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[Kirche von unten]

Gott dem Herrn Dank sagen

Festschrift für Gerhard Heintze

Albrecht Fay

"Den Deserteuren ein Denkmal: Sie schaden dem Krieg!"

- ein schwieriges Stück Gedenkstättenarbeit -

 

Ein Kriegerdenkmal gibt es in nahezu jeder Ortschaft: auf zentralen Plätzen, oft um die Kirche herum, gelegentlich sogar in den Kirchen (!). Die zugeordneten Texttafeln verherrlichen Opferbereitschaft und Pflichtbewusstsein der Soldaten. Worte der Betroffenheit, der (Mit)Verantwortung oder gar der Verwicklung in Schuld sind eine große Seltenheit. Typisch für unsere misslungene Erinnerungsarbeit ist auch die inklusive Redeweise: Täter, Opfer, - Opfer des Kriegs und der Gewaltherrschaft, alles in einem Atemzug!

Ein öffentliches Gedenken, wie es sich z.B. in der Namensgebung von Straßen eines neuen Baugebietes niederschlagen kann, für Widerstandskämpfer und alle, die sich dem Zwang im autoritären NS-Regime verweigerten, hat es erst sehr spät gegeben – in Braunschweig erst 1985 ("Kanzlerfeld-Südwest").

Ein Gedenken der Deserteure und der Opfer der NS – Militärjustiz gehört zu den noch viel späteren und vor allem sehr seltenen Beispielen von Gedenkstättenarbeit in Deutschland. Es gibt in Deutschland nur ca. 20 Deserteurdenkmäler, fast alle auf nicht-öffentlicher Fläche, d.h. auf kirchlichen oder privaten Grundstücken – wohl aber öffentlich zugänglich und für die öffentliche Betrachtung gedacht.

Nach wie vor ist das Desertieren ein Straftatbestand. Daraus ergibt sich ein Konflikt für die Erinnerung an die Leistung der NS-Wehrmachtsdeserteure: Wird durch ein Gedenken zur Wehrkraftzersetzung einer heutigen Armee aufgerufen? So ist in vielen Fällen auf den Texttafeln eines Deserteurdenkmals ausdrücklich dieser geschichtliche Bezug (und diese Einschränkung) vermerkt. So z.B. in Göttingen am neuen Rathaus am "82-er-Platz" (Geismartor): "Den Deserteuren, die sich aus Gewissensgründen dem Kriegsdienst für die nationalsozialistische Gewaltherrschaft verweigert haben und dafür verfolgt, getötet und verleumdet wurden."

Die Versuche, in Braunschweig ein Deserteurdenkmal zu errichten, können ein Beispiel geben für einen gesellschaftlichen Verdrängungsprozess – von der verweigerten Erinnerung bis zur administrativen Verhinderung und weiter bis zur offenen Aggression. Hiervon soll nachfolgend berichtet werden.

Im September 1989 wurde auf dem Platz Alte Frankfurter Straße/ Bergfeldstraße (im südwestlichen Ringgebiet) ein Friedensdenkmal enthüllt: ein aus Beton geformtes Friedenszeichen (Kreis mit umgekehrter Lebensrune), auf dem Rand des Kreises "für den unbekannten Deserteur", am Kreis und teilweise auf dem Kreis liegend eine stilisierte Menschengestalt mit gebrochenem Gewehr in den Händen und mit den Abdrücken von Stiefeltritten auf dem Rücken. Dies Denkmal sollte der Stadt geschenkt werden. Die Stadtverwaltung wollte es entfernen lassen. So kam es auf den Hof der Hochschule für Bildende Künste (HBK). Es wurde bald darauf zerstört: zunächst die Tonfigur, im November dann auch der Beton-Kreis.

Der zweite Anlauf, am 1. September 1990, überstand nicht einmal diesen Tag. Ein von Studenten der HBK aus Stahlschrott gefertigte stilisierte hockende Gestalt (Metallstreifen und Ketten verschweißt) wurde bei der Antikriegstags-Demo mitgeführt und bei der Schlusskundgebung der Stadt Braunschweig "geschenkt", die dieses Werk noch am selben Tag entsorgte.

