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[Kirche von Unten]

Alternatives aus der/ für die
Braunschweiger Landeskirche

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Dietrich Klagges

1891-1971
Eine biographische Skizze

von Dietrich Kuessner



Im Vorwort des Programmes für diese Juso-Kulturtage heißt es: "Wir wollen helfen, die Zeit des Nationalsozialismus begreifbar zu machen, ... und den Bogen spannen zum Rechtsextremismus heute." Wenn wir alle diesen Vorsatz der Jusos für den heutigen Abend ernst nehmen, dann bitte ich Sie, Abschied zu nehmen von plakativen Verdammungen dieser Zeit und ihrer Repräsentanten, z. B. "Klagges, der Massenmörder", und Abschied zu nehmen von irrationalen Verharmlosungen, wie z. B. "es war doch alles gar nicht so schlimm", "wenn Hitler den Krieg nicht angefangen und nicht soviele Juden verfolgt hätte - Großdeutschland von 1938, das war noch was". Auf diese letzte Gruppe paßt tatsächlich der Sprühspruch: Gestern standen wir am Abgrund, heute sind wir ein Stück weiter! Also: durch die enge Pforte zwischen Verdammung und Verharmlosung hindurch zu mehr Begreifbarkeit des Braunschweiger Rechtsextremismus von gestern und heute, das ist die Absicht meines Referates über Dietrich Klagges, der über 40 Jahre im Braunschweigischen lebte als Staatsbeamter, Ministerpräsident, Untersuchungsgefangener, zu lebenslangem Zuchthaus Verurteilter, als Schriftsteller, liberaler Bürger von Bad Harzburg und in dem allen als überzeugter Nationalsozialist bis zu seinem Tode im November 1971: Frühnazi, Nazi und Neonazi in einer Person.

Bei den Vorträgen in den folgenden Wochen, die sich speziell mit den Braunschweiger Verhältnissen befassen, wird immer wieder der Name von Dietrich Klagges auftauchen. Der bei Kriegsende zeitweilige Stellvertreter von Klagges, Kurt Bertram, sagt auf Befragung 1949 über dessen Rolle: "Ich kann mit Bestimmtheit sagen, daß sich Herr Klagges als Ministerpräsident die persönliche Entscheidung in allen wichtigen Dingen vorbehalten hat", und Klagges hat im Schlußwort seines Prozesses 1950 "die volle politische Verantwortung" für die Ereignisse zwischen 1933 und 1945 übernommen. Man hätte die folgenden Vorträge zugespitzt auch so formulieren können: Klagges
und die Braunschweiger Uni, Klagges und die Braunschweiger Justiz und Wirtschaft, und nun fehlen ja leider die anderen Braunschweiger Bereiche wie Klagges und die Schulen oder Klagges und die Kunst in Braunschweig.
Geht man die Liste nicht nur der 250 Belastungszeugen, sondern gerade auch die 67 von Verteidiger Grünkorn benannten Entlastungszeugen im Verfahren gegen Klagges von 1952 durch, dann wird die zentrale Rolle von Klagges für 1933 - 45 dick unterstrichen: Prof. Blenk bezeugt die hervorragende Rolle von Klagges bei der Errichtung der Forschungsanstalt für Luftfahrt in Völkerjode, Prof. Steinmann den Anteil von Klagges beim Aufschwung der Braunschweiger Wirtschaft, Prof. Herzig die Unterstützung der Bergakademie in Clausthal durch Klagges "bei der Verteidigung der freien Forschung Museumsdirektor Dürkop hebt die kulturellen Leistungen von Klagges beim Ausbau der technischen Hochschule und des Landestheaters hervor.
Es erscheint also sinnvoll und ist durchdacht, wenn am Anfang aller anderen Beiträge eine Beschreibung der Person steht, die offenbar politisch in viele Teilbereiche des Braunschweiger Lebens eingewirkt hat.

Um die Jahrhundertwende ist Dietrich Klagges 9 Jahre alt, Jüngster von 7 Geschwistern, geboren in einem Forsthaus im Westfälischen, der Vater ist Waldwärter. Klagges wächst in dem Dorf auf, besucht die Volksschule in Neugeseke und wird Lehrer. Er besucht das Königlich-Evangelische-Lehrerseminar in Soest und kommt nach der ersten Prüfung am 1. Oktober 1911 an die Volksschule des Dorfes Harpen, Kreis Bochum. Dort besteht er im Oktober 1914 seine Prüfung mit "gut".
Klagges macht 2. Examen zwei Monate nach Beginn des 1. Weltkrieges. Er hat 1911 bereits seinen Wehrdienst angetreten, aber wegen einer Mittelohrvereiterung abbrechen müssen. Januar/Februar 1915 dient er zunächst bei einem Landsturmarbeitsbataillon und dann einen Monat in einer Infanterieeinheit an der Front. Dann wird er bereits verwundet, bringt fast ein Jahr in verschiedenen Lazaretten im Reich zu und wird 1916 als Landsturmmann entlassen. Es ist eine kurze Einsatzzeit ohne Möglichkeiten zur Beförderung. Muß das kompensiert werden?
Im November 1918 besteht er die Prüfung für das Lehramt an Mittelschulen, ist in Botanik und Zoologie gut, in Physik, Chemie und Mineralogie genügend. Wenige Monate nach dem Examen heiratet Klagges im März 1919 eine Kollegin seiner Volksschule in Harpen, Amalie Krugmann, 1969 haben sie Goldene Hochzeit, und sie beginnen ihr gemeinsames Leben in einem Dorf in Schleswig-Holstein an der Mittelschule in Wilster.

