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[Kirche von unten]

Gemeinsam - zärtlich - radikal

18. Kapitel

Dank und Abschied

Mit Balance auf der Grenze und mit Vergnügen über die Grenze

Sechsunddreißig Jahre in einer Kirchengemeinde sind nicht üblich und auch nicht zu raten. Wenn mir einer 1965 gesagt hätte, daß ich 35 Jahre lang in Offleben wohnen und arbeiten würde, hätte ich ihm wohl erwidert: das glaube ich nicht und will ich auch nicht. Aber es ist so gekommen.

Für mehr als eine Generation verband sich im Dorf Begriff und Wirklichkeit von Kirche - und auch Ärger mit der Kirche - mit meiner Person.

Ich habe mich zwar einmal von Offleben weg beworben, nämlich Anfang der 70iger Jahre in die Wicherngemeinde nach Braunschweig. Es war alles fast fest: die Kirchenvorsteher waren in Offleben gewesen, ich hatte in der schönen Wichernkirche gepredigt, ein klärendes Gespräch mit dem Kirchenvorstand hatte stattgefunden, aber es kam keine letztlich positive Antwort. Ich blieb in der Luft hängen. Später schrieb Prof. Reich, Mitglied des Wichernvorstandes, daß es politische Vorbehalte gegeben hätte. Aber die sprachen weder Pfarrer noch Kirchenvorsteher mir gegenüber offen aus. Ich blieb in Offleben.

Ein anderes Mal wollte ich mich in die Braunschweiger Petrigemeinde bewerben, aber die Lage des Pfarrhauses mitten im Verkehrsstrom der Innenstadt stieß mich dann doch ab und ich freute mich weiterhin am geräumigen, fast villenartigen Ambiente meines Pfarrhauses auf dem Dorf.

Der leicht gemachte Abschied

Der Abschied wurde mir leicht gemacht: der Weg zwischen Offleben und Reinsdorf mit dem Rad wurde mir immer länger und die leichte Steigung nach der Scheune an Dynamit-Nobel vorbei immer steiler.

Der Garten machte mir alle die Jahre sehr große Freude. Wie hatte ich die Jahreszeiten genossen, immer wieder neue Blumenzwiebeln gesteckt, zum Schluß: die weithin weiß leuchtenden Lötzener Narzissen, die üppigen Rosen am Haus, unter den blühenden, süß duftenden Apfelbäumen kam ich mir im Mai vor wie im Alten Land bei Hamburg. Und beim Mähen wurde mancher Ärger von der Seele abgelaufen. Phlox und Zinnien und hohe Winterastern erbte ich aus anderen Gärten. Ja, den Garten habe ich in langen Zügen ausführlich ausgekostet. Aber die Bewirtschaftung wurde mir mühsamer und es blieb manches liegen.

Was ich unter einer reformfreudigen Kirchengemeinde mit einem geprägten Gemeindeprofil unter den Möglichkeiten eines schwindenden Dorfes verstand, hatte ich zusammen mit den kirchlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern darstellen können. Mit einem großen Teil von ihnen war ich gemeinsam alt geworden. Ich hatte allen Grund zur Dankbarkeit.

Was ich unter "Kirche" verstand, hatte ich mit ihnen darstellen können. Das Modell stand fertig da. Nun mochten andere ihr ganz gewiß anderes Modell von Kirche in diesen Dörfern errichten. Ich war nicht darauf erpicht, irgend etwas "weiterzugeben". Wenn sich etwas bewährt hatte, mochte es sich von alleine erhalten.

Ich stellte mich also innerlich auf Umzug und Trennung ein, was mir ein wenig leichter fiel als der Gemeinde, denn ich hatte von Offleben aus noch andere Arbeitsbereiche wahrgenommen: die Landessynode, die Arbeitshilfe Gottesdienst in Hannover, die kirchengeschichtlichen Projekte. Die liefen noch weiter. Ich würde also keineswegs arbeitslos. Nach 35 Jahren Landluft lockten mich auch wieder die Stadt und deren Bequemlichkeit und die Nähe des Bahnhofes.

