Kirche von unten: Home - Archiv - Geschichte - Vorträge, Beiträge - Cyty - Glaube
 
[Kirche von unten]

Gott dem Herrn Dank sagen

Festschrift für Gerhard Heintze

Elfriede Knotte, Martina Lüttich, Christiane Coordes-Bischoff

Hans Martin Brackhahn, Güntzel Schmidt

Fünf Predigten über einen Eliatext

Mit diesen Predigtbeispielen von drei Pfarrerinnen und zwei Pfarrern erinnern wir u. a. daran, dass erst durch den Bischofswechsel im Jahre 1965 den Frauen der Zugang zum geistlichen Amt 1968 ermöglicht wurde. Zum Abschied im März 1982 überreichte der Vorsitzende des Pfarrervereins, Propst R. Herdieckerhoff, Bischof Heintze einen Koffer mit 60 Predigten aus der Pfarrerschaft, die der Biscbof alle beantwortete. Vier Predigten wurden am Sonntag Okuli, dem 3. März 2002 gehalten, eine während der Landessynode im Mai 2001.

Bibeltext zu den Eliapredigten 1.Könige 19 1-8 (9-13a) am Sonntag Okuli dem 3. März 2002

Ahab sagte Isebel alles, was Elia getan hatte, und wie er alle Propheten Baals mit dem Schwert umgebracht hatte. Da sandte Isebel einen Boten zu Elia uns ließ ihm sagen: "Die Götter sollen mir dies und das tun, wenn ich nicht morgen um diese Zeit dir tue, wie du diesen getan hast!" Da fürchtete er sich und machte sich auf und lief um sein Leben und kam nach Beerscheba in Juda und ließ seinen Diener dort. Er aber ging hin in die Wüste eine Tagereise weit und kam und setzte sich unter einen Wacholder und wünschte sich zu sterben und sprach: "Es ist genug, so nimm nun, Herr, meine Seele; ich bin nicht besser als meine Väter." Und er legte sich hin und schlief unter dem Wacholder. Und siehe, ein Engel rührte ihn an und sprach zu ihm: "Steh auf und iss!" Und er sah um sich, und siehe, zu seinen Häupten lag ein geröstetes Brot und ein Krug mit Wasser. Und als er gegessen und getrunken hatte, legte er sich wieder schlafen. Und der Engel des Herrn kam zum zweiten Mal wieder und rührte ihn an und sprach: "Steh auf und iss! Denn du hast einen weiten Weg vor dir." Und er stand auf und aß und trank und ging durch die Kraft der Speise vierzig Tage und vierzig Nächte bis zum Berg Gottes, dem Horeb.

Und er kam dort in eine höhle und blieb dort über Nacht. Und siehe, das Wort des Herrn kam zu ihm: "Was machst du hier, Elia?" Er sprach: "Ich habe geeifert für den Herrn, den Gott Zebaoth,; denn Israel hat deinen Bund verlassen und deine Altäre zerbrochen und deine Propheten mit dem Schwert getötet, und ich allein übrig geblieben, und sie trachten danach, dass sie mir mein Leben nehmen." Der Herr sprach: "Geh heraus und tritt hin auf den Berg vor dem Herrn.! Und siehe, der Herr wird vorübergehen." Und ein großer, starker Wind, der die Berge zerriss und die Felsen zerbrach, kam vor dem Herrn her; der Herr aber war nicht im Winde. Nach dem Wind aber kam ein Erdbeben. Und nach dem Erdbeben kam ein Feuer; aber der Herr war nicht im Feuer. Und nach dem Feuer kam ein stilles, sanftes Sausen. Als das Elia hörte, verhüllte er sein Antlitz mit dem Mantel und ging hinaus und trat in den Eingang der Höhle.

 

Elfriede Knotte in Seboldshausen

Zur Predigtsituation:

Seboldshausen ist ein kleines Dorf mit ca 160 evangelisch-lutherischen Gemeindegliedern. Zum Gottesdienst einmal im Monat treffen sich in der kleinen Kirche etwa 10 Personen. Wir halten in der Regel Gottesdienst nach Agende I (ausser Familiengottesdienste zum Gemeindefest u.a.). Manchmal schliessen sich nach der Predigt noch einige Wunschlieder an. Das macht Freude.

Liebe Gemeinde,

Elia, der große Prophet. Er hatte Feuer vom Himmel gebetet, um die Baalspriester zu überzeugen. Es war ihm gelungen. Er hatte Wunder erlebt in Zarpat. Er hatte mit Gottes Stimme gesprochen. Und nun liegt er hier in der Wüste und kann nicht mehr. Isebel trachtet ihm nach dem Leben. Und Elia sagt: "Es reicht. Es ist zu viel, es ist zu viel. Lass mich in Ruh, Gott. Lass mich sterben, ich kann nicht mehr. Was du mir zumutest ist zu viel." Erschöpft fällt er in Schlaf.

Nein, mit den großen Taten des Elia möchte ich unsere nicht unbedingt vergleichen. Eher dieses Gefühl: "Ich bin fertig. Jetzt ist es genug," das kenn ich auch. Und Sie vermutlich auch.

Wir haben uns Mühe gegeben für etwas, haben uns mit ganzer Kraft eingesetzt. Vielleicht ist auch etwas gelungen. Aber je mehr man sich einsetzt, desto angreifbarer ist man auch. Und immer gibt es die, die meckern und nicht zufrieden sind. Oder es gibt ernsthafte Auseinandersetzungen in einem Vorstand, in einer Gruppe, in der Familie und Ehe, in der Gemeinde. Und dann möchten wir manchmal die Brocken hinschmeißen. "Da, macht euren Kram doch alleine. Ich kann nicht mehr. Und ich sehe auch nicht ein, so viel Ärger zu ernten, je mehr ich mich einsetze. Mit mir nicht mehr."

Und ich kenne dieses Gefühl auch innerhalb meiner Beziehung zu Gott. Da gibt es Zeiten mit festem Grund unter den Füßen. Vielleicht Erfahrungen, die uns wohl tun. Und dann schweigt Gott. Wir geraten in Zweifel oder Not und er hört nicht. Es gibt Krankheit und Sorgen und der Draht ist wie abgeschnitten. Dann kann die Erschöpfung auch heißen: "Ich mache jetzt Schluss mit dem Glauben. Wenn man Gott braucht , ist er doch nicht da. Ich will nicht mehr, es ist zu viel. Gott, lass mich in Ruh." Und wir fallen in Schlaf. Eine Zeit, in der wir nichts machen. Einfach passiv sind, abschalten, wie tot, von uns ist nichts zu erwarten.

