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[Kirche von Unten]

Alternatives aus der/ für die
Braunschweiger Landeskirche

Die Pogromnacht im Land Braunschweig

von Dietrich Kuessner

(Download des gesamten Textes als pdf hier)


3. Die Zerstörung der Synagogen

Das sichtbare Zeichen für die „Entjudung des Deutschen Reiches” in der Pogromnacht ist die Zerstörung der Synagogen. Das ist auffällig. Denn an der jüdischen Religion war dem Nationalsozialismus weniger gelegen. Nach ihrer abstrusen Rassentheorie wollten sie die jüdische Rasse vernichten. Die Synagoge aber war das Abbild der jüdischen Religion, nicht ihrer Rasse. Durch die Vernichtung der Juden als Religion wird dem antisemitischen Kampf des Nationalsozialismus eine neue Dimension zugefügt. Dem bisherigen Wirtschaftsboykott und Wirtschaftskrieg wird der Glaubenskrieg hinzugefügt, allerdings sei dabei das Archivmaterial in den Synagogen sicherzustellen. Heydrich erklärt den Gestapostellen noch genauer, was er meint und was nicht. Es kommt „nicht auf neuere Steuerlisten usw.” an, sondern „auf das historisch wertvolle Material”. Zur Sammlung des historisch wertvollen Materials kommt es im Braunschweigischen nicht. Auf die Idee wäre Jeckeln auch nicht gekommen. Der sammelt Totenkopf-Ringe, Ehrendolche und Julleuchter — also SS-Kitsch. Zur Beachtung der SS-Durchsage ist es auch schon zu spät. Die Synagoge in Hannover brennt bereits. Schon in der frühen Kampfzeit sangen die Nazis mit Begeisterung das Hetzlied „Hallo, die Synagoge brennt, hallo, ein jeder Jude rennt”.

Was in der Anfangszeit, der sog. „Kampfzeit” Geschrei war, wird auf der Höhe der Macht für Hitler und die Seinen zur infantilen, fieberhaften Erfüllung ihrer antisemitischen Erkrankung, vielleicht sogar die Kompensation dafür, daß das Münchner Abkommen im September 1938 Hitler einen Kriegsbeginn im selben Jahr, wie er es eigentlich geplant hatte, verstellt hatte. Nun hatte Hitler wenigstens seinen Glaubenskrieg gegen den inneren Feind.

In Stadtoldendorf steht seit 1855 eine Synagoge. Am 10. November vormittags wird der Lehrer Walter Löding vom SA-Führer Spröttge aus dem Vormittagsunterricht herausgeholt und zur Synagoge abkommandiert: „Ich fand dort verschiedene Papiere, darunter zwei Gebetsrollen, die mich interessierten und die ich mir dann eingehend ansah ... Als ich am Vormittag die Synagoge betrat, war die Inneneinrichtung beschädigt, auch wohl demoliert, es waren Bänke umgestoßen, es ist auch möglich, daß die Beleuchtungskörper heruntergerissen waren, es lagen Zeitschriften herum u. a. m. Jedenfalls erinnere ich mich, daß das Gebäude selbst, meiner Erinnerung nach auch die Fenster, noch unbeschädigt waren. Nach meiner Auffassung ist in einer der darauffolgenden Nächte die vollständige Zerstörung der Synagoge vorgenommen." Die Stadtoldendorfer erinnern sich heute an nichts.

Aber der Lokalreporter hatte es unter der Überschrift „Der Judentempel ausgeräumt” der Eschershäuser Zeitung vom Sonnabend, dem 12.11. anvertraut: „Die Synagoge vor dem Camphof wurde gestürmt und der Babel den hellauflodernden Flammen übergeben. Zahlreiche Juden mußten in Schutzhaft genommen werden.”