Ich verlebte die vitale Phase der Trennung insgeheim mit einer gewissen Ergriffenheit. Am Erntedankfest 1998 kamen mir während des Abendmahls doch die Tränen, weil ich plötzlich die Vorstellung hatte, daß ich ein solches Erntedankfest auf dem Dorfe mit seinen Besonderheiten nicht mehr erleben würde. Die Konfirmanden fragten in der nächsten Stunde, was mit mir los gewesen wäre. Ich ärgerte mich, daß sie es bemerkt hatten. Das letzte Weihnachten mit dem Krippenspiel der Konfirmanden, zum letzten Mal die Litanei in der Passionswoche, zum letzten Mal in der Osternacht die komplette Jonageschichte. Dieses "letzte Mal" hatte eine besondere Faszination, der ich mich gerne hingab.

Diese persönliche Ablösephase wurde durch die ungeschickte Haltung der Kirchenregierung anläßlich meiner PDS-Kandidatur sehr gestört. Wir rückten in der Gemeinde wieder dichter zusammen und wollten und sollten uns doch gerade trennen.

Es gibt einige, von denen ich hörte, ich hätte die letzte Krisenphase mit dem Landeskirchenamt geradezu inszeniert. "So was bräuchte ich." Das ist ein schwerer Irrtum.

Charismatische Illegalität

Aber es gibt kein Unglück, das nicht auch sein Gutes hätte. Und so erfanden wir das Reizwort von der "Charismatischen Illegalität".

Das ergab sich einfach aus der pfarramtlichen Praxis: eines Morgens, ziemlich früh, kam ein telefonischer Anruf, die alte Mutter sei gestorben. Ich möchte doch kommen. Der Form nach hätte ich um diese Herrgottsfrühe Pastor Köhler anrufen und ihn um den Hausbesuch bitten müssen. Das wäre seelsorgerlich aber unmöglich gewesen. Köhler kannten sie nicht und wollten sie auch nicht. Wäre ich gar nicht am Ort gewesen, hätten sie sich wohl vielleicht anders verhalten. Ich ging umgehend ins Trauerhaus, blieb bei der Toten, sprach einen Segen, und unterhielt mich ausführlich in der Küche mit den Hinterbliebenen. Illegal - charismatisch - paßt schon.

Zweites Beispiel: Zweiter Advent, wir sitzen alle in der Kirche. Frau Pastorin Koch-Barche sollte den Gottesdienst halten, blieb aber im hohen Schnee stecken. Sollte nun die Gemeinde auf die Predigt verzichten und ich stumm in der Gemeinde sitzenbleiben? Das war und ist mir ein geradezu lächerlicher Gedanke. Natürlich hielt ich Gottesdienst und Predigt.

Wir hätten von uns aus gerne die Illegalität abgestreift, aber die Kirchenleitung hängte uns immer wieder, wie durch einen Lautsprecher verstärkt durch den damaligen Pressesprecher der Landeskirche, den Mantel der Illegalität um. Und so blieb es bis Ende Mai. Schließlich nahm sogar die Kirchenpresse den Begriff der charismatischen Illegalität auf und OLKR Kollmar verwandte ihn ganz neutral in der Landessynode.

Ausgedehnter Abschied

Es war ein ausgedehnter Abschied, bei dem wir uns in der Gemeinde bereits seit 1998 einige "Abschiedsbonbons" leisteten, die mit der zurückliegenden Zeit zusammenhingen.

Das Leningrader Vivat-Quintett musizierte nicht nur am Sonnabend, dem 9. Mai, 1998 russische geistliche und folkloristische Gesänge, sondern nach einem ausgedehnten russischen Gelage im Pfarrhaus sangen sie auch im sonntäglichen Abendmahlsgottesdienst. Wir erlebten eine deutsch-russische Simultanliturgie: der Eingangspsalm auf deutsch und russisch, das Kyrie auf deutsch und russisch, das Gloria auf deutsch und russisch, das Vaterunser zum Abendmahl auf deutsch und russisch. Ein ergreifender Gottesdienst, der mir durch und durch ging und die wunderschönen Gottesdienste in Moskau und Leningrad mitten im kalten Krieg 1964 und 1965 leuchteten in meiner Erinnerung auf.

Der Lübecker Kammerspielkreis, in dem ich einige Zeit als Student geschauspielert hatte, meldete sich und stellte im September 1998 mit "Die Stunde der Hallonen" ein Stück auf die Bühnenbretter des Altarraumes, das er schon vor 25 Jahren gespielt hatten. Mit Ursula Ruder, der Prinzipalin aus jener Zeit, verband mich eine Freundschaft.