Und Elia darf schlafen. Es erwartet niemand etwas von ihm. Im Gegenteil. Er bekommt etwas. Ganz leise, fast ohne aufzuwachen, bekommt er Essen und Trinken. Nimm hin und iss, nimm hin und trink! Eine kleine Berührung, eine kleine Stärkung. Er weiß nicht woher, diskutiert nicht, muss nicht verstehen. Er nimmt sie an, in sich auf, und schläft weiter. Nimm hin und iss!

Und noch einmal ist da diese Berührung. Hier mit einem neuen Blick in die Zukunft. Nimm hin und iss. Du hast einen weiten Weg vor dir.

Stärkung, Neuanfang, Wegzehrung. Elia hat ausgeschlafen und bricht auf. Aber nicht etwa zu neuen Taten. Er geht zum Horeb, das ist der Berg Sinai. Es ist der Ort, an dem Gott seinen Bund mit dem Volk Israel geschlossen hat. "Du bist mein Volk, ich bin euer Gott." Es ist der Berg der Gebote. "Ich bin der Herr, dein Gott, ich habe dich befreit, bedeute Leben für dich, bleib mir treu."

Und es ist der Berg der Erscheinung. Gott zeigt sich Mose, der sein Angesicht verhüllt vor dem Glanz Gottes.

An den Ort der Väter geht Elia zurück, den Ort des Bundes, den Ort der Verheißung. Er umgibt sich mit den Menschen, die vor ihm waren. Stellt sich in die Reihe derer, die eine Geschichte mit Gott haben. Dieser Ort manifestiert etwas davon, dass er mit diesem Glauben nicht allein steht. Manchmal denke ich, dass so etwas ein Beweggrund ist, warum wir diesen Ort, unsere Kirche, aufsuchen. Wir wissen, dass Gott nicht an Orte gebunden ist, dass er uns jederzeit, und an jedem Ort begegnen kann. Aber hier gehen wir zurück an den Ort unserer Väter und Mütter. Den Ort des Bundesschlusses unserer Familien: Wir taufen dich in dem Namen Gottes, des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes. Gott spricht: "Ich schließe einen Bund mit dir. Ich bin dein und du bist mein."

Unsere Kirche, der Ort, an dem unsere Vorfahren Stärkung erfahren haben, Vergebung, Neu-anfang, Wegzehrung. "Nimm hin und iss, nimm hin und trink, du hast einen weiten Weg vor dir."

Der Ort, an dem sich unsere Mütter und Väter bewusst der Anwesenheit Gottes gestellt haben. Selber lauschend." Lass mich so, still und froh, deine Strahlen fassen und dich wirken lassen."

So wartet Elia auf die Begegnung. Tritt hin auf den Berg vor dem Herrn . Und siehe, Gott wird vorübergehen. Und der Herr war nicht im Wind, er war nicht im Erdbeben und nicht im Feuer.

Liebe Gemeinde, manchmal möchten wir Gott wohl in großen und spektakulären Dingen sehen. Wir möchten, dass er zaubert und Feuer spuckt. Wie ein Sturm hineinfährt in diese Welt und keinen Stein auf dem anderen lässt, dass er endlich einmal klarstellt, wer hier das Sagen hat, wer hier Gott ist.

Es gibt auch solche Geschichten in der Bibel. In unserer gehen diese Vorstellungen und Wünsche nicht auf. Und ich wage auch nicht, mir die Konsequenzen dieser Gottesmacht aus-zumalen. Warum sollte dann ausgerechnet ich mit dem Leben davon kommen? Wenn alles im Sturm, im Feuer, im Erdbeben untergeht?

Elia spürt Gott ganz leise. Luther übersetzt ein stilles, sanftes Sausen oder Säuseln. Bei Martin Buber lesen wir: Gott war in der Stimme eines verschwebenden Schweigens. Schwer zu fassen. Aber gerade das wird es wohl auch heißen. Gott ist nicht zu fassen. Aber du kannst ihn hören oder empfinden, selbst im Schweigen seine Anwesenheit erahnen, seinen Atem spüren. Es ist derselbe Atem, den er dir am Anfang der Schöpfung eingehaucht hat. Sein sanftes Wehen ist längst in uns. Nicht fassbar, ob ich gerade nehme oder gebe. Gottes Atem ist all-gegenwärtig. Wir nehmen ihn beständig und geben ihn beständig in die Gemeinschaft zurück. Er ist das, was uns vom ersten Schrei an verbindet bis zum letzten Atemzug. Auch im Schlaf ist er da. Im Schlaf der Erschöpfung und im Seufzer: "Ich kann nicht mehr." Und dazu die Berührung: "Nimm und iss, nimm und trink. Du hast einen weiten Weg vor dir." Gehen wir?

 

 

Martina Lüttich in der Friedenskirche, Salzgitter

Zur Predigtsituation:

Folgende Predigt hielt ich in der Friedenskirche am Fredenberg in einem ganz normalen Gottesdienst mit Abendmahl.

Die Friedenskirchengemeinde feierte im vergangenen Jahr ihr 35jähriges Bestehen in einem sozialen Brennpunktgebiet der flächenmäßig so großen Stadt Salzgitter. Durch ihre nationalsozialistische Vergangenheit bedingt, ist diese Stadt lange unbekannt gewesen, wahrscheinlich, weil man sich ihrer schämen musste.

Die Friedenskirchengemeinde besteht heute aus zwei größeren Bezirken, dem Gemeindegebiet West, so hauptsächlich Russlanddeutsche angesiedelt wurden und dem Alten Fredenberg, der früher wegen seiner vielen Probleme u.a. mit gewaltbereiten Jugendlichen verschrieen war.

Insgesamt gehören etwa 4100 Menschen zur Gemeinde. Heute setzt sich die Kerngemeinde zunehmend aus Russlanddeutschen zusammen, wovon einige zur sog. Brüdergemeinde gehören, die ihre Wurzeln im deutschen Pietismus hat.

