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[Kirche von unten]

Die Geschichte des Braunschweiger Gesangbuches

von Dietrich Kuessner

9. Kapitel




Das Evangelische Gesangbuch 1994 (EG)

Die Notwendigkeit der Revision des EKG
Das Evangelische Kirchengesangbuch (EKG), das 1949 beschlossen worden war, setzte sich nicht überall in der evangelischen Kirche sofort durch. Die rheinisch-westfälische Kirche führte es erst 1969 ein. Das Unbehagen am EKG äußerte sich schon vierzehn Jahre nach seiner Beschlußfassung in der VELKD-Generalsynode produktiv bei einem Wettbewerb neuer geistlicher Lieder, zu dem die Ev. Akademie Tutzing Anfang der 60iger Jahre aufgerufen hatte. Bei diesem Wettbewerb waren die Lieder wie „Danke für diesen guten Morgen“ (EG 334) und „Weil du ja zu mir sagst“ (nicht im EG) entstanden. Der Schlager wie „Die ganze Welt hast du mir überlassen“ (Melodie Hans Rudolf Siemoneit“ EG 360), der Chanson („Zwischen Jericho und Jerusalem“ von Martin Schneider EG 582) und der Protestsong („We shall overcome“, EG 616) wurden Vorbilder für neue geistliche Lieder. Der Jazz fand Eingang in das Kirchenlied („Das ist ein köstlich Ding, dem Herren danken“ EG 285 von Rolf Schweizer). Es gab einen „Frühling geistlicher Lieder“ (Eberhard Schmidt „Das künftige Evangelische Kirchengesangbuch“ hrsg. von der Lutherischen Liturgischen Konferenz 1980 S. 14). 1964 war ein Dokumentationsband „Warum neue religiöse Lieder?“ erschienen. Diese neuen Liedformen waren ein schroffer Gegensatz zum Liedangebot des EKG. Karl Ferdinand Müller, der Leiter der Arbeitsstelle Gottesdienst in Hannover, leitete mit einer scharfen Kritik in den Monatsheften für Pastoraltheologie 1967 „Probleme des Kirchenlieds in der Gegenwart“ (S. 91 ff) die Revision des EKG ein. Seine Liedauswahl und Textgestalt wären historisierend-archaisch, es entspräche nicht unserer Welterfahrung und die brennenden Fragen der Gegenwart kämen im EKG nicht vor. Das waren alles keine neuen Argumente, sie waren immer und immer wieder vorgetragen worden, aber sie wurden jetzt gehört, vor allem, weil sie von den Kirchentagen mit hörbaren Alternativen versehen worden waren.

Kirchentage und Neue Lieder
Beim Dortmunder Kirchentag 1963 wurden erstmals die Lieder des Tutzinger Wettbewerbes öffentlich in einer Veranstaltung mit 14.000 Besuchern vom Fernsehmoderator Peter Frankenfeld vorgestellt. Ein Münchner Kammerchor sang „Danke“, Ralf Bendix die von der Schallplatte bereits bekannten schlagermäßigen Lieder „Weil du Ja zu mir sagst“ und „Der Weg der Barmherzigkeit“, der Bayreuther Star Grace Bumbry Spirituals und eine Harburger Jugendkantorei „Gott liebt die Welt“. Die Stimmung in der Halle war geteilt (Erlebter Kirchentag Dortmund S. 214). Beim Kölner Kirchentag 1965, auf dem Dorothee Sölle ihre These von der manifesten und latenten Kirche und die Kirchenreformgruppe um Gerhard Heintze 10 Thesen zur Kirchenreform vortrugen, wurde ein Gottesdienst in moderner Form mit Uwe Seidel gefeiert und über Problematik und Chancen solcher Gottesdienste und Lieder ein kontroverses Forumsgespräch „Phantasie für Gott – Gottesdienste in neuer Gestalt“ mit evangelischen und katholischen Pfarrern aus den Gemeinden, OKR Helmut Rößler, der Journalistin Ulrike Meinhof von der Hamburger „Konkret“ geführt. U. Meinhof: „Wenn die Botschaft des Neuen Testamentes menschenfreundlich ist, dann müßte es heute auch Situationen geben, in denen diese Botschaft mit der Welt, in der wir leben, zusammenkracht, wo das nicht mehr alles glatt über die Bühne geht“ und hob bei den jazzartigen Kirchenlieder den hohen Anspruch an Mündigkeit hervor (Erlebter Kirchentag Köln S. 225 ff). Die Kernfrage war, ob derartiges Liedgut den Gottesdienst mehr in die Nähe der Unterhaltung rücke, ein Problem, das sich heute unter dem Gesichtspunkt des Eventcharakters des Gottesdienstes erneut stellt.
Der Kirchentag in Hannover 1967 steuerte ausgesprochen stark gegen diesen Trend. Sein umfangreiches Liederheft gliedert zwischen 47 „Liedern der Kirche“, die allesamt aus dem EKG stammten, und 29 „neuen Liedern“, die sich offenbar als Lieder der Kirche erst mit der Dauer bewähren müßten. Da dieser 13. Kirchentag unter dem Thema „Der Frieden ist unter uns“ stand, war unter den neuen Liedern die Friedensthematik vorherrschend („Einige Leute loben den Frieden, der in Jenseitstresoren lagert“ von Dieter Trautwein, „Herr unsern Frieden wirst du schaffen“ von H.R. Siemoneit). Unter den neuen Liedern war kein einziges aus dem Tutzinger Wettbewerb und weder unter den alten noch unter den neuen Liedern ein weiteres Lied von Jochen Klepper oder R.A. Schröder. Hier machten sich die langen dunklen Schatten von Chr. Mahrenholz noch einmal bemerkbar, obwohl er 1965 als Oberlandeskirchenrat in den Ruhestand gegangen war. Auch die Unterscheidung zwischen Liedern der Kirche und neuen Liedern war ziemlich hochmütig. Hans Christian Brandy geht in seinem Aufsatz über die Lieder während der Hannoverschen Kirchentage darauf nicht ein, aber er hebt hervor, dass 16 dieser neuen Lieder ins Evangelische Gesangbuch aufgenommen worden sind.

Neue Lieder vom Kirchentag in Hannover, die ins EG aufgenommen wurden
Nr Titel KT 1967 EG 1994
1  Auf und macht die Herzen weit 2 454
2  Ausgang und Eingang 8 175
3  Das Kreuz ist aufgerichtet 57 94
4  Die ganze Welt hast du uns überlassen 58 360
5  Gehe ein in deinen Frieden 61 489
6  Gleich wie mich der Vater gesandt hat 63 260
7  Gott liebt diese Welt 64 409
8  Herr deine Güte reicht 66 277
9  Hilf Herr meines Lebens 62 419
10  Manchmal kennen wir Gottes Willen 70 594
11  Mein Herz ist bereit Gott 3 339
12  O Herr mach mich zu einem Werkzeug 72 416
13  Singet dem Herrn ein neues Lied 74 287
14  Und suchst du meine Sünde 77 237
15  Vater unser der du bist im Himmel 79 188
16  We shall overcome 82 616

Auf der Schlusskundgebung im Niedersachsenstadion wurde das Calypso-Vaterunser gesungen.

Die „Vorwärtsrevision“ von Mahrenholz und Söhngen
Mahrenholz und Söhngen begegneten als Vorsitzende des Verbandes ev. Kirchenchöre der Kritik am EKG mit einem Schreiben vom 15.12.1967 an alle Landesverbände der Kirchenchöre, in dem 49 Textveränderungen am EKG „freigegeben“ wurden. Nun sollte es überall nicht mehr „heint“ sondern „heut“, nicht mehr „schleuß“ sondern „schließ“ heißen, „Jesus“ und „Christus“ wurde nur noch im Nominativ gebraucht, also statt Jesu nun Jesus und statt Christo nun Christus. Auch vereinzelte sprachliche Verbesserungen wurden vorgenommen: Tersteegen hatte gedichtet: „Was ich mehr/ als dich begehr/ mein Vergnügen in dir hindert/ meinen Frieden mindert“ (EKG 270,3). Statt „Vergnügen“ sollte es nun „Freude“ heißen (Registratur Nr. 2340). Diese kümmerlichen Vorschläge wurden mit dem martialischen Titel „Vorwärtsrevision“ versehen. Mahrenholz wollte wohl den Eindruck erwecken, daß eine „Revision“ des EKG im Gange wäre und bei den von ihm geleiteten Kirchenchorverband im guten Händen läge. Das Schreiben hatte allerdings die ungewollte Wirkung, daß nun einige Landeskirchen ihre Gesangbücher nicht nur mit diesen, sondern mit zahlreichen anderen Textrevisionen drucken ließen. Im Laufe der Zeit erschienen fünf verschiedene EKG- Fassungen. Zwischen 1971 und 1973 erschienen außerdem allein in acht Landeskirchen verschiedene Beihefte meist mit flotten, neuen, auf den Kirchentagen ersungenen Liedern.

So auch in der Hannoverschen, Braunschweigischen und Oldenburgischen Landeskirche. Es ist ziemlich einzigartig, dass schon fünf Jahre nach dem Kirchentagsliederheft 1967 aus der Hannoverschen Landeskirche ein neues Liederheft, nämlich das sog. Beiheft 72 zum EKG erschien. Die Landeskirche hatte 1968 das Beiheft beschlossen, mit dessen Auswahl die Landeskirche sichtlich aus dem hymnologischen Schatten von OLKR i.R. Mahrenholz heraustrat. Das Heft hatte 51 Lieder. 13 Lieder wurden aus dem Kirchentagsliederheft 1967 übernommen und außerdem die längst fälligen Klepper-Lieder „Er weckt mich alle Morgen“ (915) und „Du Kind zu dieser heiligen Zeit“ (Nr. 911), das R.A. Schröder-Lied „Es mag sein, dass alles fällt“ (917), von Bonhoeffer „Von guten Mächten“ (Nr. 942), sowie die flotten, als „Schlager“ verschrieenen „Ein Schiff, das sich Gemeinde nennt“ (913), „Komm sag es allen weiter“ (933), „Weil Gott in tiefster Nacht erschienen“ (Nr. 943). Wie die Tabelle ausweist, war das eine weitsichtige Auswahl, die auch schon früher hätte getroffen werden können, denn zehn neue Lieder sind dann in das Evangelische Gesangbuch aufgenommen worden.

 Titel KT 1967 Beiheft 72 EG 1994
 Auf und macht die Herzen weit 2 901 454
 Ausgang und Eingang 8 n.v. 175
 Das Kreuz ist aufgerichtet 57 903 94
 Die ganze Welt hast du uns überlassen 58 905 360
 Gehe ein in deinen Frieden 61 920 489
 Gleich wie mich der Vater  gesandt hat 63 921 260
 Gott liebt diese Welt 64 922 409
 Herr deine Güte reicht 66 925 277
 Hilf Herr meines Lebens 62 929 419
 Manchmal kennen wir Gottes  Willen 70 935 594
 Mein Herz ist bereit Gott 3 n.v. 339
 O Herr mach mich zu einem  Werkzeug 72 939 416
 Singet dem Herrn ein neues Lied 74 940 287
 Und suchst du meine Sünde 77 918 237
 Vater unser der du bist im  Himmel 79 n.v. 188
 We shall overcome 82 951 616
 Beiheft 1972  Du Kind zu dieser heilgen Zeit 911 50
   Ein Schiff das sich Gemeinde nennt 913 572
    Erd und Himmel sollen singen 914 499
   Er weckt mich alle Morgen 915 452
   Es mag sein daß alles fällt 917 378
   Gedenk an uns o Herr 919 307
   Komm sag es allen weiter 933 225
   Von guten Mächten 942 65
   Weil Gott in tiefster Nacht erschienen 943 56
   Schalom chaverim 434 950

Ein weiterer kräftiger Anstoß zur Revision kam von der Arbeitsgemeinschaft für ökumenisches Liedgut, die 1973 ein Liederheft für ökumenische Gottesdienste herausgab, dazu zahlreiche Lieder aus dem EKG übernahm, aber zu diesem Zweck vorher textlich durcharbeitete.
Vorher hatte das Bistum Hildesheim ein kräftiges ökumenisches Signal gegeben. Anfang 1969 erschien das canta bona. Der Hildesheimer Bischof Heinrich Maria Jansen schrieb im Vorwort, man habe „in einer Zeit großer Veränderungen in Liturgie und Frömmigkeit“ nicht länger warten können, zumal das alte canta bona „den Erfordernissen eines erneuerten Gottesdienstes nicht gerecht werden“ könnte. Zu den 286 Chorälen im Liedteil gehörten 46 Lieder, die fest im evangelischen Gottesdienst verwurzelt sind, Lieder von Paul Gerhardt, Martin Luther, Friedrich Spitta, sogar von Jochen Klepper. Es waren Lieder aus jeder Kirchenjahreszeit und Tageszeit. Die meisten dieser Lieder waren um mehrere Strophen gekürzt, und auch textlich teilweise überarbeitet. Aber es war nun kein Problem mehr, einen gemeinsamen Liedergottesdienst aus dem neuen katholischen Gesangbuch zu veranstalten. Diese enorme Offenheit gegenüber der Frömmigkeit „der anderen Seite“ zeichnete auch die brüderliche Gemeinschaft des damaligen Wolfenbüttler Bischofs Gerhard Heintze und des Hildesheimer Bischofs Heinrich Maria Jansen aus.

Der Ruf nach einer Reform war unüberhörbar geworden und Mahrenholz wollte dieser Bewegung als gewiefter Taktiker die Spitze nehmen, indem er sich zum Schein an die Spitze der Reformbewegung stellte. Diese Legende ist dann auch in den folgenden Darstellungen der Entstehungsgeschichte des EG verbreitet worden. Mahrenholz und Söhngen schrieben am 14.2.1973 einen vertraulichen Brief an die Kirchenleitungen und empfahlen, die 1967 begonnene, sehr vorsichtige Textrevision, die diesen Namen eigentlich gar nicht verdiente, in einer 2. Phase der vorsichtigen Textrevision fortzusetzen, warnten zugleich aber davor, vollständige Strophen zu streichen. Das könnte später geschehen. Mahrenholz verteidigte ausdrücklich die antiquierte Sprache des EKG. Daß „schon jetzt“ nach zwanzig Jahren ein neuer Text gefordert würde, läge an dem „spürbaren Wandel im Wortverständnis, im Ausdruck und in der Wortwahl unserer Sprache, der im letzten Jahrzehnt eingetreten ist und uns manchen im EKG vorkommenden Text, der noch vor einem Jahrzehnt unbeanstandet gesungen wurde, als antiquiert oder gar anstößig empfinden läßt.“ Das EKG sollte in seiner Gliederung und seinem Liedbestand erhalten bleiben (LKA Registratur 2340).
Mahrenholz befand sich in einem grundlegenden Irrtum. Schon 1949/50 war das EKG ein durch und durch restauratives Buch. Gerade diese Antiquiertheit des Gesangbuches hatte zu verständlichen, allseitigen Protesten herausgefordert, die Mahrenholz und Söhngen allerdings hartnäckig ignoriert hatten. Dazu kam seine wenig gemeindenahe Entstehungsgeschichte. Nun rührten sich die Kirchengemeinden, aufgeweckt auch durch die 68iger Bewegung und durch die politischen Nachtgebete. Aus diesem Evangelischen Kirchengesangbuch wollten immer größer werdende Gemeindeteile nicht mehr singen. Das EKG war gescheitert. Mahrenholz und Söhngen kündigten in diesem Schreiben ihren Rücktritt aus Altersgründen an.

Die Zeiten hatten sich tatsächlich verändert. Gesellschaftliche Strömungen machten sich in jener Zeit in den Kirchen der BRD und der DDR bemerkbar. Daß sich „unter den Talaren Muff von tausend Jahren“ befände, galt zwar zunächst den Talaren der Hochschulprofessoren, aber eine Erinnerung an das sonntägliche Bekleidungsstück jedes Pfarrers schwang da mit. Die Erfahrung des wachsenden Säkularismus war den Kirchen in beiden Teilen Deutschlands gemeinsam, die Kirche wurde in ihrer Minderheitenposition als „wanderndes Gottesvolk“ verstanden. Der „Gott ist tot“-Bewegung der 60iger Jahre begegneten Wellen einer charismatischen Bewegung. Der vom 2. Vatikanischen Konzil ausgehende ökumenische Aufbruch bewirkte, daß im neuen katholischen Gesangbuch „Gotteslob“ (1974) 56 Liedtexte des EKG aufgenommen worden waren.

Der Verband ev. Kirchenchöre ließ sich nun vom Rat der EKD nach einem Gespräch am 13.9.1974 einen Auftrag zur Revision des Gesangbuches erteilen. Die Revision sollte ein kontinuierlicher Prozeß sein, der Verband ev. Kirchenchöre die Revisionsarbeit in enger Kooperation mit den Landeskirchen übernehmen, und es sollten folgende Revisionsgrundsätze gelten: Respekt vor dem Gegebenen, Verständnis für den heutigen Menschen, Sachgemäßheit der theologischen Aussage (LKA Registratur 2340).