Der dritte Versuch (August/September 1992) stand im Zusammenhang mit der Inhaftierung des Totalverweigerers Alexander von Lünen und seiner Arrestierung in Goslar. Der Braunschweiger Bildhauer Rainer Scheer (ebenfalls Totalverweigerer) fertigte zum 1.9.1992 ein Mahnmal, einen achteckigen "Kissenstein" aus Kalkgestein, das auf der Oberfläche figürlich dargestellt ein gebrochenes Gewehr zeigt, dazu ein umgedrehter Stahlhelm und zwei Soldatenstiefel: Symbole des vom Desertierenden "abgelegten" Soldatentums. Diese Skulptur ist dann auch noch Gegenstand des vierten und fünften Versuches. Bei einer Kundgebung vor dem Goslarer Rathaus in Gegenwart von ca 30-50 Interessierten und einer größeren Anzahl von Touristen wurde in einer Rede auf die Kontinuität der politischen Justiz in Deutschland hingewiesen, zusammen mit einem Überblick über die Entwicklung des KDV-Rechts und des Umgangs mit Radikalpazifisten. Alexander von Lünen verdeutlichte den Unsinn von Bundeswehr-Arrest. Eine öffentliche Verhaftung wurde seitens der dafür Verantwortlichen vermieden. Bei dem nachfolgenden Demo-Zug zur Goslarer Kaserne kam es zur Festnahme. Das Mahnmal wurde vor dem Rathaus stehengelassen, von der Stadt aber gleich am nächsten Tag entfernt und auf den städtischen Bauhof gebracht. Dort blieb es, bis der Verwaltungsausschuss den Verbleib des Mahnmals in Goslar ablehnte. (Der Kulturausschuss befasste sich erst gar nicht mit dem Thema, weil es sich ja um ein politisches Werk handle. Im Dezember konnte der Bildhauer Scheer sich das Werk wieder abholen.

Die "vierte Szene" dann zum 1. September 1993 – diesmal wieder in Braunschweig. "Keine Kriegseinsätze in Somalia und anderswo" war das Motto. Darum begann der Demo-Zug am "Kolonialkriegerdenkmal" im Stadtpark. Die o.g. Mahnmal-Skulptur (Goslar) wurde auf einem Rollwagen mitgeführt und sollte bei der Schlusskundgebung auf dem Rathausvorplatz der Stadt übergeben werden. OB Steffens (SPD) und Stadtverordnete waren eingeladen, erschienen aber nicht. Neben dem Gedenken an die Deserteure der Zweiten Weltkriegs wurde auf die Abschiebepraxis deutscher Behörden verwiesen beim Umgang mit Deserteuren aus Ex-Jugoslawien: Ihnen wird kein politisches Asyl gewährt.. Die Fortsetzung dann wie in Goslar: Abtransport zum städtischen Bauhof. Allerdings gelang die Rückführung erst nach einer fünfwöchigen Telefon-Odyssee durch die städtischen Ämter und Instanzen, verbunden mit Diffamierungen und Beleidigungen gegenüber dem Besitzer Rainer Scheer.

Beim fünften Versuch zum 1. September 1994 hatte man sich auf die ablehnende Haltung der Stadt eingerichtet und eine Aufstellung auf kirchlichem Grundstück vor den Türmen der St. Magni-Kirche vorbereitet. Der Kirchenvorstand hatte dem Vorhaben mit großer Einhelligkeit zugestimmt. So war dann die Szene vor dem Rathaus nur noch ein Vorspiel: Kundgebung gegen Rüstungsindustrie und NATO-dominierte UN-Missionen etc. "Der Umgang der Stadt mit dem Deserteurdenkmal spiegelt den Umgang der Gesellschaft mit den Deserteuren". Man zog zur Magnikirche und setzte den Stein vor dem Westwerk der Kirche ein. Zum Abschluss ein Redebeitrag von Ludwig Baumann (Bremen), Deserteur des Zweiten Weltkriegs, zum Tode verurteilt, "begnadigt" zur Teilnahme in einem "Todeskommando" – und überlebt.

Schon nach 35 Stunden hatte das Denkmal seinen ersten Zerstörungsversuch durchgemacht : Der Helm zerschlagen, der Schriftzug "Den Deserteuren" zerhämmert. Der DGB bemühte sich, eine öffentliche Auseinandersetzung zustand zu bringen, jedoch nahm sich die Braunschweiger Zeitung (örtliche Monopolzeitung) des Themas nicht an. Rainer Scheer konnte aus den Bruchstücken den Helm wieder fertigen. Bis auf Kotspuren blieb die Skulptur unbehelligt. Es kam auch zu positiven Begegnungen: Schulklassen besuchten bei Rundgängen auch diesen Ort. Die Grünen im Rat beantragten eine Auseinandersetzung mit dieser Thematik und eine endgültige Standortbestimmung für das Denkmal. Der Rat verwies das Thema in die Ausschüsse, was einer geistigen "Entsorgung" gleichkam!

In einer Novembernacht war das Denkmal aus dem Boden gehebelt worden und auf die Strasse gerollt – bei dem Gewicht des Stein kein "spontaner" Unfug. An den Platz zurückgebracht überdauerte das Denkmal aber nicht die Sylvester-Nacht.: In den Frühstunden des 1.1. 1995 wurde es entwendet. Wagenspuren deuteten auf eine gezielte und gründlich vorbereitete Tat hin.

Eine Anzeige gegen Unbekannt wurde erhoben, das Verfahren schließlich eingestellt. Die Zeitung berichtete knapp. (Dies ist der Tatsache zu verdanken, dass die Redakteurin, die damit befasst wurde, sich ihres Vaters erinnerte, der durch Desertion das Ende des Zweiten Weltkriegs überstand.)