Dadurch hat sich das Gesicht dieser einst friedensbewegten Gemeinde, früher aktiv gegen Schacht Konrad und im Umweltschutz engagiert, langsam und unmerklich geändert. Die Gemeinde ist insgesamt konservativer geworden. Geprägt ist das sonntägliche Gemeindebild auch von der großen Anzahl von Konfirmandinnen und Konfirmanden. Von den insgesamt ca. 150 Jugendlichen sitzen jeden Sonntag ca. 50 im Gottesdienst.

Liebe Gemeinde,

Glauben Sie an Engel?

Die Bibel ist voll von Geschichten über Engel.

In allen wichtigen Ereignissen, von denen die Bibel erzählt, spielen Engel eine bedeutende Rolle. Seien es die 10 Gebote oder die Geburt Jesu, Heilungs- oder Wundergeschichten, überall treffen wir auf diese Gestalten.

Ich bin überzeugt, dieser Raum hier ist voller Engel.

Wo sind sie denn, werden Sie denken!

Ich sehe, höre und fühle sie doch nicht.

Zunächst einmal sind Sie alle gemeint, alle, die Sie hier sitzen.

Sie alle könnten Engel sein, Engel in Menschengestalt.

Vielleicht sind Sie schon einmal für eine andere/ einen anderen ein Engel gewesen, durch einen Anruf oder Brief zur rechten Zeit, eine Hilfe auf der Autobahn oder in einem Kaufhaus. Möglichkeiten gibt es viele.

Engel erscheinen uns in verschiedener Gestalt.

Eine habe ich eben genannt. In Menschengestalt z.B.

Tiefenpsychologisch betrachtet, können sie heilende Kräfte in uns selbst sein.

Heilende Kräfte, die zur rechten Zeit aufbrechen oder trösten.

Oder sie erscheinen, so wie in fast allen Kirchen und religiösen Kunstwerken dargestellt, als eigentlich unsichtbare Wesen. Und nur wenigen Augen bleibt es vergönnt, sie erblicken zu dürfen.

Ihre Erscheinung wird dann meist von überirdischen Licht begleitet.

Deshalb haben sie in der künstlerischen Darstellung meist einen Heiligenschein oder Lichtkranz um sich.

Allen Engelgestalten ist gemeinsam, dass sie uns, dass sie den Menschen dienen und zur Seite stehen, sie stärken, trösten, ermutigen.

Ihr wichtigster Auftrag, ihr Wunsch ist es, uns zum Glauben zu verhelfen, uns auf Gott, den Heiligen zu verweisen.

Auch unser Predigttext berichtet von einer Engelbegegnung, die zu Gott führt (Hier Lesung des Textes)

Elia ist gezwungen, sich mit einer sehr starken Frau, der Königin Isebel auseinandersetzen. Sie lässt ihm ausrichten, dass sie sein Verhalten nicht ungestraft durchgehen lassen wird. Er muss um sein Leben fürchten. Da fängt er an zu zweifeln: Warum lässt Gott ihn jetzt so hängen? Hat er ihm nicht Jahr um Jahr, Tag um Tag gedient, sich aufgeopfert? Warum muss er jetzt die Erfahrung machen, dass sein Leben bedroht und verfolgt wird.

Wieso schützt Gott ihn nicht, wieso lässt Gott ihn im Stich.

Elia ist beleidigt, frustriert, schwimmt in Selbstmitleid:

Mir reicht`s, ich will nicht mehr, sagt er und geht erst einmal schlafen.

Das kennen wir doch alle oder nicht?

Da habe ich so lange für die Englischarbeit gelernt und ich schreibe doch nur eine vier, sagt ein Konfirmand zu mir. Da wird man frustriert, will am liebsten alles hinschmeißen und am besten überhaupt kein Englisch mehr lernen.

Oder die Hausfrau, die gerade alles blitzblank geputzt hat und die Kinder stürmen ins Haus mit Dreckklumpen an den Füßen. Mir reicht`s, sagt sie resigniert. Wozu mache ich das alles überhaupt?

Im Betrieb hat sich Herr Kreier so angestrengt, um das von ihm geplante Projekt zu Ende zu führen, da stellt sich heraus, dass all seine Arbeit umsonst war, da es den städtischen Sparmaßnahmen zum Opfer fallen musste.

Und in der Kirche, in der Kirche unter den Ehrenamtlichen und auch bei uns Hauptamtlichen ist das doch ach so häufig der Fall.

Irgendwie scheint manchmal all΄ unsere Arbeit für die Katz zu sein. Umsonst haben wir uns bemüht und angestrengt, wenn kein Erfolg zu sehen ist.

Schon so manchen habe ich sagen hören: am liebsten würde ich alles hinschmeißen, mir reicht es, es ist genug.

Ich glaube, Sie alle kennen solche Tage, wo es aussieht, als seien wir an den Rand unserer Kräfte und Möglichkeiten gekommen, als lohne sich kein Aufwand, keine Mühe mehr, wo wir lustlos geworden sind, Frust und Resignation sich breit machen. Ein gefährlicher Zustand, ein Zustand, in dem Menschen sogar oft daran denken, sich das Leben zu nehmen. Genauso wie Elia. Am liebsten möchte er sterben.

Aber, er tut genau das richtige, er lässt sich hängen, lässt sich gehen, ruht sich erst einmal aus. Manche Menschen gehen erst einmal ins kuschelige Bett, wenn es ihnen so geht. Eine gute Lösung.

Denn, wenn wir aufgeben, weil wir nicht mehr weiterkönnen, können wir die Hilfe anderer, die Hilfe von Engeln oft erst wirklich spüren oder annehmen.

Die Hilfe, die Elia von dem Engel bekommt, ist ganz direkt und voller Fürsorge: Stärke dich erst einmal mit geröstetem Brot und frischem Wasser. Ruhe dich ein wenig aus. Dann, wenn du dich gestärkt und wieder Kraft hast, dann steh auf und geh weiter.

Wenn Dir ein Engel begegnet ist oder Dich berührt hat - egal in welcher Gestalt - kannst du das daran erkennen, das du die Welt wieder mit anderen Augen ansehen kannst, dass du unerklärlicherweise Kraft getankt hast und Mut bekommen. Du atmest wieder auf, erkennst neue Wege.

Wenn Dir ein Engel begegnet, lässt er dich nicht in Angst, Verzweiflung oder Entmutigung.

Ihre Auslöser sind manchmal immer noch da, aber du kannst sie anders betrachten, anders annehmen.

Wenn dich ein Engel berührt hat, kannst du die Welt mit neuen Augen sehen. Deine Lebensunlust, dein Frust wird sich in neue Lebenslust, neuen Lebensmut verwandeln.

