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[Kirche von unten]

Das Kirchenjahr im Spiegel der Braunschweiger Gesangbücher

von Dietrich Kuessner

6. Kapitel




Die Pfingstlieder

Pfingstlieder in den Braunschweiger Gesangbüchern durch die Jahrhunderte
 Jahr 1698 1780 1902 1950 1994
 Anzahl 14 12 12 13 20
 lat. Antiphon 213        
 Komm O Gott, Schöpfer, heiliger Geist 214 (7) 699 (7)   97 (7) 126 (7)
 Komm heiliger Geist, Herre Gott 215 (3) 698 (3) 125 (3) 98 (3) 125 (3)
 Nun bitten wir den heiligen Geist 216 (4) 161 (4)** 127 (4) 99 (4) 124 (4)
 Komm Heiliger Geist, erfüll die Herzen 217 (1)   205 (1) 124 (1) 156 (1)
 O du allersüss´ste Freude 218 (10) 163(10)** 128 (9)    
 Zeuch ein zu deinen Toren 219 (12)   133 (12) 105 (13) 133 (13)
 O heiliger Geist kehr bei uns ein 220 (7) 165 (7)** 130 (7) 103 (7) 130 (7)
 Nun freut euch all ihr Frommen 221 (3)        
 O Gottes Geist, mein Trost und Rat 222 (12)        
 O Heiliger Geist, O guter Geist 223 (12)        
 Freut euch, ihr Christen alle 224 (4)     102 (4) 129 (4)
 Was traurest du, o Seele doch 225 (11)        
 Ursprung wahrer Freuden 226 (2)        
1780  Der mir den Weg zum Heile weist´ 159 (9)      
  Hör unser Gebet, Geist des Herrn 160 (3)      
  Des Vaters und des Sohnes Geist 161 (4)      
  Du Geist des Herrn, der du von Gott 162 (12)      
  Der du uns als Vater liebst 164 (9)      
  Geist vom Vater und vom Sohne 166 (6)      
  Gott, du hast in deinem Sohne 167 (7)      
  1902  Höchster Tröster, komm hernieder 123 (4)    
  Jauchz Erd und Himmel, juble hell 124 (8) 100 (9) 127 (7)
  Komm, o komm du Geist des Lebens 126 (9) 106 (8) 134 (8)
  O du fröhliche, o du selige 129 (3)    
  O heiliger Geist, o Heiliger Gott 131 (6) 104 (6) 131 (6)
    Schmückt das Fest mit Maien 132 (8) 107 (8) 135 (7)
  1950  Heilger Geist, du Tröster mein 101 (7) 128 (7)
      O komm du Geist der Wahrheit 108 (7) 136 (7)
  1994  Ihr werdet die Kraft des heiligen Geistes 132
  Geist des Glaubens, Geist der Stärke 137 (9)
  Komm Heilger Geist der Leben schafft 552
  Veni Creator 553
  Am hellen Tag kam Jesui Geist 554
  Zu Ostern in Jerusalem 555
        Hilige Geist kumm un faat mi 556

Erklärung: ** sehr stark verändert. Die Zahlen in Klammern geben die Strophenzahl an.


Beobachtungen zu den Pfingstliedern in den fünf Gesangbuchgeneration
Es mag überraschen, daß die Anzahl der Pfingstlieder nie größer war als im gegenwärtigen Evangelischen Gesangbuch. Das fällt besonders im Verhältnis zum ersten Gesangbuch von 1698 auf, das eine erheblich größere Gesamtzahl von Liedern enthielt. Dabei fehlen heute noch jene Lieder, die in charismatischen Gottesdiensten und Lobpreisgottesdiensten aus besonderen Liederbüchern gesungen werden.