Neue Lieder für den Unterricht in Kirche und Schule 1974
In diesem Jahr 1974 brachte das Katechetische Amt der Landeskirche unter Leitung von Pfr. Hartmut Padel und Mitarbeit von Paul Otto Gutmann ein Heft mit „40 Neuen Liedern für den Unterricht in Kirche und Schule“ heraus. Es gibt einen Überblick über den damaligen Stand des beliebten Liedgutes in unserer Landeskirche. Das neue Lied verbreitete sich über die Jugend- und Kinderarbeit. Ich zähle ca. zwölf Lieder, die ausgesprochen für den Kindergottesdienst gedacht waren wie die biblischen Erzähllieder „Jesus zieht in Jerusalem ein“, „Zu Ostern in Jerusalem“, „Der Sohn zog stolz und reich davon“ und als Eingangslied zum Kindergottesdienst von Kurt Rommel „Du hast uns Herr gerufen“. Es waren acht Lieder aus „111 Kinderlieder zur Bibel“ aus dem Ernst Kaufmann Verlag. Diese Kinderlieder waren weit weg von „Weil ich Jesu Schäflein bin“-Romantik, sondern begannen früh mit sozialem Lernen. „Schwarze, Weiße, Gelbe, Rote Gott hat sie alle lieb“. Aber auch: „Eltern, Kinder, Lehrer, Schüler... Gott macht keine Unterschiede. Gott ist Liebe, Gott gibt Frieden, Gott hat uns lieb“. Kurt Rommel, von dem das Lied stammt, ist allein mit 12 weiteren Liedern vertreten. Zu den Konfirmandenliedern gehörten dem Gospel nachempfunden „Hört wen Jesus glücklich preist.. Dem der Gott nichts bieten kann, bietet Gott die Freundschaft an Halleluja“, „We shall overcome“, das „Calypso-Vaterunser“, und das schlagermäßige „Herr hat dich der nur recht verstanden, der sagt hier sei ein Jammertal? Wenn andre auch kaum Freude fanden, mir ist mein Leben nicht zur Qual“ von Friedrich Eberle. Dem traditionellen Bild von einer Kirche, die vor allem Schuldgefühle, Sünde und Jammer verbreite und einem die Schönheiten des Lebens nicht gönne, will Eberle entgegenwirken, denn „ich habe aus deiner Hand/ so vieles Lichte schon empfangen/ das rechts und links am Weg ich fand“. Es sind insgesamt wohl dreizehn Lieder für den Konfirmanden – und Religionsunterricht. Mit „Danke“ und „Gott liebt diese Welt“ waren Lieder aufgenommen, die in einem Familiengottesdienst auch von Erwachsenen bald mitgesungen werden konnten. Zwölf Lieder sind 20 Jahre später in das Evangelische Gesangbuch (EG) aufgenommen: EG 554 „Am hellen Tag kam Jesu Geist“, EG 555 „Zu Ostern in Jerusalem“, EG 334 „Danke“, EG 168 „Du hast uns Herr gerufen“, EG 425 Gib uns Frieden“, EG 409 „Gott liebt diese Welt“, EG 419 „Hilf Herr meines Lebens“, EG 209 „Ich möcht´, dass einer mit mir geht“, EG 314 „ Jesus zieht in Jerusalem ein“, EG 225 „Kommt sagt es allen Leuten“, EG 188 „Vaterunser“, EG 616 „We shall overcome“, EG 555 „Zu Ostern in Jerusalem“. Hans Martin Gutmann produzierte eine Aufnahme der Lieder, die sich besonders in Lehrerkreisen rasch verbreitete. So wurde das Katechetische Amt zum Vorreiter für die Auswahl der Lieder zum EG.

Statt Revision ein neues Gesangbuch 1978
Der Verband ev. Kirchenchöre versandte im März 1978 eine Liste mit 82 textlich revidierten Liedern, bat die Landeskirchen um eine Stellungnahme und lud zu einem Gespräch im September 1978 ein. Das Echo auf diese Textrevision war vernichtend. Der Referent im Lutherischen Kirchenamt OKR Albert Mauder schrieb: „Die Notwendigkeit einer Revision des Evangelischen Kirchengesangbuches steht außer Zweifel. Von Anfang an war dieses Gesangbuch der Kritik ausgesetzt vor allen Dingen deshalb, weil es zu sehr im Historismus verblieben war. Liedtexte mußten in zahlreichen Fällen durch Fußnoten erklärt werden Im Lauf der Zeit stellte sich außerdem heraus, daß eine Reihe notwendiger Inhalte nur spärlich oder gar nicht vertreten waren: Not der Welt, Dienst an der Welt, Schöpfungslob, Ökumene der Christen, Koinonia und Brüderlichkeit, Taufgedächtnis, Tauflob, eucharistische Dimension des Abendmahls usw...“ (Schreiben vom 12.4.1978 LKA Registratur 2340). Mauder vermutete zu recht, daß der Vorschlag der Revision an 82 Liedern einen gründlichen Neuanfang verhindern sollte und plädierte für völlige Ablehnung des Vorschlages des Verbandes ev. Kirchenchöre. Auch andere Landeskirchen lehnten den Vorschlag ab, teils weil er als zu radikal teils weil er als zu wenig radikal empfunden wurde.
Obwohl sich Superintendent Hans Christian Drömann, Lüneburg und der Hamburger Hauptpastor Otto Brodde als Nachfolger von Mahrenholz/Söhngen ausdrücklich hinter die Forderung von Mahrenholz stellten, am EKG keine Änderungen außer der vorsichtigen Textrevision vorzunehmen, wurde beim Treffen aller landeskirchlichen Vertreter im September 1978 in Berlin beschlossen, ein neues, völlig revidiertes Gesangbuch zu schaffen. Es gelte überhaupt erst mal wieder einen einheitlichen Text herzustellen, denn „von Einheit im EKG Singen kann derzeit nicht die Rede sein. So gilt es also, einen einheitlichen Text wiederherzustellen“ (Schreiben vom 15.3.1978 an alle Kirchenleitungen LKA Registratur 2340). An diesem Treffen nahmen von der Landeskirche OLKR Henje Becker und LKMD Karl Heinrich Büchsel teil.Im Dezember 1978 faßte die Kirchenkonferenz der EKD gegen anfängliche Bedenken der bayrischen Landeskirche den Beschluß, ein neues Gesangbuch zu entwerfen und bat den Rat der EKD, dazu einen SonderAusschuss auf EKD-Ebene einzuberufen (Niederschrift der Sitzung in LKA Registratur 2340). Der Bund der ev. Kirchen in der DDR berief ebenfalls einen Ausschuss ein. Das westdeutsche Gremium tagte regelmäßig in der DDR. Auf der konstituierenden Sitzung am 15.11.1979 wurde Superintendent Drömann, Bockenem, zum Vorsitzenden gewählt. Als Pfarrer Frieder Schulz fragte, ob das neue Gesangbuch ein völlig neuer Entwurf oder eine Revision des bestehenden EKG sein solle, wurde ihm erwidert: „Die Frage ist noch völlig offen und muß erst noch diskutiert werden“ (LKA Registratur 1535).

Den folgenden Prozeß erlebten die kirchenmusikalischen Säulen des EKG nicht mehr mit. Christhard Mahrenholz starb im Alter von 80 Jahren im März 1980 in Hannover, Oskar Söhngen 83-jährig im August 1983. Beide waren Jahrgang 1900, beide anerkannte und geschätzte fachkundige Hymnologen, beide im Dritten Reich Oberkirchenrat bzw. Oberkonsistorialrat geworden und hatten nach 1945 eine beherrschende Stellung in den Kirchenämtern. Otto Brodde, einer ihrer Nachfolger, starb 72jährig 1982.
Es entstand ein 12 Jahre andauernder Konsultationsprozeß der Landeskirchen. Die Landeskirche entsandte in das EKD-Gremium Landeskirchenmusikdirektor Karl Heinrich Büchsel, der dieses Amt 1984 nach seiner Emeritierung an Propsteikantor Klaus Dieter Kern übergab. Es gab in der Braunschweiger Landeskirche aber auch warnende Stimmen. Die Pfarrer des Süd-West Bezirkes der Propstei Braunschweig befürchteten, daß in Verbindung mit dem neuen Lektionar auch ein neues Gesangbuch eingeführt werden könnte. „Wir halten für unbedingt notwendig, daß um unserer Gemeinden willen am Stammteil des EKG festgehalten wird.“ Auch eine stillschweigende Änderung von Liedtexten, modernisierend oder historisierend, wäre gegenüber den Gemeinden verwirrend, schrieben sie (Schreiben vom 20.11.1978 in LKA Registratur 1535).

Die Grundsätze für ein neues Gesangbuch
Zunächst wurden 1980 die Grundsätze für ein neues Gesangbuch erarbeitet und den Landeskirchen zur Stellungnahme zugeschickt. Es war ein umfangreiches 24 Seiten starkes Papier, das die verschiedenen allgemeinen Aspekte für die Erarbeitung des Gesangbuches, seine Themen, Gliederung, Singformen und Melodien erläuterte (Rundschreiben an die Kirchenleitung vom 13.6.1980 in: LKA Registratur 1716). Es sollten also die bisherigen von Mahrenholz aufgestellten Kriterien nicht mehr ohne weiteres gelten.
Das neue Gesangbuch sollte eine Vielfalt des Gotteslobes und die Möglichkeit zum Mittun und Mitfeiern der Beteiligten bieten (1), als Gottesdienstbuch sollte es dem gottesdienstlichen Singen dienen und eine Art von „Laienagende“ sein (2), ein Gebrauchsbuch für den Alltag (3), auch für Kinder- und Jugendarbeit praktikabel sein (4), einen Austausch von unterschiedlichen Glaubenserfahrungen und Frömmigkeitsformen zulassen (5), biblisch und gemeindegemäß sein (6) und einen Zusammenhang mit der allgemeinen Literatur- und Musikgeschichte bilden (7). Der Vorsitzende des westdeutschen Gesangbuchausschusses Superintendent Hans Christian Drömann veröffentlichte die Grundsätze, um möglichst früh eine breite Beteiligung der interessierten kirchlichen Kreise zu erreichen (MuK 1980 S. 166 f). Das Idealbild einer Kirche in der familiaritas des Klosters Amelungsborn blieb zwar für die dort nachfolgenden Äbte auf der Ebene der Landessuperintendenten noch erhalten, hatte aber keine Signalwirkung mehr.

Damit war der enge lutherische Rahmen des EKG aufgebrochen. Mit dem Wort „Vielfalt“ nahmen die Grundsätze das in der Kirche viel geschmähte Wort „Pluralismus“ auf. Den Befürwortern eines Pluralismus in Fragen der Theologie, der Gottesdienstformen, des kirchlichen Handelns wurde seinerzeit das Stichwort „Bekenntnis“ entgegengeschleudert, an dem festzuhalten und nicht zu rütteln wäre. Das Wort „Bekenntnis“ kommt in den Grundsätzen überhaupt nicht vor. Das Wort von der „Laienagende“ sollte die tragende Rolle der singenden Gemeinde hervorheben. Das EKG hatte die Rückkehr zu einer hymnologisch gut abgesicherten Amts- und Pastorenkirche bedeutet. Das neue Gesangbuch setzte den Akzent nicht auf Amt und am Altar handelnden Liturgen, sondern übergab der Gemeinde die Mitverantwortung für die Verkündigung. Das alte Gesangbuch war ein Kirchengesangbuch. Das neue sollte ein Evangelisches Gesangbuch auch für den Alltag sein, möglichst auch nicht in schwarze oder dunkle Pappe verhüllt sondern farbig wie der Alltag nun war; ein Alltag mit Kindern und Jugendlichen abseits des gottesdienstlichen Kirchenraumes. Die weite Welt war bisher in der Kirche als Missionsgegenstand behandelt worden. Nun sollte das Gesangbuch einen Austausch gleichberechtigter jedoch völlig anderer Glaubens- und Frömmigkeitsformen ermöglichen. Kurz nach der dauerhaften Besetzung des besiegten Deutschlands 1945 wurden Jazz und Spiritual als „Negermusik“ abgetan und waren in einem der Reformation vorbehaltenen Gottesdienstraum völlig undenkbar. Die Gemeinden in Amerika und Afrika wurden hier bekannt und ihre fremdartige bewegliche Frömmigkeit zuerst bestaunt und dann aufgegriffen. Die Ökumene war vor 1950 auf wenige Fachtheologen beschränkt, nun drangen die Versammlungen des Ökumenischen Rates der Kirchen und des Lutherischen Weltbundes auch in die westdeutsche kirchliche Öffentlichkeit und erregten neues Nachdenken, Anregungen und auch viel kritisiertes Ärgernis. Diese andere Welt sollte im Gesangbuch gastlich aufgenommen werden. Über das immer wieder geforderte Kriterium der Gemeindegemäßheit hatte Mahrenholz noch gespottet, nun wurde es sanktioniert. Immer waren die Gesangbücher auch eine Art Anthologie der Literatur – und Musikgeschichte. Aber dieser Anspruch rieb sich mit dem der Gemeindegemäßheit, die weniger nach literarischer Qualität fragte, sondern nach einer Vertiefung persönlicher und gemeinschaftlicher Frömmigkeit.
Dem Vorsitzenden Drömann, der bei Mahrenholz promoviert hatte, war klar, daß diese Grundsätze sich gründlich von denen unterschieden, nach denen das EKG gestaltet worden war. Daher fügte er am Ende seines Aufsatzes auch als Alternative zu einem Gesangbuch eine revidierte und erweiterte Fassung des EKG an. Es wäre denkbar „daß es auch in weiteren Grundsatzfragen dem EKG folgt“ (S. 175). Das sollten die Antworten der befragten Landeskirchen ergeben.

Die landeskirchliche Reaktion auf die Grundsätze
Über diese Grundsätze beriet am 18. Dezember 1980 der landessynodale GemeindeAusschuss unter dem Vorsitz von Propst Erich Warmers. Landeskirchenmusikdirektor Karl Heinrich Büchsel, der dem EKD Ausschuss angehörte, der die Grundsätze erarbeitet hatte, berichtete von der Arbeit am EG. Der Ausschuss beschloß, daß ökumenische Lieder und Lieder zur Haushalterschaft berücksichtigt werden sollten. Damit waren zwei für die kirchliche Arbeit von Propst Warmers typische Bereiche aufgenommen. Außerdem sprach sich der Ausschuss für den Namen Evangelisches Kirchengesangbuch aus, blieb aber mit dieser Ansicht am Ende in der Minderheit (in: LKA Registratur 2340).

Für die Bearbeitung liturgischer Fragen hatte sich in der Landeskirche seit längerem eine Regionalgruppe der Lutherischen Liturgischen Konferenz Niedersachsens unter der Leitung von Propst Hans Jürgen Kalberlah gebildet, dem Frau Pastorin Gertrud Böttger-Bolte und die Pfarrer Geert Beyer, Heinrich Denecke, Heinz Fischer, Dietrich Kuessner und Manfred Meitzner angehörten. Im Dezember 1980 wurde außerdem die seinerzeit von OLKR Rudolf Brinckmeier 1965 begründete und inzwischen eingeschlafene Agendenkommission vom Landeskirchenamt wieder belebt und in sie Pastorin Böttger-Bolte, Landeskirchen-musikdirektor Karl Heinrich Büchsel, Kantorin Bianca Riese und der Kirchenmusikdirektor Friedrich Peter-Isenbürger, Propst Hans Jürgen Kalberlah, Propst E.B. Müller und die Pfarrer Fischer und Kuessner berufen. (LKA Registratur 2554). Für G. Böttger-Bolte und E.B.Müller kamen die Pfarrer Geert Beyer und Manfred Meitzner in den Ausschuss und für Büchsel Dieter Kroecker (Landeskirchliches Amtsblatt 1982 S. 78).

Die Kirchenleitung der VELKD äußerte sich am 27.3.1981 progressiv zu den Grundsätzen. Sie befürwortete die Erhaltung und Pflege des überkommenen Liedgutes, die notwendige Anpassung an Sprache und Stil der Gegenwart, einen Ausgleich „der Einseitigkeiten, mit denen das EKG belastet ist, besonders hinsichtlich der Lieder des 19. Jahrhunderts“ und eine Öffnung für neues Liedgut.

Ein landeskirchlicher Feldversuch über die am meisten gesungenen Lieder
Um die Häufigkeit des sonntäglichen Singens von EKG-Liedern in den Kirchengemeinden zu erkunden, beteiligte sich die Landeskirche an einer Art Feldversuch, die von der EKD in allen Landeskirchen veranstaltet wurde. In 20 Gemeinden in Braunschweig Stadt und Land wurden vom 6.6.1982 bis 28.5.1983 eine Aktion „Gesangbuchstrichliste“ durchgeführt, in der die gesungenen Lieder aufgeführt wurden. Das Ergebnis, das nicht repräsentativ für die Landeskirche ist, brachte doch interessante Hinweise.
Es waren folgende Kirchengemeinden an der Aktion vom 6.6.1982 – 28.5.1983 beteiligt:
Bad Gandersheim (Pf. Helmke), Bad Harzburg (Pf. Klug), Vienenburg (Pf. Brinkmann), St Jakobi, Braunschweig (Pf. Lampe), St. Magni, Braunschweig (Pf. Fay), Heidberg, Braunschweig (Pf. Lang), Weststadt, Braunschweig (Pf. Apitz), St. Stephani, Goslar (Pf. Wiesjahn), Sehlde (Pf. Specovius), Hoiersdorf (P. Deuter), Erkerode (P. Steinhoff), Waggum (Pf. Gerkrath), Gebhardshagen (Pf. Behrens), St. Markus, Lebenstedt (Pf. Fischer), Dettum (Pf. Schmidt), Bornhausen (Pf. Kolkmann), Volkersheim (Pf. Dr.Schade), Wendeburg (Pf. Pfingsten), St. Johannis, Wolfenbüttel (Pf. P. Schuseil), St. Johannes, Vorsfelde (Pf. Dr. Goeze) (siehe Registratur 1535 und 2340).
Bei diesem Versuch sollten die Pfarrer alle Lieder aufführen, die ohne einen Organisten gesungen worden sind, und die Organisten führten eine weitere Liste von den Liedern, die sie mit der Orgel begleitet haben, nicht nur im Gottesdienst sondern auch bei Taufe und Beerdigungen und anderen Anlässen.
Die ausgesuchten Gemeinden waren keine besonderen Richtungsgemeinden mit einem ein spezielles Liedgut bevorzugenden theologischen Profil wie z. B. Brüdern in Braunschweig (mehr traditionell) oder Offleben (mehr reformerisch). Sie repräsentierten die durchschnittliche Liedauswahl in den Gottesdiensten.
Trotzdem ist die Basis für ein generelles Urteil zu schmal, aber das Ergebnis gibt doch Hinweise. So ist es auch von der EKD verstanden worden.
110 Lieder des EKG waren in den 20 Kirchengemeinden überhaupt nicht oder nur bis zu drei mal gesungen worden. Es waren Lieder durch alle Sparten, angefangen vom Kirchenjahr. Das ist der viel zitierte „Gesangbuchmüll“, den das EKG produzierte und mitschleppte. Die Gesangbuchausschüsse verstanden daher ihre Arbeit zunächst richtig darin, diese selten oder gar nicht gesungenen Lieder auf Grund der Erhebung herauszufiltern. Das soll am Beispiel der Morgenlieder verdeutlicht werden. Von den 18 EKG Morgenliedern haben sich in den 20 Gemeinden nur sechs, die 65 bis 37 mal gesungen wurden, durchgesetzt. (Siehe die ersten sechs Morgenlieder in der Tabelle).

