt, müsse damit gerechnet werden, daß die Masse der 800.000 bis zu einer Million dort lebenden Deutschen ihre Heimat verlassen werde, weil sie in einem endgültig zu Polen fallenden Ostdeutschland als Deutsche keine Zukunft mehr sehen würden", ließ der Kreisverband verlauten. "Es gehe zum Beispiel darum, daß die Deutschen in Polen ihr eigenes Leben führen könnten. Dazu gehörten Gedanken zur Autonomie und Selbstverwaltung. Deutsche, die in ihre angestammte Heimat zurückgehen wollten, sollten dazu die Möglichkeit unter Nutzung von Grund und Boden erhalten."

Zum 50. Jahrestag der Charta der Vertrieben veranstaltete der Kreisverband am 6. August 2000 einen Festakt in der Aula des Juleums, in der eine Rednerin die Frage nach dem Recht auf Heimat als ungeklärt bezeichnete und die Vertriebenen hinsichtlich einer Entschädigung mit den Zwangsarbeitern verglich. Der Festredner, ein 33jähriges Präsidiumsmitglied des BdV, forderte von den Staaten, aus denen Deutsche vertrieben worden waren, eine Schulderklärung.

Weder Friedrich Lickfett, der BdV-Kreisvorsitzende, noch Horst Poncezek waren auf die Idee gekommen, einen Polen bei dieser Feier reden zu lassen und die Vertreibungsgemeinschaft als ein gemeinsames Kriegsschicksal zu schildern und ihnen wirklich die Versöhnungshand hinzustrecken.

Eine Würdigung der Ostdenkschrift fehlte auf der Feierstunde ebenso wie die längst fällige Aufarbeitung der ersten Jahre der teilweise würdelosen Aufnahme der Flüchtlinge und Vertriebenen in Niedersachsen und auch im Landkreis Helmstedt

Nachbarschaft bei Bibelwochen

Es ist bei der gegenwärtigen Vereinzelung in der Pfarrerschaft und geringer werdenden nachbarschaftlichen Unterstützung im geistlichen Amt kaum noch vorstellbar, daß sich in den sechziger Jahren Pfarrergruppen unterschiedlicher theologischer Auffassungen trafen und eine Woche lang gemeinsam in einer sogenannten Bibelwoche vormittags einen Text gemeinsam exegetisch beackerten und abends für die Gemeinde zu zweit eine Bibelstunde hielten. Danach saßen wir noch lange zur Diskussion zusammen. Zum Übernachten und Essen wurden wir auf die Familien im Dorf verteilt. Im Volksmissionarischen Amt organisierte die spätere Pfarrerin Gertrud Böttger diese Bibelwochen.

Bei einer Bibelwoche 1966 in der Gemeinde von Pfarrer Eckhard Schliephak in Volkmarsdorf und bei Pfarrer Christoph Brinckmeier in Saalsdorf trafen sich mit den Ortspfarrern die Pfarrer Henje Becker, Wolfgang Büscher, Dankmar von Monkiewitsch und ich, also Leute mit einem sehr unterschiedlichen theologischen Profil. Durch die gemeinsame Beschäftigung mit dem Text, die Gemeindearbeit und die folgende gemeinsame Manöverkritik sind lange anhaltende Verbindungen entstanden. Zu diesem Kreis gehörten auch noch die Pfarrer Ulrich Hampel (Braunschweig), Henner Krause (Hahausen), Hasso Mortzfeld (Werlaburgdorf), Werner Schmidt (Gr.-Denkte), Joachim Walter (Harlingerode) und Walther Wenzel (Gr.-Vahlberg).

Mehrere dieser Bibelwochen fanden dann auch in Offleben statt: vom 8.-11.2.1966 über die Bergpredigt; bei der Bibelwoche vom 10.-15.1.1967 über Psalmen wirkten die ganze Zeit mit: Büscher, Schliepack, Brinckmeier und Böttger, und je für einen Tag die Pfarrer Harbig, Walter, Nebel, v. Monkiewitsch und Becker. Die Bibelwoche im März 1968 über den Römerbrief hielten mein Vater und ich.

Einen neuen Anlauf versuchte ich in den Jahren 1975-1977, in denen wir wiederum zu zweit am Abend das Buch Jona (1975), Nahum (1976) und Esther (1977) bearbeiteten. 1977 beteiligen sich an der Bibelwoche die Pfarrer Beyer (Schöningen), das Ehepaar Künne (Helmstedt), LKR Hampel und Herr Chmilewski. Dabei reduzierte sich die Gemeinsamkeit auf die Bibelarbeit mit den Gemeindemitgliedern am Abend. Wir begannen jeweils mit einer Vesperandacht in der Kirche.

Ich empfand es sehr schade, daß diese Form der Gemeindearbeit und der kollegialen Nachbarschaft nicht zu einer Dauereinrichtung wurde. Bei der heutigen Veränderung der Aufnahmeformen durch die Computerwelt wirkt diese Art der gemeinsamen Beschäftigung um die Schrift geradezu archaisch.

Braunschweiger Thesen (1966)

Die Pfarrergruppen konnten sich aber auch scharf gegenüber stehen. So geschah es anläßlich der Veröffentlichung der sogenannten Braunschweiger Thesen, genauer: "Thesen zu Lehre und Auftrag der Kirche", die der Brüdernpfarrer Helmut Lieberg verfaßt hatte.

Absender des Schreibens vom 11. März 1966 an alle Pfarrer war die frisch gegründete "Kirchliche Sammlung - Aktionsgemeinschaft für Bibel und Bekenntnis", deren Schriftführer Pfarrer Joachim Walter in Harlingerode und deren geschäftsführender Pfarrer Wolfgang Büscher, Helmstedt, waren. Zu den Erstunterzeichnern gehörten auch Pfarrer Rudolf Kleinert, Helmstedt, Pfarrer Detlef Löhr, Goslar und Pfarrer Heinrich Ulbrich, Bettingerode.

Kurz vorher hatte sich in Dortmund die Bekenntnisbewegung "Kein anderes Evangelium" unter theologischer Führung von Prof. Walter Künneth aus Erlangen konstituiert.

Der kirchenpolitische Hintergrund dieses ganzen Unternehmens in Braunschweig war der Versuch, Landesbischof Heintze zu stürzen, der gerade ein Jahr vorher in sein Amt eingeführt worden war und das Pastorinnengesetz vorbereiten und durchführen sollte. Das wollte man mit Hilfe dieser Thesen verhindern.

Die 18 Thesen, denen jeweils auch Verwerfungen angefügt waren, kreisten um die Frage des Verständnisses der biblischen Texte, wie sie durch die Bultmannsche Theologie aufgeworfen und in den 50iger Jahren in der Kirche heftig diskutiert worden war. Lagen den biblischen Geschichten historische Ereignisse zugrunde oder waren sie Predigten und geistliche Deutungen der Jüngergeneration? Die Antwort der Braunschweiger Thesen war eindeutig fundamentalistisch. Jungfrauengeburt und Himmelfahrt wurden als Tatsachen der Geschichte hingestellt. Textbeispiel: "Es muß daher verworfen werden., wenn... seine Empfängnis vom heiligen Geiste und seine Geburt aus Maria, der Jungfrau, als Tatsachen der Geschichte geleugnet werden." "Es muß daher verworfen werden,... wenn der Bericht von der Himmelfahrt Christi zur Legende gestempelt und als mythologischer Ausdruck für das Bekenntnis zu Christus als dem Herrn bezeichnet wird."

Die Fragestellung war eigentlich schon einige Jahrhunderte alt, nämlich: welchen Einfluß sollte die kritische Theologie auf Predigt und Auslegung der Heiligen Schrift haben? Sie war durch die Schrift des anglikanischen Bischofs in Süd-London, John A. T. Robinson, "Honest to God - Gott ist anders", die 1963 erschienen war und ein Jahr später bereits eine fünfte deutschsprachige Auflage erlebte, auch in den Kirchengemeinden populär geworden. Dagegen wandten sich die Braunschweiger Thesen.

Mit den Thesen wurde landeskirchenweit eine Debatte um die sogenannte historische Frage entfesselt. Fast ein Drittel der Braunschweiger Pfarrerschaft unterschrieb die "Thesen". Leider ist die Unterschriftenliste nie veröffentlicht worden. Die Unterlagen sollen noch auf dem Boden der Brüdernkirchengemeinde in Braunschweig lagern.

Bischof Heintze antwortete auf die Thesen postwendend, empfahl sie der kritischen Lektüre der Pfarrerschaft und bezog zugleich ganz klar eine Gegenposition. In der Braunschweiger Zeitung eröffnete am 22. April ein Leserbrief von Joh. Heinrich Wicke von der Magnikirche geradezu eine Leserbriefschlacht. Ein Leserbrief von Dr. Klaus Schumacher gab genau wieder, was ich selber dachte: "Mit Erschrecken lese ich in Ihrer Zeitung vom 19. April, daß 100 Geistliche die "Braunschweiger Thesen zu Lehre und Auftrag der Kirche" unterschrieben haben. Nun läßt sich diese Blamage nicht mehr totschweigen. Die Thesen sind ein so erschütterndes Dokument geistiger Enge, Rückschrittlichkeit und einer im Grunde unchristlichen Haltung, daß man es kaum glauben mag, daß mehr als ein Drittel der Geistlichen unserer Landeskirche sich dazu bekannte...Die Ergebnisse einer hundertjährigen historischen Bibelforschung werden durch lehrhafte Glaubensaussagen vom Tisch gefegt."

In der Propstei Lebenstedt, der damals theologisch am beweglichsten Propstei unter Propst Harborth, verfaßte Pfarrer Hans Adolf Oelker einige "kritische Anmerkungen zu den Braunschweiger Thesen", die kursierten. Eberhard Fincke, Pfarrer in Kreiensen, beschäftigte sich schriftlich mit der Frage der Verwerfungen, Pfarrer Hartmut Padel spitzte die Diskussion im "SONNTAG" vom 3. Juli 1966 zu, zutreffend unter der Überschrift "Glaube an Tatsachen - oder Glaube an Gott".

Pfarrer Menzel behandelte die Thesen am 7. Juni im Arbeiterwerk und das Volksmissionarische Amt lud zu einer Diskussion am 10. und 11. Juni in das Jugendheim "Waldkater" in Wolfshagen ein. Die Sache war für die damalige Pfarrvikarin Gertrud Böttger heikel, weil ihr Chef, Pfarrer Erich Warmers, zusammen mit dem Propst von Königslutter, Walter Blümel, zu den Wortführern der Thesen gehörte und das Eröffnungsreferat hielt. Ich war gebeten worden, die Podiumsdiskussion unter Leitung von Frau Böttger mit einer kritischen Würdigung zu eröffnen, was ich ausgesprochen gerne tat und fragte, gegen wen sich eigentlich die Thesen richteten, gegen eine theologische Richtung, bestimmte Amtsbrüder oder gegen die Kirchenleitung und was sie eigentlich beabsichtigten, ob ein verwerfendes Urteil gegen die Kirchenleitung oder die Eröffnung eines anhaltenden, der gegenseitigen Klärung dienenden Gespräches. Die Diskussion plätscherte so dahin, bis ich mich sehr scharf von den oben zitierten Verwerfungen der Braunschweiger Thesen distanzierte und eine Vermittlung nicht mehr möglich war. Mir kam das materialistische Verständnis der Himmelfahrt abstrus vor.

In der Propstei Helmstedt verdichtete sich der theologische Gegensatz, weil die Thesen außer von Büscher und Kleinert auch von Gebhardt Wille, Pfarrer an der Clus und auch von Propst Hobom unterstützt wurden. Die Pfarrer Walter Menzel, Karl Bruno Haferburg, Hans Ludwig Althaus und ich gehörten "zum anderen Flügel".

Der Streit verlor sich mit der Zeit, Gerhard Heintze blieb Bischof. Es blieben auch die verhärteten Fronten. Diese Gegensätze brachen immer wieder mal polemisch unter uns auf.

Vietnamkrieg (1967-1975)

Was geht uns Vietnam an?

Vietnam war weit entfernt. Was ging der Krieg uns an?

Es war die Bundesregierung, die die westdeutsche Bevölkerung in den Krieg mit einbezog. In Vietnam werde die "Freiheit der westlichen Welt" verteidigt, erzählte sie uns. Bundeskanzler Kiesinger hatte am 21. August 1967 "die große Achtung (der Bundesregierung) vor dem amerikanischen Beitrag zur Erhaltung der Freiheit in diesem Teil der Welt" erklärt. In Vietnam werde die Freiheit Berlins verteidigt, schwärmte er, also bitte keine Proteste gegen die USA-Politik. Es fehlte nur noch, daß auch die Sicherheit unserer Dörfer, die dicht hinter dem Eisernen Vorhang standen, in Vietnam verteidigt würde. Eine solche Albernheit verlockte zum Wunsch nach näheren Informationen.

Aber es war für den Normalbürger gar nicht so einfach, sich ein halbwegs objektives Bild von der Lage in Vietnam zu machen. Die Informationen über den Vietnamkrieg waren in der erreichbaren Tagespresse erbärmlich. Sie applaudierte dem US-Regierungskurs, bot den Bonner Regierungen moralische Unterstützung und die offizielle Version, daß es sich bei dem Krieg um die berechtigte Abwehr einer ferngesteuerten Invasion handele, so z.B. Theo Sommer ausgerechnet in der Weihnachtsnummer der ZEIT unter dem Titel "Der notwendige Krieg".

Im Bundestag wurde über Vietnam und auch über die geleistete wirtschaftliche Unterstützung nicht diskutiert.

1971 schrieb Winfried Scharlau ein kantiges Essay "Vietnam in der deutschen Presse". Er schloß sich einer Feststellung in der Pariser Zeitung "Le Monde" vom Februar 1968 an: "Die westdeutsche Presse hat bis jetzt aus mangelndem Interesse oder aus bewußter Überlegung ihre Leser wenig oder schlecht über die wahre Situation in Vietnam informiert." . Der Vietnamkrieg im Spiegel in der Braunschweiger Zeitung wäre eine interessante Seminararbeit für Studierende am historischen Seminar.

Die Ausnahme unter der deutschen Presse bildete 1969 eine Veröffentlichung des katholischen Bensberger Kreises "Die Christen und der Krieg in Vietnam".

Geschichte und Krieg in Vietnam

Die beste und umfassendste Information brachte für die "Kampagne für Abrüstung" Klaus Vack aus Offenbach heraus. Wir informierten uns im Offleber Lesekreis.

Vietnam war schon 1945 von den Alliierten geteilt worden. Nach der vernichtenden Niederlage der französischen Kolonialmacht stand die Einigung Vietnams bevor. Wahlen in ganz Vietnam waren 1954 auf der Genfer Friedenskonferenz vereinbart worden. Aber der 1956 aus einem amerikanischen Kloster geholte Vietnamese Diem verhinderte 1956 die Wahlen in ganz Vietnam, weil Ho Chi Minh, der Nationalismus und Kommunismus miteinander verbunden hatte, die Wahlen haushoch gewonnen hätte. Präsident Diem errichtete einen Polizeistaat, verschleppte die Landbevölkerung in sogenannte Wehrdörfer, regierte mit einem Familienclan, vernichtete die Religionsfreiheit und verbot die Buddhisten. Er öffnete Vietnam für das amerikanische Militär.

Die USA provozierten einen Zwischenfall in der Bucht von Tonking und leiteten daraus eine militärische Intervention ab. Die USA hatten also mit einer Diktatur paktiert, und keineswegs wurde da irgendeine "Freiheit" verteidigt. Die Diktatur wurde unter den Nachfolgern Diems erfolgreich fortgesetzt.

Seit Anfang 1965 bombardierten amerikanische Flugzeuge auch Nordvietnam. Es wurden chemische Kampfstoffe eingesetzt. 1967 eskalierte der Krieg. Der Oberkommandierende General Westmooreland forderte den militärische Sieg.

Zwischen 1968 und 1971 wurden knapp 21.000 Menschen allein in südvietnamesischen Verhörzentren ermordet. Die US-Kriegsindustrie machte Geschäfte, das amerikanische Volk dagegen mußte bitter bezahlen. Allein im Jahr 1967 soll der Krieg die US-Regierung 108 Milliarden DM gekostet haben.

Das Dorf My Lai wurde zum Symbol der alltäglichen Kriegsverbrechen. Unter dem Kommando des amerikanischen Leutnants Calley wurden im März 1968 500 dort zusammengetriebene Zivilisten ermordet. Calley wurde zwar 1971 von einem amerikanischen Kriegsgericht wegen Mord zu lebenslanger Haft verurteilt, von Präsident Nixon jedoch zu Hausarrest begnadigt und 1974 aus der Haft entlassen. Später schrieb er ein Buch "Ich war gern in My Lai".

Wie mochten wohl die Farbigen in Amerika diese Art der Verteidigung "westlicher Freiheit" verstanden haben, fragte ich mich. Sie hatten die Freiheit, sich in Vietnam totschießen zu lassen, aber zu Hause mußten sie in Schulen von Weißen getrennt lernen und in getrennten Bussen fahren.

Kritische Stimmen in USA

Begierig griff ich Kritik auf, die sich in Amerika äußerte.

1965 erschien vom amerikanischen Korrespondenten der "New York Times", David Halberstam, der 1962/63 vor Ort in Süd-Vietnam gewesen war, bei Rowohlt "Vietnam oder Wird der Dschungel entlaubt?" Er entlarvte darin die scheußliche Politik Diems und kritisierte heftig die amerikanische Einmischung in Vietnam. Präsident Kennedy hatte vergeblich bei der Chefredaktion Halberstams vorzeitige Abberufung gefordert.

1967 erschienen bei rororo Vorträge von Senator Fulbright unter dem Titel "Die Arroganz der Macht". Fulbright schilderte darin die Unsinnigkeit des amerikanischen Engagements in Vietnam und nannte als das tragende Motiv den amerikanischen Antikommunismus, der die Tatsache vollständig ignorierte, daß Ho Chi Minh nicht nur Kommunist, sondern auch allseits verehrter Nationalist gewesen war. Fulbright schlug die Beendigung der Bombardierung, Waffenstillstandsverhandlungen mit allen vier kämpfenden Parteien, eine international kontrollierte Volksabstimmung in ganz Vietnam, die Vereinigung von Nord- und Südvietnam und eine allgemeine Neutralisierung Südostasiens vor.

In Amerika hatte sich auch eine kräftige kirchliche Opposition gebildet. Anläßlich der Repressionen gegen die Buddhisten hatten einige protestantische, jüdische und buddhistische Theologen gegen die Unterdrückung der religiösen Freiheit protestiert. Am 1. August 1963 verlangten 15.000 amerikanische Theologen ein Ende der amerikanischen Waffenhilfe und der unmenschlichen Kriegsführung. Im Dezember 1965 forderte der amerikanische Kirchenrat den sofortigen Stop der Bombardierung Nordvietnams.

Im Sommer 1966 verurteilte der Weltkirchenrat in Genf die amerikanische Kriegspolitik sehr scharf. Im April 1967 erklärte der Generalsekretär des Weltkirchenrates, Eugene C. Blake, es sei seit Jahren seine Überzeugung, "daß die gegenwärtige Politik und Handlungsweise der USA in Vietnam die größte Gefahr für das Überleben der Menschheit bedeutet." Jeder gefallene Soldat sei ein nutzloses Opfer.

In einer großen Rede im Februar 1967 schlug sich auch Martin Luther King auf die Seite des Kirchenprotestes. Der Krieg gegen Vietnam verletze die Charta der Vereinten Nationen, weil die USA den Krieg unter Umgehung der UNO begonnen habe, er verletze das Selbstbestimmungsrecht der Völker, er zerstöre das soziale Gefüge in Amerika: für jeden getöteten Feind gäbe die Regierung 320.000 Dollar aus, für den Armen in den Staaten nur 53 Dollar. "Es ist die Zeit da für alle verantwortungsbewußten Menschen, an Amerika zu appellieren, zu seiner wahren Bestimmung, die Brüderlichkeit und Frieden heißt, zurückzukehren. Wir können nicht schweigen, wenn unsere Nation sich in einen der grausamsten und sinnlosesten Kriege der Geschichte verwickelt."

In der Bundesrepublik beschäftigten sich mit dieser Frage nur die Studentengemeinden. Unter der Überschrift "Kirchen als Träger der Revolution - Ein politisches Handlungsmodell am Beispiel der USA" gaben die Bochumer Theologieprofessoren Hans-Jürgen Benedict und Hans-Eckehard Bahr 1968 im Furcheverlag diese und andere Reden aus dem Kirchenkampf in Amerika heraus.

Es gab auch andere Bilder: am 19. Februar 1966 veröffentlichte die WELT ein Foto: "Präsident Johnson im Gebet mit dem Prediger Billy Graham".

Protest in der Propstei

Ich verstand die westdeutsche Bevölkerung nicht, die zum größten Teil selber in den Jahren 1943 bis 1945 die furchtbaren Bombenangriffe miterlebt hatte, aber Nachrichten von der Verwüstung Vietnams aus der Luft ruhig ertragen konnte.

Bei den Ostermärschen wurde der Vietnamkrieg ab 1964 regelmäßig thematisiert. Ich hatte für die Ansprachen anläßlich des Ostermarsches auf dem Schöninger Marktplatz Material gesammelt. Stadtjugendpfarrer Eberhard Fincke referierte am 13. September 1966 vor dem örtlichen Ausschuß der Kampagne für Abrüstung in Braunschweig über die Verantwortung der Christen für den Frieden.

>Einem Meinungsforschungsinstitut zufolge verurteilten im Sommer 1966 48% der Bevölkerung den US-Krieg in Vietnam, nur 26% stimmten ihm zu.

In Helmstedt lud Pastor Nebel am 21. Oktober 1967 zu einer Podiumsdiskussion ins Gemeindezentrum St. Thomas ein, die ich mit einem ausführlichen Referat über die chinesische und französische Kolonialgeschichte, die amerikanische Einmischung und die vielfältigen Formen der inneramerikanischen und internationalen Opposition sowie über die Haltung der Bundesregierung eröffnete. Die Diskussion wurde lebhaft u.a. von Herrn Lickfett aus Büddenstedt und anderen Mitgliedern der CDU und dem Helmstedter Altkommunisten Karl Zunft, den ich sehr schätzte, und anderen Linken bestritten.

Zusammen mit Pfarrer Horst Specovius aus Hoiersdorf hatte ich einen Aufruf an die Delegierten des CDU-Kreisparteitages in Büddenstedt verfaßt. Sie möchten den von Amerika und dem Weltkommunismus verursachten Krieg in Vietnam bedauern, die Einstellung der Bombenangriffe und das Selbstbestimmungsrecht für das vietnamesische Volk fordern. Durch die Garderobenfrau ließ ich den Aufruf unter die Delegierten verteilen, was den CDU-Kreisvorsitzenden Rolf Reinemann derart erboste, daß er das Landeskirchenamt bat, zu prüfen, "ob ein solcher Mann weiterhin zum Amt eines evangelischen Geistlichen geeignet ist."

Immerhin gelang es, bei einer Veranstaltung im Dorfgemeinschaftshaus mit der CDU der Kohledörfer die Argumente auszutauschen.

Aufruf an Pfarrer und Kirchenvorstände

Mit Landesjugendpfarrer Berndt hatte ich einen Aufruf zum Vietnamkrieg verfaßt und an die Pfarrer und Kirchenvorstände der Braunschweigischen Landeskirche verschickt. Wir bezogen uns dabei auf eine Erklärung der westdeutschen Studentenpfarrer, die bei einer Konferenz in Berlin-Spandau im September 1967 die Bombardierung durch die USA scharf kritisiert und den Rückzug der amerikanischen Truppen gefordert hatten. Berndt und ich waren genervt von der Passivität der Kirchengemeinden und der damit unseres Erachtens verbundenen stillschweigenden Duldung der amerikanischen Kriegspolitik. Wir baten sie, die beigefügte Stellungnahme der Studentenpfarrer zu diskutieren, und die Kirchenregierung und die Synode forderten wir auf, sich mit der Haltung Martin Luther Kings zu solidarisieren, der die Vietnampolitik der USA aus politischen und geistlichen Gründen verurteilt hatte.

Das Echo aus der Pfarrerschaft war nicht schlecht. Es unterzeichneten die Pfarrer/In Günter Berger, Salzgitter-Flachstöckheim, Helmut Bertram, Salzgitter-Lebenstedt, Mechthild Brauer, Braunschweig, Eberhard Fincke, Horst Harbig, Vorsfelde, Knut Langhorst, Oker, Martin Quandt, Immenrode, Bodo Sander, Kaierde, Horst Specovius, Hoiersdorf, Johann Heinrich Wicke, Braunschweig, Christian Wossidlo, Glentorf, die Diakone Horst Buchheister, Christian Schröter, Hans Gotthelf Wendt, außerdem: Klaus Büsselmann, Margot Jung und Friedrich Wilhelm Kniep. Es waren also insgesamt mit Berndt und mir 12 Pfarrer/Innen und drei Diakone.

Vor der Landessynode am 5. Dezember 1967 bezog Bischof Heintze zwar kurz Stellung, aber die Landessynodalen kniffen, man müsse sich erst informieren, die EKD-Synode habe schon etwas gesagt, zu viele Entschließungen nutzten sich ab, der Gemeindeausschuß möge sich befassen. Das war das alte unwürdige Spiel, das auch zu meiner Synodenzeit noch häufiger wiederholt wurde. Entweder wollte man abwarten, daß andere etwas sagten oder man verzichtete auf ein klärendes Wort an die Gemeinden, weil andere schon etwas gesagt hatten. Daß es zunächst einmal zu einer Klärung bei sich selbst kommen müßte, wurde vermutlich verstanden, aber als zu anstrengend empfunden. Da waren andere Landessynoden tapferer gewesen, wie z. B. die Rheinische, die sich ausdrücklich mit den amerikanischen Christen solidarisierten und die Beendigung des Krieges in Vietnam gefordert hatten. Die Hannoversche Landessynode hatte einen Offenen Brief von 154 Laien und Pastoren in ihrer Landeskirche zum Anlaß genommen, um im Januar 1968 wenigstens in zurückhaltender Form die Beendigung des Krieges zu fordern.

Aber Landesbischof Heintze nahm danach in seinem Bischofsbrief vom Dezember 1967 ausführlich zu unserem Aufruf Stellung. Die Synode sei überfordert gewesen, aber er selber teile die Beunruhigung und Sorge um die Schändung des christlichen Namens in Vietnam. Doch auch der Bischof warnte vor zu vielen öffentlichen Erklärungen, empfahl die weihnachtliche Sammlung "Brot für die Welt", die Nord- und Südvietnam zugute kommen sollte, und die Fürbitte im Gottesdienst. Der Bischof stellte sich vermittelnd zwischen die schweigende und die protestierende Seite und entzog sich einer aus seiner Sicht einseitigen Parteinahme, die jedoch aus meiner Sicht im Falle der Alternative von Krieg oder Frieden nur einseitig sein konnte.

Aufruf des Diakonischen Werkes

Da machte es sich gut, daß das Diakonische Werk im Februar 1968 zu Spenden für die vietnamesischen Flüchtlinge aufrief. An diesen Aufruf hängten wir uns erneut an und forderten nun die Kirchengemeinden auf, aus ihren Etatmitteln einen möglichst hohen Betrag für das unter dem Krieg furchtbar leidende vietnamesische Volk an das Diakonische Werk zu überweisen. Die Landessynode möge bald zusammentreten, um sich mit den Ursachen des Krieges zu befassen. Das Echo war erstaunlich: 70 kirchliche Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen aus der Landeskirche trugen den Aufruf mit, darunter aus der Helmstedter Thomasgemeinde Lehrer Ernst Christian Lerche, Gewerbeoberlehrer Klaus Günter Kusche und auch der Thomaspastor Adolf Nebel. Es war die größte Unterschrifteninitiative in politischen Dingen seit langem.

Aber die Synode und die Kirchenleitung reagierten nicht.

Bilanz des Krieges

1975 eroberte der Vietkong die südvietnamesischen Hauptstadt Saigon, die letzten Amerikaner verließen vom Dach der US-Botschaft aus Vietnam.

Die Bilanz war furchtbar: 3 Millionen tote und vermißte Vietnamesen, fast 60.000 tote Amerikaner. 5 Millionen Hektar, also die Hälfte der Wälder des ehemaligen Südvietnam, waren schwer geschädigt, davon 500.000 Hektar völlig zerstört. Die zehn Jahre dauernde Verwendung von chemischen Kampfstoffen wirkte auf mich faschistoid. In Vietnam hatte sie die beabsichtigte "Entlaubung" - ein furchtbares Wort - des tropischen Waldes zur Folge. 40% des Mangrovenbestandes an der Küste sind durch diese chemischen Kampfstoffe, eine Art Vergasung, vollkommen vernichtet. "Zwischen 1961 und 1971 führten die USA einen systematischen Nahrungsmittelvernichtungsfeldzug durch", heißt es 1983 in dem Ausstellungskatalog einer Ausstellung des Bremer Überseemuseums über die "Ökologischen Folgen eines Krieges, z.B. Vietnam". Reisfelder und Kautschukplantagen wurden zielsicher zerstört. Jahr für Jahr wurde die Reisernte mit chemischen Kampfstoffen vernichtet, um die zivile Bevölkerung auszuhungern. "Auf Vietnam wurden siebenmal mehr Bomben von den USA abgeworfen als auf alle Kriegsschauplätze des 2. Weltkrieges."

Die Bevölkerung hatte keine Lebensbasis mehr auf dem Lande. 1960 lebte 15% der Bevölkerung in Städten, 1972 65%. Die leicht absehbaren Folgen waren die Zerstörung der sozialen Bindungen und der rapide Anstieg von Sucht und Kriminalität. Schon viele amerikanischen Soldaten konnten den Krieg nur unter Einnahme von Drogen ertragen. "Am Ende der französischen Kolonialzeit wurden in Vietnam 20.000 Rauschgiftsüchtige registriert, am Ende des US-Krieges waren es 500.000." Nicht nur in Vietnam, auch in den USA erhöhten sich die Geburten mit Mißbildungen.

Neue Einsichten?

Heute hat sich in Deutschland das Urteil teilweise geändert.

Im April 2000 zeigte die ARD einen Dokumentarfilm "Schlachtfeld Vietnam - Der schmutzige Krieg"; die Telekritik dazu: "Bestürzende Dokumentation".

Die Braunschweiger Zeitung zitierte zum 25. Jahrestag des Falles der letzten amerikanischen Bastion im südvietnamesischen Saigon den früheren amerikanischen Verteidigungsminister Robert Mc Namara: "Wir hatten uns schrecklich geirrt."

Der erschütternde amerikanische Dokumentarfilm "Hearts and Minds", der die Kriegsverbrechen und die politischen Hintergründe nüchtern darstellt, wurde von der Herstellungsfirma monatelang nicht ausgeliefert, aber er bekam schon 1975 den Oscar. Heute existiert davon in Europa nur noch eine Kopie.

Die politischen Schlußfolgerungen aus dem Vietnamkrieg sind jedoch so gering, daß der Balkankrieg 1999 nicht verhindert wurde, der ebenfalls um der Rüstungsindustrie willen vor allem von Amerika aus geführt wurde.

Im Vietnamkrieg lag eine der Hauptwurzeln für die zur Zeit mal wieder von der CDU/CSU geschmähten 68er-Bewegung. Es brechen erneut dieselben alten Fronten auf.

Es war eine weitsichtige Minderheit in unserer Landeskirche, die schon vor 25 Jahren ein gefestigtes Urteil vom schmutzigen, verbrecherischen Krieg in Vietnam hatte. An diese sollte hiermit erinnert werden.

Streitpunkt: eine Pastorin unter uns (1970)

Frau Pastorin Gertrud Böttger war unter den 1968 erstmals zum Pfarramt ordinierten Frauen jene, die zwar zunächst in einem übergemeindlichen Amt tätig blieb, aber konsequenterweise die Verwaltung eines Pfarramtes erstrebte. Frau "Trudel" Böttger, die aus einer Schöninger Lehrerfamilie stammte, bewarb sich um die Nachfolge von Pastor Menzel. Es war ihre Heimatgemeinde, in der sie getauft und von Pfarrer Menzel einmal konfirmiert worden war. Sie war mit Schöningen verwachsen. Sie wurde gewählt und löste in der Propstei eine mittlere Krise aus.

Es gab unter uns mit Pastor Wolfgang Büscher, der mit 35 Jahren 1964 an die Marienberger Gemeinde gekommen war und Propst Wilhelm Hobom, ebenfalls St. Marienberg, Helmstedt, zwei heftige, unduldsame Gegner der Frauenordination. Dazu gehörte auch Pfarrer Rudolf Kleinert und Pfarrer Helmut Scheide von St. Stephani. Sie gehörten zur Gruppe "Bibel und Bekenntnis" mit ihrer besonderen, auf Historizität der biblischen Geschichten bedachten Auslegung der Schrift.

Mir war die Ablehnung der Frauenordination ganz fremd. Ich war in einem Diakonissenmutterhaus aufgewachsen, hatte oft Diakonissen auch predigen gehört, mir war das geistliche Amt von Frauen ganz selbstverständlich und auch biblisch geboten.

Bischof Heintze hatte sich bald nach seiner Einführung 1965, anders als sein Vorgänger und auch als sein Stellvertreter, Oberlandeskirchenrat Max Wedemeyer, energisch für die Einführung der Frauenordination eingesetzt. Er hatte in der Landessynode dafür auch eine große Mehrheit gefunden.

Ihren ersten Abendmahlsgottesdienst hielt Trudel Böttger Pfingsten 1968 in Offleben. Als sie, neben mir stehend, mit ihrer hohen Stimme den Segen sang, war mir das sehr ungewohnt und ich dachte bei mir, daß Frauen doch besser den Segen sprechen sollten. Das waren wohl immer noch die Reste irgendeines männlichen Anspruchsdenkens.

Propst Hobom kündigte an, er würde vom Propstamt zurücktreten und die Landeskirche in Richtung Lübeck verlassen. Er weigerte sich auch, im März 1970 Frau Pastorin Böttger in ihr Gemeindepfarramt einzuführen. Das haben dann Oberlandeskirchenrat Brinckmeier und Pfarrer Menzel gemacht, Pfarrer Künne, ebenfalls Schöninger, und ich haben assistiert. Das war mir sehr schön. Für Frau Böttger war es ein schwieriger, verletzender Anfang, auch wenn die Pfarrer in der Propstei in ihrer großen Mehrheit die Frauenordination befürworteten, besonders deutlich in Helmstedt Pfarrer Adolf Nebel, der später Landessynodaler war.

Weil nun eine Frau unter uns war, verließen die Pfarrer Scheide und Büscher unter Protest für eine Zeit die Amtskonferenz, bis sie vom Landeskirchenamt darauf hingewiesen wurden, daß dies eine Pflichtveranstaltung wäre. Unser monatlicher Treff sollte auch nicht mehr Amtskonferenz heißen, denn eben das Amt wurde Frau Böttger ja bestritten, sondern ich weiß nicht, irgendwie anders.

Als Frau Pastorin Böttger für einen Sitz im Propsteivorstand vorgeschlagen wurde, erhob Pastor Büscher wieder seinen Protest. Als es angeblich zu viele Pfarrer gab, hieß es, wenn die Frauen nicht zugelassen worden wären, würden die Pfarrstellen reichen. Es war ein ständiges, unerfreuliches Gestänkere.

Als 1998 das 30jährige Jubiläum der Frauenordination gefeiert wurde, schrieb Frau Pastorin Böttger-Bolte in der Festschrift einen Beitrag unter der Überschrift "Es hat sich doch gelohnt". Zu diesem Anlaß wurde sie auch von der Stadt geehrt. Seit dem Sommer 1999 verlebt sie ihren Ruhestand nur wenige Meter von ihrer langjährigen Arbeitsstätte entfernt.

Über dreißig Jahre später sind in der Propstei mit Frau Barche, Frau Rengel, Frau Kiel und Frau Pustoslemšek vier Pastorinnen tätig, ohne einen Hauch von Ablehnung. Aber der Weg dahin war doch steinig und lang.

Streitpunkt Auferstehung (ab 1966 und dann immer wieder)

Immer wieder gab es unter den Pfarrern der Propstei Auseinandersetzungen um das Verständnis von der Auferstehung Christi. Und warum nicht? Es ist einer der zentralen Bekenntnisse unseres Glaubens.

Die Debatte um das Auferstehungsverständnis war auf der Ebene der Universitätstheologie längst gelaufen. Es gab drei Positionen: Rudolf Bultmann in Marburg erklärte, man müsse den historischen Jesus "verbrennen", die Auferstehung sei keinesfalls ein historisches Ereignis, sondern eine Botschaft der nachösterlichen Gemeinde. Walter Künneth, Erlangen, vertrat im Gegensatz dazu ein historisches Verständnis. Es gälte die Auferstehung als ein Heilsfaktum anzuerkennen. Das leere Grab sei im historischen Sinne leer gewesen. Zwischen diesen beiden unüberbrückbaren Auffassungen waberte eine unentschiedene theologische Mitte, die sich der Banalität einer historischen Auffassung entziehen und vor der Radikalität einer unhistorischen, kerygmatischen Auffassung drücken wollte. Ihr geistiger Vater war Paul Althaus. Mir war die gedankliche Unklarheit dieser theologischen Mitte unerträglich. Ich hatte mich schon im Studium auf die Seite Bultmanns geschlagen.

In der Braunschweiger Landeskirche kam dieser Streit im Jahre 1966 hoch, als die von Pfarrer Lieberg von der Brüderngemeinde verfaßten "Braunschweiger Thesen" in der Braunschweiger Pfarrerschaft diskutiert wurden.