a) Pfingstlieder im Gesangbuch 1698
Den 14 Gesängen zum Pfingstfest ging die lateinische Abendmahlspräfation voran.“...qui ascendens super omnes coelos, sedensque ad dextram tuam promissum Spiritum sanctum hodierna die in filios adoptionis effudit. Quapropter profusis gaudiis totus in orbe terrarum mundus exultat et supernae..., die Christus preist, „der aufsteigt über alle Himmel und sitzt zu deiner Rechten und hat ausgegossen den verheißenen Heiligen Geist heute über alle erwählten Kinder. Deswegen jubelt die ganze Welt in unaussprechlicher Freude und die Engel und alle himmlischen Mächte singen: Heilig heilig“. Wurde derlei auch in den vielen Dörfern zum Pfingstfest vom Pastor gesungen und wer respondierte lateinisch? Die Reformation hatte den Rückmarsch angetreten.
Die 13 Gesänge beginnen gewichtig mit vier reformatorischen Liedern zum Fest, davon drei von Luther, mit denen auch das EG beginnt. „Komm Gott Schöpfer Heiliger Geist“ (214= EG 126), „Komm Heiliger Geist, Herre Gott (215= EG 125) und „Nun bitten wir den Heilgen Geist“ (216 = EG 124). Das andere (Nr. 217) „Komm heiliger Geist, erfüll die Herzen deiner Gläubigen“ eröffnete im EKG (EKG 124) die Lieder zu Beginn des Gottesdienstes.
Die Lutherlieder sind bis auf geringe Abweichungen wörtlich übernommen. Einen etwas größeren Eingriff erfuhr die Str. 6 von Nr. 124 „Komm Gott Schöpfer Heiliger Geist (EG 126):

Luther und EG 1994
Lehr uns den Vater kennen wohl
Dazu Jesus Christ seinen Sohn
Daß wir des Glaubens werden voll
Dich beider Geist zu verstehn
1698
Den Vater uns wohl kennen lehr
und Jesum Christum seinen Sohn
daß wir auch geben gleiche Ehr
dir beider Geist in einem Thron

Dieses Lied, das es schon weit vor Luther in deutscher Übersetzung gab, war damals also keineswegs unantastbar wie für die Hymnologen nach 1945. Die Veränderung sollte der Verständlichkeit dienen.
Auch die zweite Hälfte der vierten Strophe war verändert:

Des Vaters Wort gibst du gar bald
Mit Zungen in alle Land
Des Vaters Zusag mit Gewalt
durch Zungen geht in alle Land