Erhebung über die Häufigkeit der EKG Morgenlieder
EKG   Pfarrer Organist summa EG
347  Lobet den Herren alle die ihn ehren 24 41 65 447
346  Die güldne Sonne 28 31 59 449
336  All Morgen ist ganz frisch und neu 22 32 54 440
349  Morgenglanz der Ewigkeit 18 34 52 450
345  Gott des Himmels und der Erden 20 24 44 445
341  Aus meines Herzens Grunde 15 22 37 443
335  Ich dank dir lieber Herre 7 20 27  
337  Du höchstes Licht ewiger Schein 11 15 26 441
348  Wach auf mein Herz und singe 12 10 22 446
339  Die helle Sonn leucht jetzt herfür 12 6 18 437
350  Mein erst Gefühl sei Preis und Dank 12 1 13 451
333  Der Tag bricht an und zeiget sich 8 4 12 438
342  Ich dank dir schon durch deinen Sohn 9 0 9 627
340  O Christe Morgensterne 5 0 5 158
338  Steht auf ihr lieben Kinderlein 1 2 3 442
343  Das walt Gott Vater und Gott Sohn 0 2 2  
334 (7)  Es geht daher des Tages Schein 0 0 0 439 (6)
344  Dank sei Gott in der Höhe 0 0 0  

Drei der sechs letzten Lieder (EKG 342/ 343 und 344) fanden offenbar auch in den anderen Landeskirchen kein Echo und sind nicht wieder ins EG aufgenommen worden. Das Lied EKG 340 „O Christe Morgensterne“ hat die Kommission aus der Rubrik der Morgenlieder herausgenommen und in der anderen Rubrik „Eingang und Ausgang des Gottesdienstes“ (EG 158) „retten“ wollen. Da gehört es nicht hin. Str. 3 ist „verbessert“ worden „Du hast für mich vergossen/ dein rosenfarbnes Blut“ in: „Du hast für mich vergossen/ am Kreuz dein teures Blut“, was farbloser ist. Leider ist der Vorschlag der Braunschweiger Gesangbuchkommission nicht aufgenommen worden, EKG 338 = EG 442 unter die Epiphaniaslieder einzureihen. Das wiederholte Sternmotiv (Str. 2+4) und Morgensternmotiv passen gut zu den Bildern der Epiphaniaszeit.

Ein erstaunliches Ergebnis zeigt die Verwendung der 24 Lieder unter der Rubrik „Tod und Ewigkeit“, eine nach dem furchtbaren Massentod des zweiten Weltkrieges besonders wichtige Sparte. Von diesen 24 Liedern wird nur eins völlig akzeptiert „Jesus meine Zuversicht“ EKG 330 = EG 526 mit 54 mal, dann folgt mit sehr großem Abstand Luthers „Mitten wir im Leben sind“ (EKG 309 = EG 518) : 21 mal; acht werden überhaupt nicht oder nur ein bis drei mal gesungen, weitere acht von 4 – 10 mal. Sieben dieser Lieder wurden nicht mehr in das EG aufgenommen und zwar EKG 314/ 315/ 317/ 322/ 323/ 324/ 325. Dieses Ergebnis wirft den Schatten der Welt- und Gemeindefremdheit auf das EKG von 1950.

Die Hit-Liste der meist genannten Lieder war folgende:

Die Hitliste der Choräle des Stammteils des EKG
EKG EG   Häufigkeit
234 317  Lobe den Herren den mächtigen  König 203
152 200  Ich bin getauft auf deinen Namen 201
131 179  Allein Gott in der Höh sei Ehr 132
228 321  Nun danket alle Gott 117
294 361  Befiehl du deine Wege 114
274 391  Jesu geh voran 111
63 85  O Haupt voll Blut und Wunden 104
190 295  Wohl denen die da wandeln 96
288 398  In dir ist Freude 93
227 320  Nun laßt uns Gott dem Herren 89
6 1  Macht hoch die Tür 88
371 503  Geh aus mein Herz 88
208 347  Ach bleib mit deiner Gnade 88
231 322  Nun danket all und bringet Ehr 85
159 221  Das sollt ihr Jesu Jünger nie vergessen 80
230 324  Ich singe dir mit Herz und Mund 79
10 11  Wie soll ich dich empfangen 74
205 243  Lob Gott getrost mit Singen 73
249 346  Such wer da will ein ander Ziel 71

Das zweitgenannte Lied resultiert aus der Vielzahl der damaligen Taufen. Es ist kein typisches Gemeindelied am Sonntag. Die Häufigkeit von „Allein Gott in der Höh sei Ehr“ resultiert aus seinem Rang in der Eingangsliturgie als Glorialied, und die Häufigkeit von „O Haupt voll Blut und Wunden“ kommt aus der Verwendung der 9. Strophe bei Beerdigungen „Wenn ich einmal soll scheiden“. Ob „Jesu geh voran“ ein typisches Lied zur Trauung ist, kann ich nicht feststellen. Die verbleibenden 15 Lieder sind die Klassiker der Gemeinde, aber ich halte diese Zahl doch für relativ gering. Trotz der sechs Passionssonntage und der in der Regel sechs Passionsandachten findet sich kein Passionslied, trotz der ca. sechs Weihnachtsgottesdienste zwischen dem 24.12. und 6.1. auch kein Weihnachtslied. Aber trotz der nur vier Adventssonntage zwei Adventslieder EKG 6 und 10. Dafür dominieren die Lob- und Danklieder.

Neue Lieder auf den Kirchentagen 1973 - 1981
Die Kirchentage von Düsseldorf 1973, Frankfurt a.M. 1975, Berlin 1977, Nürnberg 1979 und Hamburg 1981 waren wieder Anlaß zur Komposition neuer Liedern, die in den Kirchentagsliederheften vorgestellt wurden. In Düsseldorf dominierte der Landeskirchenmusikdirektor Gottlieb Oscar Blarr mit seinem Chor von der Neanderkirche und seinen Kompositionen „Einer hat uns angesteckt mit der Flamme der Liebe“, „Wer in der Liebe bleibt, der bleibt in Gott“, und liturgische Stücke zum Kyrie „Herr wie lange noch wirst du uns ertragen“ und „Ehre sei Gott in der Höhe“. Neben Blarr war Piet Janssens, Telgte, lange Zeit an der Gestaltung von Beatmessen beteiligt. Seine Lieder „Brich mit den Hungrigen dein Brot“, „Entdeck bei mir den nächsten Schritt, der weiterführt“, „Komm bau ein Haus“, „In Ängsten die einen und die andern leben nicht schlecht“ und viele andere fanden Eingang in Gemeindeliederbücher.
Der Kirchentag in Frankfurt 1975 wurde musikalisch von der Mitarbeit des Frankfurter Propstes Dieter Trautwein bestimmt. Mit der Übertragung aus dem Niederländischen „Solang es Menschen gibt auf Erden“ setzte Trautwein gegen das Kirchentagsmotto „In Ängsten aber siehe wir leben“ die positive Botschaft von der Erde, die Früchte trägt und von Blumen und Bäumen als Spuren der Gegenwart Gottes. Mit dem Kanon „Ein jeder braucht sein Brot, sein Wein, und Friede ohne Furcht soll sein. Pflugscharen schmelzt aus Gewehren und Kanonen, dass wir in Frieden beisammen wohnen“, nach Micha 4,3 komponiert, setzte er einen eschatologischen Ausblick aus den Ängsten der Zeit. Arnim Juhres „Man sagt, der Ort hieß Bethlehem“ reflektierte ein distanziertes Jesusbild des nachchristlichen Menschen. Jesus in einem Notquartier geboren, am Rand der Welt, macht seinen Namen „Gott hilft“ bei Verzweifelten und Unglücklichen wahr und lebt „trotz Wohlstandswahn und Hungerkrampf, trotz Weltraumfahrt und Klassenkampf“ als Auferstandener in dir und mir. Aus dem Schwedischen übertragen war das viel beliebte „Herr deine Liebe ist wie Gras und Ufer“, das mit Schnulz und Schmalz die Angst vergessen machen wollte.
Gegen die „Unterwanderung“ des gottesdienstlichen Kirchenliedes wollte der Berliner Kirchentag 1977 ein deutliches Signal setzen. Das Liederheft enthielt 92 Lieder, davon kein einziges aus dem Umkreis des Tutzinger Wettbewerbes, aber 26 vierstimmige Sätze zu Liedern aus dem EKG. Das Signal, das von diesem Heft ausging, hieß: es könnten in einem kommenden Gesangbuch auch viele Lieder vierstimmig gesetzt und in den Gemeinden gesungen werden. Das Liederheft war nach der Ordnung des Abendmahlsgottesdienstes gegliedert. Weitere altkirchliche Weisen (Nr. 8 und 9) verstärkten den Eindruck gegen den Trend. Helmut Kornemann, der mit Gottfried Müller dem Vorbereitungskreis angehörte und dessen Vorschläge gelegentlich in liturgische Ästhethizismen ausuferten, hatte ein mozarabisches Vaterunser aus dem 7. Jahrhundert so eingerichtet, dass auf jede Bitte die Gemeinde mit einem Amen antworten sollte (Nr. 54). Selbst zu dem klassischen Kirchentagslied „Sonne der Gerechtigkeit“ steuerte der Arbeitskreis noch eine weitere Weise nach den Böhmischen Brüdern bei. Der gesamten „trendige“ Anteil war hauptsächlich P. Janssens überlassen, der mit acht Liedern und liturgischen Stücken vertreten war. Das Motto „Einer trage des andern Last“ verarbeitete Janssens in dem Refrain „Wir wollen weitersagen wer trägt, der wird getragen“. Ein anderer Refrain „Stimm deine Laute, David spiel, entlock den Saiten Lieder“ löste große Begeisterung aus. Die Lage des Saul, in den der böse Geist gefahren war, wurde auf die westdeutsche Gesellschaft übertragen: „Fährt der böse Geist in Saul, dann ducken sich die Leute, fährt der böse Geist in den Betrieb, dann ducken sich die Leute und am Fließband hängt der Segen schief, fährt der böse Geist ins Parlament, dann ducken sich die Leute, im Plenum hängt der Segen schief, gegängelt klafft die Meute, fährt der böse Geist ins Volk..im Lande hängt der Segen schief ein jeder schnappt nach Beute“. Dagegen wurde David ( die Kirche, die Gemeinde ?) aufgefordert, neue Lieder zu singen, „dass der böse Geist entflieht, zum Menschen mach mich wieder“.
Das Nürnberger Kirchentagsliederheft von 1979 vereinte die Stücke von Blarr und Janssens und daneben in beträchtlicher Anzahl die „Songs junger Christen“, die mit „Sing mit mir ein Halleluja“, „Vergiß nicht zu danken“, „Ins Wasser fällt ein Stein“, „Es ist niemand zu groß“ inhaltlich und musikalisch den Weg zurück in die besonders vom Gemeinschaftschristentum gepflegte schlichte und unkomplizierte Frömmigkeit des 19. Jahrhunderts führte.
Wesentlich war, dass auf den Schlussversammlungen die klassischen Choräle, zu denen „Sonne der Gerechtigkeit“ und „Nun danket alle Gott“ gehörten, neben den neuen Rhythmen von Janssens und Blarr Platz hatten und Mut machten, auch in den Kirchengemeinden zu Hause beides nebeneinander bestehen zu lassen. Zum hochpolitischen Kirchentag in Hamburg 1981 komponierte Fritz Baltruweit zum Kirchentagsthema „Fürchte dich nicht“ den vierstimmigen Satz „Fürchte dich nicht, gefangen in deiner Angst, getragen von seinem Wort, gesandt in den neuen Tag“ und die Melodie von „Freunde dass der Mandelzweig“. Wie schon in früheren Gesangbüchern waren neue und alte Lieder nicht mehr getrennt sondern gemischt miteinander thematisch angeordnet.

Lieder zum Braunschweiger Landeskirchentag 1982
Im Juni 1982 fand seit langer Zeit wieder ein Landeskirchentag in Braunschweig statt, der unter dem nicht unumstrittenen Motto „Zum Glauben ermutigen“ stand. Nach dem dramatischen Kirchentag in Hamburg wünschte eine beträchtliche Minderheit das Motto „Zum Frieden ermutigen“. Zu diesem Landeskirchentag war ein Liederheft mit 42 Liedern erschienen, zu dem der Landeskirchenmusikdirektor Karl Heinrich Büchsel einen Kanon zum Motto „Laßt euch zum Glauben ermutigen“ komponierte und eine gemeindeliedmäßige Melodie zu einem Text von H. Handt „Glauben heißt Christus mit Worten nennen. Aber auch: ihn mit dem Leben bekennnen: Herr, lehr uns glauben“. Von Domkantor Helmut Kruse stammte ein zu diesem Anlaß komponierter vierstimmiger Kanon „Glauben wie Christus macht Mut, glauben wie Christus tut gut“. Das Liedangebot nahm auf alle in der Landeskirche befindlichen Frömmigkeitsströmungen Rücksicht. Neben 10 traditionellen Chorälen aus dem EKG und vier inzwischen bekannten Chorälen aus dem 20. Jahrhundert u.a. „Er weckt mich alle Morgen“ und „Gott liebt diese Welt“ standen Kinderlieder zum Kinderkirchentag, die etwas unbekümmerten Lieder aus der Jesusbruderschaft Gnadenthal („Ich singe dein Lob in den Tag hinein“) und der singenden Gemeinde Wuppertal („Gottes Liebe ist wie die Sonne, sie ist immer und überall da“), ältere Spirituals „Komm sag es allen weiter“ und Kirchentagslieder wie „Gib uns Frieden jeden Tag“ und „Komm Herr segne uns“ und von Janssens „Der Himmel geht über allen auf“, „Komm bau ein Haus“ und das Vaterunserlied. Damit hatten die neuen Lieder nun offiziell in der Landeskirche Einzug gehalten.

Das Liederheft „Umkehr zum Leben“ des Kirchentages in Hannover
Zum Deutschen Evangelischen Kirchentag in Hannover 1983 erschien unter dem Titel „Umkehr zum Leben“ das umfangreichste Liederheft mit insgesamt 180 Liedern. Dieses Liederheft wurde für die Landeskirche deshalb bedeutsam, weil es zugleich das Beiheft 72 ablösen und als Beiheft 83 zur Ergänzung des EKG eingeführt werden sollte. Braunschweiger Kirchenmusiker oder Theologen gehörten dem Arbeitsausschuss nicht an. Auf der folgenden Tabelle sind die 28 Lieder aufgeführt, die auch in das EG aufgenommen worden sind. Die Tabelle veranschaulicht den enormen Wachstumsprozeß des kommenden Gesangbuches. Im Gegensatz zum damals noch bestehenden EKG, das von wenigen Hymnologen ausgebrütet und am Ende auch ausgefeilscht worden war, wurde hier ein langes Wachsen des Evangelischen Gesangbuches mit einer Reihe länger erprobter neuer Lieder sichtbar.

Die Entwicklung der neuen Lieder in Niedersachsen
 Titel KT 1967 Beiheft 72 KT 1983 EG 1994
 Auf und macht die Herzen weit 2 901 736 454
 Ausgang und Eingang 8 n.v. 679 175
 Das Kreuz ist aufgerichtet 57 903 n.v. 94
 Die ganze Welt hast du uns überlassen 58 905 n.v. 360
 Gehe ein in deinen Frieden 61 920 637 489
 Gleich wie mich der Vater gesandt hat 63 921 659 260
 Gott liebt diese Welt 64 922 703 409
 Herr deine Güte reicht 66 925 731 277
 Hilf Herr meines Lebens 62 929 728 419
 Manchmal kennen wir Gottes Willen 70 935 n.v. 594
 Mein Herz ist bereit Gott 3 n.v. 686 339
 O Herr mach mich zu einem Werkzeug 72 939 612 416
 Singet dem Herrn ein neues Lied 74 940 n.v. 287
 Und suchst du meine Sünde 77 918 n.v. 237
 Vater unser der du bist im Himmel 79 n.v. 749 188
 We shall overcome 82 951 708 616
Beiheft 1972  Du Kind zu dieser heilgen Zeit 911 765 50
   Ein Schiff das sich Gemeinde nennt 913 n.v. 572
   Erd und Himmel sollen singen 914 730 499
   Er weckt mich alle Morgen 915 622 452
   Es mag sein daß alles fällt 917 n.v. 378
   Gedenk an uns o Herr 919 653 307
   Komm sag es allen weiter 933 n.v. 225
   Von guten Mächten 942 677 65
   Weil Gott in tiefster Nacht erschienen 943 766 56
   Schalom chaverim 434 733 950
Kirchentag 83  Abend ward bald kommt die Nacht 630 487
   Adoramus te 652 648
   Allein Gott in der Höh (Kanon) 644 180.4
   Brich mit dem Hungrigen dein Brot 667 418
   Damit aus Fremden Freunde werden 613 619
   Du bist Herr mein Licht 684 575
   Freunde daß der Mandelzweig 701 620
   Fürchte dich nicht gefangen 700 595
   Gott gab uns Atem 619 432
   Herr gib uns deinen Frieden 655 436
   Herr ich werfe meine Freude 627 632
   Ich liege Herr in deiner Hut 631 486
   Ihr werdet die Kraft des Heiligen 654 132
   Jesus Christus das Leben der Welt 709 605
   Komm Herr segne uns 661 170
   Laudato si 747 515
   Liebe ist nicht nur ein Wort 715 613
   Lobt den Herrn 763 538
   O Herr nimm unsre Schuld 615 235
   Solang es Menschen gibt auf Erden 719 427
   Stern über Bethlehem 759 544
   Unfriede herrscht auf der Erde 607 617
   Unser Leben sei ein Fest 756 557
   Vertrauen wagen 604 607
   Wir glauben Gott im höchsten 650 184
   Wo ein Mensch Vertrauen gibt 723 604

In der Agendenkommission behandelte Peter-Isenbürger das Liederbeiheft zum Kirchentag 1983. Das Lebensgefühl des modernen Menschen fände dort einen angemessenen Ausdruck. Die Kommission schlug vor, das Beiheft den Gemeinden als Anhang zum Gesangbuch zu empfehlen (LKA Registratur 2554).