Die ersten 28 Jahre von 1891, dem Geburtsjahr von Klagges, bis 1919, also das Bild eines geordneten, aus kleinen Verhältnissen aufstrebenden, fleißigen Mannes, ein Dorfschullehrer wie viele andere, persönlich rasch selbständig werdend, jedoch ohne viele, anhaltende menschliche Kontakte. Der Vater stirbt sehr früh und erlebt den Aufstieg des Jüngsten nicht mehr. Viel Kontakt zu den Geschwistern pflegt er offenbar nicht. Klagges zeigt früh die Neigung zur Reserviertheit, sogar Verschlossenheit. So bleibt er als Kind mit Fragen, die sich ihm stellen, allein. Er habe seine Zweifel mit sich selber ausmachen müssen, klagt er. Wo sein verstorbener Vater nun sei - im Himmel, in der Hölle? - beide Antworten befriedigen ihn nicht. Die Mutter hat ihr Kind taufen und konfirmieren lassen. Aber die mit dem Abendmahl verbundene Sündenvergebung habe er nicht besonders ernst nehmen können, schreibt er. Seine heimatliche Dorfkirche empfindet er als kahl, unfreundlich, kalt und ungemütlich. Klagges wird mit den Ergebnissen der historisch-kritischen Forschung bekannt. In Wilster liest er Kommentare zu biblischen Büchern, aber er kommt zu dem Ergebnis: "Das deutsche Glaubensleben befindet sich auf allen Gebieten in einem Zustande hochgradiger Unklarheit und Zerrüttung." Er fühlt sich wie in "einem ungeheuren religiösen Trümmerfeld", bis ihm die beiden Bände von Houston Stewart Chamberlain "Die Grundlagen des 20. Jahrhunderts", 1899 1. Auflage, 1907 bereits 8. Auflage, in die Hände fallen. Chamberlain entwickelt eine sonderbare Kulturgeschichte von den alten Griechen bis zum deutschen Idealismus aus der Sicht einer Verbindung von Rasse und Religion mit wütenden antisemitischen Passagen. Die dringendste Aufgabe der gegenwärtigen Kultur sei eine Neugestaltung der Religion nicht mehr auf semitischer, sondern auf germanischer Grundlage. "Für mich", bekennt Klagges, "wurde dieses Werk tatsächlich die 'Grundlage' meines späteren Lebens".
Klagges stellt sich der von Chamberlain gestellten Aufgabe und schreibt als Schulmeister in Wilster ein theologisches Werk, nämlich eine Übersetzung und einen Kommentar zum Markus-Evangelium. Klagges greift die alte These von einem Urevangelium auf, also einer schriftlichen Kurzfassung, die zeitlich noch vor den 4 Evangelien existiert habe. Diese glaubt er in Teilen des Markusevangeliums gefunden zu haben. Dieser Urmarkus sei arisch und verkünde den heldischen, arischen Jesus. "Der Heiland des Urevangeliums ist der von
Gott berufene Vorkämpfer reinen arischen Geistes gegen den herrschsüchtigen Terror jüdisch-semitischer Verwirrung." Klagges löst Jesus völlig aus seinen alttestamentlichen Voraussetzungen. Die Abendmahlsworte "dieser Kelch ist das Neue Testament in meinem Blut" übersetzt Klagges mit "das ist mein Leben der Pflicht, das sich ergießt zum Besten vieler". (61). Das Abendmahl im Urmarkus sei weder das jüdische Passahmahl noch symbolisch zu verstehen, "sondern in ihm hat der Heiland die religiöse und sittliche Grundlegung seiner arischen Lebensführung zusammenfassend und allgemeingültig dargestellt ... All die Millionen Deutschen, denen das Abendmahl nichts mehr ist, die es in der heute geltenden Bedeutung verabscheuen, sie werden mit Urgewalt davon ergriffen werden, wenn es ihnen erst nach seinem arischen Sinn bekannt wird." (196). "Der deutsche Glaube" heißt der Untertitel des Buches, das Klagges nun keineswegs als Jugendsünde später versteckt, sondern 1933 erscheint es in 3. und 1936 in 4. Auflage, und als Klagges 1946 im Rennelberg einsitzt, stöbert er zu seiner Freude ein Exemplar in der Gefängnisbibliothek auf und nimmt es mit in seine Zelle.

Das Ehepaar Klagges findet in den 20iger Jahren in der evangelischen Gemeine in Wilster mit solchen Gedanken keinen Anschluß. Sie lassen ihre Tochter zunächst auch nicht taufen. Die Kinder nennen sie Ingrun, Hugdietrich und Irmhild. Anschluß findet Klagges jedoch beim völkischen Flügel der DNVP. Dort in völkischen Kreisen Schleswig-Holsteins erleben Klagges, wie Grundfragen von Gott, Welt und Mensch "leidenschaftlich erörtert und durchgekämpft werden". Hier in der DNVP gewöhnt er sich den Widerwillen gegen das parlamentarische System an. Aber die DNVP ist Klagges im Kampf gegen die Demokratie noch nicht radikal genug. Daher tritt er 1923 der deutsch-völkischen Freiheitsbewegung und 1925 der NSDAP bei. Er hat die niedrige Parteinummer 7646.

Nach 6jähriger Schultätigkeit in Wilster erhält Klagges 1926 die Konrektorenstelle, und zwar im preußischen Benneckenstein im Harz, dicht an der Grenze zu Braunschweig. Diese Stelle bedeutet also einen weiteren beruflichen Aufstieg.
Vor allem aber wird hier Klagges auch parteipolitisch tätig. Er wird NSDAP-Ortsgruppenleiter (1928 - 30), hält Versammlungen ab, zieht als Abgeordneter in die Stadtverordnetenversammlung und gründet eine Zeitschrift mit dem Titel "Nordlicht". Die parteipolitische Betätigung bringt ihm die ersten Beschwerden im November 1929 beim Regierungspräsidenten ein. Klagges sei demagogisch und die Qualifikation als Lehrer sei ihm abzusprechen. Eine kurz vorher durchgeführte Visitation durch die Schulbehörde hat jedoch ergeben, daß Klagges einen "ansprechenden Chemieunterricht" gebe. Er sei "als maßvoller Nationalsozialist aufgetreten, der auch in bürgerlichen Kreisen in Ansehen gestanden habe", bezeugt der spätere Ministerialrat Sting. Klagges verliert jedoch seine Konrektorenstelle, weil er sich weigert, aus der NSDAP auszutreten. Die preußische SPD-Regierung hatte allen preußischen Beamten die Mitgliedschaft in dieser Partei untersagt. Im November 1930 wird er vom Dienst ohne weitere Pensionsansprüche suspendiert. Klagges sitzt nun mit Frau und seinen inzwischen 5 Kindern auf der Straße. Er betrachtet sich als Opfer der Roten.

Aber im benachbarten Braunschweig haben sich die Verhältnisse günstig für ihn entwickelt. Nach der Landtagswahl im September 1930 hat sich eine bürgerlich-nationalsozialistische Koalitionsregierung gebildet, und der nationalsozialistische Innenminister Franzen nimmt Klagges als Regierungsrat in das Volksbildungsministerium auf.
Für einen Augenblick war wohl auch die Idee aufgetaucht, ob Klagges in die Gaupropaganda nach Berlin zu Goebbels gehen sollte. Klagges hatte in der von Goebbels herausgegebenen Schriftenreihe das Heft 2, Titel: "Kampf dem Marxismus" geschrieben und mit dem Hitlerzitat begonnen "Wer den Marxismus überwinden will, muß ihm eine Weltanschauung von größerer Wahrhaftigkeit mit der gleichen Brutalität der Durchführung entgegensetzen." Ob Klagges Braunschweig vorzieht, um hier diese Art der Überwindung des Marxismus auszuprobieren? Der Schritt vom entlassenen Konrektor zum Regierungsrat am 1.1.1931 ist für ihn der richtige.
Klagges ist also die Treppe heraufgefallen. Er macht nun eine Blitzkarriere. Sein Vorgesetzter Minister Franzen stürzt, und am 15. September 1931 wählt ihn der Landtag bereits zum Minister für Inneres und Volksbildung. 1919 bis 1931: 12 Jahre Schulmeister und am Ende Schulminister. Das ist ein ungewöhnlicher Machtzuwachs, der erst verdaut sein muß.