Auf die reformatorischen Lieder folgen zwei Pfingstlieder von Paul Gerhardt (Nr. 218) „O du allersüß´te Freude und (Nr. 219) „Zeuch ein zu deinen Toren“, das sich bis in unsere Zeit erhalten hat. Darauf folgte das Lied von Michael Schirmer, dem Berliner Zeitgenossen und Freund Gerhardts, „O heilger Geist, kehr bei uns ein“ (Nr. 220=EG 130)), das ebenfalls durchweg tradiert worden und in unserer Zeit weit vor den Lutherliedern zum bekanntesten, teils sogar beliebtesten Pfingstlied geworden ist (so Stalmann im Handbuch zum EKG Bd I S. 401) und Nr. 224 (EG 129) von Georg Werner „Freut euch ihr Christen alle“, das erst nach 250jähriger Pause 1950 wieder den Braunschweiger Kirchengemeinden zugänglich ist. Zwei weitere Lieder stammen von Johann Rist (Nr. 222 + 225) und drei Verfasser sind anonym (Nr. 221/ 223/ 226).
Es fällt auf, daß keines der Pfingstlieder ein „Erzähllied“ ist und die Pfingstgeschichte aus der Apostelgeschichte aufgreift.
Da die Lieder von Rist nicht überliefert sind, stelle ich beide hier als seinerzeit zeitgenössische kurz vor. Das Lied „O Gottes Geist, mein Trost und Rat“ (Nr. 222) beschreibt den Heiligen Geist als Anwalt und Vertreter des Frommen vor Gott („Mein treuer Hort und Advocat/ ich zweifle nicht, daß auf mein Beten/ du werdest mich also vertreten“ (Str. 1), als Beistand in Not („Du stehest mir in Nöten bei../, daß ich bei meinem Gott kann bleiben/ wenn mich die stärksten Feinde treiben“, Str. 2), als Tröster („der edle Tröster lehret mich/ auf Gott zu bauen festiglich“ Str. 6) und als Führer zur Wahrheit („der Geist vom Himmel kann uns führen/ so daß wir Licht und Wahrheit spüren“ Str. 8). Bezeichnend indes ist für das Lied der stark herausgearbeitete Gegensatz von Heiligem Geist und schnöder Welt. „Behüte mich daß ich der Welt/ die mir so heimlich Stricke stellt/ nicht folg auf ihr geschmiertes Raten/ mit Heucheln und mit bösen Taten“ (Str. 10). Diese Welt verdient Verachtung. „Was acht ich doch die schnöde Welt/ mit aller Wollust Ehre und Geld/ was können mir Tyrannen schaden/ sie sind ja nichts als Kot und Maden“ (Str. 6). Die Welt bedroht den Fromme tödlich. Dagegen hilft der Geist Gottes: „Du stehest als ein Held in Nöten/ wenn mich die böse Welt will töten“ (Str. 5). Die schlimmste Anfechtung für den Glauben ist das Gerede der Welt, daß Gott ihn verlassen habe, weil es ihm schlecht geht und er seine Lage als verschlossen, „verriegelt“ hält. „Was richtet doch die schnöde Welt/ wenn uns das Kreuz verriegelt hält/ Da heißt es: Gott hat ihn verlassen/ der Allerhöchste muß ihn hassen/ Hie findet man das Widerspiel/ Das Kreuz ist frommer Christen Ziel/ Der Gottes liebes Kind will heißen/ der muß sein Brot mit Tränen beißen/ Halleluja Halleluja“ (Str. 4). Das Lied schließt tröstlich mit einem Hinweis auf ein „versüßtes Leiden“ auf dem Sterbebett: „Sei du mein Lehrer Schutz und Rat/ dämpf alle meine Missetat/ hilf Not und Tod mir überstreben/ und laß mich ewig bei dir leben/ Halleluja Halleluja“ /Str. 12). Das Lied sollte auf die Melodie „Komm heiliger Geist Herre Gott“ gesungen werden, was allerdings beschwerlich ist.
Das andere Lied von Rist (Nr. 225) verzichtete ganz auf den Gegensatz zwischen Heiligem und weltlichem Geist und arbeitet das Wirken des Geistes in Zeiten der Traurigkeit heraus. So beginnt das Lied mit der rhetorisch gestellten Frage: „Was traurest du o Seele doch?“ Es gibt nämlich keinen Grund zur Traurigkeit, denn „Des Herren Güte währet noch/ Dein Gott will dich beschenken“ (Str. 1). Wo aber Traurigkeit und Leid noch herrschen, da bittet der Dichter: „Drum setze alles Leid hinan/ o Seel und alles Klagen / der werte Pfingstgast tritt heran// Dein Trauren zu verjagen“ (Str. 3). Der Geist lehrt den Menschen, Jesus als Herrn zu erkennen und dann auch zu bekennen. Rist, der für aparte Wendungen empfänglich ist, gibt diesem Gedanken von Paulus folgende barocke Dichtform: „Nun edler Geist ich zweifle nicht/ du wirst mein Herz erleuchten/ du höchstgewünschtes Seelenlicht/ Kannst säuberlich befeuchten/ mein dürres Zünglein daß es frei/ weiß Jesum recht zu nennen/, den Herren dessen Güt und Treu/ Kein Ding von uns kann trennen“ (Str. 8). Wo doch die Not etwa des Krieges den Christen bedroht, eröffnet der Geist Gottes eine Aussicht auf reichen Segen für die Zeit danach. „Läßt der Tyrannen giftigs Heer/ dir nach dem Leben stellen?/ Verzage nicht: dies stolze Meer/ muß legen seine Wellen/ Der Geist spricht: daß es Gnade sei/ wenn von der Wahrheit wegen/ ein Christ erduldet mancherlei/ denn Gott wird ihn belegen/ hernach mit reichem Segen“ (Str. 5).