Vielleicht sagst du, das ist mir noch nicht passiert.

Mir ist noch kein Engel begegnet.

Ehrlich gesagt, das glaube ich nicht.

Vielleicht ist dir kein überirdisches Wesen begegnet wie Elia, aber Engel in Menschengestalt haben dir bestimmt schon geholfen.

Oder in deiner Seele, deinem Herzen ist diese Quelle der Ermutigung, der Heilung spürbar geworden, die dir in irgendeiner schwierigen Situation wieder Kraft gegeben hat.

Wenn Dir jetzt keine Beispiele einfallen, dann nimm diese Frage mit in die kommende Wochen, frage Deine Träume, bete darum. Bestimmt wird Dir irgendwann ein Beispiel einfallen, wo ein Engel Dich berührt hat. Du hast es vielleicht nur noch nicht so eingeordnet oder bemerkt.

Wenn dich ein Engel berührt hat, kannst du die Welt mit neuen Augen sehen.

Engel ruhen nicht eher, bis wir die Heiligkeit Gottes entdecken können in der Schönheit der aufbrechenden Knospen im Frühling, in den Vogelformationen am Himmel, in der Weite des Himmels. Sie wollen uns stärken bis wir staunend die Heiligkeit Gottes finden in der Güte und Liebe anderer Menschen oder tief in unserem Innersten, wo wir seine Stimme hören können, wenn wir darauf lauschen. Bis wir Andacht und Ehrfurcht spüren vor Gott dem Schöpfer oder Befreier oder dem Heiligen.

So geht es Elia. Als er gestärkt aufsteht, hat er wieder Kraft, auf einen Berg zu steigen, auf den Gottesberg, um Gott begegnen zu können.

Das Merkwürdige ist nur: Gott ist nicht im Sturm, Gott ist nicht im Erdbeben und er ist auch nicht im Feuer.

Wir erwarten eher, dass Gott mit Pauken und Trompeten majestätisch daherkommt als ganz leise.

Aber Elia begegnet ihm im Flüstern eines leisen Wehens.

So wie auch die Stimme unseres Herzens leise ganz leise spricht.

Deshalb haben zu allen Zeiten Menschen Gott im Schweigen gesucht, in der Stille, in der Meditation.

Vielleicht können Sie sich das einmal besonders für die kommende Wochen der Passionszeit vornehmen: jeden Tag fünf Minuten sich irgendwo hinzusetzen und nichts zu tun und zu schweigen.

Wäre Elia schimpfend durch die Gegend gerast, hätte erst einmal sein Haus geputzt und wäre durch die Wüste gejoggt, um seinen Frust abzureagieren, hätte er Gott sicherlich nicht getroffen.

Unsere vielen Aktivitäten, unser vieles Tun verhindern oft, dass Gott uns nahe kommen kann im Flüstern eines leisen Wehens.

5 Minuten nur! Probieren Sie es doch einmal aus!

Wenn es Ihnen heute nicht gut geht, körperlich, geistig oder seelisch, machen Sie es wie Elia:

Ruhen Sie sich aus, lassen sich hängen und vertrauen Sie Gott Ihr Herz an.

Gott will nicht, dass Sie aufgeben, dass Du aufgibst. Er will, dass Du weitermachst. Weitermachst in der Berufung, dem Beruf, in dem Du gerade stehst: als Schülerin, Hausfrau, als Mutter oder Großmutter, als Handwerker oder Angestellter. In allem aber mit Gott.

Dazu schickt er Engel, die Dich stärken, begleiten und ermutigen werden. Engel in jeder Gestalt, auch in Gestalt von Musik, Gemälden oder Gedichten. Engel in der Gestalt, die Du wahrnehmen und glauben kannst.

Damit nicht Frust und Resignation Dein Leben bestimmen, sondern Freude und Mut.

Gott gebe Dir heute den Mut, die Dinge zu ändern, die Du ändern kannst, die Gelassenheit, die Dinge hinzunehmen, die Du nicht ändern kannst und die Weisheit, das eine vom anderen zu unterscheiden. Amen.

 

 

Christiane Coordes – Bischoff in der Petruskapelle der Tagungsstätte Hessenkopf

Zur Predigtsituation

Am Freitagmorgen versammelte sich die synodale Gemeinde im Mai 2001 auf den Hessenkopf in der Petruskapelle. Wir sitzen im Kreis. Wort und Sakrament, Predigt und Abendmahl werden auf das Engste verknüpft:

Nach den Worten zum Brot folgen die Einsetzungsworte in ihrem ersten Teil und die Austeilung (Pfarrerin Coordes-Bischoff), danach Worte zum Wein, Kurzpredigt, Einsetzungsworte zum Wein und die Austeilung des Traubensaftes (Pastor Ulrich Römer).

Brot und Traubensaft werden durch die Reihen gegeben.

Beginnend mit dem Schwung von "Herr gib mir Mut (EG 612) entwickelte sich eine dichte Atmosphäre.

Am Ende stimmt die singgeübte Gemeinde ein in den Kanon: "Ja, ich will singen von der Gnade des Herrn" (EG 590).

Liebe Mitsynodale, lieber Herr Landesbischof, liebe Synodalgemeinde!

Ein Prophet hat Angst –

Einen gewaltigen Sieg hat er davongetragen – die Gegner des einen Gottes, die Baalspropheten – vernichtet!

Jetzt will Isebel Rache an ihm nehmen – und er läuft davon –

weg in die Wüste -

weg von den Menschen -

weg von Auseinandersetzung und Kampf.

Kampfesmüde setzt er sich hin, ein Wacholderstrauch spendet ihm Schatten.

Er hat genug! Ausgezehrt vom Eifer für seinen Gott Jahwe Zebaoth.

Burn out – ausgebrannt und leer –

wirft er sich nieder –

zieht die Decke über den Kopf!

Ach, lasst mich doch alle in Ruhe!

Nach großem Machterweis nun die lähmende Ohnmacht.

Nach dem Hochmut – nun der Fall!

Es ist genug! Ich will sterben!

Aber nein – so leicht stirbt man nicht! Er schläft!

Ganz einfach: Schlaf nach harter Arbeit, nach der Aggression die Regression, die Ruhe nach dem Sturm.

Wehrlos und preisgegeben – überwältigt.