Als Innenminister von 1931 bis 1933 öffnet Klagges, so gut er kann, den Freistaat Braunschweig dem Nationalsozialismus. Dies sind einige Stationen:
Am 18.10.1931 demonstrieren Zehntausende SA-Leute - die Zahlenangaben schwanken zwischen 70.000 und 100.00 - den ganzen Tag durch die Landeshauptstadt und marschieren an Hitler vorbei. Es gibt Tumulte am Rande, verwüstete Geschäfte und zwei Todesopfer, die eine Anfrage der SPD im Braunschweiger Landtag auslösen. Kritische Artikel in der sozialdemokratischen Presse, dem Volksfreund, z.B. über diesen Tag der SA nimmt Klagges zum Anlaß, die Zeitung wochenlang zu verbieten. Klagges ist immerhin erst 6 Wochen im Amt.
In der Braunschweiger Uni macht der nationalsozialistische Studentenbund viel Wind wegen harmloser Äußerungen eines ausländischen Studenten. Klagges läßt diesen kurzerhand ausweisen. Professor Mühlenpfordt, der diesem Studenten als Rektor nur einen Verweis erteilt hatte, wird von Klagges in öffentlichen Parteiversammlungen scharf angegriffen. Als sein Nachfolger Rektor Gaßner den NS-Studentenbund im Herbst 1932 verbietet, greift Klagges in die Selbstverwaltung der Uni ein, fördert ganz unverhüllt den NS-Studentenbund und die Politisierung der Studentenschaft, die der Senat gerade verhindern will.
Hitler selber beauftragt Klagges, ihm die deutsche Staatsbürgerschaft zu besorgen. Am 25.2.1932 wird Hitler Regierungsrat beim Braunschweiger Landeskultur- und Vermessungsamt, und dieser Verwaltungsakt wird am selben Abend in 16 Massenveranstaltungen mit 12.000 Teilnehmern bejubelt. Der scharfe antisozialistische und antidemokratische Kurs von Klagges findet Zustimmung in Braunschweig.
Als Polizeiminister sorgt Klagges dafür, daß braune Parteiangehörige in Polizeistellen gehievt werden und die Polizeischule in Holzminden völlig politisiert wird. Bereits im Februar 1932 gehören alle Schüler dem NS-Polizeibeamtenverband an. Bei Demonstrationen begünstigt die Polizei ganz einseitig die SA und vernachlässigt die Aufklärung, wenn die Opfer der politischen Linken angehören.

Nach dem 30. Januar 1933 - Klagges ist Innenminister - setzt ein schauerlicher, bisher nicht dagewesener Terror mit Hilfe einer legal-illegalen Nebenpolizei ein, einer von Klagges am 7. März 1933 formal vereidigten Hilfspolizei. Am 9. März wird die SPD-Zentrale, das Volksfreundhaus, mit Waffengewalt gestürmt, die SPD-Landtagsabgeordneten werden zum Verzicht auf ihr Landtagsmandat erpreßt, am 13.3. wird der sozialdemokratische Oberbürgermeister Böhm gestürzt, am 25. März wird der Terror auf die unbeliebten Anhänger des Stahlhelm ausgedehnt und die Allgemeine Ortskrankenkasse monatelang zum illegalen Gefängnis- und Folterplatz der Hilfspolizei umfunktioniert - und das alles unter den Augen der Braunschweiger
Bevölkerung. Frauen stehen tagelang vor dem Gebäude der AOK und bringen ihren inhaftierten Männern etwas zum Essen. Aber nicht nur in der Stadt Braunschweig, sondern an allen Orten mit sozialdemokratischer Mehrheit im Harz und im Helmstedter Kohlerevier wütet ein grausiger Terror. Überall im Lande entstehen für Wochen von SA und SS bediente Prügel- und Folterplätze. Dieser Blutrausch findet ein gesättigtes Ende durch den Abtransport von wahllos in der AOK herausgegriffenen Bürgern und ihrer Erschießung in Rieseberg im Sommer 1933.
Klagges ist mitten in diesem mörderischen Milieu am 6. Mai 1933 zum Braunschweiger Ministerpräsidenten ernannt worden.
Klagges erlebt als Ministerpräsident aber auch sehr viel Zustimmung, ehrlichen Beifall von Bürgertum und Kirche, neue Anhängerschaft aus Handel und Industrie, Mitläufer aus Kreisen der Sozialdemokratie. Der Terror 1933 wird verdeckt durch rauschende Feierlichkeiten am 12. März, dem Heldengedenktag; dem 23. März, dem Tag von Potsdam; an "Führers Geburtstag", dem 20. April; dem Tag der Arbeit am 1. Mai und neu zum Leben erweckten Festen, wobei Klagges alte sozialistische Bräuche besetzt und auch dadurch anziehend auf die Linke wirkt. Am Sonntag, dem 25. Juni 1933, feiert Klagges in Kneitlingen am Elm in einer großen Menschenmenge eine Sonnenwendfeier und hält dabei die Feuerrede:

"Liebe deutsche Volksgenossen und Volksgenossinnen!
Nun lasset die Glocken von Turm zu Turm / durchs Land frohlocken im Jubelsturm! Des Flammenstoßes Geleucht facht an / der Herr hat Großes an uns getan! ... Der Sieg, auf den wir heute zurückblicken können, ist erfochten worden gegen den Feind im Innern, er ist er-fochten worden gegen den Verrat, der in unseren eignen Reihen wütet, gegen den inneren Zwiespalt, der uns zerriß und schwächte und uns dadurch zu einem Gespött unter den Völkern dieser Welt machte. Dieser innere Zwiespalt, dieser fluchwürdige Klassenkampf, diese Selbstvernichtung, wie sie auf jüdische Einflüsterung von den Parteien des Marxismus in unserem deutschen Volke zu einer politischen Weltanschauung gemacht worden waren, sind vernichtet und ausgerottet aus unseren Reihen. Das ist das gewaltige Ereignis, das wir hinter uns haben und auf das wir heute mit Stolz zurückblicken können ...
Wir wollen wieder deutsch werden, wir wollen unsere Kinder wieder deutsch erziehen, wir wollen wieder deutsch fühlen und deutsch denken dürfen. Wir wollen aus unserem übernommenen Erbgut her-
aus unser deutsches Leben wieder neu gestalten, frei von jeder fremden Beeinflussung, frei vor allen Dingen von dem furchtbaren, internationalen, zersetzenden Gift des Judaismus in jeder Form. Darum kehren wir zurück zum Altväterbrauch und zünden zur Zeit der Sonnenwende die heiligen Feuer wieder an. Wenn wir heute über die gottgesegneten Fluren schauen, quillt in uns die Freude auf, mit der der Gedanken verbunden ist: jetzt ist das alles wieder unser, jetzt ist dieses ganze Land wieder voll und ganz deutsch geworden. (Bravo!)"