Lieder der jungen Gemeinde 1984 in Goslar
Zum Landesjugendtreffen im Juni 1984 kamen mehrere Hundert Jugendliche nach Goslar. Sie hatten ein Liederheft mit 44 Liedern in der Hand, in dem nur noch ein Lied aus dem EKG stammte und nur 13 Lieder aus dem ein Jahr zuvor erschienenen Kirchentagsliederheft 1983, das als Beiheft zum EKG in der Landeskirche empfohlen worden war. 30 Lieder stammten vor allem aus dem Liedbestand früherer Kirchentage. Wie schon in den 30iger Jahren hatte sich die junge Gemeinde ein eigenes Singen, eigene Melodien und eigene Themen gesucht, die ihrer augenblicklichen Frömmigkeit entsprachen. Diese Frömmigkeit war pazifistisch. Mit dem Lied „Die Waffen verrotten zu Staub“ von Willms/ Böckeler begann das Liederheft. Das Friedensthema wurde noch von fünf anderen Liedern aufgenommen, wobei manchmal zwischen dem Frieden, den Christus bringt und den die Welt schafft, auch unterschieden wurde, wie in dem Kanon von Karl Heinrich Büchsel „Meinen Frieden gebe ich euch, nicht gebe ich euch, was die Welt gibt“ (Seite 32). Die Anzahl der Wehrdienstverweigerer stieg in jener Zeit kontinuierlich an. Die Frömmigkeit der Jugendlichen war „träumerisch“. „Wir träumen einen Traum“ von Hildebrandt/Janssens war das letzte Lied im Heft. Es war der Traum, „von einer besseren Welt“, „da sind die Helden mangelhaft, da sind die Eichen angesägt, da ist die Wahrheit nicht gezinkt.. da ist der Mensch dem Menschen gleich, das ist der Christus ganz aus Fleisch, da ist die Auferstehung wahr, da ist das Leben schön“ (Seite 44). Da ist derselbe Farbton wie in den eschatologischen Bildern des Alten Testamentes. Der Blick in eine bessere Welt macht die Sänger nicht tatenlos, sondern motiviert sie, sich auf den Weg dahin zu bewegen. Den Weg in eine bessere Welt, „den Weg wollen wir gehen“, den langen, steinigen, weiten unbequemen Weg (Seite 43). Es ist eine Art Aufbruch aus der Unfreiheit in die Freiheit. „Wenn das rote Meer grüne Welle hat, dann ziehen wir frei heim aus dem Land der Sklaverei“. Zu einer flotten Melodie von Janssens wurde der Auszug aus Ägypten in manchen Messehallen in langen Schlangen nachgespielt. „Hören - hoffen - handeln“ war das Motto des Landesjugendtreffens. Eine in vielen Variationen zum Ausdruck gebrachte Hoffnung prägte die Frömmigkeit: „Komm wir pflanzen den Hoffnungsbaum“ hatte Kurt Rose gedichtet „Die Äste, die Zweige das sind Gespräche und Gebete, die treiben, die steigen gegen den Wirrwind, die Angst“ (Seite 31). Auch das Lied „Komm bau ein Haus, das uns beschützt, pflanz einen Baum, der Schatten wirft“, ist nicht als ethischer Appell sondern als Ausdruck der jugendlichen Hoffnung zu lesen. Damit bekommt der Traum eine besondere Gegenwartsdichte. „Selig seid ihr, wenn ihr einfach lebt, wenn ihr Lasten tragt, wenn ihr ehrlich bleibt, wenn ihr Frieden macht“ (Seite 34). Von dieser Seligpreisung der Gegenwart ist es nur noch ein kurzer Schritt zu dem Wunsch nach Wohlfühlglaube „Herr deine Liebe ist wie Gras und Ufer“ (Seite 17) und „Komm laß diese Nacht nicht enden, in der wir einen Anfang sehn“ (Seite 26).

Die Lieder der Vorläufigen Liederliste
Nach den verabschiedeten Grundsätzen wurde eine Vorläufige Liederliste für den Stammteil des neuen Gesangbuches erarbeitet und im Februar 1984 vom EKD-Kirchenamt zur Stellungnahme an die Landeskirchen verschickt. Die überwiegende Zahl der EKG-Lieder, ca 322 sollten auch im neuen Gesangbuch enthalten sein, aber der Liederumfang sollte erweitert werden.
Die Pröpste erhielten die Liederliste im März 1984 zur Stellungnahme bis zum 1.6.1984 zugeschickt, aber es reagierten nur wenige. Zur Bearbeitung der Liederliste wurde die Agendenkommission durch den Konvent der Kirchenmusiker ergänzt, die nun eine 14köpfige Gesangbuchkommission unter dem Vorsitz von Bianca Riese, der Kirchenmusikerin an der Braunschweiger Pauligemeinde, bildete. Ihr gehörten an: die Pfarrer Geert Beyer, Hans Christoph Brinckmeier, Heinz Fischer, Propst Hans Jürgen Kalberlah, Dietrich Kuessner, Manfred Meitzner und die Kirchenmusiker Christoph Bosse, Friedrich Peter-Isenbürger, Hans Dieter Kern, Dieter Kroeker, Christian Mellin, Martin Seebaß und Herr Zacharias. In fünf Sitzungen vom Mai bis September 1984 wurde die Liederliste gründlich durchberaten und folgende Empfehlung verabschiedet. „Die Streichung aus dem Stammteil des EKG empfindet der Ausschuss als zu drastisch und empfiehlt, 23 von den gestrichenen Liedern auch dem neuen Gesangbuch zu erhalten“. Das bedeutete einen weiterer Rückschritt in das EKG. Außerdem wurde die Aufnahme von 43 weiteren neuen Gesangbuchliedern empfohlen. Der Vorschlag war auf fruchtbaren Boden gefallen: von diesen vorgeschlagenen 43 Liedern wurden 16 in den Stammteil des späteren EG aufgenommen: EG 116/ 181.7/ 187.7/ 315/ 332/ 379/ 425/ 432/ 436/ 461/ 463/ 465/ 483/ 489/ 492/ 515. Sieben andere kamen in den Regionalteil: 544/ 591/ 607/ 612/ 620/ 637/ 648/.
Drei von ihnen gehörten als typisch Braunschweiger Sondergut dem Anhang des EKG an: „Lobt froh den Herren“ (EG 332), „Weiß ich den Weg auch nicht“ (EG 591) und „Nun wollen wir singen das Abendlied“ (EG 637). Gemeindenah war auch der Kanon: „Herr bleibe bei uns“ (EG 483), „Jubilate Deo“ (EG 181.7) wohl eher weil vom Wolfenbüttler Michael Prätorius. „Ruhet von des Tages Mühn“ (EG 492) stammte aus der „Klingenden Runde“. Zu den Klassikern gehörte auch der vierstimmige Schützsatz „Aller Augen warten auf dich“, bei Chorfreizeiten in früherer Zeit viel zu Beginn des Mittagessens gesungen. Als neue Lieder hatten sich bereits aus den Beiheften eingebürgert: „Vertrauen wagen“ (EG 607), „Gott gab uns Atem“ (EG 432) „Stern über Bethlehem“ (EG 544), „Herr gib mir Mut zum Brückenbauen“ (EG 612). Ausgesprochene Kirchentagserrungenschaften, die Eingang in neue Liederhefte fanden, waren: „Gehe ein in deinen Frieden“ (EG 489), „Gib uns Frieden jeden Tag“ (425), „Herr gib uns deinen Frieden“ (EG 436) „Laudato si“ (EG 515), „Freunde, dass der Mandelzweig“ (620).

Die Gesangbuchkommission äußerte sich auch zu den verschiedenen Melodiefassungen – ob rhythmisch oder isometrisch –, zur Tonhöhe und zu alternativen Melodien (LKA Registratur 2519). Der landessynodale GemeindeAusschuss und die Kirchenregierung übernahmen die Stellungnahme des Gesangbuchausschusses, und auf der Maisynode 1985 gaben OLKR Becker und die Vorsitzende der Gesangbuchkommission Bianca Riese einen Bericht über die bisherige Arbeit am sog. Stammteil des Gesangbuches. Man wolle „behutsam und nicht zu modernistisch vorgehen und im Zweifelsfall dem älteren Liedgut den Vorrang geben“, äußerte Becker (EZ 12.5.1985), dessen Meinung sich die Landessynode anschloß. Trotz Einstimmigkeit gab es in der Landessynode eine beachtliche Zahl von Stimmenenthaltungen.

Die Liederliste von 1985 kursierte und verfiel einer vereinzelten, aber typischen Polemik. Unter dem Titel „Auf ein neues Lied?“ bedauerte der Hermannsburger Pfarrer Kristlieb Adloff die Wiederkehr der volkstümlichen Gesänge des 19. Jahrhunderts und die Herausnahme von 87 Liedern des EKG, die er als „reife Frucht einer lebendigen Singbewegung und als Nebenfrucht des Kirchenkampfes“ verstand. Neue Lieder, die „nur in stumpfsinnigem Rhythmus in sich hineingrummeln und mümmeln, was immer der öde Griff in die Gitarre begreift“, wurden von ihm abgewiesen. Die Liederliste versuchte, „die geistlichen Grundentscheidungen des heutigen EKG rückgängig zu machen“ (MuK 1985 S. 183 f).

Damit war indes die endgültige Gestalt für den Stammteil noch nicht gewonnen. Immer wieder wurden neue Anträge und Wünsche eingearbeitet und die Liederliste mehrfach überarbeitet und der jeweils neueste Stand ausgetauscht.

Die Texte des Stammteils (Katechismus, Gebete, Lesungen u.a.)
Nach dem Liederteil des Gesangbuches wurde der landeskirchlichen Gesangbuchkommission 1986 eine Vorlage zum Textteil des Gesangbuches zur Bearbeitung überwiesen. Der Textteil sollte viel umfangreicher werden als im bisherigen EKG, denn das Evangelische Gesangbuch war zugleich als Hausbuch gedacht. Der Textteil enthielt erstmals zahlreiche Psalmen, die im Gottesdienst im Wechsel gesprochen werden konnten. In einigen Gemeinden hatte sich schon seit 1968 diese Gebetsform im Eingangsteil des Gottesdienstes bewährt. Er bedeutete eine stärkere Beteiligung der feiernden Gemeinde am liturgischen Geschehen und löste das Singen des Introitus durch einen Chor ab. Dieser Introituschorgesang hatte sich in der Braunschweiger Landeskirche nicht eingebürgert. Auf die Psalmen folgte die Ordnung der Mette, des Mittagsgebetes und der Vesper; ein Gebetsteil für verschiedene Anlässe, die drei Lesungen im Sonntagsgottesdienst und ein Teil mit den Bekenntnissen der Kirche. In zwei Sitzungen erarbeitete die Gesangbuchkommission eine in textlicher und sprachlicher Hinsicht vorsichtig konservative Stellungnahme, und die Landessynode wurde im November 1986 dazu informiert. Eine Aussprache war nicht vorgesehen. Die Kirchenregierung nahm noch kleine, aber bezeichnende Korrekturen vor. Es war historisch gesehen schon eine Glanztat, daß in ein von Lutheranern benutztes Gesangbuch auch Teile des reformierten Heidelberger Katechismus aufgenommen wurden. Doch seit der Leuenberger Konkordie vom Jahre 1973 war die Abendmahlsgemeinschaft zwischen Lutheranern und Reformierten endlich hergestellt, eine Gemeinschaft, die im Kirchenkampf von 1934 ff noch unvorstellbar gewesen war. Aber Landesbischof Müller drang darauf, daß dieser Textteil auch als reformiertes Bekenntnis bezeichnet werden sollte, damit keine Vermischung oder Verwechslung geschähe. Beim Text der Barmer Erklärung von 1934 war in der Kommission noch offen geblieben, ob sie als Bekenntnis oder doch nur als Erklärung gewertet werden sollte. Bischof Müller bestand auf der Bezeichnung „Barmer Erklärung“.
Damit war eine erste Lesung aller Lieder und Texte des Gesangbuches abgeschlossen.

Das Liederheft vom Landeskirchentag Juni 1988
Die Lieder der Kirchentage waren durch die Braunschweiger Posaunenchöre, Jugend- und Konfirmandengruppen, Frauenhilfen und Kirchenvorsteherinnen und Kirchenvorsteher, die an den Kirchentagen teilgenommen hatten, längst im Umlauf. Anfang Juni 1988 fand nach dem von 1982 ein weiterer regionaler Landeskirchentag in Salzgitter-Lebenstedt statt, zu dem der Landeskirchenmusikdirektor Gunter Martin Göttsche und Klaus Dieter Braun vom Amt für Jugendarbeit ein Liederheft herausgegeben hatten. Der Landeskirchentag stand unter dem Motto eines neuen Liedes „Gott gab uns Atem“ von E. Bücken und der Melodie von Fritz Baltruweit. Das Liederheft mit 48 Liedern gibt einen gewissen Einblick, was in der Landeskirche an alten und neuen Liedern geläufig war. Von den 48 Liedern waren 13 aus dem EKG und 35 neue Lieder, ein bemerkenswert hoher Anteil. Von den 35 neuen Liedern sind 12 in das Evangelische Gesangbuch aufgenommen worden. In den Kirchengemeinden hatten sich das Calypso-Vaterunser (EG 188), das Gloria-Lied „Ich lobe meinen Gott, der aus der Tiefe mich ruft“ (EG 585), Bonhoeffers „Von guten Mächten“ (EG 65), das Schlußlied des Nürnberger Kirchentages „Komm Herr segne uns“ (EG 170) von Trautwein und „Herr wir bitten komm und segne uns“ (EG 561) eingebürgert. Das Liederheft bewahrt auch jene Lieder, die sich nicht „durchgesetzt“ haben, damals aber durchaus populär waren, wie das Lied „Einer hat uns angesteckt mit der Flamme der Liebe/ einer hat uns aufgeweckt und das Feuer brennt hell“ (S. 12) von Bücken/ Blarr aus einer lateinamerikanischen Beatmesse. Man hat den neuen Liedern vorgeworfen, dass sie zu viele Forderungen und zu viel Ethik enthielten und zu wenig Evangelium. Dieses Lied ist ein ausgesprochenes Christuslied, das den Reichtum der Nachfolge beschreibt: „Wer sich selbst verliert/ wird das Leben finden/ wer die Freiheit spürt/ kann sich selber binden“ darauf folgt der oben genannte Refrain. Die Strophen 2 und 3 lauten: „Wer die Armut kennt/ wird im Reichtum leben/ wer von Herzen brennt/ kann sich andern geben// Wer betroffen ist/ wird das Wort neu sagen/ Wer sich selbst vergisst kann auch Lasten tragen. Einer hat uns angesteckt“. Wir haben es seinerzeit wiederholt als Lied bei der Trauung gesungen.
Die verschiedenen Aspekte der Friedensthematik wurden liedmäßíg behandelt: „Freunde dass der Mandelzweig“ (EG 620) ist ein Lied vom Sieg des Lebens über den Krieg, veranschaulicht am blühenden Mandelzweig. Dagegen wurde von der kirchlichen Rechten der Friede durch Christus hervorgehoben, hier durch das Lied von Manfred Siebald „Friede sei mit dir. Nicht jener Friede, wenn die Waffen schweigen/ wenn sich noch Furcht mit Haß die Waage hält/ wenn sich Verlierer vor den Siegern beugen/ nicht der Friede dieser Welt“, sondern eben der Friede Gottes, der als Gegensatz gesehen wurde. „Der Friede Gottes will in dir beginnen“ beginnt die letzte Strophe. Zwischen dem Gottesfrieden und dem Friede auf Erde, dem Friede innen oder als gesellschaftspolitische Hoffnung und Realität klaffte eine große theologische Kluft. Ein ganz anderer Aspekt war der „Abendfrieden“. „Gehe ein in deinen Frieden, schlafe deinen guten Schlaf“ aus Israel, gehörte zu bekannten Abendliedern, die nicht die Schrecken der Nacht besingt wie die Lieder des 16. und 17. Jahrhunderts, sondern das vom Himmel fließende Mondlicht preist. Ein Friedenskanon aus Afrika „Gehen wir in Frieden (S. 17) und ein Bittruf nach einer Fürbitte von P. Janssens „Gib uns deine Kraft, Böses zu wenden, Frieden zu machen, gib uns deinen Geist“ zeigt die vielfältige liturgische und musikalische Form des Friedensthemas. Da der Landeskirchentag mit dem Treffen der landeskirchlichen Jugend zusammengelegt war, gab es auch schlichte Melodien, die auf Anhieb mitzusingen waren wie „Du bist da wo Menschen leben... lieben... hoffen“ von D. Jöcker, „Preisen lasst uns Gott den Herrn“ eine Melodie, die Trautwein aus Kamerun mitgebracht hatte, „Sing mit mir ein Halleluja, sing mit mir ein Dankeschön“ (S. 38). Auch dieses Liederheft bewährte sich wie schon das vom Katechetischen Amt und vom Landeskirchentag 1982 als Vorreiter für die Akzeptanz des EG.

Die Diskussion über den Vorentwurf
In diesem Jahr 1988 wurde der Vorentwurf des Evangelischen Gesangbuches den Landeskirchen zur Stellungnahme bis 1990 zugesandt. 50 Lieder waren nach Auswertung der Stellungnahmen der Landeskirchen aus der Vorläufigen Liederliste gestrichen und 85 neu hinzugefügt worden. Damit stand fest, daß von den 527 Lieder des neuen Gesangbuches 310 aus dem Stammteil des EKG stammen würden, der 394 Lieder umfaßt hatte. Nur 84 Lieder waren aus dem Stammteil aussortiert worden.
Diesen korpulenten grünen Vorentwurf verschickte OLKR Becker am 11. Mai an alle Kirchenvorstände und am 24. August 1988 an alle Pfarrerinnen und Pfarrer mit dem Angebot, sich mit Vorschlägen an der Gestaltung des Gesangbuches zu beteiligen. Das war eigentlich zu spät, denn an der Liedauswahl sollte nicht mehr gerüttelt werden. Es begann in der Landeskirche bis zum Herbst 1989 eine rege Beschäftigung mit dem geplanten Gesangbuch.
Die Braunschweiger Kirchengemeinden Petri, Wichern und Oelper erarbeiteten in monatelanger Arbeit unter der Federführung von Pfarrer E. Borrmann eine 34 Seiten lange Stellungnahme. Borrmann bemängelte zu Recht, daß in den Kirchengemeinden zu wenig bedacht würde, daß das neue Gesangbuch kein Nachdruck des bisherigen sein sollte sondern wirklich ein neues. Aus der Arbeit dürfte als Ergebnis „nicht eine heimliche Restaurierung des bisherigen herauskommen“. Das neue möge „einladender, vielseitiger, fröhlicher, singbarer, menschlicher, also brauchbarer als das alte sein“ (Brief vom 7.12.1987 an Frau Riese in: Registratur 2939).
Der Konvent der Propsteikantoren äußerte sich am 24.5.1989. Auf der Propsteisynode Lebenstedt referierte im Juni 1989 der Landeskirchenmusikdirektor Göttsche über den Vorentwurf. Vorausgegangen war eine Andacht mit Taizegesängen, geleitet von Pfarrer Beyer. Es gab zurückhaltende (Propsteikantor Mast) und befürwortende (Frau Prinzing) Wortmeldungen. Kräftig unterstützte Propst Brackhahn das Gesangbuchvorhaben (Salzgitter Zeitung 24.6.1889). Für die Propsteisynode Helmstedt am 14. Juli 1989 hatte ein PropsteigesangbuchAusschuss eine umfangreiche Stellungnahme erarbeitet. Kirchenmusidirektor Kroeker berichtete am 4. September 1989 der Propsteisynode Braunschweig. Vier Einzelvoten waren aus verschiedenen Kirchengemeinden eingegangen. Ungewöhnlich war die Ablehnung der Kirchengemeinde Martin Chemnitz, weil Pfarrer Juenke die Aufnahme des Heidelberger Katechismus nicht mittragen wollte. Auch die Propsteisynode Bad Gandersheim tagte am 14.10.1989 zu diesem Thema sowie der Pfarrkonvent Bad Harzburg.
Ganz scharf ablehnend äußerte sich die EKD-Kammer für Frauenfragen und beklagte „ein restauratives Gemeinde- und Familienbild“; der „sexistische Sprach- und Textteil“ wäre völlig unakzeptabel, die traditionelle christliche Frömmigkeit setzten sich in der Liederliste durch männlich geprägte Denk- und Sprachstrukturen, durch kriegerische Bilder und einen schroffen Dualismus im Welt- und Menschenbild fort. Die Frauenkammer der Landeskirche schloß sich diesem vernichtenden Urteil an (LKA Registratur 2900).
Alle Stellungnahmen wurden im GesangbuchAusschuss bearbeitet und zu einer 12 Seiten langen Stellungnahme der Landeskirche zum Vorentwurf zusammengefaßt.