Hans Peter Mnich, unser hochbegabter früherer Organist, kam mit seinem Musikkreis und improvisierte am 17. Oktober 1998 wie in alten Tagen den Abendchoral "Werde munter mein Gemüte", spielte auf dem Cembalo den Kampf zwischen David und Goliath und musizierte mit seiner Tochter und zwei Flötistinnen Musik des Barock. Es war ein herzerwärmendes Wiedersehen.

Der Abschied bekam in der ersten Jahreshälfte 1999 noch einen Glanz durch die ausgedehnten Höhepunkte aus Anlaß des 750jährigen Bestehens der Offleber Kirchengemeinde, von dem ich oben schon erzählt habe.

Ein Wiedersehen gab es auch mit Hans Lopatta, dem Künstler der Holzplastiken und Rötelzeichnungen an der Altarwand, der am 16. Mai 1999 zu einem Gottesdienst, in dem er seine Werke erläuterte, nach Offleben gekommen war.

Verabschiedung in der Propsteisynode

Einen Abschied aus dem Kreis der Amtskonferenz im Mai 1999 verhinderte Propst Fischer und begründete diesen Umstand mit der fragwürdigen vorläufigen Dienstenthebung.

Der Vorsitzende der Propsteisynode Hans Joachim Buttler dagegen hielt bei der letzten Propsteisynode im Mai eine kleine Laudatio, die ich angesichts der widrigen Umstände dankbar erwiderte. Er überreichte ein Buchgeschenk.

Man konnte sich auf den abgelegenen Dörfern manchmal schon etwas verloren vorkommen. Im Rückblick muß ich aber leicht überrascht feststellen: wir haben doch vieles gemeinsam unternommen, gemeinsam Positionen bezogen, mehr gestritten als gefeiert, aber doch in Gemeinschaft. Die über die Gemeindegrenzen hinausreichende, sich unbeirrbar positionierende, streitbare Gemeinschaft gehörte auch zum Offleber Gemeindemodell.

Pfingsten und Trinitatis 1999

Mein 65. Geburtstag fiel auf den Pfingstsonntag. Was für ein Geschenk! In der "Arbeitshilfe Gottesdienst" hatte ich, wie auch für den kommenden Verabschiedungssonntag, das Profil des Sonntags beschrieben.

Ich hatte mich immer geweigert, die Herrnhuter Losungen allzu privatistisch und orakelhaft auf mich zu beziehen. Aber die biblische Losung zum Geburtstag, dem 23. Mai 1999, aus 1. Chron. 28, 20 traf noch mitten im Dienstenthebungsverfahren den Nagel doch auf den Kopf: "Gott der Herr wird die Hand nicht abziehen und dich nicht verlassen, bis du jedes Werk für den Dienst im Hause des Herrn vollendet hast". Also fröhlich und unbesorgt weitermachen bis zum letzten Tag, las ich daraus und hielt mich daran.

Ich konnte es mir nicht verkneifen, bei den Abkündigungen am Pfingstsonntag den Losungstext zu verlesen und zu kommentieren. Meine Schwester Erika hielt in Offleben die Predigt und ich in Reinsdorf über das Pfingstlied "Nun bitten wir den Heilgen Geist um den rechten Glauben allermeist". Am Abend vorher tauschten wir uns im Garten lustwandelnd über die Predigtgliederung aus und lagen auslegungsmäßig dicht beieinander.

Vor der Kirche stand die Chorgemeinschaft und brachte ein Geburtstagsständchen. Es war ein liebevolles Geschenk.

Am Pfingstmontag hatte ich die HuK eingeladen, die ja oft in Haus und Garten ihre Sommerfeste bei Kerzenschein und Himbeerspeise gehalten hatte. Udo Kelch, wie ich ein Gründungsmitglied der HuK, kam mit seinem Freund aus Berlin und hielt die Predigt. Da wir ein kleiner Kreis waren, bildeten wir im Altarraum eine Sitzrunde und tauschten uns geistlich aus. Beim Abendmahl holte Udo wie gewohnt weit aus mit Gebeten und liturgischen Windungen.