Ein Anonymus, vielleicht ein Pfarrer, nennt als besondere Gabe des Geistes das Predigtamt (Nr. 223), denn der Heilige Geist wäre „der Geist der Wissenschaft“ (Str. 4) und zu seinen besonderen Werken gehörten das Predigt- und Lehramt: „Wir gläuben auch daß Jesus Christ/ von dir o Herr gesalbet ist/ Drum bist du, der allein regieret/ das Predigtamt und trefflich zieret/ die Lehrer, daß in dieser Welt/ der Gottesdienst wird recht bestellt/ vermittelst deiner teuren Gaben/ so wir nach allem Wunsch itzt haben Halleluja Halleluja“ (Str. 7).

b) Die Pfingstlieder im Gesangbuch der Aufklärung
Die Pfingstlieder des Gesangbuches der Aufklärung sind überschrieben „Von dem heiligen Geiste und dessen Gaben und Wirkungen“. Von den Pfingstliedern der orthodox-pietistischen Zeit war keines erhalten geblieben außer zwei Lutherliedern (Nr. 698/ 699), die unverändert in den Anhang verbannt wurden. Drei wurden völlig neu bearbeitet und sechs Lieder waren zeitgenössisch (Nr. 159/ 160/ 162/ 164/ 166/ 167).
Die interessanteste Bearbeitung ist die von Luthers Lied „Nun bitten wir den heilgen Geist“ durch Klopstock „Des Vaters und des Sohnes Geist“ (Nr. 161), zuerst erschienen in seinen Geistlichen Liedern 1758. So erklärt es sich auch, daß dieses Lied nicht unter die Originalfassungen in den Anhang aufgenommen worden ist, obwohl ein Vergleich reizvoll gewesen wäre.


Luther
Nun bitten wir den Heilgen Geist
Um den rechten Glauben allermeist
Daß er uns behüte an unserm Ende
Wenn wir heimfahrn aus diesen Elende
Kyrieleis

Du wertes Licht gib uns deinen Schein
Lehr uns Jesum Christ kennen allein
Daß wir an ihm bleiben dem treuen Heiland
Der uns bracht hat zum rechten Vaterland
Kyrieleis

Du süße Lieb schenk uns deine Gunst
Laß uns empfinden der Liebe Brunst
Daß wir uns von Herzen einander lieben
Und im Frieden auf einem Sinn bleiben
Kyrieleis

Du höchster Tröster in aller Not
Hilf daß wir nicht fürchten Schand noch Tod
Daß in uns die Sinne nicht verzagen
Wenn der Feind wird das Leben verklagen
Kyrieleis


Klopstock
Des Vaters und des Sohnes Geist
Du der uns den Weg zum Heile weist
Gnadenvoller Tröster! Laß wenn wir sterben
uns das ewige Leben ererben
Sei gnädig uns

Es leucht uns Licht des Herrn dein Schein
Wenn schon Tod und Verwesung uns dräun
lehr uns Jesum Christum den Sohn erkennen
von der Liebe des Sohnes uns brennen
Jetzt und im Tod

O du der Liebe Geist! Erhöh
unsre Seele daß sie schmeck und seh
wie der Herr uns liebte. Laß in den Brüdern
als in seinen geheiligten Gliedern
Jesum uns lieben

Du höchster Tröster in aller Not
Hilf getreu uns sein bis in den Tod
Heilig laß uns leben, uns nicht verzagen
Wenn uns unsre Sünden verklagen
vor unserm Gott