Zum Thema Auferstehung hieß es dazu in These 7:

"Es muß daher verworfen werden,

- wenn die Auferstehung Jesu Christi als wirkliches personal-leibliches Geschehen und die Tatsache des leeren Grabes geleugnet werden,

- wenn bestritten wird, daß der Leib Jesu die Verwesung nicht gesehen habe,

- wenn der Bericht der Himmelfahrt zur Legende gestempelt und als mythologischer Ausdruck für das Bekenntnis zu Christus als dem Herrn bezeichnet wird."

Büscher nahm in einem Leserbrief ausdrücklich Bezug auf die Auferstehung. Es gäbe Theologen, die die Auferstehung Jesu in neuer Leiblichkeit leugneten. Dagegen wendeten sich die Thesen. Dieser Streit wurde erstmals bei der oben beschriebenen Tagung im "Waldkater" ausgetragen.

In der Helmstedter Propstei blitzte er immer wieder mal auf. Ich hatte in jeder Osterpredigt meinen Gemeinden erklärt, daß die Zumutung der Osterbotschaft nicht in einem irgendwie historischen Ereignis läge, und bei archäologischen Grabungen man möglicherweise auf das Skelett Jesu stoßen könnte, was aber unseren Osterglauben in keiner Weise zu erschüttern brauchte.

In einem in der Braunschweiger Zeitung am 17. April 1976 abgedruckten Wort zum Ostersonntag hatte ich den Ertrag der Osterbotschaft nach meinem theologischen Lehrer Paul Tillich als die erfrischende Qualität eines neuen Lebens bezeichnet, in der Freiheit, Klarheit, Furchtlosigkeit und Radikalität heimisch sind. Vorweg hatte ich deutlich gemacht, was zu Ostern die Kirche von einem nicht verlangt. "Ostern, das ist kein Wunder in dem Sinne, daß einer wieder aus dem Grab gekrabbelt ist. Das ist kein Wunder in dem Sinne, daß einer ins Leben zurückgekehrt ist. Das ist auch kein Wunder in dem Sinne, daß einer in ein feingeistiges, platonisches, klimatisiertes Leben aufgestiegen ist. Kein halbwegs verständiger Christ braucht derlei zu glauben." Damit sollten die Verstehensbarrikaden abgebaut werden.

Prompt beschwerte sich Pfarrer Kleinert beim Propst und beim Landeskirchenamt. "Solche Verfälschung hat mit der Botschaft der Schrift nichts gemein. Sie ist nichts anderes als wieder einmal ein Beleg für die permanente theologische Krise der Kirche von heute und mehrt an ihrem Teil nur das bereits überreichliche Maß an Schuld dieser Kirche." Das war ja nun keine Einladung zum Gespräch im geschwisterlichen Kreise, sondern "ich bitte das Kollegium, sich mit dieser Angelegenheit zu befassen." Das war die unverblümte Aufforderung, für ein kirchenamtliches Einschreiten. Propst Hobom indes riet ab von "irgendeinem Verfahren, das am Ende auf ein seelsorgerliches Gespräch hinausläuft." Die theologische Lage unserer Kirche gestatte heute leider einen "extremen Pluralismus."

So kam ich mir eigentlich nicht vor. Das Echo in meinen Gemeinden war in der Regel eher zustimmend oder so, daß man im Gespräch sich kritisch austauschte. Das Wedeln mit der Amtszucht, das mich nie sonderlich beeindruckt hatte, fand ich an diesem Punkt besonders unangebracht.

Aber die Sache kam doch vor die Kirchenregierung und die nichttheologischen Mitglieder zeigten sich nach dem Verlesen des ganzen Artikels "zutiefst erschüttert." Wo hatten die bisher Osterpredigten gehört? fragte ich mich. Bischof Heintze wusch mir in zwei Briefen bischöflich den Kopf und empfahl etwas mehr Selbstkritik. Diese Art von Kopfwäsche hätte ich in den folgenden Jahrzehnten noch gerne ertragen.

Als ich ähnliches in einem Gemeindebrief niederschrieb - Ostern war ja jedes Jahr - war es Thomas Capelle, damals Vikar bei Pfarrer Bringfried Wilhelm in der Helmstedter Michaelisgemeinde und im Studium mit charismatischen Kreisen in den USA in Berührung gekommen, der sich ohne mein Wissen beim Landesbischof über mein Auferstehungsverständnis beschwert hatte.

Die Meldung machte dieses Mal beim Landeskirchenamt Eindruck. Der Bischof hatte gewechselt. Ich wurde von Landesbischof Müller aufgefordert, Thesen über mein Osterverständnis in einer Amtskonferenz vorzulegen. Das tat ich ausgesprochen gerne, weil theologische Themen m. E. viel zu wenig traktiert wurden. Was mir nicht so bewußt war: die Vorlage von Diskussionsthesen sollte Teil eines Lehrverfahrens sein. Thomas Capelle durfte zu meinem Ärger an der Amtskonferenz nicht teilnehmen. Sie sollte ja ein nicht für die Öffentlichkeit zugängliches Lehrgespräch sein.

Ich legte also in 14 Thesen mein Auferstehungsverständnis dar:

1. These: Die Berichte von der Auferstehung gehörten in den weiten Bereich der Wundergeschichten.

2. These: Zwischen den Auferstehungsgeschichten im Neuen Testament bestünde kein qualitativer Unterschied.

3. These: "Die Frage, ob das Grab Jesu nach drei Tagen mit dem Leichnam Jesu gefüllt war oder nicht, zieht die Osterberichte auf die Ebene des Materialismus und Historismus."

4. These: "Der Seitenblick auf den Materialismus und Historismus hat seinen Grund in der schlotternden Angst des alten Adam vor dem Glauben."

5. These: "Der alte Adam will seinen "Glauben" durch historische und materialistische Feststellungen sichern. Ein gesicherter Glaube ist Unglaube."

6. These: "Die Redeweise vom leeren Grab hat nicht den Stellenwert eines "Beweises" für Gläubige und Ungläubige. Sie begründet nicht Glauben."

8. These: "Die Auferstehung erlebt ein Christ in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Er hat seine Auferstehung bereits hinter sich durch die Taufe ( Röm. 6, 11), er hat seine Auferstehung bei sich durch die ständige Bekehrung und erlebt sie jeden Morgen neu (EKG 345, 4 = EG 445, 4), er hat seine Auferstehung vor sich durch die täglich zu vollziehende Buße."

9. These: "Die Redeweise vom leeren Grab ist für den Glauben tröstlich, wenn sie zum Bekenntnis ermuntert: "Weil du vom Tod erstanden bist, werd ich im Grab nicht bleiben". (EKG 313, 4 = EG 522, 4) Das heißt: nicht Tod und nicht Grab halten mich fest, sondern Gott hält mich fest und läßt mich nicht, nicht im Leben, nicht im Sterben, nicht im Tod."

11. These: "Eine Diskussion über die schrift- und bekenntnisgemäße Bedeutung des Osterfestes ist notwendig. Bestimmte Formen dieser Diskussion verstehe ich angesichts des Gerichtes, das Gott durch Massenverelendung, strukturbedingte Verteilungsunfähigkeit und Überrüstung über die Welt ergehen läßt, als unverantwortliches "Theologengezänk" und als Teil des Gerichtes, das Gott auch über die Landeskirche ergehen läßt."

12. These: "Eine Wiederholung der Diskussion über die Braunschweiger Thesen aus dem Jahre 1966 - speziell Absatz 7 - ist theologisch und kirchenpolitisch bedeutungslos, es sei denn, der Landesbischof definiert seine Rolle anders als Lilje seinerzeit in Sittensen und Heintze in seinem Bischofsbrief vom 18.3.1966."

In Sittensen hatte im Oktober 1964 zwischen den Professoren Künneth und Fuchs in Anwesenheit von Lilje ein Streitgespräch stattgefunden. Einladender Pfarrer war der Vater des jetzigen Propstes von Seesen, Hartig. Am Ende der Diskussion wurde Bischof Lilje aufgefordert, in bischöflicher Vollmacht eine Art definitives Votum abzugeben, was Lilje abgelehnt hatte. Darauf hatte sich Bischof Heintze in seinem Bischofsbrief vom 18.3.1966 bezogen. Lilje bekam übrigens vom Kirchenvorstand in Sittensen Kanzelverbot und hielt sich daran. Auch Heintze wurde die Kanzel der Brüdernkirche verweigert.

Ich spickte diese Thesen mit hilfreichen Zitaten aus der Dogmatik von Paul Althaus, dem Erlanger Theologieprofessor, den ich selber noch gehört hatte, und aus dem 2. Band der Systematischen Theologie von Paul Tillich. Pfarrer Greve von der Walpurgisgemeinde war um Gegenthesen gebeten worden.

Sie gipfelten in dem folgenden Streitgespräch auf meine Frage, ob denn der Jüngling zu Nain nach seiner Auferweckung durch Jesus wieder durch Nain gelaufen wäre, Zwiebeln und Tomaten gegessen hätte, möglicherweise alt geworden und dann ein zweites Mal gestorben wäre, in einem klaren "Ja". Er sei zweimal gestorben, erklärte Pfarrer Greve. Das war für mich eine theologisch nicht mehr zu entschuldigende, banale Verwechslung von Reanimation und Auferstehung. Ich erklärte dem Landesbischof Müller, wenn diese materialistische Auffassung verbindliche Lehre in der Braunschweiger Landeskirche würde, zöge ich auf der Stelle meinen Talar aus. Der Bischof schwieg, die Sache mit dem unterschiedlichen Auferstehungsverständnis verlief im Sande. Der möglicherweise kirchenpolitische Zweck - meine Abstrafung - hatte sich erledigt. Theologische Gespräche interessierten offenbar nicht so sehr.

Nach Beendigung der Amtskonferenz schenkte ich dem Landesbischof ein druckfrisches Exemplar meiner Studie über seinen Amtsvorgänger Landesbischof Bernewitz, was ihn in leichte Verlegenheit versetzte, da ich das Amt kurz vorher um einen Druckkostenzuschuß gebeten hatte, der abgelehnt worden war, vermutlich in der stillen Hoffnung, auf diese Weise eine Drucklegung überhaupt zu verhindern.

Mit Thomas Capelle habe ich mich später ausgesprochen und bei anhaltender grundsätzlich gegensätzlicher Auffassung blieben wir im Gespräch.

Der Streit um das Auferstehungsverständnis wurde aufgewärmt, als ich in einem Gemeindebrief schrieb, die Knochen Jesu lägen wohl noch in seinem Grab. Nunmehr kürte mich Pfarrer Greve in einem weit verbreiteten Streitblatt zum Antichristen. Er verstand es, das Landeskirchenamt in einen jahrelangen Rechtsstreit darüber zu verwickeln. Jahre später entschuldigte er sich allgemein für die Form, wärmte indes sein historisches, materialistisches Verständnis der Ostergeschichte erneut auf.

Ich habe mich davon nicht sehr beeindrucken lassen. Aber die Gemeinschaft der Ordinierten, wie es amtlich heißt, war zerbrochen.

Inzwischen haben wir ja die glorreichen Erkenntnisse von Prof. Lüdemann aus Göttingen, die in der hiesigen Gegend nur ein müdes Lächeln hervorriefen. Diesen Streit hatten wir bereits hinter uns. Unverhoffte Unterstützung erhielt allerdings Pfarrer Greve durch einen in Süpplingen wohnenden und an der Universität Halle lehrenden Professor für neutestamentliche Theologie, der bei den Universitätstagen in Helmstedt seinen Vortrag über das Osterverständnis mit dem aus meiner Sicht völlig unhaltbaren Satz beendete, daß das leere Grab doch den Charakter eines Erweises für die Tatsächlichkeit der Auferstehung Jesu habe.

Konfliktpunkt: die Wählerinitiative (1969 und 1972)

"Die Kirche steht politisch rechts, auch wenn sie neutral tut und redet", war die gängige Meinung, besonders unter alten Sozialdemokraten. Schon vor Hitler hatte man gespottet: "Die Kirche ist neutral und wählt deutsch-national".

In der Nachkriegszeit gab es in der Landeskirche nur noch wenige Pfarrer, die sich parteipolitisch betätigt hatten: für den BHE Ernst Glow, Flüchtlingspfarrer in Immenrode, für die SPD im Rat der Stadt Braunschweig Pfarrer Johann Hermann Wicke. Bei politischem, gar parteipolitischem Engagement wurden die Pfarrer durchs Pfarrergesetz zu äußerster Zurückhaltung aufgefordert. So war es doch etwas Neues, daß zur Bundestagswahl am 28. September 1969 Pfarrer, Vikare, Studenten, LehrerInnen, Hausfrauen, Sozialarbeiter, kirchliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter öffentlich auf einem Flugblatt und in einer Zeitungsannonce für einen Wechsel der politischen Kräfte und für eine SPD/FDP-Regierung eintraten.

Der erste Entwurf des Flugblattes stammte von den Pfarrern Albath (Watenstedt), Specovius (Hoiersdorf) und mir, wurde an einige Sympathisanten und Kritiker verschickt, danach noch dreimal überarbeitet und entschärft. Die Rückmeldungen waren unterschiedlich. Pfarrer Kleinert (Helmstedt) riet dringend von einem Votum in dieser Form ab und hielt es für "unstatthaft, daß Pfarrer sich so direkt in das politische Leben durch parteipolitische Stellungnahme einschalten." Später schickte er mir doch einen eigenen Entwurf. Pfarrer Hennig aus Wolsdorf war der Meinung, daß die CDU "in den letzten Jahren sehr gute Politik gemacht" habe, die örtlichen SPD-Leute seien aus der Kirche ausgetreten und die Ostpolitik könne er als Heimatvertriebener auch nicht unterschreiben. J. H. Wicke aus Braunschweig dagegen war die ganze Sache zu lasch.

In der endgültigen und veröffentlichten Fassung stellten wir die Positionen der CDU unseren Hoffnungen gegenüber. Unter der CDU habe sich die politische Teilung Deutschlands verschärft, sei der Neofaschismus gewachsen, die notwendigen Reformen seien versäumt worden, der Rüstungsaufwand übertrieben und "der christliche Name oft zu politischem Nutzen mißbraucht" worden. Es sollte nun anders werden: Aussöhnung mit dem Osten, Auseinandersetzung mit der Vergangenheit, Gespräche mit reformwilligen Gruppen und Minderheiten, große Anstrengungen in Richtung Friedensforschung und Neuordnung des Verhältnisses von Staat und Kirche.

Dies unterzeichneten die Pfarrer Albath, Watenstedt, Beichler, Emmerstedt, Berndt, Landesjugendpfarrer, Blöhbaum, Braunschweig, Dohrmann, Wolfsburg, Fincke, Stadtjugendpfarrer, Mortzfeldt, Braunschweig, Padel, Braunschweig, Pieper, Salzgitter-Lebenstedt, Rauterberg, Sievershausen, Sander, Kaierde, Specovius, Hoiersdorf, Staats, Wieda, Walter, Harlingerode, Wicke, Braunschweig; mit mir insgesamt 14 Pfarrer aus dem Braunschweigischen, ferner die Vikare Doering, Fay, Hartig, Künne, dazu zahlreiche aktive kirchliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, insgesamt 55 Unterzeichner/Innen. Zu den Prominenten gehörte Prof. Reich aus der Braunschweiger Wicherngemeinde. Aus der Offleber Kirchengemeinde unterzeichneten: J. Brzoska, Schüler, L. Kufel, Lehrling, H. J. Lübbecke, Chemielaborant, E. Radusch, Baggerführer, B. Schneider, Schüler, R. Schneider, stud. phil., W. Schneider, Angestellter, H. Smuda, Hausfrau.

Typisch für die übliche zurückhaltende Einstellung war eine Antwort vom letzten Pfarrernotbundvorsitzenden Alexander Rohlfs. Er freue sich über jeden, der sich mit verantwortlich fühle für unsere Polis und dementsprechend auch handele. "Aber ich - das ist meine persönliche Einstellung - kann nicht für bzw. gegen bestimmte Parteien öffentlich etwas sagen. Eine Warnung vor der NPD herzlich gern, das ist etwa anderes. Vor der CDU kann ich nicht warnen, obwohl ich sie stramm ablehne. Hoffentlich erleidet sie bei der Wahl eine Schlappe. Braunlage den 1.9.1960." Alexander Rohlfs hatte kerzengerade im Kirchenkampf gegen die Verirrungen der Deutschen Christen und gegen nationalsozialistische Einflüsse auf die Kirchengemeinde gestanden. Daß er diese Erkenntnisse nicht in der Nachkriegszeit anwendete wie etwa J. H. Wicke von der Magnigemeinde, entsprach einer Einstellung der großen Mehrheit in der Pfarrerschaft. Es war die sich nach allen Seiten hin absichernde kirchliche Mitte, die es sich mit keiner Seite verderben wollte.

Es gab auch deftigere Reaktionen. Der Pröpstekonvent, an dem als Vertreter Pfarrer Staats aus Wieda teilnahm, tagte im August 1969 in Helmstedt. Er berichtete über die ziemlich häßliche Reaktion von Propst Hobom vor den Pröpsten. Bruder Kuessner, "gegen den ich sonst nichts habe", solle sich lieber um seine Kranken kümmern und Gemeindebesuche machen. Er, Staats, habe als einziger gewagt, mich ein bißchen in Schutz zu nehmen, vor diesen mit wenigen Ausnahmen "saturierten Denkmälern von Pröpsten."

Für die CDU in Helmstedt schrieb der Ortsvereinsvorsitzende Wagner an den Bischof, das Flugblatt schlage dem Faß den Boden aus, er habe schon häufiger mit Propst Hobom korrespondiert, aber nichts erreicht, er werde mit anderen aus der Kirche austreten, "wenn nicht mit aller Entschiedenheit unverzüglich von Ihnen eingegriffen wird." Bischof Heintze griff natürlich nicht ein. Der CDU-Landtagsabgeordnete Alfred Hein aus Salzgitter-Lebenstedt bestritt in einem Brief, daß ich auf dem Boden des Grundgesetzes stünde. "Gäbe es einen neuen Luther - er hätte wahrlich Gelegenheit, auch Sie jetzt aus dem Tempel Gottes zu jagen." Na prima.

Ich kann nicht finden, daß sich der Ton vieler CDU-Leute mir gegenüber in den folgenden Jahrzehnten wesentlich geändert hätte. Er fiel im Landeskirchenamt nur auf unterschiedlich fruchtbaren Boden.

Wählerinitiative 1972

Die Sache machte Schule.

Die 1969 neugebildete SPD/FDP-Koalitionsregierung Brandt/Scheel hielt nur drei Jahre. Der Wirtschafts- und Finanzminister Karl Schiller trat im Sommer 1972 zurück, es gab Überläufer in den Bundestagsfraktionen zuungunsten der Regierungskoalition. Aber ein Mißtrauensvotum, das Willy Brandt stürzen und Rainer Barzel zum Kanzler küren sollte, war im April 1972 an den eigenen Leuten in der Bundestags-CDU gescheitert.

Trotzdem hatte die Koalition keine Mehrheit und es gab am 19.11.1972 vorzeitige Neuwahlen, denen ein sehr scharfer Wahlkampf vorausgegangen war. Strauss und Schiller traten gemeinsam gegen die SPD/FDP an.

Wir starteten wieder eine Wählerinitiative von Offleben aus, dieses Mal aber ohne Angriffe auf die CDU. Die sozial-liberale Regierung habe Schwächen gezeigt, aber die notwendigen Reformen für die kommenden Jahre könnten nur von ihr selber durchgeführt werden. Es unterzeichneten die Pfarrer Nebel, Künne, Haferburg und ich, Hans Ulrich Adrian als Vikar, kirchlich engagierte Leute im Umkreis von St. Thomas wie der Küster G. Kunde, der Lehrer E. C. Lerche, die Sonderschullehrerin G. Lerche aus der Bachkantorei, der Lehrer H. Nagorni, der Ingenieur J. Foerster; aus Offleben die Küsterin E. Heine und die Kirchenvorstandsmitglieder G. Werner, R. Röber, R. Schwarz, dazu Bekannte aus Schule und Kirche in Schöningen und sogar Sympathisanten aus Berlin.

Wir waren aber nicht die einzigen in der Landeskirche. In Braunschweig gründete Oberstudienrat Günter Pultke aus der Pauligemeinde eine Wählerinitiative für die SPD/FDP-Koalition. Pultke gehörte dem sogenannten Braunschweiger Kreis an, einer kirchlich aktiven Gruppe, erwachsen aus der Studentengemeinde. Sein Aufruf stellte trotz Vorbehalten gegenüber der SPD/FDP-Koalition heraus, daß die linksliberale Koalition die Umweltfrage erstmals angefaßt und Erleichterungen in der Deutschlandpolitik erreicht habe. Dieser Aufruf wurde von den Pfarrern Friedrich Helms aus Hannover, Jürgen Naumann, Günter Scholz, vom Domkantor Wolfgang Herbst und dem Magni-Organisten und Studienrat Jost Blachmann, von den Professoren Kertz, Müller und Reich, von Naturwissenschaftlern und PädagogInnen unterzeichnet. Der Anstoß vom 1969 hatte einen kleinen Ableger gefunden.

Ostverträge (Mai 1972)

Die Bundestagswahl im November 1972 stand politisch auch im Zeichen einer Art Volksabstimmung über die Ostverträge, die ein halbes Jahr vorher, im Mai 1972, vom Bundestag mit knapper Mehrheit ratifiziert worden waren. Die CDU hatte sich komplett der Stimme enthalten, um die Einheit der Fraktion zu wahren, denn Kohl, damals stellvertretender CDU-Vorsitzender, und Franz Josef Strauss waren stramm dagegen, Rainer Barzel und Richard v. Weizsäcker dafür. Das Abstimmungsergebnis über den Moskauer Vertrag war schon bemerkenswert: 248 dafür, 10 dagegen und 238 Enthaltungen, noch schwieriger war es beim Warschauer Vertrag: 248 dafür, 17 dagegen und 231 Enthaltungen. Die Früchte dieser weitschauenden sozialliberalen Politik hat die CDU später gerne und hörbar vernascht.

Im Vorfeld der Abstimmung im Mai 1972 gab es in der Bevölkerung eine kräftige Polarisierung. Es lag in der Linie der Ostdenkschrift, daß sich auch die evangelische Kirche bei diesem dramatischen Meinungsstreit in der Öffentlichkeit beteiligte. Landesbischof Heintze gehörte zu den 25 Unterzeichnern einer Erklärung, die die Regierung und Opposition zur Ratifizierung ermutigten. In der Erklärung hieß es u.a.: "Wir meinen, daß die Verträge von Moskau, Warschau und Berlin jenen Beitrag zum Frieden ermöglichen, den nur die Deutschen in der Bundesrepublik Deutschland leisten können und den unsere Nachbarn in Ost und in West von uns erwarten dürfen." Es stünde auf dem Spiel, "ob die von den Verträgen zu erwartenden Möglichkeiten zur Entwicklung eines friedlicheren Europas genutzt oder verpaßt werden." Bischof Heintze nahm für sich wie jeder Bürger das Recht auf Meinungsfreiheit in Anspruch und verteidigte seine Unterschrift im Brief an die Pfarrerschaft vom 5.April 1972, stieß aber mit der niedersächsischen CDU zusammen. "Hasselmann trifft Heintze", war zu lesen, offenbar wollte ersterer dem Bischof mal die Leviten lesen. Zu den Unterzeichnern gehörten aber auch die Bischöfe Eduard Lohse (Hannover), Kurt Scharf (Berlin), Präses Immer (Westfalen) und Kirchenpräsident Hild (Hessen). Für die Rechtslutheraner schoß Bischof Wölber, immerhin Leitender Bischof der VELKD, scharf dagegen. Die Erklärung sei "ein Schlag für die Gemeinschaft von Kirchen in der EKD."

Mein Vater, der die Ostverträge durchaus begrüßte, erboste sich über den geschäftsmäßigen Verlauf des Bundestagssitzung. "Die hätten alle im schwarzen Anzug erscheinen müssen." Denn mit der Ratifizierung war auch der "deutsche Osten" für künftige Zeiten Vergangenheit.

Auch in den Kirchengemeinden wurde heftig diskutiert und artikuliert. Ich suchte Mitstreiter über die Kirchengemeinde hinaus für einen offenen Brief an die Abgeordneten des Bundestages. Die Verständigung des deutschen Volkes mit dem polnischen sei lange unmöglich gewesen, weil Deutschland Polen 1939 überfallen habe und der Anspruch auf die Grenzen von 1937 aufrechterhalten worden sei. "Jetzt kann die Bundesrepublik einen Schritt zur Verständigung tun, indem sie die Unantastbarkeit der bestehenden Grenzen in Europa vertraglich garantiert." Eine Verständigung mit der UdSSR sei deshalb aufgehalten worden, weil das deutsche Volk nach 1945 von der Politik des Stalinismus stark betroffen worden sei. Mit dieser Formulierung hoffte ich wohl auf Unterstützung auch von halbrechts. "Das darf aber Schritte der Verständigung von unserer Seite jetzt nicht ausschließen, zumal es auch dem russischen Volk seit dem deutschen Überfall 1941 sehr schwer geworden ist, Vertrauen in die deutsche Politik zu setzen. Wir hoffen, daß durch die Ratifizierung der Verträge in der UdSSR und der Bundesrepublik das verständliche Mißtrauen auf beiden Seiten langsam gemindert wird und das Vertrauen zueinander wächst."

Ich fand Unterstützung bei Pastorin Böttger, den Pfarrern Albath, Beichler, v. Monkiewitsch, Kirchenmusikdirektor Büchsel, den Kirchenvorstandsmitgliedern G. Werner, R. Röber und R. Schwarz; bei zahlreichen Kollegen und Kolleginnen vom Schöninger Anna-Sophianeum: Frau H. Spittka, E. Dallmer, H. Driehorst, A. Rabold, H. D. Stöckmann sowie den Schülern Detlef Theiß und Norbert Saul; aber auch aus Helmstedt unterzeichneten einige Pädagogen wie K. Birker, K. G. Kusche, E. C. Lerche, M. Buder; insgesamt waren es 29 Unterzeichner/Innen. Gewiß, das war nicht viel, und es hat doch in unserem kleinen, überschaubaren Kreis zur politischen Willensbildung, zu "mehr Demokratie" und zum Profil unserer Kirchengemeinden beigetragen.

Auslegung der Himmelfahrtsgeschichte (Mai 1977)

Es gab immer ein paar Leute, junge und auch alte, die mir im Garten geholfen haben. Dazu gehörte der alte Bielert. Es war Mai, wir kakelten über die Kirche und ich wolle ihm klarmachen, daß er nicht wörtlich zu glauben brauche, daß Jesus irgendwie in den Himmel gefahren sei. Er antwortete: "Ach, Herr Pastor, Sie geben sich so viel Mühe. Ich habe in meinem Leben schon so viel geglaubt. Dann glaube ich das bißchen auch noch." Ich war verblüfft. Der alte Bielert war offenbar der Meinung, der Pfarrer glaubt schon irgendwie richtig. Und wenn der das sagt, wird es wohl stimmen. Natürlich ging ihm das nicht in den Kopf: Jesus auf der Wolke nach oben. Aber wenn's der Pastor meint, na, dann eben das auch noch.

Das gab mir zu denken. Himmelfahrt war ja gerade nicht: "ein bißchen". Es gab viele Auslegungspointen: die Ansage der Herrschaft Jesu war die übliche; der Abschluß der Auferstehung eine andere; die Sendung, nach Jerusalem zu gehen, wieder eine andere. Ich hatte viele Male in der Braunschweiger Zeitung die Himmelfahrtsgeschichte in dieser Richtung ausgelegt. Dieses Mal benutzte ich den Gegensatz "oben - unten", um deutlich zu machen: nur Jesus Christus kann beanspruchen, "oben" zu sein, alles andere habe sich dem unterzuordnen. Darauf lief das Wort zum Himmelfahrtstag hinaus: "oben" ist für mich nur das, was ich im Glauben an Jesus Christus persönlich verantworten kann. Das bedeutete für den Alltag, daß die üblichen Unterteilungen in der Arbeitswelt, in der Familie, auch in der Kirche, wo es ja ein "oben" und "unten" gibt, nur begrenzte Bedeutung für einen Christen haben können. Eingangs wurde der Leser, die Leserin gebeten, den "himmelfahrenden Jesus" nicht mit dem fliegenden Robert zu vergleichen und die Himmelfahrtsgeschichte religionsgeschichtlich in die anderen biblischen Himmelfahrtsgeschichten einzuordnen. Das ganze finde ich auch heute noch ziemlich flott geschrieben.

Unter normalen Umständen hätte es darüber nun ein Gespräch in der Amtskonferenz geben können, wenn sich jemand beschwert fühlte.

Reaktionen gab es tatsächlich: Amtsbruder Kleinert schrieb ans Landeskirchenamt, die Andacht leugne den "Geschehenscharakter des Himmelfahrt-Ereignisses", das Christentum sei eine "geschichtliche Religion", in der Leugnung der Himmelfahrt als eines wirklichen Geschehens "wenn auch transzendenten Charakters" und der Reduzierung auf die sogenannte Bedeutsamkeit erweise sich die Andacht als völlig unangemessen, fragwürdig und nicht vertretbar.

Pastor Büscher bemühte mit der Andacht drei theologische Koryphäen der kirchlichen Rechten: Joachim Heubach, damals noch Landessuperintendent für Lauenburg schrieb ihm zurück, der Artikel sei häretisch, primitiv, anmaßend. "Wenn der zuständige Propst mit diesem Schreiber nicht ernsthaft ein Lehrgespräch führt, verletzt er seine Amtspflicht. Aber es geht wohl nicht nur um den zuständigen Propsten, sondern um den zuständigen Bischof." Prof. Walter Künneth aus Erlangen verstieg sich zu der Meinung, die Himmelfahrt besitze "eine historische und zugleich eine metahistorische Seite." "Resultat: eine für den theologischen Modernismus typische Häresie."

Mein Eindruck heute ist, daß ich zunehmend zum Stein des Anstoßes der kirchlichen Rechten aufgebaut wurde.

Statt eines weiterführenden Gespräches in der Amtskonferenz kam es zu einem Gespräch Ende Juli im Landeskirchenamt mit Bischof Heintze und den Oberlandeskirchenräten Wandersleb und Becker, auf Grund dessen dann Bischof Heintze einen ihnen durchaus entgegenkommenden, ("Auch ich bedaure, daß Kuessner nicht deutlicher und präziser redet") behutsamen, zugleich theologisch auch abgrenzenden Brief an die beschwerdeführenden Pfarrer Kleinert und Büscher schrieb. "Auch zu Himmelfahrt genügt ebensowenig wie sonst im Umgang mit der biblischen Botschaft das Rezitieren. Vielmehr kommt es auf das Interpretieren an. Ich muß gestehen, daß mich Ihr und Ihrer Gewährsleute Versuch der symbolischen Umdeutung der weltbildhaften Züge der Himmelfahrtsgeschichte auch nur wenig befriedigt." Der Bischof empfiehlt abschließend, "daß in Ihrem Pfarrkonvent, wie auch auf anderen Ebenen das theologische Gespräch, namentlich über die Aufgaben der Predigt, heute kontinuierlich weitergeführt wird."

Streitpunkt : Neutronenbombe (1978)

Perversion des Denkens?

Im Rüstungswahn und dem geräuschvollen Rüstungsgeklappere der 70iger und 80iger Jahre war die Diskussion um die Herstellung der Neutronenbombe ein ganz besonderer Mißton.

Es war nicht die Kirche, sondern Egon Bahr, der der westdeutschen Öffentlichkeit die Dämonie dieser Waffe beschrieb. Die Neutronenbombe tötet nach dem Abwurf "nur" die Menschen und läßt alles andere schön stehen. Es soll für die nachrückende Infanterie alles picco bello bereit stehen. Nach Abräumen der Leichen kann sich der aufgerückte Gegner direkt an den Kaffeetisch setzen und weiterfrühstücken. Bahr dazu: "Perversion des Denkens".

Die Zeitschrift "Kirche und Mann" griff das Thema auf und zitierte Franz Josef Strauß, der den Kirchen empfahl, sich auf ihre "metaphysische Aufgabe" zu beschränken und sich nicht zur Neutronenbombe zu äußern. Die Kirche sollte lieber um Frieden und Einheit in der Welt beten. Ihre Autorität sei deshalb abnehmend, weil sie nicht vorrangig der Frage nachgehe: wie werde ich mit dem Alter und dem Tode fertig und was erwartet mich im Jenseits?

Das ist die seit Kaisers und Goebbels Zeiten übliche Zurückdrängung der Kirchen aus dem öffentlichen Wächteramt, wenn es für die Politiker brenzlig wird.

Die Antwort der Kirche

Aber "die Kirche" äußerte sich und zwar vernichtend. Der Vizepräsident der evangelischen Kirche in Deutschland, D. Erwin Wilkens in Hannover, hatte dem Außenminister Genscher "Überlegungen" zugeschickt, die aus meiner Sicht in ihrem Gedankengang ihrerseits eine Perversion der Logik darstellten. Wilkens entfaltete sechs Punkte:

1. Die Situation sei bereits derart politisch sinnlos und sittlich verwerflich, daß sie nicht mehr überbietbar sei. Dieser Situation vermöge die Neutronenbombe "keine weitere Steigerung hinzuzufügen".

2. Aber sie diene doch der Abschreckung.

3. Die Rüstungslage sei völlig absurd und in sich widerspruchsvoll. Trotzdem vermöge die Neutronenbombe einen Zeitgewinn zu bringen, "nach anderen als kriegerischen Wegen für die Lösung von Konflikten" zu suchen.

4. "Aus alledem ist zu schließen, daß die Neutronenwaffe gegenüber der bisherigen Bewaffnungssituation in der Welt keine neuartige qualitative Situation hinsichtlich der ethischen Beurteilung schafft. Die Dinge sind ohne die Neutronenwaffe bereits schlimm genug".

5. Mit der Neutronenbombe den Rüstungswettlauf aufzuhalten, sei die politisch sinnvollste Schlußfolgerung.

6. "Ob es taktische oder politische Möglichkeiten gibt, die Neutronenwaffe im weltpolitischen Kalkül für Zwecke der Rüstungskontrolle und eines Rüstungsabbaus einzusetzen, ist weniger eine Frage der ethischen Beurteilung dieser Waffe als solcher, als vielmehr die einer allgemeinen sittliche Verpflichtung, alles für eine solche Entkrampfung und Entspannung der Rüstungssituation zu tun".

Die Verdrehtheit dieser Argumentation liegt auf der Hand: man müsse sinnlos weiterrüsten, um abzurüsten. Man muß die Abrüstung weiter irrational verteuern, um hinter dem Schirm der Abschreckung angeblich abzurüsten, irgendwann auch die Neutronenbombe. Wilkens stellt seinen Satz von der Absurdität der Rüstungssituation auf den Kopf, indem er eine weitere Steigerung bestreitet und zugleich eine Steigerung hinzufügt. Das Schlimmste: er macht dem Außenminister ein gutes Gewissen: mit Ethik habe die neue, perverse Waffe nichts zu tun. Wie man hörte, war Genscher glücklich, fuhr nun ruhigen Gewissens nach Washington und widersprach nicht den Amerikanern, die Neutronenbombe weiterzubauen und womöglich in Deutschland zu stationieren. Es diente ja alles dem Frieden und dem Rüstungsabbau.

Wilkens sprach für die Kirche, ohne Frage, aber nicht für uns. Und wir waren ja schließlich auch noch Kirche.

Ulrich Adrian, Erhardt Milch aus Büddenstedt und ich versuchten Anfang April 1978 - es war das erste Mal nach der Debatte über den Vietnamkrieg - eine Diskussion wenigsten in unseren Gemeinden, möglichst aber darüber hinaus, anzuzetteln. Mehr, als die Leute auf diesen Irrsinn hinzuweisen, war sowieso nicht möglich. Wir verschickten folgenden Text:

"Die Diskussion über die Produktion und Stationierung der Neutronenbombe wurde bisher meist einseitig und nur auf hoher politischer Ebene geführt.

Weil die Neutronenbombe vor allem Menschen tötet, aber Häuser, Industrieanlagen und militärisches Material unbeschädigt läßt, hat Egon Bahr mit Recht diese Bombe als eine "Perversion des menschlichen Denkens" bezeichnet.

Wir halten eine breite Diskussion an der politischen und kirchlichen Basis der Ortsvereine und Kirchengemeinden für dringend notwendig und stellen dazu folgende Fragen:

1. Wo liegen für euch die Grenzen der Aufrüstung?

2. Wird ein Atomkrieg durch die Neutronenbombe bei uns nicht wahrscheinlicher, weil sie auf der Grenze zwischen konventionellem Krieg und großem Atomschlag zum Einsatz kommt?

3. Kann man zum Schutz des ungeborenen Lebens die Unterbrechung der Schwangerschaft glaubwürdig anklagen, wenn man zur Neutronenbombe schweigt?

4. Wofür brauchen wir die Neutronenbombe, wenn die Grenze durch Mitteleuropa den Interessen der Großmächte entspricht?

Wir fordern eine bessere Information über die ablehnende Haltung des holländischen Parlamentes und der holländischen Bischofskonferenz, die Unterschriftenaktion der katholischen Jugend gegen die Neutronenbombe und das Antimilitarismusprogramm des ökumenischen Rates der Kirchen in Nairobi."