Und dann nähert sich – ungerufen – eine unvermutete Kraft – rührt ihn an und spricht:

"Steh auf und iß!"

Ganz einfach:

Stell dich hin – aufrecht –

spüre die Füße auf dem Boden, die Wirbelsäule, die dich trägt, und iß!

Er isst das Brot, trinkt Wasser und legt sich wieder hin:

Ruhe und Nahrung und Ruhe.

Und die Kraft kommt zum zweiten Mal, rührt ihn an und spricht:

"Steh auf und iß – denn du hast einen weiten Weg vor dir."

Ein weiter Weg –

Pfarrstellensituation und Sparpolitik,

Servicestellen und Braunschweiggesetz,

Organisationsberatungsbüro und Ehrenamtsgesetz.

Theologische Kammer, Christen und Juden, Ehe und Sexualität.

Und nun noch die Suche nach einem neuen Bischof ...

Ein weiter Weg ... Analyse und Diskussion – Meinungsbildung – Streit und Abstimmung-

Beschluß oder Vertagung.

Ein weiter Weg auch über diese Synode hinaus bis zum November.

"Steh auf und iß, denn du hast einen weiten Weg vor dir"

Und Elia stand auf und aß und trank und ging durch die Kraft der Speise 40 Tage und 40 Nächte!

40 Stunden etwa sind wir hier auf der Synode zusammen. Die Kraft der Speise setzt Ressourcen frei, die wir nicht erahnen, Möglichkeiten, hinter denen wir sonst zurückbleiben:

wachsam zu hören und offen zu sprechen – kritisch und fähig, Kritik anzunehmen – überzeugungsstark und zielgerichtet ... bereit zur Auseinandersetzung – aber auf Einigung ausgerichtet!

Denn der Weg führt nicht irgendwohin, sondern auf den Berg Gottes – den Horeb.

Und dort kommt die Offenbarung – ganz anders als erwartet:

Nicht im großen, starken Wind,

nicht im Erdbeben,

nicht im Feuer ist Gott,

sondern im stillen, sanften Sausen.

Und nicht allein ist Elia, kein vereinzelter Kämpfer, sondern "7000 in Israel haben sich nicht gebeugt vor Baal", lässt Gott ihn wissen.

Wir sind viele, viele stehen hinter uns und das Ziel sind nicht große Feuerwerke, sondern stetiges, ausdauerndes Wachsen.

Ein sanftes, stilles Sausen – das ist der Geist der Liebe, der uns durchdringt und unsere Kirche stark macht:

Damit sie sich nicht beugt vor Baal, dem Gott der reinen Nützlichkeit, der die Macht an sich reißen will auf allen Ebenen des Lebens,

sondern sich verlässt auf den Gott, der das Schwache stärkt, der die Toten zu neuem Leben erwecken wird.

Amen.

Laßt uns beten:

Ein langer Weg – Gott du willst uns stärken und Kraft geben –

Du schenkst uns Brot – Engelsbrot – Brot des Lebens.

Dafür danken wir dir.

Wir bitten dich, segne das Brot, das wir teilen,

stärke unseren Glauben

und mache uns frei von deinen Gaben weiterzugeben – durch Jesus Christus.

Amen

 

 

Hans Martin Brackhahn in Harlingerode

Zur Predigtsituation: Die Predigt war Teil eines Abendmahlsgottesdienstes am 3. März in der Kirchengemeinde St. Marien in Harlingerode (Bad Harzburg). Der Gottesdienst fand im Gemeindehaus statt, der als Winterkirche dient. Er wurde von ca 50 Gemeindemitgliedern mitgefeiert. Im Unterschied zur Kirche sind wir hier näher beieinander, sodaß eine schöne, dichte Atmosphäre herrscht. Viel Tageslicht macht den Raum hell. Die Aufmerksamkeit der Predigthörer habe ich als sehr stark empfunden.

Nach meinem Ruhestand vor 8 Jahren habe ich zunächst überhaupt nicht gepredigt :Nachdem ich vor fast 6 Jahren in Harlingerode "Pfarrmann" geworden bin, habe ich allmählich wieder mit dem Predigen begonnen. Ich achte darauf, nicht öfter als einmal im Monat den Sonntagsdienst zu tun. Nach dem Moratorium ist mir das Predigen zunächst nicht leicht gefallen, weil sich mit der Pensionierung in mir etwas geändert hat. Gottesdienste bedeuten mir sehr viel. Aber ich sitze lieber unter der Kanzel. Da der Pfarrgarten jetzt zu meinem Hobby geworden ist, erfahre ich sinnlich das Verhältnis von wirken und wachsen lassen. Das scheint meiner Predigtarbeit gut zu tun. Ich predige jetzt jedenfalls wieder ausgesprochen gern.

Durch Gottesdienste und Veranstaltungen bin ich der Gemeinde gut bekannt. In den letzten Jahren habe ich auch eine ganze Reihe von Beerdigungen gehalten und die vorbereitenden und nachgehenden Besuche gemacht. Zu den Besuchern dieses Gottesdienstes gehörten auch Angehörige von zwei in der Woche zuvor beerdigten Gemeindeglieder.

Liebe Gemeinde

Die Geschichte von der Flucht des Profeten Elia in die Wüste ist spannend und verständlich. Aber sie birgt auch viele Fragen. Warum ist Elia in diese schwierige Lage gekommen? Was geschah vor seiner Flucht? Wie geht seine Lebensgeschichte weiter? In seiner Verzweiflung hat er die gnädige Hand Gottes gespürt. Und in der Stille bekommt er ein Ohr für Gott. Aber er kann doch in der Wüste nicht bleiben, es sei denn er würde dort als Einsiedler leben. Wohin geht er? Wo ist Elia heute? Oder anders: in welchen menschlichen Erfahrungen wird die Geschichte des Elia heute wiedererkannt?

Zur Zeit Elias war der Glaube an Gott in grosser Gefahr. Gott hatte sein Volk vor der Vernichtung bewahrt und ihm seine Gebote gegeben. Aber nun schlug die Religion, die mit ihren Göttern und Göttinnen Wohlstand versprach, die Menschen in ihren Bann. Elia fühlte sich berufen, in dieser Zeit für den einen Gott einzutreten. Er diente ihm mit ganzem Herzen. Schon sein Name war sein Programm. Übersetzt heisst er: Mein Gott ist der Eine, der Einzige. Er war wie ein Rufer in der Wüste und er hatte mächtige Feinde, vor allem das Königshaus mit der Königin Isebel. Die Wenigen, die an seiner Seite standen, waren stumm gemacht oder umgebracht. Er stand ganz allein. Aber als bei einer Opferhandlung um Regen gebetet werden soll, erwies er sich als überlegen. Die Priester der Wohlstandreligion versagen. Nun wird er begeistert gefeiert. Auf der Welle der Begeisterung, die ihn trägt, fordert er die Menge auf, die Priester der Wohlstandsreligion abzuschlachten, um Gottes Sieg zu vollenden.