In meinem letzten Gottesdienst als in diesen Kirchengemeinden gewählter Pfarrer, am Sonntag Trinitatis, wollte ich die allgemeine Beichte halten, wie wir es dreimal im Jahr getan hatten, und damit vor Gott bringen, was in den letzten Jahrzehnten durch mich mißraten war. "Ich armer, elender sündiger Mensch", so beginnt ja das Bekenntnis, das die ganze Gemeinde zwar mit ihrem Ja bekräftigt, aber der Pfarrer vorneweg kniend ausspricht. Manche rieten ab. Ich fand es doch angemessen. Auch hier war die Herrnhuter Losung ein kleiner Wink: die Losung für den 30. Mai lautete: "Ich bekenne meine Missetat und sorge mich wegen meiner Sünden" (Ps. 38, 19) - das letztere hielt sich bei mir in Grenzen - und dazu der Lehrtext: "Es gibt keine Verdammnis für die, die in Christus Jesus sind" (Röm. 8, 1).

Die Predigt hielt Superintendent Curt Stauss aus Nordhausen, dem ich theologisch und politisch nahestand. Er ermunterte die Kirchengemeinden, ihre inzwischen gesammelten Erfahrungen mit dem Landeskirchenamt auf gesetzgeberische Wege zu lenken. Er nahm auch den Begriff der charismatischen Illegalität auf und verglich sie mit der Situation der Gemeinden in der DDR. Es waren befreundete Pfarrer gekommen: Propst i.R. Hans Jürgen Kalberlah, Michael Künne, Loccum, Gerhard Hinrichs, Hatten, Klaus Pieper, der Weggefährte seit der gemeinsamen Zeit aus dem Predigerseminar, Hans Georg Babke, Wolfenbüttel, Silvia Koch-Barche, Watenstedt, Kurt Dockhorn, Braunschweig und Harry Köhler, Esbeck. Die Pfarrer und Pfarrerin sangen die Eingangsliturgie als liturgischer Chor. Ein brausendes Hin und Her mit der sangeskräftigen Gemeinde. Die Fürbitten beantworteten wir mit dem alten Trinitatislied, das leider als Lied des Tages gestrichen ist, "Gott der Vater wohn uns bei und laß uns nicht verderben" und als Amen den Schluß des Liedes "Amen amen, das sei wahr, so singen wir Halleluja". Ich war wieder erstaunt, wie die Gemeinde auf Anhieb eine solche Anregung aufnahm und mitmachte. Wir muten den Gemeinden viel zu wenig zu! Nach der Beichte, wie immer, die vierte Strophe von "Lobe den Herren" also: "...der deinen Stand sichtbar gesegnet, der aus dem Himmel mit Strömen der Liebe geregnet". Ja, ja, so war es. Und zum Austeilen des Abendmahles bildeten wir einen Riesenkreis durch die ganze Kirche. Acht Pfarrer und Lektoren teilten fröhlich und zügig aus.

Nach dem Abendmahl hatte ich mir die Aussegnung, wie wir sie noch zuletzt in der Agendenkommission formuliert hatten, vom früheren Propst Kalberlah gewünscht, der das mit Anteilnahme und Kennerschaft tat, und dann kamen die kirchlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter und bildeten ein segnendes Menschenknäuel um mich und sprachen mir unter anhaltender Handauflegung passende, kritische und liebevoll ausgesuchte Segensworte zu, die ich mit "Amen" und gelegentlich mit einem knappen Kommentar beantwortete. Ich kam mir vor wie unter einer Segensdusche. Manche Sprüche waren aber auch so pointiert, daß die umstehende Gemeinde in fröhliches, zustimmendes Lachen ausbrach. "Ich bin der Herr, dein Gott, der dich leitet auf dem Wege, den du gehst" (Jos. 48) und kritisch: "Durch Stillesein und Hoffen würdet ihr stark sein, aber ihr wolltet nicht" (Jes. 30, 15), die Frauenhilfsvorsitzende aus Psalm 40: "Ich verkündige Gerechtigkeit in der großen Gemeinde. Siehe, ich will mir meinen Mund nicht stopfen lassen. Herr, das weißt du", ein ehemaliger Konfirmand, der Kirchenvorsteher geworden war: "Fürchte dich nicht, sondern rede und schweige nicht! Denn ich bin mit dir, und niemand soll sich unterstehen, dir zu schaden; denn ich habe ein großes Volk in dieser Stadt". Sie haben mir ihre Spickzettel auf einen Bogen geklebt, den ich mir in die Braunschweiger Küche gehängt habe: eine persönliche Erinnerung an unsere geistliche Gemeinschaft. Mit dem "Herr, nun lässest du deinen Diener in Frieden fahren", womit wir jede Abendmahlsfeier beschlossen, erhob ich mich und mit dem gemeinsamen Segen beendeten wir den gefüllten, sattmachenden Gottesdienst.