Wir freuten uns über das Echo in unseren Gemeinden. In Büddenstedt unterschrieb Frau Hilde Krummel, lange in der Frauenhilfe und im Kirchenvorstand tätig und Werner Frey von der FDP. Es unterschrieb der Student Gunnar Hille, der belesene Slawist und Schlagzeuger, der in unseren Gottesdiensten die altkirchlichen Choräle mit Drive und Sound des Jazzbesens unterlegte, später tätig im Außendienst der Bundesregierung. Aus Reinsdorf unterschrieb das Ehepaar Elke und Walter Bauermeister, Kirchenvorsteher und Küsterin; vom Offleber Kirchenvorstand Hans Georg Pethke und Rüdiger Schwarz. Zu unserer Freude weitete sich der Kreis jedoch über unsere unmittelbare Gemeinden hinaus: Pfarrer Dr. Beichler, Emmerstedt, Reinhard Wagner von der Lokalredaktion der BZ in Helmstedt, und noch drei Pfarrer: Dr. Kurt Dockhorn, Salzgitter, Eberhard Fincke, Hondelage, Hartmut Padel, Braunschweig.

Wir waren jetzt 15 Sympathisanten, die meisten aus unserer "Zonenrandumgebung", kürzten den Text etwas und fanden ein unerwartetes Echo der Solidarität. Bis zum 22. Oktober 1978 kamen insgesamt 65 Unterschriften zusammen, darunter 12 Pfarrer, 5 TheologiestudentInnen, 4 Philologiestudenten, 13 Auszubildende, Schüler und Lehrlinge aus Büddenstedt, Helmstedt, Süpplingen und Fallingbostel, Sozialpädagogen, eine Kinderpflegerin und eine Krankenschwester. Dazu aktive Leute aus den Gemeinden: die Küsterin Vera Fabig aus Büddenstedt, die Organistin Gerlinde Voigt in Offleben, die Diakonin E. Motzke aus Salzgitter, ferner aus verschiedenen Kirchenvorständen: Prof. Herbert Reich von der Wicherngemeinde, F. Henk, R. Hoffmann, W. Lehne und K. Ochsmann aus Salzgitterschen Kirchenvorständen. Wehrdienstverweigerer (und nun bei der Post oder in der Verwaltung) K. Weihe und M. Schetsche, heute in akademischen Gefilden; aus Helmstedt Oberstudienrat Allers und Studienrat Michael Gehrke, außerdem Studienrat G. Herrenbrück aus Salzgitter.

Mit manchen bin ich noch 22 Jahre später in Verbindung. Die Namen verbindet eine Grundhaltung zu rüstungs- und friedenspolitischen Fragen, die sich bis heute nicht verändert hat. Ich finde: ein Schmuckstück für die politische Kultur unserer Region. Deswegen sind alle Namen hier noch einmal dem Alphabet nach aufgezeichnet:

Die Propstei in den 70iger und 80iger Jahren

Ich unterstütze diesen Aufruf und bin mit der Veröffentlichung meiner Unterschrift einverstanden U. Adrian, Pfarrer, Büddenstedt; J. Allers, Oberstudienrat, Helmstedt; W. Barikowski, Lehreranwärter, Salzgitter; W. Bauermeister, Kirchenvorsteher, Reinsdorf; E. Bauermeister, Küsterin, Reinsdorf; E. Beichler, Pfarrer, Emmerstedt; H. Beichler, Kinderpflegerin, Emmerstedt; B. Benthel, Kirchenvorsteher, Salzgitter 1; P. Bick, Pfarrer, Salzgitter 1; J. Brandes, Kirchenvorsteher, Offleben; L. Bögelsack, Auszubildender, Büddenstedt; Henning Buchmann, Schüler, Helmstedt, Sabine Cimbollek, Schülerin, Süpplingen; Karin Dapperheld, Schülerin, Borkum; Henning Buchmann, Schüler, Helmstedt; K. Dockhorn, Pfarrer, Salzgitter 1; G. Distel, Kirchenvorsteherin, Braunschweig; V. Fabig, Küsterin, Büddenstedt; A. Fay, Pfarrer, Braunschweig; M. Fay,. Lehrerin, Braunschweig; W. Frey , Kaufmann, Büddenstedt; E. Fincke, Pfarrer, Hondelage; M. Gehrke, Studienrat, Helmstedt; R. Goetze, Braunschweig; G. Herrenbrück, Studienrat, Salzgitter-Bad; R. Heine, Theologiestudent, Salzgitter 1; F. Henk, Kirchenvorsteher, Salzgitter 1; G. Henke, Student, Rieseberg; H. Hermann, Schüler, Fallingbostel; P. Herrmann, Lehrling, Büddenstedt; G. Hille, stud. phil., Büddenstedt; R. Hoffmann, Kirchenvorsteher, Salzgitter 1; K. P. Kalinowski, Student, Wolfsburg; A. Kiel, Pfarrer, Braunschweig; A. Knackstedt, Pfarrer, Flechtorf; H. Krummel, Lehrerin, Büddenstedt; D. Kuessner, Pfarrer, Offleben; M. Künne, Pfarrer, Helmstedt; W. Lehne, Kirchenvorsteher, Salzgitter 1; Sabine Matthies, Schülerin, Büddenstedt; R. May, Theologiestudent, Schöningen; E. Milch, Theologiestudent, Büddenstedt; H. Milch, Student, Büddenstedt; S. Milch, Schülerin, Büddenstedt; H. L. Möhle, Sozialpädagoge, Helmstedt; E. Motzke, Diakonin, Salzgitter 1; K. Ochsmann, Realschullehrer, Salzgitter 1; F. Ohlemann, Theologiestudentin, Büddenstedt; H. Padel, Pfarrer, Braunschweig; H. G. Pethke, Kirchenvorsteher, Offleben; H. Reich, Kirchenvorsteher, Braunschweig; B. Sachse, Kinderpflegerin, Wolfsburg; B. Sander, Pfarrer, Königslutter; M. Schetsche, Verwaltungsangestellter, Reinsdorf; H. Schubert, Schülerin, Helmstedt; M. Schmerbach, Theologiestudentin, Büddenstedt; R. Schröder, Rentnerin, Büddenstedt; Ch. Schwannecke, Krankenpfleger, Helmstedt; R. Schwarz, Kirchenvorsteher, Offleben; A. Steffens, Schüler, Büddenstedt; Gerlinde Voigt, Organistin, Schöningen; R. Wagner, Journalist, Süpplingen; K. Weihe, Postbeamter, Jerxheim; A. Weihe, Krankenschwester, Jerxheim.

Es schälen sich bei Durchsicht dieser Unterschriften einige Kirchengemeinden heraus, die für die politische Diakonie besonders aufgeschlossen waren: die Wicherngemeinde in Braunschweig mit den Pfarrern Padel und Kiel und Prof. Reich, in Salzgitter die Lukas-Gemeinde mit Pfarrer Bick, in Büddenstedt die Martin-Luthergemeinde mit Pfarrer Adrian, seiner Küsterin und seiner Jugendgruppe, außerdem die Gemeinden Offleben und Reinsdorf-Hohnsleben.

Weihnachten 1977 hielt Dorothee Sölle im Saarländischen Rundfunk eine Predigt "Weihnachten und die Neutronenbombe", die im Aufsatzband "Sympathie" 1979 erschienen ist. Sölle setzt darin eingangs die RAF-Terroristen ins Verhältnis dem Staatsterrorismus gegenüber, der auf dem Terror der gegenseitigen Abschreckung basiere. "Dieser große Terror ist im letzten halben Jahr wieder gewachsen, und die Mehrzahl unserer Mitbürger hat gar nicht bemerkt, welchen Fortschritt der Terror wieder errungen hat in der Gestalt einer neuen Waffe, die nun besser, als all die kleinen Terroristen es je bisher geschafft haben, ein neues Meisterstück des Grauens darstellt, die Neutronenbombe."

D. Sölle verbindet im folgenden die Botschaft der Engel mit dem Rüstungswahn: "Ehre sei Gott in der Höhe, sangen die Engel an Weihnachten. Letztes Jahr wurden 825 Milliarden DM für Waffen und den Unterhalt von Streitkräften ausgegeben. Und Friede auf Erden. Mit dieser Summe könnte man die Milliarden von Menschen in den ärmsten Ländern vor dem Hunger retten. Ehre sei Gott in der Höhe. Über die Hälfte aller Wissenschaftler in der ganzen Welt arbeiten im militärisch-technologischen Komplex. Friede auf Erden. Diese Leute arbeiten am Overkill. Und den Menschen ein Wohlgefallen. Muß man sich eigentlich über den kleinen Terror wundern, wenn man den großen, unser ganzes Leben bestimmenden Terror sieht?" Diese Predigt gibt einen Tenor wieder, der in unseren Gesprächen damals durchaus eine Rolle spielte.

Die Propstei in den 70iger und 80iger Jahren

Die verjüngte Pfarrerschaft

Die Propstei hatte sich in der Mitte der 70iger Jahre verjüngt.

Propst Hobom hatte teilte am 28. Februar 1976 der Propsteisynode mit, daß er in den Ruhestand gehen würde. In seinem Schlußwort bei der Wahlsynode, auf der sein Nachfolger gewählt wurde, klagte er über die Last der Kasualien und es wäre keine Hilfe zu finden gewesen. Er habe mehr unterlassen als getan. Es klang resigniert, "...und danach das Gericht", war sein Schlußsatz.

Ein Generationswechsel stand bevor, als die Propsteisynodalen sich am 11. Juni 1976 mit 48 zu 10 Stimmen für den Goslarer Pfarrer Dieter Jungmann als Propst entschieden und nicht für den Leiter des Katechetischen Amtes, Hartmut Padel. Die übergemeindlichen Ämter hatten bei manchen Pfarrern zu Unrecht keinen guten Ruf. Die Entscheidung fiel auch für den jüngeren Kandidaten, Jungmann war 46 Jahre alt und sah noch jünger aus, Padel zählte damals 54 Jahre. Jungmann machte in seiner Vorstellung auch Front gegen das Landeskirchenamt.

Als er am 1. Advent 1976 feierlich in sein Amt eingeführt wurde, trug ich zum ersten Mal in einem Gottesdienst außerhalb meiner Gemeinden einen weißen Talar und wollte die Reaktion der Leitung abwarten, ob es Einsprüche geben würde. Es kam nichts und so ward er auch kirchenamtlich eingeführt.

In Söllingen war Ernst Wolter 1977 mit 67 Jahren in den Ruhestand gegangen, in der Helmstedter Walpurgiskirche der 66jährige Heinrich Braun, in der Kreisstelle des Diakonischen Werkes feierte der verdienstvolle, aus Ostpreußen stammende Fritz Strasdath am 1. Dezember 1976 seinen 65. Geburtstag. Dafür tauchten junge Gesichter in der Propstei auf. Im Stichjahr 1977 war Geert Beyer an St. Vincenz in Schöningen 31 Jahre alt, Wolfgang Greiser in Jerxheim 35 Jahre, Michael Künne in Michaelis, Helmstedt, 35 Jahre, Manfred Trümer in Grasleben 27 Jahre, Harry Köhler in Esbeck 30 Jahre, Manfred Samsen, Ingeleben, 36 Jahre und Adelhard Gettel in der Kreisstelle für Diakonie 34 Jahre.

1980 waren von 23 Pfarrern/Innen nur vier Pfarrer über 50 Jahre alt: Hoffmeister in Marienthal 55 Jahre, Wille, Clus, 53 Jahre, Nebel und Büscher 51 Jahre. Der damals 50jährige Propst Jungmann hatte zu Beginn der 80iger Jahre vergleichsweise "junge Leute" um sich.

Für unsere Gemeinde war am wichtigsten der Generationswechsel im Nachbardorf Neu-Büddenstedt.

Der andere Nachbar: Ulrich Adrian (1975-1981)

Ulrich Adrian wurde im Sommer 1975 Pfarrer in Neu-Büddenstedt. Er löste Pfarrer Haferburg ab. Es war ein bedeutender Generationswechsel. Adrian war 28 Jahre alt. Es war seine erste Stelle. In seiner Gemeinde wuchs eine bedeutende Jugendarbeit heran, aus der sogar einige junge Leute für einen Beruf im kirchlichen Dienst gewonnen wurden. Wir standen uns theologisch und kirchenpolitisch nahe und haben das nicht verschwiegen. Adrian hatte oft in der Urlaubszeit in Offleben und Reinsdorf die Vertretung übernommen, ich war auf der Büddenstedter Kanzel. Es funktionierte damals auch noch der Predigtvorbereitungskreis am Mittwoch vormittag, der die Pfarrer und die Pfarrerin im Südkreis zusammenbrachte.

Adrian und ich organisierten gemeinsame Fahrten zu den Kirchentagen und Konfirmandenfreizeiten. Besonders wichtig war die enge Zusammenarbeit in Fragen des Umweltschutzes in unserer bedrohten Region. Seine Frau Gisela war zusammen mit mir sechs Jahre im Büddenstedter Gemeinderat kommunalpolitisch tätig. Es war eine kollegiale Zusammenarbeit, um das belastete Wort "brüderlich" mal wegzulassen.

Adrian setzte aber auch die mit Haferburg begonnene, gemeinsame politische Linie fort. Ein hübsches Zeugnis dafür ist unsere gemeinsame Erklärung zu der Kampagne 1977 "Keine Zusammenarbeit mit Kommunisten". Damals klärte die SPD unter Helmut Schmidt ihr Verhältnis zu ihrem linken Rand und schloß den Bundesvorsitzenden der Jusos aus der SPD aus, weil er der Stamokaptheorie anhing. (es ging dabei um die Frage, ob der Staat in den Händen weniger kapitalistischer Monopole wäre). Peter v. Oertzen, SPD-Landesvorsitzender in Hannover, verurteilte die Disziplinierung von sozialistischen Theorien.

Im April wurde Generalbundesanwalt Buback von linken Terroristen ermordet. Es herrschte ein Abgrenzungsklima. Die Frage war, ob durch diese Kampagne nun eine Grenze auch mitten durch die Bundesrepublik gezogen würde. Adrian und ich verfaßten dazu folgende "Klarstellung":

"Wir sind besorgt über die gegenwärtige Kampagne "Keine Zusammenarbeit mit Kommunisten in der Bundesrepublik". Auf allen Ebenen (z.B. Gemeindeparlamenten, wissenschaftlichen Instituten und Betriebsräten) werden bei uns Möglichkeiten zwischen demokratischen Kräften und Kommunisten wahrgenommen. Wir halten es für politisch unklug, wenn sich Demokraten von Kommunisten abgrenzen. Das entspricht weder unserem demokratischen Selbstbewußtsein noch unserm christlichen Glauben. Christlichen Glauben und marxistisches Gedankengut halten wir im Grundsatz für unvereinbar. Aber das Gespräch und die Zusammenarbeit auf vielen Gebieten darf zum Nutzen für Kirche und Gesellschaft nicht abreißen."

gez. Adrian gez. Kuessner

(in: Gemeindebrief April/Mai 1977)

Wir fanden die sichtbare Grenze, an der wir lebten, schon schlimm genug. Da mußte nun nicht noch eine zweite, unsichtbare, aus Angst oder vermeintlichem Selbstschutz gezogen werden. Immerhin setzte so eine gemeinsame Erklärung viel Gemeinsamkeiten in der Beurteilung des politischen Alltags voraus, die ich durchaus genossen habe.

Ulrich und Gisela Adrian trennten sich und verließen nach sechs Jahren beide die Gemeinde. Ulrich Adrian schrieb darüber, wie ich fand, vorbildlich freimütig, aber sein Kirchenvorstand weigerte sich, seinen Abschiedsbrief abzudrucken. Er befindet sich daher im Offleber Gemeindebrief November/Dezember 1981.

"Es hat sich ja inzwischen herumgesprochen, daß ich zum 1. Dezember die Gemeinde Büddenstedt verlasse. Ich meine, daß Sie alle ein Recht darauf haben, von mir ein offenes Wort zu lesen.

Wenn sich menschliches Miteinander - zumal in der Ehe - als schwierig erweist, ja, wenn eine Ehe auseinanderbricht, dann ist das für alle Beteiligten eine sehr schmerzhafte Angelegenheit. Wenn nun gar der Pfarrer einer Gemeinde vor diesen gleichen Schwierigkeiten und Problemen steht, dann kommen noch eine Menge anderer Dinge hinzu. Für viele steht damit ja die Glaubwürdigkeit des Pfarrers auf dem Spiel. Wie kann etwa ein Pfarrer Vorbild sein, wenn er selber gegen das 6. Gebot verstößt? So denken viele und so sagen sie es auch. Ich muß gestehen, daß mir diese Rolle -. in jeder Hinsicht Vorbild zu sein - zu schwer ist, obwohl ich den Wunsch nach Glaubwürdigkeit und vorbildlichem Lebenswandel durchaus verstehen kann.

Ich meine aber auch, daß wir uns mit dieser Erwartungshaltung nicht im Zentrum unseres Glaubens befinden. Der Kern unseres Glaubens ist nicht der erhobene moralische Zeigefinger, von dem aus es leicht ist, zu verurteilen und Schuld zuzuweisen. Wir leben nicht von unsern guten Taten und nicht durch unser einwandfreies Verhalten, sondern von der Rechtfertigung des Sünders vor Gott.

Ich scheide von hier ohne jeden Groll gegen irgend jemand. Es war eine rundherum schöne Zeit, in der ich viel erlebt und gelernt habe. Viele Kontakte sind geknüpft worden. Die werden bleiben. Mancher Streit ist geführt worden, aber auch das war gut und wichtig."

Adrian spricht in seinem Brief wichtige Fragen an: eine Vorbildfunktion in der Gemeinde z.B. habe ich von Anfang an abgelehnt. Ich habe das auch etwa meinen Konfirmanden immer wieder erklärt. Die Vorbildfunktion zwingt den Pfarrer auf ein Podest, zu dem die Gemeindemitglieder aufzuschauen haben. Viel lebendiger ist es, sich gemeinsam auf einen Weg zu machen, gemeinsam zu beraten und gemeinsam getroffene Verabredungen einzuhalten. Und dann auch Fehler gemeinsam auszubaden. Den Hinweis auf das 6. Gebot halte ich ebenfalls für falsch. Dann hätte ein Pfarrer, der am 2. Weltkrieg teilgenommen hat, unter Umständen keinen Pfarrdienst übernehmen dürfen, denn er hatte möglicherweise täglich das 5. Gebot übertreten.

Probleme in der Propstei in den 70er und 80er Jahren

Das dringlichste Problem war ohne Frage der Mitgliederschwund. 1961 hatte die Propstei 55.000 Mitglieder, 1976: 50.426; 1981: 48.472; 1988: 40.427. Die Zahlen stammen aus den jeweiligen Amtskalendern. Die Zahl der Pfarrämter war von 26 (1961) auf 24 (1988) gefallen. Man kann sagen: trotz des Verlustes von 15.000 Kirchenmitgliedern, das sind bei einer Durchschnittszahl von 2000 pro Kirchengemeinde etwa 7 bis 8 Kirchengemeinden, war die Zahl der Pfarrämter fast gleich geblieben.

Natürlich machte sich die sinkende Zahl beispielsweise bei der Anzahl der Amtshandlungen bemerkbar. Aber dieser Einbruch in der Mitgliederzahl ist in seiner Dramatik weder in der Amtskonferenz noch in der Propsteisynode thematisch gründlich bearbeitet worden. Der Propst erwähnte die sinkende Zahl der Kirchenmitglieder zwar in seinem Jahresbericht 1987 als "ernste Herausforderung", aber es berührte die Pfarrerschaft nicht. Das hatte einfache Gründe: wir erhielten als Pfarrer unser Gehalt mit den fälligen Steigerungen weiter, die Kirchengemeinden erhielten im wesentlichen auch ihre Kirchensteuerzuwendungen in bisheriger Höhe, denn die Landeskirchensteuereinnahmen sanken nicht im Verhältnis zur sinkenden Mitgliederzahl, sondern stiegen sogar an. Immer weniger Mitglieder zahlten infolge des steigenden Wohlstandes, Einkommens und Lohnes immer mehr Kirchensteuer.

Die Legislaturperiode der Propsteisynode 1972-78 hatte etwas von dem reformerischen Wind der Bischof-Heintze-Zeit mitbekommen.

Sie endete 1977 mit zwei ausgiebigen Propsteisynoden über den Konfirmandenunterricht. Am 21. April 1977 trug der Synodale Brammer seine autoritäre Sicht über den Konfirmandenunterricht aus der Perspektive eines Kirchenvorstehers vor. Er übte scharfe Kritik an den Unterrichtsformen Die Kirche hätte sich mit Anarchisten und Systemveränderern verbündet. Pfarrer Reinmuth vom Katechetischen Amt hielt ein demgegenüber schwächelndes Korreferat. In vier Arbeitsgruppen bearbeiteten die Propsteisynodalen das Thema und lehnten es in der Gesamtaussprache zwar ab, die Gestaltung des Konfirmandenunterricht völlig freizugeben, stellten aber an die Landessynode den Antrag, den Konfirmandenunterricht probeweise um zwei Jahre vorzuverlegen und die Konfirmanden nach dem ersten Jahr zum Abendmahl zuzulassen.

Die Landessynode diskutierte auf ihrer Maisitzung 1977 über das Thema Konfirmandenunterricht und auf der Propsteisynode am 13. August berichtete der Landessynodale Ramser ausführlich von der Arbeit und den Ergebnissen der Landessynode. Das war ohne Frage ein gutes Zusammenwirken.

Auf dieser Synode stellte der Landessynodale Hasse, der auch Mitglied des Rechtsausschusses war, den Entwurf einer neuen Propsteiordnung vor.

Am 29. Oktober 1977 hielt Pfarrer Dr. Stalmann in der Christophorusgemeinde vor der Propsteisynode ein Grundsatzreferat über "Gottesdienst in neuer Gestalt", stellte dabei das gerade erschienene sogenannte Strukturpapier "Versammelte Gemeinde" vor, kritisierte die viele Rederei im Gottesdienst ("Überverbalisierung") und plädierte für "offene Gottesdienstformen" im Wechsel mit traditionellen. Die Synode bildete drei Arbeitsgruppen über das Liedgut im Gottesdienst, welche Elemente verändert und welche beibehalten werden sollten und über die Funktion des Pfarrers, nämlich "ob und wie die Funktion des Pfarrers auf die Gemeinde übertragbar sei."

Es machten sich bereits Ermüdungserscheinungen bei den Propsteisynodalen bemerkbar. Von den 46 "Laien" waren nur 18 erschienen.

Thematisch wirkte die Propsteisynode doch auf der Höhe der Zeit.

Aber bereits auf der letzten Propsteisynode am 11. März 1978 deutete sich ein Umschwung an. Das vorgesehene Referat von Pfarrer Nebel über "Die Verantwortung der Kirche für unsere Umwelt" - ein angesichts von Buschhaus wirklich vordringliches Thema unserer Region - fiel aus und wurde von den Folgesynoden nicht wieder aufgenommen.

Die neue Sitzungsperiode 1978-1984 begann typischerweise mit einer anhaltenden, völlig rückwärtsgewandten Debatte. Der Kirchenvorstand Offleben hatte Frau Pastorin Böttger als Kandidatin für den Propsteivorstand vorgeschlagen. Das veranlaßte Pfarrer Büscher vor dem Wahlgang am 7. Oktober 1978 zu erklären, daß auf Grund des biblischen Zeugnisses keine Frau eine Pastorin sein könne und "er den Propsteivorstand nicht anerkennen würde, falls Frau Böttger gewählt würde." Ohne jede weitere Erwiderung blieb diese ärgerliche und lieblose Behauptung im Protokoll stehen. Auch die Kirchenleitung griff nicht ein.

Im nächsten Protokoll wurde eine Entgegnung Brammers aufgenommen, daß die Wählbarkeit von Frau Pastorin Böttger außer Frage stünde. Darauf erwiderte Büscher, daß auch Synoden irren könnten. Nun fühlte sich auch der Propsteivorstand zu einer Erklärung bemüßigt. In der BZ von 21.4.1980 erschien eine Stellungnahme unter der Überschrift "Ehrenerklärung für Pastorin", was wiederum Pfarrer Büscher ermunterte, einen dreieinhalbseitigen Brief an alle Propsteisynodalen loszulassen, in dem er abschließend erklärte: "Ich werde einen Pfarrkonvent nicht anerkennen können, in dem eine Frau als Inhaberin des Pastorenamtes tätig ist." Der Satz blieb seitens der Kirchenleitung folgenlos.

Die Synoden dümpelten zwischen Haushaltsfragen und Referaten, die wenig Interesse weckten, so dahin, die Besucherzahl pendelte sich um die 40 ein, sodaß ein Drittel ständig fehlte. Die Propsteisynode als Organ der Propstei kam ins Gerede.

Im Oktober 1984 konstituierte sich eine neue Propsteisynode, ohne daß sich etwas Wesentliches änderte.

Es gab nur zwei Themen, bei denen vor allem die Pfarrerschaft munter wurde. Das waren die Vakanzen, die den Pfarrern zusätzliche Arbeit machten und die Verteilung der Landeskirchensteuern, für die das Landeskirchenamt neue Bemessungsgrundlagen konstruierte, die nicht die Billigung der Pfarrerschaft fanden und immer wieder verändert wurden. Das wurde das beherrschende Thema des Jahres 1986.

Im Januar 1986 berichteten OLKR Wandersleb und Herr Bolduan im Kreis der Amtskonferenz über die neue Pfarrstellenbewertung. Die starren und unzureichenden Kriterien stießen auf scharfe Kritik. Der Kirchenvorstand Offleben entwarf ein Papier, in dem es hieß: " Der beste Weg zu einer gerechten Pfarrstellenbewertung sind brüderliche Gespräche sowie das gegenseitige Hören von Kirchenvorständen und Kirchenleitung." Ganz schwierig sei die Vermischung der Pfarrstellenbewertung mit finanziellen Überlegungen.

In Marienberg fand dann im Februar eine Sondersynode zu diesem Thema statt, auf der Landeskirchenrat Siebert ziemlich unglücklich referierte und die Wogen so hochgingen, daß OLKR Becker die Synodalen vor weiteren Beleidigungen warnte. Den Landessynodalen, die sich auf die Seite des Landeskirchenamtes geschlagen hatten, sollte das Mißtrauen ausgesprochen werden.

In Offleben traf man sich zu diesem Thema am 19.9.1986 zu einer Themensynode, die neue Pfarrstellenbewertung betreffend.

Der Offleber Kirchenvorstand hatte einige Grundsätze zur Kirchensteuerneuverteilung aufgestellt und darin gefordert, den Verteilungsschlüssel um 2% zugunsten der Gemeinden zu verändern, also von 35% auf 37%. Dafür sollte auf Ergänzungsmittel aus dem Ausgleichsstock vollständig verzichtet und die Gemeinden verpflichtet werden, nur noch ausgeglichene Haushalte vorzulegen, anstatt wie üblich, durch defizitäre Haushalte Forderungen an den Ausgleichsstock zu stellen. Innerhalb des Haushaltes sollte der Kirchenvorstand frei verfügen können. Tatsächlich bedeutete dies die Vorwegnahme der Budgetierung, wie sie dann 16 Jahre später eingeführt worden ist. Außerdem sollte die Zahlung eines abgestuften, festen Kirchgeldes für die älteren, aus der Lohnsteuer herausfallenden Kirchenmitglieder verpflichtend eingeführt werden.

Die Propsteisynode hatte einen kleinen Ausschuß unter Leitung von Oberstudienrat Dallmer, Clus, eingerichtet, der auf der Propsteisynode in Offleben über seine Arbeitsergebnisse referierte. Das Papier war erwartungsgemäß zusammengestrichen worden, aber mit einer Mehrheit von 20 Stimmen bei 11 Enthaltungen und 3 Gegenstimmen, was schon eine gewisse Unsicherheit der Propsteisynodalen in diesen Finanzfragen signalisierte, beschloß die Propsteisynode, der Landessynode folgendes zu empfehlen: "Der finanzielle Haushalt einer Kirchengemeinde wird so ausgestattet, daß sie ihre laufenden und besonderen Bedürfnisse selber verwalten und Rücklagen bilden kann." Die Mieten der Pfarrhäuser sollten zum überwiegenden Teil zweckgebunden bei den Pfarrämtern bleiben.

Der Vorsitzende des Finanzausschusses der Landessynode, Dietrich Fürst, hatte dem Offleber Kirchenvorstand in einem gut zweiseitigen Schreiben vom März 1986 ausführlich auf alle Punkte des Kirchenvorstandspapiers geantwortet, was immerhin einen neuen Stil zwischen Kirchengemeinde und Synodalgremium andeutete, auch wenn in der Sache der Kirchenvorstand hingehalten wurde.

Trotz mancher Lichtpunkte blieb die Arbeit auf Propsteiebene unbefriedigend.

Zum Frieden ermutigen (1981)

1981 beherrschte die außen- und rüstungspolitische Situation weite Teile der Gesellschaft und der Kirchen in der Bundesrepublik. Die Stellungnahme zur Nachrüstung bekam Bekenntnisrang. Zustimmung oder Ablehnung der Nachrüstung mit schweren amerikanischen Raketen war für viele Christen nicht nur eine politische Entscheidung, sondern eine religiöse.

Im Oktober 1981 hatte die Evangelische Kirche die Denkschrift "Frieden wahren, fördern und erneuern" herausgebracht, die von vielen unter uns als unentschieden und lasch empfunden wurde. Man hatte ein kantiges, weiterführendes Wort erwartet wie 1965 bei der Ostdenkschrift. Die Enttäuschung unter uns war groß.

Aber am 21.-24. Oktober 1981 tagte die Generalsynode der Vereinigten Ev.-Luth. Kirche in Wolfenbüttel. Das Thema der Synode lautete: "Vertrauen wagen". Die Synode war ein passendes Gremium, den westdeutschen Lutheranern die Bedenken der amerikanischen Christen vorzutragen und dazu einige Fragen zu den Grenzen der Rüstung, der Verweigerung von Christen bei der Arbeit in westdeutschen Rüstungsbetrieben und zu einer deutlichen, undiplomatischen Sprache, die die Mächtigen zur Umkehr vom Rüstungswahnsinn mahnte, zu stellen. Vertrauen wagen zu mehr Abrüstung?

Die Fragen stammten aus meiner Feder. Sie hatten folgenden Wortlaut:

Fragen an die Teilnehmer der VELKD-Synode in Wolfenbüttel

Die unterzeichneten Pfarrer der Braunschweigischen Landeskirche haben mit großer Anteilnahme die Sorgen der amerikanischen Christen gelesen, wie sie in der Studie des Leitungsausschusses des Nationalen Rates der Kirchen Christi in den USA zum Ausdruck kommen.

In der Studie heißt es:

"Nukleare Überlegenheit und die Fähigkeit, überall in der Welt überlegene militärische Macht zu entfalten, werden als Basis der nationalen Politik angesehen. Bislang wuchs die Bereitschaft, die Welt in ihrer wirklichen Vielfältigkeit und Verschiedenheit zu sehen. Demgegenüber ist die neue Regierung entschlossen, sich von der schwierigen, unbequemen Entspannungspolitik der letzten 10 Jahre abzuwenden und die verzerrte Sicht einer bipolaren Welt aus der Zeit des Kalten Krieges wieder zu beleben."

Wir fragen Euch: teilt Ihr diese Sorgen?

Diese "beachtenswerte Wende" in der Politik der USA hat die Frage nach den Grenzen der Rüstung bei uns neu und dramatisch gestellt. Landesbischof Lohse unterstütze den Nachrüstungsbeschluß, heißt es. Viele andere werden ihm darin zustimmen.

Wir fragen Euch: könnt Ihr, die Ihr heute noch eine weitere Aufrüstung politisch für sinnvoll, wirtschaftlich für bezahlbar und moralisch für vertretbar haltet, sagen, wann für Euch die Grenzen der Aufrüstung erreicht sind? Könnt Ihr sagen, wie Ihr die Kette der jeweiligen Vor- und Nachrüstung aufzubrechen gedenkt?

Wir fragen Euch: wie verhelft Ihr unserer Regierung zu mehr Abrüstungsfähigkeit? Teilt Ihr unsere Ansicht, daß unser Land im Ernstfall nicht mehr verteidigungsfähig ist und sich die Rüstungssituation in den 80iger Jahren so zuspitzen wird, daß Bischöfe und Synodale den Christen im Lande nur noch raten können, den Arbeitsplatz in der Rüstungsindustrie zu verweigern? Wie kann die Kirche bei der notwendigen Verwandlung der Arbeitsplätze behilflich sein?

Die Stellungnahmen der EKD werden oft so verstanden, daß die Regierung tatsächlich keine Änderung ihrer Rüstungspolitik vornimmt. Ein klassisches Beispiel hierfür ist die Stellungnahme der EKD zur Neutronenbombe vom 15.3.1978. Außenminister Genscher entnahm aus ihr zu Recht ein Ja zur Neutronenbombe.

Wir fragen Euch: wollt Ihr, Brüder und Schwestern in leitenden Ämtern unserer Kirche, eine Sprache sprechen, die ganz undiplomatisch die Mächtigen zur Umkehr vom Rüstungswahnsinn ruft, die die Sündhaftigkeit der Geschäfte mit Rüstung - und zwar nicht nur die Rüstungsexporte, sondern auch der Rüstungsproduktion im eigenen Land - und deren Profit beim Namen nennt und ihnen das Evangelium vom Reichtum Gottes sagt, das sie arm an Waffen macht?

Dieter Adam (Nordsteimke), Ulrich Adrian (Büddenstedt), Hartmut Barsnick (Salzgitter), Dr. Eckehart Beichler (Emmerstedt), Helmut Bertram (Salzgitter), Gert Beyer ( Salzgitter), Dr. Kurt

Dockhorn (Salzgitter), Herbert Erchinger (Braunschweig), Albrecht Fay (Braunschweig), Arnold Kiel (Braunschweig), Jürgen Kleiner (Braunschweig), Alexander Knackstedt (Wahle), Dietrich Kuessner (Offleben), Michael Künne (Schöningen), Christian Leu (Greene), Hans Dieter Pauler (Harlingerode), Günter Prüße (Lichtenberg), Martin Quandt (Immenrode), Bodo Sander (Soyen), Henning Schaper (Salzgitter), Sven Schmidt (Salzgitter), Detlef Schumacher (Braunschweig), Dr. Gerd A. Wewers (Salzgitter), Hartmut Albath (Braunschweig), Hellmut Winkel ( Braunschweig).

Diese Fragen an die VELKD-Synodalen wurden von 14 Pfarrern der Landeskirche getragen. Das war eine beachtliche Zahl. Der Synodalpräsident Dr. Ludwig Blendinger ließ die Fragen an die Synodalen verteilen und erwiderte mit einem freundlichen Schreiben, die angesprochenen Sorgen seien auch Gegenstand der Beratungen gewesen.

Auch Landesbischof Heintze, der zum letzten Mal als Leitender Bischof den Lagebericht der Generalsynode vortrug, nahm sich der Sache an. Am Ende seines Lageberichtes ging Heintze auch auf die politische Verantwortung der Kirchen ein und hielt die Berufung gerade junger Menschen auf die Bergpredigt für etwas grundsätzlich positives. "Statt hier sofort von Schwärmerei zu reden, sollte im Gespräch mit ihnen vielmehr erkundet werden, ob die Berufung auf die Bergpredigt wirklich ernst und konsequent genug ist und ob wir selber es hier an Eindeutigkeit des Gehorsams und der Nachfolge Christi haben fehlen lassen." Heintze hielt auch die Warnungen für unbedingt berechtigt, "wie das Weitergehen der Rüstungsspirale die Mittel für die dringend nötige umfassende Entwicklungshilfe für die Völker der dritten Welt einschränkt." In jenen Ländern, vor dessen Aggressionsbereitschaft wir uns im Westen fürchten, lebten selber von Ängsten bewegte Menschen, "die vor allen Dingen von Jesus Christus zu unseren Brüdern und Schwestern gemacht worden sind." Das waren ermutigende Worte.

Es ist dagegen für die damalige Beurteilung der amerikanischen Initiative durch den Rat der EKD nicht untypisch, daß der damalige Ratsvorsitzende Landesbischof Eduard Lohse in seinen Erinnerungen 1993 im Kapitel "Besuch des Rates der EKD in den USA" diesen Beschluß des US-Kirchenrates mit keinem Wort erwähnt. Beim Kirchentag in Hamburg skandierten wir: "Wölber, Hübner, Lohse, das geht in die Hose." Aus diesem Kreis waren förderliche Schritte nicht zu erwarten.

Im Hinblick auf unser Flugblatt schwebte uns noch etwas Konkreteres vor, entweder eine Solidarisierung mit dem amerikanischen Nationalrat oder eine kritische Stellungnahme dazu. Die hatten wir von der VELKD nicht erhalten.

Daher legten wir eben dieselben Fragen den Braunschweiger Landessynodalen vor, die vom 27.-28. November 1981 wie jährlich um diese Zeit den landeskirchlichen Haushalt berieten. Das Flugblatt hatte eine erstaunliche Resonanz gefunden. Die Zahl der Unterzeichnenden hatte sich bis zum Zusammentritt der Landessynode Ende November auf 72 erhöht.

Aber auch nach der Synode gaben wir unsere Fragen weiter, um Gleichgesinnte zu sammeln und die Fragen in die Kirchenvorstände und Propsteisynoden zu tragen. Bis Ende Dezember 1981 solidarisierten sich insgesamt 37 Pfarrer, 33 Theologiestudentinnen und -studenten, 20 Kirchenvorsteherinnen und Kirchenvorsteher, 3 Vikare und 2 kirchliche Mitarbeiter mit der Erklärung . An diesen 95 aktiven Kirchenleuten war eigentlich nur schlecht vorbeizukommen. Es hatte sich in den Jahren seit der Erklärung zum Vietnamkrieg ein fester Stamm gesellschaftskritischer, kirchlicher Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in unserer Landeskirche herausgebildet. Und es kamen immer neue dazu. Die hohe Zahl von Theologiestudentinnen und Theologiestudenten war bemerkenswert.