Diese Rede deckt die Motive von Klagges deutlich auf: Sie sind völkisch-germanisch, sie sind entschieden antisemitisch und antikommunistisch - eines folgt für Klagges aus dem andern - und sie sind christlich. "Der Herr hat Großes an uns getan".

Dieser Abschnitt der Braunschweiger Geschichte und die Rolle von Klagges ist ausführlich beschrieben in E.A. Roloffs Darstellung "Bürgertum und Nationalsozialismus 1930 bis 1933", immerhin schon aus dem Jahr 1961, die Gerhardt Schildt in seinem Vortrag im Oktober 1981 "Die Machtergreifung des Nationalsozialismus in Braunschweig" verarbeitet. Es fehlt aber immer noch eine gründliche, mit Anmerkungen versehene, kritische Darstellung.

Schildt schreibt von Klagges: "Er war zielstrebig und ehrgeizig, in seinen Überzeugungen verbohrt und fanatisch, moralisch skrupellos und brutal, im Ganzen leidenschaftlich, zäh und geschickt in seiner Politik. An Willensstärke und Zielbewußtsein war er fast allen bürgerlichen Politikern überlegen". Das ist aus der Sicht der bürgerlichen und linken Opfer von Klagges geurteilt. Ihm stehen andere Urteile über Klagges gegenüber. Der in Braunschweig hoch angesehene General Felmy war von Oktober 1936 bis zum Kriegsbeginn dienstlich in Braunschweig stationiert "und hat einen günstigen Eindruck vom Angeklagten, mit dem er im Verwaltungsbereich vielfach zu tun hatte, er fand ihn entgegenkommend und auf reibungsloses Zusammenarbeiten bedacht. Das vorbildliche Familienleben des Angeklagten ist dem Zeugen besonders aufgefallen." Augenarzt Dr. Hoffmann beschreibt Klagges als "angenehmen Mieter mit gut erzogenen Kindern." Ministerialrat Dr. Kiesel, der im Innenministerium gearbeitet hat, bezeugt für Klagges "ordnungsgemäße Handhabung der Geschäfte als Innenminister". Propst Rauls hat zwei Kindern des Angeklagten je zwei Jahre lang Konfirmandenunterricht erteilt und war aus Anlaß dieses Unterrichtes auch je einmal in der Wohnung der Familie Klagges. Die Eltern hätten an der Konfirmation einer Tochter
im Jahre 1938 oder 1939 und eines Sohnes 1942 teilgenommen. Das sei bei der Einstellung der NS-Machthaber zu den Kirchen immerhin auffallend gewesen.

Diese Zeugenaussagen sind schüchterne Hinweise auf ein Defizit der bisherigen Darstellungen der Braunschweiger Geschichte der Jahre 1934 bis 1945. Die Braunschweiger haben - wie die Bevölkerung im ganzen Reich - Anteil am Aufstieg. Man hat das Gefühl, es geht vorwärts:
Es wird viel gebaut, nicht nur Kasernen, z. B. auch Kirchen, vor allem Siedlungshäuser, die Steuern steigen und daher auch der Anteil der Kirchensteuern. In Braunschweig erscheinen nach wie vor mehrere Zeitungen, die sich auch durchaus unterscheiden. Bei den Braunschweiger Neuesten Nachrichten und bei der Braunschweiger Landeszeitung arbeitet bis 1938 der Redakteur Dieter Friede, von dessen Leitartikeln es später heißt, sie "zeigten, obwohl während der Nazi-Zeit entstanden, eine untadelige, saubere, demokratische Gesinnung".

Friede wird 1947 in den russischen Sektor von Berlin gelockt und verschwindet dort. Vielleicht ist der 50. Jahrestag von Friedes letzten Artikeln ein Anlaß für die BZ, die Arbeiten des Mannes näher zu beschreiben.

Auf den Kreisparteitagen des Jahres 1938 wird ein Rückblick auf die zurückliegenden 5 Jahre gehalten, und nicht alles Berichtete und Ausgestellte ist Propaganda. Die Akzeptanz von Hitlerstaat und Klaggesland ist ohne Frage gestiegen und groß. Und wer sich zu kurz gekommen fühlt, kann sich am Glanz der außenpoitischen Erfolge entschädigen: Die Saar kommt zum Deutschen Reich 1935, das Rheinland "wird befreit" 1936, Olympiade im selben Jahr, Österreich wird "eingegliedert", und alle Ereignisse werden ausgiebig befeiert.
Ich will hier speziell auf das Verhältnis von Klagges zur ev. Kirche eingehen, also auf seine Kirchenpolitik. Klagges präsentiert sich im März/April 1933 als ein der Kirche zugewandter Ministerpräsident. Das unterscheidet ihn von seinem Vorgänger aus der Weimarer Zeit, Dr. Heinrich Jasper. Als Bischof Bernewitz Ende März 1933 seinen 70. Geburtstag feiert, würdigt Klagges die zehnjährige Tätigkeit des Bischofs, der der Landeskirche die innere und äußere Festigkeit gegeben und sie dazu befähigt habe, "der wachsenden Gottlosenbewegung mit Erfolg entgegenzuwirken." Der Bischof erwidert dankbar: "Es ist mir ein großes Anliegen, daß die deutsche Erneuerungsbewegung und die ev. Kirche sich treffen, um gemeinsam an der großen Aufgabe der Zeit zu arbeiten: an der Reinigung des deutschen Lebens von den Schlacken der vergangenen Zeit."

Anläßlich der Eröffnung des Braunschweiger Landtages Ende April 1933 marschieren die NS-Abgeordneten mit Klagges an der Spitze zum Eröffnungsgottesdienst in den Dom. So etwas hatte es in der Weimarer Zeit überhaupt nicht gegeben. Also eine neue, christlich geprägte Zeit und Herrschaft? Der Hitlerstaat eine christliche Diktatur?
Das erscheint für Klagges greifbar nahe zu sein, als seit dem Sommer 1933 die Deutschen Christen für eine Zeit in der Landeskirche die Oberhand gewinnen und Mehrheiten in den Kirchenvorständen und im Landeskirchentag erobern. Punkt 4 und 5 der von Katharinenpfarrer Johannes Schlott verteilten Richtlinien der Deutschen Christen lauten:
"Wir bekennen uns zu einem bejahenden, artgemäßen Christusglauben, wie er deutschem Luthergeist und heldischer Frömmigkeit entspricht. Wir wollen das wiedererwachte deutsche Lebensgefühl in unserer Kirche zur Geltung bringen und unsere Kirche lebenskräftig machen.... Die Kirche hat bisher nicht zum entschiedenen Kampf gegen den gottfeindlichen Marxismus ... aufgerufen. Wir wollen, daß unsere Kirche in dem Entscheidungskampf um Sein oder Nichtsein unseres Volkes an der Spitze kämpft."