Der örtliche Musikverein brachte den Herausgehenden ein Ständchen mit geistlichen und weltlichen Liedern, zu denen ich mit gelüftetem Talar ohne Beffchen mit Kirchenvorstandsmitgliedern ein Tänzchen auf dem Kirchenvorplatz wagte.

Zum Nachmittag hatte die Frauenhilfe in gewohnter Weise für Kuchen und Kaffee gesorgt, die Ortsfeuerwehr hatte Bänke und Tische ausgeliehen, Rüdiger Schwarz, 31 Jahre lang einer der treuesten Begleiter in der kirchlichen Arbeit, ließ noch einmal die Stationen der gemeinsamen Arbeit passieren, Frau Isensee überreichte als Kirchenvorstandsvorsitzende eine teure Kohlezeichnung von Lopatta, der Reinsdorfer Kirchenvorstand entzückte mich mit Sommersdorfer Tongeschirr, Prof. Pollmann, der Vorsitzende der Historischen Kommission in der Landeskirche und Präsident der Universität Magdeburg ging auf die kirchengeschichtlichen Arbeiten ein, Dr. Ludewig, mit dem mich die jahrelange Arbeit über das Braunschweiger Sondergericht verband, berichtete von unseren gemeinsamen Interessen, Frau Mock trug einen von der Grundschullehrerin Frau Hall mit Bibelzitaten eingefaßten Werdegang vor, Gerhard Hinrichs ging auf meine liturgischen Interessen ein, Pfarrer Beichler überbrachte drei große Bilder des Emmerstedter Künstlers Pitzak und Pfarrer Kurt Dockhorn warnte anläßlich des "Falles Kuessner" vor einem Rechtsruck. Superintendent Curt Stauss meinte, die Erfahrungen dieser Gemeinde mit einer "Kirche von unten" gehörten in seine "Sammlung guter Beispiele". Bodo Krakowski, nunmehr pensionierter Chef der Helmstedter AOK, der das frühere Kirchenvorstandsmitglied Rosemarie Röber aus Offleben geheiratet hatte, trug ein launiges Gedicht vor, das am Schluß wiedergegeben ist. Es ging nicht anders: dieses Mal mußte etwas viel von mir geredet werden. Aber es wurde kein Schmu gemacht und kritische Töne fehlten auch nicht. Landesbischof Heintze hatte geschrieben:

"Lieber Bruder Kuessner! Seit vielen Jahren wird vom Wolfenbüttler Landeskirchenamt monatlich eine Geburtstags- und Jubiläumsliste der Landeskirche herausgegeben, die auch mir regelmäßig zugeschickt wird. In der diesjährigen Mai-Nummer ist nun auch Ihr 65. Geburtstag am Pfingstsonntag 23. Mai aufgeführt. Ich verstehe die Liste so, daß alle in ihr Genannten den Lesern zum dankbaren Nachdenken und zur Fürbitte empfohlen werden...

Dankbar denke ich an mancherlei Begegnungen mit Ihnen während meiner eigenen aktiven Dienstzeit in der Braunschweigischen Landeskirche, aber auch an Vieles, was ich in meinem Ruhestand von Ihnen oder über Sie hörte. Ich war nicht immer mit allem einverstanden, was Sie sagten, schrieben oder taten. Aber immer neu habe ich gespürt, wie es Ihnen in Ihrem Pfarramt vor allen Dingen um das Verständnis des Evangeliums und um seine Bezeugung sowie um den geistlichen Aufbau der Ihnen anvertrauten Gemeinden und ihrer Menschen ging, ganz besonders um die Ermunterung zur eigenständigen Beteiligung im Gottesdienst in Mithilfe in der Verkündigung, im Dank und in der Fürbitte.