Diese Gruppe bestand aus folgenden Personen

Dieter Adam, Pfarrer (Nordsteimke); Birgitt Adolph, stud. (Göttingen); Ulrich Adrian, Pfarrer (Büddenstedt); Dieter Ahrens, stud. (Göttingen); Hartmut Albath, Pfarrer (Braunschweig) Hans Georg Babke, Pfarrer (Oker); Hartmut Barsnick, Pfarrer (Lebenstedt); Eckehart Beichler, Pfarrer (Emmerstedt); Marcus Bertram, stud. (Göttingen); Helmut Bertram, Pfarrer (Lebenstedt), Geert Beyer, Pfarrer (Lebenstedt); Eckehard Binder, stud. (Göttingen); Hans Gerhard Böhnig, Pfarrer (Salzgitter-Bad); Christoph Brinckmeier, Pfarrer (Braunschweig); Brigitta v. Bülow, stud. (Göttingen); Johannes Büscher, stud. (Göttingen); Kurt Dockhorn, Pfarrer (Lebenstedt); Herbert Erchinger, Pfarrer (Braunschweig); Albrecht Fay, Pfarrer (Braunschweig); Eberhard Fincke, Pfarrer (Braunschweig); Jürgen Frisch, Pfarrer (Braunschweig); Regine v. Geibler, Kirchenvorstand (Reinsdorf); Michael Gerloff, stud. (Göttingen); Rotraud Gollwitzer, KV (Braunschweig); Gabriele Grotrian, KV (Offleben); Gerd Gunkel stud. (Göttingen); Dorothea Hahn, stud. (Göttingen); Axel Held, stud. (Göttingen); Christiane Hormburg, stud. (Göttingen); Reinhold Jordens, stud. (Göttingen); Peter Kapp, stud. (Göttingen); Arnold Kiel, Pfarrer (Braunschweig); Christel Kiel, Pfarrerin (Lamme); Jürgen Kleiner, Pfarrer (Braunschweig); Alexander Knackstedt, Pfarrer (Wahle); Elfriede Knotte, stud. (Göttingen); Michael Knotte stud. (Göttingen); Michael Künne Pfarrer (Schöningen); Dietrich Kuessner, Pfarrer (Offleben); Andreas Labuhn stud. (Göttingen); Martin Labuhn, stud. (Göttingen); Karl Heinz Langanke, stud. (Göttingen); Christian Leu, Pfarrer (Greene); Nikolaus Lorenz, stud. (Göttingen); Petra Mainzen, stud. (Göttingen); Rolf May, Vikar, (Schöningen); W. Mehner-Achnelt, stud. (Göttingen); Katharina Meyer, Vikarin, (Braunschweig); Klaus Meyer, Vikar, (Braunschweig); Erhard Milch, stud. (Göttingen); Ernst Müller, KV (Braunschweig); Johannes Niemann, stud. (Göttingen); Hans Dieter Pauler, Pfarrer (Harlingerode); Michael Pfau, stud. (Göttingen), Günter Prüße, Pfarrer (Lichtenberg); Detlef Quandt, KV. (Braunschweig); Martin Quandt, Pfarrer (Immenrode); Helga Rodekohr, KV (Braunschweig); Bodo Sander, Pfarrer (Soyen); Henning Schaper, Pfarrer (Lebenstedt); Marion Schmerbach, stud., (Göttingen); Sven Schmidt, Pfarrer (Lebenstedt); Detlef Schumacher, Pfarrer (Braunschweig); Rüdiger Schwarz, KV (Offleben); Horst Specovius, Pfarrer (Sehlde); Christian Teichmann, stud. (Göttingen); Wilhelm Wedekind, Pfarrer (Steterburg); Gerd A. Wewers, Pfarrer (Lebenstedt); Johann Heinrich Wicke, Pfarrer (Wolfenbüttel); Helmut Winkel, Pfarrer (Braunschweig); Hartwig Wrede, stud. (Göttingen)

Aus der Landessynode erfuhren wir kein Echo. Erst später teilte der Synodalpräsident Ramser mit, er habe die Fragen als Eingabe zur Kenntnis gegeben. Das Schreiben hätten alle auf dem Tisch gehabt. Eine Aussprache darüber hätte nicht stattgefunden und auch nicht stattfinden können. Es wäre falsch gewesen, ein Echo zu erzwingen. Dieses ergab sich, als ich unvermutet eine Einladung zu einer hochkarätigen Tagung erhielt.

Die Akademie-Tagung in Loccum Januar 1982

Im Oktober 1981 erhielt ich eine Einladung zu einer Klausurtagung über die Friedensfrage in der Evangelischen Akademie Loccum vom 29.-31 Januar 1982. Meinem Eindruck nach hatten die Militärs auf diese Tagung gedrängt. Die evangelische Begründung für den militärisch-technischen Komplex der Bundeswehr sollte unter die Leute gebracht werden.

Die Akademie hatte ein ausgewogenes Programm zusammengestellt und dazu Generäle und Bischöfe, Militärpfarrer und normale Alltagspfarrer eingeladen, aber die Uniformen überwogen und blitzten beim Mittagessen.

Dr. Wolfgang Lienemann von der Heidelberger Forschungsstätte hielt am ersten Abend das Referat zum Thema "Wie lange können Christen das Abschreckungssystem akzeptieren?" Es ging um die damals viel diskutierte Interpretation der 8. These der 1959 formulierten sogenannten "Heidelberger Thesen". Sie lautete: "Die Kirche muß die Beteiligung an dem Versuch, durch das Dasein von Atomwaffen einen Frieden in Freiheit zu sichern, als eine heute noch mögliche christliche Handlungsweise anerkennen." Es ging um das Wörtchen "noch". Was damals 1959 als eine "noch" mögliche christliche Handlungsweise erschien, zeigte sich manchen 1982 als endgültig abgelaufen. Die Zeit des "noch" war vorbei.

Die Sicherung eines Friedens in Freiheit durch Atomwaffen wäre heute keine christliche Handlungsweise mehr. So hatte sich z.B. Altbischof Scharf geäußert. Die Kirchen in der DDR hatten schon 1965 erklärt, daß der Friedensdienst ohne Waffen das deutlichere christliche Zeichen sei. Soweit waren vor allem die lutherischen Kirchen im Westen noch lange nicht. Das war der inhaltliche Kernpunkt der Tagung. Lienemann hatte behutsam, aber für den, der hören wollte, deutlich für einen Friedensdienst ohne Waffen plädiert.

Am nächsten Tag gab es eine Podiumsdiskussion. In einleitenden kurzen Stellungnahmen sollte die Frage beantwortet werden: "Beantwortet der Glaube die Frage nach dem richtigen Weg zum Frieden?" Oberst von Scheven aus Bonn: "Eindeutig - nein." Pastor Hans Günter Sanders aus Bremen formulierte die Gegenseite: "Wir haben heute nein zu sagen zu Besitz von und zur Androhung mit atomaren Waffen, nein zu allen weiteren Schritten der Aufrüstung. Als ein Zeichen der überfälligen Buße: Nein zur Nachrüstung." Der Militärdekan Sewening aus Hannover, mehr verklausuliert, auch nein, wie sein Oberst. Pfarrer Wolfgang Raupach aus Hannover: "Ich möchte mit diesem System militärischer Verteidigung nicht mehr verteidigt werden und möchte Mut machen, andere Wege zu suchen." Vizepräsident Meyer: "Ich glaube, daß das "noch" der Heidelberger Thesen leider in dieser unserer Welt noch weiter gelten muß." Zum Schluß Oberst v. d. Recke: man diene als Soldat mehr dem Frieden, eine Entscheidung aller Christen gegen diesen soldatischen Friedensdienst würde auf dem kürzesten Weg ins Chaos führen.

Mir war das alles angesichts der irrationalen Bedrohung - die Militärs konnten die Welt vielfach in die Luft sprengen - zu labberig und nicht entschlossen genug. Es traf sich eine kleine Gruppe von konsequenten Weiterrüstungsgegnern in einem der Zimmer, während die anderen sich beim

Empfang der Landeskirche im Glanz der Uniformen sonnten. Ohliger aus Osnabrück, v. Wedel aus Wolfsburg, die Brüder Sanders aus Bremen verabredeten, am nächsten Tag, dem Sonntag, die Fahne des konsequenten Nein zur Abrüstung zu hissen. Das machte sich gut, weil das Abschlußreferat von Prälat Binder, dem Bevollmächtigten der EKD in Bonn, wieder so verquollen war und alle Möglichkeiten offen hielt, aber für eine kirchliche Absegnung der Weiterrüstung deutlich Partei nahm. Die Gruppe machte in der Diskussion deutlich, Rüstung und Krieg seien jetzt schon unverantwortbar und führten jetzt schon stracks in die Hölle.

Eine weitere Tagung dieser Art hat meines Wissens in absehbarer Zeit nicht mehr stattgefunden. Das von den Generälen erhoffte Ja der Kirche zu ihren militärischen, aufrüstenden Plänen war doch nicht so fleckenlos erfolgt, wie sie sich das vielleicht erhofft hatten.

Mir ging die Tagung noch lange nach. Ich wollte ein öffentliches Gespräch in unserer Landeskirche um eben diese Frage. Solange dieses nicht erfolgte, konnte das Schweigen von Kirchenleitung und Gemeinden als Zustimmung mißdeutet werden. Ich verfaßte einen kleinen Stimmungsbericht mit markanten Äußerungen der Teilnehmer von der Tagung, wandte die Frage der Friedenssicherung auf Probleme in der Braunschweiger Landeskirche an und plakatierte in den Propsteien Seesen, Salzgitter Lebenstedt, Königslutter einen Offenen Brief:

Offener Brief an die Pröpste Warmers, Hartig und Fiedler, an die "kirchliche Sammlung um Bibel und Bekenntnis", und an die Bugenhagenfraktion der Landessynode Mai 1982

"Hanna betete und sprach: Mein Mund hat sich weit aufgetan wider meine Feinde, denn ich freue mich deines Heils. Der Herr macht arm und macht reich. Er erhöht den Armen aus der Asche, daß er ihn setze unter die Fürsten" ( 1. Samuel 2 )

Ende Januar dieses Jahres fand in der evangelischen Akademie eine Klausurtagung mit dem Thema "Protestantische Friedensethik und militärische Verteidigung" statt, an der von der Braunschweiger Landeskirche Oberlandeskirchenrat Becker, Propst Warmers und die Pfarrer Block, Guischard, v. Tomaczewski und auch ich teilgenommen haben.

Diese Tagung wurde äußerlich von den Uniformen der vier Generalmajore, drei Brigadegenerale, 16 Oberstleutnante, 14 Oberste, 5 Majore und einem Hauptmann beherrscht, die von 14 Militärpfarrern, 5 Militärdekanen begleitet wurden. Man sagte, es sei das erste Treffen zwischen Militär und evangelischer Kirche in Niedersachsen seit 10 Jahren und hatte von Seiten der Kirche daher fünf Bischöfe und Vizepräsidenten, 3 Oberkirchenräte, 3 Landesuperintendenten, zwei Pröpste und 20 Pfarrer und 4 nichtordinierte kirchliche Mitarbeiter aufgeboten.

Diese Tagung konnte einen sehr nachdenklich machen. Dr. Lienemann von der Heidelberger Forschungsstätte der Evangelischen Studiengemeinschaft betonte am ersten Abend u.a., wie die ev. Kirche mit ihrer These von der Gleichwertigkeit des Friedensdienstes mit und ohne Waffen sich bereits außerhalb der Rechtssprechung des Bundesverfassungsgerichtes befinde, die den "Friedensdienst mit der Waffe" dem waffenlosen Zivildienst deutlich überordnet. Nachdrücklich bedauerte Dr. Lienemann, daß in unseren liturgisch verfaßten Gebeten das Gebet für die Feinde oft fehle und sonntags auch nicht geübt werde.

Oberst Hansen aus Munster erklärte, auch nach Beginn eines Krieges habe die Abschreckung noch Gültigkeit, z.B. den in Hannover stehenden sowjetischen Truppen so gezielt zu begegnen, daß eine Ausweitung des Krieges unterbliebe. Bisher hatte man "Abschreckung" so verstanden, daß sie den Ausbruch eines Krieges überhaupt verhindern solle. Mir war diese Äußerung ein wichtiger Hinweis dafür, wie sehr unser Militär in Gedanken, Worten und Werken mitten im dritten Weltkrieg steckt.

Die damit verbundene ethische Frage haben zwei Generäle so beantwortet: man werde die Schuld für Rüstung und einen möglichen Krieg eben auf sich nehmen und "vor dem Herrgott verantworten."

Die Frage, ob der biblisch begründete Glaube eine Orientierungshilfe für die konkrete Arbeit an der Friedensaufgabe sei, wurde bei einer Podiumsdiskussion von Oberst v. Scheven und Oberst v.d. Recke mit einem glatten Nein beantwortet und Militärdekan Sevening aus Hannover pflichtete bei, die Bibel gebe keine Antwort auf die Frage, die Bergpredigt sei nicht an ihn gerichtet, sondern an "herumwandernde Bettelmönche."

Am bedrückendsten indes war die Haltung der Mitglieder der Kirchenleitungen aus Hannover, Oldenburg und Braunschweig. Keiner widersprach dem Militärdekan Sevening und erinnerte etwa an den Satz von Amsterdam 1948 "Krieg ist Sünde". Keiner der kirchenleitenden Brüder setzte diesen Satz von der Weltkirchenkonferenz in Amsterdam fort und erklärte: Aufrüstung ist Sünde.

Wer in den nächsten Krieg marschiert, marschiert nicht wie Anno 1939 in den erhofften Sieg, sondern in die Hölle. Wer in dieser Sünde der Weiterrüstung öffentlich und hartnäckig verharrt, hat sich selber von der Kirche und dem Evangelium getrennt.

Im Schlußgespräch bedauerte Dr. Lienemann die Unfähigkeit der niedersächsischen Militärführung, den eigenen Auftrag auch einmal kritisch zu überdenken.

Das kleine Häufchen der jeder Weiterrüstung energisch widersprechenden Pfarrer wie die Brüder Sanders (Bremen), Ohliger (Osnabrück) und v. Wedel (Wolfsburg) konnte wenig ausrichten.

Wie wird es nach dieser Tagung weitergehen?

Wird unsere Kirchenleitung zum weltweiten kollektiven Rüstungswahn, dem auch weiter Teile der deutschen Bevölkerung verfallen sind, schweigen?

In welcher Weise wird die neue Landessynode das Votum und die Anfrage von 90 kirchlichen Mitarbeitern unserer Landeskirche vom Herbst 1981 aufnehmen?

Werden wir uns jetzt mit den vielen evangelischen und katholischen Christen in Amerika solidarisieren, die sich entschlossen der Hochrüstungspolitik der gegenwärtigen amerikanischen Regierung entgegenwerfen?

Werden sich Kirchenleitung und Landessynode dazu äußern, daß die Asse und der Schacht Konrad atomare Giftmülldeponien sind und werden?

Wird die Kirchenleitung wie kürzlich beim Treffen der Kirchenvorsteher in Bleckenstedt nur über zu befürchtende Demonstrationen und die damit zusammenhängende friedensstiftende Aufgabe der Kirche reden wollen, nicht aber über die Haltung der Kirche zur Endlagerung? Zu welchem Glauben sollen wohl diese Kirchenvorsteher ermutigt werden?

Ist es ein Beitrag zur Ermutigung des Glaubens, wenn Ministerpräsident Albrecht, dessen CDU-Mehrheit im Landtag die Polizisten Niedersachsens kürzlich mit dem Recht, einen gezielten tödlichen Schuß abzugeben, ausgestattet hat, nun auch noch zu guter Letzt zum Landeskirchentag eingeladen wird? Wenn er als Christ unter Christen und Besuchern dabei wäre, würde das jeden freuen. Durch die gesetzliche Regelung des Todesschusses vom Herbst letzten Jahres ist die Todesstrafe durch die Hintertür eingeführt worden. Wie soll so ein Mann zum Glauben und Frieden ermutigen?

Die Redewendung "Wir sind doch alle für den Frieden" entlarvt sich bald als Allerweltsformel im Mundes derer, die die Hochrüstung oftmals unter christlicher Verbrämung weiter betreiben möchten.

Kann man im Ernst Christen in der Friedensbewegung der DDR - und dort in Zusammenarbeit mit Kommunisten (Havemann) -begrüßen und Christen in der Friedensbewegung der BRD beschwichtigen und behindern wollen?

Bibelarbeiten können auch ablenken von dem, was jetzt zu tun ist, und können zu einem Glauben ermutigen, der bereits weiß, unter welchem Evangelium und unter welchen Chorälen die evangelischen Christen unserer Landeskirche die Weiterrüstung mit gutem und getröstetem Gewissen weiter bejahen und unterstützen dürfen.

"Viel Macht hilft doch niemand. Der Herr wird richten der Welt Enden und wird erhöhen das Haupt seines Christus" (1. Samuel 2).

Dietrich Kuessner am Sonntag Jubilate, dem 2. Mai 1982; Pfarrer in Offleben

Das Plakat wurde von der Deutschen Städtereklame in der ersten Junihälfte in Braunschweig an jede zweite Litfaßsäule, in Salzgitter an 31 Stellen, in Königslutter an 19 und in Seesen an 31 Stellen ausgehängt. Es war primitiv gedruckt, Schreibmaschinensatz.

Zu dieser Zeit lief vom 11.-13. Juni in Braunschweig gerade der Landeskirchentag mit der offiziellen Losung "Zum Glauben ermutigen". Eine große Gruppe Abweichler organisierte unter dem Motto "Zum Frieden ermutigen" eine Art Gegenveranstaltung. Bei einer Diskussionsrunde in der Braunschweiger Andreaskirche kam auch das Plakat zur Sprache, aber OLKR Wandersleb winkte ab, äußerte auch keine Beschwernis.

Die kam erst nach dem Landeskirchentag. Propst Warmers ließ mir durch Frau Pastorin Böttger einen "freundschaftlichen Rat" mitteilen. Die Zeit von Brinckmeier und Heintze, in der ich mit Glacehandschuhen angefaßt worden sei, wäre vorbei. Das Plakat würde bei mangelnder Zurückhaltung "mir den Hals brechen."

Die Kirchenregierung sah eine "erhebliche Belastung" und veranstaltete Anfang Juli eine Anhörung. Ich brachte dazu die Pfarrer Specovius, Sehlde, und Kleiner, Braunschweig, mit. Das war nicht der Anfang einer Diskussion über das Rüstungs- und Friedensthema in der Landeskirche, sondern der Verfasser sollte neutralisiert werden. Die Angesprochenen wirkten wie die sprichwörtliche gekränkte Diva, personalisierten in bekannter Weise das Problem in der Absicht, einer Sachdebatte auszuweichen.

Ich wäre bereit, mich bei denen zu entschuldigen, die sich angegriffen fühlen, erklärte ich, und OLKR Becker, der die Sache wohl im Guten beenden wollte, protokollierte dies. Die Kirchenregierung erteilte eine Rüge und damit konnte der Streit um die beanstandete Form erledigt sein und die Sachdebatte beginnen. Die Pröpste Hartig und Fiedler waren jedoch nicht zufrieden. Es gab einen neuen Termin im Oktober, wieder eine Formulierung, schließlich veröffentlichte das landeskirchlich subventionierten Blatt einen beide zufriedenstellenden, jedoch unsachgemäßen Text unter der Überschrift "Kuessner mußte zurückstecken."

Rüstungsfrage eine Bekenntnisfrage

Eine bedeutende Unterstützung erhielt das theologisches Nachdenken bezeichnenderweise weniger von den Lutheranern, als vielmehr aus der reformierten Kirche.

Das Moderamen der Reformierten Kirche

Die Leitung der reformierten Kirche hatte am 12. Juni 1982 eine Erklärung unter dem Titel "Das Bekenntnis zu Jesus Christus und die Friedensverantwortung für die Kirche" herausgegeben. Dort heißt es in der ersten These u.a.: "Jetzt, da stärker als zuvor die Möglichkeit des Atomkrieges zur Wahrscheinlichkeit wird, erkennen wir: die Friedensfrage ist eine Bekenntnisfrage. Durch sie ist für uns der Status confessionis gegeben, weil es in der Stellung zu den Massenvernichtungsmitteln um das Bekennen und Verleugnen des Evangeliums geht...Dieses Bekenntnis unseres Glaubens ist unvereinbar mit der Entwicklung, Bereitstellung und Anwendung vom Massenvernichtungsmitteln, die den von Gott geliebten und zum Bundespartner erwählten Menschen ausrotten und die Schöpfung verwüsten können...ist unvereinbar mit der Auffassung, die Lösung des Problems der notwendigen und angemessenen Machtmittel des Staates sei allein dem politischen Ermessen und der "praktischen Vernunft" vorbehalten, und es könne für Christen dabei keine eindeutige Entscheidung geben, die sich von ihrem Glauben her ausreichend begründen ließe...ist unvereinbar mit allen aufgeregten, ziellosen Aktivismen, allem blasphemischen Spekulieren über die "Schrecken der Endzeit", allem Desinteresse an den Fragen der Friedenserhaltung und aller politischen Gleichgültigkeit hinsichtlich der Entwicklung der Welt."

Ich besorgte mehrere Exemplare für unsere Kirchengemeinde und wir arbeiteten den Text durch. Für mich war diese Stellungnahme zur theologischen Klärung der politischen Lage richtungsweisend.

Um diese entscheidende Frage ging es: ist die Stationierungsfrage als eine tagespolitische Aktualität eine Ermessensfrage, in der man sich im Glauben dafür und eben auch dagegen entscheiden konnte - sündig und schuldig wurde man ja nach Luther sowieso - oder war es darüber hinaus eine religiöse Frage, in der es auch um Heil und Unheil, um Lob oder Lästerung ging? Konnte man die Rüstung als eine Lästerung des Hl. Geistes bezeichnen, die nun nicht mehr vergeben werden konnte? Trennten sich dann nicht irgendwie innerhalb unserer Landeskirche die Wege?

Bischof Scharf vor der UNO

Im selben Monat, am 24. Juni 1982, hatte der Berliner Altbischof Kurt Scharf als Vorsitzender der Aktion Sühnezeichen vor der Vollversammlung der UNO in New York erklärt: "In Gehorsam gegenüber Gott und im Hören auf sein Wort wage ich zu sagen: die atomaren Waffen sind kein Mittel der Politik. Auch ihr Gebrauch allein zur Drohung ist Lästerung Gottes." Da war nun endlich unmißverständlich ausgedrückt, was wir selber dachten. "Rüstung ist Gotteslästerung" stand auf dem Spruchband, das Offleber Gemeindemitglieder beim Landeskirchentag durch die Straßen Braunschweigs getragen hatten. Konnte das auch eine Position in unserer Landeskirche werden?

Die Friedensinitiative in der Braunschweiger Landeskirche

Die Friedensfrage war in einigen Kirchengemeinden schon lange zu einem zentralen Thema geworden, in der Wicherngemeinde und Magnigemeinde in Braunschweig, der Thomasgemeinde in Wolfenbüttel und der Friedenskirchengemeinde in Lebenstedt am Fredenberg. Diese unterschiedlichen Aktionen mündeten auf dem Landeskirchentag im Juni 1982 in die Idee, sich zu sammeln und zu organisieren.

Das passierte in der "Friedensinitiative in der Braunschweiger Landeskirche", die am 23. August 1982 in Salzgitter-Lebenstedt bei Pfarrer Hartmut Barsnick gegründet wurde. Es trafen sich 47 Pfarrer, Kirchenvorsteher, haupt- und ehrenamtliche Mitarbeiter aus neun Propsteien. Diese wählten zum Sprecherkreis Hartmut Barsnick, Lebenstedt, Marlies Fay-Rautenberg, Braunschweig, Paul Otto Gutmann, Immenrode, Heidi Quandt, Braunschweig. Von ihm wurde ein Positionspapier vorgelegt, das diese Initiative in die Tradition der Bekennenden Kirche stellte. "Wir fühlen uns denen vor uns verpflichtet, für die der Arierparagraph und der Führerkult den Punkt des Bekennens darstellten. Das vermessene Spiel mit der atomaren Katastrophe ist heute für uns solch ein Punkt des Bekennens." Aber ansonsten fiel das Positionspapier meinem Eindruck nach hinter die Position der Erklärung der reformierten Kirche zurück. Es fehlte der Satz, daß die Atomrüstungsfrage eine Bekenntnisfrage sei. Es fehlte vollends die tapfere Aussage von Präses Scharf: Rüstung ist Gotteslästerung.

Ich empfand das Positionspapier als ein taktisches Papier und versuchte in der Diskussion auf eine weitere Fassung Einfluß zu nehmen. Im zweiten und endgültigen Positionspapier war auf Initiative von Pfarrer Padel der Hinweis auf die Tradition der Bekennenden Kirche wieder gestrichen und die Bekenntnisfrage lediglich in einem Zitat aus den Thesen der Reformierten Kirche untergebracht. Allerdings war ich mit dem Antrag durchgedrungen, die theologische Qualifizierung als Lästerung Gottes aufzunehmen. "Wir halten eine Bejahung des Gleichgewichts des Schreckens und die Befürwortung von ABC-Waffen für eine Lästerung Gottes und ein Vergehen an Gottes Schöpfung", hieß es nun. Aber waren die theologischen Folgen auch bewußt? Mir war die Friedensinitiative sehr sympathisch, aber ich trat ihr nicht bei. Mir war sie kirchenpolitisch zu taktisch. Ich sah sie auf einem Kompromißkurs.

Es gab für den Sprecherkreis reichlich Anlässe, sich aktuell zu äußern. Die Kirchenleitung der westdeutschen Lutheraner hatte sich erwartungsgemäß bald von der Denkschrift der Reformierten Kirche öffentlich abgesetzt. Schon am 10. September ließ sie verlauten, sie teile nicht die Voraussetzung, daß es nur einen denkbaren politischen Weg zur Erhaltung des Friedens gebe und stimme nicht zu, politische Entscheidungen zu Bekenntnisfragen der Kirche zu erklären.

An den gerade eingeführten neuen Braunschweiger Landesbischof Prof. Dr. Müller schrieb der Sprecherkreis daher am 6.10.1982: "Wir möchten Sie und die Kirchenleitung der VELKD bitten,... zur Kenntnis zu nehmen, daß viele lutherische Christen, darunter auch wir, bei allen möglichen theologischen Unterschieden doch an dieser Stelle den reformierten Brüdern und Schwestern voll zustimmen, nämlich daß unser Bekenntnis zu Jesus Christus sehr wohl etwas zu tun hat mit Entscheidungen über eine Fortsetzung oder gar Steigerung des atomaren Wettrüstens." Die Distanzierung der VELKD von den Friedensthesen des Reformierten Bundes werde bedauert.

In die Weihnachtsnummer der Braunschweiger Zeitung schaltete der Sprecherkreis eine Annonce, in der es u.a. hieß: "Die Friedensfrage ist eine Bekenntnisfrage, weil es in der Stellung zu den Massenvernichtungsmitteln um das Bekennen oder Verleugnen des Evangeliums geht."

Es ist ein beträchtliches kirchenhistorisches Faktum, daß die Friedensinitiative zum Jahresende 1982 bereits 195 Mitglieder hatte und wenig später bis in die kommenden Jahre bei caca. 300 Mitgliedern blieb. Mit Vorträgen von Carl Friedrich v. Weizsäcker in der Braunschweiger Paulikirche, Dorothea Sölle in der Magnikirche, Kurt Scharf in der Lukaskirche, Querum, markierte die FI ihre Ausstrahlung über ihren eigenen Kreis hinaus in die ganze Landeskirche.

Das Offene Wort "Rüstung ist Gotteslästerung" - Mai 1983

Der Präsident der Landessynode hatte zu Neujahr 1981/82 geschrieben, daß die Landessynode sich im Mai 1983 sich mit der Friedensfrage beschäftigen würde. Sollten wir da unseren alten Fragenkatalog vom November 1981 wieder vorlegen oder etwas Weiterführendes aus unserer Sicht vorlegen und die Denkschriften der EKD und der reformierten Kirche einbeziehen? Als wir uns Anfang des Jahres 1983 wieder bei Christoph Brinckmeier im Pfarrhaus Flechtorf als Regionalgruppe der Friedensinitiative trafen, brachte ich einen Entwurf mit, den wir gründlich und mehrmals durchkneteten und kürzten, entschärften, gliederten und zuspitzten. Wir verschickten ihn an Freunde und baten um Beratung. Natürlich war gab es auch eine die Überlegung, ob das nunmehr nicht die Sache der Friedensinitiative wäre, in die wir uns nicht einzumischen hätten. Aber dieser Kreis erschien uns zu groß für eine theologische Arbeit und die Absichten des Sprecherkreises waren andere: sie wollten als mehrheitsfähige Vorlage die Stellungnahme der Westfälischen Landeskirche vorlegen. Das war mir zu mager.

Als Regionalgruppe der Friedensinitiative formulierten wir im Flechtorfer Pfarrhaus ein mehrseitiges Papier "Rüstung ist Gotteslästerung" und zwar als Offenen Brief.

Der Offene Brief hatte sieben Teile und beschreibt in Teil 1 die konkrete Situation in unserer Landeskirche. Die auf den Ostblock gerichteten Raketen bedrohten ja auch die Brüder und Schwestern der Landeskirche in Blankenburg und Calvörde. Außerdem mahnten wir an, auch die bedenkliche ökologische Situation in Asse II, Schacht Konrad und Buschhaus in die Diskussion einzubeziehen. OKLR Becker hatte zwar seinerzeit unwirsch gesagt, diese Themen gehörten nicht in die Friedensdebatte, aber wir waren davon doch überzeugt. Es wurde eben auch gegen die Natur "aufgerüstet".

Im 2. Teil verwiesen wir auf jene, die bereits "Neue Wege", so hieß der Abschnitt, gegangen waren, also die amerikanischen Christen in der bekannten Studie "Zurück zum alten Amerika". Neue Wege gingen aber auch die Christen in der DDR, wo die Theologische Studienabteilung beim DDR-Kirchenbund im Frühjahr 1983 ein Dokument "Sicherheitspartnerschaft und Frieden in Europa - Aufgabe der deutschen Staaten. Verantwortung der deutschen Kirchen" erarbeitet hatte und den Gedanken der atomwaffenfreien Zone in Europa ausgeführt hatte. Das Deutsche Allgemeine Sonntagsblatt berichtete am 24. April 1983 darüber. Uns waren solche Stellungnahmen eine große Hilfe, weil sie uns in der eigenen Unruhe und theologischen Bemühung unterstützten, auch wenn wir zu anderen Ergebnissen kommen sollten.

Der Kern war der Teil 3 "Rüstung ist Gotteslästerung". Wir verwiesen auf die Stellungnahme der reformierten Kirche und den Wortlaut des Positionspapiers der Friedensinitiative. Ähnliche Erklärungen hatte es in der evangelischen Kirche auch schon anläßlich der Debatte um die atomare Bewaffnung der Bundeswehr 1957 gegeben. Wir erklärten:

"Wir stimmen dieser vielfach geäußerten theologischen Einsicht zu. Wenn nun die Kirche diesen Auftrag christlicher Verkündigung nicht erfüllt und statt dessen die atomare Rüstung stillschweigend duldet oder die Drohung mit Waffen befürwortet, dann ist es unsere Landeskirche selbst, die den Geist Gottes lästert, seine Gabe mißbraucht und Gottes Ebenbild verrät. Sie trägt so den Geist der Spaltung in ihre eigenen Reihen."

In Teil 4 nennen wir Matthäus 12, 31, Hebr. 6, 6 und Offenb. Joh. 13, 6 als die biblischen Stellen, auf die wir uns berufen. Wir verweisen in Teil 5 "Gebotene Wachsamkeit" auf disziplinarische Maßnahmen der Kirchenleitung nach dem Landeskirchentag, wir beschreiben in Teil 5 "Unsere Hoffnungen" gegenüber der Landessynode und wünschen uns unter 7. "Die Sprache der Kirche" eine eindeutige Sprechweise. Als Sprache der Gotteslästerung zitieren wir jenes entsetzliche Gebet, das ein amerikanischer lutherischer Pfarrer 1945 sprach, bevor das Flugzeug nach Hiroshima mit der Atombombe an Bord vom Flugplatz abhob. "Es wäre erschreckend, wenn unsere Landessynode mit einem halben Ja zur atomaren Rüstung in die Nähe dieser Gotteslästerung rückte."

Die Erklärung schließt mit einem Zitat von Hans Asmussen aus dem Jahr 1935, das den Vorrang des Wortes in der Kirche in jeder Hinsicht betont: "Ämter, die die Kirche zu vergeben hat, sind Ämter in der Kraft des Wortes, oder sie sind aufgeblähte Schemen. Behörden, welche für die Kirche arbeiten und ihren Apparat leiten, dienen dem Wort oder sie sind Verräterzentralen, Organe der Welt, welche in ihrem Dienst darüber wachen, daß die Kirche schön harmlos bleibt."

Der Sprecherkreis der Friedensinitiative hatte zwar alle Fassungen jeweils zugeschickt bekommen, wollte aber dieses Papier nicht unterstützen und lieber das akzeptablere und moderatere Votum der Westfälischen Landeskirche zur Annahme vorlegen. Ich hielt das für falsch, weil alle der Synode vorgelegten Papiere zunächst in den Ausschüssen zur Bearbeitung verschwinden und dann entweder nicht wieder auftauchen, wie es dann ein Jahr später auch mit den Papieren der Friedenssynode passiert ist, oder bis zur Unkenntlichkeit verändert werden.

Immerhin fand das Offene Wort "Rüstung ist Gotteslästerung die Unterstützung von folgenden 53 Mitgliedern der Landeskirche:

Adrian, Ulrich, Pfarrer; Adrian, Gisela; Ahrens, Dieter, stud. theol.; Bartling, Harald, Pfarrer; Baum, Frank, Arzt; Becker, Rüdiger, stud. theol.; Beichler, Heide; Beichler, Eckhardt, Pfarrer; Beier, Alfred, Studienrat; Beier, Regine, Hausfrau; Bertram, Helmut, Pfarrer; Bertram, Marcus, stud. theol.; Block, Ulrike, Katechetin; Blöhbaum, Ingrid; Blöhbaum, Wilhelm, Pfarrer; Brandes, Joachim, KV; Brendemühl, Gerhard, KV; Brinckmeier, Christoph, Pfarrer; Brinckmeier, Katharina, Schülerin; Bruer, Wiltrud, stud. theol.; v. Bülow, Brigitte, stud. theol.; Dockhorn, Kurt, Pfarrer; Drieschner, Rolf, Mathematiker; Erchinger, Herbert, Pfarrer; Fernau, Herbert; Fincke, Eberhard, Pfarrer; Fischer, Thomas, stud. theol.; v. Geibler, Regine, KV; Gerke-Wittfoot, Waltraud, Lehrerin; Giese, Stefan, stud. theol.; Gollwitzer, Rotraud, KV; Grotrian, Gabriele, KV; Gunkel, Gerd Henning, stud. theol.; Haferburg, Karl Bruno, Pfarrer; Hornburg, Christiane, stud. theol.; Haap,

Hartmut, Industriekaufmann; Karius, Winfried, Pfarrer; Kleiner, Jürgen, Pfarrer; Kuessner, Dietrich, Pfarrer; Künne, Michael, Pfarrer; Künne, Regine, Lehrerin; Kuhnke, Martina, stud. theol.; Labuhn, Andreas, stud. theol.; Leondarakus, Dukinma, stud. theol.; Lieske, Udo; Lorenz, Nikolaus, stud. theol.; Madry, Sybille, Schülerin; Menges, Claudia, Erzieherin; Meyer, Dorothea, stud. theol.; Meyer, Chr.; Ohlendorf, Henning, stud. theol.; Pelz, Franz; Pfau, Michael, stud. theol.; Pfeiffer, Lisa, KV; Piclak, Susanne, Schülerin; Pietzak, Otto, Künstler; Preiß, Anna, stud.; Prescher, Karl, Büchereiassistent; Pultke, Günter, Pultke, Dorothea; Riese, Harald; Ritter, Eva, Studienrätin; Rodekor, Helga, KV; Rohlfs, Alexander, Pfarrer; Rohlfs, Dorothea; Sander, Bodo, Pfarrer; Scheibe-Freudenstein, Eva, Lehrerin; Schmidt, Jutta; Schramm, Peter, Sozialarbeiter; Schwarz, Rüdiger, KV; Schöbel, Frieder, Lehrer; Scholz, Günter, Pfarrer; Seidlich, Jutta; Sledzianowski, Bernd, Pfarrer; Teichmann, Christian, stud. theol.; Traube, Gerhard, KV; Wagner, Reinhard, Journalist; Wandersleb, Gottfried, Pfarrer; Weihe, Angelika; Weihe, Klaus, Postbeamter; Wedekind, Wilhelm, Pfarrer; Wicke, Johann Heinrich, Pfarrer; Wicke, I.; Wielgoß, Helmut, Pfarrer; Willenbockel, Jörg, stud. theol.; Winterstein, Jürgen; Wittfoot, Fritz, Lehrer.