Die erste Strophe nahm die Bitte auf, daß der hl. Geist den Frommen am Lebensende ins ewige Leben führen möge und vermied die als Herabsetzung empfundene Beschreibung des Lebens als „Elend“. Die Bitte „um den rechten Glauben allermeist“ verbarg für Klopstock eine Anspielung auf den rechtgläubigen, orthodoxen Glauben, eben den „rechten“ Glauben, die er mit der Zeile „der uns den Weg zum Heile weist“ beseitigte.
Die zweite Strophe enthielt einige Substantive und Verben aus der Originalfassung. Klopstock verzichtete auf eine inhaltliche Übertragung und komponiert aus den Versatzstücken die Bitte, daß das Licht Jesu über die drohende Verwesung im Tod scheinen möchte, und um die Erkenntnis, daß die Liebe Jesu im Frommen immer brennen möge. Das „Jesus Christus allein“ war Klopstock nicht wichtig. (siehe Stalmann Handbuch zum EKG I, S. 392).
In der dritten Strophe wollte Klopstock den Reim „Gunst/ der Liebe Brunst“ vermeiden, aber er nahm in der emphatischen Sprache seiner Zeit das Thema Geist-Liebe auf und auch den Gedanken Luthers von der brüderlichen Liebe.
In der vierten Strophe war die Dekomposition am geringsten und die versweise Übertragung besonders dicht. Die Reime Not - Tod, verzagen – verklagen blieben erhalten wie der ganze erste Vers.
Luther beendete jede Strophe mit Kyrieleis, Klopstock übersetzte erst gar nicht, sondern bezog die letzte Zeile inhaltlich in die vorhergehende mit hinein. „laß uns brennen jetzt und im Tod“.
Gerade die Lust an der Zertrümmerung des alten Textes und die Freude an der Neukomposition aus den Versatzstücken und Inhalten des alten Liedes wirkte auf den damaligen Leser faszinierend. Ob dieses Lied nach der Melodie „Nun bitten wir den heilgen Geist“ auch wirklich in allen Strophen singbar war, erscheint mir zweifelhaft. Ich habe es mehrfach vergeblich versucht. In der Klopstockschen Sammlung war die Singbarkeit auch kein vordringliches Motiv.

Die Pfingstlieder wurden eingeleitet mit einem Lied von Münter „Der mir den Weg zum Heile weist“ (Nr. 159), das auf die Pfingstgeschichte anspielt „Da tat der Ungelehrten Mund, die großen Taten Gottes kund/ und lehrte Jesu Lehren“ (159,3). In den nächsten Strophen wurde die Entstehung der Kirche besungen: „Da wurden Götzentempel leer, da stürzt der falschen Götter Heer/ samt Opfern und Altären/ Das Kreuz des Mittlers überwand/ der ganzen Hölle Widerstand..Die Kirche pflanztest du; bis itzt/ hat sie allein dein Arm beschützt/ Und ewig wird sie stehen“ (159,3+6). Die Melodie in der Bearbeitung von Johann Crüger nach dem Lied „O Ewigkeit du Donnerwort“ paßt in seiner aufstrebenden Melodieführung und dem gefühlvollen Oktavsprung am Ende gut zu diesem Lied, und hat offenbar dem Dichter auch als Vorlage gedient. So wird durch den Oktavsprung die vierte Silbe der Schlußzeile hervorgehoben: „Was gut und löblich ist an mir/ Geist Gottes das verdank ich dir“ (Str. 1). „Das Kreuz des Mittler überwand/ Der ganzen Hölle Widerstand“ (Str. 3), „Zu ihrem Heil zu Jesu Ruhm/ schufst du die Welt, Geist, Schöpfer um“ (Str. 5). „Durch Glauben und durch Besserung/ Vollende meine Heiligung“ (Str. 8).