Artgemäßer Christusglaube, heldische Frömmigkeit, entschiedener Kampf gegen den Marxismus, das sind Aussagen, die sich schon im "Urevangelium" von Klagges finden.

Im Kirchenkreis Gandersheim hat sich der Dorfpfarrer Wilhelm Beye aus Wenzen lebhaft für eine Deutschkirche eingesetzt. Es sei die Aufgabe jedes tätigen Kirchenmitgliedes - hatte Beye geschrieben - "die Dreieinigkeit des Blutes, des Glaubens und des Staates" herzustellen und so Gottes Willen im deutschen Volke zur Erfüllung zu bringen." Wilhelm Beye wird im September 1933 mit 29 Jahren zum Bischof der Landeskirche gewählt. Gemeinsam mit Ministerpräsident Klagges tritt er im November 1933 anläßlich der reichsweit durchgeführten Lutherfeiern bei einer Kundgebung auf dem Hagenmarkt auf. Klagges macht dabei den Eindruck, daß er sich in eine lutherische Tradition stellt.
"So sehen wir, daß Martin Luther zwar eine Kirche gründete, daß aber sein Wesen und Wollen nicht auf dieses Ziel beschränkt war, sondern daß sein Trachten darauf ausging, wieder deutsches Leben in deutschen Landen zu gestalten. Luther ist nicht nur ein Mann der Kirche, sondern auch im besten Sinne des Wortes ein Mann des Volkes. Auch wir stehen bis heute auf seinen Schultern, wir sind seine Erben und ohne sein mannhaftes Wirken wäre auch das Erleben der heutigen Zeit nicht möglich ...
Wir haben gelernt, daß es das Deutschtum ist, das uns alle eint und in dessen Rahmen wir unsere Besonderheiten des Glaubens frei gestalten können, ohne die deutsche Einheit irgendwie zu schädigen. In diesem Sinne wollen wir das uns überkommene Erbe weiterpflegen und uns mit frohem Herzen in dem Ruf einigen: unser deutsches Volk, sein großer geschichtlicher Volksmann Martin Luther und sein großer gegenwärtiger Führer. Heil!"

Klagges stutzt nicht nur die Bibel, sondern auch die Gestalt Luthers auf sein Ziel eines deutschen Glaubens zurecht. Immerhin macht es Eindruck, daß er die Garantie ausspricht, daß sich im Nationalsozialismus der ev. Glaube werde frei entfalten können.
In einem von den Braunschweiger NS-Größen Klagges, Alpers und Schmidt - Bodenstedt sowie u. a. vom Bischof und 5 Pfarrern unterzeichneten Aufruf zum Luthertag werden Hitler- und Lutherworte in Einklang gebracht.

"So spricht der Führer: "Wir haben nur einen Glauben, und der heißt Deutschland." Und es bekennt der Reformator: Für meine Deutschen bin ich geboren, meinen lieben Deutschen will ich dienen... Der Glaube an Deutschland muß darum sich gründen im schöpferischen Urgrund allen Seins in Gott..
Der Reformator wußte um das Geheimnis solchen Glaubens. Um solches Geheimnis weiß aber auch der Führer. Wissen wir um dieses Geheimnis?
Wir stehen in den Geburtswehen einer neuen Zeit. Deutschland ist erwacht und kämpft um seine Seele. Wer soll in diesem Kampfe Führer sein, Martin Luther oder Lenin? ... Für uns als lutherische Menschen kann es nur lauten:
Hi gut deutsch und evangelisch alle Wege!"
Die Hoffnungen, die Klagges in die deutschen Christen setzte, erfüllen sich nicht. Sie verlieren seit Mitte 1934 immer mehr an Bedeutung. Der Traum einer Deutschkirche oder einer heldisch-arischen Jesuskirche bleibt ein Traum. Klagges aber behandelt die Landeskirche zuvorkommend und will einen Kirchenkampf, wie er in anderen Landeskirchen geführt wird, ausdrücklich vermeiden. Er beläßt der Landeskirche einen erheblichen Anteil der Landeskirchensteuern, deren Höhe ja vom Staatsministerium genehmigt werden muß, so daß dieser von 1933 bis 1942 kräftig ansteigt. In Staatsrat Bertram schickt er einen unauffälligen Verbindungsmann in die Kirchenregierung, das Leitungsgremium der Landeskirche. 1942 kann Klagges in einem Brief an Gauleiter Lauterbacher in Hannover zufrieden feststellen, daß es in der Braunschweiger Landeskirche keinen Kirchenkampf gegeben habe, und es seien längst nicht so viele Verhaftungen und Redeverbote ausgesprochen worden wie in anderen Landeskirchen.

Trotzdem hat Klagges den Konflikt nicht gescheut, wo er sich für die NS-Weltanschauung Vorteile erhoffte. Die Umwandlung des Domes aus einem Gottesdienstraum in eine NS-Weihestätte ist seine eigene Idee gewesen, die er zäh betrieben hat durch die Ausschaltung des populären Dompredigers v. Schwartz, durch die Beschaffung der finanziellen Mittel über die Reichskanzlei, durch die Beseitigung der unschönen Überlagerungen des 19. Jahrhunderts und die architektonisch eindrucksvolle Wiederherstellung der gotischen Grundstrukturen, von denen wir heute noch profitieren, und durch ein Kulturprogramm, das allerdings von der Bevölkerung schlechter angenommen wurde als die sonntäglichen Gottesdienste unter Karl-Adolf von Schwartz. Nicht zu Unrecht hat Klagges in der Umwandlung des Domes keine Beeinträchtigung des kirchlichen Lebens gesehen, denn der Landeskirche standen in der Innenstadt auf eigenem Raum noch 6 sehr große Kirchen für Gottesdienste zur Verfügung.