Die endgültige Stellungnahme der Landeskirche zum Vorentwurf des Gesangbuches
Auf der Novembersitzung der Landessynode 1989 wurde eine von der Kirchenregierung leicht überarbeitete Stellungnahme der Braunschweiger Landeskirche zum Vorentwurf verabschiedet. Darin wurden grundsätzlich der Name „Evangelisches Kirchengesangbuch“, eine Reduzierung des Umfangs und die Verwendung der inklusiven Sprache gewünscht. Die behutsame Revision der EKG-Texte, die Aufnahme von Liedern von anderen Völkern in ihren Sprachen und bereits bewährter Kirchenlieder, von Kanons und Kinderliedern und zahlreicher ökumenischer Lieder wurden begrüßt, aber es wäre unbedingt erforderlich, auf interkonfessioneller Ebene einen einheitlichen Gebrauch des Kennzeichens „ö“ anzustreben und fügte am Ende zahlreiche Umgereimtheiten zu dieser Sache an. Da der Umfang als zu üppig angesehen wurde, sollten 19 Lieder wegfallen weil sie als zu modernistisch, zu überladen, zu banal und platt oder zu schwierig bei der verwendeten Bildwahl angesehen wurden. Als zu antiquiert oder banal galten zahlreiche neue Lieder, aber auch auf einige EKG-Lieder (EKG 13 „Dein König kommt in niedern Hüllen“, EKG 209 „Herr unser Gott laß uns nicht zuschanden werden“ und EKG 347 „Jesus nimmt die Sünder an“, EKG 65 „Jesus meines Lebens Leben“ und EKG 219 „O daß doch bald dein Feuer brennte“) sollte verzichtet werden. Die Kirchenleitung klebte also keineswegs an allen EKG-Liedern. Es ist kein Gewinn, daß diese Lieder doch wieder im EG auftauchten.
Auch 38 Strophen von 12 Liedern, die dem EKG angehört hatten, sollten gestrichen werden, ebenso wie neun liturgische Gesänge. Von 16 Liedern sollten Ausweichmelodien gesucht werden, weil die angegebenen Melodien zu schwer oder unbekannt wären, für andere Lieder mit neuen Texten sollten andere Melodien komponiert werden. Die Tonhöhe von 65 Liedern sollte heruntergesetzt, für sechs Lieder die rhythmischen Melodien durch die ansonsten so verhaßte isometrische ersetzt und 35 Lieder mit Gitarrengriffen versehen werden. Diese Stellungnahme nahm die vielfältigen, unterschiedlichen Anregungen und Wünsche aus den Gemeinden und Fachkreisen auf (Die Stellungnahme der Br. LK zum Vorentwurf LKA Registratur 3271).

Die EKD/BEEK GesangbuchAusschuss lehnte allerdings eine nochmalige Behandlung der EKG-Lieder ab und nahm nur Korrekturen im Bereich der neuen Kirchenlieder vor.
Im Februar 1991 schlossen die Gesangbuchausschüsse der EKD und des Bundes der Ev. Kirche in der früheren DDR ihre Arbeit ab.

Die Entstehung des Niedersächsischen - Bremer Liederanhangs/ Regionalteils
Ab Anfang 1987 begann die Arbeit an einem niedersächsischen Liederanhang, die federführend von einem vom Ständigen Niedersächsischen GesangbuchAusschuss gebildeten ArbeitsAusschuss in Hannover besorgt wurde. Vom Ständigen Niedersächsischen GesangbuchAusschuss wehte kein besonders reformfreudiger Wind. Die Arbeit sollte „behutsam“ und „nicht überstürzt“ geschehen, und „die erreichten Gemeinsamkeiten sollten erhalten bleiben“. Wer sich in der Kirchensprache auskannte, wußte Bescheid: es sollte sich möglichst wenig ändern. Aber es sollte vernünftigerweise keinen Braunschweiger Sonderanhang mehr geben. Der war 1950 auch mehr aus Trotz und Widerstand gegen die Übertreibungen von Mahrenholz entstanden.
Dem 19köpfigen Ausschuss für den Regionalanhang gehörten von Braunschweig Landeskirchenmusikdirektor Gunther-Martin Göttsche, Propst i.R. Hans Jürgen Kalberlah und Kantor Dieter Kern an. Den Vorsitz hatte Landeskirchenmusikdirektor Wiese. Dieser Niedersächsische Ausschuss bat um Vorschläge bis zum Sommer 1987 und die Braunschweiger Kirchenregierung beschloß, die Kirchengemeinden zu beteiligen und um Vorschläge zu bitten. 30 Kirchengemeinden antworteten mit zahlreichen Vorschlägen. Pfarrer Eberhard Borrmann von der Braunschweiger Petrigemeinde ordnete die 297 Liedvorschläge in eine „Wunschliste Anhang“ (in: LKA Registratur 3414) für ihre Bearbeitung in der Agendenkommission, in die Borrmann berufen worden war.
Die Agendenkommission berücksichtigte vor allem neues Liedgut, was zu Spannungen mit der Auffassung des Landeskirchenamtes führte. OLKR Becker beanstandete, daß nur neun EKG Lieder für den Anhang vorgesehen wären. (Protokoll der Agendenkommission vom 3.2.1988 in: LKA Registratur 2939). Diese Braunschweiger Vorschläge lagen bald dem Hannoveraner RegionalAusschuss vor und wurden dort begutachtet.

Die Arbeit im Niedersächsischen RegionalAusschuss indes stagnierte, weil sich bei den Liedern am Stammteil doch noch ständig Veränderungen ergaben und erst nach der Fertigstellung des Stammteils auch die Lieder für den Anhang endgültig ausgewählt werden konnten. Erst Ende 1989 wurde vom Niedersächsischen Ausschuss eine Vorläufige Liederliste als erstes Arbeitsergebnis mit 84 Liedern und Melodien vorgelegt. Davon stammten nur fünf aus dem Stammteil des EKG, sieben aus dem Niedersächsischen und Bremer Anhang, 21 aus dem Beiheften 1972 und 1983 sowie 29 aus anderen zeitgenössischen Veröffentlichungen, sechs aus Taize, drei aus dem katholischen Gesangbuch „Gotteslob“ und fünf weitere Lieder aus anderen Quellen. Plattdeutsche Lieder waren noch nicht enthalten, wurden aber erwünscht. (LKA Registratur 3415). Die Gemeinden wurden ermuntert, weitere Vorschläge zu machen, weil mit 84 Liedern das Maximum von 150 Anhangsliedern bei weitem nicht erreicht war. Das Landeskirchenamt forderte die Propsteivorstände im Januar 1990 zu einem Votum zur dieser Liederliste bis Ende des Jahres auf. Aber es kamen nur Stellungnahmen von den Propsteisynoden Braunschweig und Bad Harzburg, vom Pfarrkonvent Vorsfelde und von einigen Einzelgemeinden zustande.
Alle Stellungnahmen wurden in zwei Sitzungen Januar und Februar 1991 in der Agendenkommission aufgelistet und für die Kirchenregierung eine Stellungnahme erarbeitet, die der Landessynode am 15./16. März 1991 vorgelegt wurde (LKA Registratur 3414/ 21596).

Das geringe Echo hatte zwei einfache Gründe: die vorgeschlagene Liederliste kam den Gemeinden entgegen, denn teils waren bisher abgelehnte EKG-Lieder im Anhang wieder präsent, teils stellte der Anteil der neuen Lieder zufrieden. Der andere Grund bestand darin, daß sich das öffentliche Interesse 1990/91 vollständig auf die Umwälzung der Verhältnisse in der DDR konzentrierte und der Liederanhang eines Kirchengesangbuches demgegenüber verständlicherweise in den Hintergrund trat.

Die Braunschweiger Vorschläge wurde im NiedersachsenAusschuss verarbeitet, der am 1.1. 92 den endgültigen Entwurf vorlegte. Dabei waren noch einmal nach Angaben des Ausschusses allein 1000 Vorschläge bearbeitet worden. Zehn der im Entwurf für einen niedersächsischen Anhang enthaltenen Lieder waren in den Stammteil aufgenommen worden: „Bewahre uns Gott“ (EG 171), „Bleibet hier und wachet mit mir“ (EG 789.2), „Danke für diesen guten Morgen“ (EG 334), „Der Tag ist um die Nacht kehrt wieder“ (EG 490), „Gehe ein in deinen Frieden“ (EG 489), „Heut triumphieret Gottes Sohn“ (EG 109), „Ich möcht daß einer mit mir geht“ (EG 209), „Kyrie“, ,„Laudato si“ (EG 515), „Sende dein Licht“ (EG 172). Das war sozusagen ein besonderer niedersächsischer Anteil am Evangelischen Gesangbuch.

Gliederung des Stammteils des Evangelischen Gesangbuches
Das Evangelische Gesangbuch umfaßt einen Stammteil mit 535 Liedern statt bisher 394 und einen Regionalteil mit weiteren 109 Liedern (Nr. 536-644) statt bisher 99; außerdem liturgische Gesänge zu den Sonntagsgottesdiensten und zu den Tageszeiten, gefolgt von Taizegesängen (789.1-789.7), Psalmtexten (702-760), dem kleinen Katechismus, verschiedenen Bekenntnissen, Gebeten und den drei Lesungen in den jeweiligen Sonntagsgottesdiensten.

Es gliedert sich in Lieder zum Kirchenjahr (Nr. 1-154), zum Gottesdienst (Nr. 155-269) einschließlich der liturgischen Gesänge (unterteilt in Taufe, Konfirmation, Beichte, Abendmahl, Sammlung und Sendung, Ökumene), Biblische Gesänge (Nr. 270 - 315), die dritte größere Einheit, Glaube, Liebe, Hoffnung überschrieben, gliedert sich in Loben und Danken (Nr. 316-340), Rechtfertigung und Zuversicht (Nr. 341-360), Angst und Vertrauen (361-383), Umkehr und Nachfolge (384-395), Geborgenheit in Gottes Liebe (Nr. 396-411), Nächsten- und Feindesliebe (Nr. 412-420), Erhaltung der Schöpfung, Frieden und Gerechtigkeit (Nr. 421-436), Morgen-, Mittags- und Abendlieder (Nr. 437-493), Arbeit, Natur- und Jahreszeiten (Nr. 494-515) und Sterben und ewiges Leben ( 516-535).
Der überwiegende Teil der Lieder stammte aus dem bisherigen EKG, aber er gab dem EG nicht das Gepräge.
Schon der Auftakt unterschied sich. Wer jetzt das Gesangbuch aufschlug, fand unter der Nummer eins einen alten Bekannten „Macht hoch die Tür“. Das war einladender als „Nun komm der Heiden Heiland“ und knüpfte an das DEG an. Der befremdliche Psalmteil begann nicht mehr mit einem Bußpsalm, sondern mit „Herr unser Herrscher“. Noch besser war der Einfall im Vorentwurf. Dort begann der Psalmteil mit „Du meine Seele singe“, also wieder mit einem bekannteren Choral. Dieser Psalmteil war nun durchsetzt mit zahlreichen neuen Vertonungen, von denen sich EG 272 „Ich lobe meinen Gott“, auf deutsch und französisch abgedruckt, rasch einbürgerte.
Auch die merkwürdigen fossilen 46 Gloria patri Strophen (Nr. 500 ff) waren entfernt worden.

Der Umgang mit dem bevorzugten Liedgut des 16. und 17. Jahrhunderts
Die Verlegenheit mit den Liedern von Johann Heermann
Johann Heermann (1585-1647) gilt bei den Hymnologen als der „bedeutendste Liederdichter zwischen Martin Luther und Paul Gerhardt“, so im Verfasserverzeichnis des EG (S. 956). Sein Leben war bestimmt von den Schrecken des 30jähigen Krieges und „den Bedrängnissen der Gegenreformation“, die evangelische Lehre schien durch das Erstarken der katholischen Kirche in Gefahr zu geraten. Außerdem erging es ihm persönlich sehr schlecht. Er hat zwei Liedersammlungen herausgegeben. Von ihm standen im Stammteil des EKG elf Lieder und im niedersächsischen Anhang noch drei. Von diesen 14 Liedern sind im EG noch neun Lieder übrig geblieben. Alle drei aus dem Anhang sind entfallen und zwei aus dem Stammteil. Wie stark die Lieder von Heermann umstritten waren, geht aus der Bearbeitung der verbliebenen neun EG-Lieder hervor. Nur fünf Lieder sind gegenüber dem EKG mit ungekürzter Strophenzahl übernommen worden, die anderen vier Lieder haben insgesamt elf Strophen weniger. Gestrichene Lieder und gestrichene Strophenanzahl verweisen auf eine Problematik, der ich kurz im Folgenden nachgehen will.

Lieder von Johann Heermann
 Stammteil 1950 EKG 1994 EG
 O Jesu Christe wahres Licht 50 (6) 72 (6)
 Herzliebster Jesu was hast du verbrochen 60 (13) 81 (11)
 Frühmorgens da die Sonn aufgeht 85 (15) 111 (15)
 Herr Jesu Christe du getreuer Hirte 156 (7) 217 (4)
 So wahr ich lebe spricht der Herr 169 (7) 234 (7)
 Laß dich Herr Jesu Christe 171 (1) 496 (1)
 Gott Lob die Stund ist kommen 175 (9)  
 Herr unser Gott laß nicht zuschanden werden 209 /5) 247 (4)
 Treuer Wächter Israel 210 (11) 248 (7)
 Ach traure nicht du frommer Christ 291 (10)  
 O Gott du frommer Gott 383 (8) 495 (8)
 Niedersächsischer Anhang    
 O Jesu du mein Bräutigam 414 (12)  
 Wo soll ich fliehen hin 418 (7)  
 O lieber Gott behüte mich 480 (2)  

Erklärung: Die in Klammern gesetzten Zahlen geben die Strophenzahl an


Die Gründe für die Streichungen liegen auf der Hand: EKG 175 beschrieb in elf Strophen das Glück beim Tod eines Kindes. In ein „Gott Lob“ sollte der Fromme bei diesem Anlass ausbrechen. Das Kind befindet sich ja im Paradies. „Ihr Eltern dürft nicht klagen; mit Freuden sollt ihr sagen: Dem Höchsten sei Lob, Ehr und Preis“ (Str 1). Das gestorbene Kind befindet sich im „Schloß vollkommener Sicherheit“ (Str. 4), im „schönen Himmels Ehrensaal“ (Str. 3). Die Eltern wären zwar betrübt, aber sie würden ihr Kind im Himmel wiedersehn „in weißer Seide stehn/ und tragen Siegespalmen“ (Str. 7). Daher gilt der Trost dieser Art von Kirche: „Nun Gott woll euch bewahren/ Dort wollen wir uns wiedersehn“ (Str. 9). Es wäre zu fragen, ob diese Art von Trost nicht schon um 1632 zur Zeit der Abfassung des Liedes eine Form von besonders verschleierter Grausamkeit gewesen ist. Wenn jemand in seiner ganz persönlichen Frömmigkeit sich den Trost über ein verstorbenes Kind derart zurechtlegt, ist dagegen kaum etwas einzuwenden. Wenn dies jedoch als „Trostangebot der Kirche“ auch nach dem zweiten Weltkrieg 1950 in einem Gesangbuch veröffentlicht wird, darf sich die Kirche nicht wundern, dass sich die derart Getrösteten von der Kirche abwenden. Dieses Lied hätte schon 1950 nicht in das EKG kommen dürfen.
Das ebenfalls gestrichene EKG-Lied 291 beschreibt den von Feinden umstellten Christen (Str. 4), der sich also „jetzund im Elend“ befindet. Auch er wird auf ein „Himmelreich voll Freuden“ (Str. 2) verwiesen, und hier werde Gott „sorgen/ für Seele und Leib/ für Kind und Weib/ Sie sind ihm unverborgen“. Die Erfahrungen im 30-jährigen Krieg waren andere und in dem Jahrhundert der Weltkriege auch. Gott hat Kinder und Frauen massenhaft auf schrecklichste Weise umkommen lassen. Schon 1950 war dieses Lied in einem evangelischen Gesangbuch nicht zu verantworten.
Es wirkt nun doch eigenartig, dass Lieder im EG geblieben sind, die kaum von den genannten gestrichenen Liedern inhaltlich abweichen. Im Lied „Treuer Wächter Israel“ (EG 248) geht es um die bedrohte evangelische Kirche. Sie wird als „arme Christenheit“ (Str. 1) beschrieben, weil die Lehre offenbar bekämpft wird: „täglich wird die Trübsal mehr/ hilf ach hilf schütz deine Lehr“ (Str. 2). Jesus wird gebeten, eine Mauer um die evangelische Kirche zu bauen: „eine Mauer um uns bau/ dass dem Feinde davor grau/ er mit Zittern sie anschau“ (Str. 3). Jesus kann das, denn er ist „der Held und Mann/ der den Kriegen steuern kann/ (Str. 6), der „wahre Friedefürst“ (Str. 7). Heutzutage wird die Lehre der Kirche durch nichts bedroht. Es mag sein, daß in den 50iger Jahren bei der Debatte um die Theologie Rudolf Bultmanns die Anhänger von Bibel und Bekenntnis die Lehre bedroht sahen, aber das war nur eine Minderheit der Gesangbuchsänger. Heutzutage wird die Lehre durch keine katholische oder innerevangelische Lehrmeinung bedroht. Dem säkularen Zeitgenossen ist die Lehre der Kirche gleichgültig. Er bekämpft sie daher auch gar nicht. Und eine „Mauer“mentalität hat der Kirche zu keiner Zeit gutgetan. Es nützt daher auch nichts, wenn von der Kommission das Lied um vier Strophen verkürzt wird, nämlich um die EKG Strophen 3-5 und 7. Die 7. Strophe weckte bei ehemaligen Kriegsteilnehmern Erinnerungen an das Koppelschloß. Dort stand in Blech gestanzt: „Gott mit uns“. In der 7. Strophe hieß es: „Treuer Hort Immanuel/ du Beschützer meines Seel/ „Gott mit uns“ in aller Not/ neben uns und in uns Gott/ Gott für uns zu aller Zeit/ Trutz dem der uns tu ein Leid/ Gottes Straf ist ihm bereit“ (EKG 210, 7). Es ist trotz des frommen Koppelschlosses bei den auf Hitler vereidigten Soldaten anders gekommen als im Lied beschrieben. Das hat Mahrenholz 1950 nicht bewogen, diese Strophe aus dem Lied zu entfernen, denn sie gehörte zum Urtext.
Auch in EG 247 („Herr unser Gott laß nicht zuschanden werden“) wird die heutzutage antiquierte, von Feinden bedrohte Lage der Kirche beschworen. Die fünfte Strophe „Du bist der Held/ der sie kann untertreten/ und das bedrängte kleine Häuflein retten“ (EKG 209,5) ist gestrichen worden, ohne daß dadurch der Grundtenor verändert würde. Die letzten Verse der dritten Strophe hießen im EKG Text: „Sie (nämlich die Feinde der Kirche) müssen Wehr und Waffen niederlegen/ kein Glied mehr regen“. Das Bild von der schrecklichen Totenruhe auf dem Schlachtfeld, wo die Getöteten kein Glied mehr regen können, ist pazifistisch umgetextet worden: „Herr wehre der Gewalt auf dieser Erde/ daß Friede werde, daß Friede werde“. Die erste Vers dieser dritten Strophe „schaff uns Beistand wider unsre Feinde“ spricht nicht allgemein von der Gewalttätigkeit auf dem Erdball sondern von „unsren“ Feinde, also den Feinden der Kirche. Die vierte Strophe ist aus den beiden ersten Versen von EKG 209,4 und den beiden letzten Versen von EKG 209,5 zusammengezogen. Dadurch geht der Gedanke verloren, daß die Gemeinden mit Gott „Taten tun und kämpfen will“, um die Feinde zu dämpfen. In der neuen Liedfassung des EG wird nicht mehr gekämpft, sondern resigniert zu Gott geschrieen. Diese Art von Modernisierung zerstört den unzeitgemäßen Grundgedanken des Liedes und macht ihn nicht zeitgemäß. Das Lied ist dadurch nicht zu retten.