Die Wirkung des Heiligen Geistes erwies sich darin, daß der Fromme seiner Gottesdienstpflicht ohne Heuchelei nachkam. Auf die Melodie „Liebster Jesu wir sind hier“ bat er: „Hilf mir reden recht und wohl/ und des Gottesdienstes Pflichten/, wie du forderst, wie ich soll/ ohne Heuchelei verrichten“ (167,7). Sie erwies sich ferner in der Gesinnung des Frommen, sich dem treuen Gott ganz zu ergeben: „wenn er nicht durch seine Kraft, die Gesinnung in mir schafft/ daß ich dir mich ganz ergebe“ (164,2) und dadurch dem Nächsten nützlich zu werden: „Geist des Friedens und der Liebe/ bilde mich nach deinem Sinn/ daß ich Lieb und Sanftmut übe/ und mirs rechne zum Gewinn/ wenn ich je ein Friedensband/ knüpfen kann, wenn meine Hand/ zur Erleichtrung der Beschwerden/ kann dem Nächsten nützlich werden.“ (164,6) Ein gelassenes Herz und „wahres Wohlsein“ sind weitere Gegenstände des Gebets um den Heiligen Geist. „Lenke kräftig meinen Sinn/ auf mein wahres Wohlsein hin“ (166,2).
Küster hatte das Lied „O heilger Geist kehr bei uns ein“ völlig umgestaltet (Nr. 220). Nach der Melodie „Wie schön leuchtet der Morgenstern“ bittet der Fromme um Tugend und Gewissenhaftigkeit: „Und dann gib Weisheit, gib uns Rat/ hier auf der Tugend ebnem Pfad/ gewissenhaft zu wandeln/ Laß Sünd und Ungerechtigkeit/ uns standhaft fliehn/ und jederzeit/ gerecht und redlich handeln/ Jesus Christus sei das Vorbild/ wir sein Nachbild/ schon auf Erden/ laß uns Himmelsbürger werden.“ Eine Ähnlichkeit mit dem Lied von Michael Schirmer, unter Nr. 220 im alten Gesangbuch, bestand nur im Liedanfang, in der Melodie und der Strophenzahl. Ansonsten gibt es keine Ähnlichkeit.

Die Pfingstlieder der Aufklärung sind von einem starken moralischen Impetus geprägt. Die bekannten Melodien „Freu dich sehr o meine Seele“ (Nr. 163/164/ 166/), „Liebster Jesu“ ( Nr. 167) „Wie schön leucht uns der Morgenstern“ (Nr. 165) und „O Ewigkeit du Donnerwort“ (Nr. 159) waren als Erleichterung beim Eingewöhnen in die neuen Texte gedacht.

c) Die Gesangbuchreform von 1902 holte die Lutherlieder wieder in den Stammteil (Nr. 125/ 127) und ordnete ein weiteres unter liturgische Gesänge (Nr. 124). Auch die beiden Paul Gerhardt-Lieder „O du allersüßte Freude“ (128) und „Zeuch ein zu deinen Toren“ (133) wurden in der Originalform aufgenommen ebenso wie Michaels Schirmers „O heilger Geist kehr bei uns ein“ (130).
Einem Mangel der beiden ersten Gesangbuchgenerationen half das Erzähllied von Ambrosius Blaurer (gest. 1546) ab. Während die Passions- und Osterlieder auch Erzählcharakter haben, fehlte unter den Pfingstliedern ein die Pfingstgeschichte ausführlicher beschreibendes Lied. In „Jauchz Erde und Himmel, juble hell“ (Nr. 124= EG (127) nahm Blaurer in der ersten Strophe darauf Bezug „Der (nämlich der Geist) kam mit Feuersglut zur Erd/ mit starkem Sturmestoben/ das Haus erfüllt er überall, zerteilt man Zungen sah im Saal/ und all den Herren loben“. In den folgenden sieben Strophen wurde das Wehen des Geistes ausgelegt. Das Lied hat sich bewährt und ist auch in den nächsten Gesangbüchern enthalten wie auch drei andere: „Komm o komm du Geist des Lebens“ von Heinrich Held 1658 (Nr. 126/ EG 134), „O heiliger Geist, o heiliger Gott“ aus dem Jahr 1651 (Nr. 131/ EG 131) und „Schmückt das Fest mit Maien“ von Benjamin Schmolck 1715 (Nr. 132/ EG 135). Mit seinen wenn auch schwachen Anklängen und Vergleichen an und mit der Natur („Maien“, „Himmelsregen“ „Ströme, die das Land begießen“, „im Guten grünen als ein fruchtbar Land“) wird der Naturkreis in das Kirchenlied einbezogen. Pfingsten ist nach altem, gewiß heidnischem Brauch auch mit Birkengrün verbunden, das nicht selten das Innere des Gotteshauses an diesem Fest schmückt.
Es fand sich offenbar kein Lied aus der damaligen Neuzeit außer „O du fröhliche, o du selige gnadenbringende Pfingstenzeit, Christ unser Meister heiligt die Geister, freue dich o Christenheit“, von Johannes Daniel Falk, nach dem Osterlied nunmehr die dritte Auflage des gleichnamigen Weihnachtsliedes. Literarisch ist es eine Peinlichkeit, indes volkstümlich singbar. Die nächsten Generationen haben darauf stillschweigend verzichtet.
Anders als in der Aufklärung gab es in dieser dritten Generation unter den Pfingstliedern kein Lied, das den Zusammenhang von Pfingsten und Entstehung der Kirche herstellte wie noch das Pfingstlied von Münter „Der mir den Weg zum Heile weist“.