Ebenfalls aus dem Verantwortungsbereich von Klagges stammt Oberregierungsrat Ludwig Hoffmeister, der sich seit 1937 im Landeskirchenamt in Wolfenbüttel ein Dienstzimmer einrichtet und von dort aus die Finanzen der Landeskirche kontrolliert. Hoffmeister war überzeugter Nationalsozialist und wollte die Landeskirche im ns-Kielwasser halten, aber man wird es Hoffmeister glauben dürfen, wenn er 1952 als Entlastungszeuge im 2. Klagges-Prozeß aussagt, daß Klagges peinlichst Wert darauf gelegt habe, daß zwischen Staat und Kirche keine Spannungen auftreten.
Dem liegt nicht ein opportunistisch-taktisches Verhalten zugrunde, sondern eine grundsätzliche Einsicht, die Klagges in seinem im Moritz-Diesterweg-Verlag 1936 erschienenen Buch "Geschichtsunterricht als nationalpolitische Erziehung" so formuliert:
"Die Tatsache, daß die christliche Religion für die heldische Lebensauffassung des Nationalsozialismus gleichfalls Raum bietet, ergibt für beide eine so breite gemeinsame Grundlage, daß sie sich in ihren Gebieten auszuwirken vermögen, ohne in unlösliche Konflikte zu geraten. ... Die Synthese zwischen Nationalsozialismus und Christentum braucht nicht erst gesucht zu werden. Sie hat von Anfang an bestanden. Von den Vertretern der christlichen Kirchen in Deutschland wird es abhängen, ob diese Synthese innerhalb oder außerhalb der Kirche verwirklicht werden wird."
Der Kirchenaustritt von Klagges im Mai 1942 ändert an seiner grundsätzlichen Glaubenseinstellung nichts. Klagges ist Überzeugungstäter, der an einmal gefaßten Grundsätzen festhält. So wie Albert Speer, von dem er glaubt, er habe seiner Überzeugung abgeschworen, hätte sich Klagges nie verhalten wollen, gerade auch in der Nachkriegszeit nicht.

Klagges vergiftet sich nicht, als die amerikanischen Truppen sich Braunschweig nähern, er setzt sich auch nicht in den Harz oder die Alpen ab, sondern erwartet den Kommandanten an seinem Schreibtisch im Staatsministerium. Am 9. April 1945 führt Klagges. noch ein Gespräch mit Dr. Bockler über die Erhaltung der Stadtwerke, am 10. April rücken die amerikanischen Truppen in Braunschweig ein, und in Gegenwart von Regierungsrat Löhr, Dr. Bockler und einem Dolmetscher erklärt Klagges dem Kommandanten, daß eine Anzahl alliierter Gesetze gegen den Willen der deutschen Bevölkerung verstießen. Erst zwei Tage später wird Klagges im Staatsministerium ebenfalls in Gegenwart von Dr. Bockler und Regierungsrat Löhr verhaftet.

Die folgende Zeit beschreibt Klagges selber folgendermaßen:
"Am 12.4.1945 wurde ich von der amerikanischen Militärpolizei in meinem Dienstzimmer im Braunschweigischen Staatsministerium "automatisch" verhaftet und in das Internierungslager Recklinghausen gebracht. Kriegsverbrechen konnten mir nicht vorgeworfen werden, doch wurde ich nach Mißhandlungen verschiedenster Art in die berüchtigte Haft 3. Grades gebracht, um mich zu zwingen, gegen andere Deutsche auszusagen. Während dieser Zeit machte in Folge grausamster Mißhandlungen einer meiner Zellennachbarn seinem Leben durch Erhängen ein Ende, ein anderer schnitt sich die Pulsadern auf und wurde als tot weggetragen. Da ich mich trotz täglicher Mißhandlungen, völliger Dunkelheit, Lager auf nacktem Steinboden in einem engen und feuchten Zementkoben, Wasser und Brot, offenem, aber scharf gezacktem Kanister als Abort und ohne jede Möglichkeit zum Waschen, Rasieren und dergleichen standhaft weigerte, mich als Denunziant mißbrauchen zu lassen und andere der willkürlichen Verfolgung aufgrund des "Besatzungsrechts" ausliefern zu helfen, wurde ich schließlich wieder in die gewöhnliche Internierungshaft überführt. Von da an bezeigten Amerikaner und Engländer kein weiteres , Interesse mehr an meiner Person."
Anders als die Opfer, die 1933 unter seiner Verantwortung unvergleichlich bestialischer gefoltert wurden, überlebt Klagges diese kurze Zeit und sammelt im Internierungslager Steinmühlen einen Kreis gleichgesinnter Nazis, trägt ihnen seinen deutschen, völkischen Heldenglauben vor, verfaßt darüber ein 3000 Zeilen langes Lehrgedicht und die dazu passenden 10 Gebote. Zusammen mit dem "braunen Pastor" Pentinghaus, einem Volksschulrektor, halten sie, wie bei den deutschen Christen üblich, in ihren Baracken "Feierstunden" ab und schmieden Pläne für eine "Vaterkirche". Klagges gibt von sich zwei grundverschiedene Eindrücke wieder: Er beschreibt sich als Opfer der Alliierten, das seine Verfolger wie ein Märtyrer erträgt, und er ist der Aufrechte, Unnachgiebige, der seiner Familie und seinem nicht unbeträchtlichen Sympathisantenkreis das Beispiel von unbeugsamer Gesinnungstreue gibt. Die erste Rolle findet sich in Eingaben etwa an das Bundesverfassungsgericht, die zweite in Briefen an die Familie. Zu seinem Ärger muß Klagges das Internierungslager, in dem er zusammen mit 40 "Stubenkameraden" in einer Baracke wohnte, verlassen. Er wird auf Antrag der Braunschweiger Staatsanwaltschaft im Dezember 1945 zusammen mit dem früheren Generalstaatsanwalt Rasche nach Braunschweig überführt. Rasche stirbt noch im gleichen Monat in einem Wolfenbütteler Krankenhaus. In Braunschweig werden seit Sommer 1945 mit Hilfe von Plakaten Zeugen gesucht für einen Riesebergprozeß, aber Staatsanwalt Hartmann, der die gesamten Ermittlungen führt, kommt nicht so rasch voran, wie er gedacht hatte. Anfang 1946 erfährt Klagges von einer rasch hingeworfenen Bemerkung des Generalstaatsanwaltes Staff, daß Klagges wohl frei-gesprochen werde. Die Verteidigung von Klagges hat Rechtsanwalt Grünkorn übernommen.
Die Ermittlungen ziehen sich über zwei Jahre hin. Es wird bekannt, daß Staatsanwalt Hartmann vermutlich wegen Ungeschicklichkeiten von seiner Aufgabe entbunden wird - er hatte einen Spitzel auf Klagges angesetzt und eine Hausdurchsuchung bei Frau Klagges vor-genommen.
Das war nicht ganz unberechtigt, denn Klagges schmiedet Pläne für eine neue Parteigründung, die Deutsche Volkspartei. In zehn Punkten wird ein Allerleiprogramm entworfen. Die DVP erstrebe einen Volksstaat; sie sei konservativ, liberal, sozialistisch, christlich, nationalpolitisch, weltpolitisch. "Nationalpolitisch", erläutert Klagges, "wenn es heißt, für die Unversehrtheit des deutschen Volksbodens einzutreten" - vermutlich wie gehabt von der Maas bis an die Memel -,"sozialistisch.., d.h. "den durch Krieg, Vertreibung und Unglück Geschädigten vor Ausbeutung, Unrecht und Not zu schützen und ihm sein Recht zu sichern".