Auch wofür Sie sich über den unmittelbaren Bereich Ihrer Gemeinde hinaus engagierten, habe ich gern verfolgt, auch wo ich mich Ihrer Meinung nicht anschließen konnte. So wurde mir auch von anderer Seite wiederholt gesagt, wie anregend und fruchtbar ihre Mitwirkung in der Synode gewesen sei. Ich freue mich darüber, daß Sie auch weiterhin Ihre synodale Verantwortung wahrnehmen können. Ebenso halte ich Ihren Einsatz im Predigerseminar und in ihrer eigenständigen und oft zu Recht kritischen Erforschung der Geschichte der Landeskirche beachtlich und wertvoll. Ich hoffe, daß Sie auch im Ruhestand noch weitere gute Möglichkeiten finden, dies Engagement zu betätigen..."

Über diesem Tag lag unausgesprochen auch so etwas wie ein frommer gemeindlicher Trotz gegenüber der Kirchenbehörde, die die vorläufige Dienstenthebung bis zum Ende aufrechterhalten hatte, obwohl OLKR Becker bei den Kirchenvorständen einen völlig anderen Eindruck hinterlassen hatte.

Es gab ein ganz komisches Nachspiel: Im Gemeindebrief Juni/Juli 1999 verfaßte ich einen Bericht über meinen Abschiedsgottesdienst. Mir wurde zugetragen, die Wolfenbüttler Kirchenleitung sähe durch diesen Gottesdienst die Beziehung zur provinzsächsischen Landeskirche unangenehm berührt. Drei Pfarrer hätten an der Veranstaltung teilgenommen und hätten sich entsprechend geäußert und nun habe Wolfenbüttel in Magdeburg interveniert. Eine Kuriosität. Ich schrieb an die Kirchenregierung, der dieser Brief gar nicht oder nicht vollständig vorgelegt wurde. Ich fragte nicht weiter nach.

Am Tag nach der Abschiedsfeier kam die Personalreferentin, Frau Oberlandeskirchenrätin Müller aus Wolfenbüttel, und händigte mir die Urkunde über den Abschied aus dem aktiven Dienst persönlich aus. Wir machten das in der Küche und begleiteten den Rechtsakt mit einem gemeinsamen knappen freien Gebet. So hatte auch diese Seite des Abschieds seine angemessene Form, die nicht ganz selbstverständlich war. Auch um diese Aushändigung soll es im Kollegium Meinungsverschiedenheiten gegeben haben.

Schlußgebet bei der Übergabe der Entlassungsurkunde durch Frau OLKR Müller am Montag in der Küche des Pfarrhauses

Lieber Vater im Himmel,

ich danke Dir für den Auftrag, den Du mir in diesen Gemeinden gegeben hast. Für die vielen Begegnungen zu ganz verschiedenen Anlässen. Wo Du Dich mir in den Weg gestellt hast - dafür kann ich Dir nicht so schnell danken, aber daß Du auch im Widerstand mir gegenüber mein Gott geblieben bist, dafür danke ich Dir.

Ich bitte Dich, bleibe mit Deinem belebenden, erfrischenden Geist bei den Menschen in diesen Gemeinden. Du Wächter Israels, wache auch über der Braunschweiger Landeskirche.

Der Du Gott Vater, Sohn und Heiliger Geist lebst und wirkst von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen.

Ein Pfarrer ist seinen Dienst erst los, wenn er die Amtsgeschäfte übergeben hat, also Siegel und Chronik und Kasse. Ich zögerte den Übergabetermin etwas hinaus und ließ mir wiederholt vom Propst einen Termin nennen. Die Sache war ja kirchenrechtlich durchaus heikel. Denn: führte ich die Dienstgeschäfte überhaupt von Rechts wegen? Wann waren sie mir nach der vorläufigen Dienstenthebung denn wieder übergeben worden? Wann waren sie mir je abgenommen worden? Mit der Siegelübergabe meinerseits war sichtlich und öffentlich und rechtlich klargestellt, daß ich jedenfalls zu diesem Zeitpunkt die Dienstgeschäfte auch mit Wissen und Willen des Landeskirchenamtes ausübte. Ich sprach bei der Übergabe diesen Punkt auch noch ausdrücklich an. Hätte nicht mein förmlicher Vertreter, Herr Pfarrer Köhler, die Dienstgeschäfte übergeben müssen? Aber er hatte sie ja von mir förmlich nie übernommen. Eine verquere Rechtslage. Nun war sie klar: ich übergab die Dienstsiegel, unterzeichnete das pfarramtliche Protokoll und war nunmehr die Verantwortung für die Gemeinden los. Aber erst jetzt! Für mich ein deutliches Eingeständnis der Kirchenbehörde, daß ich bis zu diesem Zeitpunkt rechtmäßiger Pfarrstelleninhaber gewesen war.

