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[Kirche von unten]

Gott dem Herrn Dank sagen

Festschrift für Gerhard Heintze

Norbert Bengsch

Gottesdienste mit Muslimen

Erfahrungen der ev.-lt. Kirchengemeinde St. Paulus, Goslar-Oker

"Mit Muslimen können Sie doch keinen Gottesdienst feiern," so ein hochrangiger Theologe. Das war vor dem 11. September 2001 und ich bin auch kein Theologe. Nur Lehrer und Prädikant. Aber ich wohne in Oker, dem Industrievorort von Goslar mit all seinen sozialen und Umweltproblemen. Fast 20 % der Einwohner sind Türken. Seit vielen Jahrzehnten leben wir mehr nebeneinander her als miteinander. Viele türkische Kinder besuchen den Kindergarten unserer Kirchengemeinde. Dennoch kamen nur wenige private Beziehungen zustande, Kontaktversuche der Kirchengemeinde verliefen im Sande. Es gab scheinbar kein Bedürfnis oder auch keine Vereinsstruktur, um Kooperationsfelder zu eröffnen.

Das änderte sich, als sich vor einigen Jahren eine Radikalisierung unter türkischen Jugendlichen abzeichnete. Eltern merkten, wie ihnen ihre Kinder entglitten, die "heile" Welt auch in türkischen Elternhäusern Sprünge bekam. In unserer Nachbargemeinde Martin Luther in Oberoker hatte sich inzwischen eine DITIB-Moscheegemeinde etabliert. Diese Gemeinden holen ihren Imam über das Religionsministerium des türkischen Staates. Sie sind häufig nicht so fundamentalistisch ausgerichtet.

Vor gut zwei Jahren lud diese Moschee den Männergesprächskreis unserer Nachbargemeinde zu einem Treffen ein. Auch Mitglieder unserer Kirchengemeinde nahmen daran teil. Nach der Besichtigung des Gebetshauses gab es einen intensiven Gedankenaustausch. Die Muslime schilderten uns ihre Sorgen um die Kinder und um die mangelnde Integration ihrer Mitglieder. Für den Moscheevorstand war klar: Wir leben in einem demokratischen Deutschland. Das ist jetzt unsere Heimat. Also müssen wir Sprache und Kultur verstehen. Und dazu gehört auch das Christentum und damit das Gespräch über Glaubensfragen mit engagierten Christen.

Wir haben dieses Angebot aufgegriffen und mit Einverständnis unserer Nachbargemeinde zu einem Gegenbesuch in unsere Kirchengemeinde eingeladen. Das hatte erst einmal ganz praktische Gründe: Die meisten Türken wohnen im Einzugsbereich unserer Gemeinde. Viele haben lose Kontakte zu uns über unseren Kindergarten. Durch ein über zweijähriges Kirchenasyl ist unsere Gemeinde multikulturelles Zusammenleben gewohnt. Und schließlich hat unser Gemeindepfarrer fast zwölf Jahre in Indien gelebt, zwischen Hindus, Christen und Muslimen.

Der Gegenbesuch der Muslime in unserer Gemeinde führte zu zwei intensiven Gesprächsrunden über unseren Glauben. Viele vorgefasste Urteile auf beiden Seiten konnten abgebaut werden. Wir entdeckten Gemeinsamkeiten in unserem persönlichen Verhältnis zu Gott, in unserer Glaubenspraxis und in unseren Organisationsstrukturen. Natürlich blieb auch Trennendes übrig. Jesus ist für die Muslime eben "nur" ein Prophet, für uns Gottes Sohn und der Heiland. Das Kruzifix in unserer Kirche ist für den an ein strenges Bilderverbot gewöhnten Muslim eine Zumutung, die ihn an Anbetung von Götzenbildern erinnert. Für uns Christen ist andererseits die Stellung der Frau im praktizierten Islam, der "Heilige Krieg" und die Abqualifizierung des Christentums als eine Religion zweiter Klasse nicht akzeptabel. Die Gespräche konnten jedoch dazu beitragen, auch das Trennende zu beleuchten, es ein wenig verständlich für die andere Seite zu machen. Als evangelische Christen waren wir gefordert, auch vor uns selbst Rechenschaft über Wurzeln und Überzeugungen unseres Glaubens und unseres Gottesbildes abzulegen. Alle Gespräche mit den Muslimen hatten damit für uns auch so etwas wie einen volksmissionarischen Charakter.

Am Ende dieser Gespräche waren allen Beteiligten drei Dinge klar:

1. Wir sind Kinder des einen Gottes. Zu ihm beten wir, ihm vertrauen wir, sein Schutz und seine Hilfe sind für unser Leben unverzichtbar. Das möchten wir auch an unsere Kinder weitergeben.

2. Es gibt in unserem Glauben Unterschiede, die uns trennen und die wir nicht aufheben können. Toleranz heißt nicht, diese Unterschiede wegzudiskutieren, sondern sie zu benennen, zu erläutern, zu beleuchten, zu hinterfragen und letztlich erst einmal zu akzeptieren.