Ist das der Sieg des Guten über das Böse? Nicht nur wir heute sehen das anders. Für Elia wurde der scheinbare Sieg zu seiner größten Niederlager. Die Königin, die Beschützerin der Fruchtbarkeitsreligion, schwört Rache für den Tod ihrer Priester. Um wenigstens sein Leben zu retten, flieht Elia in die Wüste. Dort ist er ganz am Ende. Scheinbar auch von Gott verlassen, will er nur noch sterben.

Deutlicher kann es nicht gesagt werden: Der Kampf des Guten gegen das Böse ist eine äußerst brisante Angelegenheit. In einem Gedicht von Erich Fried heißt es: Die Bösen werden geschlachtet, die Welt wird gut. In seiner Ironie will der Dichter mit aller Deutlichkeit vor Augen führen: noch nie haben Rache und Vergeltung dem Bösen ein Ende gemacht. Bomben und Panzer bringen Tod und Zerstörung, können ein Regime stürzen. Aber sie überwinden nicht den Hass. Sie bringen keinen Frieden. Denn sie töten viele Unschuldige und wecken neuen Hass. Der afghanische Regierungschef Hamid Karsai ist als erstes nach seinem Regierungsantritt an das Grab seines früheren Gegners Ahmed Shah Massud gefahren. Dort hat er sich verbeugt und gebetet. Das hat für den Frieden in Afghanistan mehr gebracht als alle amerikanischen Bomben und der Sieg über die Taliban.

Ich will nicht unterschlagen, dass das Ende des Talibanregimes ein Segen war. Es hat den Menschen und besonders den unterdrückten Frauen die Befreiung gebracht. Aber die Frage muss doch gestellt werden, ob für dieses Ziel mehr Unschuldige getötet werden mussten als beim Terroranschlag auf das WTC umgekommen sind. Laß dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse durch das Gute. Diese Worte schreibt der Apostel Paulus in der Nachfolge Jesu in einem Brief an die Gemeinde in Rom, damals die Weltmacht Nummer eins. Diese Worte zeigen, wie tief der Apostel verstanden hat, dass das Böse sehr leicht nach dem greift, der es bekämpfen will.

Das ist auch in unserem ganz persönlichen Leben so. Da ist uns unrecht getan,. Wir fühlen uns im Recht und so antworten wir auf das Unrecht. Aber es geschieht ganz leicht, dass wir selbst uns dabei ins Unrecht setzen. Vielleicht haben wir übersehen, warum uns eine Kränkung zugefügt wurde. Vielleicht haben wir auch nicht berücksichtigt, wie der Andere mit unserer Antwort auf die Kränkung umgehen konnte. Es ist jedenfalls sehr wichtig, dass wir genau prüfen, wie wir auf einen Menschen antworten, der uns verletzt hat.

Elia fühlte sich ganz im Recht. Als sein Sieg zu einer Niederlage wurde, fiel er in tiefe Depression: was ich auch tue, es ist verkehrt. Wenn ich für das Gute kämpfe und Gott mich im Stich lässt, dann bin ich im Recht zu sagen: Ohne mich. Ich will nur noch schlafen, am liebsten für immer. Kennen auch Sie solche Gedanken und Gefühle?

Elia bleibt nicht in dem schwarzen Loch, in das er gefallen ist. Eine gnädige Hand hilft ihm heraus. Er bekommt zu essen. Nicht irgendetwas wird ihm gereicht. Geröstetes Brot und frisches Wasser sind in der Wüste eine Kostbarkeit. Zweimal steht vor ihm, was er braucht, um wieder zu Kräften zu kommen und Mut zu fassen. Zweimal ermutigt ihn eine Stimme: Steh auf und iß! Essen und trinken hält Leib und Seele zusammen. Verbunden mit den Worten des Engels wird tief in ihm etwas heil.

Jetzt kann er sich aufmachen, um Gott dort zu begegnen, wo der ihm begegnen will. Aber wieder muß Elia noch etwas lernen. Nicht im Sturm, Gewitter und Erdbeben, wie er meinte, findet er Gott. Es bleibt in ihm leer. Und er fürchtet schon, den Weg zum Gottesberg vergeblich gegangen zu sein.. Als er nichts mehr erwartet, hört er ein leises Wispern. Er wird offen für Gott.

Nun kann er aber nicht mehr so tun, als ob er Gottes Sache führt. Er kann Gottes Diener nur so sein, dass er wartet, das Schweigen Gottes erträgt und sich ganz neu führen lässt.

In der nächsten Geschichte wird erzählt, wie Elia aus der Wüste zu den Menschen zurückkehrt. Er geht allerdings nicht nach Israel zurück. Damaskus ist sein Ziel. Dort wird er um unter ganz neuen Bedingungen seine Aufgabe erfüllen, den Einen und Einzigen als Gott zu bezeugen.

Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen? Dieser aus der Lebensqual kommende Schrei der Gottverlassenheit kann der Anfang eines neuen Weges sein. Unter dem Schatten seiner Flügel können wir dann am Bösen leiden und können wir im Vertrauen auf Gott, selbst dem Königsweg Jesu folgen. Auf ihm wird Leiden eher ertragen als anderen zugefügt.. Und dann kann es geschehen, dass nicht das Böse das Gute überwindet, sondern daß das Gute das Böse verwandelt. Dazu helfe uns Gott. Amen.