Der Präsident der Landessynode, Kutscher, zugleich Präsident des Landgerichtes Braunschweig, sagte zu, das Offene Wort und die Äußerung "Zurück zum alten Amerika" an die Landessynodalen bei ihrer Sitzung vom 2. bis 4. Juni 1983 auf dem Hessenkopf zu verteilen. Zugleich kam eine Gegenäußerung des Landeskirchenamtes zur Verteilung, die sich erwartungsgemäß sehr scharf gegen das Offenen Wort an die kirchlichen Mitarbeiter wandte. Die Behauptung der Gotteslästerung wurde als "ungeheuerlichste und Christen diffamierende Behauptung auf das schärfste zurückgewiesen." Auch OLKR Kaulitz sprach sich in einem persönlichen Schreiben mit deutlichen Worten gegen das Offene Wort aus. Ich war dagegen tatsächlich der Meinung, daß es in dieser Frage nichts mehr zu "vermitteln" oder Brücken zu bauen gab. Es war für mich eine Bekenntnisfrage und da konnte man nicht mehr herumdoktern, sondern nur Ja oder Nein sagen.

Wer den langen theologischen Weg bis zu diesem Standort allerdings nicht mitgegangen war, konnte das Offene Wort offenbar als doktrinär, fundamentalistisch und intolerant empfinden.

Erstmals hatte eine theologische Äußerung auch gerichtliche Folgen. OLKR Dr. Fischer, der erst seit 1. April 1981 im Amt war, beantragte über seinen prominenten Braunschweiger Anwalt Dr. Leiste eine einstweilige Verfügung ohne mündliche Verhandlung gegen die Verbreitung des Offenen Wortes. Damit hätte es nicht auf der Landessynode verteilt werden können, was Kutscher als Präsident der Landessynode bereits zugesagt hatte. Kutscher war zugleich Präsident jenes Braunschweiger Landgerichtes, bei dem Dr. Fischer seinen Antrag auf eine Einstweilige Verfügung eingereicht hatte. Der Antrag Dr. Fischers wurde abgelehnt und eine mündliche Verhandlung in der Woche nach der Landessynode angesetzt. Damit konnte das Offene Wort verteilt werden und erschien zusätzlich als halbseitige Annonce mit den Namen aller Unterzeichner in der Goslarer Zeitung. Bei der Gerichtsverhandlung nach der Landessynode wurde ich dazu verurteilt, eine Dr. Fischer betreffende Behauptung einzuschwärzen, was in Zukunft das Offene Wort noch interessanter machte, aber Dr. Fischer mußte ¾ der Kosten übernehmen, weil alle anderen, sehr weitgehenden Anträge z.B. auf Widerruf u.a. abgelehnt worden waren.

Weltkirchenkonferenz von Vancouver August 1983

Eine unerwartet kräftige Unterstützung kam von der Weltkirchenkonferenz in Vancouver im August 1983. "Atomwaffen sind ein Verbrechen" überschrieb die Frankfurter Rundschau den Bericht über die Entschließungen der Vollversammlung. Nicht nur der Einsatz, sondern schon die Stationierung und sogar Herstellung von atomaren Massenvernichtungsmitteln bezeichnete die Weltkirchenkonferenz als ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Die meisten westdeutschen Delegierten, auch OLKR Becker, enthielten sich der Stimme und Bischof Lohse beanstandet in seinen Erinnerungen das hastige Zustandekommen und die unzureichende Vorbereitung dieser Erklärungen. Tatsächlich aber paßte ihnen diese ganze Richtung nicht und sie fanden Unterstützung bei Bundeskanzler Schmidt, der sich gleichfalls abfällig über die Entschließungen von Vancouver äußerte. Für uns dagegen war die Entscheidung Balsam und wir fühlten uns mit unserem Standort in einen größeren ökumenischen Kreis Gleichgesinnter eingebettet. Das tat uns, die wir eine Unterstützung im eigenen Haus vermißten, sehr wohl.

Von der Bekenntnisfrage zur Widerstandspflicht

Wo politische Fragen zur Bekenntnisfrage wurden, entstand die nächste Frage nach dem Recht und nach Formen des Widerstandes. Ich äußerte mich zu dieser Frage im Offleber Gemeindebrief unter der Überschrift "Widerstand - Jetzt!"

WIDERSTAND - jetzt! Ob es im Herbst in der Bundesrepublik "Widerstand" gibt, beschäftigt die Herrschenden. Für die Kirche ist Widerstand etwas ganz selbstverständliches und biblisches. Der Apostel Paulus schreibt an die kleine Gemeinde in Ephesus, daß sie mit den Herren der Welt zu kämpfen habe. Sie habe deshalb die "Rüstung Gottes" zu ergreifen "auf daß ihr an dem bösen Tage WIDERSTAND tun und alles wohl ausrichten möget." Die Kirche hat der biblischen Weisung oft gehorcht. Nun ist Widerstand aller überzeugter Christen gegen die Aufrüstungspolitik der Herrschenden und der daran schamlos gut Verdienenden dringend geboten. Und zwar nicht nur im Herbst, sondern solange, bis die Herrschenden eine grundlegende Kehrtwendung vollziehen.

Wenn Steine fliegen, ist es schlimm. Wenn Raketen fliegen, ist es sehr viel schlimmer. Die Heuchelei jener, die sich wegen fliegender Steine aufregen, aber bei herumfliegenden Raketen sich auch noch sicherer fühlen, ist am schlimmsten.

WIDERSTAND - jetzt. Wenn unsere Gesetze den Rüstungswahnsinn ermöglichen, müssen die Gesetze gebrochen werden, denn sie leisten dem Verbrechen Vorschub. Daran ist kein ordentlicher Christ gebunden. Mit vielen Christen in aller Welt wollen wir Christen in unseren Kirchengemeinden langfristig an praktischen Formen des Widerstandes arbeiten.

(Gemeindebrief Mai-September 1983)

Dieser Gemeindebrief war wieder ein Anlaß für den CDU-Kreisverband, beim Landesbischof nachzufragen, was ich wohl mit Widerstand meine. Auf die Idee, mich selber zu fragen und eine Diskussion über den damaligen Rüstungswahnsinn zu führen, kam er nicht. Die Führungskräfte wollten auch gar nicht wirklich fragen, sie wollten denunzieren.

Die Gemütslage wurde immerhin heftiger. "Buchen Sie eine Reise nach Europa, solange es Europa noch gibt" hieß es ironisch in einer Werbung eines amerikanischen Touristikunternehmens. "Atomkriegsspiele haben in USA Hochkonjunktur", war in der Frankfurter Rundschau als Meldung des evangelischen Pressedienstes vom 21. November 1983 zu lesen. "Von den beiden europäischen Schlachtspielen glauben die Hersteller jeweils mindestens 120.000 Stück absetzen zu können."

Die Evangelische Studentengemeinde in Braunschweig lud mich am 15.12.1983 zu einem Vortrag zu diesem Thema ein. Unter der Überschrift "Widerstand als Forderung politischer und theologischer Ethik" dachte ich über den Abschied von einer Ethik der Ordnungen, die höchstens einen Tyrannenmord zuließ, und die Entfaltung einer Ethik der Wandlungen nach, nach Ernst Wolf "der tiefste Einbruch in den konservativen Hang der bisherigen abendländisch-christlichen Tradition". Der "Gott im Widerstand" werde durchgängig im Alten Testament dargestellt, die Auferstehung Jesu sei Aufstand und siegreicher Widerstand gegen die todbringenden Mächte auf der Erde, die Kirche entfalte diesen Widerstand in der Liturgie der Gemeinde, insbesondere im Präfationsgebet beim Abendmahl.

"Der im Sakrament gegenwärtige Christus ermuntert die kämpfende Gemeinde zum Widerstand und führt ihr die von ihm unterworfenen und widerstrebenden Mächte vor. Eine Ethik der Wandlungen kommt aus dem zentralen liturgischen Geschehen der Wandlung. Widerstand aus der Mitte des in Wort und Sakrament vergegenwärtigten Christus ist für mich eine ganz zentrale Aussage für die Tiefe und Eindeutigkeit und Radikalität des Widerstandes als einer ethischen Forderung an evangelische Christen. Das Bild vom Lamm Gottes bestärkt die zum Widerstand entschlossene und im Widerstand Christus nachfolgende Gemeinde in der Gewaltlosigkeit."

Es war gerade die Demokratie-Denkschrift der EKD erschienen. Auch diese beschäftigte sich nach einem ausführlichen, grundsätzlichen Ja der Kirche zur Demokratie mit der Frage des Widerstehens der Bürger gegen Entscheidung staatlicher Organe, die sie trotz formaler Legitimität für illegal hielten. Die Verfasser hielten "demonstrative, zeichenhafte Handlungen, die bis zu Rechtsverstößen gehen können", für möglich, wobei allerdings die Bürger die rechtlichen Konsequenzen tragen müßten.

Die oberen Ränge des Bundesgrenzschutzes hielten im November 1985 bei Harburg ein berufsethisches Seminar ab. Der vorgesehene Referent Pfarrer Block war ausgefallen und Bundesgrenzschutzpfarrer Schwenk fragte mich, ob ich einspringen würde, was ich mit Vergnügen tat und mit den Teilnehmern die Demokratiedenkschrift, insbesondere auf ihre demokratiekritischen Passagen, durcharbeitete.

Friedliche Formen des Widerstandes: das Fasten und Schweigen

Fasten für den Frieden

Im Sommer und Herbst 1983 fand die Friedensbewegung neue Formen der Auseinandersetzung und Darstellung. Während der Landessynode im Juni war auf der Wiese neben dem Haus Hessenkopf ein Fastenzelt aufgebaut worden, in dem unter Leitung von Pfarrer Jürgen Kleiner gefastet, aber auch Gespräche geführt und gesungen wurde. Es war deutlich zu spüren, daß eine solche Änderung der alltäglichen Lebensgewohnheiten von außen als eine Gefahr angesehen wurde. Die Landessynodalen machten um das Fastenzelt auf der Wiese vor dem Hessenkopf einen großen Bogen.

In der Offleber Kirche veranstalteten wir ein fünftägiges Fasten, vom Sonnabend, dem 26. November bis zum 30. November 1983. Den festen Rahmen boten die vier Gebetszeiten in der Kirche um 8.00 Uhr, 13.00 Uhr, 18.00 Uhr und 23.00 Uhr. Am Sonnabend wurde die Fastengruppe geleitet von Pfarrer Künne, am Sonntag von Pfarrer Erchinger und am Montag und Dienstag von Pfarrer Kleiner aus Braunschweig. Außerdem wurde viel gesungen, gebastelt, spaziergegangen.

Schweigekreise in Schöningen

Eine andere Form des Widerstandes waren die Schweigekreise auf Straßen und Plätzen, die hier und da entstanden.

Unter Leitung des St. Vincenz-Kantors Christian Mellin trafen sich vor der St. Vincenzkirche jeden Freitag um 11.30 Uhr 10-30 Personen zu einem halbstündigen "Schweigen für den Frieden". Das war für mich eine wichtige Erfahrung. Im Kreis von gleichgesinnten Menschen baute sich in der Mitte eine erstaunliche Kraftsäule auf, so hatte ich jedenfalls das Gefühl, an die man sich gut anlehnen konnte. Da wir uns um die Mittagszeit trafen, war der Fußgängerverkehr heftig und der Kreis wurde als Hindernis des Verkehrsstromes mißverstanden. Einige sahen dies als unauffällige Gelegenheit, sich einzufinden und einige Zeit mit uns schweigend zu verharren. Bei anderen weckte er unerwartete Aggressionen, die sich in schnoddrigen Bemerkungen äußerten.

Der Mitternachtsgottesdienst am Heiligen Abend in diesem Jahr begann in Offleben mit einem viertelstündigen Schweigen in der völlig umgeräumten, dunklen Kirche.

Nachgespräch mit dem Landesbischof im März 1984 in Offleben über das Offene Wort

Durch Vermittlung von Jochen Brandes und Rüdiger Schwarz, die den Landesbischof in Helmstedt getroffen und zum Gespräch nach Offleben eingeladen hatten, kam es am 1. März 1984 zu einem zweistündigen Treffen der Unterzeichner mit dem Landesbischof.

Sechzehn Unterzeichnerinnen und Unterzeichner hatten sich im Offleber Konfirmandensaal versammelt: die Frauen Pultke, v. Geibler, Beichler, Preiß und Traube und außer mir die Herren Traube, Kuessner, Wagner, Mellin, Brandes, Pfau, Labuhn, Beichler, Brinckmeier, Scholz und Adrian, der darüber ein viereinhalbseitiges Erinnerungsprotokoll anfertigte.

Das Treffen begann mit Lied, Lesung und Losung und schloß mit einem Lied. Brinckmeier benannte eingangs als Schwerpunkte des Gespräches die folgenden Punkte des Offenen Wortes: 1. (Situation), 3. (Rüstung ist Gotteslästerung), 4. (Das biblische Zeugnis) und 7. (Die Sprache der Kirche). Landesbischof Müller zeigte sich offen auch für die hartnäckigsten Fragen. Wir lasen die zitierten Bibelstellen, der Bischof blieb dabei, daß die ökologischen Fragen nicht zum Abrüstungsthema gehörten, worin ihm von Frau Traube, deren Hof beim Schacht Konrad liegt, deutlich widersprochen wurde. Er verteidigte gegenüber Herrn Traube das Schweigen der Kirchenleitung in dieser Frage mit dem Hinweis auf zahlreiche, bereits vorliegende Stellungnahmen anderer Kirchenleitungen. Dem Einwand von Herrn Brandes, man dürfte seine Entscheidung nicht den Rüstungsexperten überlassen, entgegnete der Landesbischof, der Glaube bezöge sich nicht auf "mehr oder weniger Raketen."

Auf welch unterschiedlichen Argumentationsebenen das Gespräch ablief, machte folgender Protokollabschnitt deutlich. "Frau Pultke: keiner müsse Spezialist sein, um von der Bibel her Massenvernichtungswaffen eindeutig zu ächten. Hier sei ein ganz klares Wort gefordert, analog dem neutestamentlichen Satz: Christus spricht: ich bin das Leben. Alle Waffen aber sind gegen das Leben. Dies habe die Kirche deutlich zu machen. Sie dürfe angesichts des biblischen Zeugnisses nicht taktieren. Darüber hinaus betonte sie, wie viele Jugendliche heute auf ein richtungsweisendes Wort der Kirche warteten. Sie wisse bald nicht mehr, wie sie diesen Jugendlichen die Position der Kirche deutlich machen könne. Sie selber könne dann die Kirche nicht mehr akzeptieren. Bischof Müller: es bestehe Übereinstimmung, alle Waffen müssen weg. Das sei biblisch. Das Problem sei nur, daß wir damit die SS 20 nicht weg bekämen Es gelte vielmehr, sich einzusetzen für eine Weltfriedensordnung". Müller: "Die Waffen müssen politisch, nicht moralisch reduziert werden."

Es erwies sich in diesem Gespräch als ganz schwierig, sich gemeinsam auf den strittigen Diskussionspunkt zu einigen. Auf die Frage von Frau v. Geibler, ob für den Bischof Rüstung Gotteslästerung wäre, antwortete der Bischof: "Ja, wenn alles Feinddenken Gotteslästerung ist, auch wenn Atombomben durchaus eine qualitative Änderung gebracht haben." Müller beantwortete gar nicht die Frage, sondern gab eine derart verallgemeinernde Antwort, daß die spezielle Situation der Massenvernichtungsmittel nicht getroffen wurde. Herr Traube hakte da im Gespräch auch gleich nach und verwies auf die Unterschiedlichkeit konventioneller und atomarer Waffen. Auf die Meinung, daß die Waffenfrage für die Unterzeichner eine Bekenntnisfrage darstelle, erwiderte der Landesbischof: "Wir sollten hier doch nichts beschönigen. Es sei Tatsache, daß auch die 3. Welt Rüstungsgüter bestelle." Wörtlich betonte er: "Ich liefere keine Waffen."

Der Sinn und Wert dieses Gespräches lag darin, daß beide Seiten aufeinander gehört und sich ausgetauscht hatten. Andererseits wurde die große Schwierigkeit, auf die Position des Gesprächspartners einzugehen, fast wie mit Händen greifbar.

Die Teilnehmer verabredeten sich zur Nacharbeit des Gespräches in einem Monat im Flechtorfer Pfarrhaus bei Pfarrer Christoph Brinckmeier. Dabei kam der Kreis zum Ergebnis, am Text dieses Offenen Wortes nicht mehr weiterzuarbeiten, sondern die Bedeutung des Barmer Bekenntnisses für die Braunschweiger Landeskirche zu erarbeiten, dessen im Mai bevorstehender 50. Jahrestag eine Flut von theologischen, historischen und kirchenpolitischen Veröffentlichungen erzeugte.

Der 50. Jahrestag der Barmer Erklärung Mai 1984

Vom 30.-31. Mai 1934 tagte die berühmte Barmer Bekenntnissynode. 1984 wurde allüberall das 50jährige Jubiläum gefeiert. Die Barmer Erklärung hatte eine besondere Braunschweiger Note. Es war der von der nationalsozialistischen Landesregierung entlassene Sekretär des Braunschweiger Landtages, Dr. Karl Bode, der 1933/34 der Bekennenden Kirche angehörte und zusammen mit Pfarrer Lachmund als Delegierter der Braunschweiger BK an der Barmer Bekenntnissynode teilgenommen hatte. Er stenographierte die Verhandlungen ohne Auftrag mit und nur dadurch konnte schon im Sommer 1934 ein Heft mit dem Wortlaut erscheinen. Bode verließ dann in den 30iger Jahren Braunschweig und ging nach Bethel.

1952 übertrug Bode noch einmal das Stenogramm in Reinschrift und Gerhard Niemöller veröffentlichte 1959 den Verlauf der Verhandlungen in den Arbeiten zur Geschichte des Kirchenkampfes Bd. 6. Im Vorwort dankt Niemöller ausdrücklich Dr. Bode. "Das von Oberregierungsrat Dr. Bode aufgenommene Protokoll kann als eines der wichtigsten Dokumente des Kirchenkampfes bezeichnet werden. Es läßt den wirklichen Höhepunkt im Kampf der Kirche miterleben. Es läßt gleichzeitig schmerzlich erkennen, wie wenig dieser verheißungsvolle Anfang in der Verkündigung des einen Wortes im Miteinanderleben der evangelischen Bekenntnisse und in der Auseinandersetzung mit dem nationalsozialistischen Staat fortgesetzt wurde."

Ein Braunschweiger war also an der Entstehung dieser Dokumentation ganz wesentlich beteiligt. Karl Bode war seit langer Zeit Schriftleiter der Zeitschrift der Braunschweiger Lutheraner "Ruf und Rüstung" und hatte wesentliche Textausschnitte der Synode und seine Erlebnisse von Barmen bereits im Juniheft 1934 veröffentlicht. Die Braunschweiger Pfarrerschaft konnte also früh gut informiert sein.

Aber Barmen war nicht die kirchenpolitische Linie der Braunschweiger Kirchenleitung von 1934 gewesen und auch nicht nach 1945. Die Erlanger Theologie hatte schon 1934 der Barmer Erklärung scharf widersprochen. Nun war ein Erlanger Kirchengeschichtsprofessor Landesbischof unserer Landeskirche: es bestand auch 1984 kein offizielles Interesse.

Was Ernst Wolf im Vorwort seiner 1957 veröffentlichten Vorlesung über Barmen geschrieben hatte, galt allemal auch vor 1984 für die westdeutsche lutherische Kirche und natürlich auch für die Braunschweiger Landeskirche. Die Darstellung von Barmen werde nicht durch den Mangel an Quellen gehemmt als "vielmehr durch mannigfache Rücksichtnahmen, durch kirchenpolitische Verdächtigungen jedes Versuches einer Analyse, nicht zuletzt durch begreifliche Wünsche einer Selbstrechtfertigung; auf der anderen Seite steigert sich der beklemmende Eindruck, als ob über diese Epoche der neuesten Kirchengeschichte Deutschlands bewußt der Schleier eines allmählichen Vergessens gebreitet werde zugunsten der vordergründigen Wiederbelebung von Intentionen und Positionen, die vor 1933 maßgebend zu werden versuchten."

Es gab auch einen kleinen familiären Anlaß. Mein Vater hatte, obwohl Präses der ostpreußischen Bekenntnissynode, zwar nicht an der Barmer Synode teilgenommen, aber an allen drei folgenden

großen Bekenntnissynoden in Dahlem (1934), Augsburg (1935) und Oeynhausen (1936). Es gab ein familiäres Erbe zu pflegen und zu korrigieren, da mein Vater 1935 von der Dahlemer BK mehr auf die Kompromißlinie der Reichskirchenausschüsse und des Hannoverschen Landesbischofs Marahrens eingeschwenkt war.

Gehörten wir im Braunschweigischen in die Nachfolge der Väter von Barmen? War das nicht anmaßend? War die Zeit nicht eine ganz andere? Indes hatte ja die Friedensinitiative in ihrem ursprünglichen Papier ausgesprochen auf die Erfahrungen der Bekennenden Kirche Bezug genommen!

Das Jubiläum war ein guter Anlaß, das Anliegen des Offenen Wortes vom Mai 1983 erneut aufzunehmen und weiterzuführen. Wir trafen uns zweimal im Flechtorfer Pfarrhaus bei Christoph und Anne Brinckmeier und lasen die Barmer Erklärung mit besonderer Richtung auf unsere Braunschweiger Verhältnisse gründlich durch. Zunächst sollte überhaupt der Wortlaut der Barmer Erklärung den Leserinnen und Lesern knapp bekannt gemacht werden. Man konnte 1984 in unserer Pfarrerschaft den Inhalt der Erklärung nicht allgemein voraussetzen. Heute ist der Wortlaut im Evangelischen Gesangbuch nachzulesen.

Dann war die Frage, welche Bereiche es denn heute wären, die im Gegensatz zur 2. These sich als eigenständige Gebiete verstünden, in denen die Herrschaft Jesu nichts zu sagen hätte. Das war ja jenes grausame Mißverständnis der Zwei-Reiche-Lehre der deutschen Lutheraner gewesen, die dem Staat und der Wirtschaft ein eigengesetzliches Leben zugestanden. Dieses Mißverständnis gab es m.E. auch heute noch bei den westdeutschen Lutheranern.

Unbegrenzte Rüstung und unbegrenztes Wachstum waren die Götzen von 1984 und daneben der Widerspruch zwischen Zentralisierung und Dirigismus einerseits und der großen Sehnsucht nach einem geschwisterlichen Miteinander innerhalb der Pfarrerschaft andererseits.

Barmen verpflichte uns, einem christlich begründeten Waffendienst abzusagen und die Vorhaben der Wirtschaft in der Asse-Deponie, dem Schacht Konrad und dem Kraftwerk Buschhaus in Frage zustellen.

Da war außerdem die Überlegung, ob denn Verwerfungen, wie sie Barmen aussprach, heute noch möglich wären. Wir erinnerten uns an einen Brief von Bischof Heintze an die Pfarrerschaft anläßlich der Braunschweiger Thesen durch die Braunschweiger Kirchliche Rechte aus dem Jahre 1967, der das Mittel der Verwerfungen, die ja auch in den Braunschweiger Thesen ausgesprochen worden waren, ausdrücklich positiv aufgenommen hatte. Was war 1984 der Gegenstand von Verwerfungen? Jede stillschweigende Duldung des Waffendienstes an Massenvernichtungsmitteln durch Gemeindeglieder, Synoden und Kirchenleitung sei zu verwerfen. Streng genommen hätten wir eine "Lehre" verwerfen müssen, nämlich die theologische Rechtfertigung des Einsatzes von Massenvernichtungsmitteln.

Am 12. April verschickten wir von Offleben aus die eine Seite lange Erklärung an die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Landeskirche.

Anläßlich des 50. Jahrestages der Barmer Erklärung wenden wir uns an die Mitglieder der Braunschweigischen ev.- luth. Landeskirche. Die Barmer Erklärung ist für viele Gruppen Anlaß, ihre unterschiedlichen kirchlichen und politischen Standpunkte darzustellen, zu begründen und mit der Tradition der Väter zu verbinden

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Uns erinnert die Erklärung von Barmen

Die Barmer Erklärung erinnert uns daran, zu bekennen und zu verwerfen, zu loben und nicht zu lästern, Gott zu ehren und nicht zu verachten.

So ermutigt uns die Barmer Erklärung heute dazu, jede stillschweigende Duldung des Waffendienstes durch Gemeindeglieder, Synoden oder Kirchenleitungen zu verwerfen. Durch Waffendienst kann Gott heute auf keine Weise mehr gedient, sondern nur gelästert werden. Mit jeder christlichen Begründung des Waffendienstes geben wir in unserer Gesellschaft anderen Herren Raum statt Christus allein.

Die Barmer Erklärung ermutigt uns heute dazu, der weiteren Zerstörung unserer Umwelt als Folge der Vergötterung des unbegrenzten Wachstums zu widerstehen und dafür Opfer zu bringen. Gottes Wort sagt uns in Jesus Christus allein die fortwährende Schöpfung und Erhaltung des Lebens als Gottes Absicht mit der Welt an. Daher werfen z.B. die Deponie Asse II bei Remlingen, der Schacht Konrad in Salzgitter und das Kraftwerk Buschhaus bei Esbeck ernste Fragen für den Bereich unserer Landeskirche auf.

Die Barmer Erklärung ermutigt uns dazu, in der Kirche Bruderschaft zu suchen und darin allein die geistliche Ordnung für das Leben der Gemeinde und für unser persönliches Leben zu finden. Die Versuchung, mit Zentralismus und Dirigismus in der Kirche und über die Gemeinde zu herrschen, anstatt sich in gegenseitigem brüderlichen Dienst zu üben, ist in unserer Braunschweiger Landeskirche groß und bedrückend.

Wir danken den Vätern der Bekennenden Kirche für ihr wegweisendes Wort von Barmen und stimmen dem zu, was Hans Asmussen am ersten Jahrestag der Wiederkehr der Barmer Erklärung 1935 geschrieben hat: "Die Kirche empfängt alle ihre Gestalt aus dem geschehenden Wort Gottes. Was aus anderen Quellen fließt, ist das Unwesentlich an ihr, vielleicht sogar der Todeskeim, der ihre Kräfte vernichtet. Ämter, welche die Kirche zu vergeben hat, sind Ämter in der Kraft des Wortes oder sie sind aufgeblähte Schemen. Behörden, welche für die Kirchen arbeiten und ihren Apparat leiten, dienen dem Wort oder sie sind Verräterzentralen, Organe der Welt, welche in ihrem Dienst darüber wachen, daß die Kirche schön harmlos bleibt."

Dieser Entwurf wurde noch etwas bearbeitet. Am Anfang wurde eingefügt, daß es den Christen aufgegeben sei, "Widerstandsbewegung zu sein und dieses gesellschaftlich, wirtschaftlich und politisch zu verdeutlichen." Daß Gott durch Waffendienst "nur noch gelästert" werden könne, erschien manchen offenbar zu scharf und wurde entfernt.

Das Echo auf diesen Brief war beträchtlich. Es unterzeichneten insgesamt 97 kirchliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, darunter Theologie studierende, Vikarinnen und Vikare, Pfarrer und Pfarrerinnen, Mitglieder von mehreren Kirchenvorständen. Eine unübersehbare Gruppe in unserer Landeskirche hatte sich auf diese Weise dauerhaft positioniert.

Die Friedensinitiative in der Braunschweiger Landeskirche trug diese Erklärung nach anfänglichem Zögern mit. Es war mal wieder bezeichnend, daß es die Evangelische Zeitung ablehnte, die Erklärung als Anzeige (!) abzudrucken. Der Text würde die Leser "verwirren". Soweit waren wir in der Öffentlichkeitsarbeit in unserer Kirche gekommen. Das Deutsche Allgemeine Sonntagsblatt jedoch druckte sie am 5. August 1984 mit dem Zusatz der blamablen Druckverweigerung ab.

Die Erklärung spricht u. a. ein Dauerproblem in der Landeskirche an: Zentralismus oder Verlagerung von Kompetenzen. Zehn Jahre später erhob sich eine Reformwelle in der Landeskirche, angestoßen von der Landessynode. Ungefähr 180 Kirchengemeinden, Gruppen, Amtskonferenzen und Propsteisynoden äußerten sich zu den Themen, die in der Landeskirche reformbedürftig wären. Einer der Wünsche war die Verlagerung der Kompetenzen von oben nach unten. Anläßlich des 50. Jahrestages von Barmen war dieser Themenkomplex erstmalig angestoßen worden.

Streitpunkt Öffentliche Gelöbnisse 1982/1987

Das öffentliche Gelöbnis der Bundeswehr war seit Jahren in die Schlagzeilen gekommen. Die Hoffnungen, daß die sozial-liberale Koalition mit einer neuen, demokratischen Tradition beginnen würde, hatten sich zerschlagen. Die SPD wollte sich nicht nachsagen lassen, daß sie nicht auch genauso schmalzige Gelöbnisfeiern inszenieren könnte wie die bürgerliche Koalition.

Die Kritik lag auf der Hand: ein öffentliches Gelöbnis drängte die Bundeswehr in eine Sonderrolle, das militaristische Zeremoniell mit Fackeln schadete dem Zivilcharakter der Gesellschaft. Für einen Christen war die Verwendung des christlichen Chorals "Ich bete an die Macht der Liebe" völlig unangemessen. Kein Mensch dachte öffentlich darüber nach, Wehrdienstpflichtige und Zivildienstleistende in einer gemeinsamen Feier in die Pflicht zu nehmen. Das hätte die Gleichwertigkeit beider Dienste hervorgehoben.

Demonstrative Gelöbniswelle durch die BRD

Die öffentlichen Gelöbnisse wurden in den Jahren 1980 und 1981 zur Zielscheibe linker Gruppen. Die Gelöbnisfeier im Bremer Weserstadion am 6. Mai 1980 wurde von einer Paralleldemonstrati-

on begleitet, bei der es zu blutigen Ausschreitungen kam. Anlaß dieses Gelöbnisses war der 25. Jahrestag des Beitritts der BRD zur Nato. Diese Verbindung war unglücklich. Es ging gar nicht um die feierliche Bekräftigung einer Gewissensentscheidung, sondern um die demonstrative Herausstellung eines militärgeschichtlichen Datums.

In Hannover demonstrierten am 11. November 1980 3.000 Leute in der Innenstadt gegen das Gelöbnis im Niedersachsenstadion.

2.000 Polizisten mußten die Gelöbnisfeier in Stuttgart am 21. November auf dem Platz vor dem Neuen Schloß schützen Die Polizei reagierte nun, aufgeschreckt durch die Vorkommnisse in den anderen Städten, hysterisch gegenüber Demonstranten. Die Stuttgarter SPD, FDP und der DGB sprachen sich am gleichen Abend bei einer anschließendem Veranstaltung gegen ein öffentliches Gelöbnis aus.

Bei der Gelöbnisfeier in Bonn im November 1980 ging das Zeremoniell in einer höhnenden, riesigen Lärmkulisse unter und wurde zu einer Riesenblamage. Der Münsterplatz war mit Nato-Stacheldraht weit abgesteckt. Die Rekruten mußten Spießrutenlaufen, bis sie an ihren vorgeschriebenen Platz gelangten. 115 Demonstranten wurden festgenommen.

Proteste gegen die Gelöbniswelle

Es gab reichlich Anlaß, über das Zeremoniell nachzudenken. Das Allgemeine Deutsche Sonntagsblatt veröffentlichte am 30. November 1980 ausführlich die deutliche Kritik von Graf von Baudissin vom Institut für Friedensforschung und Sicherheitspolitik an der Uni Hamburg: "Es widerspricht meinen Vorstellungen von dem intimen und höchstpersönlichen Charakter solcher Inpflichtnahme, sie zum öffentlichen Schauspiel zu machen, das, mehrfach vorgeübt und nach umständlichem Ausrichten, pseudo-mystisch-geheimnisvoll bei Fackelschein abläuft." Eine breite Diskussion sei nach den Vorkommnissen nun fällig.

Schärfer war Heinrich Albertz. Die Verwendung des Namens Jesus Christus bei den Gelöbnissen sei "gotteslästerlich". Es sei eine Sünde und Schande, daß die Kirchenleitungen gegen diese Praxis der Rekrutengelöbnisse noch keinen Strafantrag gestellt hätten.

Gegen die Gelöbnisfeier am 12. November 1980 im Oldenburger Marschweg-Stadion formulierten sieben evangelische und ein katholischer Pfarrer einen Protest als "halbreligiöse Schau unter Mißbrauch des Namens Gottes."

Die Debatte blieb aus und die Demos gingen im nächsten Jahr konsequent weiter. Das für die Gelöbnisfeier am 15. September 1981 mit Nato-Stacheldraht im Umkreis von einem Kilometer gesicherte und abgesperrte Bielefelder Stadion wurde trotzdem von mehreren hundert Demonstranten besetzt und als es feierlich wurde, ging eine Feuersirene los. Nur 1.000 Angehörige besuchten die Feier, 2.000 Personen hatten dagegen am Vorabend an einem "Gelöbnis für den Frieden" teilgenommen.

Mit Pfeifkonzerten und Sprechchören wurde der Große Zapfenstreich beim Gelöbnis auf dem Würzburger Residenzplatz gestört. Franz Josef Strauss kritisierte in seiner Ansprache den Gesinnungspazifismus und die Kirchen, die sich mit der Parole "Friede ohne Waffen" in eine falsche Gesellschaft begäben.

Die Gelöbniswelle erreicht Braunschweig

So rollte die Gelöbnisfeierlichkeitswelle auch auf die Braunschweiger Region zu. Im August 1982 setzte sich die komplette Landtagsfraktion der Grünen auf den für die Rekruten vorgesehen Rasen in Seesen und mußte weggetragen werden. 300 Leutchen hatten sich zu einer Gegendemo versammelt. Die nächsten Termine "für die Bundeswehrtournee" wurden von der Braunschweiger Stadtzeitung angekündigt: 27.8. in Wolfsburg, 2.9. in Osterode und in Helmstedt.

Einige Städte und Gemeinden des Landkreises Helmstedt pflegten Partnerschaften auch zu Bundeswehreinheiten, und wenn dort ein Gelöbnis anstand, dann wünschte sich der rechte Rand der konservativen Gesellschaft ein solches Gelöbnis auf Märkten und Plätzen ihrer Städte.

Gelöbnisse wurden geradezu zum Steckenpferd und Bürgermeister Kieschke in Helmstedt zu einem ihrer populistischen Förderer. Im Verwaltungsausschuß des Rates Helmstedt sprach sich die CDU/FDP-Mehrheit am 28. Januar 1982 für ein öffentliches Gelöbnis in Helmstedt aus. Die SPD hatte dagegen gestimmt. Ratsherr Markmann von den Grünen brachte die Sache an die Öffentlichkeit.

Es war wiederum die Grenzlage, die die ganze Sache nicht selbstverständlich sein ließ. Hier an der Grenze durften sich in einer bestimmten Sperrzone die Soldaten in der Regel nicht in Uniform sehen lassen. Aber das Bundesverteidigungsministerium gab grünes Licht.

Anfang April legten die Parteien bei einem Diskussionsabend im Helmstedter Reservistenverband ihre unterschiedlichen Positionen dar. Ratsherr Markmann wandte sich gegen ein öffentliches Gelöbnis. Es stünde im Gegensatz zur internationalen Verständigung. Auf die Frage, warum den Zivildienstleistenden nicht eine gleiche Aufmerksamkeit zuteil werde, antwortete der CDU-Landtagsabgeordnete Reinemann, der Soldat stünde in einem besonderen Dienst-Treue-Verhältnis, Ersatzdienstleistende seien normale Arbeitnehmer. Bei jeder Gelegenheit solle dem Volk die Bundeswehr gezeigt werden, nach Helmstedt sollten Vertreter der Roten Armee und der NVA eingeladen werden. Reinemann forderte also die bekannte, schädliche Sonderstellung für die Bundeswehr. Dr. Karl Birker, Fraktionsvorsitzender der SPD im Helmstedter Rat, äußerte keine grundsätzlichen Bedenken, aber Helmstedt sei keine Garnisonstadt und habe Brückenfunktion zwischen Ost und West. Man solle solche Veranstaltungen nicht künstlich nach Helmstedt ziehen. Damit war klargestellt, daß der Urheber solcher Gelöbnisse nicht die Bundeswehr war, sondern die politische äußere Rechte in Helmstedt.

Unbefriedigend blieb, daß die Gelöbnisveranstaltung nicht mehr im Rat diskutiert werden sollte. Eine Gruppe von Helmstedtern sammelte daher im Mai Unterschriften für einen Bürgerantrag, der höchst selten vorkommt. Die Unterzeichner verlangten die Beratung der geplanten öffentlichen Gelöbnisfeier im Rat und "daß der Rat der Stadt... sich gegen die öffentliche Gelöbnisfeier ausspricht und kein öffentliches Gelände zur Verfügung stellt." Außerdem kursierten in Helmstedt Flugblätter eines Aktionsbündnisses gegen ein Gelöbnis und die Jungsozialisten, die sich vom Flugblatt distanzierten, kündigten eine Infoveranstaltung an. Im Juni kam es zur beantragten Debatte, wobei die SPD den Antrag stellte, zum gegenwärtigen Zeitpunkt das Gelöbnis in Helmstedt nicht stattfinden zu lassen. Dabei sollte sich der Antrag keineswegs gegen die Bundeswehr und die guten Beziehungen der Stadt zur Bundeswehr richten. Der Rat lehnte in geheimer Abstimmung mit 25:4 Stimmen den Bürgerantrag ab, kein besonders gutes Zeichen für die SPD, aber auch der SPD-Antrag wurde dann in offener Abstimmung abgelehnt.

Im August wurden die Einzelheiten des Gelöbnisses bekannt: im Fußballstadion an der Masch sollten Rekruten aus Braunschweig, nach einem ökumenischen Gottesdienst und einem Marsch durch die Stadt, mit Fahne und Musik sowie Reden vom niedersächsischen Innenminister und einem Kommandeur, vereidigt werden.