Auch in Bad Harzburg weiß keiner genau, ob die Synagoge nun in der Pogromnacht abgebrannt oder wie in Stadtoldendorf erst später zerstört oder — auch diese Version gibt es — erst nach dem Krieg abgebrochen worden ist oder vielleicht auch schon vorher. Um 1895 wurde dort zusammen mit dem jüdischen Speiserestaurant und einem eleganten Hotel „Parkhof”, in dem regelmäßig koscher gegessen wurde, auch eine Synagoge auf einem kleinen Hügel erbaut. „Die Synagoge wurde hauptsächlich von religiösen Gästen unseres Hotels benutzt. An großen Feiertagen (Neujahr, Versöhnungstag, Laubhüttenfest, Pessach etc.) kamen auch die Harzburger Juden zum Gottesdienst. Die Rabbiner kamen aus Braunschweig. Die Synagoge stand auf einem Hügel, der Thora-Schrank war gegen Osten (Jerusalem) gewandt. Sie war innen schön, mit Schiefern bedeckt”, schreibt mir einer, der 1932 in der dortigen Synagoge sein Bar-Mizwa — eine Art Konfirmation — gefeiert hat. Der große festliche Speisesaal des Hotels ist erst vor einigen Jahren nach anfänglichem Widerstand des Amtes für Denkmalschutz abgerissen worden. Auf dem Platz steht jetzt eine Privatvilla, keine Gedenktafel, kein Schild, nichts erinnert an die Synagoge des früher sog. Braunschweiger „Judenbades”. Nur der kleine Hügel, auf dem die heutige Villa steht, erinnert an den Platz der Bad Harzburger Synagoge.

In Goslar befindet sich die Synagoge in einem Privathaus. Es ist ein Betsaal. Nachts wird Frau Probst, die den Betsaal reinigt, geweckt. „Ich will den Schlüssel zum Betsaal”, wird sie angeschrien. Und sie berichtet weiter: „10 bis 15 uniformierte SA- und SS-Leute drängen ins Haus und werfen sämtliche Gegenstände durch die Fenster auf die Straße. Desgleichen werden sämtliche Fensterscheiben zertrümmert”.

Eine berühmte liberale Tradition hat die Synagoge in Seesen. Der stattliche Bau, innen aus Eiche mit einer berühmten Orgel, steht auf dem Hof der Jacobson-Schule. Er wurde 1810 geweiht. Er ist von den 1938 zerstörten Synagogen die älteste im Land Braunschweig. Im Buch von Gerhard Ballin „Geschichte der Juden in Seesen”, Seesen 1979, befinden sich Abbildungen vom imposanten Innenraum und Außenansichten. Um 2 Uhr nachts weckt ein Schüler vom Schülerheim, das zur Schule gehört, den Heimleiter Langenberg. Dem Schüler war ein Lichtschein aufgefallen. Der Heimleiter weckt den Rektor der Schule und als dieser auf den Schulhof zum Löschen stürzt, wird er von 2 SS-Leuten aufgehalten. Die Synagoge brennt stundenlang — nach dem Tagebuch des Schulleiters von 2.10 Uhr bis 6 Uhr morgens — vor den Augen vieler schaulustiger Seesener Bürger und des Synagogenwächters Siegfried Nußbaum, der groteskerweise beschuldigt wird, die Synagoge angesteckt zu haben. Daraufhin versuchen ihn einige vergeblich, ins Feuer zu zerren. Als Nußbaum schließlich zur Polizei-wache abgeführt wird, schießt ihn ein SS-Mann in den Rücken. Nußbaum stirbt am 15. November an den Folgen des Schusses. Das Braunschweiger Schwurgericht verurteilt deswegen am 23.6.1948 2 Seesener zu insgesamt 5 1/2 Jahren Gefängnis und stellt fest: „In Seesen erschien vor 24 Uhr ein Trupp von SS-Männern unter der Führung des SS-Sturmführers v. Törne aus der nahegelegenen Kreisstadt Gandersheim. Diese setzten gegen ein Viertel vor 24 Uhr die Synagoge in Brand, indem sie an etwa sechs verschiedenen Stellen nach Ausgießen von Benzin im Innern der Synagoge Brandherde anlegten.” Über dem Portal der Seesener Synagoge steht der Satz in lateinischer Sprache: „Haben wir nicht alle einen Vater? Hat nicht ein Gott uns erschaffen?” Aber davon wollen die Nationalsozialisten nichts wissen.