 

 

Güntzel Schmidt in der Wicherngemeinde, Braunschweig

Zur Predigtsituation
Die Wicherngemeinde liegt im Nordwesten Braunschweigs. Hier wohnen viele junge Familien, die im Kanzlerfeld gebaut haben oder in die Siedlungshäuser Lehndorfs nachgezogen sind; sie sind mit ihren Kindern auch im Gottesdienst zu finden, erwarten eine lebendige, anschauliche, verständliche Predigt. Das gilt auch für die zahlreichen Konfirmanden, die sich in den hinteren Bankreihen herumdrücken, die aber den Gottesdienst - wie wohl fast alle Konfirmanden - vor allem als lästige Pflicht erleben.Im Kanzlerfeld wohnen Mitarbeiter der Physikalisch Technischen Bundesanstalt, PTB, und der Forschungsanstalt für Landwirtschaft, FAL, Professoren der TU Braunschweig, Ärztinnen und Ärzte, Rechtsanwältinnen und Rechtsanwälte -, aber auch Sekretärinnen und Techniker. Auch sie besuchen den Gottesdienst und erwarten viel vom Prediger: Informationen zur Zeit, zur Entstehung und zum Umfeld des Predigttextes. Keine Floskeln, sondern Theologie in heutiger Sprache. Kein Ausweichen, sondern Auseinandersetzung gerade mit den dunklen, unverständlichen Seiten Gottes. Den Gottesdienst besuchen auch Seniorinnen und Senioren, die sich unter der Woche im Bibelkreis, in der Frauenhilfe, im Seniorenkreis mit dem Pfarrer über Glaubensthemen unterhalten und auch streiten; die Predigt versucht, auch ihre Fragen aufzunehmen, zu beantworten.
Die Wicherngemeinde ist sehr sangeskräftig; das EG nutzen wir in seiner ganzen Vielfalt, ebenso das Gottesdienstbuch, aus dem Tagesgebet und Fürbittengebet stammten. Gottesdienste nach Agende I sind hier schon viele Jahre nicht mehr gefeiert worden. Es hat sich eingebürgert, dass wir zu Beginn einen Psalm im Wechsel zwischen den beiden Bankreihen beten. Am Sonntag Okuli war es der 25. Psalm, der in dreifacher Weise als persönliches Schuldbekenntnis
verstanden werden kann, als Vergegenwärtigung der Passion Jesu und als Vorgriff auf den Predigttext, auf die Situation Elias. Predigtlied war EG 165, 1, 6-8, Gott ist gegenwärtig. Vor allem die Verse 6-8 sind in der Predigt angeklungen.

Liebe Schwestern und Brüder,

ich möchte mit Ihnen der Geschichte nachgehen, die wir vorhin in der Lesung gehört haben:

Der Geschichte von Elia am Horeb.

Es ist eine Geschichte aus einer fernen Zeit: König Ahab regierte Israel von 871 bis 852 vor Christus. Aber wir Menschen ändern uns wenig in einer vergleichsweise kurzen Zeit von knapp dreitausend Jahren. Geschichte wiederholt sich nicht, aber wir Menschen verhalten uns trotz unterschiedlicher Zeiten wieder und wieder auf die gleiche Weise. Und so ist die Geschichte Elias ein wenig auch unsere Geschichte – wie sehr, wird jede und jeder für sich selbst entscheiden.

I

"König Ahab berichtete seiner Gemahlin Isebel alles, was Elia getan hatte". Die Geschichte beginnt mit einem Rückblick. Und so blicken auch wir kurz zurück, um zu verstehen.

Elia, der von Ahab gehasste und steckbrieflich gesuchte Profet, den er für die schlimmste Dürre und Hungersnot seit Menschengedenken verantwortlich machte, hatte sich am Ende seinem Feind gestellt. Auf dem Karmel, dem heiligen Berg an der Küste Israels, war er eine Wette eingegangen: Wessen Gott Feuer vom Himmel fallen lassen würde, um das Opfertier auf dem Altar zu verbrennen, würde sich so als der wahre, der lebendige Gott erweisen.

Die Priester Ba’als bauten einen Altar, aber ihre Gebete und Riten fanden kein Gehör.

Als Elia seinen Altar gebaut hatte, fiel Feuer vom Himmel.

Elia hatte gewonnen.

Das Volk, das zusah, schrie vor Entsetzen und Angst: Adonai hu haelohim! - Der Herr ist Gott! Elia richtete im Rausch seines Sieges ein Blutbad unter den Ba’alsprofeten an, 400 Priester metzelte er nieder, mit Billigung des Königs, den er vom Gott Israels überzeugt hatte – zumal endlich der lang ersehnte Regen gekommen war.

Elia hatte gewonnen. Das Volk erkannte den Gott Israels an, er selbst hatte seine profetische Macht erwiesen, der Regen war gekommen, der König auf seiner Seite – und dann änderte sich alles.

Die Drohung Isebels, den Mord an den Ba’alspriestern zu rächen, macht aus dem himmelhochjauchzenden Gotteskrieger einen zu Tode erschrockenen Drückeberger, der sich in der Wüste versteckt und nur noch sterben will. Ist es Feigheit, Angst vor dem Tod?

Elia ist kein Feigling, sonst wäre er nicht Ahab entgegengetreten.

Er rennt nicht davon, weil er Angst vor dem Tod hat – sonst würde er sich den Tod nicht wünschen.

Warum also geht Elia in die Wüste? Warum will er sterben?

II

Der Weg in die Wüste ist ein Weg zurück, ist Regression, ist ein Verkriechen – so, wie sich Adam und Eva vor Gott versteckten, nachdem sie von der verbotenen Frucht gekostet hatten.

Elia möchte – wie Adam und Eva – sich verstecken, sich verkriechen, weil ihm etwas Schreckliches zu Bewusstsein gekommen ist: Er hat sein blutverschmiertes Gesicht gesehen. Er hat sich gesehen, wie er im Rausch der Gewalt Unschuldige ermordete. Im Massen ermordete, weil sie anders waren, Anderes wollten als er. Elia hat das Andere, das Fremde, das Ungeheure auslöschen wollen – und ist dabei selbst zum Ungeheuer geworden. "Ich bin nicht besser als meine Väter", bekennt er. Und erkennt, dass er sich in die Reihe derer gestellt hat, die mit Feuer und Schwert für den "wahren Glauben" streiten wollten – und dabei die Wahrheit, die sie schützen wollten, pervertierten und vernichteten. Der Glaube an den Einen Gott und Gewalt gegen das Andere gehen nicht zusammen. Sie widersprechen sich, sie richten Unheil an.