Auch durch die Umstellung eines Liedes ist kein besseres Verständnis zu erreichen. Das Lied EG 496 „Laß dich Herr Jesu Christe“ ist unter die Rubrik „Arbeit“ eingeordnet, im EKG hingegen sachgerechter unter Traulieder. Es wird zweimal „das Haus“ erwähnt, das gesegnet werden möchte, also Segen für den neugegründeten „Hausstand“. Die Kommission hatte nicht den Mut, das Lied zu streichen und ordnete es unglücklicherweise hinter ein anderes, bekanntes Heermannlied mit derselben Melodie „O Gott du frommer Gott“ (EG 495) ein. Nun soll es offenbar Segen für die „Hausarbeit“ bedeuten. So geht es nicht, denn das ist von Heermann nicht gemeint.
Drei Heermannlieder halte ich für unproblematisch und an ihnen ist auch nichts geändert worden: das Epiphaniaslied „O Jesu Christe wahres Licht“, das Osterlied „Frühmorgens da die Sonn aufgeht“, in der das Ostergeschehen höchst existentiell in die Gegenwart hineingezogen wird und der Grabstein Jesu anschaulich als „Angststein“ (Str. 11) interpretiert wird, der „von des Herzens Tür“ weggewälzt wird. Keine Osterzeit, in der wir in unseren Gemeinden dieses Lied nicht gesungen hätten. Schließlich „O Gott du frommer Gott“ mit der Braunschweiger Melodie. Das hätte genügt.

Die Gellertlieder
Ganz anders erging es den 1950 verschmähten Liedern vom Dichter der Aufklärung Christian Fürchtegott Gellert. Die Anzahl der Gellertlieder wurde 1994 im Stammteil von vier auf sechs erhöht (EG 42/ 91/ 115/ 412/ 451/ 506). „Wie groß ist des Allmächtigen Güte“ (EKG 430) entfiel bedauerlicherweise.

Mit der römisch- katholischen Kirche gemeinsame Lieder
Das EG und das katholische Gesangbuch hatten zahlreiche Lieder gemeinsam. Allein 105 Lieder standen auch im katholischen Gesangbuch „Gotteslob“. Dazu kamen weitere 32 Lieder, so daß 138 Lieder die Bezeichnung „ö“ erhielten. Man konnte sicher sein, daß solche Lieder auch katholischen Christen geläufig oder wenigstens erlaubt waren, mit evangelischen Christen gemeinsam zu singen.
Dazu kamen noch 65 weitere, die „mit Einschränkung“ als ökumenisch bezeichnet werden. Sie wichen in Melodie und Strophenauswahl voneinander ab. Die Arbeitsgemeinschaft für Ökumenisches Liedgut hatte diese Kennzeichnung vorgenommen.
Der kirchengeschichtliche Rückblick in dieser Abhandlung macht die Außerordentlichkeit dieses Vorgangs besonders anschaulich. Es zeigt die Wirkung des Durchbruches, der durch das Zweite Vatikanische Konzil 1962-65 in der interkonfessionellen Beziehung eingetreten ist. Aber die Abkühlung zur römischen Kirche während des Entstehungsprozesses des EG wurde deutlich: die Frage, ob die im Vorentwurf abgedruckte ökumenische Vesperordnung beibehalten werden sollte, wurde verneint. Es ist sehr die Frage, ob zum gegenwärtigen Zeitpunkt, wo Papst Benedikt die lateinische Sprache im Meßgottesdienst als Möglichkeit wieder eingeräumt hat und damit einen weiteren tiefen Graben zur evangelischen Kirche aufwirft, eine solche Gemeinsamkeit noch möglich wäre.

Zum ökumenischen Geist gehören die geistlichen Gesänge aus der orthodoxen Kirche wie das „Halleluja“ aus Kiew (Nr. 181.4), das „Agios o Theos“ (Nr. 185.4), das „Gedenk an uns o Herr“ (Nr. 307) und im Anhang das mehrstimmige Glaubensbekenntnis (Nr. 652), das zu festlichen Anlässen häufig in größeren Stadtgemeinden angestimmt wird.

Fremdsprachige Lieder und Lieder aus dem Ausland
Unter der Rubrik Gottesdienst sind acht Lieder (Nr. 262 – 269) unter der Überschrift Ökumene zusammengefaßt. Die unterschiedliche Verwendung des Wortes „ökumenisch“ sowohl für das Verhältnis zur katholischen Kirche wie für evangelische Kirchen in anderen Ländern ist verwirrend.
Unter diesen acht sind einige Lieder zweisprachig wiedergegeben: in deutsch/englisch („The church’s one Foundation“ EG 264 und „The day thou gavest“ EG 266), deutsch/schwedisch (EG 268 „Strahlen brechen viele“), aber auch sonst finden sich Lieder aus anderen Nationen in ihrer Sprache: aus den Niederlanden (EG 199), Polen (EG 53 „Als die Welt verloren“), aus Frankreich (EG 272 „Ich lobe meinen Gott“). Unter den Gesängen aus anderen Ländern befindet sich das populäre „Morgenlicht leuchtet“ aus dem englischen „Morning has broken“ (EG 455), und „Laudato si“ aus dem Italienischen (EG 515).
Tatsächlich aber gibt es viel mehr Anleihen aus anderen Ländern, die rasch an der Melodieführung zu merken sind. Unter Nr. 959 sind sämtliche Lieder aufgeführt. Aus England und Schottland: 18 Lieder, aus den Niederlanden 10 Lieder, aus Frankreich sieben Lieder oder Texte abgesehen von den 10 Taizeliedern, aus den USA sechs Lieder, aus Israel vier Lieder, aus Österreich, Norwegen und Lateinamerika je drei Lieder und weitere in geringerer Zahl. Darin äußert sich eine erfrischende Entnationalisierung und ein Hauch von anregender Globalisierung.

Alte und neue Volkstümlichkeit erwünscht
Das Liedgut des 19. Jahrhunderts ist auffällig wieder zu Ehren gekommen. Die im EKG in den Anhang verbannten volkstümlichen Weihnachtslieder „Stille Nacht“ (EG 46), „O du fröhliche“ (EG 44), „Ihr Kinderlein kommet“ (Nr. 43), „Kommet ihr Hirten“ (Nr. 48), das Abendlied „Müde bin ich geh zur Ruh“ (Nr. 484), und andere wie „Schönster Herr Jesu“ (Nr. 403) und „Stern auf den ich schaue“ (Nr. 407) sind wieder in den Stammteil aufgenommen worden, ebenso wie „Tochter Zion freue dich“ (EG 13).
Aber es gibt auch populäre Musik aus der Kirchentagsbewegung. Zu einem Massenprotest aus Freiburger Kirchengemeinden kam es, als im Vorentwurf kein einziges Lied für den Stammteil von Kirchenmusiker Martin Schneider zu finden war. Der Protest hatte Erfolg. Es wurden in den Stammteil zwei Lieder aufgenommen:, „Der Gottesdienst soll fröhlich sein“ (EG 169) und „Danke für diesen guten Morgen“ (EG 334), eben wegen seiner großen Populärität. An diesen Liedern aus den sechziger Jahren spüren wir, wie sich Geschmack und Stilrichtung inzwischen wieder vom Flotten und Eingängigen weg gewandelt hat.
Daneben stehen seit 1950 entstandene Lieder wie die jugendbewegten von Kurt Rommel, die er in seiner Zeit als Stuttgarter Jugendpfarrer in den 60iger Jahren getextet und manchmal auch die Melodie geschrieben hat u.a. „Du hast uns Herr gerufen“ (EG 168), „Gib uns Frieden jeden Tag“ (EG 425 (EG 612). Sie wirken bereits historisch leicht angestaubt.

Mehrstimmigkeit
In den Gemeinden bewährte Kanon wie „Danket, danket dem Herrn (EG 336), „Lobet und preiset ihr Völker den Herrn“ (EG 337), „Vom Aufgang der Sonne bis zu ihrem Niedergang“ (EG 450), „Herr, bleibe bei uns, denn es will Abend werden“ (EG 483), „Dona nobis pacem“ (EG 435) wurden mit vielen weiteren Kanon aufgenommen. Das mehrstimmiger Singen sollte also in den Gottesdiensten und bei Gemeindetreffen ermöglicht werden. So wurden 27 Choräle im vierstimmigen Satz abgedruckt. Für Mehrstimmigkeit sorgten auch die Taizegesänge, die in vielen Gemeindegruppen aufgenommen wurden. Das „Laudate omnes gentes“ (EG 181.6) sang sich schnell herum und zersang sich auch schon wieder.

Zeitgemäße Texte und Melodien aus der DDR
Eine bittere Kritik am Vorentwurf kam von Gottfried Schille. Die Kirchen in der DDR hätten im Vorentwurf „keine echte Stimme“. Das Gesangbuch würde wieder einmal „ein Buch der Väter“, und zwar „allzu deutlich vom westlichen Stil- und Aussageelement geprägt“. „Hier weht ein sehr deutlicher steifer Westwind“. Die Vorläufige Liederliste von 1984-85 wäre anspruchsvoller gewesen. Da habe es „mehr Mut zum Weglassen“ gegeben. (in „Kirche Berlin Brandenburg“ 29.1.1989 Registratur 2940). Leider brachte Schille keine Beispiele.

Aus den Kirchen der DDR entstanden „Gott liebt diese Welt“ (EG 409) vom Mecklenburger Walter Schulz 1962/1970 und „Vertraut den neuen Wegen“ von Leipziger Klaus Peter Hertzsch 1989 (EG 395), das ursprünglich als Lied zur Trauung auf die Melodie „Du meine Seele singe“ gedacht war, aber bald eine neue Deutung erfuhr. Es wurde mit diesem Lied die mit der Wende von 1989 verbundenen Hoffnungen auf einen Aufbruch auch in den Kirchen ausdrückt. Aus den DDR-Kirchen stammten die herben Melodien von Manfred Schlenker, dem Kirchenmusiker in Greifswald u.a. zu neuen Texten von Kurt Ihlenfeld 1967 „Das Kreuz ist aufgerichtet“ (EG 94), von Hans v. Lehndorf 1968 „Komm in unsre stolze Welt“ (EG 428), von Walter Schulz „Es wird sein in den letzten Tagen“ (EG 426) aber auch zu Zinzendorfs bekanntem „Wir wolln uns gerne wagen“ (EG 254), und eine Melodie zu einem im Westen 1965 viel gesungenen Lied „Die ganze Welt hast du uns überlassen“ (EG 360), zu dem es allerdings bereits eine Melodie von Hans Rudolf Siemoneit aus dem Jahr der Entstehung dieses Liedes 1965 gab und die sich eingebürgert hatte. Von Claus Peter März stammt das Lied „Wenn das Brot, das wir teilen, als Rose blüht“, das 1981 entstand, Melodie von Kurt Grahl, das nicht in den Anhang, dafür aber in zwei Beihefte aufgenommen worden ist.

Bekannte Liederdichter und Komponisten in Auswahl
Zu den bekannten Liederdichtern gehörten Piet Janssens (EG 178.11 und „Brich den Hungrigen dein Brot EG 420) und Trautwein, vorher Frankfurter Stadtjugendpfarrer. Er leitete auf vielen Kirchentagen das Offene Singen mit neuen Liedern. Vom ihm stammt die stattliche Zahl von acht Liedern. Drei davon sind Übertragungen von Liedern aus den Nachbarkirchen: aus dem Ungarischen „Du schöner Lebensbaum“ (EG 96), das auch in ungarisch wiedergegeben wird, aus dem Schwedischen „Strahlen brechen viele“ (EG 268), das auch auf schwedisch wiedergegeben wird und die Vielfalt der Gaben und Dienste besingt, die alle aus einem Licht, einem Stamm, einem Geist herkommen und aus dem Niederländischen die Übertragung eines Liedes von Huub Oosterhuis „Solang es Menschen gibt auf Erden“, das nicht den Verderb der Umwelt beklagt, sondern für Früchte, Frieden, Bäume und Leben dankt, aber mit der Einschränkung: „Solange“. Außerdem das viel gesungene „Komm, Herr, segne uns“.

Der Inhalt des Niedersächsischen - Bremer Regionalteils
Der Niedersächsische-Bremer Regionalanhang besteht aus 109 Liedern (EG 536 – 644) und daran anschließenden liturgischen Gesängen (EG 645 - 661). Inhaltlich ist der Regionalteil ein Torso und zeigt kein einheitliches Gesicht. Das hängt damit zusammen, daß zu viele und unterschiedliche Motive bei seiner Herstellung mitgewirkt haben. Da waren jene, die möglichst viel vom alten EKG noch in den Anhang retten wollten. Vielleicht waren sie bei dem Bemühen, diese Lieder in den Stammteil zu bekommen, gescheitert. Nun sollten sie wenigsten in dem Anhang Aufnahme finden, oder es sollten die EKG-Lieder wieder aufgenommen werden, die aus dem Stammteil gestrichen worden waren. Dieses Unternehmen ist teilweise gelungen. Im Regionalteil sind noch 16 EKG Lieder untergebracht worden, und zwar fünf aus dem EKG - Stammteil: das Adventslied „Auf auf ihr Reichsgenossen“; jetzt: „ihr Christen alle“ (EKG 8 = EG 536), das Weihnachtslied „Wir singen dir Immanuel“ (EKG 30 = EG 541), das Morgenlied „Ich dank dir schon“ (EKG 342 = EG 627), das Abendmahlslied „Wohlauf die ihr hungrig seid“ (EKG 155= EG 568) und das Abendlied „Der Tag ist hin“ (EKG 365 = EG 635), außerdem acht aus dem niedersächsischen EKG Anhang das Adventslied „Zieh Ehrenkönig bei mir ein“ (EKG 401 = EG 537), daß Passionslied „Eines wünsch ich mir vor allem andern“ (EKG 406 = EG 547), „Herr wir stehen Hand in Hand“ ( EKG 426 = EG 602), „Harre meine Seele“ (EKG 449 = EG 593), „O Heilige Dreifaltigkeit“ (EKG 459 = EG 628), als Morgenlied: „Vor deinen Thron tret ich hiermit“ (EKG 460 = EG 629); aus dem Harzer Gesangbuch: „Gott der du Berg und Hügel“ (EKG 472 = EG 638), „Wie mit grimmgen Unverstand“ (EKG 476 = EG 592), und sogar drei aus dem kleinen Braunschweigischen EKG-Sonderanhang „Wenn ich o Schöpfer deine Macht“ (EKG 494 = EG 506), „Brich herein süßer Schein“ (EKG 497 = EG 643) und „Nun wollen wir singen das Abendlied“ ( EKG 496 = EG 637).
Demgegenüber standen jene, die möglichst ausschließlich neue Lieder in dem Anhang versammelt wissen wollten und zwar jene, die sich durch die Kirchentage längst in ihren Kirchengemeinden bewährt hatten, und die sozusagen auch schon „alte Schlager“ waren, einige sogar aus den 60er und 70er wie von M.G. Schneider „Zwischen Jericho und Jerusalem“ (EG 582)., „Eine freudige Nachricht breitet sich aus“ (EG 558) und „Ein Schiff das sich Gemeinde nennt“ (EG 572), das noch in fünf weitere Anhänge aufgenommen wurde. Und von Kurt Rommel „Herr gib mir Mut zum Brückenbauen“ (EG 612), „Liebe ist nicht nur ein Wort“ (EG 613), „Ich lobe meinen Gott, der aus der Tiefe mich holt“ als Glorialied bewährt (EG 585 von Netz/Lehmann) und „Unfriede herrscht auf der Erde“ (EG 617). Außerdem von Janssens „Unser Leben sei ein Fest“ (EG 557) und der vierstimmige Kanon „Der Himmel geht über alle auf“ (EG 588 ), der besonders von der Jugend mit Armbewegungen und im Kreis immer wieder aufgeführt wurde.
Allen merkte man indes ihr Alter bereits an..