Klagges nimmt lebhaften Anteil am politischen Geschehen in der Stadt Braunschweig und macht sich Gedanken über den Erfolg einer solchen Parteineugründung. "Zunächst" - schreibt er am 6. Februar 1946 - "wäre es sicher recht gut, wenn auch in Braunschweig erst einmal die CDU eine Mehrheit bekäme". Daß Dr. Strickroth ihr Landesleiter ist, sei auch kein Fehler. Man kennt sich aus früheren Zeiten.

Das Echo auf dieses Programm ist im Umfeld der ungebrochenen Nazis enthusiastisch:
"Christentum, Demokratie auf arteigener Grundlage - das zieht Anhänger von allen Seiten und scheint gänzlich unpolitisch. Ich kann mir denken, daß die Kameraden begeistert sind ... Der Führer dachte gegenständlich, irdisch ..." diese Form sei zerbrochen, weil ihr die Verknüpfung nach oben fehlte. "Du kettest Familie, Sippe, Volk, Vaterland, Rasse und Welt an den Himmel, und das war nötig. Du und Dein Glaube werden in Deutschland eine große Zukunft haben," schreibt die älteste Tochter zurück.

Danach sieht es zunächst nicht aus. Klagges muß sich vom 5. - 9. Juli 1949 in Bielefeld einem Militär-Spruchgericht stellen und sich zusammen mit seinem persönlichen Adjutanten Peter Behrends, zuletzt Hauptsturmführer d. R, der Waffen-SS, dem früheren Oberbürgermeister Dr. Wilhelm Hesse, zuletzt SS-Standartenführer und Dr. Otto Diedrichs, zuletzt SS-Oberführer und Ministerialrat im Reichsinnenministerium wegen Zugehörigkeit zur SS verantworten. Klagges war am 27.1.1934 zum SS-Gruppenführer ehrenhalber befördert worden, am 1. Oktober 1934 zum SS-Führer z.b.V. beim SS-Oberabschnitt Nord-West, am 1. April 1936 zum SS-Führer im Stabe des Reichsführers der SS und am 30. Januar 1942 schließlich zum SS-Obergruppenführer.
Mit Vorliebe zeigte sich Klagges der Öffentlichkeit in einer Phantasieuniform, die einer SS-Uniform sehr ähnlich war. Seine langjährigen Minister Alpers und Jeckeln gehörten ebenfalls der SS an. Während Hannover als Hochburg der SA galt, war Braunschweig die Hochburg der SS. Das Braunschweiger Schloß war zur SS-Junkerschule umfunktioniert worden - ein Umstand, der später mit zu seinem Abriß führen sollte. Der öffentliche Ankläger beantragt 8 Jahre Gefängnis, der Verteidiger bittet um ein mildes Urteil, das Gericht spricht 6 Jahre Gefängnis aus unter Anrechnung der Internierungshaft; abzusitzen wären also noch zwei Jahre. Klagges erhebt Revision, die verworfen wird. Das Urteil wird mit dem 13.10.1949 rechtskräftig und im Gefängnis Celle vollstreckt.

Unmittelbar danach erhält Klagges die Anklageschrift für ein weiteres Verfahren, den seit 1945 geplanten Riesebergprozeß, der nun am 10. Januar 1950 beginnt und am 5. April endet. Der Braunschweiger Öffentlichkeit wird noch einmal der Staatsterror des ersten Halbjahres 1933 gründlich und überzeugend vorgeführt durch immer wieder neue Opfer. Die Lektüre der Aussagen, wie sie im Urteil wiedergegeben werden, hinterläßt noch heute einen furchtbaren, bleibenden Eindruck. Wer - wie ich es für nötig halte - auch die Leistungen der Klaggesregierung ab 1934 objektiv beschreiben will, muß sich zuvor dieser abstoßenden Lektüre unterziehen, damit er weiß, daß diese ganzen 12 Jahre mit Mord und Unmenschlichkeit eingefädelt und daher von Grund auf verwerflich waren. Dieses Wissen jedoch herrscht in Stadt und Land Braunschweig damals und heute keineswegs vor. Eher die gegenteilige Meinung ist mehrheitsfähig, obwohl Klagges auch aus Gründen der Abschreckung zu lebenslangem Zuchthaus wegen Verbrechten gegen die Menschlichkeit verurteilt wird.

Es erregt zu Recht Aufsehen, daß sich unter den wenigen entlastenden Zeugen auch der frühere Propst von Braunschweig, Kirchenrat Leistikow, befindet; der am 32. Prozeßtag von einer Unterredung mit Klagges im Frühjahr 1933 berichtet.
"Ich entsinne mich heute noch mit Freude dieser Unterredung". Leistikow zitiert dann ungenau jenen Satz, daß die Synthese von Christentum und Nationalsozialismus - Leistikow sagt "Deutschtum" - nicht gesucht werden müsse. "Aufgrund seiner christlichen Einstellung halte ich es für ausgeschlossen, daß er zu Gewalttaten neigte", erklärt Leistikow naiv. Diese Aussage von Leistikow wird von der sozialdemokratischen "Braunschweiger Presse" scharf angegriffen. Einige wollen sich nun erinnern, daß Leistikow unter dem Talar SA-Uniform getragen habe, und diese Frage muß sich nicht nur Leistikow gefallen lassen: "Und was tat der Pfarrer Leistikow, als in seiner Gemeinde viele Menschen von der SA-Hilfspolizei mißhandelt wurden? Er übte mit der SA den Bau von Schützengräben."

Der Neonazismus in Braunschweig hat viele Gesichter, und es fällt auf, daß der Verteidiger Grünkorn für Klagges Freispruch beantragt. Nach seinem Plädoyer nimmt die Staatsanwaltschaft noch einmal das Wort und wirft Grünkorn nazistisches Gedankengut vor.
Klagges legt gegen das Urteil Revision ein, und tatsächlich muß der Prozeß noch einmal aufgerollt werden, denn der Bundesgerichtshof hebt am 29. Mai 1952 den Schuldspruch dahingehend auf, daß die Verurteilung wegen Verbrechens gegen die Menschlichkeit entfalle und eine neue Strafe ausgesprochen werden müsse. Die Verurteilung wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit kann deswegen nicht bestehen bleiben, - nicht etwa, weil Klagges es nicht begangen hätte, sondern - weil die Militärregierung den deutschen Gerichten inzwischen die Befugnis entzogen hatte, wegen dieses Verbrechens anzuklagen.