Das geht Elia mit einem Mal auf, als er sich verschnauft unter dem Wacholder in der Wüste. Diese Einsicht bricht in sein Leben ein, unterbricht es. Jetzt muss etwas geschehen. Aber die Schuld, die Elia auf sich geladen hat, ist zu groß, als dass er sie sich eingestehen könnte. Seinem eigenen Ich, zur Fratze des Mörders entstellt, kann er nicht standhalten. Er will sich loswerden, will sterben. Und damit vor der Einsicht fliehen, die er gerade erst gewonnen hat. Gerade in seinem Wunsch zu sterben bleibt Elia ganz der Alte.

III

Die Gelegenheit ist noch nicht vorüber.

Auf wunderbare Weise bekommt Elia Hilfe. War es ein Engel, war es eine Hirtin, die vorüberkam und Mitleid hatte mit dem Verdurstenden und Hungernden Mann? Wer es auch war, er, sie brachte Elia ins Leben zurück. Auf die liebevolle Weise, mit der Mütter oder Großmütter zu allen Zeiten getröstet haben: Wenn der Kummer zu groß wurde, schoben sie eine Scheibe Brot, eine Schüssel heiße Suppe, ein Stück Schokolade über den Tisch und forderten auf: "Nun iss erst mal was!"

Das Essen weckt den Lebenswillen. Es lässt den Schmerz des aufgeschlagenen Knies, den Kummer über die vergeigte Klassenarbeit, das Leiden an der enttäuschten Liebe, die Trauer über den Gestorbenen für einen Moment vergessen. Das Essen – oder mehr die liebevolle Zuwendung? – vertreiben den Kummer für einen Augenblick und lassen das Andere wieder in den Blick kommen: Das Leben.

Bei Elia ist es Gott, der wieder in den Blick kommt. Gott, für den er "eifert", um dessentwillen er Hass und Verfolgung erlitten, für den er gemordet hat. Elia will Gott gegenübertreten – in der Hoffnung, bei ihm Verständnis zu finden. Zuspruch. Mitleid mit dem, der um Gottes willen so viel auf sich genommen hat.

IV

Gott hat Mitleid mit Elia. Gott erträgt seine Wehleidigkeit. Gott kommt Elia entgegen, passt seine Erscheinungsweise dem an, was Elia noch ertragen kann: Nicht Sturm, nicht Erdbeben, nicht Feuer, sondern "ein stilles, sanftes Sausen" zeigt Gottes Nähe an.

Ein stilles, sanftes Sausen.

Auf Hebräisch steht da: Kol demamah dakah, Stimme eines leisen Hauchs.

Wie klingt ein leiser Lufthauch?

Genau. Überhaupt nicht. Stille.

Ein leiser Lufthauch ist, wenn überhaupt, nur auf der Wange oder der Schläfe zu spüren. Dort, wohin eine Mutter ihr Kind küsst oder die Geliebte den Geliebten.

Nicht, dass Gott nicht auch anders könnte.

Das Gottesurteil auf dem Karmel, das Elia zum Sieger und zum Mörder machte, hat gezeigt, dass der Gott Israels allein das kann, was dem Ba’al zugeschrieben wird: Donnern und regnen und Feuer vom Himmel fallen lassen.

Aber gleichzeitig unterscheidet sich Gott von Ba’al: Gewittersturm, Blitz, Erdbeben sind die Formen, in denen Ba’al erscheint. Der Gott Israels erscheint hier einem Menschen, der ein Donnerwetter nicht mehr aushalten würde, als Stille: Die Ruhe nach dem Sturm.

In dieser Ruhe, in der Stimme eines leisen Hauches, gibt Gott Elia noch einmal eine Chance. Die Chance, dem standzuhalten, was er eben über sich erfahren hat. Die Chance, der Wahrheit über sich selbst ins Auge zu sehen – unter Gottes liebevollen Augen, in Gottes freundlicher Gegenwart.

V

Der leise Hauch geht vorüber.

Gott spricht zu Elia.

Elia lässt die Gelegenheit verstreichen.

Keine Einsicht. Kein Mut. Stattdessen rechtfertigt er sich selbst: "Ich habe geeifert für den Herrn, den Gott Zebaoth". Er will die furchtbare Tat entschuldigen, er will sie nicht wahrhaben.

Die Stimme eines leisen Hauches bekommt keine Chance. Gott bekommt keine Chance, sich anders zu erweisen, als Elia ihn sehen kann. So haben religiöse Eiferer zu allen Zeiten den lebendigen Gott übertönt – in bester Absicht -, statt seiner leisen Stimme Raum zum Klingen zu geben.

Die Stimme eines leisen Hauches verweht, die Chance ist vertan, es einmal anders zu machen. Das Andere, Fremde im Anderen und auch in mir nicht zu vernichten, nicht auszulöschen, sondern ihm standzuhalten.

Elia kehrt alles um. Er meint, er müsse Gott helfen, mit Feuer und Schwert für ihn kämpfen. Statt dessen braucht er bloß der Stimme eines leisen Hauches Raum zu geben. In dieser Stimme ist, wenn man ihr nur Raum gibt, die Symphonie von Gottes Allmacht zu hören. Die Stimme eines leisen Hauches setzt sich gegenüber dem Fremden, dem Anderen durch. Wer dieser Stimme Raum gibt, kann das Fremde, das Andere aushalten. Tolerieren. Außerhalb, und in mir.

VI

Elia lässt die Gelegenheit verstreichen.

Die Vernichtung des Anderen geht weiter.

Aber Elias Karriere ist zuende. "Geh hin", sagt Gott zu ihm, "und salbe Elisa zum Profeten an deiner statt."

Die verpasste Gelegenheit bleibt nicht ohne Folgen für Elia. Und doch lässt Gott seinen Profeten nicht fallen. Gott nimmt sich seiner an. Gibt ihm neuen Lebensmut, als er ganz unten angekommen ist, schwere Schuld auf sich geladen hat. Gott überlässt es Elia, den Weg zu wählen, den er zu gehen sich traut.

Der kurze Augenblick, der eine Wende hätte bringen können, ist verstrichen.

Der Augenblick wird immer wieder lebendig, die Stimme eines leisen Hauches ist immer wieder wahrnehmbar: für eine, für einen von uns vielleicht gerade hier und jetzt.

Irgendwann wird die Stimme eines leisen Hauches ihre Macht entfalten.

Es gibt einen anderen Weg als die Vernichtung des Anderen.

Amen

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 


[Zurück] [Glaube]
Impressum, http://bs.cyty.com/kirche-von-unten/archiv/FS90Heintze/, Stand: 18. November 2002, dk

Besucherstatistik