Das Helmstedter Friedensforum plante eine Demonstration und traf sich zum letzten Vorbereitungstreffen am 30.8. im Jugend- und Bildungszentrum. Die Stadt verbot eine vorgeschlagene Strecke der Demo. Einige Gegendemonstranten setzten sich gegen die Stadt beim Verwaltungsgericht Braunschweig jedoch durch.

Der geplante Gelöbnisgottesdienst brachte mich nun doch auf die Palme.

Gelöbnisgottesdienst in St. Walpurgis

Die Mehrheit der Wolfsburger Pfarrer hatte gegen ein Ende August in Wolfsburg stattfindendes Gelöbnis öffentlich protestiert. Die Vereidigung befestige das "Denken in Abschreckungskategorien" und verstärke Tendenzen zur Militarisierung im öffentlichen Leben.

Pastor Beichler und ich waren uns einig, daß Gottesdienst und Gelöbnis in dieser Form in Helmstedt nicht sein mußten. Wir formulierten einen Text, daß die Soldaten doch lieber in ihren Kasernen das Gelöbnis ablegen sollten, so wie die Lehrer und die Beamten des öffentlichen Dienstes es auch in ihren Dienstbehörden täten. Durch eine geplante Feier würde das Soldatentum romantisiert und im Gottesdienst womöglich Menschen zum Waffendienst besonders gesegnet werden.

Also nichts gegen Gelöbnis und Soldaten, aber alles, wo es hingehörte und in den passenden Rahmen. Den Text unterzeichneten noch die Pfarrer Köhler, Esbeck, Künne, Helmstedt, Schnabel, Helmstedt und eine Reihe von kirchlichen Mitarbeiter/Innen: aus Schöningen der Vincenzorganist Christian Mellin, aus Emmerstedt Heide Beichler und aus Offleben und Reinsdorf die Küsterinnen E. Heine und H. Hasse und die Mitglieder der Kirchenvorstände R. v. Geibler, L. Pfeiffer, J. Brandes, G. Grotrian mit ihrem Mann Hartmut, V. Jadziewski, R. Schwarz und J. Wolter. Das konnte sich sehen lassen und forderte die ätzende Kritik des Chefredakteurs des Helmstedter BLITZ, Herrn Ebeling, heraus.

Vor dem Gottesdienst legte ich auf die Bänke in der Walpurgiskirche unsere Erklärung und passende Bibelsprüche wie "Jene verlassen sich auf Wagen und Rosse, wir aber verlassen uns auf den Namen des Herrn" aus Psalm 20, oder: "Der Herr hilft nicht durch Schwert oder Spieß" (1. Sam. 17, 47) oder: "Da werden sie ihre Schwerter zu Pflugscharen und ihre Spieße zu Sicheln machen" (Jes. 2, 4) oder: "Weisheit ist besser denn Stärke" (Pred. 9, 16), den Rest der Flugblätter verteilte ich draußen an die wie zur Schluckimpfung heranmarschierenden Rekruten. Die Predigt war erwartungsgemäß stramm antikommunistisch, man wußte ja, wo der Feind stand, Soldatendienst wurde zum Friedensdienst umgedeutet, bot Ermutigung gegen Chaoten, Angst- und Panikmacher und definierte das Leitbild des christliche Soldaten.

Als der Gottesdienst begonnen hatte, spielte ich auf meiner Blockflöte vor der Kirche die fünf Strophen der Melodie " Aus tiefer Not schrei ich zu dir".

Ich habe nie gedacht, daß eine normale C-Blockflöte einen so durchdringenden Klang hat, daß tatsächlich die Melodie drinnen zu hören gewesen sein soll.

Die Pfarrer Büscher und Greve schrieben vier Tage später einen Beschwerdebrief an die Kirchenregierung, den Propsteivorstand, die Landessynode und Pfarrer der Propstei und beschwerten sich bitter über den "Auftritt von Herrn Kuessner, der in Offleben als Pfarrer angestellt ist". Das war die Sprache der neuen Brüderlichkeit. Der Auftritt habe dem Ansehen der Landeskirche schwer geschadet, disziplinarrechtliche Schritte seien unbedingt erforderlich, eine pfarramtliche Zusammenarbeit sei nicht mehr möglich. Diesen Beschwerdebrief gaben die beiden auch an den BLITZ, der diese Unsäglichkeit genüßlich abdruckte.

Der angeschriebene Propsteivorstand gab eine abschließende Erklärung heraus, ging klugerweise auf den Stuß der Beschwerde nicht ein, sondern ermahnte beiden Seiten, aufeinander zu hören, denn es entspräche dem Wesen der Kirche, daß in ihr verschiedene theologische und politische Meinungen Platz hätten. Gerade das jedoch wollten Büscher und Greve nicht. Sie wollten Recht bekommen und ich sollte diszipliniert werden. Mit dieser Erklärung hätte der Fall abgeschlossen sein können.

Die Grundstimmung im Landeskirchenamt aber war eine andere. Dort hatten die Oberlandeskirchenräte Wandersleb und Dr. Fischer das Zepter in die Hand genommen, der eine selber ehemaliger Militäroberpfarrer, der andere ein CDU-Sympathisant: ich sollte mich rechtfertigen wegen "Störung des Gottesdienstes" und - ich sei ja betrunken gewesen.

Inzwischen schrieb der Beauftragte der Landeskirche für Seelsorge an Kriegsdienstverweigerern und Zivildienstleistenden, Alexander Knackstedt, in einem Offenen Brief vom 14.10. auf die Predigt: "Noch nie, außer in den Kriegspredigten der Deutschen Christen im 3. Reich, habe ich solch eine, mit Worten der Hl. Schrift garnierte Rechtfertigung des Tötens von Menschen mit der Kriegswaffe gelesen." Der Brief machte seine Runde.

Bei einer Vorladung im Landeskirchenamt wies ich die Behauptungen von Büscher und Greve zurück, aber OLKR Dr. Fischer konterte: "Herr Kuessner, es nimmt Sie doch sowieso keiner mehr ernst" und "Man muß von Anfang an hart zuschlagen." Das hatte sich Dr. Fischer offenbar vorgenommen. Die Sache verlief trotzdem im Sande.

Unsere Aktion hatte folgenden Effekt: es wurde bei den nächsten Gelöbnissen nie wieder vorher ein Gottesdienst abgehalten. Einige Pfarrer hätten gewiß gerne gewollt, aber die Militärs waren wohl bedient.

Sehr viel sympathischer und auch christlicher als die Kirchenleitung reagierte der SPD-Ortsverein Helmstedt. Der lud die streitenden Gruppen zu einer Podiumsdiskussion am 22. Oktober in das Helmstedter Bürgerhaus ein. Dr. Birker, Oberstleutnant Schulz und ich markierten unsere Positionen und diskutierten miteinander. Das empfand ich als durchaus förderlich. Vor allem lernte ich Dr. Birker als einen ganz seltenen Politikertyp kennen, der argumentativ, von geradezu provozierender Sanftheit, sichtlich den anderen respektierend, mit der einnehmenden, musikalischen Gabe des produktiven Zuhörens mit uns diskutierte.

Als die Bundeswehr zum 11. Mai 1983 eine öffentliche Rekrutenvereidigung in Braunschweig auf dem Löwenwall mit vorausgehendem ökumenischen Gottesdienst im Dom ankündigte, schlug Pfarrer Knackstedt dem Militärpfarrer E. v. Tomaszewski und Propst Kraft eine Beteiligung an Vorbereitung und Durchführung des Gottesdienstes vor, was jedoch abgelehnt wurde.

Die FI protestierte beim Landeskirchenamt. Es werde der Eindruck erweckt, daß die Kirche den "Friedensdienst mit der Waffe" absegne und durch die polizeiliche Abriegelung des Domes werde aus dem öffentlichen Gottesdienst eine geschlossene Veranstaltung des Militärs. Die Evangelische Jugend, die katholische Jugend, die Grünen und sozialdemokratische Gruppen lehnten in Erklärungen das öffentliche Gelöbnis ab.

Auf dem Magni-Kirchplatz hielten am Vorabend des Gelöbnisses Pfarrer Albrecht Fay und Pfarrer Knackstedt zusammen mit der FI und der Friedensinitiative "Ärzte gegen den Atomkrieg" einen Gottesdienst. Bei diesem Gottesdienst sang die Gemeinde auf die Melodie "Befiehl du deine Wege" folgende Strophen eines Liedes von Volker von Törne: "Was nennen wir uns Christen / so weiter fort und fort / wenn wir uns, Herr, nicht rüsten / allein mit deinem Wort? / Ist uns dein Wort nur nütze / zu segnen Krieg und Tod? / Und brauchen wir Geschütze / als unser täglich Brot? Vor dir, zu dem wir beten / Herr unser Friedensgott / sind Panzer und Raketen / nichts als ein Haufen Schrott / Du hast die Welt geschaffen / für Mord nicht und für Krieg / Dein Wort ist unsre Waffe / für einen bessren Sieg".

Die Gelöbnisfeier auf dem Löwenwall wurde auch von einem Trillerpfeifenkonzert begleitet. Sie löste einen längeren Leserbriefstreit in der Braunschweiger Zeitung aus.

Zu einem Zusammenstoß zwischen dem Ortspfarrer und dem Beauftragten für Kriegsdienstverweigerer, Pfarrer Alexander Knackstedt, kam es bei der Gelöbnisfeier und dem vorausgehenden Gottesdienst in der Kirche in Wedtlenstedt im Februar 1986.

Protest gegen das Gelöbnis in Helmstedt am 20. November 1987

Daß unser Protest nicht vergeblich gewesen war, wurde auch beim nächsten Gelöbnis am 20. November 1987 spürbar. Es war ein breites Bündnis mit linken Sozialdemokraten, Friedens- und Umweltgruppen des Landkreises zustande gekommen. Von Seiten der Kirche unterzeichneten eine Protesterklärung gegen die Abhaltung des Gelöbnisses außerhalb der Kasernen auf Marktplätzen und in Fußballstadien die Pfarrer Beichler, Emmerstedt, Binder, Grasleben, Köhler, Esbeck und ich, zusammen mit vielen engagierten, aktiven Gemeindemitgliedern wie Frau Matttfeldt-Kloth, Frau Mellin, Gabriele Hall, aus den Mitgliedern des Offleber Kirchenvorstandes Schwarz, Brandes, Wolter und Seidlich, insgesamt 83 Personen aus dem Helmstedter Umfeld und 300 Mitglieder der Friedensinitiative in der Braunschweiger Landeskirche.

Diese Art der Abhaltung "nimmt der Eidesleistung ihren Ernst, entwertet sie zu einem öffentlichen Spektakel, räumt der Bundeswehr eine Sonderstellung innerhalb anderer Berufe ein und dient der Zurschaustellung militärischer Macht. Dies lehnen wir ab. Wir brauchen statt dessen eine geduldige Erziehung zum Frieden."

Die eingeladene Geistlichkeit verzichtete auf ihre Plätze auf der Ehrentribüne. Da das Gelöbnis auf dem engen Terrain des Holzberges stattfand, blieben auch andere Protestformen möglich. Ich verkleidete und schminkte mich als Tod und stellte mich mit der Blockflöte unter den Fahnenmast. Mit "Ein Männlein steht im Walde" und "Ihr Kinderlein kommet" füllte ich die Pausen. Den Choral "Ich bete an die Macht der Liebe", dessen Fortsetzung "...die sich in Jesus offenbart" den Soldaten wohl unbekannt sein dürfte und der vom gesamten Musikkorps aufgespielt wird, empfinde ich bei dem Zeremoniell nach wie vor als schwere Gotteslästerung und unerträgliche, schwülstige Vermischung von Militarismus und Christentum.

Diesmal gab es keine Aufregung im Landeskirchenamt. Das Satyrspiel fand in St. Stephani statt. Pfarrer Hinrichs hatte die Unterschriftenliste am Schriftentisch beim Ausgang hingelegt, um auch anderen die Unterschrift zu ermöglichen. Es gab postwendend eine außerordentliche Kirchenvorstandssitzung und eine geschwollene Erklärung, die den Geist eines in seiner Feierlichkeit gestörten Bürgertums atmete. Es hätte nahegelegen, die Protesterklärung ebenfalls am Ausgang zur Information hinzulegen. Taktloserweise verlas ein Kirchenvorsteher diese Erklärung aber nach der am Totensonntag üblichen Verlesung der Verstorbenen des vergangenen Kirchenjahres und störte nach meiner Auffassung auf damit den Gottesdienst. Pastor Hinrichs verzichtete daraufhin auf die Abhaltung des traditionellen Abendmahls.

Ansprache beim Friedensfest der Grünen auf dem Marktplatz

in Wolfenbüttel am 3. Juni 1987 am Vorabend eines öffentlichen Gelöbnisses

Das Ärgernis um die öffentlichen Gelöbnisse in Fußballstadien, Fabrikhallen und auf Marktplätzen in der Braunschweiger Region reißt nicht ab. Das liegt nicht an den Rekruten. Die würden am liebsten drinnen im Kasernengelände vereidigt werden. Aber eine kleine geltungssüchtige Offiziersclique kommandiert den dagegen wehrlosen Haufen in die Öffentlichkeit, um mit einem schauerlich-schönen Ritual alte militaristische Gelüste in der Bevölkerung zu wecken.

Am 2. Februar 1986 werden 120 Rekruten einer Panzeraufklärungseinheit in der Fabrikhalle in Wedtlenstedt vereidigt. Es hatte Aufsehen und einen langen, ärgerlichen Schriftwechsel ausgelöst, daß diesem Gelöbniszauber auch noch ein Gottesdienst voranging mit ausgewählten Gästen. Schon das Gelöbnis am 27. August 1982 auf dem Wolfsburger Rathausplatz hatte ein Pfeifkonzert ausgelöst und den Stadtjugendring, DGB, Fraueninitiativen und Kirchengemeinden zu einem "Friedensfest statt Gelöbnis" animiert. Im selben Jahr am 2. September findet das Gelöbnisspektakel im Helmstedter Fußballstadion statt. Auf die Predigt im voraufgegangenen Gottesdienst in der Helmstedter Walpurgiskirche - ich sehe noch die Rekruten mit hängenden Köpfen da reinmarschieren - schreibt der für die Kriegsdienstverweigerer beauftragte Pfarrer Knackstedt: "Noch nie außer in Kriegspredigten der DC im 3. Reich habe ich eine solche, mit Worten der Heiligen Schrift garnierte Rechtfertigung des Tötens von Menschen mit der Kriegswaffe gelesen." Bei der Gelöbnisfeier am Löwenwall in Braunschweig 1983 kommt es zu heftigen Krawallen.

Und nun hatten sie sich gedacht: im kleinen, verträumten Wolfenbüttel wird nichts passieren. Aber es gibt längst im Lande eine wachsame Minderheit, bei der die Abschreckung - in diesem Fall mit Disziplinarstrafen, mit öffentlichem Spott und gezielter Nichtachtung - schon jetzt versagt.

Wir sind da und rufen den Rekruten zu: "Bleibt in den Kasernen! Macht euer Gelöbnis da drinnen ab. Gebt dem Geltungsbedürfnis eurer Führung nicht nach. Übt euch frühzeitig als Staatsbürger in Uniform durch konstruktiven Widerspruch."

Mit einem Zapfenstreich und dem Choral "Ich bete an die Macht der Liebe" wird gerne eine solche Gelöbnisfeier garniert. Die Rekruten können nicht wissen, daß die Choralstrophe weitergeht "... die sich in Jesus offenbart", nämlich die Macht der Liebe. Die alte, ordinäre Casinoherrlichkeit meint ja jene andere, schwanzfixierte Macht der Liebe und so wird womöglich morgen wieder das alte üble Gemisch Militärgewalt - Sexualität - Frömmigkeit, die Droge des deutschen Spießers, kostenlos verabreicht. Ihre Opfer gehen in die Millionen.

Und das wollen wir nicht. Wir wollen: Schluß mit der öffentlich geduldeten, militaristischen Drogenszene, die sich in Wolfenbüttel ungeniert ausbreiten darf unter den Augen der christ-demokratischen Heuchler.

Diese Gelöbnisfeier ist nur ein Mosaik in der allgemeinen Militarisierung der Öffentlichkeit und der Gewöhnung der Zivilbevölkerung an Gewalt und Gehorsam. Schon die Volkszählung hat die Regierung zu einer paramilitärischen Gehorsamsübung verkommen lassen. Längst müßten Fußballvereine und das öffentlich-rechtliche Fernsehen uns einmal ihr Verhältnis zur Gewalt definieren. Vor allem aber muß das Wolfenbüttler Militär sein Verhältnis zur Gewaltverherrlichung und Zurschaustellung von Gewalt gründlich überdenken. Wie steht ihr zur Gewalt, z.B. wenn die Abschreckung versagt hat? Jeder Rekrut wird mannhaft genug sein, sein Gewehr wegzuwerfen, wenn der erste Schuß fällt. Nur so nehmt ihr das Gelöbnis ernst, eure Heimat zu verteidigen.

Wir wollen nicht, daß im Zusammenhang mit dem Gelöbnisspektakel Fensterscheiben sympathisierender Bürger oder Schaufenster von Geschäftsleuten zu Bruch gehen. Aber die scheinheilige Ratsmehrheit der Stadt Wolfenbüttel soll sich klarmachen, daß sie den Anlaß dazu bereite geboten hat.

Der beste Weg, die Kettenreaktion von Gewalt und Gegengewalt zu beenden, ist der Ruf, der auch morgen erschallen wird. Nicht etwa zum Gebet, sondern ein für alle Mal: Helm ab.

Diese Ansprache veröffentlichte ich in KvU, Heft 23, Juni 1987, ohne daß die Kirchenleitung einen Anlaß zum Einschreiten sah.

Es gab später noch ein drittes Gelöbnis in Helmstedt. Da wunderte sich die Zeitung, daß kein Gegenwind gekommen sei. Wenn nichts passiert, ist es der Öffentlichkeit offenbar auch nicht recht.

Kirche von Unten 1983 - 2001 ff

Kirche von Unten war eine typische Gründung der unruhigen und bewegten 80iger Jahre. Eigentlich hatte ich sie als Publikationsorgan der Friedensinitiative in der Braunschweigischen Landeskirche gedacht. Das zerschlug sich. So erschien Heft 1 im September 1983, herausgegeben von Herbert Erchinger, Studentenpfarrer, Jürgen Kleiner, Leiter der Telefonseelsorge und Michael Künne, Schulpfarrer in Schöningen. Ich blieb ungenannt, um keine Reizreaktionen zu erzeugen. Heft 1 war programmatisch gedacht.

Herbert Erchinger eröffnete mit einer Betrachtung über Matthäus 23 "Ihr aber seid alle Brüder. Einer ist euer Meister, Christus". und schrieb: "Kirche von unten bedeutet doch streng genommen: Keine Herren mehr, keine Hierarchie und keine "Kirchenregierung", denn nur einer ist unser Meister, Jesus Christus selbst...Ich möchte... noch besser meinen eigenen Anteil und Schatten in Konflikten und Auseinandersetzungen erkennen. Ich möchte von Jesus eine demütige, kämpferische Haltung lernen, die keine Feindbilder mehr braucht und auch den Gegner liebt. - Schwesternbrüderlichkeit - bedeutet es nicht auch die Umwandlung unserer Bürokratie in eine kirchliche Service-Verwaltung, die den praktischen Diensten in der Kirche zuarbeitet, statt sie zu gängeln, zu repräsentieren, zu kontrollieren und zu beherrschen, was ihr zum Glück immer weniger gelingt?"

Michael Künne erklärte bündig, kirchliche Zeitungen wären langweilig und belanglos. Kirche von Unten wolle alternative Nachrichten bieten, "die unter den Tisch fielen oder geworfen wurden, weil sie nicht ins Konzept paßten. Das dürfte nicht schwer, dafür aber nötig sein."

Andere Verfasser dieses ersten Heftes waren Jürgen Kleiner, Hartmut Barsnick und Helga Hansi, die das Friedensthema anschlugen, das das Heft für die weiteren Jahre prägte Ich eröffnete meine

Darstellungen über die Verhandlungen der Landessynode und übernahm die Rubrik "Nachrichten aus der Landeskirche".

Heft 2 vom Dezember 1983 wurde mit einer 16 Seiten umfassenden Dokumentation über die Umstände des fristlos entlassenen Pfarrers von Wenden, Erich Helmer, nun doch als Konfrontationsheft aufgefaßt und OLKR Dr. Fischer schrieb bereits zu Heft 1 "...das gesamte Unterfangen als in nuce mißlungen betrachtet" und zu Heft 2: es enthalte bei der Darstellung des Falles Helmer Äußerungen, "die nicht nur dem Ansehen einzelner kirchenleitender Mitarbeiter, sondern der Kirche allgemein unermeßlichen Schaden zufügen."

Schon Heft 3/4 nannte außer uns vieren noch elf weitere Autoren. Das Heft war auf unverhohlenes Interesse gestoßen.

Die herausragenden Themen waren und sind noch immer neben der Friedensfrage der Umweltschutz, sowie kirchenrechtliche, theologische und kirchengeschichtliche Themen. Das Projekt trägt sich finanziell durch Spenden, die Hefte werden kostenlos abgegeben. Das hat sich inzwischen siebzehn Jahre lang so gehalten.

Michael Künne ging als Dozent an das religionspädagogische Institut nach Loccum und Jürgen Kleiner als Pfarrer nach Berlin. Von Heft 8, Mai 1985, an zeichneten Herbert Erchinger, Christel Kiel, Pfarrerin für besondere Dienste in der Propstei Braunschweig und Eberhard Fincke, Pfarrer in Hondelage als Herausgeber verantwortlich. Ab Heft 11 vom Dezember 1985 tauchte ich dann auch namentlich unter den Herausgebern auf und da das Ehepaar Kiel 1986 nach Tansania ging, blieben wir drei von Heft 14 an längere Zeit alleine übrig.

Ab Heft 21, Februar/März 1987, stieß Martin Quandt zum Herausgeberkreis dazu, der seit Juni 1986 nach Braunschweig gezogen war und die Telefonseelsorge übernommen hatte. Ganz selten haben wir uns mal persönlich getroffen. Wir besprachen das Nötigste telefonisch, weil jeder seine Rolle im Herausgeberkreis gefunden hatte: Quandt übernahm die unauffällige Pflege der Adressenliste, die sich so um die 500 Personen und Gruppen bewegte, Erchinger die Spendenkasse und er schrieb vor allem über soziale Gegenwartsfragen, Fincke hatte im Laufe der Zeit als Steckenpferd die kirchlichen Zukunftsbilder entdeckt und ich war der Frechdachs mit Spottlust.

Es gab immer mal wieder Spannungen, etwa wenn ich zum 50. Jahrestag der Pogromnacht ein Sonderheft Nr. 35 machen wollte und durchsetzte, weil ich die Texte zusammenhatte. Zu einem ernsten Zerwürfnis gab kam es im Sommer 1998, das die Behandlung des Geyer-Prozesses betraf. Fincke und Quandt wollten gar nichts zu diesem Thema veröffentlichen und spielten damit m.E. die Karte der Staatsanwaltschaft. Ich hielt die Indizienkette der Staatsanwaltschaft (bis heute) für kümmerlich und hatte nichts gegen eine herausgeberkontroverse Darstellung in KvU, wie es ja unserem Stil entsprach. Also veröffentlichte ich meine Sicht in einem längeren Artikel in Heft 89 im Mai/Juni 1998. Die beiden meldeten bereits dem Evangelischen Pressedienst, Kirche von Unten sei gespalten und werde verenden, es gab beim nächsten Mal eine Doppelnummer, eine aus Offleben, die andere aus Braunschweig. Aber 1999 zog ich nach meiner Pensionierung nach Braunschweig um und das erleichterte die Kommunikation im Herausgeberkreis. Wir sind wieder kritisch vereint.

Kurt Dockhorn, ehemaliger Studentenpfarrer, ist nach seiner Pensionierung Anfang 2000 zum Herausgeberkreis gestoßen - wir sind nun also fünf! - und wir haben erstmals im April 2000 im Heft 95 einen Beitrag eines Kollegiumsmitgliedes veröffentlicht, nämlich von Frau OLKR Dr. Sichelschmidt, die ihren Vortrag über die Propsteireform vor der Propsteisynode Königslutter zum Druck in KvU freigab. Das war eine kleine Sensation, denn seit 1996 überzog mich das Landeskirchenamt wegen elf Äußerungen in drei Nummern 1996/97 mit einem Disziplinarverfahren. Ich empfand das als untauglichen Einschüchterungsversuch.

Woher kommt es, daß sich Kirche von unten solange gehalten hat, während andere, vergleichbare, streitbare alternative Blätter wie "Salz der Erde" in der Nordelbischen Kirche und "Kreuz und quer" in Tübingen inzwischen ihr Erscheinen eingestellt haben? Es sind m.E. unter anderen folgende Gründe:

Diese disziplinierende Begegnungsweise bringt KvU in einen geradezu lachhaften Ruf von "Gefährlichkeit". Wir sind frech, gewiß: manchmal zu frech. Zugegeben. Aber das ließe sich alles in einem anhaltenden Dialog beruhigen und in streitbare, annehmbare Bahnen leiten.

In diesem Jahre 2001 ist die Nummer 100 erscheinen.

Jubiläum der Friedensinitiative und neue Themen

Zum fünfjährigen Bestehen trafen wir uns 1987 in der Braunschweiger Wicherngemeinde. und Eberhard Fincke interviewte für Kirche von Unten Hartmut Barsnick, der zu Recht darauf hinweisen konnte, daß die kirchenpolitische Sensibilisierung der kirchlichen Mitarbeiterschaft in unserer Landeskirche durch die Gründung der Friedensinitiative erheblich zugenommen hatte.

Nachdem die Raketenstationierung durchgeführt wurde, wandte sich die FI als neuem aktuellen Problem der Einlagerung von Atommüll in den Schacht Konrad zu. Das war ein ganz dringliches Thema, nachdem die Landeskirche trotz der warnenden Aktionen von Pfarrer Stammberger die endgültige Einlagerung von Atommüll in den Schacht Asse hingenommen hatte und in Morsleben sich ein weiteres, möglicherweise undichtes "Atomklo" an der Grenze der Braunschweiger Landeskirche gefährlich bemerkbar gemacht hatte. Pfarrer Albrecht Fay war der unermüdliche Organisator von "Gottesdiensten um den Schacht". Dabei umkreisten wir prozessionsartig, an einigen Haltepunkten über Texte nachdenkend und Gebete sprechend, den sichtbaren Schachtturm. Das war eine eindrucksvolle Art von geistlich durchdachten "politischen Gottesdienstentwürfen."

Im Mai 1990 wurde das Positionspapier noch einmal auf die aktuelle Lage hin überarbeitet. Rückblickend erklärte der Sprecherkreis völlig zu Recht: "In der Braunschweiger Region hat unsere Friedensinitiative dazu beigetragen, daß politisches Engagement in der Kirche und durch die Kir-che größere Akzeptanz gefunden hat. Viele Menschen haben in der FI Ermutigung und Stärkung gefunden."

Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung blieben die unveränderten Ziele. Der Einbruch des Kapitalismus nach Osteuropa habe Leistungskonkurrenz und Gruppenegoismus auf allen Seiten verschärft. Eine militärische West-Ost-Konfrontation wäre sinnlos geworden. "Dabei fordern wir nach wie vor Abrüstung und Umwidmung der Rüstungsgelder zur Bekämpfung von Hunger, Arbeitslosigkeit und Zerstörung der Natur. Rüstungsexport lehnen wir bedingungslos ab. Es gilt, den Widerstand gegen Atomwirtschaft zu verstärken. Der alarmierende Zustand von Boden, Luft und Wasser, sowie die sich anbahnende Klimakatastrophe verlangen unseren entschiedenen Einsatz."

Mit dem Fortgang von Pfarrer Barsnick in eine Gemeinde der benachbarten provinzsächsischen Landeskirche verlor die FI ihren Motor. Diese wichtige Arbeit mündete in andere Aktivitäten.

Einige Momentaufnahmen aus der Propstei in den 90iger Jahren

Personalwechsel

Es war mir doch eigenartig, wie jene Kollegen, mit denen ich Jahrzehnte in der Amtskonferenz zusammen war, ihren Abschied aus dem aktiven Dienst nahmen: Karl Bünjer, Büddenstedt, mit 62 Jahren zum 1.6.1990, Arno Herrmann, Ingeleben, mit 63 Jahren zum 1.8.1991, Adolf Nebel, Helmstedt mit 62 Jahren zum 1.1.1992, Propst Jungmann mit 63 Jahren zum 1.9.1993, Wolfgang Büscher, Helmstedt mit 65 Jahren zum 1.1.1994.

Die meisten machten von ihrem Recht Gebrauch, schon vor dem 65. Lebensjahr in den Ruhestand zu gehen. Mein Vater war knurrend mit 70 Jahren gegangen. Wie war das hier zu deuten? Rücksicht auf die nachkommende Generation? Dienstsatt am Ende einer langen Dienstreise? Ermüdungserscheinungen? Es war genug und die Einbettung in eine, das Wort nach wie vor befragende, tragende Bruderschaft war nicht vorhanden.

Ich besuchte, was ich früher nicht getan hatte, die sogenannten "Abschiedsgottesdienste" und fand sie irgendwie problematisch. Die untypisch vollen Kirchen, Reden auf den Scheidenden und dann jene Unsitte, daß die "Entlassungsurkunde" vom Altar aus im Gottesdienst vorgelesen wurde, als ob sie kanonischen Rang hätte.

So etwas gehörte, weil es ja das Ausscheiden nicht aus der Gemeinde, sondern aus dem aktiven Dienst der Landeskirche bedeutete, in das Landeskirchenamt. Dort vielleicht die Morgenandacht haltend, danach ein Täßchen Kaffee mit dem Personalreferenten oder der Personalreferentin und dann die Aushändigung der Urkunde. Die Aussegnung in den Ruhestand konnte im Gottesdienst der Gemeinde stattfinden. Sie konnte auch bei der Morgenandacht im Landeskirchenamt durch einen Theologen im leitenden Amt stattfinden.

Mir blieb ein solcher Abschiedsgottesdienst fremd. Es kamen auch meist keine Kollegen. Die Verabschiedung aus dem Kollegenkreis fand bei der letzten Amtskonferenz statt. Büscher nützte noch einmal die Gunst der Stunde, um seine theologische Position zu markieren, Propst Jungmann verzichtete auf einen Rückblick auf seine lange Dienstzeit als Propst, es waren immerhin 17 Jahre gewesen und lud uns alle zu einem nahrhaften Essen ein. Aber auch dabei gab es keine rückblickenden Tischreden, sondern man verlief sich. Es war mir komisch.

Es galt als eiserne Regel, daß man nicht in der Gemeinde wohnen blieb. Bünjer verzog nach Hamburg, Herrmann nach Delmenhorst, Nebel nach Braunschweig, Jungmann nach Goslar, Büscher blieb in der Gemeinderegion wohnen, gemeindete sich aber nach Walpurgis um.

Vertreter im Pröpstekonvent

Nun war ich der Dienstälteste. Das hatte die ungeahnte Folge, daß ich für einige Zeit als Stellvertreter des Stellvertreters im Pröpstekonvent auftauchte. Denn Harry Köhler, der als stellvertretender Propst eigentlich dran war, hatte meist dazu keine Lust, und der neu gewählte Propst Fischer trat erst einige Monate nach seiner Wahl sein Amt in Helmstedt an.

Wir trafen uns im Marienstift, es wurden meist irgendwelche Referate gehalten, aus denen aber für die praktische Arbeit keine Folgen gezogen wurden, die Sachen der Propsteien kamen erst am Schluß oder gar nicht vor. Es war sterbenslangweilig. Ich hatte bisher die Vorstellung, daß der Pröpstekonvent als informelles Gremium die Dinge der Landeskirche mit dem Bischof durchgeht und sich überlegt, was reformerisch auf den Weg gebracht werden könnte. Davon war nun überhaupt keine Rede. Ich war froh, daß ich bald wieder den Montagvormittag frei hatte.

Bischof Krause hat bald nach Dienstantritt die Anzahl der Sitzungen des Pröpstekonventes halbiert. Man traf sich nur noch alle zwei Monate.

Neue Gesichter in der Region

Für die ausscheidenden Pfarrer rückten meist jüngere Kollegen nach, die ich bereits aus der Arbeit im Predigerseminar kannte. Und ich stellte mir vor, wie ich selber vor 30 Jahren mal hier in der Gegend angefangen hatte.

Es gab eine Ausnahme. Als Wolfgang Büscher die von ihm stark geprägte Arbeit in der Christophorusgemeinde verließ, war die Frage der Nachfolge schwierig. Es hatte sich in Braunschweig ja die Tradition gebildet, daß die Brüdernkirche nicht von einer Pastorin besetzt wurde, weil der Kirchenvorstand eine Frau im geistlichen Amt ablehnte, und immer ein Pfarrer mit einer orthodoxen lutherischen Theologie im Sinne der Braunschweiger Thesen von 1966 und mit der ausladenden liturgischen Tradition gewählt wurde. Es lag nahe, eine solche Tradition auch in Helmstedt zu installieren. Es kam anders. Anne und Christoph Brinckmeier kehrten von ihrer Arbeit aus Papua-Neuguinea in die Landeskirche zurück, suchten eine Stelle und ich wünschte mir sehr, daß er sich nach Christophorus bewerben möchte. Von unseren früheren gemeinsamen Unternehmungen war hier nichts mehr bekannt.

Er wurde gewählt und es entstand über die räumliche Trennung hinweg eine persönliche, geistliche Nachbarschaft, die mir hier ansonsten fehlte. Es war nicht üblich, daß man sich unverhofft ohne großen Anlaß besuchte. Ich tauchte immer wieder mal zu einem Schwatz bei Rosin auf, wenn ich an St. Vincenz vorbei kam, aber ansonsten machte sich die gesellschaftliche Individualisierung auch in den Pfarrhäusern unserer Generation breit. Sie war als Braunschweiger Mentalität auch sonst immer stark ausgeprägt gewesen. Bei Brinckmeiers war das anders. Wir blieben im Gespräch.

Lukullische Amtskonferenzen

Normalerweise hätten die monatlichen Amtskonferenzen eine schöne Gelegenheit zum Austausch sein können. Aber dazu kam es nicht mehr.

Die früher üblichen Predigtvorbereitungen mit einer ausgiebigen Exegese des kommenden Bibeltextes, der Austausch über biblische Fragen anhand des Urtextes waren vollständig verebbt. Es juckte die Jüngeren auch nicht, den Text zu reizen und zum Sprechen zu bringen und auf die Zeit hin zu befragen. Das ging meist so los: "Was hat der Text mir persönlich zu sagen?" Man hatte nun auf seine Befindlichkeit zu sehen anstatt auf die Befremdlichkeit des Textes. Kuscheltheologie statt strenger Exegese.

Als wir einmal bei Pfarrer Willenbockel zusammen saßen und jemand eine Exegese vorlegte, indes in zehn Minuten zu Ende war und wir Älteren meinten, jetzt ginge es erst richtig los, verteidigte der Hausherr den Vortragenden dem Sinne nach: "Solche exegetischen Einzelheiten müsse man schon voraussetzen", und - husch - waren wir wieder bei den Auswirkungen des Textes bei uns ganz persönlich. Die wissenschaftliche Behandlung des biblischen Textes mit Hilfe des erlernten Handwerkzeuges war abhanden gekommen.

Statt dessen wurde nun in den Amtskonferenzen leidenschaftlich gefrühstückt, und zwar ziemlich ausgiebig, wie ich fand. Früher gab es nach der Predigtvorbereitung und vor dem zweiten Teil Tee und Kekse, heute ersetzte das Frühstück die Exegese. Mahlzeit. Alle Bemühungen auf Änderung scheiterten am lukullischen Zeitgeist. Das war übrigens nicht nur im Helmstedter Konvent so.

Krach am Ende der Sitzungsperiode

Die Sitzungsperiode der Propsteisynode 1984-1988 endete mit einem erheblichen Krach. Der Offleber Kirchenvorstand hatte im April 1987 beantragt, die Propsteisynode möge sich dem Beschluß der Propsteisynode Salzgitter-Lebenstedt anschließen, die sich gegen ein Atommüllendlager in Schacht Konrad ausgesprochen hatte.

Der Synodalvorsitzende Elshoff weigerte sich, den Antrag auf die Tagesordnung der Propsteisynode im Mai 1987 zu nehmen unter dem fadenscheinigen Vorwand, das Schreiben sei nicht rechtzeitig angekommen. Aber auch auf der Sitzung im November 1987 wurde der Antrag nicht auf die Tagesordnung gesetzt, sondern es sollte darüber debattiert werden, ob er überhaupt beraten werden sollte. Umweltfragen waren in der Region empfindliche Themen. Es kam zu einem Tumult im Stephanigemeindesaal. Ganz offensichtlich hatte Elshoff aber Rückenstärkung durch den Propsteivorstand. Die Propsteiordnung sah vor, daß der Vorsitzende die Tagesordnung bestimmte, bei exzessiver Auslegung dieser Ordnung konnte der Propsteisynodalvorsitzende alle Anträge und Wünsche zur Tagesordnung abschmettern.

Dieses Vorkommnis hatte zur Folge, daß sich die neue, im Januar 1989 gebildete Propsteisynode vornahm, sich eine Geschäftsordnung zu geben, in der das Antragsrecht gesichert war, indem ein Antrag an die Propsteisynode, der von sieben Synodalen unterstützt wird, dann auch behandelt werden muß. Das war eigentlich eine demokratische Selbstverständlichkeit.