3. Wir wollen enger zusammenarbeiten und auch nach außen hin zeigen, dass für uns als Christen und Muslime der Glaube unser Halt im Leben ist.

So entstand die Idee zu gemeinsamen Feiern, auch solchen religiöser Art. Wir haben also gemeinsam nach Stationen im Leben der Kinder gesucht, wo wir unserem Glauben nach außen hin Ausdruck verleihen. Ein solcher Moment ist sicher die Einschulung der Erstklässler, die wir traditionell mit einem Einschulungsgottesdienst feiern. Die türkischen Kinder waren bisher davon weitgehend ausgeschlossen, was um so bedauerlicher ist, weil viele vorher unseren Kindergarten besucht haben. Auf Anregung der Mitarbeiterinnen des Kindergartens St. Paulus entwickelten wir im Frühsommer 2001 gemeinsam mit der Moschee Elemente, die wir in einen Einschulungsgottesdienst integrieren konnten. Wir wählten einen neutralen Ort, die Sporthalle der Grundschule, das Thema Toleranz und Verständnis, eine türkischer Vater sprach ein Gebet, der Imam trug eine Sure aus dem Koran vor, Kirchenvorstand und Moscheevorstand begrüßten die Anwesenden. Da eine Einsegnung wie bei uns dem Islam fremd ist, betete der Imam mit den türkische Kindern, während die christlichen Kinder eingesegnet wurden. Als symbolisches Geschenk gab es von beiden Seiten eine Blume und eine getöpferte Friedenstaube. Alle Gebetstexte lagen in türkischer und deutscher Sprache vor. Ich habe noch nie so viele Menschen bei einer Einschulungsfeier einer Klasse gesehen. Über 200 Erwachsene und Kinder waren dabei, viele Frauen mit Kopftuch. Eine türkische Mutter sagte mir nachher, zum ersten Mal habe sie sich mit ihren Kindern nicht ausgegrenzt gefühlt, sondern willkommen und aufgenommen. Natürlich gab es manche Kritikpunkte, doch überwog das Positive.

Auch ein großes gemeinsames Fest in der "Woche des ausländischen Mitbürgers" wurde geplant. Im Frühjahr 2001 begannen die Vorbereitungen. Das Fest fand am Erntedanksonntag in unserer Gemeinde statt. Alle ethnischen Gruppen unseres Stadtteils waren eingeladen. Der Tag begann mit einem Gottesdienst in der Martin Luther Kirche in Oberoker. Dann zogen etwa 100 Kinder und Erwachsene, Christen und Muslime, in einem langen Zug mit einem Regenbogentuch in unsere Gemeinde. Dort wurde ein Fest gefeiert mit kulinarischen Köstlichkeiten aus Deutschland, Thailand, Spanien, Ägypten, der Türkei und kulturellem Rahmenprogramm. Leider wurde das Fest überschattet von dem furchtbaren Terroranschlag am 11. September in New York. Deshalb hatten die Kirchenvorstände und der Moscheevorstand im Vorfeld eine Anzeige in der Goslarschen Zeitung geschaltet, die den Terror verurteilte und zu einem JA ZUM LEBEN in einem friedlichen Miteinander aufrief, in dem auch Unterschiede ausgehalten werden können. Die Moschee hatte gebeten, im Schlussgottesdienst den Imam ein Gebet zum Gedenken an die Opfer und für den Frieden sprechen zu lassen, in unserer Kirche, unter dem Kruzifix! Wir haben das gern aufgenommen. So war die Kirche zum Abschluss eines schönen Tages brechend voll und wir konnten Gott Dank sagen für eine ganz besondere Ernte: Wir hatten ein zartes Pflänzchen "Gespräch" gesät und ernteten nun Ähren voll "Miteinander". Am Schluss des Gottesdienstes ließ mir der Imam sagen: "Ich habe gelernt, wir können nicht nur miteinander reden und feiern, wir können auch miteinander beten." Und überall zufriedene Gesichter "das ist richtig schön hier". Bis zum Nachmittagsgottesdienst in unserer Kirche sind über 600 Menschen über unser Grundstück flaniert knapp 10% der Bevölkerung des gesamten Stadtteils!

Inzwischen gibt es regelmäßige Einladungen: Am Geburtstag Mohammeds sind wir Christen in der Moschee eingeladen, zum Osterfrühstück laden wir die muslimischen Familien in unsere Gemeinde ein. Auch der "Tag des ausländischen Mitbürgers" soll reihum in den beiden evangelischen, der katholischen und der Moschee-Gemeinde gefeiert werden.