Es kommt zu einer neuen Verhandlung vom 20. Oktober bis 4. November 1952. Bei diesem zweiten Verfahren ist es nun doch auffällig, daß die Zahl der entlastenden Zeugen - jedenfalls für die Öffentlichkeit - erheblich größer ist. Die Doppelrolle eines Märtyrers und des unbeugsamen Gesinnungstäters macht Eindruck auf die alten Parteigenossen, die sich wieder zu Wort melden, auch auf die Mitläufer und Nutznießer von damals. Es melden sich 3 ehemalige Kreisleiter, 4 Ministerialräte a.D., 2 Oberregierungsräte, 1 Regierungsdirektor, 3 Professoren, 8 Generäle, darunter der General der Waffen-SS, der von Klagges erklärt, er sei ein Mann, vor dem er immer "besondere Hochachtung" hatte. Ministerialrat a.D. Otto Diedrichs versteigt sich zu der Aussage, Klagges habe am 9. November 1938 den Schutz jüdischer Geschäfte durch die Polizei verlangt. Ministerialrat Otto Müller bezeugt von Klagges "schonende Behandlung von Freimaurern und jüdisch-Versippter", - das ist schon ein aparter Sprachschatz.

Oberregierungsrat Timmermann bescheinigt Klagges sogar "ordnungsgemäße, gesetzlich und unparteiische Handhabe der Polizei von 1931 - 33 unter schwierigsten Verhältnissen...", und dieses Mal sind es sogar 3 entlastende Pfarrer.

Wir müssen bei der Beobachtung des Neonazismus in Braunschweig heute rasch weg von jenen jugendlichen Krawallgruppen und zurück zu jener Vätergeneration, die heute immer noch nicht weiß, ob sie sich auf die Seite der Opfer oder der Täter zu stellen hat, die dem Staatsterror von damals immer noch nicht abgeschworen hat.

Für absichtslose Förderer des Neonazismus ganz anderer Art allerdings halte ich auch diejenigen, die aus parteipolitischer Verengung aus den Prozessen gegen Klagges parteipolitische Genugtuung ziehen und sich nicht fragen lassen nach ihrer Mitschuld am Zustandekommen und an der Lebensfähigkeit eines nationalsozialistischen Braunschweig. Es hat dem Ansehen dieser Prozesse m.E. geschadet, daß sich zuviele Belastungszeugen aus parteipolitischem Übereifer verheddert haben und es Klagges ermöglicht worden ist, gegen einige Zeugen Anklage wegen Falschaussage zu erheben, und zwar in einem Falle sogar mit Erfolg. Es muß die SPD in Braunschweig spätestens diese Kulturtage zum Anlaß nehmen, um ihre eigene Rolle endlich einmal nicht nur aus der Sicht des Widerstandes, sondern auch des Umfallens, Mitmachens und Förderns zu beschreiben. Daß sie sich dieser Aufgabe jahrzehntelang entzogen hat, fördert auch den Neonazismus.
Klagges erhält 15 Jahre Zuchthaus. Weil ihm die bürgerlichen Ehren-rechte nicht entzogen werden, legt die Staatsanwaltschaft Revision ein, zieht diese jedoch zurück.

Wie groß das neonazistische Umfeld von Klagges ist, zeigt die Tatsache, daß sein Schlußwort im Prozeß von 1952 ein gutes Jahr später im Druck erscheint. Als Verleger hat sich die Göttinger Verlagsanstalt unter der Leitung von Leonhard Schlüter gefunden. Schlüter ist 1948 Vorsitzender der rechtsradikalen Deutschen Rechtspartei in Niedersachsen und 195 1 bei der FDP untergekrochen.

Klagges sitzt seine Strafe in Lingen ab und kämpft aus dem Zuchthaus für eine Revision. Für ihn ist das Verfahren nichts weiter als die Rache der Marxisten. Nach 3 Jahren, am 24.12.1955, beschließt die Strafkammer die Entlassung aus der Haft, denn Klagges habe 2/3 seiner Strafe verbüßt. Es wird also von 1945 an gerechnet, und die sechs Jahre Gefängnis vom Bielefelder Prozeß werden mit den 15 Jahren Zuchthaus verrechnet.
Auf den Einspruch der Staatsanwaltschaft aber verfügt der Senat unter seinem Präsidenten Meier-Branecke die Entlassung nicht nach 2/3, sondern zunächst nach 3/4, dann nach 4/5 der verbüßten Zeit für das Jahr 1957.
Mit der Auflage, sich schriftstellerischer und politischer Tätigkeiten zu enthalten, wird Klagges 1957 entlassen. In dieser Zeit probt das neonazistische Umfeld in Niedersachsen den Aufstand. Der rechts-radikale Klaggesverleger Schlüter wird 1956 Kultusminister in Hannover und nur auf Druck der Studenten der Göttinger Uni nach einigen Wochen wieder entlassen. Sind die Neonazis wieder ministrabel? In Braunschweig wird zu dieser Zeit ein Mitkommentator der Rassengesetze aus dem Reichsinnenministerium des Jahres 1935 Verwaltungspräsident, nämlich Knost. Und weiß Klagges, daß Senatspräsident Meier-Branecke Oberkriegsgerichtsrat war? Das neonazistische Umfeld hat die ganze Republik erfaßt.

In den folgenden 14 Jahren lebt Klagges in Bad Harzburg, wird auf NPD-Versammlungen gesehen und schreibt ein 2-bändiges Werk mit dem aufwendigen Titel "An die Völker der Erde", das ein bzw. 2 Jahre nach seinem Tode am 12. November 1971 im Alma-Verlag erscheint. In Band 2 hält Klagges Rückschau auf die deutsche Geschichte, die er selber erlebt hat, mit den bekannten, geschichtsverfälschenden Einseitigkeiten von den Marxisten, die in der Weimarer Republik nur Verwirrung gestiftet hätten, von Hitler, dem Ordner und Saubermann des Deutschen Reiches, der Kriegsschuldlüge von 1945 und der Bestreitung des Hitlerstaates als einem Unrechtstaat, von der Notwendigkeit der Befreiung der deutschen Ostgebiete. Der SPIEGEL hat vergeblich versucht, die Verbreitung der beiden Bücher zu verhindern.
Die Deutschen haben die NS-Regierung, haben Hitler nie abwählen können. Er ist nicht von den Deutschen, sondern von Alliierten besiegt worden. Im April des kommenden Jahres jährt sich der 100. Geburtstag Hitlers und 2 Jahre später der 100. von Klagges. Ich wünsche dieser Veranstaltungsreihe, daß sie dazu beiträgt, Hitler und Klagges endlich, endlich zu überwinden und innerlich abzuwählen.




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Impressum  http://bs.cyty.com/kirche-von-unten/archiv/gesch/Klagges.htm, Stand: Januar 2009, dk

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