d) Die vierte Gesangbuchgeneration (1950) fügte trotz der Fülle der Lieder aus der Reformationszeit und des 17. Jahrhunderts mit „Heilger Geist du Tröster mein“ (Nr. 101) und „Freut euch ihr Christen alle“ noch zwei aus jener Zeit dazu und betonte damit die Hoffnung auf Besserung der Nachkriegskirche durch die Rückschau auf die Reformation. Dagegen verzichtete es auf Paul Gerhardts „O du allersüßte Freude“. Eine echte Entdeckung hingegen war Philipp Spittas „O komm du Geist der Wahrheit“ (1827), das sich geradezu zum Kampf- und Trotzlied im Gottesdienst entwickelte und als einziges Lied die Dichtung des 19. Jahrhunderts vertritt.

e) Das Evangelischen Gesangbuch (1994) konnte auf den bewährten Stamm von sechs Liedern aus dem Gesangbuch 1698, die Mehrzahl der neuen Lieder von 1902 und die beiden Entdeckungen von 1950 zurückgreifen. Daher wurde als einziges neues Pfingstlied von Philipp Spitta „Geist des Glaubens, Geist der Stärke“ (EG 137) mit allen neun (!) Strophen hinzugefügt. Es befand sich schon um 1930 in zehn Gesangbüchern, war aus dem Stammteil des EKG verbannt, hatte aber Aufnahme in sechs Anhänge gefunden. Es ist ein typisches Lied aus der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts mit dessen missionarischer Aufbruchstimmung. Es ist fragwürdig, wenn nach der Epoche von Atheismus und des Säkularismus die Gemeinde noch singt: „Gib Elias heilge Strenge/ wenn den Götzen dieser Zeit/ die verführte blinde Menge/ Tempel und Altäre weiht“ (127,6) oder gar: „Gib uns Davids Mut zu streiten/ mit den Feinden Israels“ (127,5). Die Kommission wollte offenbar das 1950 vernachlässigte Liedgut des 19. Jahrhunderts etwas auffüllen. Neu ist der ökumenische Kanon von Ernst Ruppel „Ihr werdet die Kraft des Heiligen Geistes“, der auf die Pfingstgeschichte Bezug nimmt, was in den Liedern leider wenig der Fall ist.
Der niedersächsische Anhang füllte die Lieder mit zwei Liedern zum Familien- und Kindergottesdienst von Dieter Trautwein „Am hellen Tag kam Jesu Geist“ (EG 554) und Arnim Juhre „Zu Ostern in Jerusalem“ (EG 555) an, dazu den vierstimmigen Kanon von Taize „Veni creator“ und den altkirchlichen Hymnus „Komm Heilger Geist“, der die sprachlichen Mißlichkeiten früherer Übertragungen vermeidet. Bei dem plattdeutschen Lied „Hilige Geist kumm und faat mi“ beeindruckt wohl am meisten die aus dem Finnischen stammende, schwermütig wirkende Melodie, mehr für einen Gottesdienst am Pfingstmontag am Lagerfeuer mit Birkenholz als Alternative zum markigen „O komm du Geist der Wahrheit“ denkbar.
Die folgenden Lieder EG 557 „Unser Leben sei ein Fest“, EG 558 „Eine freudige Nachricht breitet sich aus“ und „Stimmt mit ein“ (EG 559) nehmen auch ausdrücklich Bezug auf das Wirken des Geistes.





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Impressum  http://bs.cyty.com/kirche-von-unten/archiv/gesch/Gesangbuch/T2K6.htm, Stand: Dezember 2007, dk

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