Ich genoß noch den Sommer, im September rollten die Möbelwagen an und verfrachteten Bibliothek, Archiv und Mobiliar in die neue hübsche Wohnung in der Braunschweiger Borsigstraße. Wer mich in meiner neuen Unordnung besuchte, stellte fest: ganz wie in Offleben. Sogar mit Garten und hohen Fenstern, aus denen ich ins Grüne und in den Himmel sehen kann.

Wer den Wohnsitz wechselt, muß auch aus der Politik ausscheiden. Also verlor ich das Ratsmandat und sah auf insgesamt 10 Jahre Ratsarbeit zurück, mit einer langen Unterbrechung zwar, aber jeweils mit einer neuen, von mir mit verursachten Ratsmehrheit. Gemeindedirektor Walter und Bürgermeisterin Werner überreichten mir ein schönes Luftbild von Offleben, das nun in der Küche hängt. Ich bedankte mich, indem ich das bei derlei Anlässen bemühte, etwas schmalzige und hochgestochene "zum Wohle der Gemeinde" relativierte: es ging mir bei der Ratsarbeit um den Ausgleich unterschiedlicher privater, wirtschaftlicher und allgemein öffentlicher Interessen, also um einen Interessenausgleich. Die CDU verschmähte die Einladung zum Imbiß hinterher, aber wir machten es uns doch gemütlich und lästerten über frühere Zeiten.

Vertretungsweise machte ich noch die Gottesdienste am Erntedankfest, verabschiedete dabei die Küsterin Elvira Blank aus ihrem Dienst und Frau Gerlinde Rademacher aus dem sehr langen verdienstvollen Dienst der Führung der Kirchenkasse.

Im Advent schrieb ich einen Rückblick auf die gewesene Zeit.

Meine Hoffnung auf eine kompetente, junge Nachfolge hat sich im Sommer 2000 in dem Ehepaar Pustoslemšek erfüllt. Zum vierten Mal erhalten die Gemeinden mit den beiden nach Schuseil, Löhr und mir junge Leute, die ihren Dienst in Offleben beginnen.

Das Alte ist nun wirklich vergangen mit Grenze und Experimentieren diesseits und jenseits des Kirchenrechtes und auch mit der charismatische Illegalität. Es ist ein neues Jahrhundert, eine neue Generation und natürlich auch ein anderes Kirchenmodell, aber unter dem gemeinsamen, einen, tragenden Wort Gottes.