Besondere Berücksichtigung finden in einem Regionalteil die Liederdichter und Komponisten aus der eigenen Region, also die Kirchenmusiker Fritz Baltruweit (Hannover), Landeskirchenmusikdirektor Götz Wiese (Celle), Jochen Schwarz, der 25 Jahre in der Arbeitsstelle für für Gottesdienst und Kirchenmusik in Hannover gearbeitet hat. Von Fritz Baltruweit, der auch Gemeindepfarrer ist, stammen die bekannten Lieder „Wo ein Menschen Vertrauen gibt“ (EG 604), „Vertrauen wagen“ (EG 607), „Freunde, daß der Mandelzweig“ (EG 620) und das mehrstimmige „Fürchte dich nicht“ (EG 595) im Regionalanhang. In den Stammteil ist „Gott gab uns Atem“ (EG 432) aufgenommen worden.
Zu den Liederdichtern der Region gehört Kurt Rose aus Celle, Lehrer und Schriftsteller geb. 1908, von dem sieben Texte im Anhang aufgenommen sind. Götz Wiese hat sein Lied zur Konfirmation „Aufgetan ist die Welt“ (EG 567) vertont und Jochen Schwarz das Weihnachtslied „Dies ist die Nacht“. Es sind Texte, die einen neuen, fragenden Ton in einer säkularisierten Welt anschlagen. „Ich gehöre dazu/ zu den Dränglern und Rufern/ daß doch Gott sich erhebe“ (EG 599) gibt das Motiv für sein Dichten an. Ebenfalls von Jochen Schwarz ist das Lied auf den Sonntag als Ruhetag, Auferstehungstag und Freudentag „Gottes Ruhetag“ (EG 631) vertont.
Liederdichter aus der Region ist auch Eberhard Borrmann, Pfarrer in Wolfenbüttel. Von ihm stammen Text und Melodie von „Ich möchte Glauben haben“ (EG 596). Zweihundert Jahre vorher hatte Ernst Moritz Arndt noch gedichtet: „Ich weiß, woran ich glaube“. Borrmann nimmt mit seinem Wunsch die Frage des säkularen Menschen nach Glaube und Hoffnung auf.
Eine norddeutsche Färbung erhielt der Regionalteil durch vier Lieder in plattdeutscher Mundart (EG 551/ 556/ 621/ 622).
Wie das Lied EG 543 „Es ist für uns eine Zeit angekommen“ in den Anhang hineingekommen ist, erscheint mir rätselhaft. Die Melodie tauchte in der Liederpraxis besonders in der nationalsozialistischen Zeit auf und wurde gerne zusammen mit „Hohe Nacht der klaren Sterne“ dargeboten. Der Text ist volkstümlich weihnachtlich umfrisiert. Es ist ein Fehlgriff.

Keines der bisherigen Gesangbücher ist unter einer derart breiten Beteiligung von Kirchengemeinden und Kirchenmusikern, von Propsteisynoden und der Landessynode erarbeitet worden.

Einführung des Evangelischen Gesangbuches
Im Mai 1994 beschloß die Landessynode die Einführung des Evangelischen Gesangbuches einheitlich in allen Kirchengemeinden zum 1. Advent 1994 und stellte 500.000 DM zur Anschaffung in den Kirchengemeinden zur Verfügung.
Es gab keinen einheitlichen Einführungstermin. Die Berlin Brandenburgische Landeskirche hatte es bereits ohne Regionalteil am Reformationsfest 1993 in Gebrauch genommen.
In Lüneburg, wo Hans Christian Drömann Landessuperintendent geworden war, fand am 2. Advent 1994 ein festlicher Gottesdienst für alle niedersächsischen Landeskirchen statt. Die musikalische Ausgestaltung ließ nichts von der reformatorischen Strenge des EKG anklingen. Zu Beginn schmetterte der Posaunenchor einen Festmarsch aus Händels „Judas Makkabäus“ und die Gemeinde begann, wie der EZ-Reporter berichtete, mit dem „vertrauten Choral“ „Tochter Zion“. Der Chor der Johanniskirche sang Mendelssohn-Bartoldys „Lasset uns frohlocken“ und zum Ausklang spielte der Kantor die Toccata in F-dur von Charles-Marie Widor, geb. 1845. Götz Wiese hatte vor Beginn mit der Gemeinde den Kanon „Nun sei uns willkommen“ geübt. Landesuperintendent Drömann nannte in seiner vom ZDF übertragenen Predigt das Evangelische Gesangbuch ein „Kursbuch der Seele“, OLKR Becker hob den ökumenischen Charakter und Bischof Hirschler das orthodoxe Glaubensbekenntnis aus dem Niedersächsischen Regionalteil hervor (EZ 11.112.1994).

In der Rheinischen, Westfälischen, Lippischen und Württembergischen Landeskirche wurde das Gesangbuch zum 1. Advent 1996 in Gebrauch genommen.
Keine Einigung gab es bei der Gestaltung des Gesangbuches. Die bayrische Landeskirche bevorzugte einen dreifarbig abgesetzten Einband und auch dreifarbig abgesetzte Seiten bei den unterschiedlichen Kapiteln und Bildern, in Norddeutschland blieb es bei blau und schwarzer Pappe.
Joachim Piper kommentierte den Unterschied: „Da bewundere ich die Bayern. Die haben sich von dem Gesangbuch-Eintopf in der EKD abgesetzt“ (EZ 18.12.1994).
Vom Oktober 1993 bis Ende 1995 waren 2.711.551 Exemplare verkauft, davon allein in Bayern 692.000 Stück (Ev. Kommentare 1996 S. 307).

In keines der zurückliegenden vier Gesangbuchgenerationen hat sich die Gemeinde schneller eingelebt als in das Evangelische Gesangbuch. Das hatte zwei Gründe. Im EG befanden sich sehr viele alte bekannte Choräle zu verschiedenen Anlässen und im Kirchenjahr. Der Wiedererkennungseffekt war sehr groß. Außerdem trafen die Gemeindemitglieder auf viele bekannte, aber bisher vermißte Choräle. Und die längst eingeübten, vielleicht sogar schon ausgeleierten, zunächst vom Zettel abgesungenen neuen Lieder befanden sich nun in ordentlicher Form sozusagen jetzt seriös zwischen zwei Pappdeckeln. Und doch hatte das EG ein ausgeprägtes, eigenes, neues Profil.

Erste Reaktionen
Das Heft Nr. 44 „Für den Gottesdienst“ widmete dem Thema „Gesangbuch“ eine Sondernummer im Oktober 1994. Darin gab der Vorsitzende der Gesangbuchkommission Drömann einen Rückblick auf die Gesangbucharbeit vor der hannoverschen Landessynode wieder (S. 4 ff) und Götz Wiese als Vorsitzender der Kommission für den Niedersächsisch-Bremer Regionalteil (S. 12 f), Prof. Dr. Joachim Stalmann ging dem „Traum von einem gemeinsamen Gesangbuch deutscher Sprache seit der Reformation“ nach (S. 14 ff) und befaßte sich mit der „Frage einer Theologie des neuen Gesangbuches“ (S. 19 ff). Meditationen zu EG 94 „Das Kreuz ist aufgerichtet“ von Wolfgang Raupach- Rudnick (S. 62 ff) und zu EG 567 „Aufgetan ist die Welt“ von Heiko Frerichs (S. 65 f), das EG aus der Sicht des Organisten, der Chöre, des Posaunenchores brachten zahlreiche praktische Vorschläge. Im nächsten Heft Nr. 45 vom Mai 1995 schrieb Martin Voigt einen einfühlsamen „Nachruf“ zum „Abschied vom Evangelischen Kirchengesangbuch“ (S. 36 ff).
Ein Jahr nach der Einführung berichtete der Landessingwart im Niedersächsischen Kirchenchorverband Jan-Jürgen Wasmuth von seinen praxisnahen Beobachtungen unter der Überschrift „Ein Jahr mit dem EG. Ein erster Erfahrungsbericht“ (MuK 1985 S. 298 ff). „Mein erster Eindruck: Das Buch ist sehr gut“. Es wäre „eine echte Bereicherung für unsere singenden und betenden Gemeinden“, Abweichungen in der Melodie würden von der Gemeinde „zurechtgesungen“, der Kanon erhielte nun seinen Platz auch im Gottesdienst, es könnte auch außerhalb von Festgottesdiensten mehrstimmig gesungen werden („ich hätte mir mehr davon gewünscht“), die Psalmen könnten von Chören durch Rahmen- oder Leitverse sinnvoll mitgestaltet werden.
Es gab aber auch andere Beobachtungen. Unter der Überschrift „Lieb und Herz abhanden gekommen“ schilderte in den Lutherischen Monatsheften (12/95 S. 39 f) Pfarrer Eberhard Fincke eine ihm unangenehme Entdeckung. Er vermißte die alte EKG-Fassung der 2. Strophe des Morgenliedes „All Morgen ist ganz frisch und neu“ (EG 440). Da hieß es im EKG (336): „O Gott du schöner Morgenstern/ gib was wir von dein’r Lieb begehrn/ all dein Licht’ zünd in uns an/ laß Herz an Gnad kein Mangel han“. Das EG glättete die Strophe folgendermaßen: „O Gott du schöner Morgenstern/ gib uns was wir von dir begehrn/ Zünd deine Lichter in uns an/ laß uns an Gnad kein Mangel han.“ Fincke fragte: „Vertragen wir nur noch Verdünnung?..In dem Eifer, das Lied gefällig zu machen und dem Bedarf anzupassen, ist ihm die Liebe abhanden gekommen.“ Den Fortfall von „all deine Licht“, das sich auf das Licht des Morgensterns bezieht, und den Ersatz „zünd deine Lichter“ kommentierte Fincke gallig „Aus dem Sternenhimmel ist ein Kerzenleuchter geworden“ und folgerte: „Die Theologie gerät immer häufiger in flache Wasser.“
Immerhin war die Frage nach einer Theologie gestellt, die hinter dem EG stünde. Dieser Frage ging Joachim Stalmann in einem längeren Aufsatz „Gotteslob evangelisch. Zur Frage einer Theologie des neuen Gesangbuches“ nach (in „Für den Gottesdienst“ Oktober 1994 und MuK 1995 S. 246 ff). Eine solche Theologie, sozusagen als Grundmuster des Evangelischen Gesangbuches gäbe es nicht und wäre auch nicht wünschenswert. Aber Stalmann verglich das Gesangbuch mit den Grundsätzen aus dem Jahre 1980 und vermerkte Zugewinn bei Themen wie Erhaltung der Schöpfung, Gottesdienst als Fest, Versöhnung und Feindesliebe“ und Defizite bei Themen wie „Israel und die Kirche“, „kleine Schritte in der Nachfolge“ und „Bergpredigt, Jesu Eintreten für Unterdrückte und Benachteiligte.“ Sein Resume: „Die Liedauswahl zeigt doch einige neuere theologische Akzente, auch wenn Überschwang nicht angesagt ist. Defizite gibt es allerdings genug“ (S. 253).
Ich übergehe eine abwegige Kritik am EG von Claudia Hoffleit in MuK 1994 S. 215 ff und zitiere die noch sehr zurückhaltende Äußerung Stalmanns: „Diese stockkonservative, in ihrer Sicht von Gesangbucharbeit und -geschichte höchst einseitige Heidelberger Magisterarbeit, deren Extrakt der Artikel darstellt, ist für ein theologisches Verständnis des EG leider wenig hilfreich“ (S. 255 Anm 2).

Wie ging es weiter? Erfahrungen mit dem EG in einer Dorfgemeinde
Auch in den Dorfgemeinden wurde die Einführung des Gesangbuches im Advent 1994 festlich begangen. Die Freude über das Gesangbuch war groß, denn wir fanden als rege Kirchentagsbesuchergemeinde viele alte Bekannte wieder.
Es waren vor allem die neuen Melodien, die das Singen in der Gemeinde bereicherten: Von „Wir wolln es gerne wagen“ wählten wir die von Manfred Schlenker (EG 254), die dann auch die schwierigen Bilder von „Gnadentrieb“ und der „Kreuzg`mein“ annehmbar machten.
Neben den Chorälen „Gott gab uns Atem“ (EG 432) und „Vertrauen wagen“ (EG 607) sowie den uns längst bekannten „Kirchentagsschlagern“ aus dem niedersächsischen Anhang „Wo ein Mensch Vertrauen gibt“ (EG 604), „Herr gib mir Mut zum Brückenbauen“ (EG 612), „Freunde daß der Mandelzweig“ (EG 620) wurde uns Rolf Schweizers angesichts der asylsuchenden zahlreichen Ausländer im Dorf „Damit aus Fremden Freunde werden“ (EG 619) wichtig. Sie wurden ohne Ansehen der Religion in Umsetzung des Liedes auch zum Abendmahl eingeladen und nahmen auch teil. Als ruhiges Eingangslied, das an den Sonntag als Schöpfungs- und Auferstehungstag erinnert, eigneten wir uns Kurt Roses „Gottes Ruhetag“ wohl auch wegen der passenden Melodie von Joachim Schwarz an. Aber wie gesagt: alles am liebsten ohne Orgel. Aber nicht nur neue: aus dem alten EKG war uns wegen der aufweckenden Melodie als Morgenlied „Der Tag bricht an und zeiget sich“ geläufig (EG 438). Der Text war schwierig, aber die Melodie half uns darüber hinweg.
Wir stellten auch Defizite fest z.B. im Einführungsmonat Dezember 1994 beim Adventslied EG 12 „Gott sei Dank durch alle Welt“. Es waren die bisherigen Strophen 5-7 weggefallen, weil das sprachlich anschauliche Bild „Sündenwust“ nicht zeitgemäß erschien. „Zeuch o Ehrenkönig ein/ es (nämlich das Herz) gehöret dir allein/ mach es, wie du gerne tust/ rein von allem Sündenwust.“ Vor allem wollten wir nicht auf die letzte Strophe mit Anklang an den letzten Advent verzichten: „daß wenn du o Lebensfürst/ prächtig wiederkommen wirst/ ich dir mög entgegengehn/ und vor dir gerecht bestehn“. Der rückwärtige Einbanddeckel des Gesangbuches hatte eine Lasche, in der die vermißten Lieder eingefügt werden konnten. Da aber noch freier Platz unter dem Lied 12 war, klebten wir die Strophen 5-7 dahinter hinein. In eine Lasche wurde auch das romantische Herbstlied „Des Jahres schönster Schmuck entweicht“ von Viktor v. Strauß und Torney aus dem bisherigen niedersächsischen Anhang des EKG (Nr. 468) versenkt. Wir sangen es nach der Melodie „Geh aus mein Herz“ und liebten es als ein Lied im farbigen Oktober, für das wir keinen Ersatz im EG fanden. Es verbindet die herbstlichen Bilder vom fallenden Laub, vom Zug der Störche und der Ernte mit den geistlichen Bildern vom ewigen Licht, persönlichen Kreuzesstunden und dem „Zug zum Paradies“. Es ist zur Erinnerung hier und vielleicht auch zur Bereicherung des dortigen Gesangbuches wiedergegeben. Noch ein drittes Lied wanderte in die Lasche. Zur Konfirmation hatte sich das Lied „Herr wir bitten komm und segne uns“ eingebürgert. Leider brachte aber EG 561 nur den Kehrvers und nicht die folgenden Strophen, die nun auch in die eigene Gottesdienstordnung aufgenommen wurden.
Kein besonderes Verhältnis fanden wir zum „Wir sagen euch an den lieben Advent“ (EG 17), aber umso mehr zum Niederländischen „Das Volk das noch im Finstern wandelt“ (EG 20), das die Weissagungen von Jesaja 9 in die Adventszeit holt. Daher eignet es sich auch sehr gut als eines der ersten Lieder in der Christvesper, wo es sehr rasch Platz fand. Die Melodie gilt als schwierig. Da wir ohne Orgel sangen, konnten wir die ersten sechs Töne, die drei Quartsprünge, uns summend und aufeinander hörend problemlos aneignen. Als Adventslied entdeckten wir an anderer Stelle des Gesangbuches das Lied vom ostpreußischen Hans v. Lehndorf, dem Arzt in Königsberg und Bonn, „Komm in unsre stolze Welt“ (EG 428), und immer wieder „Komm“, was ja nichts anderes als „Advent“ heißt. Die ungewohnte, sperrige Melodie von Manfred Schlenker, weit weg von schmalzigen Melodiebögen, eignete sich die Gemeinde ohne Orgelgetöse aufeinander hörend, rasch an. Zum Krippenspiel in der Christvesper hatten die Konfirmanden seit Jahren zuvor Lahusens „Wißt ihr noch wie es geschehen“ gesungen. Jetzt fanden wir es im EG (Nr. 52).

In der Nachbargemeinde Reinsdorf fand der Gottesdienst in der Winterzeit am Sonnabend um 17.00 Uhr statt, der sich gut mit einem Abendlied beschließen ließ. Abendlieder kommen im Gemeindegottesdienst zu kurz. In der Regel war das Schlußlied „Mein schönste Zier“ (EG 473), aber seit dem EG wurde EG 488 „Bleib bei mir Herr. Der Abend bricht herein“, zum Lieblingslied, vermutlich wegen der eingängigen typisch englischen Melodie aus dem 19. Jahrhundert, die am Ende des berühmten Filmes „Die Brücke von Arnheim“ von zahlreichem Verwundeten gesungen wird. Mit dem Text konnte ich mich weniger anfreunden, aber die Gemeinde sang es gerne.