Einige Themen der Propsteisynode 1989-1995

Am 12. Januar 1989 konstituierte sich die neue Propsteisynode. Ihr gehörten 58 Mitglieder an, davon 18 "geistliche" und 40 "weltliche". Von den sogenannten Nichtordinierten waren 25 Männer und 15 Frauen, von ihnen gaben sieben als Beruf Hausfrau an. In der Verwaltung arbeiteten neun Synodale, ebenso viele in erzieherischen Berufen, sechs in der Landwirtschaft, alle im Südkreis. Der Synode gehörte kein Arbeiter an und nur zwei Handwerksmeister. Diese Zusammensetzung wirft ein typisches Bild auf jene Berufsgruppen, die sich heute noch ehrenamtlich in der Landeskirche engagieren wollen.

Die Propsteisynode bildete einen Gesangbuchausschuß, der eine Stellungnahme zum neuen Evangelischen Gesangbuch abgeben sollte. Dem Ausschuß gehörten Barbara Eisenberg, Christa Herbst, Christa Pohlitz, Wolfgang Büscher, Martin Gelhar, Herr Kaufmann, Hans Jürgen Rabmund, Werner Rosin und ich an.

In sieben mehrstündigen Sitzungen von Januar bis Juli 1989 gingen wir den gesamten Vorentwurf des Gesangbuches durch und legten der Propsteisynode eine Empfehlung für den Gesangbuchausschuß der Landeskirche vor. Der Tenor der Empfehlung war konservativ. Der Ausschuß wünschte die Wiederherstellung bereits beseitigter alter Wendungen wie z.B. "All deine Licht zünd in uns an" statt des "Zünd deine Lichter in uns an" aus dem Morgenlied "All Morgen ist ganz frisch und neu" oder: in dem Osterlied "Gelobt sei Gott im höchsten Thron" wie bisher in Strophe 6 "Damit von Sünden wir befreit" statt "O mache unser Herz bereit". Allein dreizehn als "neu" gekennzeichnete Lieder sollten lieber wieder gestrichen werden, Choräle sollten ein bis zwei Töne tiefer, andere vierstimmig gesetzt werden. Einige Vorschläge haben sich auch durchgesetzt. "Jesus Christus das Leben der Welt" und "Freunde, daß der Mandelzweig" wurden im Stammteil gewünscht. Es war eine fruchtbare Arbeit am Gesangbuch und nur schade, daß wir nicht eine Themensynode in der Propstei veranstalteten.

Unsere Arbeit wurde ein Tagesordnungspunkt unter anderen auf der Propsteisynode vom 14. Juli 1989, an der auch Landesbischof Müller teilnahm. Frau Eisenberg und Herr Kaufmann berichteten von der Arbeit im Gesangbuchausschuß und erläuterten die Stellungnahme, die bei acht Gegen-stimmen und einer Enthaltung angenommen worden war. Die Synodalen übten sich nach einer lebhaften Aussprache unter Leitung von Herrn Kaufmann in einige neue Lieder ein. Im Gesangbuchausschuß der Landeskirche konnte ich diese Vorschläge dann weitertragen.

Wahl in die Landessynode

Pfarrer Adolf Nebel hatte drei Sitzungsperioden lang von 1970 an die Helmstedter Propstei in der Landessynode vertreten. Im strengen Sinn gibt es keine Regionalvertretung, weil ein Landessynodaler die ganze Landeskirche im Blick haben soll und für den Fall, daß ein gewählter Landessynodaler aus der Propstei verzieht, sein Mandat mitnimmt. Das ist aber eine formale Betrachtungsweise. Faktisch vertritt er doch aus seiner Kenntnis der inneren Verhältnisse seiner Propstei diese besondere Region der Landeskirche.

Pfarrer Nebel war im September 1989 60 Jahre alt geworden, ließ sich zum 1.1.1992 pensionieren und nicht wieder für die Landessynode aufstellen. Ich hatte Appetit auf die Landessynode, fand die nötigen Unterschriften für die Kandidatur und trat gegen Pfarrer Bringfried Wilhelm an, der seit Oktober 1984 Pfarrer an der Helmstedter Michaeliskirche war. Wilhelm galt als begabter Organisator, hatte ein tönendes pastorales Organ und war kirchenpolitisch unbeschrieben, also ideal für eine Mehrheit. Ich hatte mich dagegen unpopulär für den Erhalt von zwei deutschen Staaten öffentlich stark gemacht, war bei der CDU in Verruf und hatte mich als Herausgeber von "Kirche von Unten" ziemlich exponiert. Ich war daher selber überrascht, daß ich dann doch knapp mit 23:21 Stimmen bei einer Enthaltung und einer ungültigen Stimme gewählt wurde.

Anders als Wilhelm war ich 25 Jahre in der Propstei, kannte auch die Propsteisynodalen vor allem aus dem Südkreis, mit deren Stimmen ich dann vermutlich gewählt wurde. Aus der Propsteisynode wurden außerdem Verwaltungsdirektor Hans-Joachim Buttler, Helmstedt, Studienleiter Jürgen Rieckmann, Helmstedt, und der Landwirt Becker, Schöningen, in die Landessynode gewählt. Das waren erklärtermaßen konservative Vertreter. Sie schlossen sich dem Synodalen Arbeitskreis "Bugenhagen" an, der die kirchenpolitische Rechte vertrat und so saßen sie dann auch in der Landessynode: rechtsaußen vorne. Ich saß linksaußen hinten. Wir hatten für gemeinsame synodale Vorhaben leider keinen Kontakt.

Ich habe mich über die Wahl gefreut und ließ mich in den Gemeindeausschuß als theologischem Ausschuß und in den Finanzausschuß wählen. In der Landessynode gründete ich mit anderen neben den zwei bestehenden synodalen Arbeitskreisen Bugenhagen (rechts) und AK 70 (reformerisch) einen dritten "Solidarische Kirche", in der sich vor allem die Neuen und Wilden sammelten. Im Offleber Pfarrhaus hielten wir die programmatische Gründungsversammlung, einigten uns auf einen "chaotisch intensiven" Arbeitsstil und ich machte den Schriftführer. Der Arbeitskreis war zweckmäßig für Vorabsprachen, Berichte aus den anderen Ausschüssen und für das Einbringen von Anträgen. In "Kirche von Unten" berichtete ich regelmäßig über die Vorgänge und Hintergründe aus der Landesynode und erhielt darauf ein erfreuliches und auch kritisches Echo. Ich versuchte, auch die Propsteisynodalen gründlich zu unterrichten, aber das Interesse war doch eher gering.

Die politischen Ereignisse 1989/90 machten sich auch in der Propsteisynode bemerkbar. Am 11. Mai 1990 berichtete Domprediger Quast aus Magdeburg von der spannungeladenen Situation am 9. Oktober 1989, als der Dom und der Domplatz übervoll waren und die Polizei 20.000 Mann zusammengezogen hatte. Er äußerte auch Probleme hinsichtlich des Zusammenschlusses mit den westdeutschen Landeskirchen. Er plädierte gegen den automatischen Abzug der Kirchensteuer von der Lohnsteuer und gegen die Einführung des westdeutschen Religionsunterrichtes in den Schulen.

Das Referat der Studienrätin Dr. Birgit Schneider, Dietzenbach, über "Möglichkeit und Gefahren der Gentechnologie" auf der Propsteisynode im Oktober 1990 löste eine ungewohnt lebhafte Debatte aus. Das Referat war in den Arbeitstexten der Evangelischen Zentrale für Weltanschauungsfragen enthalten. Die Referentin warnte in ihrem Fazit vor pauschaler Ablehnung der Gentechnik und vor kritikloser Befürwortung. Ihr Arbeitstext schließt mit einer Kundgebung der EKD vom November 1987, in der um des Kindes willen vor einer Manipulation von Zeugung, Empfängnis und Schwangerschaft gewarnt wird und gezielte Eingriffe an menschlichen Embryonen als unvertretbar abgelehnt wurden.

Die Propsteisynode war mit neuem Schwung gestartet. Erstmals wurde sogar über ein hochaktuelles Umweltthema debattiert. Fünfzehn Propsteisynodale vor allem des Südkreises hatten dazu die Einberufung einer Sondersynode beantragt. Am 16. Oktober 1992 referierte Frau Dorothea Janzen-Pöhlmann aus der Sicht der Helmstedter Bürgerinitiative und Herr Schulze, technischer Mitarbeiter, über das Morsleber Endlager für radioaktiven Müll. Nach einer ausgiebigen Debatte nahm die Propsteisynode einen bemerkenswerten Antrag von zwölf Synodalen an, in dem die Propsteisynode ihre Besorgnis über Vorgänge im Atommüllendlager Morsleben äußerte. Die Kirchenvorstände wurde aufgefordert, bei ihre Winterarbeit sich weiterhin mit diesem Thema zu beschäftigen.

Der Beschluß hatte folgenden Wortlaut:

"Wir sind besorgt über die Vorgänge um das Atommüllendlager Morsleben. Wir empfehlen den Kirchengemeinden, sich in der Winterarbeit mit dem Für und Wider eines Atommüllendlagers Morsleben zu beschäftigen. Eine weitere Einlagerung von Atommüll halten wir nur dann für verantwortbar, wenn nach einem nach rechtsstaatlichen Gesichtspunkten durchgeführten Planfeststellungsverfahren eventuelle Sicherheitsbedenken ausgeräumt sind."

Es waren leider nur 29 Synodalmitglieder erschienen. Das entsprach dem allgemeinen kümmerlichen Interesse.

In Kirche von Unten schilderte ich die Problematik ausführlich unter der Überschrift "Das Atomklo vor dem Hochaltar von St. Stephanie".

Neu war auch die Verzahnung mit Themen in der Landessynode. Im Herbst 1992 tagte die Landessynode über das Thema "Die Alten in Gesellschaft und Kirche". Der Organisator dieser Themensynode, der Schulamtsdirektor Hans Werner Fechner kam als Hauptreferent zur Propsteisynode am 8. Mai 1992 nach Esbeck und führte ausgiebig in das Thema ein.

Auf der Maisynode 1993 stellte sich der Goslarer Pfarrer Heinz Fischer den Synodalen für das Propstamt vor. Er blieb der einzige Kandidat und wurde als Nachfolger von Dieter Jungmann gewählt.

Am 29.4.1994 wurde ein Umweltausschuß der Propsteisynode gebildet, der sich besonders mit dem von der BKB geplanten Müllstandort Esbeck-Schöningen und im Alversdorfer Tagebau beschäftigen sollte. Treibende Kraft dieses Ausschusses wurde Susanne Proetzel aus Esbeck. Auf ihre Initiative hin wurden später "Umwelttage der Propstei" veranstaltet, die auf erfreuliches Interesse stießen.

Der Golfkrieg 1991

Am 17. Januar 1991, dem Tag, an dem Bundeskanzler Helmut Kohl zum vierten Mal zum Bundeskanzler gewählt wurde und zum ersten Mal als Bundeskanzler des geeinten Deutschland, ausgerechnet an diesem Tag begann der Golfkrieg.

Der irakische Diktator Saddam Hussein hatte im Sommer 1990 Kuwait besetzt. Diplomatische Bemühungen, ihn zum Rückzug zu bewegen, waren vergeblich gewesen. Nun hatte ihm die UNO ein Ultimatum für den Rückzug bis zum 16. Januar 1991 gesetzt. Dann sollte der Westen freie Hand für ein militärisches Eingreifen haben. Aber worum ging es eigentlich? Es ging nicht darum, einen durchgeknallten Diktator zu bändigen. Er war ja von den Westmächten Jahre zuvor gut aufgerüstet worden. Es ging auch nicht darum, in Kuwait "die Demokratie zu verteidigen" oder einzuführen. Dort herrschte ein steinreicher Familienclan, die wenigen Staatsbürger zahlten keine Steuern. An ihre Verantwortung für die sogenannte "Dritte Welt" zu erinnern, hatten die Westmächte bisher versäumt. Die Bedrohung Kuwaits durch Irak berührte die amerikanischen Ölinteressen. Nichts weiter.

Was hatte die Kohlregierung in diesem Konflikt zu suchen? Mußte sie jetzt den Preis für die Unterstützung bei der Vereinigung Deutschlands durch die Alliierten vor einem halben Jahr bezahlen? Hosang bezeichnete in einem Leitartikel der BZ vom 14. Januar die Lage als "die schwerste Krise in der Nachkriegsära."

In ganz Europa gingen an dem letzten Wochenende vor Ablauf des Ultimatums 500.000 Demonstranten auf die Straße. Der Bundestag hielt eine Sondersitzung ab. Im Rahmen der Nato wurden deutsche Piloten in die Türkei verlegt. Schüler und Studenten gingen in Braunschweig, Helmstedt, und Schöningen auf die Straße.

Bereits einen Tag nach Ablauf des Ultimatums schlugen irakische Raketen in Tel Aviv ein. Es hieß, Saddam werde die Infanteriegräben mit Öl füllen und anstecken oder beim Rückzug eine ungeahnte ökologische Katastrophe hinterlassen.

In der Propstei blieben die Kirchen für Friedensgebete geöffnet. Schon 1983, als die Rüstungsfrage für viele zur Bekenntnisfrage geworden war, war mir das Nein der Kirche zu labbrig und unentschieden. Segnen oder fluchen - vor dieser Überlegung stand die Kirche. Mich brachten die frommen Bilder aus Amerika, in denen der US-Präsident beim Beten gezeigt wurde und dieser Krieg um den wirtschaftlichen Einfluß von Amerika noch religiös überhöht wurde, an den Rand des Faßlichen.

Ich schrieb meine Gedanken dazu kurz auf.

"Die Kirche kann segnen, die Kirche kann verfluchen.

Zeichen einer grundlegenden Umkehr sind nicht sichtbar.

Zu Beginn einer neuen, sich furchtbar steigernden Phase des Golfkrieges verfluchen wir die an der Aufrüstung des Iraks beteiligte Industrie,

als westdeutsche Kirche aber die westdeutsche Aufrüstungsindustrie.

Auf ihren Gewinnen ruht kein Segen.

Wir verfluchen die deutsche Regierung und ihre Minister, die vielfältig in die Aufrüstungsexportpolitik verstrickt ist.

Sie verlästert den Geist Gottes. Es gibt daher keine Gemeinschaft mit ihr, gerade weil wir allen das Evangelium schuldig sind. Unter dem Deckmantel des "Christlichen" dient sie dem Bösen."

Ich wurde davon befreit, diese deutliche Stellungnahme unter den Amtsbrüdern herumzureichen. In Braunschweig war eine andere formuliert worden, die ich für viel zu schwach hielt, aber trotzdem unterstützte.

Pfarrerinnen und Pfarrer der Braunschweiger Landeskirche erklären:

Wir verurteilen jegliche Kriegshandlungen in der Golfregion. Es darf von Gottes Willen kein Krieg sein. Er kann den Einsatz von Massenvernichtungswaffen zur Folge haben und eine ökologische Katastrophe von unabsehbaren Schäden hervorrufen. Seit der Vollversammlung des Weltkirchenrates in Vancouver gilt: "Schon die Herstellung und Stationierung von Kernwaffen sowie deren Einsatz sind ein Verbrechen gegen die Menschheit." Krieg ist eine Sünde wider Gott.

Viele Christen warten auf eindeutige und entschiedene Stellungnahmen der Kirchen und Gemeinden zur Friedensfrage am Golf.

Wir fordern die kirchenleitenden Gremien und Verantwortungsträger der Braunschweigischen Landeskirche auf, in öffentlichen Verlautbarungen eine unmißverständliche Verurteilung der derzeitigen Kriegshandlungen am Golf auszusprechen und nichtmilitärische Wege der Konfliktlösung einzufordern.

Für uns gilt: "Wer zum Schwert greift, wird durch das Schwert umkommen" (Jesus von Nazareth).

Albath, Hartmut; Althaus, Hans Ludwig; Apelt, Werner; Arnold, Reinhard; Austen, Edgar; Ball, Jens; Barsnick, Hartmut; Behrens, Wilfried; Biersack, Manfred; Binder, Eckehard; Böhm, Ina; Böhnig, Hans Gerhard; Brauer, Mechthild; Brückner, Reinhard; Ermerling, Ute; Etzold, Eckhard; Fay, Albrecht; Fincke, Eberhardt; Fischer, Thomas; Freiesleben, Wolfhart; Fromm, Jörg; Gerlof Kingreen, Gudrun; Gresing, Stefan; Grotjahn, Friedrich; Hahn, Cornelius; Hennig, Peter; Hille, Johannes; Hinrichs, Gerhard; Knackstedt, Alexander; Köhler, Harry; Kuessner, Dietrich; Labuhn, Martin; Lorenz, Nikolaus; Meyer, Herbert; Meyer-Siebert, Johann Peter; v. Monkiewitsch, Dankmar; Morfeld, Detlef; Muthmann, Johannes; Naumann, Jürgen; Pape, Matthias; Pfau, Michael; Poser, Michael; Prüße, Günter; Römer, Ulrich; Schreiber, Joachim; Schumacher, Detlef; Stahl, Dietrich; Stammberger, Helmut; Teichmann, Christian; Vollhardt, Wolf-Dietrich; Wilhelm, Bringfried; Winkel, Hellmut; Wrede, Hartwig.

18. Januar 1991

Ich wurde gebeten, bei einer von den Grünen am 19. Januar 1991 veranstalteten Demo in Helmstedt die Ansprache zu halten.

Ansprache bei der Demonstration gegen den Golfkrieg in Helmstedt

"Liebe Leute,

die Helmstedter können sich was darauf einbilden, daß die Protestwelle "kein Blut für Öl" auch nach Helmstedt geschwappt ist. Mit den Tausenden Demonstranten am Donnerstag im Land Braunschweig und den Zehntausenden aus den Schulen gestern in den niedersächsischen Städten markieren wir an dieser Stelle unsern wütenden Protest gegen den Weltkrieg im Nahen Osten. Er hat sich von der Golfregion längst ausgeweitet.

Sie sagen uns, ihr hättet am 2. August demonstrieren sollen, als Irak Kuwait überfiel und das Völkerrecht mit Füßen trat. Wir erwidern ihnen: der sogenannte Golfkrieg begann nicht am 2. August, sondern an jenem Januartag 1981, als der amerikanische Präsident erklärte: "Es gibt wichtigeres als den Frieden"; und: "Wir werden unsere nationalen Interessen einem nuklearen Konflikt vorordnen." Und damals haben wir protestiert.

Wir sind erbittert, daß die internationalen Wirtschaftsinteressen hemmungslos einen ökologischen Supergau am Golf in Kauf nehmen. Die sollen uns noch mal was erzählen von dem schmalzigen Ausgleich von Ökonomie und Ökologie. Und was die Bombardierung der irakischen Atom- und Chemieindustrie ökologisch bedeutet, so was fällt unter die Pressezensur. Die internationale Rüstungsforschung hat natürlich von einem so billigen Experimentierfeld weit ab von den Laboratorien zu Hause bisher vergeblich geträumt. Nun machen sie ihre blutigen Träume wahr.

Sie versuchen uns und sagen: in einem Jahr hätte Irak die Atombombe und das sei doch viel schlimmer. Wir erwidern ihnen: es ist den Müttern und Kindern im Nahen Ostern gewiß gleichgültig, ob sie von der Atomstreitmacht USA oder Iraks getötet werden. Es gibt keine Spur der Rechtfertigung für diesen Krieg.

Seht statt dessen ein, daß das System der Abschreckung seit dem Golfkrieg unübersehbar versagt hat. Von jetzt an ist die sogenannte Abschreckung nichts weiter als die Vorspeise zum folgenden Raketen- und Kanonenfutter.

Auf der erste Seite des Kriegstagebuches steht klein und an der Ecke "Made in Germany". Die blutsaufende deutsche Rüstungsexportindustrie hat für ihre saftigen Profite alle moralischen Bedenken fallen gelassen. Die deutsche Industrie verströmt einen Leichengeruch über unser Volk und die Grenzen. Die von ihr gesponserte Regierung in Bonn verheimlicht im Bundestag diese vergiftete Quelle des Golfkrieges. Sie ist ja selber durch Waffenlieferungen aus den ehemaligen DDR-Beständen, mit Steuergeldern und dem Einsatz von Marine und Luftwaffe in Spannungsgebieten direkt am Krieg beteiligt. Das ist der furchtbare Preisabschlag für die von den Alliierten genehmigte Vereinigung. Unser Abcheu gilt beiden: der Industrie und ihrer Regierung.

Unser Abscheu gilt aber auch jenen evangelischen und katholischen Bischöfen, die mit der einen Hand Militärseelsorge betreiben - und was ist das anderes als Seelenmassage für den Ernstfall - und mit der anderen Hand Verwundeten und betroffenen Familien den abgestandenen Trost spenden: wer den Heldentod stirbt, werde selig. Wer den Heldentod stirbt, steht am Eingang zur Hölle.

Aber es gibt auch hoffnungsvolle Zeichen: die Zahl der Kriegsdienstverweigerer gerade unter den Reservisten ist in Braunschweig sprunghaft angestiegen. Die Entsorgung der Bundeswehr hat begonnen, und sagt es weiter: verweigert jetzt! Dazu ist es nie zu spät. Erkundigt euch bei den Zivildienstleistenden etwa beim Paritätischen Wohlfahrtsverband. Und den Nachbarn in Haldensleben rufen wir zu: die Einberufung ist die schäbigste Form der Eingliederung in den Westen.

Am 14. Februar wollen wir ein weiteres hoffnungsvolles Zeichen hier in Helmstedt setzen. Der Helmstedter Bürgermeister hat den Gipfel der Geschmacklosigkeit erklommen und für diesen Tag zum Öffentlichen Gelöbnis auf den Holzberg eingeladen. Diesen Porno des Helmstedter Bürgertums wollen wir musikalisch begleiten mit Rasseln und Pfeifen, mit Flöten und Pauken, weil wir die Hoffnung immer noch nicht aufgegeben haben, daß wir den Krieg überwinden werden."

In Bonn hatten am 26. Januar 1991 200.000 Bürgerinnen und Bürger gegen den Golfkrieg demonstriert.

Am 27. Februar gab Hussein seine Annektionspläne auf und zog sich aus Kuwait zurück. Der Versuch der Amerikaner, Hussein durch die Bombardierung Bagdads und Zerstörung dieses alten biblischen Kulturlandes im eigenen Land zu besiegen und andere politische Verhältnisse im Irak einzuführen, scheiterten. Im März äußerte sich der deutsche Finanzminister, daß Deutschland 17 Milliarden DM für diesen Krieg an die USA zahlen würde. Deutschland war also am Krieg beteiligt. Nicht mit Truppen, aber mit Gedanken, Worten und Werken.

Jahrelang wurde Irak von einem Wirtschaftsboykott getroffen, der schwere Verwüstungen in der Bevölkerung auslöste. Es gelang dieser Boykottpolitik nicht, Hussein politisch zu beseitigen oder auch nur von seiner Bevölkerung zu trennen.

Eine wütende, ehrliche, polemische Erklärung in Sachen Stolpe 1992

Der Theologieprofessor Gerhard Besier veröffentlichte 1991 das umfangreiche Buch "Pfarrer, Christen und Katholiken", in dem er nach einer knappen Darstellung der Geschichte der evangelischen Kirche in der DDR von 1945 bis 1989 eine mehrere hundert Seiten umfassende Dokumen-tation von Stasidokumenten veröffentlichte und große Teile der DDR-Kirchenleitung der Kumpanei mit der Stasi verdächtigte.

Die Stasi hatte auch Verbindungen in den kirchlichen Westen und alle Synodalen der EKD-Synode sowie deren Stellvertreter ließen sich auf Stasikontakte untersuchen. Da ich damals auch stellvertretendes Mitglied der EKD-Synode gewesen war, wurde ich auch gefilzt und bekam vom Synodenbüro den Bescheid, daß ich unverdächtig sei und keine Verbindungen zur Stasi nachweisbar seien.

Den Kumpanei-Verdacht von Besier, der persönlich ganz offensichtlich von politisch halblinks nach rechts abgewandert war, fand ich im höchsten Maße ungerecht und unhistorisch. Mit Stasidokumenten war schon ein anderes prominentes Mitglied der DDR-Kirche, der CDU-Ministerpräsident de Maiziére von Kohl in die Wüste geschickt worden. Der SPIEGEL beteiligte sich in einer mir unerklärlich hartnäckigen Weise an immer neuen "Enthüllungen". Auch kirchliche Gremien befaßten sich mit den Stasi-Kontakten der DDR-Kirchenleitung.

Die DDR-Kirchen hatten aus meiner Sicht einen nicht unerheblichen Vorsprung gegenüber den lutherischen Westkirchen: sie hatten früher als die Westkirchen unter sehr viel schwierigeren gesellschaftlichen Bedingungen die Friedensfrage aufgeworfen und in der Weltkirchenkonferenz in Vancouver die Ächtung der Herstellung und Stationierung von Massenvernichtungsmitteln gefordert. Die Friedensdekade war eine Anregung der DDR-Kirchen. Das Gebet für gesellschaftliche Erneuerung empfand ich als vorbildlich. So was hätte ich mir in dieser Verbreitung auch im Westen gewünscht. Die DDR-Kirchen lebten in einer Minderheitssituation, die ich auch für die Bundesrepublik kommen sah. Nun empfand ich, daß alle diese Ansätze durch die West-CDU und die konservative Westpresse besserwisserisch am Beispiel von Manfred Stolpe in den Dreck gezogen wurden, was mich wütend machte. Ich ließ eine polemische Erklärung kursieren.

Eine wütende, ehrliche, polemische Erklärung in Sachen Stolpe

Anläßlich der Aussprache der EKD-Synode auch über Manfred Stolpe und die damit verbundene Rolle der Kirche in der DDR erklären wir Mitglieder der Braunschweigischen ev.-luth. Landeskirche:

Erklärung in Sachen Stolpe

1. Die Rolle der evangelischen Kirche in der DDR kann nur zusammen mit der Rolle der evangelischen Kirche in der BRD diskutiert werden. Der Formel "Kirche im Sozialismus" entspricht die Formel "Kirche im Kapitalismus". Es kann das eine nicht verwerflich und das andere verdienstlich sein.

2. Die Darstellung der Rolle der Kirche in der DDR am Beispiel Manfred Stolpe wird schwer beeinträchtigt durch immer neu auftauchende Dokumente und Unterlagen, die den Charakter einer Kampagne tragen. Der SPIEGEL hat offensichtlich seit Januar 1992 die Absicht, durch immer neue "Enthüllungen" den Status der Kirche zu beschädigen. Wir betrachten dies nicht nur als eine Alterserscheinung des Herausgebers, sondern als politisches Spiel. Aber auch CDU-Organe auf verschiedenen Ebenen haben ein massives Interesse am Sturz von Stolpe als Ministerpräsident. Wir halten es für schäbig, dazu das Feld der Darstellung der Kirche in der DDR zu mißbrauchen. Das Urteil des Evangelischen Arbeitskreises der CDU über die Rolle der Kirche in der DDR stand bereits seit 1989 fest, als dieser Arbeitskreis jene peinliche, diskriminierende Liste über Bischöfe und Kirchenrepräsentanten der DDR veröffentlichte. Wir halten es für einen Witz, daß ausgerechnet der SPIEGEL und CDU-Organe für Hygiene in der evangelischen Kirche sorgen wollen.

3. Die Verbindung des früheren Innenministers Dr. Schäuble zum Stasi-Oberst Schalck-Golodkowski und das Auftreten von Dr. Schäuble vor dem Schalck-Untersuchungsausschuß, das der Glaubwürdigkeit von Politik im Westen schwer geschadet hat, zeigt drastisch, welche tief greifende Verbindungen zur Stasi von westlicher Regierungsseite her bestanden haben. Es ist uns unfaßbar, daß frühere Kirchenverbindungen von Stolpe zum Stasi heute Gegenstand einer politischen Kampagne sind, während die gegenwärtigen Verbindungen staatlicher und wirtschaftlicher Stellen zu Schalck geduldet werden, nur weil die Schalck-Millionen sich bereits im Geldkreislauf des Westens befinden. Was ist schließlich an der Behauptung, daß sich ein führender Stasi-Mann aus der Stasi-Kirchenabteilung schon 1991 dem Bundeskanzleramt offenbart hat?

4. Für besonders lächerlich halten wir es, die Rolle der Kirche der DDR auf der Ebene von Ordensverleihungen zu diskutieren. Wieviel DDR-Orden haben wohl Mitglieder der Ost-CDU erhalten, ohne daß dies zu Recht Folgen innerhalb der CDU gehabt hat? Und welche Orden von südamerikanischen Diktatoren sind von Bundes-Politikern strahlend in Empfang genommen worden?

5. Irritiert sind wir auch von den einseitigen politischen Reinheitsvorstellungen der Bürgerrechtsbewegung der DDR. Wer den Rücktritt Stolpes wegen seiner Verbindungen zur Stasi fordert, muß auch den Rücktritt Kohls wegen des Honnecker-Empfanges mit der DDR-Hymne und DDR-Fahne in Bonn fordern. Wie würde heute die konservative Westpresse schäumen, wenn damals noch ein SPD-Politiker Bundeskanzler gewesen wäre? Wir verstehen es nicht, daß sich Teile der Bürgerrechtsbewegung der DDR für die heuchlerische CDU-Politik instrumentalisieren lassen.

6. Für völlig ungeklärt halten wir die Rolle des Verfassungsschutzes. Wie ist die Aktenlage des Verfassungsschutzes? Hat er der Gauckbehörde alle Unterlagen ausgeliefert? Was hat sich der westdeutsche Geheimdienst aus der Normannenstraße und von anderswoher besorgt? Ist ernsthaft auszuschließen, daß auch der Verfassungsschutz an der Kampagne gegen Stolpe und gegen das Modell "Kirche im Sozialismus" beteiligt ist?

7. Wir halten eine Beschreibung der Kirche in der DDR für wünschenswert im Zusammenhang mit einer Beschreibung der engen Verbindungen von Staat und Kirche in der BRD. Es gibt nicht wenige unter uns, die unter diesen engen Bindungen noch heute stöhnen und sie für dringend diskussionswürdig halten.

Christian Anton, Pfarrer, Braunschweig; Werner Apelt, Pfarrer, Braunschweig; Renate Apelt, Lehrerin, Braunschweig; Hartmut Barsnick, Pfarrer, Athenstedt; Manfred Biersack, Pfarrer, Wedtlenstedt; Elvira Blanck, Küsterin, Offleben; Liane Blanck, stud., Braunschweig; Ingrid Blöhbaum, Hausfrau, Braunschweig; Reinhard Brückner, Pfarrer, Braunschweig; Margrit Dross, Dipl. Psychologin, Braunschweig; Reinhard Dross, Professor, Braunschweig; Herbert Erchinger, Pfarrer, Braunschweig; Albrecht Fay, Pfarrer, Braunschweig; Eberhard Fincke, Pfarrer, Braunschweig; Jörg Fromm, Pfarrer, Braunschweig; Michael Gehrke, Studienrat, Helmstedt; Dieter Hansmann, Pfarrer, Braunschweig; Gerhard Hinrichs, Pfarrer, Braunschweig; Dietrich Kuessner, Pfarrer, Offleben; Herbert Meyer, Pfarrer, Braunschweig; Klaus Pieper, Pfarrer, Braunschweig; Heide Quandt, Hausfrau, , Braunschweig; Martin Quandt, Pfarrer, Braunschweig; Peter Schellberg, Pfarrer, Büddenstedt; Brigitte Schwarz, Hausfrau, Offleben; Rüdiger Schwarz, Hausmeister, Offleben; Jutta Seidlich, Hausfrau, Offleben; Heilgard Stieber-Fincke, Lehrerin, Braunschweig; Wolf Dietrich Vollhardt, Pfarrer, Ackenhausen; Andreas Wölfle, Vikar, Braunschweig.

(abgedruckt in Kirche von Unten, Heft 64, November 1992)

Bereits der erste Rundlauf stieß auf ein erfreuliches Echo. Viele andere Unterschriften folgten. Insgesamt 120 Kirchenmitglieder, darunter 40 Pfarrer, haben unterschrieben

Der Landessynodale Adam brachte die Sache am Sonnabend vor dem 1. Advent, dem 28. November 1992, spät nach 20.00 Uhr auf meine Bitte hin vor das Plenum der Landessynode. Alles wollte nach Hause. Eigentlich sollte der Wortlaut der Erklärung der Landessynode zur Abstimmung vorgelegt werden.

Pfarrer Adam von der Johanniskirche in Wolfenbüttel hingegen hatte den wohl taktisch richtigen Einfall, der Landessynode lieber ein entschärftes Papier vorzulegen. Der Antrag lautete nunmehr:

"Die Landessynode möge beschließen:

Die Landessynode nimmt zustimmend von der Erklärung der Synode der EKD über den "Fall" Stolpe zur Kenntnis.

Sie unterstützt das Anliegen nach einem Höchstmaß an Offenheit und Ehrlichkeit bei der Aufarbeitung der Rolle der "Kirche im Sozialismus". Sie macht jedoch darauf aufmerksam, daß in diesem Zusammenhang auch die Rolle der Kirche in der alten BRD kritisch betrachtet und aufgearbeitet werden muß, sowohl, was ihr Verhältnis zum Staat angeht, als auch ihre Rolle im Miteinander der beiden ehemaligen Staaten. Ebenso darf nicht übersehen werden, daß staatliche Stellen ebenfalls Kompromisse mit der DDR eingegangen sind, die im Nachhinein als problematisch anzusehen sind, wie z.B. Milliardenkredite, die das System der DDR gestützt haben oder auch der Staatsempfang für Erich Honnecker.

Eine von der Landesynode zu beauftragende Arbeitsgruppe soll sich mit diesem Thema befassen."

An der Debatte beteiligte sich kein Synodaler aus dem Plenum, sondern nur der Vizepäsident v. Bülow, der Landesbischof, der Synodalpräsident Eckels und OLKR Becker und zwar mit der deutlichen Tendenz, den zweiten, eigentlichen kritischen Abschnitt zu Fall zu bringen. Die Synode zerstückelte den Antrag, stimmte dem ersten Absatz zu und verwies den Rest zurück an den Gemeindeausschuß. Eine Arbeitsgruppe für die Bearbeitung des an den Gemeindeausschuß überwiesenen Teiles ist nie eingerichtet worden.

Das Sekretariat von Stolpe reagierte freundlich.

Stolpe wurde zum Bußtag 1999 in den Braunschweiger Dom zur Predigt eingeladen. Da erinnerte sich schon keiner mehr an unseren Vorstoß und unsere Solidarität.

Streitpunkt Abendmahl 1994

Es gab immer neue Anlässe, sich über das Abendmahl zu streiten. Pastor Büscher hatte in der St. Christophoruskirche hinter dem Altar ein ursprünglich nicht vorgesehenes Tabernakel angebracht. Richtig fest in die Wand. Als er in den Ruhestand ging, war fraglich, ob das so bleiben sollte. Ein Nachfolger mochte andere theologische Ansichten haben.

Da erreichte im Februar 1994 die PfarrerInnen der Propstei ein Brief von Landesbischof Müller, in dem er einige Grundsätze zum Abendmahlsverständnis skizzierte. Die von Luther betonte Realpräsenz sollte der Abwehr unsachgemäßer Vergöttlichung dienen und zugleich unterstreichen, daß daraus keine "rein menschliche Angelegenheit" gemacht werde dürfe. Nach dem Ende der Abendmahlsfeier sollte der Rest des Abendmahlsweins ausgetrunken oder ins Erdreich verbracht werden. Es gebe keine Anbetung von Oblaten. Ein Tabernakel habe in einer lutherischen Kirche keinen Platz.

Das waren einige praktische Klarstellungen mit Folgerungen für die Praxis. Tatsächlich wurde das Tabernakel in der Christophoruskirche in Helmstedt abgebaut

Der Besuch eines Gottesdienstes in der St. Christophoruskirche, der im Sommer 1994 von Propst Heinz Fischer gehalten wurde, löste bei der Offleber Küsterin Elvira Blank und bei mir zwiespältige Gefühle aus. Der Propst hielt die Oblate hoch und kniete vor ihr, er trank die Weinreste aus dem Kelch und wischte diesen vor der Gemeinde mit einem Tuch noch feierlich aus. Haben die keine Sakristei, wo sie die Geräte abwaschen können, dachte ich mir. Elvira fühlte sich in eine katholische Kirche versetzt. Wird sich die fundamentalistische Brüderntheologie auch auf der Propst-Ebene fortsetzen? Heinz Fischer war gerade erst im März 1994 in sein Amt als Propst eingeführt worden. Mir waren diese katholisierenden Gebräuche an ihm neu, denn wir kannten uns seit mehr als zwei Jahrzehnten und duzten uns. Dieser Gottesdienst aber löste bei mir erhebliche Bedenken aus, die ich in zehn Thesen zum Abendmahl zusammenfaßte und an einige Kollegen verschickte.

Das Echo war gemischt: bei den der Kirchengemeinde Brüdern/Ulrici nahestehenden Kollegen natürlich ablehnend, bei anderen zustimmend, wieder bei anderen kein Interesse, weil sie die Fragestellung nicht berührte oder sie diese antiquiert fanden. Ein halbes Jahr später spießte der Kollege Greve aus der Walpurgisgemeinde diese Thesen auf und befand: "Herr Kuessner widerspricht dem biblischen Zeugnis, dem lutherischen Bekenntnis, der gottesdienstlichen Tradition des Luthertums und der Agende, wenn er schreibt. »Es gibt keinen Augenblick während der Abendmahlsfeier, in dem sich Leib und Blut Christi auf dem Altar befinden«." Das wäre wohl eines Gespräches im Pfarrkonvent würdig gewesen. Aber der Propst vermutete einen "Nebenschauplatz" in kontroversen Fragen und wich einem streitbaren Gespräch aus.