Zur Verabschiedung von Pastor Dietrich Kuessner aus der Kirchengemeinde

Sankt Georg zu Offleben am 30. Mai 1999 von Bodo Krakowski

Ach, wie ist auf dieser Welt

Mancherlei doch schlecht bestellt.,
so, daß einer, der vital,Rentner wird mit einem Mal.
Gnadenlos von langer Hand,
nähert sich der Ruhestand,
und es quälen jeden Tag
Fragen, was wohl kommen mag.
Keine Kanzel, keine Trauung,
nur noch Freizeit und Erbauung,
kein Begräbnis und auch nicht
Konfirmanden-Unterricht.
Leere droht und großes Gähnen!
Werden sich die Tage dehnen
fade, müde, ohne Schwung?
bleibt jetzt nur Erinnerung?
Etwa: Daß man im Talar
doch ein guter Hirte war,
seinen Schäfchen, den zerstreuten,
Zeichen gab durch Glockenläuten,
die Epistel las und gern
singend lobte Gott den Herrn.
Oh, wie wunderbar erklang
was man da im Stehen sang!
Ja, es wurden alle Lieder
durch das stete auf und nieder
mittels unverkrampfter Lungen
rein und schön und laut gesungen.
Die Gymnastik hoch und runter
hielt die Gläubigen auch munter,
solcherart, daß Kirchenschlaf
die Gemeinde nie betraf.
Und dann hat es auch Appeal,
wenn man ohne Orgelspiel
Gottesdienst und Hochzeit hält;
Denn es spart ein Sümmchen Geld.
Davon spricht man gern zur Presse;
Denn die Sparvision der Messe
Kann als Tip doch denen nützen,
die an ihrem Haushalt schwitzen.
Ja, man hat auch gut gepredigt,
und die Pflichten treu erledigt!
Dennoch ist trotz Ach und weh
Künftig man Pastor a.D.
Keine Jungen mehr und Mädel,
um im Konfirmandenschädel
einzubläun, was von der Lehre
Martin Luthers nützlich wäre.
Keine Taufen mehr der Kleinen,
keinen Trost für die, die weinen
und auch nicht am Küchentisch
Diskussionen ketzerisch.
Was man gleichfalls gerne tat,
Giersch zu sammeln für Salat,
ist perdu, aufs Pastors Wiese
wächst nun nutzlos das Gemüse.
Denn es trennt das Kirchenrecht
Sich vom allertreusten Knecht
Von der Herde muß der Hirt,
wenn er 65 wird.
Auch ein quasi-Zölibat,
was hier vorliegt in der Tat,
schützt nicht vor dem Ruhestand
ist der Pfarrer Protestant.
Wäre jener Katholik
Gar noch Papst durch ein Geschick,
könnte man zum Thema sparen
Überraschendes erfahren:
Sicher, für den Maximus
Ist natürlich auch mal Schluß,
doch es gilt seit langem schon:
Keine Lira für Pension!
Darum legt man -wie extrem -
Abschiedfeier, Requiem
Gleich zusammen. Sieh mal an,
wie, wer will, doch sparen kann.
Allerdings sind wir hier heut
Herzlich dankbar und erfreut
Daß als lutherischer Christ
Dietrich, Du lebendig bist.
Das mag lange noch so bleiben!
Es ist klar. Die Zeit vertreiben
Wird Dir sicherlich gelingen
Bei dem Spaß an so viel Dingen.
Sieh, es bleibt ja die Synode.
Zwar kein Amt bis hin zum Tode
Aber immerhin ein Platz
Für paar Jährchen mit Rabatz.
Forschen war, das weiß man hier,
lebenslang Dir ein Pläsier.
Künftig kannst Du Deine Kraft
Bündeln für die Wissenschaft.
Häng nicht gleich die Kutte fort.
Eine Predigt hier und dort,
um den Pfarrer zu vertreten
ist gewisslich noch erbeten.
Du kannst Leserbriefe schreiben,
an der Obrigkeit Dich reiben
und mit christlichem Vergnügen
alle geißeln, die da lügen.
Und Du fandest es doch chic,
auf dem Feld der Politik
für Eklat und Zoff zu sorgen.
Dazu ist viel Zeit ab morgen.
Doch vermeide den Exzeß!
Denkbar, daß die PDS
Für das Amt als Präsident
In fünf Jahren Dich benennt.
Die Partei der Atheisten
Gibt per Kandidatenlisten
Gern sich sanft, gar klerikal.
Wie abstrus, wie anomal.
Mach Dich da nicht auch zum Clown!
Uta Heinemann zu schaun,
war vielleicht ganz amüsant,
aber irgendwie genant.
Ein privates Wort zum Schluß:
Wahr ist wohl, es gab Verdruß
Manches Mal; denn ein Rebell
warst Du schon. Oft schrill, oft grell;
Doch durchaus auch moderat:
Wanderer auf dem Friedenspfad.
Und ein Paar, das Du getraut,
hatte nicht auf Sand gebaut.
Sieh auf Röschen, sieh auf mich:
Dieser Bund bewährte sich.
Kuessners Name also steht
So gesehn für Qualität.
Gut, es reichte nicht zum Papst,
auch wo Du Dein Bestes gabst.
Doch das Zeug zum Kardinal
War vorhanden. Allemal!
Wichtiger als die Karriere
und ein Amt mit hoher Ehre
ist und bleibt, man wird geliebt,
weil es Größeres nicht gibt.
Wie man hört, gehst Du nun fort
Und verlässt den trauten Ort.
An von Gott bestimmter Zeit
kehrst Du heim zur Ewigkeit.
Ausgewählt ist schon das Feld
Und der Grabstein aufgestellt.
Diesen Platz zu sehn bewegt.
Lange sei er unbelegt.

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