Am 12. April 1995, dem 50. Jahrestag des Einmarsches der Alliierten in Braunschweig – und damit der Befreiung der Lagerinsassen und der Inhaftierten, wurde vor den Türmen der Magnikirche am Platz, wo vier Monate lang das Deserteurdenkmal stand, eine Gedenkplatte in den Boden gesetzt: Gebrochenes Gewehr und der Wortlaut: "Hier stand vom 1.9.1994 bis zum 1.1.1995 ein Deserteurdenkmal. Nach zwei Zerstörungsversuchen wurde es am Neujahrsmorgen entwendet. – Also seid ihr verschwunden, aber nicht vergessen, niedergeknüppelt, aber nicht widerlegt, zusammen mit allen unbeirrbar auf der Wahrheit Beharrenden uns Mahnung und Beispiel". Darunter: "nach Bert Brecht" und den Initialen des Bildhauers "R.S." Das Brecht-Zitat stammt aus einem Gedicht von 1933. Es findet sich auch auf einem Denkmal für Widerstandskämpfer in der Stadt Emden und an der Gedenkstätte bei Peenemünde auf Usedom, Lager "Trassenmoor", für die KZ-Häftlinge, die als "Geheimnisträger" der V2 Produktion dem sicheren Tod entgegensehen mussten.

Diese Gedenkplatte vor der Magnikirche findet stille Aufmerksamkeit.

Das Ansinnen, in Braunschweig ein Deserteurdenkmal zu errichten, das offiziell beachtet, zumindest geduldet wird, war hiermit noch nicht beendet.

Mit dem Verweis in Ausschüsse hatte der Rat der Stadt das Thema zwar weit fortgeschoben, jedoch mussten sich städtische Ämter nun z.B. an der Recherche beteiligen und bei Informationsarbeit behilflich sein. So gelang es dem Friedenszentrum e.V." den Sachverhalt zu klären, dass bei den Schiessständen in der Buchhorst, einem Wald bei Riddagshausen, standrechtliche Erschießungen von Deserteuren durchgeführt wurden. Die Leichname wurden dann auf dem alten Garnison-Friedhof am Rebenring/Pockelstraße (nahe der heutigen TU-Mensa) bestattet, z.T. unter der Bezeichnung "unbekannter Soldat". Andere Hinrichtungen der NS-Militärjustiz geschahen im Zuchthaus Wolfenbüttel (siehe Gedenkstätte der JVA Wolfenbüttel)

Es bildete sich eine breitere Initiative für die Errichtung eines Deserteurdenkmals. Als Standort wurde der o.g. Garnison-Friedhof ins Auge gefasst., auch eine Jury, eine Wahl und eine Preisverleihung. Aber wieder gelang es nicht, die Öffentlichkeit hinreichend zu motivieren. Am 12.4.1996 war die Preisverleihung. Sie fand im Foyer des Freizeit.-Bildungs-Zentrums Bürgerpark statt. Die Stadt hatte zunächst diese Veranstaltung untersagen wollen (s.o.: Würdigung einer strafbaren Handlung), dann aber es doch geduldet.

Den ersten Preis bekam Arne Witt aus Flensburg für eine Skulpturen-Reihe von Beton-Klötzen, wovon einer umgefallen und zerbrochen ist. den zweiten Preis bekam Rainer Scheer für eine mauerartige Steinwand, aus der heraus sich schrittweise menschliche Gestalten lösen. (Das erinnert an Alfred Hrlickas Widerstands-Denkmal vor der Albertina in Wien.) Den dritten Preis bekam Heinke Binder aus Leipzig für die Metallskulptur "Notausgang". Die zwei komplementär gebildeten Figuren erinnern an das Deserteurdenkmal in Potsdam, das ursprünglich für Bonn gedacht war ("Haus der Geschichte"), dort aber in Ungnade fiel.

Zu einer Aufstellung ist es (bislang) nicht gekommen. Ohne größeres Interesse und bei den "Blockaden" durch die Verantwortlichen der Stadt ist das Vorhaben nicht zu schaffen.

Die Initiative ist versickert...

So ist der Deserteurdenkmals-Erinnerungsstein an der Magnikirche wohl das angemessene Deserteurdenkmal für die Stadt!.

Wie schwer das Thema zu diskutieren ist, hat sich erneut in der Pazifismus-Debatte im Frühjahr 2002 anläßlich des Afghanistan-Einsatzes der Bundeswehr gezeigt: Es ergeben sich ganz neue "Diskussions-Fronten". Das mag ernüchtern, kann aber auch hoffen machen!

Mit diesen Gedanken grüße ich den verehrten Alt-Landesbischof Dr. Gerhard Heintze, einen der Ostermarschierer der ersten Stunde im Braunschweiger Land, sehr herzlich zu seinem 90. Geburtstag verbunden mit der Erinnerung an meine Ordination durch ihn mit dem Segenswort aus Josua 1,9

 


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Impressum, http://bs.cyty.com/kirche-von-unten/archiv/FS90Heintze/, Stand: 18. November 2002, dk

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