Entwurf für eine Braunschweiger Verabredung über das Verständnis des Abendmahls

Es gibt keinen Augenblick während der Abendmahlsfeier, in dem sich Leib und Blut Christi auf dem Altar befinden. Wir feiern im Abendmahl die Gegenwärtigkeit des auferstandenen Christus. Wir erinnern an die Leuenberger Konkordie, in der es heißt: "Wenn wir das Abendmahl feiern, verkündigen wir den Tod Jesu, durch den Gott die Welt mit sich selbst versöhnt hat. Wir bekennen die Gegenwart des auferstandenen Christus unter uns. In der Freude darüber, daß der Herr zu uns gekommen ist, warten wir auf seine Zukunft in Herrlichkeit" (Leuenberger Konkordie 16).

1) Diese Gegenwärtigkeit des Auferstandenen haben wir uns nicht etwa im Zusammenhang erst mit dem Zitieren der Einsetzungsworte zu denken. Wir feiern sie bereits mit dem Beginn des Gottesdienstes.

2) Die Einsetzungsworte sind laut gesprochene Verkündigung des Evangeliums. Es wäre zu erstreben, daß diese Einsetzungsworte von der ganzen feiernden Gemeinde gesprochen würden. Bei dem gedehnten Sprechgesang der Einsetzungsworte zu den Worten "das ist mein Leib" und "in meinem Blut" und dem Kreuzschlagen, kann sich das Mißverständnis irgendwelcher Art von "Wandlung" oder Hervorhebung dieser Stelle einstellen. Es ist daher besser, wenn überhaupt, das Kreuzeszeichen zu den Worten "zu meinem Gedächtnis" zu machen.

3) Wir empfangen beim Essen des Brotes und beim Trinken des Weines oder Saftes auch nicht den Leib und das Blut Jesu. Es hat sich gerade bei dieser Stelle des Gottesdienstes eine gespreizte, falsche Feierlichkeit und "Heiligkeit" eingebürgert. Sondern "in, mit und unter" dem Essen und Trinken feiern wir das Gedächtnis von Tod und Leben Jesu und die Gegenwärtigkeit des Auferstandenen. Die Spendeformel "Christi Leib für dich gegeben" ist mißverständlich. Sie suggeriert die fatale Vorstellung, als ob sich der Leib Christi in den Händen des oder der Austeilenden befände, der nun ausgeteilt würde.

4) Die Gegenwärtigkeit des auferstandenen Christus unter Brot und Wein/Saft ist im Grunde keine andere als unter dem Hören der Predigt, unter dem Singen und Beten der Gemeinde. Es gibt keine abgestufte, womöglich sich steigernde Intensität der Gegenwärtigkeit Christi. Sie gibt sich im Abendmahl zwar unter einem anderen Zeichen zu erkennen, aber wir feiern diese Gegenwärtigkeit des auferstandenen Herrn bereits zu Beginn des Gottesdienstes. Der Anschein, als ob die Abendmahlsfeier eine besondere Intensität Christi vermittele, halten wir für irreführend.

5) Eine Anbetung der durch das Zitat der Einsetzungsworte "konsekrierten Hostie" als wahren Leib Christi gehört nicht in einem evangelischen Gottesdienst. Eine Anbetung wird in der Brüdernkirche, in der Christophorus- und in der Walpurgiskirche dergestalt vollzogen, daß der Pfarrer nach den Einsetzungsworten die Oblate in die Höhe hebt und danach eine Kniebeuge vor ihr macht. Wir sind erschrocken, daß dieser durch und durch katholische Ritus in evangelischen Kirchen unserer Landeskirche immer noch gebräuchlich ist und durch Visitationen nicht beseitigt worden ist.

6) Inzwischen gibt es auch wieder Tabernakel im evangelischen Gottesdiensträumen unserer Landeskirche. Wir fordern die Kirchenleitung auf, Tabernakel aus den Kirchen unserer Landeskirche entfernen zu lassen, soweit sie nicht aus kunsthistorischem Interesse verbleiben sollen.

7) Auch das Vermischen des Weinrestes mit Wasser, das dann vor der Gemeinde ausgetrunken wird und das folgende öffentliche Säubern des Kelches gehören nicht in einen evangelischen Gottesdienst. Es ist nur im katholischen Meßgottesdienst verständlich, in dessen Verlauf Wein zu Blut gewandelt wird, und nun "kein Tropfen Blut" verschüttet werden soll.

8) Die Bezeichnung des Abendmahlsgottesdienstes als Hl. Messe ist besonders in Kirchennachrichten und Gemeindebriefen irreführend.

9) Die Akzente bei der Feier des Abendmahls haben sich verschoben. Während für die Generation der Väter und Großväter der Gedanke der Sündenvergebung im Zentrum der Abendmahlsfeier stand, so sind es heute die Momente der Gemeinschaft, des Teilens und der Freude, die die Abendmahlsfeier bestimmen.

Ich wollte hiermit ein theologisches Gespräch in unserer Landeskirche über die Breite des unter uns üblichen Abendmahlsverständnisses auslösen, wie es erneut um die Pastorinnenfrage aufgeflammt war. "Bloß keinen Abendmahlsstreit" war jedoch die Devise von Oberlandeskirchenrat Becker, der wohl auch im Hinblick auf die Ökumene und die nordischen Lutheraner für liturgische Vielfalt eintrat. Propst i.R. Hans Jürgen Kalberlah überarbeitete den Vorentwurf, der dann in KvU Heft 74, August/Oktober 1994 veröffentlicht wurde. Im gleichen Heft schrieb ich den Beitrag "Abendmahlssitten im Braunschweigischen".

Da ich die Sache auch im Gemeindeausschuß der Landessynode vortrug, deren Mitglied ich damals war, entwarf Frau Pfarrerin Biersack auf vier Seiten "einige Gedanken zu den Helmstedter Abendmahlsfragen". Sie schilderte darin dogmengeschichtlich die unterschiedlichen Positionen in der Abendmahlsfrage von Augustin über Ockham, Luther, Zwingli und Calvin. Das war für Außenstehende ein schwieriger Einstieg in die aktuelle Diskussion. Sie betonte die Verbindung des Sakramentes mit dem Wort. "Die Sakramente sind aber nicht unabhängig vom Wort, sie liegen z.B. nicht in dem zur Debatte stehenden Tabernakel. Brot und Wein sind nicht an sich oder für sich etwa "Heiliges", sondern nur, insofern sie das Wort transportieren. Deshalb erübrigt sich eine Anbetung. Es ist m.E. unbiblisch und unevangelisch, ein Sakrament oder Elemente eines Sakraments auch dort zu sehen, wo nicht zugleich das Wort verkündigt wird. Deshalb geschieht die Rezitation der Einsetzungsworte im Gegensatz zur römischen Messe mit lauter vernehmlicher Stimme in deutscher Sprache als Verkündigung an die Gemeinde. Eine Sonderbehandlung von Brot und Wein außerhalb des Gottesdienstes ist nicht erforderlich. Ja, sie ist unevangelisch, weil das Augenmerk der Gemeinde vom Wort auf das Ding gelenkt wird."

Zwei Jahre später veröffentlichte der emeritierte Brüdernpfarrer Jürgen Diestelmann die Gegenposition in seinem Buch "Actio sacramentalis - Die Verwaltung des Heiligen Abendmahles nach den Prinzipien Martin Luthers in der Zeit bis zur Konkordienformel". Vor der Seite eins ist eine farbige Darstellung aus dem in der Herzog-August-Bibliothek aufbewahrten Gebetsbüchlein von Herzog Albrecht von Preußen abgebildet, auf der ein Pfarrer die Hostie erhebt und kniend anbetet.

Der Vorwurf des Antichristen 1994-99

Eines Tages flatterte mir im Jahr des Herrn 1994 unvermutet ein mit fünf Abbildungen versehenes Blatt vom Helmstedter Pfarrer Gerhard Greve auf den Schreibtisch mit der satten Überschrift: "Aus dem Katechismus und der Werkstatt des Antichristen. Bekenntnisse und Taten des Herrn Kuessner (Pfarrer in Offleben)". Der Text war illustriert mit einer Abbildung eines greulichen Drachen, der über Tote hinwegschnaubt und die Frommen in die Flucht schlägt.

Greve spießte in seinem Elaborat die zwischen uns kontroversen theologischen Punkte auf: im Verhältnis zu den anderen Religionen halte ich nach wie vor einen Alleinvertretungsanspruch der christlichen Kirche auf "die" Wahrheit für falsch. Greve sah darin einen Verstoß gegen das erste Gebot und gegen ein Wort Jesu nach Johannes 14, 6.

Nach wie vor halte ich einen Glauben an die Auferstehung unabhängig von der Tatsache, daß das Gerippe des toten Jesus noch gefunden werden könnte, für vertretbar. Greve dagegen glaubt eine "in Raum und Zeit geschehene leibliche und wirkliche Auferstehung".

Greve zitierte den ersten Satz aus der oben geschilderten Verabredung über das Abendmahl und stellt einen Widerspruch zu Schrift und Bekenntnis fest.

Für Greve ist die Ehe eine Gottesordnung, für mich ist diese Ordnungstheologie, nach der Staat und Ehe besondere Ordnungen Gottes seien, überholt und schädlich.

Na, und natürlich die Homosexualität. Für Greve kurz und bündig "Unzucht", für mich ein von Gottes Segen keineswegs ausgeschlossener, sondern in seine Liebe fest eingebundener Lebensstil. Am Ende wieder ein Bild mit einem vielköpfigen Drachen, gegen den über einen Graben hinweg das Lamm und die Heiligen anbeten.

Die kontroversen Punkte waren nichts Neues. Wir hatten sie bereits bei der landeskirchenweiten Debatte über die Braunschweiger Thesen im Jahre 1966 durchdekliniert. Es funkte gelegentlich in der Amtskonferenz, zu der wir beide gehörten, und damit waren die alten, unüberbrückbaren Gräben immer mal wieder illuminiert. Der Vorwurf des Antichristen hat mich eigentlich auch nicht gestört. Ich wußte nur nicht, ob ich mich nun noch neben Greve setzen und mit ihm ein Bier trinken konnte. Ich hatte nichts dagegen.

Aber es ging ja eigentlich gar nicht um mich persönlich, sondern um die Kennzeichnung einer bestimmten theologischen Position als antichristlich und damit in der Landeskirche nach Greve nicht mehr vertretbar.

Greve hatte seine Weisheit nun nicht etwa für sich behalten oder in der nichtöffentlichen Amtskonferenz vorgetragen, sondern an alle Landesynodalen geschickt und an die Presse. idea, das fundamentalistische Nachrichtenmagazin, griff die Sache gerne auf: "Pfarrer kontra Pfarrer: »Antichristlich«", dazu das Deckblatt mit Drachen und Antichrist, war da in Nr. 40/94 zu lesen. Propst, Bischof und Landessynode distanzierten sich und der Pressesprecher der Landeskirche Claudius Müller erklärte dazu, "dies sei der schärfste Vorwurf, den man überhaupt erheben könne." Die Kirchliche Sammlung für Bibel und Bekenntnis dagegen ließ am 13. Oktober verlautbaren, sie stimme der herausgegebenen Schrift von Greve zu und "begrüßt sie als längst fällige Stellungnahme."

Das waren die alten Fronten. Neu war für mich die mir gegenüber scharf erhobene Ausschließungsforderung. Denn das sollte ja der Vorwurf bedeuten: Kuessner gehört nicht in die Gemeinschaft der Ordinierten, gehört nicht in die Kirche. Nunmehr kritisierte die Interessengemeinschaft Evangelikaler Pastoren in der EKD die distanzierenden Stellungnahmen der Kirchenleitung. "Kirchenleitung verteidigt einen »Irrlehrer«", schrieb idea im Nr. 42/94.

Die Offleber und Reinsdorfer Gemeindemitglieder und meine Arbeit in den Gemeinden berührte dies überhaupt nicht. Die Greveschen Ansichten hatten hier keinen Nährboden. Ich fühlte mich gegenüber Greve unbefangen genug, ich kannte ihn persönlich, ich billigte ihm auch einen gewissen theologischen Notstand gegenüber meinen Ansichten zu, ich fand allerdings die Form der Auseinandersetzung für das Ansehen der Landeskirche schädlich.

Greve veröffentlichte bald danach dieselben Ansichten, jedoch ohne Bebilderung und mit dem naiv-entschärfenden Vorwort "Herr Kuessner ist nicht die endzeitliche Gestalt des Antichristen, wie sie in der Offenbarung Johannis und dem 2. Thessalonicherbrief angekündigt wird." Vielleicht gab es dafür eine andere Bibelstelle? Ich fühlte mich auch durch diese zweite Auflage persönlich nicht betroffen, auch nicht beleidigt, mochte die Kirche zusehen, wie sie damit fertig werden würde.

Eine persönlich gehaltene Entschuldigung hatte ich allerdings erwartet und vor allem ein kontroverses Gespräch in der von Greve angesprochenen Öffentlichkeit. Dazu erklärte ich mich sofort bereit. Nun kniff jedoch Greve. Mit dem Antichrist am Runden Tisch?

Fünf Jahre zog sich offenbar ein Verfahren gegen Pfarrer Greve hin, das nicht etwa damit endete, daß er sich nach fünf Jahren bei mir entschuldigte, sondern er veröffentlichte in einem Rundbrief 1999 eine "Ehrenerklärung für Herrn Küssner und Erklärung gegenüber dem LKA". Seine Rechtsanwälte hatten diese mit dem Landeskirchenamt ausgehandelt. Er habe mich auf keinen Fall herabsetzen und beleidigen wollen. Er habe in Anlehnung an polemische Traktate Martin Luthers zu einem theologischen Disput aufrufen wollen. Er bedaure, daß einige ihn wohl nicht ganz verstanden hätten und nähme den Titel, jedoch nicht das theologische Anliegen zurück.

Ich habe diese Erklärung für mich persönlich nicht angenommen. Ehrenerklärungen liegen auf dem Niveau schlagender studentischer Verbindungen, sind aber in der Kirche gänzlich unüblich. Ein gemeinsames Gebet beim Bischof, ja, einen theologischen Disput in einem vertretbaren, durchaus auch scharfen Stil - gut. Aber eine Ehrenerklärung? Mir fiel das Gesangbuchlied ein. "Christ Blut und Gerechtigkeit, das ist mein Schmuck und Ehrenkleid".

Es gab also in unserer Landeskirche keine bevollmächtigte geistliche Moderation mehr. Diese "Ehrenerklärung" enthielt außerdem eine faustdicke Lüge, nämlich die Behauptung, Greve habe zu einem Disput aufrufen wollen. Ich antwortete ihm auf seinen "ehrenerklärenden Rundbrief" mit der sofortigen Bereitschaft zu einem Disput. Er hat gar nicht geantwortet.

Diese ominöse "Ehrenerklärung" erreichte mich, als ich selber wegen Zitaten aus "Kirche von Unten" ein Verfahren am Hals hatte. Das nahm die Kirchenleitung, anders als im Falle des Flugblattes von Greve, zum Anlaß, ein saftiges Disziplinarverfahren zu eröffnen. Es gab in der Kirchenleitung theologische Ansichten, die denen Greves ganz offenkundig sehr viel näher standen als den meinen. Ob das ein Grund für die vergleichsweise überaus schonende Behandlung Greves gewesen ist, bleibt fraglich.

Greve blieb theologisch in der Amtskonferenz isoliert, obwohl es viele andere andere, auch theologische, kirchenpolitische oder gesellschaftliche Bereiche gab, in denen das offene Gespräch mit ihm möglich war.

Im Erscheinungsjahr 1994 kam es auf der letzten Propsteisynodalsitzung am 7. Oktober laut Protokoll zu einer "erregten Diskussion", an deren Ende Pfarrer Greve erklärte, "Herr P. Kuessner sei nicht der Antichrist, die aufgeführten Worte und Taten seien aber antichristlich."

Ich hatte an dieser Synodalsitzung nicht teilgenommen und erlebte zu Beginn meiner letzten Propsteisynodalperiode eine saftige Überraschung.

Meine letzte Propsteisynode (1995-1999)

Trotzdem Wiederwahl in die Landessynode

Nach sechsjähriger Amtszeit wollte ich nicht wieder für die Landesynode kandidieren. Ich hielt die Arbeit für zu aufwendig und mühsam, die Ergebnisse standen in keinem Verhältnis zum Aufwand, das Landeskirchenamt dominierte im Hintergrund stark die Entscheidungen, es war nicht gelungen, den Graben zwischen den Kirchengemeinden und der Arbeit der Landessynode zu überbrücken, was wir uns fest vorgenommen hatten. Es war zwar 1994 ein Reformprozeß angestoßen worden, aber wie dieser Prozeß vom Landeskirchenamt und auch von der rechten Seite der Landessynode abgeblockt wurde, hatte mich tief enttäuscht. Vor allem gab es zwei unüberbrückbare Auffassungen vom Selbstverständnis der Landessynode. Das konservative betrachtete die Synode vor allem als Beschlußorgan. Unsere Gruppe betrachtete die Synode als zentrale Versammlung der Kirchengemeinden, in der alles auf den Tisch der Landeskirche kam, was uns beschäftigte.

Beide Gruppen stießen immer wieder in der Debatte frontal aufeinander, ohne daß dieser Konflikt jemals offen diskutiert und dann entschieden worden wäre. Es entstanden Narben und Entfremdungen, die ich in Zukunft vermeiden wollte. In der Propstei hatte ich mich bei politischen Stellungnahmen (Golfkrieg, Stolpe) nicht zurückgenommen. Ich wollte keinen Kompromißkurs "um des lieben Friedens willen".

Ich tat also nichts, um mich wieder aufstellen zu lassen und wartete ab. Aber einige Propsteisynodale aus dem Südkreis stellten mich doch wieder auf. Die kirchliche Rechte hatte Pfarrer Karl Leyrer aus Marienthal für eine Kandidatur gewonnen, der seit zehn Jahren in der Propstei und in seiner Gemeinde wegen seines geselligen Umganges populär war. Diese Alternative war deutlich. Trotzdem kandidierte Propst Heinz Fischer, positionierte sich in seiner Vorstellungsansprache am 20. Oktober 1995 vor den Propsteisynodalen als Mann der Mitte und kanzelte uns beide als Radikale an den Rändern ab. Es müsse wieder Ruhe in die Propstei einkehren. Ich empfand diese Rede als Zumutung für eine künftige Zusammenarbeit.

Ich ging auf die Vorstellung des Propstes nicht ein und erklärte unumwunden, daß ich den Propsteisynodalen gut bekannt sei, meinerseits die Propstei gut kenne und mich in meiner Arbeit und meinem Stil nicht zu ändern gedächte. Die Propsteisynode bescherte mir eine große Mehrheit: Pfarrer Leyrer erhielt 11 Stimmen, Propst Fischer 15 und ich 26 Stimmen. Ich war wieder von den Synodalen des Südkreises, aber offenbar auch von zahlreichen anderen Kollegen gewählt worden. Ich fühlte mich für eine kritische Weiterarbeit in der Landessynode gestärkt.

Mit 36 Stimmen wurde Studiendirektor Jürgen Rieckmann, Helmstedt gewählt und bei Stimmengleichheit 19:19 für Hans Joachim Buttler und Sybille Mattfeldt-Kloth entschied das Los für Frau Mattfeldt-Kloth. Sie wurde später auf Anhieb mit großer Mehrheit zur Vorsitzenden des Rechtsausschusses gewählt. Zwischen uns beiden ergab sich eine fruchtbare Zusammenarbeit und gegenseitige Unterstützung, wie ich sie in der vorangegangenen Sitzungsperiode vermißt hatte.

Ich blieb im Finanzausschuß und ging neu in den Rechnungsprüfungsausschuß und Bauausschuß. Die Arbeit ist erwartungsgemäß noch mühsamer geworden.

Vorschläge zum Fortgang des Reformprozesses

Der wichtigste Schritt war die Umsetzung der Anregungen und Vorschläge der Reformsynode. Dazu tagte die Propsteisynode am 23.8.1996 in der St. Lorenzkirche und stimmte einstimmig dem Antrag des Offleber Kirchenvorstandes zu, den Reformprozeß zügig fortzusetzen. Zu den Reformvorhaben, die in der Landessynode bearbeitet werden sollten, wurden u.a. folgende Vorschläge gemacht:

Die Zinsen der Ersparnisse der Kirchengemeinden sollten bis zu 10.000 DM nicht auf den Kirchensteueranteil angerechnet werden, die Pension einer Pfarrwitwe sollte der Pension eines Pfarrwitwers angeglichen werden, der Kirchenaustritt sollte bei der Kirchengemeinde erklärt werden können, es sollte eine abgestufte Kirchenmitgliedschaft ermöglicht werden, die kirchliche Trauung sollte von der standesamtlichen Eheschließung unabhängig sein, der Name Kirchenregierung sollte in den Namen "Landessynodalausschuß" umgenannt werden, das Formular für die Visitation sollte gestrafft werden, der Dienstleistungscharakter des Landeskirchenamtes für die Gemeinden sollte verstärkt werden. Diese Reformvorschläge versickerten in der Reformkommission.

Umweltausschuß

Auch die neue Propsteisynode bildete einen Umweltausschuß, dem Frau Christians und Frau Proetzel und außer mir die Herren Köhler, Brandes, Fricke und Michaely angehörten.

In diesem Umweltausschuß waren Frau Proetzel und Frau Christians die treibenden Kräfte. Sie organisierten in den folgenden Jahren einen Propsteiumwelttag.

Sondersynode wegen Stadtkirchenverbandsgebäude an der Magdeburger Straße

Zu einer dreistündigen heftigen Sondersynode kam es am 4. März 1997 anläßlich des Planes, für den Stadtkirchenverband Helmstedt und die Diakoniestation ein neues großes Gebäude außerhalb der Stadt an der Magdeburger Straße, im räumlichen Zusammenhang mit einem Gebäude für Betreutes Wohnen, zu errichten. Verantwortlich und prominente Befürworter des Projektes waren Propst Fischer und der Leiter der Sozialstation Dieter Bruns. Andere Propsteisynodale hielten den Verkauf des Hauses Kirchstr. 2 für falsch. Die Propsteisynode faßte auch einen entsprechenden Antrag an die Landessynode, das Pfarrhaus Kirchstr. 2 nicht zu verkaufen. Das Landeskirchenamt überging diesen Antrag. Die Befürchtungen hinsichtlich der Finanzierung und einer drohenden Zentralisierung konnten nicht ausgeräumt werden.

Insgesamt litt die Arbeit in der Propsteisynode an sich hinauszögernden Kassenprüfungen und ungewohnt schlecht vorbereiteten Verwaltungsvorgängen. Auch die Zusammenarbeit innerhalb des Propsteivorstandes harmonierte nicht sehr.

Meine rechtswidrige Entfernung aus der Propsteisynode im November 1998 wurde auf meinen Protest hin zwei Monate später auf Anweisung durch das Landeskirchenamt aufgehoben.

Fragen zur Zukunft der Propstei Helmstedt im nächste Jahrzehnt

1988 hatte die Propstei 40.427 Mitglieder, im Jahre 2001 hat sie 31.441 Mitglieder. Man muß kein Rechenkünstler sein, um festzustellen, daß der Mitgliederschwund an Tempo erheblich zugenommen hat. Von 1950-1961 nahm die Propstei von 58.500 auf 55.000 Mitglieder ab, im etwa gleichen Zeitraum bis heute um das Dreifache.

Das ist kein Helmstedter Problem, sondern ein landeskirchenweites: 1950 hatte die Landeskirche 700.000 Mitglieder, 1980 600.000; und 2001: 437.000.

Die sinkende Zahl hat drei Gründe: die Menschen ziehen aus der Region weg, die Sterbeziffer übersteigt die Taufziffer, Menschen treten langsam, aber kontinuierlich aus der Kirche aus. Es war in den berüchtigten 70iger Jahren ein beliebtes Spiel der Kirchenleitung, die Austrittsziffer einem angeblichen, bestimmten, "linken" Profil der Landeskirche zuzuschreiben. Das war schon damals Unsinn. Es ist immer das Zusammenwirken dieser drei Gründe gewesen.

Diese Abwärtsentwicklung ist noch nicht gestoppt. Vermehrt verlassen Menschen die Region und die Austrittsziffer erreicht andere Personengruppen als früher. In den 60iger Jahren traten vor allem junge, zahlungskräftige Menschen zwischen 20 und 35 Jahren aus der Kirche aus. Heute steigt enorm die Zahl der älteren Frauen, die die Kirche verlassen. Davon sind die religiösen Grundbedürfnisse dieser Menschen völlig unberührt. Früher blieb, sozusagen als persönliches Konfessionssignal, die nichtzahlende Ehefrau in der Kirche, heute wird auch diese zur Kirchensteuer veranlagt und ihrem Mann wird automatisch, von einem bestimmten Einkommen an, eine Summe vom Lohn oder Gehalt abgezogen. Dieser vom Finanzausschuß der Landessynode als schwerer Mißgriff kritisierter Fehler wird die Gruppe der älteren Frauen zusätzlich veranlassen, die Kirche zu verlassen. Wir müssen also damit rechnen, daß die Mitgliederzahl in der Propstei Helmstedt unter 30.000 und in der Landeskirche unter 400.000 fällt.

Diese schwindenden Mitgliederzahlen wirken sich deutlich auf die sogenannten Kasualien (Taufen, Trauungen, Beerdigungen) aus. In der Landeskirche wurde 1965 10.591 Kinder getauft, 1999: 4.394; es wurden im gleichen Zeitraum 7.344 bzw. 5.922 Menschen kirchlich bestattet und 4.712 bzw. 1.287 Menschen getraut. Der Einbruch ist bei der Generation der 20- bis 35jährigen am deutlichsten. Andererseits: dieser Einbruch kann auch damit zusammenhängen, daß immer weniger Menschen, wenn sie zusammenleben, auch zum Standesamt gehen und ihre Intimbeziehungen "verstaatlichen". Die Anzahl der ohne Trauschein Zusammenlebenden ist in der Bundesrepublik erheblich gestiegen. Schließlich wächst die Zahl der Alleinlebenden, der sogenannten Singles, außerordentlich an. Die sinkenden Taufzahlen haben natürlich auch mit der fallenden Geburtenrate zu tun.

Es müßte also in der Propstei Helmstedt eine Gruppe von interessierten Kirchenmitgliedern, Verwaltungsfachleuten, Theologen, Pädagogen und Statistikern solche Zahlen für diesen Raum sammeln und auswerten. Sie erscheinen bisher sporadisch in den Berichten des jeweiligen Helmstedter Propstes. Das ist unzureichend.

In krassem Widerspruch zu diesen unerfreulichen Zahlen steht die finanzielle Situation der Landeskirche und auch der Kirchengemeinden, die ich teilweise für gut halte. Die Rücklagen der Landeskirche befinden sich auf einem historischen Höchststand. Sie sind von 30 Millionen im Jahre 1980 auf 337 Millionen (2001) angewachsen. Die Finanzsituation in den Kirchengemeinden ist unterschiedlich, aber generell gibt es auch hier keinen Grund, zu klagen. Die Rücklagen der Kirchengemeinden werden vom Landeskirchenamt insgesamt auf über 100 Millionen geschätzt. Ich halte diese Schätzung für zu niedrig, insbesondere dann, wenn Stiftungsgelder hinzugezählt werden. Aber auch hier wäre mehr Durchsichtigkeit und Aufrichtigkeit ein wichtiger Beitrag zur Stabilisierung der Kirche in der Region.

Auch die Rahmenbedingungen sind günstig. Die Kirche hat keine Schulden wie Staat und Länder, die Altersversorgung belastete nicht den Haushalt, die Pfarrergehälter sind mehr als ausreichend. Europaweit erhalten die westdeutschen Pfarrer und Pfarrerinnen die höchsten Gehälter. Ausgesprochen ärgerlich und peinlich finde ich es, daß die Pfarrer in der früheren DDR höchsten 75% bis 85% der Westgehälter erhalten und kein Weihnachtsgeld. Trotz dieser guten Ausgangslage in Finanzdingen ist Aufmerksamkeit geboten, weil die tatsächlichen Einnahmen aus der Landeskirchensteuer fallen werden.

Bei kleiner werdenden Kirchengemeinden liegt es nahe, die diese Kirchengemeinden versorgenden Pfarrstellen zusammenzulegen. Es hat nicht mehr jede Kirchengemeinde einen Pfarrer, sondern zwei, drei oder vier Kirchengemeinden teilen sich einen Pfarrer. Das ist nun wahrlich nichts Neues und in der Propstei Schöppenstedt längst jahrzehntelange pastorale Wirklichkeit.

Wir haben insgesamt in der Landeskirche sehr viele kleine Kirchengemeindeeinheiten. Sie sind die Blutäderchen im Organismus unserer Landeskirche und sind unbedingt zu pflegen. Wenn also z.B. im Heeseberg nicht mehr wie 1961 sechs Pfarrer (Apitz in Beierstedt, Schlak in Dobbeln, Wolter in Söllingen, Wille in Twieflingen, Rauterberg in Watenstedt, Eggersglüß in Jerxheim), sondern in Zukunft nur zwei Pfarrer (Barche, May) tätig sind, aber erfreulicherweise keine Kirchen geschlossen werden, entstehen am Erntedankfest und zu Weihnachten und vor allem bei der Urlaubsvertretung mit der gottesdienstlichen Versorgung Probleme.

Es gibt zwei diametral entgegengesetzte Zukunftsmodelle. Die eine heißt: Zentralisierung, die andere Dezentralisierung. Am Beispiel Gottesdienstversorgung heißt das: wenn ein Pfarrer, eine Pfarrerin "ausfällt", wie das so schön heißt, klingelt es im Propsteibüro, früher bei Frau Rieger, bei Frau Völkel oder heute bei Frau Zahn, und die Kirchenvorstände fordern eine Vertretung an. Das war dann in der Regel ein Lektor aus der Propstei. Das Propsteibüro regelte den Lektoreneinsatz.

In Offleben haben wir das von vorneherein anders organisiert. Wir haben versucht, die gottesdienstliche Verantwortung bei den Kirchenvorständen zu belassen und aus ihren Reihen und weiteren kirchlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern Menschen zu gewinnen, die einen Gottesdienst halten wollen und können und von der Gottesdienstgemeinde akzeptiert werden. Das kann nun nicht heißen, daß ein oder mehrere Kirchenvorstandsmitglieder einen Gottesdienst halten wie der Pastor, sondern sie halten ihn in einer ihnen gemäßen Art. Da muß man sich also zusammensetzen und sich über das Grundgerüst eines Gottesdienstes einig werden und dann einfach anfangen. Wichtig ist ein Kirchenvorstandsbeschluß und die Mitwirkung der ganzen Gottesdienstgemeinde. So bleiben die Kirchengemeinden die pulsierenden Ströme im Organismus der Kirche. Das hat aber zur Folge, daß wir völlig neu über das geistliche Amt nachdenken und aus den traditionellen Formen und Dogmen herauskommen. Am Ende steht meinem Eindruck nach ein großer geistlicher Gewinn. Grundsätzlich sollte in jeder Kirchengemeinde eine Gruppe für den Gottesdienst selbstverantwortlich sein und ihn im Vertretungsfall auch gestalten.

Genauso ist es mit der Führung der Kirchenkassen. Zur Zeit wird die Einrichtung von zentralen Kassen- und Buchungsstellen diskutiert. Sie werden mit hier und da schlampiger Kassenführung und mit komplizierter werdenden Gehaltsstrukturen begründet. Ich halte dies für einen fundamentalen Irrweg. Bereits der Anschluß auch kleiner Vergütungen an die ZGAST, also an eine zentrale Gehaltsabrechnungsstelle in Hannover, halte ich für grundlegend falsch. Kleine Beträge können am einfachsten von Hand zu Hand wandern, vor Ort abgerechnet und verbucht werden. Es ist auch am billigsten. Statt den Kirchengemeinden ihre Kassenführung wegzunehmen, ist die fortlaufende Schulung der dafür willigen Mitarbeiter vor Ort dringend erforderlich. Also: Stärkung auch der finanzverwaltenden Selbständigkeit der Kirchengemeinden. Also: in jeder Kirchengemeinde eine für die Kirchenfinanzen zuständige Person. Wir hatten in Offleben und Reinsdorf jeweils eine Kirchenkassenrechnungsführerin. Ich persönlich war unglücklich, als die Führung der Kirchenkassen dann in eine Hand kam. Aber Frau Gurkasch war hoch qualifiziert und daher war diese Zusammenlegung akzeptabel. Zukunftsweisender wäre es nun, wenn auch in Offleben wieder jemand gefunden würde, der die Kirchenkasse führt.

Wenn ein Reinsdorfer oder ein Offleber eine Grabstelle kaufen will, sollte er zu seiner jeweiligen Kirchenkassenstelle am Ort hingehen können und einkaufen. Ein Friedhofsausschuß sollte die abgelaufenen Stellen überprüfen und sich über die Gestaltung der Grabstellen Gedanken machen. Ein Friedhof, insbesondere, wenn er so zentral in der Dorfmitte gelegen ist, wie in Reinsdorf, gehört zum unverwechselbaren Charakter einer Kirchengemeinde und auch einer Ortschaft. Es wäre ein Irrsinn, diese Verwaltung etwa zu zentralisieren, was ohne weiteres möglich wäre und leider auch von den Vertretern der zentralen Kassen- und Buchungsstellen angestrebt wird. Immerhin gibt es in der Braunschweiger Landeskirche etwa 180 kirchlich verwaltete Friedhöfe.

Unvermeidbar wird m.E. die flächendeckende Einführung eines gestaffelten Kirchgeldes für Rentner, die über 2000 DM Rente im Monat beziehen. Würde dieses Geld zentral eingesammelt, ist der Kirchenaustritt vorprogrammiert. Wird es aber von Kirchenmitgliedern eingesammelt und eine entsprechende Abgabekultur gepflegt, dann kann das eine sinnvolle Säule der Kircheneinnahmen vor Ort sein.

Ich habe selber eine Woche lang in der Küche des Pfarrhauses gesessen und das Kirchgeld kassiert. Es kam daneben bei einem Schluck Kaffee zu interessanten Gesprächen mit Leuten, die man lange nicht gesehen hatte und so war wieder ein förderlicher Kontakt hergestellt.

Neben dieser Pflege der kleinen geistlichen und verwaltungsmäßigen Einheiten in der Landeskirche als den lebenswichtigen Äderchen des Organismus Kirche gibt es aber auch propsteiübergreifende Aufgaben.

Für dringlich halte ich z.B. die Arbeit an einer Lebensordnung, in der die Handhabung von Taufen, Trauungen usw. geregelt ist. Gültig ist die von 1961 und das ist ein völlig unhaltbarer Zustand. Da lesen wir etwa, daß Jugendliche, die zum Konfirmandenunterricht gehen, das tägliche Tischgebet zu Hause pflegen sollen. So etwas gibt es streckenweise nicht mal in Pfarrhäusern.

Die Propsteien Vorsfelde und Wolfenbüttel haben vor Jahren bereits eine Übergangslösung als innerkirchliche Verabredung innerhalb ihrer Pfarrerschaft getroffen. Ansonsten macht jeder und jede, was er/sie will. In der Stadt Braunschweig tauft und traut und beerdigt m.W. der Propst, allerdings gewiß nach gründlicher seelsorgerlicher Beratung, alles, was ihm vorgelegt wird. Ich selber hielt kürzlich in einer Stadtgemeinde eine Taufe, wo die Mehrzahl der Paten katholisch war und fragte an, ob das ginge. Die gültige Lebensordnung sieht das nicht vor.

Müssen überhaupt alle Paten in der Kirche sein? In der provinzsächsischen Landeskirche kann bereits ein der Kirche Nicht-Angehöriger nach Beschluß des Kirchenvorstandes Pate sein.

Sollte das Abendmahl grundsätzlich gastweise für alle geöffnet sein?

Hier könnten m.E. die einzelnen Kirchenvorstände bereits tätig werden und Beschlüsse fassen.

Kann ein Wiedereintritt an einen Ort nach eigener Wahl vollzogen werden? Wäre es nicht tatsächlich eine Hilfe, wenn etwa in der Stadt Braunschweig der Wiedereintritt zentral beim Stadtkirchenamt vollzogen werden könnte oder in einer Propstei beim Propstamt und der Wiedereingetretene sich eine Kirchengemeinde eigener Wahl aussucht? Die Lebensordnung von 1961 und die Kirchengesetzes sehen das nicht vor.

Sollte es eine abgestufte Kirchenmitgliedschaft geben und der Eintritt durch schriftliche Erklärung beim Pfarramt mit einer finanziellen Bindung erfolgen mit der Aussicht einer späteren Taufe? Sollte nicht also neben dem "Haupteingang" der Taufe eine weitere "Nebentür" zum Eintritt in die Kirche geschaffen werden?

Die Propsteisynoden hätten also reichlich Stoff, sich mit Zukunftsaufgaben zu befassen. Leider ist die Sucht nach zentralistischen Einzelentscheidungen groß, und die Bequemlichkeit auch mancher Amtsinhaber, die gerne Verwaltung abschieben, um sich dann "ganz und gar dem Geistlichen" zuzuwenden, eine erhebliche Versuchung.

Aber Verwaltung und geistliches Amt können nicht voneinander getrennt werden. Das ist eine alte Einsicht des Kirchenkampfes im sogenannten "Dritten Reich".

So ist die Frage nach der zukünftigen Gestalt unserer Helmstedter Propstei spannend und offen und ich bin neugierig, wie es in den nächsten zehn Jahren weitergehen wird.


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