Vor wenigen Tagen hat der zweite christlich-muslimische Einschulungsgottesdienst stattgefunden. Die Vorbereitungen waren doch etwas problematischer als wir alle gedacht hatten. Der Terroranschlag vom 11. September 2001 warf dunkle Schatten über das Vorfeld. Im Frühjahr dieses Jahres musste sich der Moscheevorstand Wahlen stellen. Der "Schmusekurs" uns Christen gegenüber war einigen Radikalen ein Dorn im Auge. Fundamentalistische Muslime setzten alles daran, den Verein zu unterwandern. Auch versprengte Kaplan-Anhänger aus Braunschweig waren mit dabei. Doch auch einfache Mitglieder der Moschee hatten Anfragen, waren verunsichert. Zwar wurde der Vorstand wiedergewählt und so unser gemeinsames Konzept bestätigt. Doch bat man uns um Verständnis, nicht zu schnell nach vorn zu preschen. Unsere muslimischen Freunde müssen noch mehr Überzeugungsarbeit nach innen leisten als sie selbst gedacht hatten.

So musste der Einschulungsgottesdienst noch sorgfältiger geplant und diskutiert werden. Die Sporthalle schied diesmal wegen des zu hohen Lärmpegels als Veranstaltungsort aus. Einen anderen "neutralen" Ort, der viele Menschen fasst, gibt es im Umfeld der Grundschule nicht. Also blieb letztlich nur unsere Kirche übrig. Um dies ihren Mitbürgern nahe zu bringen, ließ der Moscheeverein ein Gutachten des türkischen Religionsministeriums erstellen, das positiv ausfiel. Eine türkische Mutter sollte ein Gebet sprechen, was zu langen Diskussionen führte. Als Kompromiss wurde beschlossen, das Gebet nicht in Türkisch sondern in Deutsch sprechen zu lassen von der Mutter. Alle Texte lagen in deutsch und türkisch vor. Hatte es vorher noch Befürchtungen gegeben, ob alle muslimischen Familien in die Kirche kämen, so stellte sich dies als unnötig heraus. Der Kirchenraum platzte aus allen Nähten. Über 330 Menschen hockten dicht gedrängt zusammen. Unter dem Kreuz begrüßten unser Gemeindepfarrer mit einem biblischen Votum und der Imam mit der Eingangssure des Korans die Anwesenden. Im Kindergarten waren Lieder eingeübt worden, die auch die Erwachsenen mitsingen durften. Die Mitarbeiterinnen des Kindergartens hatten als Thema "Behinderte und Nichtbehinderte" gewählt, weil die Grundschule eine Integrationsklasse aufmacht. Das Fürbittengebet am Schluss leitete der Imam auf türkisch ein, eine Mitarbeiterin des Kindergartens, eine Lehrerin der Grundschule, die türkische Mutter und der Gemeindepfarrer sprachen Gebetsteile. Da eine Segnung im Islam nicht üblich ist, verzichteten wir diesmal auf diesen Teil. Statt dessen wurden alle Erstklässler nach vorn gebeten und erhielten vom Pfarrer und vom Imam mit guten Wünschen je ein kleines Geschenk. Die Werkgruppe unserer Gemeinde hatte für jedes Kind ein Kleeblatt getöpfert, die muslimische Gemeinde aus der Türkei Armreifen, Ketten und Schlüsselanhänger mitgebracht. Ein Danklied der Erstklässler beschloss den Gottesdienst, dessen Kollekte der Integrationsklasse der Grundschule zufloss. Alle Beteiligten sind sich sicher: im nächsten Jahr feiern wir wieder einen gemeinsamen Einschulungsgottesdienst, ob in unserer Kirche, das wissen wir noch nicht.

Wir wollen weitergehen auf dem Weg des Dialogs und der Toleranz. Wir wollen Schritt für Schritt wagen, damit wir niemanden überfordern, möglichst viele mitnehmen. Wir haben vieles aufzuarbeiten. Auf den städtischen Friedhöfen Goslars müssen islamische Gräberfelder eingerichtet werden. Bei politischen Anliegen darf die Stimme der Muslime nicht vergessen werden. So ist auf unsere Initiative hin erstmals der Moscheeverein in einen Sanierungsbeirat berufen worden. Der gemeinsame Weg, der vor uns liegt, braucht einen langen Atem. Wir wollen Bedenken ernst nehmen, aber uns keine Denkverbote auferlegen lassen. Denn wir sind zuversichtlich, bauen auf Gottes Segen, Christen wie Muslime. Am letzten Freitag hat der Imam unserer Moschee seine Mitglieder aufgerufen, für die Flutopfer zu spenden. Er hat an die deutsche Hilfe beim verheerenden Erdbeben in der Türkei erinnert, die er am eigenen Leib erfahren hat. Und er hat wie mir ein türkischer Vater erzählte ein Wort gebraucht, das wir in unseren Gesprächen immer benutzt haben: "Nächstenliebe".

 


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Impressum, http://bs.cyty.com/kirche-von-unten/archiv/FS90Heintze/, Stand: 18. November 2002, dk

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