Die Synagogen in Holzminden und Braunschweig stehen nicht frei genug, um sie anzuzünden. Die Inneneinrichtung der Holzmindener Synagoge wird auf den etwa 100 m entfernten Marktplatz geschleppt und angesteckt. Vor der verwüsteten Braunschweiger Synagoge sehen die vorübergehenden Braunschweiger noch Gegenstände auf der Straße herumliegen.

Aus den rauchenden Trümmern der Synagoge in Wolfenbüttel versucht der Leiter des Landeshauptarchives Dr. Kleinau noch wertvolles Archivmaterial am Morgen des 10. November zu retten. Aber es ist schon zu spät. In der völlig verwüsteten Wohnung des Synagogenvorstehers aber findet er zwei dünne Hefte mit Grabreden und zwei kleine hebräische Pergament-Schriftrollen. Schüler des Wolfenbütteler Gymnasium besinnen sich heute noch, wie ein der Partei ergebener Lehrer am Vormittag des 10. November aus einer Thora-Rolle liest und seine Witze darüber macht.

Die Augenzeugenberichte über die Vernichtung der Synagogen sind sehr spärlich. Die Täter berichten nicht — das mag verständlich sein. Sehr zahlreiche Zuschauer berichten auch nicht, obwohl viele von ihnen zur Generation der heute 65—75jährigen gehören und sehr wohl erzählen könnten. Wenn sie erzählen, wie dem Studenten Alfons Kleine, wollen sie ungenannt bleiben. Und es gibt auffälligerweise fast keine Berichte aus den betroffenen jüdischen Gemeinden. Das hat u. a. m. E. darin seinen Grund, daß die jüdischen Gemeinden sich in den 20er und 30er Jahren in einer spürbaren empfindlichen Krise befinden. Der Synagogenbesuch ist ausgesprochen schlecht und nur an den hohen Feiertagen sind die Bänke gefüllt. Louis Levisohn prangert in der jüdischen Wochenzeitung für Hannover und Braunschweig „den trostlosen Anblick” an, „daß die Plätze in der vordersten Reihe unseres herrlichen Gotteshauses fast das ganze Jahr verwaist sind.” Die Gemeindevorsteher beklagen den Liberalismus, der die Synagoge entvölkert habe. So wie man in Braunschweig Christ sein kann ohne Gottesdienst und Kirche, so kann man offenbar Jude sein ohne Synagoge und Gemeinde. Die jüdische Wochenzeitung geißelt diesen Individualismus in einem Leitartikel scharf. „Nirgends ist der Abfall vom Religiösen und die religiöse Dekadenz größer als bei den Juden Westeuropas ... Der Dollar und der Kurszettel sind zum Morgen- und Abendgebet geworden.”

Diese Sicht ist ohne Frage einseitig und stammt aus der des orthodoxen Frommen, aber er beschreibt die Krise der jüdischen Gemeinden.

Es gibt gewiß auch noch andere Gründe. Die Abwanderung vom Land in die Stadt läßt die ländlichen und kleinstädtischen Synagogengemeinden drastisch austrocknen. Aber auch in den Städten werden die Synagogen zu stummen Zeugen. Für die Seesener Synagoge werden im Frühjahr 1938 Verhandlungen über den Abbruch geführt. Die Orgel war verpackt und mit anderen Kultgegenständen bei einem Spediteur eingelagert. Auch die Synagoge in Holzminden ist geschlossen. So treffen die Vernichtungsmaßnahmen in der Pogromnacht, im Braunschweigischen jedenfalls, Synagogengemeinden, in denen die Kraft zum Widerstand verloren gegangen war und aus denen später auch nicht die Bereitschaft zum historischen Bericht über das Geschehene erwuchs.

Zum Teil 4: Die Monate danach: Vernichtung durch Verwaltung




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Impressum  http://bs.cyty.com/kirche-von-unten/archiv/gesch/Pogromnacht/Pogromnacht3.htm, Stand: August 2006, dk

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