Mein Vorgänger hatte Ende der 50iger Jahre sehr konsequent die Gemeinde auf Agende I liturgisch geradezu „gedrillt“. „Herr Paster, wer sin nicht hier inne Schaule“, mußte er sich anhören. Aber seit jener Zeit, also seit heute 50 Jahren, hatte in den Gemeinden Offleben und Reinsdorf-Hohnsleben die Litanei (EG 191) eine lange Tradition, die regelmäßig bei den Passionsandachten in der Karwoche, Gründonnerstag, Karfreitag und Karsamstag und am Bußtag im Wechsel zwischen Gemeinde und Pfarrer gesungen wurde. Ich fand diese Tradition 1963 vor und pflegte sie. Es gab Stimmen im Ausschuss, die die Litanei aus dem EG verbannen wollten.
Da der Kirchengemeinde ebenfalls durch den Vorgänger das laudamus, als die Fortsetzung des „Ehre sei Gott in der Höhe“ in jedem Sonntagsgottesdienst geläufig war, war das schwedische „Ehre sei Gott in der Höhe“ (EG 180.3) eine willkommene Abwechslung. Den Part der Gemeinde „Wir loben dich, wir beten dich, wir preisen deine große Herrlichkeit“ verwendeten wir auch bei einem Dankgebet, das gelegentlich an die Stelle der Fürbitte trat.
Wir haben bei den gesungenen Antworten der Gemeinde nach der Epistel und dem Evangelium nach neuen Texten gesucht und sind bei den Singsprüchen des EG fündig geworden. Der Singspruch „Seht auf und erhebt eure Häupter“ (EG 21) eignet sich gut als Antwort nach allen Lesungen in der Adventszeit. Dabei war uns der musikalische Fehler unterlaufen, den wir erst Jahre später bemerkten, daß wir den Singspruch von Volker Ochs nicht in d moll sondern in g dur sangen und das gefiel uns auch viel besser zum Text. Wir waren dabei geblieben und empfehlen Nachahmung als lebendiges Arbeiten mit dem Evangelischen Gesangbuch.
Von den Taizegesängen hatten sich EG 553, allerdings verdeutscht „Komm Gott Schöpfer Geist, komm zu uns“ wie auch das Sanctus (EG 656) wiederum verdeutscht, mehrstimmig bereits eingebürgert, das sich im Kreis um den Altar stehend besonders gut aufeinander hörend singen ließ.
Bei den Frauenhilfsnachmittagen war „Ja ich will euch tragen“ von Jochen Klepper zur Gewohnheit geworden. Wir freuten uns, es unter EG 380 wiederzufinden. Manche kannten es schon auswendig.
Es gibt im Leben einer Gemeinde auch Trotz- und Kampfsituationen. Es gibt Streit wegen Umweltfragen mit dem übermächtigen Industriebetrieb, mit Parteien, ja auch mit dem Landeskirchenamt, das uns die Kirche schloß, weil wir sie nicht so renovieren wollten, wie sie es wollte. Irgendwie sind sich alle einig: so geht das nicht weiter. Da sangen wir dann, weil auch sonst beim Singen im Stehen, aber diesmal mit durchgedrücktem Rücken „Es mag sein daß alles fällt“ von R.A. Schröder aus dem Jahr 1939. Der Erfahrung, daß „der Fromme unterliegt“, begegneten wir mit der letzten Strophe: „streite, du gewinnst den Streit/ deine Zeit und alle Zeit/ steht in Gottes Händen.“

Das Tabu der Lutherlieder sollte gebrochen werden

Das Vorkommen der Lutherlieder nach ihrem Gebrauch im Gottesdienst
 Lied EKG Erhebung EG
 Jesus Christus unser Heiland 77 0 102
 Jesaja dem Propheten das geschah 135 0 0
 Christ unser Herr zum Jordan kam 146 0 202
 Mit Fried und Freud ich fahr dahin 310 0 519
 Der du bist drei in Einigkeit 352 0 470
 Dies sind die heilgen zehn Gebot 240 1 231
 Herr Gott dich loben wir 137 1 191
 Litanei 138 1 192
 Ach Gott vom Himmel sieh darein 177 1 273
 Komm Gott Schöpfer Heiliger Geist 97 1 126
 Wir glauben all an einen Gott 132 1 183
Jesus Christus der von uns Gottes Zorn 154 2 215
 Gott der Vater steh uns bei 109 2 138
 Verleih uns Frieden 139 3 421
 Gott sei gelobet und gebenedeiet 163 4 214
 Es wolle Gott uns gnädig sein 182 4 280
 Christ lag in Todesbanden 76 4 101
 Wär Gott nicht mit uns diese Zeit 192 4 0
 Nun komm der Heiden Heiland 1 5 4
 Komm Heilger Geist Herre Gott 98 5 125
 Vom Himmel kam der Engel Schar 17 7 25
 Mitten wir im Leben sind 309 9 518
 Aus tiefer Not 195 10 299
 Vater unser im Himmelreich 241 14 344
 Gelobet seist du Jesu Christ 15 17 23
 Nun bitten wir den Heilgen Geist 99 19 124
 Nun freut euch lieben Christen g’mein 239 21 341
 Vom Himmel hoch 16 21 24
 Erhalt uns Herr bei deinem Wort 142 26 193
 Ein feste Burg 201 37 362
 Insgesamt 30   28
 Die beste Zeit im Jahr ist mein 482   482
 Insgesamt 31   29

Bei dem oben bereits geschilderten Feldversuch gab es auch Angaben über das Vorkommen der Lutherlieder in der Landeskirche.

Wenn es nach diesem Gemeindefeldversuch ginge, könnten alle Lutherlieder , die nur bis viermal im Jahr gesungen werden, ohne Weiteres aus dem Gesangbuch gestrichen werden. Das sind 18 Lieder von Martin Luther. Das gilt natürlich ganz besonders für die fünf Lieder, die überhaupt nicht gesungen wurden und auch für die sechs, die nur einmal in einer der 20 Gemeinden angestimmt wurden.

Es gibt m.E. aber Choräle, die sehr viel eindeutiger einer gemeindenahen Revision zum Opfer fallen sollten. „Christ unser Herr zum Jordan kam“ ist trotz Widerspruch wieder ins EG gekommen. In Braunschweig wird es überhaupt nicht gesungen. Luther hat mit diesem Lied eine imaginäre Gemeinde über die Taufe belehren wollen. Ob damals mit Erfolg muß dahin gestellt bleiben. Als Lied bei einer Taufgemeinde, die in der Regel erfahrungsgemäß dem christliche Glauben fern steht und oft genug mit dem Wortlaut des Glaubensbekenntnisses ringt, wäre es eine Unbarmherzigkeit. Also für die Gemeinde ungeeignet. Am 6. Sonntag nach Trinitatis, dem traditionellen Tauferinnerungssonntag, halte ich es für ungeeignet, weil die Taufe des Johannes und die christliche Taufe nichts miteinander zu tun haben. Die heute übliche Taufe ist eine Säuglingstaufe. Auf dieses Altersgruppe mit der damit verbundenen Problematik geht Luther nicht ein. Als Tauflied bei einer Konfirmandentaufe, etwa im fließenden Wasser an einem Bergbach oder in einem See ist es sprachlich und gedanklich störend.
Der GesangbuchAusschussvorsitzende Drömann kannte diese Bedenken und begründete die Aufnahme des Liedes folgendermaßen: Es dürften nicht jene Lieder fehlen, die den Kirchengesang „maßgeblich“ geprägt hätten wie „Christ unser Herr zum Jordan kam“, auch wenn sie selten im Gottesdienst gesungen würden. (Droemann S. 189) Stalmann warnte dagegen vor einem „Denkmälergesangbuch“. Dieses Lied gehört zu den Denkmälerliedern. Als solches gehört es in die Kirchenmusikhochschule. Dort kann man sich in den passenden Orgelchoralvorspielen üben und geschichtlich in die Reformationszeit vertiefen. Im EG stört es und nimmt Platz weg. Hier ist rasch eine Revision fällig.
Ebenso geht es mit den anderen sog. Katechismusliedern. Die Aufnahme von „Dies sind die Heilgen Zehn Gebot“ ist deshalb unverständlich, weil jedes Kind die zehn Gebote im Wortlaut lernt und das Lied keinerlei zusätzliche Erklärung bietet. Ähnliches gilt für das Vaterunserlied. Es erhielt in Braunschweig eine erstaunlich hohe Vorkommenquote von 14 mal. Heutzutage nähert sich kein Gemeindemitglied über dieses Lied dem Vaterunser oder wird in dessen Verständnis reicher. Es gehört in die Kirchenmusikhochschule.
Aber auch Lieder mit hohem Vorkommen erscheinen mir problematisch. „Nun freut euch lieben Christen g’mein“ vermittelt sich durch die beschwingte Melodie. Schon die zweite Strophe trifft eine Bewußtseinslage, die den Sänger zum Lügner macht. „Dem Teufel ich gefangen lag/ im Tod war ich verloren/ mein Sünd mich quälte Nacht und Tag“, na bitte keine Übertreibung. „Besessenheit von der Sünde“ - soll sich das jemand im Gottesdienst einreden und einsingen. „Es war kein Guts am Leben mein/ die Sünd hat mich besessen“. Die evangelische Kirche ist seit Erscheinen des Gesangbuches 13 Jahre weiter und einem rasanten Mitgliederverfall ausgesetzt. Historisch ist der Text vielleicht noch interessant, für eine den Text mitsingende Gemeinde, ist es eine Zumutung, der sich nachdenkliche Leute durch Kirchenfremdheit entziehen. Deswegen ist eine Revision des Gesangbuches dringend geboten.
Das Problem ist nicht neu. Die Aufklärung lebte gleichfalls in einer Zeit, in der sich die Bürger von der Kirche fern hielten. Sie war ihnen auch wegen solcher Lieder einfach zu verstaubt. Die Kirche löste das Problem auf zwei Weisen. Sie steckte die Lutherlieder in einen Anhang, sozusagen als historisches Material, aus dem singen mochte, wer wollte. Aber sie gehörten nicht zum festen Bestand des Gesangbuches von 1780. Die andere Weise war die Umdichtung. Diese Umdichtungen sind dem allgemeinen theologischen Gespött ausgesetzt und oft nicht gut. Ist es besser, Denkmälerlieder in ein Gesangbuch hineinzusetzen ohne Warnung, daß diese eigentlich nicht zu singen, sondern nur historisch zu betrachten seien? Eine neue unvoreingenommene Generation sollte sich in einer sich ständig reformierenden Kirche an die fällige Revision des Gesangbuches machen und auf ihr Recht zur Repräsentanz ihrer Frömmigkeit und ihres Glaubens pochen.

Die Kirchenmusik-Landessynode 1997
Im November 1997 fand auf Anregung des Synodalen Arbeitskreises Solidarische Kirche zum ersten Mal eine Landessynode mit dem Thema „Kirchenmusik“ statt. In seinem Einführungsreferat nannte Landeskirchenmusikdirektor Claus Eduard Hecker den statistischen kirchenmusikalischen Bestand. Danach bestanden 1997 in der Landeskirche 155 Chöre mit insgesamt 4.200 Sängerinnen und Sängern, die sich in 88 Kirchenchöre, 46 Kinder- und Jugendchöre, 5 Gospelchöre, 13 Frauenchöre und drei Männerchöre aufgliedern. Daneben bestünden 177 Instrumentalkreise, deren 1.070 Mitglieder sich in 100 Blockflötenkreisen, 35 Gitarrenkreisen, 22 Orffkreisen und 20 Orchestern zusammenfinden. Daneben gibt es 69 Posaunenchöre mit 1.70 Bläserinnen und Bläsern im Alter von acht bis 80 Jahren. Schon der Hinweis auf Gitarrenkreise und Gospelchöre zeigt an, dass die Popularmusik vorkommt. Zu diesem Thema war auch eine eigene Arbeitsgruppe 3 („Verkündigung und Gemeindeaufbau durch Popularmusik?“) gebildet worden, denn nach Einschätzung Heckers würde der Bereich Popularmusik in der Landeskirche zu wenig abgedeckt. Landeskirchenmusikdirektor Hans Martin Rausch, Nürnberg, der zu Beginn seines Referates mit den Synodalen den Kanon EG 176 „Öffne meine Augen“ gesungen hatte, betonte: „Seit das EG bei uns eingeführt ist, wissen wir, dass wir uns von den alten überkommenen Strukturen einer einseitig ausgerichteteten Leitung des Gottesdienstes verabschieden müssen“ (Synode direkt 1997 S. 42), auch eine Band im Gottesdienst oder Benutzung eines Keyboardes unterliege strengen Qualitätskriterien. Das Plenum der Synode rappte dann „Ich sitz in der Gemeinde und denk daran/ wie schön es mit ´nem guten Rap sein kann“.

Landesjugendtreffen 1998
Das Landesjugendtreffen im Juni 1998 unter dem Motto „Leben statt gelebt zu werden“ erzeugte einen auffälligen Befund. Das zu diesem Treffen herausgebrachte Liederheft enthielt von den insgesamt 50 Liedern nur fünf aus dem EG (181.6/ 268/ 585/ 6595/ 604), dazu zwei weitere aus dem Stammteil EG 228 „Er ist das Brot“ und „Gott gab uns Atem“ jedoch mit anderen Melodien. Viele stammten von früheren Kirchentagen: von H.J. Netz: „So viele warten im Land auf die bessere Zeit“ 1979 und „Durch das Dunkel hindurch“ 1987, von P. Janssens „Spielt nicht mehr die Rolle“ und „Selig seid ihr“ 1975, „Geh geh geh zum Feld“ 1974, „Steh mit mir auf, geh mit mir los“ 1979, „Einer lässt den andern sitzen“ 1992, von O. Blarr „Wer bringt dem Menschen, der blind ist, das Licht“ und „Wenn uns das Leben lebendig macht“, außerdem „Du bist da wo Menschen leben“, „Kommt herbei, singt dem Herrn“; von Baltruweit „In der Mitte der Nacht liegt der Anfang eines neuen Tags“ 1984 und „Gib mir deine Hand“ 1987 und „Gott in deinen Händen wünsch ich mir mein Haus“ 1990. Ferner ein viel gesungenes „Du bist meine Zuflucht, du bist meine Hoffnmung, du bist meine Stärke, laß mich nicht allein“ eine brasilianische Volksweise, zu der Eckart Bücken noch zwei Strophen hinzugedichtet hatte. Das Eröffnungslied „Wo Menschen sich vergessen, die Wege verlassen und neu beginnen, ganz neu, da berühren sich Himmel und Erde, dass Friede werde unter uns“ wurde ein viel gesungenes Lied auf dem Ökumenischen Kirchentag in Berlin.
Das Liederheft war ein deutliches Signal, dass das Evangelische Gesangbuch, das ausdrücklich auch für Treffen außerhalb des Gottesdienstes für alle Generationen gedacht war, kein Ersatz bot für die Herausgabe neuer Liederhefte mit alten und neuen Liedern. Die geringe Anzahl von Liedern aus dem EG war dennoch überraschend.

Lieder auf den Landesposaunentagen 2002 und 2005
Es gehört zu einer alten evangelischen Tradition, dass unmittelbar nach Herausgabe einer Agende oder eines Gesangbuches die Weiterarbeit an den Gebeten und Liedern beginnt. So kehrt keine unfruchtbare Ruhe in das kirchenmusikalische Leben ein, denn es wird weiter zu neuen Anlässen Neues komponiert, altes, was nicht aufgenommen wurde, weiter tradiert. Auf diese Weise entsteht immer eine kirchenmusikalische Subkultur, für die die landeskirchlichen Posaunentage 2002 in Erkerode und 2005 in Goslar ein gutes Beispiel bieten. Das Liederheft zum Posaunentag in Erkerode unter dem Liedmotto „Herr gib mir Mut zum Brückenbauen“ (EG 612) enthielt noch ein Lied aus dem EKG, vier neue Lieder aus dem EG und vier weitere Neue. Zu diesen gehörte „Wo Menschen sich vergessen“ von Chr. Lehmann, das ein Jahr später beim ökumenischen Schlussgottesdienst in Berlin 2003 gesungen wurde, das ältere „Wer bringt den Menschen, der blind ist das Licht“ von O. Blarr, „Lieder die wie Brücken sind“ und nach einer EKG Melodie den neuen Text „Der Frieden, den Gott gibt, will bei uns Brücken schlagen/ Er hebt die Grenzen auf mit denen wir uns schaden/. Er bricht die Zäune ab/an denen wir gebaut/ Sein Friede ist die Kraft/, aus der man leben kann.“ Beim Jubiläumskonzert 2005 anläßlich des 75. Gründungtages in Goslar wurden bei den drei Konzerten vier Lieder, die schon dem EKG angehörten, sechs aus dem EG und sechs neue Lieder geboten und dazu Serenaden, Swing zum Bergsteigerlied „Glück auf der Steiger kommt“ im Eingangshof des Rammelsbergs, als Gospel den „battle of Jericho“. Bei den Liedern aus dem EG wurden die anspruchsvollen und eher selten gesungenen Lieder „Komm in unsre stolze Welt“ (EG 428), „Ich steh vor dir mit leeren Händen“ (EG382) und „Solang es Menschen gibt auf Erden“ (EG427) als Gemeindelieder musiziert. Diese Mischung aus traditionellen EKG-Liedern, noch nicht in das Bewußtsein der singenden Gemeinden gedrungenen EG-Lieder und neuen Kompositionen und neuen Klangversuchen bestimmen die Kirchenmusik in der Gegenwart.

In der Braunschweiger Landeskirche wird weiterexperimentiert.
Pfarrer Jürgen Grote, Gr. Elbe, hat ein Liederheft „Bunte Fäden in meinem Leben“ mit eigenen Texten und Melodien für 18 Lieder und 14 liturgische Einwürfe 2004 veröffentlicht. Am Braunschweiger Dom werden neue Antiphone im Wechsel gesungen. Das wäre eine Anregung, auch in anderen Kirchengemeinden in diesem Bereich der Liturgie aktiv zu werden. Domkantor G.P. Münden schrieb einige neue Lieder, auch zu Texten vom Braunschweiger Propst Armin Kraft. Diese und andere Experimente sollten gesammelt und in einem eigenen Beiheft unserer Landeskirche publiziert werden. So gehen die nächsten Schritte bereits über das EG hinaus.

Beobachtungen und Anfragen
Zusammenfassung

Das Evangelische Gesangbuch (EG) ist unter breiter Beteiligung aller Landeskirchen nach einer mehr als 16-jährigen Ausschussarbeit auf verschiedenen Ebenen zustande gekommen.
Kein Gesangbuch hat bisher eine solche umfassende Mitwirkung erfahren.
Der Unterschied zur Entstehungsgeschichte des EKG ist gravierend und bezeichnend.

Es ist eine Arbeit im Auftrag des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland.

Das EG macht die rigorose, dogmatistische Ausscheidung des Liedgutes des 19. Jahrhunderts rückgängig und berücksichtigt ausdrücklich alle Kirchenliedepochen gleichmäßig.

Es gibt in diesem Gesangbuch keine Spuren einer Braunschweigischen Sonderentwicklung wie noch im EKG.

Es überwindet die innerprotestantischen konfessionellen Spaltungen zwischen reformierter, unierter und lutherischer Kirche.

Es hat interkonfessionellen Charakter und viele Lieder mit der römisch-katholischen Kirche gemeinsam.

Es unterstützt neue Gottesdienstformen durch den Abdruck von Psalmen, die im Wechsel gesprochen werden können, durch Liedrufe, Kanon und mehrstimmige Liedsätze.

Es ist als Hausbuch gedacht.

Es wird das Gesangbuch der ersten Hälfte des 21. Jahrhunderts sein.

Neben dem EG bleibt eine musikalische Subkultur bestehen, in der weitere, aber nicht in das EG aufgenommene Lieder tradiert und mit neuen Liedern experimentiert wird.





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Impressum  http://bs.cyty.com/kirche-von-unten/archiv/gesch/Gesangbuch/T1K9.htm, Stand: Dezember 2007, dk

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